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3.0 von 5 Sternen
Perfekte Verwandlung verhindert Dauerverwahrung, 2. Juni 2005
Es ist schon eine skurrile Geschichte, die uns Craig Clevenger hier auftischt. Allerdings tut er das in einer Detailfreudigkeit, die seine Charaktere und deren Erlebnisse so realistisch erscheinen lassen, dass man schon fast wieder Angst vor der Wirklichkeit derartiger Erfahrungen bekommt.Eigentlich geht es ja nur um einen Charakter, eine Person, den jungen John Dolan Vincent. Einzige Auffälligkeit an ihm ist ein sechster Finger an seiner linken Hand. Aufgrund immer wieder einmal auftretender, offensichtlich unergründlicher und vermutlich psychosomatischer Kopfschmerzen, die er völlig wahllos mit Drogen und Medikamenten unterschiedlichster Art zu bekämpfen sucht, findet er sich meistens mit einer Überdosis versehen in einem Krankenhaus wieder. So auch dieses Mal, wo er kaum aus seinem Rauschkoma erwacht einem Psychiater gegenüber sitzt. Vincent wurde allerdings als Daniel Fletcher eingeliefert, so dass der Psycho-Fachmann nicht merkt, dass er einen Wiederholungstäter vor sich hat. Das ist auch das geniale Spiel des Protagonisten, der ständig wechselnde Persönlichkeiten und Charaktere annimmt, um zu verhindern, dass man ihn wegen latenter Suizidgefährdung in eine geschlossene Anstalt steckt. Er wird zum Künstler des Verbergens seiner Identität und sein größtes Persönlichkeitsmerkmal wird die Fähigkeit, unauffällig zu bleiben. Emotional nahe gehend, weil so intim und persönlich erzählt, erfährt man als Leserin oder Leser die unzählig vielfältigen Überlegungen und nötigen Anpassungen des jungen Mannes, um sein Ziel zu erreichen, eine neue Identität anzunehmen. Es ist schon eine Manie, sich Charaktere auszuwählen, sie in kleinsten Handlungsweisen zu erforschen, ihre Lebensgeschichte kennen zu lernen und diese sich zu merken, gefälschte Papiere in höchster Präzision zu erstellen und mit einer Portion Überzeugungskraft und frecher Forschheit die jeweiligen Gegenüber hinters Licht zu führen. Man erfährt viel über psychiatrische und psychologische Anamnesepraxis und entdeckt in den Erfahrungen des Charakters, den der Patient jeweils darstellt, durchaus Kabarettistisches. Seine häufigen Sitzungen ähnlicher Art haben ihn zum Antwortenspezialisten für psychologische Befragungen gemacht. Er kennt die Fragen, die Zielrichtung und die Deutung der Antworten. So gelingt es ihm gut, ein perfektes Täuschungskonstrukt zu entwickeln. Er gibt ein Profil von sich ab, welches in der Einschätzung des Arztes, es bestehe keine weitere Selbstmordgefährdung, und damit der Entlassung aus der Klinik endet. Die Klugheit des Befragten trifft auf die Weisheit und Profession des Befragers und fast jedes Gespräch entwickelt sich zu einem Showdown geistiger Auseinandersetzung. Dieses Mal steht neben der Gefahr, als gefährdeter Suizidaler für lange Zeit hinter gepolsterten Wänden zu verschwinden, die Sorge um Keara, die Frau, die er liebt, an oberster Gedankenposition. Das erschwert Fletchers Denken und Konzentration. Er will sie beschützen, retten und ist somit noch mehr gefordert, die richtigen Antworten im richtigen Augenblick zu geben. Dieses Überlegen und Bangen beschreibt der Autor zwar einfach, aber doch so dicht, dass man seine Figuren entdecken, kennen lernen will und auf das Ende gespannt ist. Es sind sehr melancholische Erlebnisse und Überlegungen, die Craig Clevenger erfunden hat und die Faszination seines Buches liegt hauptsächlich darin, dass eine einzige Handlungssituation - die der Befragungssitzung beim Psychiater - so facettenreich und interessant erzählt wird und die mit einer gänzlich unerwarteter Wendung seinen Schluss findet. © 5/2005, Uli Geißler, Freier Journalist, Fürth/Bay.
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