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5.0 von 5 Sternen
Die Maske vom Gesicht gerissen, 31. Mai 2003
Antoine führt seit Jahren mit dem Vater gemeinsam das elterliche Restaurant. Seine Brüder wollen damit nichts zu tun haben. Ferdinand, heute Richter, hat sich als Kind schon des elterlichen Bistros in der Nähe der Markthallen geschämt. Für Bernard, den schwätzenden Trinker, der sich immer kurz vor dem großen Geschäft wähnt, das nie zustandekommt, ist die Arme-Leute-Gegend auch nicht das, was er sich vorgestellt hat. Plötzlich stirbt der Vater. Da es kein Testament gibt, stellt sich die Frage, wer bekommt was, und Antoine läßt blauäugig die Bemerkung fallen, anspruchslos, wie der Vater gelebt habe, müsse er eine Million hinterlassen haben. Das ist das für Simenon typische Ereignis, das das Leben aller auf den Kopf stellt und nichts mehr so sein läßt wie vorher. Alles, worauf man bisher zählen konnte, gilt nicht mehr. Antoine erkennt seine Brüder nicht mehr wieder. Der tote Vater liegt noch im Haus, als der verbissene Kampf längst im vollen Gange ist. Wie kein Zweiter versetzt sich Simenon in seine Figuren hinein und reißt ihnen die Maske vom Gesicht. Der Richter, der die Anprüche seiner Frau nicht erfüllen kann, macht sich selbst vor, nur für sie ums Erbe zu kämpfen, Bernard, der ebenfalls nicht im Traum daran gedacht hat, das Restaurant selbst zu führen, also an sechs Tagen in der Woche um fünf aufzustehen, um in den Hallen einzukaufen, und bis Mitternacht zu arbeiten, stellt hemmungslos den Bruder als denjenigen dar, der sich heimlich bedient hat. Sie ermitteln in Rekordgeschwindigkeit einen Banksafe, auf dessen Öffnung die Handlung zuläuft. Gemeinsam müssen sie mit dem Schlüssel zur Bank gehen, jeder dem anderen mißtrauend - die Lächerlichkeit der Situation bemerkt lediglich der junge Neffe Jean-Loup, der, unbeteiligt, erstmals gezwungen ist, sich mit seiner Familie zu befassen und verstehen lernt, was ihn von ihr trennt. Bei der Öffnung des Tresors hat Simenon für die Streitenden und Leser eine Überraschung parat.Zu recht wurde dieser Roman anläßlich seines 100. Geburtstages mit einigen anderen aus den ca. 130 Non-Maigret-Romanen hervorgehoben. Mit nur wenigen Worten vermag Simenon seine Figuren zu kennzeichnen und wiederzugeben, was sie bewegt, und eine solche Spannung aufzubauen, daß einem schon nach den ersten Sätzen bedauernd einfällt, daß man nicht die Zeit haben wird, in einem durch bis zum Ende zu lesen. Geradezu magisch versteht er es, den Leser in die Welt seines Romans hineinzuziehen. Es ist weniger ein Roman über den Tod, sondern über das Brüchige der verlogenen Fassaden, die schon angesichts einer vagen Aussicht auf etwas Vermögen einstürzen - sie wissen niemals, ob überhaupt etwas zu erben sein wird, die Hoffnung wird ausschließlich von der Bemerkung Antoines genährt. Bisher dachten sie immer, mit dem einfachen Restaurant sei kein Staat zu machen. Die Sympathie gehört eindeutig Antoine und seiner Frau Fernande, die lange Zeit Probleme hatte, von der Familie akzeptiert zu werden - sie verstellen sich nicht und sind so einfach, wie im Grunde die ganze Familie; aber Antoine und Fernande sind die einzigen, die bei sich sind, sich und anderen nichts vormachen und so etwas wie Glück ausstrahlen. Das wird ihnen auch über die Erkenntnis hinweg helfen, bislang, ohne es bemerkt zu haben, in einer verlogenen Familie gelebt zu haben, in der niemand dem anderen etwas gönnt und jeder sich selbst der nächste ist. Aber sie haben sich, so wie sie sind, sie brauchen keine Anstrengungen zu unternehmen wie der brüderliche Richter, der mit seinem Einkommen die Anprüche seiner Frau nicht befriedigen und sich ihrer daher alles andere als sicher sein kann, ganz zu schweigen von Bernard, der sein erfolgloses Streben - wonach eigentlich - bereits seit langem im Alkohol ertränken muß.
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