Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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22 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das löwenmähnige Gras, 23. Januar 2009
Es gibt hier schon viele gute Rezensionen zu "Abbitte", so dass es meiner eigentlich nicht mehr bedarf, aber ich habe dieses Buch vor über einem Jahr gelesen und es geht mir nicht aus dem Kopf und immer wenn ich daran denke, habe ich dieses eigenartige flaue Gefühl im Magen, eine Art von Sehnsucht, wie es manchmal passiert, wenn man einen literarischen Schatz gehoben hat. Solche Schätze, die einen auch noch lange nach dem Lesen beglücken, findet man selten und deshalb habe ich das Bedürfnis, etwas zu schreiben und vielleicht sogar jemanden zu animieren, das Buch zu lesen.
Dies ist eine Geschichte mit den alten großen Themen: Liebe, Vergänglichkeit und Schuld. Eine Geschichte, in der erzählt wird, wie sich das Leben zweier Familien für immer verändert: An einem einzigen heißen Sommertag, durch einen tragischen Vorfall, die unglückliche Verkettung von Umständen und nicht zuletzt durch eine Lüge.
Faszinierend ist der Schreibstil und die Atmosphäre die das Buch ausstrahlt. Die ersten zwei Drittel des Buches erzählen von den Begebenheiten dieses einen heißen Sommertages 1935 auf einem Landgut vor London, und alles findet fast in Echtzeit statt. Man spürt die erdrückende Hitze, die willkommene Kühle im Haus und die seltsame Gespanntheit, die auf allen Personen, die sich hier bewegen, zu lasten scheint.
Da ist die dreizehnjährige Briony Tallis, schwer in der vorpubertären Phase steckend und am Anfang ihre Schriftstellerei stehend. Ihre ältere Schwester Cecilia, die in den Collegeferien nach Hause gekommen ist und plötzlich gegenüber Robbie, dem alten Freund aus der Kindheit, befangen ist. Der große aber unreife Bruder Leon und sein Schokoladenfabrik-Freund Paul, den er als Gast mitbringt. Und es gibt Robbie, der uneheliche Sohn der Köchin, der zusammen mit den drei Geschwistern aufgewachsen ist. Er und Cecilia stoßen an diesem Tag bei mehreren denkwürdigen Begebenheiten aufeinander und entdecken bis zum Abend, dass sie sich nicht verabscheuen, sondern lieben. Schließlich die Mutter Mrs Tallis, die wenig glücklich verheiratet und immer überspannt ist, sowie deren pubertierende Nichte Lola und die zwei Neffen, 10-jährige Zwillinge, die zusammen aufgrund der bevorstehenden Scheidung der Eltern, auf dem Landsitz der Tante den Sommer verbringen müssen.
Briony schreibt an ihrem ersten Theaterstück und beobachtet vom Fenster aus eine seltsame "Brunnenszene" zwischen Cecilia und Robbie, wo Cecilia sich so gut wie nackt zeigt. Schockiert und erschreckt, kann sie diese Szene zwar instinktiv irgendwie "erotisch" interpretieren, aber in ihrer Kindlichkeit noch nicht in ihr "normales" Weltbild einordnen. Irritiert beobachtet Briony weitere seltsame Dinge....
Nun wird aus den Begegnungen und den kleinen Ereignissen, dieses Tages, mithilfe der unterschiedlichen Perspektiven, und zeitlich gekonnt verschachtelt, ein Bild gewoben, dass sehr plastisch und eindringlich ist. Sogar die Mutter, die mit schwerer Migräne bewegungslos im abgedunkelten Schlafzimmer liegt, deutet die Aktivitäten im Hause in dem Sie die Geräusche auf ihre Art interpretiert. Einzigartig diese Schilderung!
Was mir auffiel ist, dass die Hitze dieses Tages nicht nur ein Begleitumstand ist, sondern fast als Ursache für jene Ereignisse erscheint, die auf dem Landsitz der Tallis ihren fatalen Lauf nehmen. Etwas Unerhörtes liegt in der Luft. Zunächst passiert jedoch nur wenig.
Die kleine Begebenheiten, die erst später einen Sinn bekommen, reihen sich aneinander, bis das Unerhörte tatsächlich passiert.
Ein plötzlicher krasser Break und der Leser befindet sich abrupt mitten im Geschehen an der Front des zweiten Weltkriegs. Dieser relativ kleine Abschnitt verdeutlicht die Schrecken des Krieges, in einer Eindringlichkeit, wie ich es selten gelesen habe. Die Erzählung pendelt nun zwischen Robbies Kriegserlebnissen und Briony Geschichte, die mittlerweile als Krankenschwester im Lazarett in London "abbitte" leistet. Auch der Prozess, ihrer Entwicklung zur Schriftstellerin wird hervorragend vermittelt und, ein Geniestreich, in die Geschichte verwoben. Ich will nicht zuviel verraten nur: Genial wie Ian McEwan dies eigefädelt hat!
... und ganz am Ende erwartet den Leser eine plötzliche Wendung, die sowohl verblüfft, als auch sehr betroffen macht. Ich hatte danach das Bedürfnis den Roman sofort, in diesem neuen Licht, das der Schluss auf ihn wirft, gleich noch mal lesen zu wollen.
Fazit: Ian McEwan gelang hier ein großer Roman über Schuld und Sühne. Einige bezeichnen das Buch als langweilig, da es wenig Action besitzt und sehr langsam ist. Mich hat es atemlos gemacht und ganz in seinen Bann gezogen! So unterschiedlich kann man es wahrnehmen. Es ist trotz seines Anspruchs, sehr leicht zu lesen, lasst Euch nicht abschrecken! In allem liegt eine Traurigkeit über das Vergängliche und die Liebe, welche die Menschen verbindet. Und es ist einfach eine herzzereisende Lovestory zwischen Cecilia und Robbie!
Ich kann mich nur tief verneigen vor Ian McEwan und diesen großartigen Stück Literatur!
Lesen!
Ach, ja: Lasst Euch auch die Verfilmung nicht entgehen: Abbitte Der Film von Jo Wright ist gut gelungen, denn eigentlich galt das Buch als un- bzw. nur schwer verfilmbar da alles aus verschieden Blickwinkeln und Zeitperspektiven erzählt wird. Dies hat der Film mit filmischen Mitteln meisterhaft umgesetzt und auch die lastende Hitze und die Überspanntheit der großen Eingangssequenz grandios in Szene gesetzt.
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57 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Emotional anspruchsvoll, 9. September 2007
"Abbitte" ist sicherlich einer der besten Romane von Ian McEwan geworden, ein sprachlich meisterliches Werk über Menschen, die um ihr Lebensglück schuldlos betrogen werden.
Dennoch gestehe ich - und da stehe ich im Vergleich zu meinen Vorrezensenten ziemlich allein da - : ich habe mir das Lesevergnügen hart erarbeiten müssen. Lange klingt der erste Teil wie ein betulicher englischer Gesellschaftsroman, die Schilderung einer trägen Festgesellschaft auf einem britischen Landsitz, gefiltert durch die pubertären Empfindungen einer überspannten 13-jährigen. Sanft und sehr, sehr langsam wird die Katastrophe dieses Sommerabends dramaturgisch vorbereitet.
Der zweite Teil ist dann das Kontrastprogramm: eine auch sprachlich beinharte und schnörkellose Schilderung des Rückzugs der britischen Soldaten in Nordfrankreich im Zweiten Weltkrieg. Auch der dritte Teil bleibt in dieser Zeit: Briony, die weibliche Hauptperson arbeitet in einem Krankenhaus, das verwundete Soldaten betreut. Im unaufgeregt angefügten Epilog schließt sich dann der erzählerische Kreis; erst dann wird klar, dass all die verschiedenen Stimmungen des Romans ein kluges dramaturgisches Stilmittel waren.
Ich habe die Lektüre in weiten Strecken weder besonders spannend noch entspannend gefunden. McEwans Sprachgewalt hat mich geradezu niedergedrückt; für meine Bedürfnisse macht der Roman auch zu viele Worte. Phasen des Stillstands und der existentiellen Not wechseln ab - der Leser wird emotional ziemlich gefordert. Aber: es zahlt sich aus, sich auf "Abbitte" einzulassen, wenn es auch - auf seine Weise - ziemlich harte Kost ist.
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26 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
ein wunderbares, bewegendes Buch, 21. Juli 2007
Was kann ich als Leser über ein solches Buch schreiben, ohne es in die eigenen Unzulänglichkeiten, mit Worten umzugehen, hinab zu ziehen?
Die Beschreibung der Protagonisten ist psychologisch absolut stimmig und einfühlsam wieder gegeben. Hier die pubertierende "Heldin" des Buches mit ihrer kindlichen Einbildungskraft, ihrer trotzigen Hartnäckigkeit und des letztendlichen Unvermögens, ihre falsche Beschuldigung, die das Unglück zweier Menschen heraufbeschwört, zurück zu nehmen und das eigene Leben für immer prägen wird. Dort die Unsicherheit und Verwirrung zweier junger Menschen, aus deren Kinderfreundschaft auf einmal Liebe geworden ist. Die dieses Glück, der eben erst gewonnenen Liebe nicht leben können und allein gelassen sind in ihrem Kampf gegen das, was nun über sie herein bricht und sie über Jahre in verzweifelte Sehnsucht und Isolation stürzen wird. Dies alles berührt zu tiefst, ohne dabei je sentimental und kitschig zu werden.
Der Leser wird gerade in der ersten Hälfte des Buches so in die Handlung hinein gezogen, als wäre er selbst als stiller Beobachter an jenem Sommertag auf dem Landsitz zugegen. Und nicht nur das, er fühlt, lebt und leidet mit und fühlt sich ebenso hilflos wie diejenigen, über die das Unheil herein bricht. - Das Unheil, das sich fortsetzt in den schockierenden Ereignissen des 2. Weltkriegs.
Dies ist ganz große Erzählkunst, eine gut erzählte Geschichte, ganz in der klassischen Tradition englischer Literatur. Ich habe dieses Buch mit großer Begeisterung gelesen. - Und es gibt zum Schluß nur Eines zu sagen: Unbedingt lesen!!!
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