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16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Sezuan ist überall auf der Welt, 27. März 2002
Bertolt Brecht, Der gute Mensch von Sezuan (1943)Bertolt Brechts Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“ ist in wesentlichen Teilen in den Jahren 1938-40 entstanden. Gleich zu Anfang des Buches erscheinen drei Götter auf der Erde. In der Prostituierten Shen Te meinen sie den von ihnen gesuchten guten Menschen gefunden zu haben. Für ihre Gutmütigkeit belohnen sie die Götter mit einer Summe Geld, womit sie sich einen kleinen Tabakladen kauft. Doch für die herzensgute Shen Te entstehen nun erst recht Probleme. Da sie niemandem eine Bitte abschlagen kann und jetzt die Möglichkeit hat, zu helfen, fühlt sie sich auch dazu verpflichtet. Doch wo so grosse Armut herrscht, hilft die Güte eines Einzelnen nicht viel. Als sie nicht einmal mehr ihre Ladenmiete bezahlen kann, sieht sie keinen anderen Ausweg, als sich in ihren angeblichen Vetter Shui Ta zu verwandeln. Seine Aufgabe ist es, durch Härte und einen gewissen Egoismus Shen Te aus aussichtslosen Situationen, in die sie sich durch ihre Gutmütigkeit gebracht hat, zu befreien. Die Geschichte erfährt einen Wendepunkt, als Shen Te erfährt, dass sie vom Flieger Sun ein Kind erwartet. Von nun an möchte sie auch gut zu sich selbst sein, vor allem ihres Kindes wegen. Sie muss aufhören, selbstlos zu sein. Deshalb muss Shui Ta ein weiteres Mal erscheinen und den armen Leuten mitteilen, dass sie in Zukunft nur etwas von Shen Te bekommen, wenn sie für sie arbeiten. Alle verdächtigen Shui Ta, Shen Te etwas angetan zu haben. Sie bringen ihn vor Gericht, vor welchem er sich als Shen Te zu erkennen gibt. Die drei Götter, die als Richter agieren, entschuldigen Shen Tes Handeln als Missverständnis, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass es in der von ihnen geschaffenen Welt nicht möglich ist, gut zu anderen und gleichzeitig zu sich selbst zu sein. Der Schluss des Stückes wird wider Erwarten vom Autor offen gelassen, der Zuschauer gar explizit aufgefordert, eine Lösung zu suchen. Immer wieder zeigt sich, dass die Götter gar nicht an einer Verbesserung der sozialen Missstände interessiert sind, diese gar nicht wahrnehmen und deshalb nicht eingreifen. Die Bedeutung eines Gottes wird somit relativiert. Trotz aller schlechten Erfahrungen und obwohl sie gemerkt haben, dass ihre Gebote tödlich sind, dass die Welt in einem miserablen Zustand, ja sogar unbewohnbar ist, wollen die Götter immer noch nicht eingreifen. Sie zeigen hiermit, dass ihnen das Wohl der Menschen letztlich gleichgültig ist und sie aus egoistischem Interesse handeln. Die Ursache für die hier aufgezeigte Problematik ist, dass das kapitalistische Denken nur die Versorgung des Einzelnen, nicht aber das Wohlergehen des Kollektivs einschliesst und dass die Besitzenden die Besitzlosen durch Missbrauch christlicher Normen noch besser ausbeuten können. Erst die Fähigkeit zur moralischen Rücksichtslosigkeit ermöglicht Shui Ta, seine Mitmenschen zu missbrauchen und auszunutzen, indem er sie als billige Arbeitskräfte in seiner Fabrik einstellt. Doch Shui Ta ist nur ein kleiner Teil des machthungrigen Systems, in welchem Menschlichkeit, wie sie die Götter fordern, nur noch als Mittel zum Zweck dient. „Der gute Mensch von Sezuan“ hat uns auf diese heute noch aktuelle Problematik aufmerksam gemacht. Uns erscheint es beinahe unmöglich, für dieses Problem eine Lösung zu finden, obwohl dessen Ursachen bekannt sind. Wir erachten es als unbedingt notwendig, dass der Mensch auch seine eigenen Bedürfnisse achtet, um sich selbst zu schützen und seine Existenz zu sichern. Dieses Parabelstück ist insofern empfehlenswert, als dass es einfach und verständlich geschrieben ist und trotzdem vieles in uns zu bewirken vermag. Während der Lektüre fühlten wir uns in die Handlung miteinbezogen, litten und freuten uns mit den Figuren. Da das Stück aber in erster Linie für das Theater konzipiert wurde und deshalb viele Regieanweisungen und Anmerkungen des Autors enthält, wurde unser Lesefluss manchmal gebremst. Doch es enthält viele Gedankenansätze, aus welchen wir auch etwas für uns selbst lernen können. Denn Sezuan ist überall auf der Welt ... Sarah Job & Gianina Toller Bündner Kantonsschule, Chur
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Wie gut/schlecht ist diese Welt?, 20. Mai 2003
Bertolt Brechts "Guter Mensch von Sezuan" beschreibt die aktuellen Zustände auf dieser Welt. Drei Götter kommen auf die Erde, um nach guten Menschen zu suchen. Die Einzige, die jedoch bereit ist, die Götter für eine Nacht bei sich aufzunehmen, ist eine Prostituierte, die dafür sogar ihre eigenen Bedürfnisse hinten anstellt. Ursprünglich hätte sie eine Freier zu Besuch, der ihr ihre Monatsmiete finanzieren sollte, doch da sie immer noch genug Ehrfurcht vor den Göttern hat, versteckt sie sich vor ihm. Zum Dank bekommt sie von den Götter Silber, um siech einen kleinen Tabakladen kaufen zu können und so auch den Armen zu helfen und gütig zu sein. Doch diese Großzügigkeit wird schnell von den anderen durchschaut und gründlich ausgenutzt. Ohne externe Hilfe wäre sie nicht einmal einen Tag über die Runden gekommen, da jeder versucht, das meiste aus ihrer Freigebigkeit für sich selbst herauszuschlagen. Die Verhältnisse, die die Götter in Sezuan vorfinden, sind auf jeden anderen Ort zu übertragen. Jeder Einzelne von uns weiß, dass man wirtschaftlich denken muss, um ein Unternehmen zu führen, doch in diesem Buch stellt sich die Frage: ist das eigentlich nicht hinterhältig? Hier finden sich außerdem alle möglichen Verhaltensweisen von Menschen, aber nur eine ist wirklich gut. Mit der Zeit merkt der Leser, wie weltfremd diese Götter geworden sind, die hier die Erde besuchen. Sie verstehen nichts von Geschäften und glauben auch nicht, dass diese wichtig sind, um überleben zu können. Sollte es wirklich nur einen guten Menschen in Sezuan geben? Und: wie kann dieser eine Mensch in einer Gesellschaft überleben, die aus Schmarotzern und Hilfebedürftigen besteht? Ist ganz Sezuan gottlos geworden?
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Brechts bedeutendstes Drama - noch immer aktuell, 5. Juli 2008
Denkt man an Brecht, spricht man über Brecht, so ist es vor allem seine Lyrik, an die man sich erinnert, die seine literarische Größe ausmacht - Brecht, der "Jahrhundertlyriker", "der" Dichter des 20. Jahrhunderts. Zurecht wird er als großer Lyriker, zurecht gar - trotz Benn und Rilke - als größter des vergangenen Jahrhunderts gefeiert. Über Brechts dramatisches Werk allerdings wissen nur einige Wenige Bescheid - und wenn doch, so ist es vor allem die "Dreigroschenoper", die den meisten geläufig ist. Der Rest sei ja sowieso "sozialistische Propaganda", sowieso "ideologisch verbrämt" - und schon hat man sich die Legitimation geschaffen, Brechts dramatisches Werk nicht kennen zu müssen - anachronistisch sei es, von der Geschichte längst wiederlegt.
Zweifelslos gibt es solche Stücke in Brechts Werk, zweifelslos gibt es einige Dramen, die heute enttäuschen und längst verstaubt sind. Trotzdem gilt die Behauptung, Brecht propagiere nur kommunistische Maximen, nicht als Argument, um die literarische Qualität seiner Stücke zu schmälern. Denn nicht das Theater hat Brecht für den Sozialismus instrumentalisiert, sondern vielmehr den Sozialismus für das Theater; er benutzt ihn als Thema, um sich dramatisch entfalten zu können.
Und einige seiner Stücke sind heute noch so lesenswert wird in jener Zeit, als sie geschrieben wurden, vor allem zwei sind hier zu nennen: "Das Leben des Galilei" und "Der gute Mensch von Sezuan".
"Der gute Mensch..." beispielsweise thematisiert den zeitlosen Konflikt zwischen Individualismus und Kollektivismus, Egoismus und Altruismus, zwischen Selbst- und Nächstenliebe, stellt die Frage, wie weit man sich für andere einsetzen kann, ohne sich selbst dabei zu vergessen; wie weit man sein eigenes Wohl in den Mittelpunkt seines Handelns stellen kann, ohne dabei das Wohl der Gesellschaft zu missachten. Dss Stück stellt die Frage, ob man ein guter Mensch sein kann, ohne dass einem Hilfsbereitschaft und Guthertigkeit letztlich zum Verhängnis werden. Davon ausgehend zeigt Brecht zudem den Kontrast zwischen Schein und Sein, zeigt die Ambivalenz, die Zwiespältigkeit, die jeden Menschen ausmacht.
Dies alles fügt Brecht zusammen zu einer Parabel, die auch heute, obwohl mögliche Antworten auf die gestellten Fragen natürlich nicht in kommunistischen Thesen zu finden sind, vor allem eines nicht ist: anachronistisch.
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