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Die Gedankenmodelle der Ökonomie beherrschen die Sozialwissenschaften. Die vollständige Ökonomisierung der Welt wird Realität. Frank Schirrmacher spricht von "ökonomischem Imperialismus". Unterstützt wird dieser Eroberungsfeldzug durch ausgefeilte Strategien (Spieltheorie), die kluge Physiker und Mathematiker während des Kalten Krieges aus Gründen der militärischen Abwehr entwickelt und in Computerprogramme gegossen haben.

Die zugrunde liegenden Ego-Strategien werden heute in weiterentwickelten Programmen u.a. an der Börse verwendet und bewirken, dass der Mensch sich den implementierten Regeln unterwirft und auch unterwerfen muss. Es entsteht eine auf Egoismus beruhende Eigendynamik, die nicht mehr kontrollierbar ist, zumal wir es mit Unternehmen als (Evolutions-)Akteuren zu tun haben. Systeme formen zunehmend den Menschen.

Autor Schirrmacher wählt für sein Anliegen eine Erzählform, die es dem interessierten Leser nicht leicht macht, seine Botschaft zu verstehen. Zweifelsohne ließe sich das Thema verständlicher und kürzer fassen, als in einer Mischform aus Sachbuch, Roman und Science Fiction. Es ist kein Zufall, dass Erinnerungen an Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" und andere gesellschaftskritische Werke wach werden. Schirrmacher warnt vor einem gesellschaftlichen Horrorszenario.

Die Struktur des Buches erinnert an ein Hologramm. Im ersten Kapitel wird eine Facette des Problems unscharf formuliert und jedes weitere Kapitel führt dazu, dass das Gesamtbild an Kontur gewinnt, ohne jedoch wirklich scharf zu werden. Es ist kein stringenter Aufbau erkennbar, sondern Schirrmacher springt von Kapitel zu Kapitel, wiederholt sich, lässt historisches Wissen einfließen und skizziert ein düsteres Gesamtbild.

Der Mensch wird Opfer seiner eigenen Techniken und Strategien. Die Ökonomisierung hat gesiegt. Kann dieses Szenario durchbrochen werden?

M.E. muss sich das Individuum über Systeme bzw. digitale Entscheidungsfindungen hinwegsetzen, wieder Mensch werden. Das impliziert bewusste Entscheidungen gegen optimierte Ego-Strategien, ein Aufbegehren gegen computergestützte geistige Armut. Der Preis dafür ist hoch, er besteht in Irrationalität und Angreifbarkeit.

Schirrmacher will durch dieses (leider schwer verständliche) Buch aufrütteln, Diskussionen in Gang setzen. Es ist eine Mahnung.
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Er ist wieder da. Frank Schirrmacher hat es wieder ganz nach oben geschafft auf die Bestsellerlisten: Zwischen „Crossfire“, „Fit ohne Geräte“ und „Shades of Grey“ sein neuer Wurf in den Debatten-Ring.

Viel wurde und wird er angefeindet als Citizen Kane des bundesrepublikanischen Hochfeuilletons, regelmäßig verspottet für seine apokalyptische Rhetorik, die immer den Eindruck erweckt, dass hier und heute ein neues Zeitalter beginnt – und wir hätten es nicht gemerkt, wenn FS es uns nicht gesagt hätte. Dieser Sound ist längst jenseits von Gut und Böse: ein Markenzeichen.

Die Finanz-, Banken- und Börsenkrisen haben vielfach zur bürgerlichen Zerknirschung geführt. Die Linke habe „in vielem Recht gehabt“ in ihrer Kritik am Neoliberalismus, verkündete Schirrmacher vor einiger Zeit. Das Feuilleton der FAZ, dem er vorsteht, scheint im Zeichen der Krisen zumindest in den politischen Wallungswerten eine Wende zu vollziehen: von Carl Barks zu Karl Marx, könnte man verkürzt sagen. Kaum verwunderlich jedenfalls, dass sich jetzt schon Jakob Augstein an Schirrmacher ranschmust.

„Ego“ setzt diese Linie fort: Es ist eine Art Beinahe-Verschwörungstheorie, deren Reiz wie üblich bei Verschwörungstheorien darin besteht, dass sie Tatbestände und Ereignisse nicht im Allerweltlicht erscheinen lässt, sondern durchscheinend macht für eine Hinterwelt ominöser Strippenzieher. Kurz gesagt: In den fünfziger Jahren, „in der Kälte des Wettrüstens“, wurde „von Militärs und Ökonomen“ ein Menschenbild entworfen, eine neue Ausformulierung der alten Idee des „Homo oeconomicus“ – der Nutzenmaximierer, der Mensch der Spieltheorie, der immer auf seinen Vorteil bedacht ist, nichts als sein eigenes Interesse verfolgt, der sich auf eine Formel bringen lässt.

Inzwischen habe „Nummer 2“ (so Schirrmachers Formel für diese Modell-Kreatur) längst die Denkfabriken verlassen und sei wie ein Monster-Parasit ins wirkliche soziale Leben eingedrungen. Die neoliberale Ökonomie, die Börsen, die Computerisierung, das Internet, an dem wir hängen – alles Teil des Verhängniszusammenhangs, der Arbeits- und Freizeitwelt erfasst hat.

Das klingt halb faszinierend, halb an langen Haaren herbeigezogen. Wichtiger ist, dass Schirrmacher auf dieser Grundlage detailliert und polemisch eine „schöne neue Welt“ an die Wand malt, in der die Menschen immer berechenbarer und manipulierbarer werden. Das ist nicht neu, aber hier werden vielfältige Aspekte der Entwicklung interessant dargestellt. Nur ein Zitat über die Floskel des "lebenslangen Lernens": „So ist 'lebenslanges Lernen', das so ausgeruht und beschaulich klingt, oft genau das Gegenteil dessen, was man damit verbindet: die Fähigkeit, ständig zu verlernen, an was man noch gestern geglaubt hat, auch seine eigene Identität.“

Schirrmacher macht zudem aufmerksam auf hierzulande wenig bekannte Theorien und Diskurse, die vor allem im angelsächsischen Raum eine wichtige Rolle spielen. Dass Bram Stokers Vampir-Klassiker „Dracula“ eine Menge mit den Finanzmärkten des späten 19. Jahrhunderts zu tun hat – dergleichen sind Schlaglichter, die Schirrmacher in jedem Kapitel einstreut und die ich interessant finde.

Ich erwarte von diesem Autor keine abgehangene Wissenschaftsliteratur, in der jeder Satz abgesichert ist. Das können andere besser. Schirrmachers Bücher sind Provokationen, suggestive Beschwörungen, wuchernde, verwilderte ESSAYS im Sinn des Versuchs und des Versucherischen. Es sind Argumentationsphantasien, die mit Bildern und Gedankenspielen arbeiten und sich von Stapeln aktueller, aber oft entlegener Sach-Literatur und vielen Gesprächen mit bedeutenden Zeitgenossen, zu denen man als FAZ-Herausgeber Gelegenheit hat, inspirieren lassen zu Assoziationsketten und verwegenen Fortschreibungen. Manches wirkt aufgeblasen, manches unsinnig, dann aber werden wieder faszinierende, erhellende Schneisen durch den beängstigenden Wirrwarr heutiger Existenz geschlagen. Anregend und herausfordernd soll es sein – und das ist es.
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am 20. Februar 2013
Es ist fast 80 Jahre her, dass Stefan Zweig in einem Essay "Die Monotonisierung der Welt" beklagte: "Alles wird gleichförmiger in den äußeren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. Die individuellen Gebräuche der Völker schleifen sich ab.[...] Immer mehr scheinen die Länder gleichsam ineinandergeschoben, die Menschen nach einem Schema tätig und lebendig, immer mehr die Städte einander ähnlich." Dieses "Ineinanderschieben der Kulturen" dechiffrierte Zweig an der Mode, dem Tanz, dem Kino und stellte fest, dass Erfindungen wie das Kino und das Radio "nur einen Sinn haben: Gleichzeitigkeit." Dieser Essay, der sich aus heutiger Sicht beklemmend hellsichtig liest, hatte nicht annähernd den Erfolg, den Stefan Zweig mit seinen Erzählungen und Künstlerbiographien erzielte. Offenbar lassen wir Menschen uns nur höchst ungern nachsagen, dass wir immer uniformer werden.
Das erklärt auch zu einem großen Teil die gereizten Reaktionen auf Schirrmachers neues Buch. Denn 78 Jahre nach Stefan Zweigs Diagnose spürt hier wieder ein Autor einer Uniformierung des Denkens und Fühlens nach, die für jeden, der nicht mit Balken vor den Augen durchs Leben läuft, sichtbar ist: Die Menschen richten sich auf Erfolg um jeden Preis ab, sie organisieren ihr Leben mehr und mehr nach ökonomischen Gesichtspunkten und versuchen sich psychisch und physisch zu optimieren, oder wie es gleich der erste Satz provokativ darlegt: "Wir sind alle wahnsinnig unkompliziert geworden." Spüren muss es eigentlich jeder, aber die Gründe dafür zu finden ist schwer.
Ein großes Verdienst dieses Buches ist es, dass sein Autor sich der Mühe unterzogen hat, die ganze amerikanische Wirtschaftsliteratur (etwa "Überfluss", die 'Bibel' der Silicon-Vallaey-Macher) , die - mit teilweise staunenswerter Offenheit - die Nivellierungsrezepte der neuen Ökonomie ausplaudert, gesichtet und ausgewertet hat. Genau für diese Arbeit scheint sich ein großer Teil der deutschen Intelligenz in den letzen zwei Jahrzehnten zu schade gewesen zu sein, sonst hätte man es eher merken müssen, was auf uns zukommt: zum Beispiel Googles neueste Erfindung, die Datenbrille Google Glass, "die Apps anziehen wird, die die Authentizität des Lächelns und die Botschaft der Körpersprache entziffern" (S. 253). Es ist daher nachvollziehbar, dass für für den Autor von "Ego" der literarische Urtext für unsere Zeit Huxelys "Brave New World" und nicht Orwells "1984" ist. Die Beweise, die Schirrmacher für seine grundlegende These, dass Denkmodelle des Kalten Krieges auf amerikanischer Seite nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus auf die Finanzmärkte übertragen wurden und dabei in Computer-Algorithmen eingingen, wodurch sie besonders wirkmächtig wurden, sind erdrückend. (Zumal diese Kontinuität ja auch auf personeller Ebene aufgezeigt wird). Dabei kamen mit der Spieltheorie Denkmodelle zur Anwendung, die die Wirklichkeit, die sie zu beschreiben vorgaben, überhaupt erst schufen. Es wurde so sehr davon ausgegangen, dass der Mensch ausschließlich von Eigennutz getrieben wird, dass auch Menschen, die eigentlich eher auf Kooperation bedacht waren, schließlich von diesem Modell erfasst worden sind. Der Informationskapitalismus ist damit in "die Ära selbsterfüllender Prophezeiungen" eingetreten. Und die Staaten, die den sich immer mehr verselbständigen Finanzmärkten hilflos hinterhecheln, spielen nur noch Souveränität, wie hier an mehreren Beispielen demonstriert wird.
So beklemmend es ist, diesen Nivellierungsprozess nachzuvollziehen, dem wir alle unterworfen sind, so unterhaltsam, ja, man traut es sich kaum zu sagen: kurzweilig, ist die Lektüre auch; erstens wegen der vielen zündenden, prägnanten Formulierungen ("Man muss sich die Voltaires oder La Mettries, die Friedrich sich an seinen preußischen Hof holte, immer auch wie die McKinseys des 18. Jahrhunderts vorstellen", S. 120, !), zweitens, weil immer wieder interessante Nebenerkenntnisse, Anekdoten und Informationen zu verwandten Phänomen abfallen (etwa über das von der Industrie bewusst in die Produkte eingebaute vorzeitige Veralten oder über das Aufkommen der Automaten, von Diderot "Androiden", genannt, ab 1738; über einen hundert Jahre lang nicht bemerkten sachlichen Fehler in Defoes Robinson Crusoe-Roman; über das seltsame Revival von Vampiren und Alchemie in der gegenwärtigen Unterhaltungsindustrie).
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Über die Manipulation der Seele durch 'digitale Alchemie', 'Zerlegung des menschlichen Selbst zum Zwecke besserer Ausbeutung', über die 'Mechanisierung des Menschen', die globalen Finanzmarktkörper, 'Marktstaaten' und die 'Mathematik des Eigennutzes'

Beurteilt nach der Menge der Informationen, die dieses Buch vermittelt, verdient es fünf Sterne, denn das Thema, das Schirrmacher zur Diskussion stellt, ist brisant. Der Titel deutet an, dass es sich um 'das Spiel des Lebens' namens 'Ego' handeln wird. Ich kenne diesen Begriff aus der Psychologie im Sinne von 'Egospielen' die auf dem Spielfeld der Beziehungen gespielt werden. Da wird Ego als ein Teil unseres Bewusstseins definieret, der sich auf Kosten anderer durchsetzen, sie kontrollieren und beherrschen will. Doch Schirrmacher gebraucht dieses Begriff in einem abgewandelten Sinne. Er versteht unter EGO einen virtuellen 'Doppelgänger' des Menschen, den er Nr 2. nennt, ein Wesen, das sich aus einem spieltheoretischen Modell entwickelt hat, das langsam die Kontrolle über den 'wahren Menschen' übernimmt und ihn, uns, in seelenlose Ego-Maschinen verwandelt, für die nichts zählt außer Nutzen und Profit.

Laut Schirmmacher kam die Spieltheorie beim Kalten Krieg zum Einsatz. Nach Wikipedia ist die Spieltheorie ein Teilgebiet der Mathematik und wird zu den Wirtschaftswissenschaften gerechnet. Sie modelliert Entscheidungssituationen, 'in denen der Erfolg des Einzelnen nicht nur vom eigenen Handeln, sondern auch von den Aktionen anderer abhängt'. Logisch, dass sie in allen Konkurrenzsituationen zum Einsatz kommen kann, bei denen es um den Sieg geht: sei es der Kalte Krieg, sei es der Krieg auf der Börse oder in einem Kaufhaus. Denn im Grunde genommen trägt jeder von uns durch seine Entscheidungen zum 'Sieg' oder zur 'Niederlage' anderer bei (z.B. wenn ich mich entscheide, 'Spiegel' zu kaufen, 'siegt' 'Spiegel', entscheide ich mich für 'Bild', siegt 'Bild'), also sind wir alle - ob wir es wollen oder nicht - in 'Spiele' involviert, bei denen der Wohl anderer von unseren Entscheidungen abhängt, was letztendlich darauf hinausläuft, dass wir für andere 'Gegner' sind, die es auszutricksen gilt. Doch es ist nicht so einfach, zu wissen, was der andere denkt, was er vorhat, was er will, welche Entscheidungen er treffen wird, denn Menschen sind irrationale Wesen, deren Entscheidungen nur zu einem geringen Teil bewusst getroffen werden. Das stellt für unsere 'Gegenspieler' ein Problem dar, denn dadurch wird unser Verhalten im wörtlichen Sinne 'unberechenbar'. Ein Problem, das unlösbar erschien, bis 'man' auf die Idee kam, die das zentrale Thema dieses Buches darstellt: statt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was der Gegner als Nächstes tun wird, müsse man sein Verhalten so programmieren, dass es rational, d.h. berechenbar wird. 'Wenn man annahm, dass jeder Mensch seinen eigenen Vorteil sucht, konnte man sein Verhalten mathematisch bestimmen'. 'Alle Probleme mit dem Unsicherheitsfaktor 'Mensch' lösen sich in Wohlgefallen auf, wenn man zwingend annimmt, dass er bei dem, was er denkt und tut, immer nur an seinen eigenen Vorteil denkt'.

Das Ziel, den Menschen dazu zu bringen, seine Entscheidungen nach dem Prinzip des 'Eigennutzes' zu fällen, um ihn berechenbar zu machen, kann auf eine traditionelle Art und Weise erreicht werden, durch Indoktrination, Gehirnwäsche und Manipulation, aber auch 'mithilfe von Technologien, die einem ihre Spielregeln aufzwingen'. Als ich das las, da fielen mir die modernen Computerspiele ein, die besonders gut dazu geeignet sind, unser Verhalten zu modellieren. 'Wer sich bei Computerspielen in digitale Figuren (Avatare) versetzt, der ändert auch im realen Leben sein Verhalten', denn er macht seine Eigenschaften zu eigen: emotionale Kälte und rigides Verhalten, denn das seien 'die Charakteristika der meisten roboterhaften Avatare in den Rollenspielen' 'Generell ist es so, dass man das Verhaltensmuster aus der virtuellen Welt einübt.' (nach Prof. Ulrich Wagner in: Anna Ernst WAZ 3.1..2013).

Das ist auch der Tenor des Buches von Schirrmacher: das Ziel der Politik und der Ökonomie sei es heutzutage, uns in vernünftige, 'rationale' kaltblütige Spieler zu verwandeln, deren Verhalten sich durch Algorhythmen erfassen und voraussagen lässt. Wie es scheint, ist dieser Plan aufgegangen. Heute ist der egoistische 'homo oeconomicus' weit verbreitet, er lebt er unter uns, und niemandem fällt auf, dass er 'unmenschlich' ist (Lynn A. Stout, Expertin für Finanzmarkregulierung, nannte ihn einen Soziopathen), denn die Haltung, die er repräsentiert, wird allgemein gefördert und gilt heutzutage als Zeichen der psychischen Gesundheit. Über diesen Menschen ' den Schirrmacher 'Nr.2' nennt -, der zunehmend Kontrolle über uns übernimmt und unsere Transformation in 'vernünftige' 'Ego-Maschinen' vorantreibt, handelt dieses Buch. Dafür hätte 'Ego Das Spiel des Lebens' glatte 5 Sterne verdient. Hätte. Denn wie interessant sein Inhalt auch sein mag, es ist schlecht geschrieben. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, denn Schirrmacher ist ein erfahrener Journalist gewesen, doch nachdem ich 'Ego' gelesen habe, muss ich den Autoren der negativen Rezensionen Recht geben: obwohl Schirrmacher über ein profundes Wissen darüber verfügt, worüber er schreibt, und Meister der deutscher Sprache ist, ist dieses Buch nicht druckreif:

Es enthält zu viele nicht zu Ende gedachten Gedanken, Gedankensprünge und Wiederholungen, ich vermisse darin eine klare Linie und einen logischen Aufbau der Kapitel, das Buch ist mit Informationen überfrachtet, die den Rahmen des anvisierten Themas sprengen, es enthält zahlreiche Anspielungen an Menschen und Ereignisse, deren Kenntnis Schirrmacher bei seinen Lesern nicht voraussetzen durfte, weil sein Buch an Laien gerichtet ist' Ich habe bei der Lektüre dieses Buches oft das Gefühl gehabt, dass Schirrmachers Gedanken schneller waren, als seine Fähigkeit (oder Lust), ihnen eine klare Form zu verleihen, er überschlug sich oft, ließ eine Idee fallen und ging direkt zu einem anderen Thema über. Schön und geistreich geschrieben, aber schwer zu lesen. Warum hat Schirrmacher all diese Fehler begangen? Um - seinen bevorstehenden Tod ahnend - möglichst viel zu sagen, bevor es zu spät wird? Ich habe keine Ahnung. Wichtig ist, dass es ein gut recherchiertes Buch ist, das es verdient, empfohlen zu werden, denn trotz seiner Schwächen ist es ein Augenöffner, der uns dringend auf die Gefahren des Informationsimperialismus aufmerksam macht und alle, die bereit sind, sich auf seine Gedanken einzulassen, gegen den Verlust der Seele impft. Ilona Banet
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am 5. September 2014
Dieses Buch ist ein hartes Stück Arbeit. Wer bequemen Wissenstransfer erwartet, wird unweigerlich enttäuscht.
Wer sich jedoch nicht scheut, mit den Argumenten des Autors zu ringen, ihm des Öfteren lauthals zu widersprechen, das Buch ab und zu frustriert in die Ecke zu schleudern, nur um es dann wieder aufzunehmen, weil man vielleicht doch ein Körnchen tiefer Wahrheit entdeckt - kurz, wer kämpfen will für den eigenen Erkenntnisgewinn, der kommt hier ganz auf seine Kosten.
Denn dieses Buch provoziert mit seinen Hypothesen und Querverbindungen, die so vielfältig sind wie spekulativ, aber gerade deswegen zum Denken anregen.

So ist die Kernthese eine aufkommende Schizophrenie des Menschen, der nun nicht mehr allein sein Handeln bestimmt, sondern beeinflusst wird von einem ihm angezüchteten Alter Ego - „Nummer 2“
Wie Mephistopheles, manipuliert er durch Ratschläge der Praktikabilität und der Nützlichkeit die Geschicke des Menschen, der dadurch aber immer weiter entfremdet wird.
Schuld daran sind (mal wieder) die Computer, oder besser die Computermodelle, welche die Welt um uns herum berechnen und bewerten. Diese sind inzwischen nämlich so mächtig, dass wir uns ihrem Einfluss kaum noch entziehen können. Um ihre Vorteile zu genießen, müssen wir, um mit ihnen zu verschmelzen, einen Teil unserer Menschlichkeit aufgeben und so werden, wie die Maschine es von uns verlangt.
Dumm nur, dass diese Maschine annimmt, dass wir totale Egoisten sind. Und so werden wir das dann auch - eine sich selbsterfüllende Prophezeiung.

Wie jedes gute Drama, hat auch dieses einen Bösewicht bzw. gleich mehrere davon, eine ganze Berufsgruppe sogar: die Quants. Diese in der Physik geschulten Ehrgeizlinge, waren nach dem Kalten Krieg gelangweilt und haben sich schnurstracks zur Wallstreet aufgemacht, um sie mit ihren grandiosen Ideen zu erleuchten. Von den Türmen der Finanzindustrie, jedoch, schauten sie auf die Welt hinab und waren frustriert über das Chaos und die Unordnung. Also schufen sie mächtige mathematische Modelle, um sie besser zu verstehen und beherrschen zu können. So wurde die Welt zu einem gigantischen Datennetz, der Mensch, darin gefangen, reduziert auf eine paar Algorithmen, und das ganze Leben wurde zum Optimierungsproblem.

Ob man den Erklärungen des Autors nun begeistert zustimmt oder sie mit lautem Gelächter beiseite wischt, dieses Buch lässt einen nicht kalt. Vorausgesetzt natürlich, man macht sich die Mühe es zu verstehen.
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am 28. März 2013
Ego: Das Spiel des Lebens

Als „bahnbrechend“ wird Frank Schirrmachers neuestes Buch „EGO“ im Klappentext des Verlages qualifiziert. Da darf der Leser bedeutendes Neues zu lesen hoffen. Wird solche Erwartung durch den Autor, der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist, erfüllt?
Zur Absicht des Buches schreibt Schirrmacher selbst: „Es wurde ausgelöst von der Krise, aber nicht von ihren ökonomischen Erscheinungen, sondern von ihren gesellschaftlichen. Die Krise ist nur ein Symptom. Sie zeigt die Instabilität nicht nur von Märkten, sondern von Gesellschaften, in denen Gesellschaften wie Märkte und Menschen als ‚homo oeconomicus‘ organisiert werden. In meinen Augen: der erste Fall eines Systemversagens der Informationsökonomie.“
Das klingt, sieht man einmal von dem Begriff „Informationsökonomie“ ab (an anderer Stelle spricht Sch. von „Informationskapitalismus“ und meint damit das heutige, computergestützte, hochgradig datenverarbeitende ökonomische System), nach Analyseergebnissen, zu denen Karl Marx schon vor zirka 150 Jahren gekommen war. Zwar ist dieser dem Autor kein Unbekannter, dies aber wohl nur dem Namen nach. Sein eigentliches Werk scheint der nicht zu kennen, zumindest nicht verstanden zu haben. Das ist für die Frage, um die es hier geht, umso bedeutungsvoller, als Marx ja bekanntlich nicht nur das kapitalistische System und seine zu Krisen führenden Widersprüche überhaupt erklärte. Auch die Entfremdung des Menschen im kapitalistischen Reproduktionsprozess ist ein, wenn nicht das zentrale Thema Marxschen Denkens und Philosophierens.
Auch Frank Schirrmachers vorliegendes Buch kreist, dem Wesen nach und im Wesentlichen, um dieses Problem. Denn die Entfremdung betrifft seit geraumer Zeit nicht mehr vor allem das Proletariat als unterdrückte Klasse, sondern hat, auf ganz neue Weise, quasi die ganze menschliche Gesellschaft erfasst, über alle sozialen und Ländergrenzen hinweg. Der Mann vom Blatt des Großbürgertums hat eine beeindruckende Menge an Informationen über Tatsachen und Meinungen – vor allem die Ablösung menschlicher Entscheidungen durch blitzschnelle, computergestützte Datenberechnungen mittels mathematischer Modelle auf der Grundlage der Spieltheorie betreffend – gesammelt und journalistisch meisterhaft zu einem systemkritischen Sachbuch verarbeitet.
Die Botschaft: Nach dem Ende des Kalten Krieges seien dessen geistige Strategen vom militärischen Kampffeld in die Ökonomie, vorzugsweise ins Bank- und Finanzwesen gewechselt. Es waren Physiker und Mathematiker, die nun auch in diesem Bereich auf der Grundlage der Spieltheorie mathematische Modelle konstruierten, ausgehend von dem Axiom, „dass jeder eigennützig handelt und den anderen reinlegen will. Wer das akzeptierte, handelte vernünftig.“ Die Folge war, dass seitdem auch die Ökonomie von „Mensch-Maschine-Mischwesen“ beherrscht wird. In diesem System sei das rationale Individuum eine Rechenmaschine. Es sei „reduzierbar auf das, was es egoistisch will und wählt, seine sogenannten Präferenzen, und die lassen sich mathematisch berechnen. Die Formalisierung der Ökonomie durch mathematische Formeln … erlaubt, dass man Individuen tatsächlich nur noch als ‚mathematische Objekte sieht‘“. Solche Annahmen über den Menschen seien auf eine derart radikale Weise vereinfachend, dass „‘das Individuum auf den Punkt eines Nichts heruntergebrochen wird, mit Ausnahme der Eigenschaft seiner automatenhaften Präferenzen.‘“ Hier, wie in den meisten Fällen, zitiert Schirrmacher aus der englischsprachigen Literatur.
Das Problem sieht der Autor gar nicht in den simplifizierten Modellen, sondern darin, dass „diese Modelle die Wirklichkeit codieren und dadurch selbst wirklich werden. Und nicht nur das: sie entscheiden darüber, was rational ist und was nicht.“ An anderer Stelle wird auch von selbsterfüllenden Prophezeihungen gesprochen. Es seien Modelle, die nicht nur auf das Verhältnis zum Gegenspieler zielen, sondern auf das Verhältnis des Menschen zur Welt.
Das mag sein. Doch was ist daran neu? Etwa, wie Schirrmacher meint, „dass jetzt ausschließlich die egoistische Motivation zählte und dass in ihrem Bilde eine ganze Gesellschaft modelliert werden sollte“? Entspricht nicht die ganze geschichtliche Realität des Kapitalismus, einschließlich der ihm geschuldeten zwei Weltkriege, des nationalen Egoismus‘ und des Völkerhasses, bekanntermaßen diesem ausschließlichen Egoismus?
Allerdings: die elektronische Verarbeitung riesiger Datenmassen und der Einzug der Mathematik in die „Planung“ von Modellen eröffneten der Jagd nach Profit und der Manipulation des Menschen in seinem Verhältnis zur Welt natürlich neue Möglichkeiten – so wie jeder wissenschaftlich-technische Fortschritt in der Vergangenheit. Doch es ist eben der gleiche Egoismus als treibende Kraft! Diesen Egoismus nicht auf die Verabsolutierung des Privaten und der bedingungslosen Freiheit des Individuums im bürgerlichen Bewusstsein zurückzuführen, gehört zu den wesentlichen Schwächen des hier besprochenen Buchs. Gerade mit einer dialektisch ausgewogenen Betrachtung des Verhältnisses von Privatem und Gesellschaftlichem unter den heutigen technisch-ökonomischen Bedingungen hätte Bahnbrechendes vollbracht werden können. Denn die Frage, die sich Politiker heute zur Krisenbewältigung zu stellen und zu beantworten haben, müsste lauten: Was ist noch Privatsache von Personen, und wo beginnt etwas, öffentliche, Angelegenheit von gesellschaftlichem Interesse zu werden? Wo müssen zum Beispiel heute die Grenzen für Privatvermögen, für Lohn- und Einkommensrelationen, für Handlungsbefugnisse, -spielräume usw. liegen, damit die menschliche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit ökonomisch-ökologisch, sozial und politisch aus der Krise und in einen Zustand des Gleichgewichts kommt? Es sind Fragen, die wissenschaftlich fundiert zu beantworten wären und sicherlich zu bedeutenden rechtlichen Konsequenzen führten. Niemand möge sagen, das sei alles Utopie, die Welt sei (noch) nicht so weit! Die Krisen und Konflikte machen deutlich, dass die Welt für Veränderungen überreif und dass neues Denken in neuen Dimensionen dringend angesagt ist.
Statt solche Anstöße zu geben beklagt Frank Schirrmacher „die Ära selbsterfüllender Prophezeiungen“, in die wir längst eingetreten seien. Und er warnt vor der Gefahr, dass dies erst der Anfang einer Zeit der „künstlichen Monster“ sein könnte, dass „Maschinen die Kontrolle über unsere Welt übernehmen“. Mehr ist in bzw. von der bürgerlichen Welt wohl nicht zu erwarten. Denn: Ein Systemfehler des Ausmaßes, mit dem wir heute zu tun haben, müsste zwar, nach Schirrmachers Ansicht, „eine große Revision einleiten“, aber das ganze wissenschaftliche Gebäude sei zusammengebrochen (hier beruft er sich auf Alan Greenspan), die Beteiligten jedoch davon völlig ungerührt, ohne Selbstkritik, ohne Zweifel. Es ist eine Klage über den „verantwortungslosen Wissenschaftler“ mit den Fähigkeiten eines Autisten, der ein Monster erschuf.
Eine der Grundfragen unserer Zukunft wird sein, so der Autor, „wozu wir die Maschinen erziehen, ehe sie nicht nur in automatisierten Finanzmärkten, sondern auf allen Gebieten so erwachsen geworden sind, dass sie uns selbst erziehen.“ Und an welchen Ausweg denkt Schirrmacher da? Nach Lage der Dinge könne er nur darin bestehen, „die Ökonomisierung unseres Lebens von einem mittlerweile fest in die Systeme verdrahteten Mechanismus des egoistischen und unaufrichtigen Menschenbildes zu trennen.“ Das klingt sehr nach Moralpredigt. Und so kann schließlich Schirrmachers seichte Hoffnung auf eine Lösung des Problems nicht überraschen: „Vielleicht ist es ganz einfach: nicht mitspielen.“ Das sei eine Entscheidung, die nur der Einzelne treffen kann – und die Politik.
Wenig Grund zum Optimismus!
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am 14. September 2013
Schirrmacher beschreibt eindrucksvoll auf welche Weise moral- und sinnentleerte, nur auf -kurzfristige- Profitmaximierung zielende Algorithmen unsere heutige Welt beherrschen. Die "Rechenleistungen" der Computertechnologie beeindrucken uns täglich durch ihre scheinbare Komplexität. Wir übersehen dabei leider, dass sie als Entscheidungsgrundlage wenig taugen. Die Formeln aus den (psychologischen und ökonomischen) Spieltheorien mit denen unsere Rechner gefüttert werden, sind, ganz egal wie kompliziert sie uns erscheinen, gemessen an der Wirklichkeit immer nur grobschlächtige Modelle, die allein aufgrund der ihnen innewohnenden Dummheit langfristig scheitern müssen. Welche Zerstörungskraft und Monstrosität ihnen aber innewohnt, beschreibt Schirrmacher anhand vieler Beispiele.

Dennoch glaube ich, dass Schirrmacher sich irrt, wenn er meint, dass Spieltheorie und kalter Krieg die wesentliche Grundlage für die heutige Ego-Situation schufen. Die westliche, eindimensionale Philosophie der Neuzeit und der damit verbundene naive Glaube an die Rationalität moderner Wissenschaft hat den Weg für den Siegeszug einer Maschine geebnet, deren Leistung darin besteht, lediglich zwei Zustände, "Strom fließt" und "Strom fließt nicht", zu unterscheiden.

An unseren selbst gebastelten, einfältigen Formeln scheitern wir nicht nur im Bereich der Ökonomie. Sie treten uns auf neue Weise entgegen als - wie schon Max Weber beschrieb - stahlharte Gehäuse der Bürokratie. Nicht nur in öffentlichen und privatwirtschaftlichen Verwaltungen und Unternehmen, sondern auch im heutigen Bildungssystem und im Gesundheitssystem haben sich bürokratische Monster breitgemacht. Wir Zauberlehrlinge müssen aufwachen und wieder neu entdecken, dass wahrer Wert, echte Bildung und schließlich auch Gesundheit nicht durch das "Punkten" und "Zertifizieren" - eben das Bedienen von Algorithmen - zu erreichen ist.

Schirrmacher ist hierfür ein Augenöffner.
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am 16. März 2013
Frank Schirrmachers "Ego" habe ich vor zwei Wochen mit gespannter Neugier begonnen zu lesen. Heute lege ich das Buch genervt, überfordert und unzufrieden wieder aus der Hand.
Ohne das Literaturverzeichnis, das ein Siebtel des Bandes ausmacht, liegen netto knapp 300 Seiten hinter mir, die ich in der Rückbetrachtung als anstrengend, undurchschaubar strukturiert, überfrachtet und ziellos empfinde. Auch jetzt, beim nachträglichen Hin- und Herblättern, merke ich, wie schwer es mir gefallen ist, den Gedankengängen des preisgekrönten Autors zu folgen. In meinem Kopf bleibt der unbestimmt wirre Eindruck einer eher locker assozierten und zugleich sehr dicht gestaffelten Aneinandereihung von Behauptungen. Dabei wirkt es so, als ob Frank Schirrmacher sich gar nicht die Mühe zu machen bräuchte, dem Leser den Zugang zu seinen Ideen durch irgendetwas zu erleichtern, geschweige denn etwas zu tun, um die Sympathie des Lesers zu gewinnen. Dieses Buch ist trocken, dreht sich um sich selbst, und wer mit eigenen Bordmitteln dem Autor in dieses anscheinend chaotische Gedankenuniversum nicht folgen kann, hat -so wie ich- eben Pech gehabt. Schade um die Energie und die Zeit.
44 Kommentare|74 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
In was für einer Welt leben wir eigentlich, wenn selbst Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der konservativen FAZ, zum Kapitalismuskritiker mutiert? Reiht sich der Journalist nun ein in die Phalanx der Mindestlohnbefürworter, Elitenbasher und Salonsozialisten, die das System lieber heute als morgen kollabieren sehen würden? So schlimm kommt es dann nun doch nicht. Schirrmacher interessiert sich mehr für die historische Stunde Null des algorithmusbasierenden Finanzkapitalismus, der unser aller Leben heute mitbestimmt. Seine überraschende These: Dieselben spieltheoretischen Modelle, die im Zeitalter des Kalten Krieges das Verhältnis der beiden Supermächte gesteuert haben, bilden heute die Grundlage unseres Wirtschafts- und Finanzsystems: "Sie [die Modelle der Spieltheorie; M.D.] sind von überragender Bedeutung für die Geschichte, die dieses Buch erzählen will: Wie der einzelne das Gefühl haben konnte, dass sich das ganze Universum gegen ihn verschworen hat, und wie nach dem Ende des Kalten Kriegs ein neuer Kalter Krieg im Herzen unserer Gesellschaft eröffnet wird" (17).

Grundlage des gegenwärtigen Finanzsystems sei, so Schirrmacher, ein im Kalten Krieg erdachtes spieltheoretisches Modell der dem Militär nahestehenden "Rand Cooperation", welches davon ausgehe, dass Menschen und Systeme stets nur aus Eigennutz handeln würden (vgl. S. 25f.). Dabei bestehe das Problem darin, "dass die Theorie nicht nur Handeln beschreibt, sondern Handeln erzwingt, sie ist nicht nur deskriptiv, sondern auch normativ. Sie postuliert nicht nur Egoisten, sie produziert sie" (68). Mit dem Ende des Kalten Krieges habe dieser Algorithmus ein neues Betätigungsfeld gefunden, auf dem er sich bis heute tummele: "Man schrieb den 9. November 1989. Jetzt zog der Kalte Krieg ins 'business' ein. Und zwar buchstäblich. Er packte seine Koffer und zog an die Wall Street" (74).

Dieses "Monster", so Schirrmachers Bezeichnung dieser Kreatur, zerstöre zwar keine Städte mehr, aber es "hinterließ stattdessen eine Spur neuer Häuser und ganzer Stadtviertel, deren menschliche Bewohner zwangsgeräumt worden waren" (161). Wenn das Streben des Einzelnen nach Gewinnmaximierung zur Grundlage der globalen Ökonomie werde, wenn das "Gier-ist-gut"-Prinzip eines Gordon Gekko, des fiktiven Vorbildes aller Investmentbanker aus dem Film "Wall Street", die alleinige Basis, die alleinige Handlungsmaxime von Kauf und Verkauf sei, dann seien Immobilienblasen, verschuldete Staaten und kriselnde Währungen die logische Konsequenz. Diese Handlungsmaxime beschränke sich allerdings nicht nur auf den ökonomischen Bereich, sondern wirke sich auch auf den politischen Bereich aus, in dem alles, was dem "Monster" nützt, plötzlich als alternativlos dargestellt wird.

Man sieht, Frank Schirrmacher bewegt sich mit seiner Kritik an den Gebaren der Finanzindustrie auf moderatem Niveau und ist keineswegs zu einem großen Umverteiler mutiert. Denn wer ist heute nicht gegen "die Finanzmärkte"? Da ruft ja sogar der Wirtschaftsflügel der FDP nach mehr staatlicher Kontrolle. Schirrmacher schafft es durchaus, diesem Themenkomplex mit Fokus auf dessen spieltheoretischen Grundlagen neue Facetten abzugewinnen und durch Ausflüge in die Welt der Literatur von Frankenstein zu Dr. Jekyll und Mr. Hyde dem Abstrakten ein Gesicht zu geben und für die Allgemeinheit halbwegs verständlich zu gestalten. Ärgerlich ist jedoch, dass das Buch ziemlich mies redigiert worden ist. Zu viele inhaltlichen Aspekte und Formulierungen werden zum Teil wortwörtlich wiederholt, so dass man den Eindruck erhalten muss, dass einige Passagen des Buches aus Schirrmachers Beiträgen in der FAZ mit der Methode copy-paste zusammengetackert worden sind.
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am 20. August 2013
Diese Buch wurde mir von einem Informatiker empfohlen, doch es war eine langatmige Enttäuschung

Anfangs wirbt der Author, wie ein apokalyptischen Prophet, um die Aufmerksamkeit der Leser die den leichten Grusel von heimlichen Machenschaften und Verschwörungstheorien von Regierungen und Konzernen als ein Feierabendmärchen ihres öden Alltags genießen. Über Wettrüsten des Militärs und der Wirtschaft, von der Definition eines neuen Menschen, des 'Homo Oeconomicus', über die Spieltheorie und 'Lebenslanges Lernen', lässt er ähnlich wie beim 'Methusalem-Komplott' kein heiß diskutiertes Schlagwort aus.
Doch als es dann in der Mitte des Buches zur der weltumfassenden Verschwörung und lang geplanten Versklavung durch die Maschinen kommt, wird die Provokation zu offensichtlich. Zumal die das Buch ironischerweise ein bunte Zusammenstellung aus dem Blog des Author sind. Mit skurrilen Vergleich des neuen Menschen 'Homo Oeconomicus' zu Androiden und Vampiren des 19. Jh. wird es dann doch zu bunt.

Aber glücklicherweise schließt der Author dann überraschend mild mit der Bitte: Man solle sich etwas unabhängiger von den amerikanischen Firme zu machen, und der Leser kann nach dieser Lektüre sanft einschlafen und sagen er habe es doch schon immer gewusst ;)

Das Buch ist meiner Meinung nach recht unterhaltsam wenn auch etwas langatmig und zu bemüht provokativ zu sein.
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