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Im Erlebensfall: Essays 2002-2013
Format: Gebundene AusgabeÄndern
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Einem Schriftsteller zu gestehen, man liebe seine Reden und Aufsätze mehr als die Romane, wird ihn wohl nicht glücklicher machen. Aber bei all den Ehrungen, die Adolf Muschg für sein erzählerisches Werk im Laufe seines langen Lebens erhalten hat, wird ihn ein solches Urteil nicht allzu sehr kränken. Schon gar nicht, wenn es nicht von der offiziellen Kritikergarde kommt.

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg wird am 13. Mai seinen 80. Geburtstag feiern, sofern, wie er in seinem einleitenden Kapitel „Die Spinnerinnen“ anmerkt, nichts Menschliches dazwischen kommt. Zu diesem Anlass erscheint nicht nur die von Manfred Dierks verfasste Biografie, sondern auch dieser Band mit „Versuchen und Reden“.

Was den Leser Spannendes erwartet, wird ihm auf den ersten fünfzig Seiten eindrücklich vorgeführt. Denn unter der Überschrift „Die Spinnerinnen – statt eines Vorwortes“ nimmt Adolf Muschg sein Publikum auf eine kulturgeschichtliche Reise mit, die abwechslungsreicher nicht sein könnte. Und als glänzender Erzähler bettet er sein Betrachtungen in eine Rahmengeschichte ein, die auf die Etappen einwirkt und gleichzeitig von ihnen beeinflusst wird. Ein großartiger Einstieg in die Welt eines engagierten Intellektuellen, wie Muschg sich selber bezeichnet.

Die folgenden 21 „Versuche“ sind Essays, Beiträge, Statements, Reden und Vorträge. Geordnet sind sie chronologisch, was mir sehr viel lieber ist als sie unter thematische Hüte zwängen zu wollen. Da Adolf Muschg gewissen Fragestellungen und Denkmodellen natürlich besondere Aufmerksamkeit schenkt, sind Wiederholungen nicht zu vermeiden. Aber die halten sich in Grenzen. Zudem ist Adolf Muschg sprachlich so beschlagen, dass er sich formal ohnehin nicht wiederholt.

Auch wenn sich Adolf Muschg immer wieder in die Belange seines Geburtslandes einmischt, verliert er sich nicht in lokalpolitischen Details. Sein Publikum ist nicht Herr und Frau Schweizer, sondern der Mensch in all seinen Nöten, Versuchungen, Beschränkungen, Sehnsüchten und Eigeninteressen. Und wenn Adolf Muschg über einen unveröffentlichten Bildband, das Tier in der zeitgenössischen Kunst, Film- und Fernsehproduktion, die Alchemie der Wörter, kulturelle Evolution, Burschenschaften, Mozart, Freiheit der Karikatur, Null Toleranz oder Gevatter Tod spricht oder schreibt, werden wir mit zeitlosen und grenzüberschreitenden Aussagen konfrontiert.

Mein Fazit: Wenn Adolf Muschg heute zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller zählt, verdankt er diese Ehre vor allem seinem umfangreichen erzählerischen Werk. Mir haben es seine großartigen Vorträge und Essays mehr angetan. Daher finde ich es schön, einige der schönsten Perlen in diesem Band zu Muschgs achtzigstem Geburtstag wiederzufinden. Und weil der Typus des engagierten Intellektuellen immer mehr zu einer raren Spezies wird, ist die Edition einer solchen Sammlung kluger Gedankengänge und Statements schon beinahe ein kleines Ereignis.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 28. Oktober 2014
Es war der Titel, der meine Neugier geweckt und mich bewogen hat, 22 Euro zu investieren: was wollte er mir sagen? Aber auch nach der Lektüre des Buches bin ich nicht klüger geworden. Vielleicht erklärt mir der Autor, was er damit hat ausdrücken wollen? Ich würde mich freuen.
Herr Muschg ist vielfach ausgezeichnet, Büchner- und Hesse-Preis sind ihm zuerkannt, den Nobelpreis für Literatur hat er vermutlich nur knapp verfehlt (aber auch der wäre noch möglich, im Erlebensfall, denn Preise, insbesondere die mit Literatur zu tun haben, sind voller Überraschungen, wie die vergangenen Ehrungen gelehrt haben).
Das Buch besteht vor allem aus Vorträgen, die Muschg im Laufe von zehn Jahren verfaßt hat. In manchem stimme ich ihm gerne zu: wenn er die Flachheit und Geistlosigkeit der veröffentlichten Kommunikation beschreibt, die Impertinenz der Meinungsmacher, die Macht des globalen Marktes, die weitverbreitete Ökonomisierung der Lebensweisen. Auch darin kann ich ihm folgen: wenn er unter "Was heißt Bildung?" intellektuelle Vielseitigkeit fordert und das überall dominierende Spezialistentum wenn nicht verwirft, so doch ein ums andere Mal in Frage stellt; den Begriff der Elite, der heute den mit Bildung Beauftragten und Befaßten so leicht über die Lippen geht, nicht widerspruchslos akzeptieren will. Und ich bin ganz bei ihm, wenn er im Zusammenhang mit dem Wissenserwerb die Frage nach dem "Was" mit dem "Wofür" und "Wie viel" koppelt, was angesichts der rapide fortschreitenden biologischen Wissenschaften und ihren lukrativen Ablegern (wie z.B. Reproduktionsmedizin und Gentechnik), ganz sicher zeitgemäß ist.
Andererseits: wie traditionell verengend auf Kulturelle beschränkt ist sein Bildungsbegriff! Er fordert die Zweckfreiheit, beruft sich auf Humboldt und Schiller, natürlich auch Goethe, redet vom reinen Wissen und wird doch wissen, daß das alles Ideologie ist; keine Wissenschaft oder Forschung je zweckfrei noch rein war; und das ist gut so. Wäre sie es gewesen, hätte die menschliche Gesellschaft keinen Fortschritt erfahren. Umfassende Bildung beinhaltet sowohl die kulturelle geisteswissenschaftliche wie die technische naturwissenschaftliche Seite, das eine ist ohne das andere nicht mehr denkbar; den Fokus allein auf Kunst und Kultur zu legen, zeugt von Einseitigkeit, die er doch zu Recht beanstandet.
Und wie konservativ sein Artikel über die Burschenschaften! Hier wünschte ich ihm, daß er seinen kritisch-jugendlichen Blick, den er sich rückblickend bescheinigt, auf das Hierarchische, Gehorsame, Patrimoniale und Nationalistische bewahrt hätte, den Klientelismus nicht schön geredet hätte, mit dem die Verbindungen bei den jungen Leuten punkten.
Wie das Publikum auf seine Reden reagiert haben mag?
All das vorweg Gesagte mag unerheblich sein, wenn nur seine Texte und Sprache gezündet hätten. Sie haben es bei mir leider nicht. Warum? Erstens: Seine Sprache fand ich auf Kunstfertigkeit und Verkomplizierung getrimmt, sie kommt nicht selten daher als gelehrte Blase, wo der Effekt den Inhalt dominiert; was sich im Übrigen im Schriftbild widerspiegelt - ich halte es, wegen der zahllosen kursiven Setzungen, für unnötig dekoriert. Zweitens: Was er dem Hörer oder Leser mitteilt, ist von vielen anderen bereits gesagt, nur eben einfacher, klarer, natürlicher, durchsichtiger und eindeutiger.
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