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von Jostein Gaarder
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Zugegeben, der im Deutschen sehr sperrige Titel Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort hätte besser gewählt werden können, doch das sind Äußerlichkeiten, die dem Ganzen keinen Abbruch tun. In seinem Roman wendet sich Jostein Gaarder wieder vor allem an junge Leser, die er mit seiner weiblichen, jungen Protagonistin unmittelbar anspricht.
Für die krebskranke Cecilie ist es ziemlich langweilig, die Tage im Bett zu verbringen und das auch noch ausgerechnet an Weihnachten. Glücklicherweise besucht sie seit einiger Zeit ein netter Engel namens Ariel. So genau weiß die Kleine auch nicht, ob sie an Engel glaubt, doch mit Ariel kann man ungestört nachdenken und bereden, was einem in den langen Stunden im Krankenbett so durch den Sinn geht. Und es sind die schwierigen Fragen, die das kleine Mädchen beschäftigen: Wer bin ich? Woraus besteht die Seele? Gibt es Gott?
Das Gespräch zwischen Cecilie und Ariel führt zu einer wunderbaren Begegnung zwischen Himmel und Erde und Cecilie versucht, Ariel einige seiner himmlischen Geheimnisse abzuluchsen. Für Ariel sind im Gegenzug dazu alle menschlichen Empfindungen fremd. Er kann sich Schmerzen oder Kälte partout nicht vorstellen. Mühsam macht sich Cecilie ans Erklären, und zusammen gelingen den beiden ganz treffliche Vergleiche: "Aber das muß doch ein typisch 'kaltes' Gefühl sein, vor allem, wenn ihr in den Schnee fallt. Habt ihr dann nicht am ganzen Körper so einen Gänsehautgeschmack wie starke Pfefferminze?"
Die beiden erkunden auf sehr unterhaltsame Weise das Terrain des anderen, ohne daß sie sich mit Unklarheiten lange aufhalten, "denn wenn es stimmt, daß die Schöpfung ein großes Rätsel ist, und wenn etwas ein Rätsel ist, dann ist Raten erlaubt."
Wie jeder gute Philosoph schon seit der Antike weiß, lassen sich die großen, tiefen Fragen des Universums am besten im Gespräch erforschen. Jostein Gaarder beweist in diesem ergreifend schönen Buch, daß er, wie schon in Sophies Welt, sein Metier meisterhaft beherrscht. Am liebsten würde man Cecilie und Ariel stundenlang, nein, besser seitenlang, zuhören. "Die ganze Schöpfung ist ein Spiegel, Cecilie. Und die ganze Welt ist ein dunkles Wort." Schöner läßt sich die Essenz des Buches nicht ausdrücken. --Manuela Haselberger
Der Trend zur Philosophie im Jugendbuch
Kaum ein anderes Jugendbuch hat in den vergangenen Jahren so gnadenlos in die Gemüter der Menschen eingeschlagen wie Jostein Gaarders «Sophies Welt». Als ob der Wunsch nach philosophischen Fragestellungen und verständlichen Antworten schon lange auf seine literarische Erfüllung gewartet hätte. Unklar bleibt, ob dieser Wunsch tatsächlich auf ein zunehmendes Interesse der heranwachsenden Generation an philosophischen Fragen hinweist oder ob er ganz einfach die Beunruhigung der Elternschaft in bezug auf die zunehmende Funktionalisierung der Seele in der heutigen Industriegesellschaft ausdrückt. Verkaufszahlen sagen schliesslich noch nichts über Leserschichten aus. Ein alltägliches Problem bei der Bewertung von Kinder- und Jugendliteratur.
Die These, dass vor allem Erwachsene an in kindlicher Unbefangenheit erfragtem philosophischem Wissen interessiert seien, wird durch einige Neuerscheinungen gestützt. Zwei von Philosophielehrern für die kleine Tochter bzw. zusammen mit einer Elfjährigen verfasste Bücher, die eine Einführung in philosophisches Denken bieten, sind gerade nicht in Kinder- oder Jugendbuchverlagen erschienen: «Kleine Philosophie für Berenike» von Roland Simon-Schaefer (Reclams Universal-Bibliothek) und «Das Café der toten Philosophen» von Nora K. und Vittorio Hösle (C.-H.-Beck-Verlag). Dass in letzterem «Sophies Welt» ganz offen als Anlass für den Briefwechsel zwischen (weiblichem) Kind und (männlichem) Experten eine scheinbar prototypische Grundkonstellation, der auch einmal eine Analyse zu widmen wäre genannt wird, ist ein deutlicher Hinweis auf die Auswirkungen von Jostein Gaarders Bestseller auf den Buchmarkt. Auch angewandte Philosophie schliesst dieser Trend mit ein, wie eine Reihe von Neuerscheinungen im Jugendbuchsektor zeigt.
Wo wohnt der liebe Gott?
Dem Wunsch vieler Kinder (und auch Erwachsener), verlässliches Wissen über jenen unfassbaren Teil der geistigen Welt zu erlangen, den wir in der christlichen Kulturtradition als Himmel kennen, hat Jostein Gaarder in seinem jüngsten ins Deutsche übersetzten Werk, «Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort» , pflichtschuldig entsprochen. Das vergleichsweise schmale Bändchen besteht zu einem überwiegenden Teil aus einem Dialog, den ein krebskrankes Mädchen mit dem ihr in den letzten Lebensmonaten immer wieder erscheinenden Engel Ariel führt.
Dem Menschenkind als vernunft- und emotionsgeleitetem Bündel von beschränkter Erkenntnisfähigkeit steht also ein allwissender Himmelbote gegenüber, der nicht nur sein Leben an der Seite des lieben Gottes beschreibt, sondern auch noch biblische und sonstige (menschliche) Weisheiten in an Beliebigkeit grenzender Manier einstreut. Unsere emotionalen Lähmungserscheinungen im Umgang mit dem Tod erst recht mit jenem eines Kindes geschickt nützend, versucht der Autor, seinen geistigen Schüttelbecher über jenen Bereichen des Gehirns seiner Leserschaft auszuschütten, wo kein Funke Kritik sich zu regen wagt. Mit dem Vorwurf gedanklicher und literarischer Unsorgfältigkeit (auch die Rahmengeschichte ist äusserst nachlässig aufgebaut) kommt Gaarder in diesem Fall noch gut davon.
Adoleszenzphilosophie
Weniger Chancen, auch jenseits des Jugendliteratursegments wahrgenommen zu werden, haben zwei Bücher, die wohl philosophische Probleme wälzen, sich jedoch gleichzeitig als eindeutige Adoleszenzromane zu erkennen geben.
«Dich habe ich in die Mitte der Welt gestellt»: mit diesem Zitat des Philosophen Pico della Mirandola hat die Autorin Andrea Hensgen ihrem Buch einen Titel gegeben, der neugierig macht auf das Dahinter. Im Zentrum des Romans steht eine Abiturientenklasse, die sich die Zeit zwischen (bereits bestandenen) Prüfungen und dem Ende der Schulzeit mit einem Renaissance-Projekt vertreibt. Aus der Perspektive der achtzehnjährigen Svenja erzählt, verläuft die Handlung wie in zwei Bahnen: Auf der einen Seite die recht ausführlich ausgebreitete Beschäftigung mit der Renaissance (mit Texten von Luther, Sebastian Brandt oder Erasmus von Rotterdam), auf der anderen Seite die ganz im Stile realistischer Adoleszenzliteratur dargestellten und dabei allzu durchschaubar auf einen breiten Konsens zielenden Probleme mit dem eigenen Ich. Je stärker sich die beiden Ebenen im Fortschreiten der Handlung vermischen, desto besser wird aber auch die ungebundene Kraft spürbar, mit welcher sich die jungen Menschen an der Schwelle zum «offiziellen» Erwachsenenleben noch in das Abenteuer des Denkens werfen.
In einer eigentlichen Männerwelt ist Leonardo Wilds Zukunftsroman «Unemotion» angesiedelt. Wie das mehrfach namentlich erwähnte Vorbild von Aldous Huxleys «Brave New World» ist auch Wilds Gesellschaftsentwurf ein materialistisches Utopia: «Spacom Main Town» ist nicht nur das in den USA gelegene Hauptquartier eines auf Weltraumtechnologie spezialisierten Unternehmens, es ist im Grunde ein hermetisch abgeriegelter Staat, dessen Bewohner sich dem chaotischen «Draussen» technisch und soziokulturell überlegen fühlen. In dieser Weltraumrepublik wohnt Ernest mit seinem Vater. Am Ende seiner Schulzeit gerät seine Welt aus den Fugen, da er wegen einer «Vier in Gefühle» vermutlich nicht an die begehrte Spacom Space Academy zugelassen wird. Und Probleme mit seinen Gefühlen hat Ernest in der Tat. Denn vom Soll absolute emotionale Kontrolle mit dem Ziel des maximalen beruflichen Erfolgs ist er weit entfernt. Erst recht, nachdem er sich verliebt hat. Gar nicht weit entfernt von einem aktuellen, von den USA ausgehenden Trend zur Konditionierung der «emotionalen Intelligenz» ist hingegen die Zukunftsvision des Autors. Im «Zeitalter des Gehirns» werden die Wurzeln emotionaler Probleme zunehmend im materialistischen, sprich neurologischen Bereich geortet die Psychologie hat ausgedient. Dieser Entwicklung versucht Wild in seinem Roman in abschreckender Absicht vorzugreifen, bleibt dabei aber weit hinter der Eindringlichkeit literarischer Vorbilder zurück.
Ohne viele Worte
Jenseits von Trends und kurzlebigen Gedankenflügen steht ein Buch, das sich durch seine bibliophile Aufmachung und das ungewöhnliche Format schon selbst als wertvolles Kleinod präsentiert: «Gewitternacht» der frankokanadischen Illustratorin Michèle Lemieux besticht durch wohldosiertes Understatement. Beim Vertiefen in dieses philosophische Bilderbuch stören keine grellen Farben die Konzentration, die einfachen, meist in Frageform formulierten Sätze lassen den eigenen Gedanken Raum, und die schlichten Schwarzweisszeichnungen aktivieren im Kopf die Bilder dazu.
So zeit- und alterslos wie die existentiellen Fragen, die angesprochen werden (von «Woher kommen wir?» bis zu «Tut sterben weh?»), wirkt auch das Buch selbst. Die Tatsache, dass es in seinen etwa 120 Bildern die Geschichte eines kleinen Mädchens erzählt, dem «tausend Fragen im Kopf herumschwirren», während es im Bett liegt und nicht einschlafen kann, erleichtert als Identifikationsangebot Kindern den Einstieg. Aber auch Jugendliche und Erwachsene werden mit Freude in diesem Bändchen blättern, das zwar keine Antworten zu den aufgeworfenen Fragen anbietet, dessen ebenso humorvolle wie ironische Bilder jedoch in einen phantasievollen aktiven Dialog mit den Fragestellungen treten. Hier wird nicht vorgedacht, sondern ganz unmissverständlich zu philosophischer Selbständigkeit aufgerufen.
Gerda Wurzenberger
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