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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das Ende aller Illusionen, 19. Oktober 2008
Benedict Wells hat sich das Zepter von Sven Regener gestohlen und seinen eigenen Herr Lehmann geschaffen. Einen frischeren und lebendigeren. Es ist ein unruhiger Sound, der hier weht. Wells schrieb das Buch zwar mit gerade einmal Anfang 20, hat jedoch genug mitbekommen, um über die Sinnkrisen der emanzipierten Becksgeneration 25+, zu schreiben. Sei es, weil er nach dem Abi in Berlin genug Zeit mit solchen Existenzen verbracht hat oder sei es, weil er einen realen Stoff als Grundlage hatte.
Die Geschichte nimmt sich, wie der Protagonist Beck, nie Ernst, erst Recht nicht die Krisen, oberflächlich betrachtet, denn der Autor konfrontiert im Verlauf der Story zunehmend seine Figuren mit ihren eigenen aufgesetzten Ausreden und legt so die wirkliche Enttäuschung und Bitterkeit der Akteure bloß.
Das hier ist kein Paulo-Coelho-Lebe-Deinen-Traum-Buch, sondern ein trotz jedes ironischen Witzes todernstes Werk. Wells erzählt nicht nur eine Geschichte über die Befreiung aus dem monotonen Alltag, sondern entlarvt gleich noch die viel gepriesenen Umbruchsvisionen des Durchschnittsbürgers. "Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten", schrieb Lessing. Wells Motto könnte sein: "Es sind nicht alle frei, die ihre Ketten brechen".
Die Schreibe des jungen Autors besitzt ein extremes und äußerst kurzweiliges Tempo. Der Spannungsfaden reißt zu keinem Zeitpunkt ab. Nur in der zweiten Hälfte des Buches, der B-Seite, verändert er sich. Der Sound wird weicher, wenn der Road Trip beginnt. Wie die Reise selber, treten Natur und Menschen in den Vordergrund - samt ihrer Reflexionen. War das Buch vorher ein schnelllebiger Spaß, so wird es nun nachdenklich. Und über allem weht ein imaginärer Dylan-Sound: "The times they are a-changin".
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13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Der verzweifelte Versuch einer Flucht aus der Mittelmäßigkeit..., 15. September 2008
,Becks letzter Sommer' ist die Geschichte des Enddreißigers Robert Beck und seinem Schüler, Rauli Kantas. Die Geschichte beginnt an einem Punkt, an dem man Becks Lebensentwurf, zumindest aus seiner Sicht, als gescheitert bezeichnen könnte. Er wollte ein gefeierter Rockstar werden und wurde Lehrer. Anstatt ausverkaufte Stadien, organisiert er Literaturcafes und Ausflüge zu Max Goldt Lesungen. Aus seiner früheren Band war er rausgeflogen. Das Einzige was ihm davon bleibt, ist die Freundschaft mit dem ehemaligen Schlagzeuger Charly, einem manisch depressiven, drogenabhängigen Deutschafrikaner und Hypochonder, der jeden Tag davon überzeugt ist an einer anderen schweren Form von Krebs zu sterben. Doch dann erkennt Beck, dass es in den Reihen seiner Schüler einen gibt, der ihm den Weg aus der Mittelmäßigkeit leuchten könnte, wie der Stern von Bethlehem die heiligen drei Könige zum Jesukind - Rauli Kantas, Wunderkind und Musikgenie.
Beck beschließt den Jungen unter seine Fittiche zu nehmen und ihm das zu ermöglichen, was ihm selbst immer verwehrt geblieben war - ein Karriere als Musiker. Von Anfang an nicht selbstlos und schon gar nicht neidlos, versucht Beck den Jungen in die richtige Richtung zu lenken. Vielleicht der schwierigste Part, den Rauli Kantas ist auch nicht ohne Geheimnisse. Was irgendwann unweigerlich zu der Frage führt - Wer manipuliert hier eigentlich wen?
,Sie wollten Musik, ich hatte Musik. Ich wollte Anna, sie hatten sie.' Vielleicht der Satz der die Geschichte zwischen den Beiden am besten beschreibt.
,Becks letzter Sommer' ist ein rasantes Buch über Musik, die Liebe, über unerfüllte Wünsche und Träume, der Frage nach einem Leben nach dem Scheitern und dem Mut aus dem gesicherten Leben auszubrechen, um es vielleicht doch noch einmal zu versuchen. Ein Trip der Sonderklasse quer durch Europa und die Gefühlslagen der Protagonisten. Bis man sich auf ein Ende zu bewegt, das einen bangen lässt auf den letzten Seiten doch noch über die Klippe zu fallen, nur um einen dann fast sprachlos und zugleich tief berührt, mit Tränen glänzenden Augen und einem Lächeln zurück zu lassen. So sieht Hoffnung aus.
Benedict Wells schafft es mit seinen Figuren - nicht nur Beck und Rauli, sondern auch Charly und Lara, die Frau, die Beck zwar hübsch findet, die aber nicht sein Typ ist, aber für die er trotzdem nicht mehr nur der Drei-Monate-Mann sein will, die Kantas Familie, Anna Lind, Grabowsky u.v.m. eine Universum zu schaffen, das einen direkt in seinen Bann zieht. Wobei sein eigener Auftritt dem Buch noch eine zusätzliche, ganz neue, eigene Dimension gibt.
Der Schreibstil des Autors ist spritzig, voller Sprachwitz und passt sich perfekt dem Beat der Geschichte an. Dass das Buch im letzten Drittel für mich die eine oder andere, kleine Länge aufwies kann ich leicht verschmerzen. Es ist ein gutes Buch und ein grandioser Erstling. Ich freue mich darauf, in Zukunft mehr von diesem vielversprechenden jungen Talent zu lesen.
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19 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Von der Unfähigkeit, den dreifachen Salchow zu stehen, 7. September 2008
Robert Beck ist ein 37-jähriger Lehrer an einem Münchner Gymnasium. Deutsch und Musik.
Sein Vater hat an dieser Schule auch unterrichtet, er selbst war hier Schüler. Diese Schule ist sein Leben, das er nicht mag, manchmal auch hasst. Aber - es bietet Sicherheit und jeden Monat zuverlässig Geld auf dem Konto. Mit dem Kopf ist Beck Lehrer, aber mit dem Herzen Leadsänger in einer, seiner, Rockband. Hendrix, Cocker. Lange her. Songs schrieb er auch. Seine Gitarre fasst er nur noch selten an. Das Privatleben plätschert so eben dahin. Kein großer Plan dahinter. Laue Beziehungen und Phasen des Alleinseins häufen sich. Schülerinnenfantasien. Figurprobleme und zunehmende Trägheit. Viel Fastfood, viel Fernsehen, kein Sport. Aber einigermaßen disziplinierte Lehrkraft, das immerhin.
Als er in seinem Schüler, dem siebzehnjährigen Rauli aus Litauen, das Zeug zu einem Wunderkind und Rockstar erkennt - die E-Gitarre beherrscht er sagenhaft - erwacht Beck aus seiner emotionalen Erstarrung. Er hat es nicht geschafft, seine Träume zu verwirklichen, aber diesen Jungen wird er zu einer fulminanten Karriere verhelfen. Und er wird sein Manager.
Leider ist die Welt aber nicht so, wie Beck sie gerne hätte. Rauli ist bei weitem nicht so leicht lenkbar, wie er sich das wünscht. Außerdem hat er eine schwer durchschaubare Familie, bestehend aus Bruder und Vater, im Schlepptau. Die Musikbranche besteht immer noch aus ausgebufften Typen, die ihn ausbooten und seine neue Freundin Lara stürzt ihn in Gefühlsverstrickungen, die er kaum entwirren kann. Außerdem gibt es da noch Charlie, seinen einzigen Freund aus gemeinsamen Musikertagen, der mit Hilfe von allerlei Drogen versucht, endlich zu sich selbst zu finden und sich dabei verliert. Beck und Rauli begleiten ihn auf einen Trip in die Türkei, den keiner von ihnen je vergessen wird, solange er lebt. Schon wegen der Beschreibung dieser Reise lohnt es sich, diese Story zu lesen.
Das Buch erzählt eine Geschichte über Möglichkeiten, wie man Leben kann, wenn man die Fähigkeiten, die man braucht, um so leben zu können, wie man will, nicht hat. Genialität, der Griff nach den Sternen, hat seinen Preis; genauso, wie die Einsicht, dass man vielleicht noch nicht einmal Mittelmaß ist und trotzdem einen Weg finden muss, um einigermaßen mit sich in Frieden existieren zu können. Ist das im Sehnsuchtsland Italien leichter zu verwirklichen als sonst irgendwo?
Das Debüt von Benedict Wells ist lesenswert, Ich fühlte mich gut unterhalten. Allerdings ist der junge Autor vom Schülersein noch nicht weit genug entfernt, dass er sich die Seitenhiebe (mir macht ihr nichts vor, ich habe euch durchschaut, ich weiß genau wie ihr funktioniert) auf die Lehrerzunft verkneifen kann. Seine Seite ist tendenziell immer noch die des - aufgeweckten - Schülers. Und dass es lebenswertes Leben jenseits der Dreißig gibt, darf er in nicht allzu ferner Zukunft hoffentlich auch erfahren. Vielleicht lesen wir bis dahin noch mehr von ihm? Die Richtung stimmt.
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