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Charles Simmons' Novelle «Salzwasser»
Hundertdreissig Jahre liegen zwischen der Novelle «Erste Liebe» von Iwan Turgenjew und dem kurzen Roman «Salzwasser» von Charles Simmons; dazwischen liegen Aufstieg, Blüte und Niedergang des bürgerlichen Menschenschlages und die Enthüllungen der Psychoanalyse und dennoch handeln beide vom gleichen Trauerspiel: von jener ersten, nur zu gern verklärten Liebe.
Turgenjew lässt einen Mann in mittleren Jahren von seiner Jugend um 1830 erzählen, als sein Vater, ein energischer und auf Distanz bedachter Mann, im geheimen ein Verhältnis mit einer jungen Adligen unterhielt, in die sich der Sohn zuvor hoffnungslos verliebt hatte. Wolodja, sechzehn Jahre alt, unerfahren und an der Nase herumgeführt, blieb als unschuldiges Opfer fürs Leben gezeichnet. Seine erste war zugleich seine letzte Liebe; wie beiläufig berichtet er auch noch vom späteren Tod fast aller Beteiligten und ein wenig elegisch fügt er hinzu, er habe für sich und für die Verstorbenen zu beten gelernt.
Ein paar Zeilen von Turgenjew stehen als Motto dem 1998 im Original erschienenen und von Susanne Hornfeck nun auch ins Deutsche übertragenen Roman «Salzwasser» voran. Charles Simmons verlegt den Schauplatz ins Jahr 1963 auf eine Halbinsel vor der nordamerikanischen Atlantikküste. Dort stehen ein paar Ferienhäuschen, in denen die Familie des Erzählers die Sommermonate zu verbringen pflegt. Der Vater ist ein sportlicher und aufs naturnahe Leben bedachter Mensch, seine Frau ein etwas verhärmtes Hausmütterchen: der Junge, Michael, ist fünfzehn, eher still und nicht so forsch, wie der Vater ihn womöglich gerne sehen möchte. Aber was macht das schon; die beiden schwimmen zusammen weit hinaus auf das nicht ungefährliche Meer und geniessen die Fahrten auf ihrem Segelboot.
In dieses uramerikanische Idyll platzen zwei Frauen, Mutter und Tochter, die sich im Nachbarhaus eingemietet haben. Der Junge verliebt sich auf Anhieb in die schöne, fünf Jahre ältere Zina. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander; es ist klar, dass sie ihn nicht so liebt wie er sie, aber sie scheint ihn zu mögen, sie spielt nicht nur mit ihm. Man segelt gemeinsam und feiert Strandparties; es wird auch darüber spekuliert, wer wohl mit wem ein Verhältnis haben könnte. Zinas Mutter mit Michaels Vater vielleicht? Zuzutrauen wäre es beiden. Oder Zina mit dem schnieken Galeristen, der mit dem Motorboot aufkreuzt, sich dann aber als homosexuell entpuppt und Michael Avancen macht?
Der Junge versteht das alles nicht richtig: Er wird nur immer eifersüchtiger, je mehr er das Gefühl hat, dass alle um ihn herum etwas wissen, das sie ihm verbergen möchten. Als ihm klar wird, dass Zina mit seinem Vater eine Liaison unterhält, schlägt er zurück. Tief verletzt beantwortet er das, was er für Verrat halten muss, mit Erpressung und letztlich mit einem Totschlag.
Was in einer so gerafften Zusammenfassung womöglich nicht weniger anrührend erscheinen mag als die Novelle Turgenjews, erhält bei Simmons von Beginn an eine wesentlich ungemütlichere, eindringliche Wendung, die aus der Art resultiert, wie hier erzählt wird. Einerseits ist «Salzwasser» kompositorisch viel strenger aufgebaut als Turgenjews Text und dabei dennoch in vielen kleinen Details an die Vorlage angelehnt , «im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank», lautet der erste Satz, der Anfang und Ende des Romans definitiv festlegt. Andererseits aber schildert Simmons eine weitaus differenziertere Welt, nämlich das liberale, relativ freizügige Leben einer Mittelschicht, deren Väter im Urlaub mit den Söhnen auf Abenteuer aus sind; eine Welt, in der Knaben für ihre Tapferkeit beim Angeln belobigt werden und junge Männer sich mit ihren Vätern über Frauen unterhalten. Die Väter sind menschlicher, und die Söhne werden ein bisschen früher erwachsen. Sie stehen sich näher, wissen mehr und sind um so enger aneinandergefesselt. Denn unter guten Kumpanen zählt ein Vertrauensbruch doppelt und wer mit der Freiheit zu eigenständigem Handeln aufwächst, kann auch viel zerstören.
Simmons spitzt die Geschichte extrem zu, er schildert sozusagen die traurigen Folgen einer fortgeschrittenen Liberalität und Aufklärung. Deshalb lässt er seinem gealterten Erzähler nicht einmal den Trost des Gebets, sondern nur die Fähigkeit zu einem spröden Bericht, der an einen Sommer erinnert, welcher mit grossen Erwartungen begann und verheerend endete. Der Erzähler protokolliert, was geschah, und man merkt seiner Sprache an, dass er zwar darum bemüht ist, die einst verspürten Gefühle noch einmal zu benennen, dass er aber keine neuen mehr zulassen möchte. «Wie man mit den Dingen fertig wird» ist das vorletzte Kapitel überschrieben und jedes Wort ist ein Beleg für den zwiespältigen Sieg, den da einer über sein Unglück errungen hat. Aber eben auch der Ausdruck eines Verlustes, der ihm ein Rätsel bleiben muss: «Ich bin jetzt älter als mein Vater bei seinem Tod. Warum ich mich immer noch fühle wie ein Kind, weiss ich nicht.»
Michael Schmitt -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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