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67 von 77 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ohne Werte bleibt nur mehr der Spieltrieb, 28. November 2004
Im Bonner Ernst-Bloch-Gymnasium, einem Ort für wirklich kluge, wirklich kaputte und wirklich kategorische Menschen, der diesen die letzte Chance zur Hochschulreife gewährt, gibt es eine Neue. Ada, 14, gehört seit Sommer 2002 dazu und fällt erstmals auf, als sie den Historiker Höfi, genannt Bluthund, mit ihrem kategorischen Stil in die Schranken weist. Ada ist mit 12 auf den Gedanken gekommen, Sinnsuche sei nur ein Abfallprodukt menschlicher Denkfähigkeit, und hat seither einen Ruf als hochintelligent und schwer erziehbar etabliert. Seither ist ihr alles „gleich gültig" und sie übt sich und ihre Intelligenz erfolgreich darin, ihr Leben durch diese Brille zu sehen. Sehr aufregend ist das Leben nicht mit dieser Einstellung und Ada schwankt unschlüssig zwischen Gleich-Gültigkeit und gelegentlichen Regungen, doch das eine etwas mehr zu wollen als das andere, sich auch einmal auf etwas zu freuen. Das Fehlen von Werten erzeugt ein spürbares Vakuum, das eine fatale Tendenz dazu hat, sich füllen zu wollen.Alev, 18, polyglotter Halbägypter und Viertel-Franzose, vom ersten Moment an Schwarm aller Prinzessinnen im Ernst-Bloch und mit einer unwiderstehlichen körperlichen Ausstrahlung ausgestattet, benützt das. Auch er hat überlieferte Werte über Bord geworfen und ist damit für Ada eine attraktive Herausforderung. Alev hat ein kleines physisches Defizit, das Adas sexuellen Magnetismus daran hindert, seine Anziehungskraft auszuüben. Und genau an dieser Stelle setzt Alev an, zieht Adas unbedingte Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit ins Kalkül (er nennt sie bezeichnenderweise „intelligent dumm"; ADA ist übrigens eine Programmiersprache, die für besonders zuverlässige und sicherheitsrelevante Software eingesetzt wird) und inszeniert ein Spiel. Denn ohne Werte bleibt nur mehr der Spieltrieb. Und dafür muss der Deutschlehrer Smutek herhalten. Alev realisiert das Gefangenendilemma aus der Spieltheorie in seiner Wirklichkeit - mit Ada und Smutek als Gefangene und sich selbst als Richter. Meint er. Es entgeht ihm dabei allerdings, dass Ada und Smutek durch Veränderungen ihrer eigenen Wirklichkeiten Alevs Strategie langsam den Boden entziehen, dass er selbst zum Gefangenen wird. Juli Zeh zeigt eine geniale Lösung für das Gefangenendilemma: durch eine neue, äußere Perspektive auf den abgeschlossenen Rahmen der Spieltheorie, aus der Richter und Gefangene über das ursprüngliche Dilemma lachen können, und durch eine übergeordnete Richterin, die ihnen schließlich genau dazu verhilft. Und so geschieht es. Perfekt strukturiert und hinreißend geschrieben, spannend von der ersten bis zur letzten Zeile, ist dieses Buch eine hochinteressante und brandaktuelle Auseinandersetzung mit der Welt, die Jugendliche heute vorfinden. Schon mit zehn haben sie alles gesehen was es gibt an Kriegen, Sex, Liebe, Glück, Unglück, Pornographie, Gewalt, Folter, Mitleid, Heldentaten, Vergewaltigungen und vieles mehr. Desillusion ist die Folge. Wertewandel und Werteverlust sind nicht die richtigen Schlagworte dafür; Jugendliche werden seit mittlerweile mehreren Generation in eine Welt hineingeboren, der die Werte permanent davonlaufen. Amoral und kriminelles Verhalten sind nur die Hot-Spots, an denen Juli Zeh das Interesse und die Betroffenheit ihrer LeserInnen unfehlbar entzündet. Mehr noch als bei „Adler und Engel" führt sie uns hier viel näher an die Wurzeln des Übels heran, ohne Lamento, ohne Rührseligkeit, ganz nüchterne, coole Juristin. Die Fakten zählen. Hervorragend - und beängstigend.
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Endzeitstimmung auf höchstem Niveau!, 26. Januar 2006
Die harte Zeit als man sich während der „Lesezeit“ im mdr-FIGARO nur im Rahmen einer abgemessenen halben Stunde in den Bann dieser unfasslichen Geschichte begeben durfte ist vorbei! Nun dürfen wir uns Ihrem Sog über volle 297 Minuten hingeben – mit oder ohne Pausen. Der Stoff könnte wohl kaum brisanter sein. Juli Zeh erzählt die Geschichte um die kaltblütigen Halbwüchsigen Ada und Alev und deren Lehrer Smutek mit gleichzeitig äußerst spannend und mit höchster Glaubwürdigkeit. Ada lehnt Sinnsuche als „Abfallprodukt der menschlichen Denkfähigkeit“ ab. Alev entwickelt die These, dass in seinem Spieltrieb die letztmögliche glückliche Seinsform des Menschen zu sehen ist. Mit Adas Hilfe will er dies in einem wahnwitzigen Experiment an dem Lehrer Smutek beweisen. Von Beginn an ist klar, dass dieses Spiel nur in einer Katastrophe münden kann, denn es nimmt die psychische und physische Vernichtung von Menschen in Kauf. So wie sich der Lehrer Smutek trotz der Demütigungen, die er durch Ada erfahren muss, von der Klugheit und Kaltblütigkeit des Mädchens angezogen fühlt, faszinieren diese Eigenschaften den Hörer. Beide, Ada und Smutek, sind wiederum gleichermaßen in die Abhängigkeit des charismatischen wie diktatorischen Alev geraten. Die Figuren werden mit kühler Präzision gezeichnet. Vor allem die Äußerungen Adas und Alevs überraschen, ja schockieren, immer wieder durch ihre Intelligenz und abgeklärte, perspektivlose Wahrheit. Die größte Qualität der Lesung stellt ihre grandiose Besetzung dar! Die stoische Nuancenarmut und immer gleiche Tonlage mit der Sascha Icks ließt, ist das perfekte Stilmittel für die Geschichte. Der Vortrag ist jedoch zu keinem Zeitpunkt ermüdend. Die über den Dingen stehender Souveränität Icks´ nimmt den Hörer von Anfang bis Ende völlig gefangen und wirkt sogar explosiv. Die Eigenschaften dieser Stimme und Vortragsart sind zugleich jene, die man mit Adas Wesen in Verbindung bringt: Gefühlskälte, Sachlichkeit, Distanziertheit. Obwohl der Erzähler auktorial ist und keineswegs aus der Ich-Perspektive berichtet empfindet man unterschwellig, Ada erzähle hier. Es kommt, so unwahrscheinlich das klingen mag, zur Identifikation mit Ada, ja zur Sympathie für Sie, die selbst zu keinerlei Sympathie fähig ist. Genau das bewirkt gegen Ende des Hörbuches eine produktive Irritation, nämlich dann, als sich tatsächlich ein Ich-Erzähler einschaltet. Das Hörbuch erhöht gegenüber dem Lesetext durch die Stimme der Vortragenden hier noch die Komplexität. Es ist plötzlich die Richterin, welche den Fall Alevs, Smuteks und Adas betreut, die spricht. Sie ist charakterlich ähnlich situiert wie Ada – man könnte Sie gar als ihren charakterlichen Zwilling bezeichnen. Zugleich legt sie die Vermutung dafür nahe, dass zwei Personen mit denselben charakterlichen Anlagen sich nicht gleich entwickeln müssen. Ob dies allein in den äußeren Einflüssen der unterschiedlichen Generationen, denen Richterin und Ada angehören, begründet liegt, bleibt zu klären. In jedem Falle ist Ada ein Kind ihrer Zeit – einer beängstigenden Zeit, in der man nicht wagt, nach der Zukunft zu fragen.
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23 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Mitspielen!, 20. Dezember 2004
Ein pubertierendes Mädchen, ein an der Schwelle zum Erwachsensein stehender Bursche, ein altruistischer Lehrer der beiden, Stoff genug für einen 08/15-Schulroman. Juli Zeh aber macht daraus eine eigene Welt, die zwar in der unseren spielt, aber nichts mit dem gemein hat, was wir kennen. Zwar kennen wir die Namen der Orte die Geschehnisse der Geschichte auch manche erwähnte Personen, doch werden sie in „Spieltrieb" zu einer Parallelwelt, eine Welt, die der Leser mit jeder Seite weiter entdeckt und in sie hineingezogen wird. Es ist eine Welt des Fatalismus, in der Ada und Alev, die Hauptpersonen, nicht einmal einen Ausweg suchen, sondern nur ein Leben. Sie ziehen nicht nur den Leser sondern auch alle anderen Personen in ihren Bann, spielen ein unfaires Spiel zu dem sie nicht nur ein Opfer, sondern die ganze Umgebung brauchen. Das Wetter, Gebäude, Gebrauchsgegenstände, Zitate aus Büchern und am Ende sogar Namenspatrone werden in das Spiel miteinbezogen, sie organisieren sich im wahrsten Sinne des Wortes rund um das Trio der Hauptpersonen. Alles spielt mit Fortgang des Buches eine Rolle, nichts darf mehr unbedacht sein, alles fügt sich dem Trieb einer Generation, die keine Zukunft, sondern nur eine Gegenwart hat. Und diese steht unter dem Dreigespann „Feigheit, Dummheit, Eigennutz", wer nicht mitspielt, flieht in diese Parallelwelt. In einer virtuosen Sprache saugt der Leser dieses Spiel auf und ist von den Ineinanderflechtungen so fasziniert, dass man auch 566 Seiten in einer Nacht durchlesen kann, begierig zu wissen, ob das Spiel gewonnen wird oder verloren geht.
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