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Rezensionen verfasst von
Martin Schnackenberg
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Süddeutsche Zeitung
Süddeutsche Zeitung
Preis: EUR 29,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Balance zwischen Technik und Inhalt, 8. Dezember 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Süddeutsche Zeitung (Kindle Edition)
Es ist schwierig, die Kindle-Ausgabe der Süddeutschen gerecht zu bewerten. Inhaltlich gehört die Süddeutsche zu den besten überregionalen Tageszeitungen, das ist vollkommen klar. Daher an dieser Stelle auch keine inhaltliche Kritik. Ich überlegte aber, ob ich der von mir eigentlich so geschätzten Süddeutschen für die Kindle-Ausgabe überhaupt 4 Sterne geben kann, denn die technische Umsetzung ist wirklich schlecht und ärgerlich: Er gibt keine Bilder, es gibt keine Tabellen (Fußball!), es fehlen Inhalte, die Artikel sind von der Überschrift her schwer einzuordnen (wenn man wenig Zeit hat, möchte man mit einem schnellen Blick sehen, was interessant ist) - mit einem Wort: Man merkt, dass diese Ausgabe ein Kompromiss ist. Die technische Umsetzung ist meines Erachtens so schlecht, dass ich persönlich mir nur gelegentlich eine Einzelausgabe auf das Lesegerät herunterlade, denn 30 € pro Monat ohne Bilder etc. - das ist einfach zu viel. Die Süddeutsche wird sich sputen müssen, wenn sie an dem schnell wachsenden Markt der über Lesegeräte verkauften Zeitungen teilhaben will. Nicht jeder will einen schweren Tablet-PC in der Hand halten beim Lesen, daher lesen ja so viele Menschen lieber auf dem leichten Kindle. Die Süddeutsche sollte unbedingt überlegen, eine für dieses Format zugeschnittene Variante anzubieten (Beispiel: Welt kompakt), die vielleicht auch etwas günstiger verkauft werden muss. Technisch und vom Zuschnitt her kann die "Welt Kompakt" ein Vorbild sein - bloß nicht im Inhalt: der ist nämlich um Meilen besser in der Süddeutschen!!!


Breaking the Silence: Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten
Breaking the Silence: Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten
von Breaking the Silence
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

25 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein schwieriges, ein wichtiges Buch, 14. Oktober 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Seit 1967, also "ungefähr zwei Drittel seiner Geschichte, ist Israel nun schon eine Besatzungsmacht. Der israelische Sttaat ist nur 19 der jetzt 59 Jahre seiner Existenz frei gewesen vom bösartigen Geschwür der Okkupation." Dieses Zitat stammt von den Autoren des Buches "Die Herren des Landes", in welchem die israelische Siedlungsbewegung analysiert wird. Die Autoren formulieren hier etwas, was viele liberale oder linksgerichtete Israelis bereits seit langem erkannt und benannt haben: Die Besetzung der palästinensischen Gebiete ist ein Verhängnis für den israelischen Staat. Sie ist aber nicht nur politisch ein Verhängnis (aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt), sie ist es auch menschlich. Und genau das macht dieses Buch überaus deutlich. Breaking the Silence besteht aus verschiedenen Versatzstücken. Da gibt es zum einen die Einführung, ein Vorwort von Avi Primor, einige Fotos (in der Regel von Soldaten gemacht), einige Karten (Gaza, Westjordanland) und da sind einführende Passagen, die jeweils die Hintergründe für die vier Teile des Buches liefern. Ansonsten besteht der Band aber überwiegend aus kurzen (z.T. sehr kurzen) Interviews mit den Soldaten, die ihre Erfahrungen vor allem im Westjordanland schildern. Es sind Soldaten, die an Kontrollposten eingesetzt waren, die Straßensperren und Hausdurchsuchungen durchgeführt haben, die in Hebron Siedler und Palästinenser getrennt haben, die also all das gesehen und miterlebt haben, was Besatzungspolitik bedeutet. Diese kurzen Interviews (die längsten gehen etwa über vier Seiten, viele füllen aber auch nur eine Seite, bestehen nur aus einem Statement) sind sperrig, sind schwierig zu lesen - und zu verdauen. Das Buch ist nichts zum Durchlesen, zum Verschlingen. Man muss sich immer wieder in neue Personen, neue Orte und neue Zusammenhänge eindenken. Man lernt immer wieder, in wenigen Zeilen, einen Menschen kennen, der den Mut hat, sich seiner Vergangenheit, seiner Einstellung zur Sache und nicht selten auch seinen Fehlern zu stellen. Dadurch setzt sich langsam ein Mosaik zusammen, dass die ganze Bandbreite dessen darstellt, was Besatzungspolitik im Westjordanland bedeutet. Es geht dabei immer wieder um zweierlei Maß, um die Wertigkeit von Menschen. Es geht darum, das israelische Siedler andere Rechte genießen als die Palästinenser. Es geht darum, dass der palästinensischen Bevölkerung das Leben ungeheuer schwer gemacht wird. Es geht darum, dass Steine werfende palästinensische Kinder mit schweren Sanktionen zu rechnen haben, während Siedlerkinder, die auch Steine werfen, kaum daran gehindert werden können. Und es geht darum, was Besatzung aus den Soldaten und Soldatinnen, diesen unerfahrenen jungen Menschen, macht. Und hier greift das Buch dann auch weit über Israel und das Westjordanland hinaus, es zeigt sich hier ganz allgemein, was Menschen mit anderen Menschen tun, wenn es ihnen erlaubt ist, wenn es scheinbar kaum noch Grenzen gibt. Ein junger Soldat umfasst es sehr gut: "Der Wahnsinn bricht in dir durch, einfach weil es möglich ist." Es wird deutlich, dass die meisten Soldaten ihr Tun erst später reflektieren konnten, dass scheinbar grundsätzlich jüngere Soldaten viel eher überfordert waren als ältere, dass im Krieg oder während einer Besatzung die Kategorien von richtig und falsch sehr schnell zerlaufen. Insofern ist dieses Buch für mich auch ein Buch über mich und die Frage gewesen: Wie hätte ich selbst mich denn verhalten?
Insgesamt hat "Breaking the Silence" sicher einige Mängel. Ich denke, dass die einführenden Passagen zu kurz sind, ich vermute, dass viele Leser, die sich nicht intensiv in diesen Konflikt eingearbeitet haben, Probleme haben werden, sich zu orientieren. Wer z.B. schon einmal in Hebron war und die groteske Situation kennt (eine kleine Siedlung mitten in einer engen und verwinkelten palästinensischen Innenstadt wird mit ungeheurem Aufwand "geschützt" vor den Palästinensern, mit unglaublichen Folgen für deren Leben), der wird jeden Bemerkung dazu unmittelbar verstehen. Außerdem ist die Fragetechnik oft z.B. suggestiv und aus wissenschaftlicher Hinsicht nicht haltbar, einige Hinweise auf die Reaktionen der israelischen Bevölkerung auf dieses Buch wären zudem hilfreich und aufschlussreich gewesen. Und schließlich wäre es unter Umständen besser gewesen, einige der Interviewten genauer vorzustellen (was auch ohne Nennung der Namen möglich gewesen wäre), damit man sich als Leser besser in die Menschen hätte hineindenken können. Auf der anderen Seite denke ich, dass vielleicht gerade das Bruchstückhafte dieser "Collage aus vielen Stimmen" eine Stärke des Buches ist, auch wenn es uns das Lesen erschwert. Es ist eben keine leichte Kost. Es sind die brutal wahren Erinnerungen einer Gruppe von Soldaten, die sich später schämten für das, was sie getan haben. Und die etwas machen wollten, die etwas verändern wollten (und wollen). Und das lässt dann doch ein wenig hoffen, denn es zeigt ja, das viele in der israelischen Gesellschaft erkennen, dass die Besatzung falsch ist, dass dort Unrecht geschieht. Das Buch zeigt, dass die israelische Gesellschaft offen ist für Diskussionen, für Erkennen und vielleicht auch für ein Umschwenken. Es spricht zudem für die Erziehung dieser jungen Menschen, für die Werte, die ihnen beigebracht wurden. Da sind auf der einen Seite die für mich erschreckendsten Passagen dieses Buches, in denen deutlich wird, dass viele Siedler ihre Kinder dazu erziehen, die Palästinenser als Menschen zweiter Klasse zu behandeln, dass diese Siedler die Kinder sogar dafür loben, wenn sie Steine nach Palästinensern schmeißen. Aber auf der anderen Seite stehen eben diese jungen israelischen Soldaten, die das als falsch erkennen und die den Mut haben, das auch zu sagen. Das lässt mich darauf hoffen, dass irgendwann auch dieser Teil der israelischen Öffentlichkeit wieder stärker zu Wort kommt und die Politik wieder stärker bestimmt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 16, 2013 5:05 PM MEST


Pestsiegel: Historischer Kriminalroman
Pestsiegel: Historischer Kriminalroman
von Peter Ransley
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Brauchbare Unterhaltung, 30. Juli 2012
Dieser historische Roman wird damit beworben, Ransley spiele "in der gleichen Liga wie C.J.Sansom". Diesem Anspruch wird er aber meines Erachtens nicht gerecht, da Ransley zum einen nicht so virtuos zu erzählen vermag wie Sansom: Immer wieder gibt es Brüche im Handlungsverlauf (den ich hier nicht in epischer Breite wiedergeben will), immer wieder entwickelt sich die Handlung sehr plötzlich und unerwartet (eben ist er noch ein Kind, schon ist er Lehrjunge; eben noch erfüllt er eher widerwillig seine Aufgaben, schon ist er ein begeisterter Drucker etc.), zu oft entkommt die Hauptfigur aus scheinbar unlösbaren Situationen bzw. Problemen. Man gewinnt mitunter den Eindruck, dass der Autor sich mehr Zeit damit hätte lassen müssen, die Entwicklung der Hauptfigur zu erzählen. Ich hatte immer das Gefühl, nicht wirklich zu verstehen, was die Hauptfigur wirklich möchte, was sie bewegt. Ich konnte z.B. als Leser kaum nachfühlen, wie sich Tom in der Situation des Lehrjungen gefühlt hat, wonach er sich sehnte, woran er litt (außer der Schläge, die er ständig bekam, aber auch hier wird nicht wirklich deutlich, was diese aus ihm machten). Auch das kriminalistische Niveau ist nicht herausragend, der aufmerksame Leser erkennt sehr bald, worum es geht, die Suche z.B. nach dem ominösen Anhänger, welcher die Herkunft der Hauptfigur enthüllen kann, zieht sich in die Länge und reicht nicht aus, um den Spannungsbogen zu halten. Meine Hauptkritik richtet sich aber gegen die Hauptfigur, das "Pestkind" Tom, die man nun weiß Gott nicht mit Sansoms Shardlake vergleichen kann. Die Figuren bei Sansom sind weitaus besser gezeichnet, sie sind psychologisch interessanter und "echter" als die Figuren in diesem Roman. Tom, um das wichtigste Beispiel zu nennen, handelt vorhersehbar unbeherrscht, wodurch er sich ständig in neue Gefahr begibt. Es bleibt auch widersprüchlich, warum er z.B. den Lehrherrn, der ihn ständig verprügelte, später so verherrlicht. Insgesamt sind die Figuren mir zu schwarz (z.B. Richard) oder zu weiß (z.B. Susannah), es fehlen die Grautöne, die bei den wirklich guten Autoren dieses Genres zu erkennen sind; bei den Autoren, die sich hart an der Grenze zur Literatur bewegen oder die diese überschritten haben und wirklich Weltliteratur geschaffen haben (wozu z.B. Feuchtwanger zu zählen wäre). Fazit: Ein brauchbarer historischer Roman zum Zeitvertreib, aber kein wirklich faszinierender historischer Roman, kein wirklich fesselnder Kriminalroman und auch keine wirklich bleibende Literatur.


Jeder stirbt für sich allein: Roman (Fallada)
Jeder stirbt für sich allein: Roman (Fallada)
von Hans Fallada
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nah dran!, 23. Juli 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Kurt Schumacher hat 1932 den Nationalsozialisten vorgeworfen, einen "dauernden Appell an den inneren Schweinehund im Menschen" zu richten, er bescheinigte diesen zudem die "restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit". Was diese Freilegung der niedrigsten menschlichen Instinkte tatsächlich im Großen und im Kleinen bedeutete, das zeigt uns Falladas Roman sehr genau. Was es bedeutet, wenn ein Staat plötzlich Boshaftigkeit, Neid und Hass erlaubt und sogar unterstützt, das zeigt uns Fallada sehr genau. Was ein Rechtssystem, in welchem das "gesunde Volksempfinden" das Sagen hat (nämlich Stammtisch statt Gerechtigkeit), für die Gesellschaft bedeutet, auch das zeigt uns Fallada sehr eindringlich. Das Werk lebt zudem davon, dass er es schon 1946 schrieb, er war also noch sehr nah dran an den Geschehnissen, seine Beschreibung lebt noch von dem Erlebten und Gesehenem und wohl auch von der eigenen Scham, nicht genug protestiert oder gemacht zu haben. Dies macht für mich dieses Buch zu einer sehr wichtigen Quelle, Fallada ist übrigens auch "nah dran" an sehr modernen historischen Theorien (vgl. z.B. die Thesen des Historikers Götz Aly, der von einer "Wohlfühldiktatur" spricht), welche die Bereicherung der deutschen Bevölkerung als wichtige Triebfeder, um auch Unrecht mitzumachen oder selbst zu begehen, beschreiben. Am Handlungsverlauf selbst lässt sich sicher leicht einige Kritik üben, wie das ja auch schon passiert ist. Da sind die Brüche und Unwahrscheinlichkeiten in der Handlung, da sind die holzschnittartigen Charaktere, da sind manchmal zu einfache Erklärungsmuster und da merkt man eben auch, dass dieses dicke Werk in so unglaublich kurzer Zeit geschrieben wurde (knapp einen Monat schrieb der Schriftsteller daran) und dass Fallada den Roman nicht mehr überarbeiten konnte. Diese Kritikpunkte sind berechtigt, sie nehmen meines Erachtens diesem Werk aber nicht die innere Wahrheit, die große Nähe gerade zu dem beschriebenen "inneren Schweinhund", der wohl in uns allen steckt, den die Nazis freigelegt haben und den selten ein Schriftsteller so deutlich herausgearbeitet hat. Nicht der beste Fallada also, aber dennoch ein großes Werk und eine wichtige Quelle dieser Zeit. Unbedingt lesen!


Krieg oder Frieden: Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens
Krieg oder Frieden: Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens
von Hamed Abdel-Samad
  Broschiert
Preis: EUR 18,00

21 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Höhen und Tiefen, 7. Februar 2012
Hamed Abdel-Samad hat ein herausragendes, wichtiges, berührendes und mitreißendes Buch geschrieben - und das war sein erstes Werk: "Mein Abschied vom Himmel". Die beiden folgenden Werke ließen in der Qualität deutlich nach, das zweite, "Der Untergang der islamischen Welt", enthält meines Erachtens noch eine sehr wichtige und richtige Kernthese, welche die Kernprobleme der arabischen Welt gut auf den Punkt bringt (vor allem der fehlende Zugang zur Moderne). Allerdings störte mich bereits beim zweiten Werk der deutlich reißerische Titel, was nun, mit "Krieg oder Frieden", noch gesteigert wurde. Meiner Meinung nach hat ein so intelligenter Autor, der so viel zu sagen hat (und der so gut schreiben kann), es nicht nötig, seine Bücher derartig inflationär zu betiteln. Man merkt "Krieg oder Frieden" an allen Ecken und Enden an, dass es mit heißer Nadel gestrickt ist, wahrscheinlich deshalb, um den hohen Bekanntheitsgrad des Autors nach der ägyptischen Revolution in schnelle Buchmünze umzumünzen. Generell ist das völlig legitim, denn der Autor hat jedes Recht, von seiner Arbeit gut zu leben, nur sollte so ein kritischer Geist wie Abdel-Samad sich nicht solche Titel aufschwatzen lassen. Neben vielen deutlich redundanten Stellen in diesem Buch (z.T. im Wortlaut des Vorgängerwerkes!) ist es so, dass diejenigen Passagen, die den Titel überhaupt rechtfertigen könnten, nämlich die Frage nach der Handlungsweise des Westens bezüglich der Arabellion, zugleich die schwächsten Teile des Buches sind. Hier merkt man deutlich, dass der Autor kein gelernter Ökonom und auch kein Historiker ist, seine Schlussfolgerungen sind dementsprechend einfach, eindimensional und z.T. auch in ihrer Kürze schlicht falsch. Z.B. bemüht der Autor die Weimarer Verfassung als Beispiel für eine schlechte Verfassung, die dann den Nationalsozialismus möglich gemacht habe. Tatsächlich spielten beim Untergang der Weimarer Republik aber noch ganz andere Faktoren eine Rolle, die Verfassung selbst war sehr demokratisch und nicht schlechter als viele andere demokratische Grundordnungen des Westens, dort aber entstanden keine faschistischen Regime. Undzwar deshalb nicht, weil ein System immer nur so gut ist wie die Menschen, die darin leben - und weite Teile der deutschen Bevölkerung hegten für die Demokratie eben keine positiven Gefühle. Ein Thema übrigens, was auch für Ägypten ertragreich diskutiert werden könnte, denn dort haben wir eigentlich eine ähnliche Frage zu beantworten. Die Liste der Argumentationsschwächen bei Abdel-Samad ließe sich fortführen, meiner Meinung nach erfährt der informierte Leser im letzten Drittel des Buches kaum noch Neues und dafür viel Strittiges. Richtig stark ist hingegen der erste Teil der Buches, dort, wo der Autor seine Erlebnisse während der Revolution ausbreitet. Hier ist das Buch packend, hier hat der Autor anderen westlichen Autoren, die über die Revolution berichten (wie z.B. Armbruster), deutlich voraus, dass er in der ägyptischen Gesellschaft zu Hause ist, dass er arabisch spricht, dass sich ihm die Menschen ganz anders öffnen, dass er genau weiß, wovon er redet - und dass er einfach packend schreiben kann.
Dennoch kann ich insgesamt nicht mehr als drei Sterne verteilen; vielleicht, weil ich nach den Vorgängerwerken einfach mehr erwartet und verlangt habe; vielleicht, weil man dem Buch anmerkt, dass es so schnell zusammengeschnippelt wurde (es fehlt auch ein Roter Faden, vieles wirkt assoziativ, wirkt aneinandergereiht und sprunghaft); vielleicht, weil Titel und Untertitel (reichlich apokalyptisch: "Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens") einfach Dinge versprechen, die das Buch bzw. der Inhalt anschließend einfach nicht halten können. Dennoch empfehle ich dieses Buch denjenigen, die einen hervorragenden Revolutionsbericht aus der Feder eines Menschen suchen, der beide Seite (Westen und Nahen Osten) sehr gut kennt und der beide Seite kritisch betrachtet (eine seltene Mischung!) mit Nachdruck. Andere, die den "alten Abdel-Samad" suchen, finden ihn in diesem Buch nicht überall - er blitzt aber bisweilen auf.


Jacob beschließt zu lieben: Roman
Jacob beschließt zu lieben: Roman
von Catalin Dorian Florescu
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wann beschließt er denn zu lieben?, 28. Januar 2012
Der Titel hatte mich angesprochen und das war kein Unglück, denn das Buch hat mir gefallen. Es hat mir sogar gut gefallen, wenn es auch sehr düster ist, was dort berichtet wird. Als Leitthema dient die schwierige Beziehung zwischen der Hauptfigur und seinem herrischen Vater; und die ambivalenten Gefühle von Jacob, seinem Vater gegenüber, sind wirklich gut und glaubwürdig erzählt. Über weiter Strecken des Buches dominiert allerdings die Gewalt, werden rohe und gewalttätige Menschen (Männer) porträtiert, Menschen, die mich irgendwie an den Knecht in Kafkas "Landarzt" erinnert haben (unbedingt zu empfehlen!); Tatmenschen, die sich ohne Rücksicht nehmen, was sie sich nehmen wollen. Das liest sich nicht eben leicht (bestimmt keine Strandlektüre!), zeigt aber auch sehr deutlich, was Krieg bedeutet, was Rechtlosigkeit bedeutet, was eine Männerwelt für Frauen bedeutet. Und es zeigt auch sehr gut, wie froh wir sein können, dass wir heute und in einem befriedeten, weitgehend demokratischen Europa leben können. Das Buch hat etwas Archaisches, etwas brutal Knappes, Gerades, es wird ohne viel Umstände erzählt, auch die häufigen Rückblenden "halten" das Buch bzw. den Erzählverlauf nicht störend auf. Was mich dann aber doch irritiert hat, das war das plötzliche und irgendwie ratlose Ende. Vielleicht erhoffte ich mir für die Hauptfigur doch noch ein deutlich von Hoffnung erfülltes Ende, vielleicht erwartete ich etwas Harmonie nach all den Bedrückungen, nach all dem Leiden. Auf jeden Fall wartete ich aber darauf, dass Jacob tatsächlich irgendwann "beschließt zu lieben". Genau das macht er aber nicht. Der starke Titel, der mich gedanklich durch das Buch getragen hatte, bleibt am Ende ein Aussage ohne Hintergrund, eine Frage, eine Metapher vielleicht - verstanden habe ich das nicht und irgendwie stört es mich auch. Unterm Strich also meines Erachtens ein sehr gelungenes Werk über dem Durchschnitt mit einem etwas ratlosen Ende.


The Road
The Road
DVD ~ Viggo Mortensen
Preis: EUR 6,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Passsend zum Buch, 15. Januar 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Road (DVD)
In den anderen Rezensionen ist das meiste schon gesagt, ich möchte daher vor allem auf einen Punkt eingehen, die Vorlage zum Film, stammend aus der Feder von Cormac McCarthy. Es wundert mich nicht, dass McCarthy den Film mag, denn er ist wirklich sehr dicht an der Vorlage dran, die wenigen Dialoge entstammen zum Teil wörtlich dem Buch, nur die Szenerie wurde dazu geschaffen. Insofern kann man für diejenigen, die das herausragende Buch mochten, betonen, dass die Filmemacher sich wirklich darum bemüht haben, der Vorlage keine Gewalt anzutun - und das ist ihnen gut gelungen. Sie haben der Versuchung widerstanden, die Story zu verbiegen, sie haben erkannt, dass es sich hier vor allem um eine "Liebesgeschichte" zwischen Vater und Sohn handelt, sie haben die "Kannibalismus-Szenen" nicht in den Vordergrund gerückt, sie haben hervorragende Schauspieler gefunden, sie haben einen stillen Film gedreht, einen Film, so karg und einfach wie das Buch und sie haben dabei dennoch eigene Akzente gesetzt (z.B. durch die beeindruckenden Bilder, die Auswahl der Schauplätze), kurz: Sie haben einen wirklich guten Job gemacht. Nein, das ist kein Aktionfilm, das ist kein Film mit einem Happy-End, das ist kein typischer Endzeitfilm, das ist kein Film für einen lustigen Filmabend. Das ist die gelungene Verfilmung eines beeindruckenden Romans, die viele Fragen aufwirft, viele Fragen nicht beantwortet, die uns also fragend und nachdenkend zurücklässt. Und genau so war es mit dem Buch, genau so muss es meiner Meinung nach sein.


LEGO City 7938 - Passagierzug
LEGO City 7938 - Passagierzug

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Schritt zur Seite, 27. Dezember 2011
= Haltbarkeit:5.0 von 5 Sternen  = Spaßfaktor:4.0 von 5 Sternen  = Pädagogisch wertvoll:4.0 von 5 Sternen 
Rezension bezieht sich auf: LEGO City 7938 - Passagierzug (Spielzeug)
Wir besitzen nun bereits drei LEGO-Loks, den neuen Passagierzug und die beiden älteren Modell von LEGO (ICE und Güterzug). Im Vergleich zu den Vorgängermodellen ist dieses Modell ein "Schritt zur Seite", denn es gibt Punkte, die verbessert worden sind, es gibt aber auch Abzüge (daher vier Sterne). Verbessert wurde auf jeden Fall die Fernbedienung, die sich nun viel besser dosieren lässt als bei den alten Modellen, sie ist auch noch kleiner und wesentlich kompakter. Besser ist auch die grundsätzliche Baukonstruktion der Lok, sie ist stabiler und es fliegt z.B. die "Schnauze" (wie beim ICE) nicht so leicht ab. Zunächst hielten wir auch die Neukonstruktion des Batteriefaches für einen Forschritt (bei den alten Modellen rutschen die Batterien oft nach unten), dann aber merkten wir (ich und meine Kinder sind natürlich gemeint), dass das neue Modell sehr viel leichter entgleist bzw. in den Kurven von den Schienen fliegt, was bei den alten Modellen praktisch unmöglich ist, wenn die Schienen ordentlich verlegt sind. Ich denke, dass dies daran liegt, dass der neue Zug, also das hier zu besprechende Modell, einen kürzeren Radstand hat. Hinzu kommt, dass nun nur noch sechs kleine Batterien eingelegt werden, der Zug ist also viel leichter. Das alles zusammen ergibt eine geringere Stabilität, besonders jüngere Kinder müssen lernen, wie man den Zug steuert, ohne das er ständig entgleist bzw. in der Kurve umkippt. Ich persönlich finde zudem, dass hier viel schlechter als bei den alten Modellen zu erkennen ist, ob der Zug "on" ist oder "off", denn die kleine grüne Lampe ist im Inneren nur schwer zu sehen (früher deutlich sichtbares rotes Licht). Allerdings ist die Schaltung "on/off" wesentlich verbessert und gut zu handhaben. Die kleineren Batterien haben übrigens auch noch den Nachteil, dass sie noch viel schneller leer sind, da haben die vorherigen 9x AA einfach deutlich länger gehalten. Und es kommt noch hinzu, dass die Lok kein Licht hat - und gerade das Fahren durch die abgedunkelte Wohnung gefällt unseren Kindern immer besonders gut. Fazit: Eben der besagte "Schritt zur Seite" und nicht nach vorne, dennoch auf jeden Fall ein sehr schönes Spielzeug, haltbar wie eh und je, interessant und anregend für jedes (etwas ältere) Kind (meines Erachtens eher ab 8 Jahre). Und einen Wunsch möchte ich vielleicht noch anschließen: Es wäre sehr schön, wenn LEGO einzelne Loks anbieten würde (wie ganz früher), dann müsste man nicht ein ganzes Set kaufen, wenn man mehrere Loks haben will bzw. wenn einem eine neue Lok gut gefällt.


In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie
In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie
von Eugen Ruge
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

15 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großartig, 3. Dezember 2011
Egal, ob der Autor die DDR geliebt hat oder nicht. Egal auch, ob die Personen zu negativ oder zu dunkel gezeichnet sind. Egal schließlich, ob das Buch an Thomas Mann heran kommt. Für mich überwiegt anderes: Mir haben gerade die Kleinigkeiten sehr gut gefallen, die kleinen Szenen, in denen der Autor Alltagsleben festgehalten hat, in denen er den Menschen und irgendwie auch mich (uns?) so gut beobachtet und getroffen hat. Da musste ich manchmal lachen, manchmal schlucken, manchmal über mich selbst nachgrübeln. Gerade diese Fähigkeit, Leben einzufangen, macht meines Erachtens große Literatur aus - und die habe ich gesehen in diesem Buch. Das hat mich dann auch manche Länge übersehen lassen (z.B. der eher langweilige Trip nach Mexiko am Ende), denn es kam ja bald wieder eine andere Sichtweise. Und da stimme ich den kritischen Stimmen nicht zu: So eine Komposition schreibt sich nicht so eben hin, die Figuren und Leben sind kunstvoll verwoben und es ist sehr interessant, die gleichen Ereignisse zeitversetzt aus einer ganz anderen Sichtweise geschildert zu bekommen. Nein, keine Massenware ist das, nichts schlecht Konstruiertes, sondern sehr gute Literatur, die sich abhebt vom Üblichen.


Ein makelloser Tod: Roman
Ein makelloser Tod: Roman
von P. D. James
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eigenartiges Ende, 10. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Ein makelloser Tod: Roman (Taschenbuch)
Die vorherigen Rezensenten geben entweder fünf Sterne oder nur einen Stern - ich meine, dass die "Wahrheit" eher in der Mitte zu finden ist. Eigentlich gefallen mir die Kriminalromane von P.D. James sehr, ich habe alle gelesen. Ich finde aber auch, dass ihre früheren Werke (die heute zum Teil nicht mehr aufgelegt werden), sehr viel besser waren als ihre letzten Krimis (z.B. "Eine Seele von Mörder", "Tod im weißen Häubchen"), in den frühen Krimis spielt die Handlung zudem zum Teil im Krankenhausmilieu, dabei kommen die profunden Kenntnisse der Autorin in diesem Lebensfeld sehr gut zum Ausdruck, es verleiht den Romanen etwas Neues, noch nicht Gelesenes; sie versteht es sehr gut, die Krankenhausatmosphäre einzufangen. Die neueren Romane um Adam Dalgliesh erinnern dann sehr stark an "klassische" Krimiware, sie erinnern an Agatha Christie u.a., sind aber meiner Meinung nach besser gemacht. Wer solche Romane gerne liest, sollte unbedingt auch auf P.D. James zurückgreifen und wird ganz sicher nicht enttäuscht sein. Den neuen Fans der Autorin kann man hingegen nur raten, weiter nach hinter zu schauen und gerade das Frühwerk von James zu lesen, sie werden begeistert sein. Diesem Buch gebe ich aber nur drei Sterne, weil ich meine, dass es tatsächlich Schwächen hat. Zum einen kommt die Handlung nur sehr schleppend in Gang, man muss sich wohl nicht gerade quälen (dazu haben die Charakterstudien dann doch genug Qualität), aber man fragt sich schon, wann denn der Mord, der ja schließlich das Zentrum eines Krimis ausmacht, "endlich" geschieht. Etwas überraschend und scheinbar "zu einfach" kommt es dann später zur Lösung des Falles, vorher werden aber in schneller Folge noch zwei weitere Untaten eingeflochten (die kaum zu den beschriebenen Personen passen). Gänzlich abwegig finde ich dann das Ende, das deutlich nachklappt. Die Fortschreibung der Geschichte rund um den ehemaligen Herrensitz (Restaurant etc.) und die Heirat des Chirurgen passen nicht zu den Figuren und zur Geschichte, entwerten die Handlung auch und "klappen" deutlich nach. Das Ganze hat etwas von einem Happy End (wie auch die Entwicklungen um das Liebesleben der Kommisarin) und hat in dieser Form meiner Meinung nach wenig in einem solchen Krimi zu suchen. Auch die Kritik an Dalgliesh, die man in einigen Rezensionen liest, teile ich. Er ist zu gut, zu glatt, zu geradezu gewollt feinsinnig. Zudem entwickeln sich die Hauptfiguren in den letzten Romanen von P.D. James nicht mehr, die Geschichte von der verpatzten Kindheit der jungen Kommissarin (Kate Miskin) hat P.D. James nun schon zu oft erzählt und sie wirkt auch ein wenig konstruiert, die anberaumte Hochzeit der Hauptfigur Dagliesh ist auch schon lange Thema und die Entwicklung von Benton-Smith enthält keine Überraschungen. Insgesamt also ein von der Figurenkonstellation, von der Handlungskonstruktion und auch von den abschließenden Betrachtungen schwächerer Roman der Autorin, der nicht die Qualität der früheren Werke erreicht, der aber immer noch besser ist als die Arbeiten von vielen anderen Autoren, die versuchen, in die Fußstapfen z.B. von Agatha Christie zu schlüpfen. Für Fans ein Muss, für Neulinge sind eher die früheren Werke zu empfehlen.


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