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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Grashalme
OT Leaves of Grass OA 1855 (erweitert 1891) DE 1889 (Ausw.)Form Gedichtsammlung Epoche Transzendentalismus
Grashalme von Walt Whitman ist die Initialzündung der selbstständigen US-amerikanischen Lyrik und einer der berühmtesten Gedichtzyklen der englischsprachigen Literatur.
Entstehung: Whitman veröffentlichte 1855 im Selbstverlag die ersten zwölf Gedichte anonym; durch Umarbeitungen, Erweiterungen und Korrekturen in den folgenden 36 Jahren wuchs das Werk auf fast vierhundert Gedichte an und erfuhr acht weitere Auflagen. Einige Gedichtgruppen erschienen zunächst in Einzelbänden. Durch die komplizierte Text- und Editionsgeschichte dauerte es bis 1980, bevor erstmals eine definitive kritische Ausgabe erschien.
Inhalt: In seinen Gedichten stilisiert Whitman sich selbst als poeta vates und Nationaldichter, als Sänger des amerikanischen Volkes, der amerikanischen Demokratie und des modernen Menschen. Er preist zugleich das große Ganze und das Individuelle; der einzelne Mensch ist Vertreter der gesamten Menschlichkeit und ebenso wie die Natur eine Offenbarung des Göttlichen. Dazu gehört auch die bis dahin in der Lyrik unerhörte Offenheit bei der Schilderung von Sinnlichkeit und Sexualität (Ich singe den Leib, den elektrischen), die Whitman im puritanischen Amerika einige Schwierigkeiten einbrachte. Unter dem Einfluss von Ralph Waldo Emerson (180382) entwickelte Whitman eine pantheistische Naturmystik, in der Körper und Geist, das Selbst und der Kosmos eine untrennbare Einheit bilden. Besonders die frühen Gedichte sind durch eine freudige Selbstbejahung und einen kraftvollen Optimismus in Bezug auf den zu erwartenden evolutionären Fortschritt der Menschheit geprägt.
In seinem Credo Gesang von mir selbst entwickelt Whitman das Bild der Grashalme als zentrales Natursymbol. Es ist »Taschentuch Gottes«, »ein Kind«, »eine einzige große Hieroglyphe«, »Haar von Gräbern« Zeichen des ewigen Kreislaufs der Natur, des göttlichen Rätsels und Stellvertreter des Kosmos: »Ich glaube, ein Grashalm ist nicht geringer als das Tagwerk der Sterne«.
Whitmans spätere Gedichte stehen unter dem Einfluss des Bürgerkriegs (Der Wundpfleger) und der Ermordung Lincolns (O Käpten! mein Käpten!), sind melancholischer und weniger optimistisch im Ton. Dennoch gehören gerade einige diese Texte (Aus der ewig schaukelnden Wiege; Als jüngst der Flieder blühte) zu den bekanntesten der Grashalme.
Aufbau: Whitmans Lyrik ist gekennnzeichnet durch die starke Expressivität und Bildlichkeit der Sprache, den musikalischen Rhythmus und die zahllosen Wiederholungen und Variationen, die den berühmten Whitmanschen »Katalogstil« erzeugen. Durch die freien Verse (Stichwort R S. 1148) ist die Grenze zwischen Prosa und Lyrik fließend. Der Stil ist zugleich hymnisch und episch, orgiastisch und litaneihaft und entspricht so Whitmans Absicht, die »amerikanische Religion« der Demokratie zu verkünden und zu feiern.
Wirkung: Die Sammlung Grashalme hatte zunächst nicht die von Whitman erhoffte Wirkung, obwohl Emerson ihm nach der ersten Auflage einen anerkennenden Brief schrieb. Erst nach der zweiten Auflage fanden die Gedichte größere, wenn auch sehr ambivalente Beachtung. Sowohl die neue lyrische Form als auch der pathetische Ton, vor allem aber die unverhüllte Thematisierung der Körperlichkeit spalteten die Kritiker. Erst spät fand Whitman Anerkennung im eigenen Land, das ihm die Emanzipation der Lyrik von Europa verdankt.
Großes Ansehen genoss Whitman bei den englischen Dichtern Lord Alfred Tennyson (180992), Christina Rossetti (183094) und Charles Swinburne (18371909), auch in Deutschland und Russland war er sehr populär. Direkte Wirkung hatte sein Werk vor allem auf die Lyrik der Beat-Generation (Allen Ginsberg, 192697; Jack R Kerouac). Der Komponist Ralph Vaughan Williams (18721958) vertonte 1910 fünfzehn whitmansche Gedichte zu A Sea Symphony. E. H.
Die Intensität dieses Werks ist so stark, dass eine Strophe schon berauscht, eine Seite schon lebenstrunken macht: in dem kleinsten seiner Gedichte, in einer Zeile ist Whitman ja immer enthalten, so wie ganze Wälder in einem Samenkorn. Aber die volle Breite seines Werkes, die Fülle, Vehemenz seiner Dichtung vermögen in Deutschland jene, denen die Originale nicht zugänglich sind, erst heute kennenlernen ...