Profil für Kai Bargmann > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Kai Bargmann
Top-Rezensenten Rang: 3.801
Hilfreiche Bewertungen: 209

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Kai Bargmann "kaibargmann"
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7
pixel
Pong
Pong
von Sibylle Lewitscharoff
  Gebundene Ausgabe

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Intellektualisierte Kopfgeburt – zwischen Größenwahn und Geistesgestörtheit, 18. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Pong (Gebundene Ausgabe)
Ich las dieses schmale Bändchen auf einer längeren Zugfahrt. Die Lektüre war zäh. Warum? Die Geschichte Pongs, eines seltsamen Mannes aus Berlin, ist sprachlich fraglos eigenständig, originell, ja virtuos. Nur dass sie mit Bedeutung, Anspielungen und Sprachspielerei überfrachtet ist und die Geschichte als solche dadurch unkenntlich wird.

Pong ist ein geistiger Monolog. Was davon wahr oder Fantasie ist, kann der Leser nur schwer unterscheiden. Der Monolog der Hauptperson schwankt zwischen Größenwahn und Geistesgestörtheit, die Kapitel wirken aneinandergestückelt. Pong gewinnt zuerst viel Geld und verschenkt es, dann bringt er alle Beschenkten um (jedenfalls klingt es so) und befreit alle Tiere aus dem Zoo. Er vergräbt seine Elekrogeräte im Garten, stellt sich selbst in einem Glascontainer zur Schau und lernt schließlich Evmarie kennen, die er sich unterwirft. Sie bekommen Kinder, und die Kinder werden immer kleiner.

So absurd, so gewollt, so grotesk, so konfus. Wahrscheinlich ist dies Buch wahnsinnig intelligent und gebildet, doch die Entschlüsselung gelingt nur mit Sekundärliteratur. Die Jury in Klagenfurt war 1998 von Pong begeistert und verlieh der Autorin den Ingeborg-Bachmann-Preis. Dies ist die typische Art Buch, das einen deutschen Literaturwettbewerb gewinnt, dies ist ein ziemlich deutsches Buch: Bemüht, verkrampft, überfrachtet, eine intellektualisierte Kopfgeburt. Zum Lesen ist es eigentlich nicht gemacht. Klingt anstrengend, sagte meine Sitznachbarin, als ich ihr davon berichtete. War es auch.

P.S. Den zweiten Stern bekommt Pong für die schönen Konjunktive und die seltenen Wörter.


Kein Paar wie wir: Roman
Kein Paar wie wir: Roman
von Eberhard Rathgeb
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Langeweile in Litaneien, 22. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Kein Paar wie wir: Roman (Gebundene Ausgabe)
Zwei alte deutsche Schwestern sitzen im freigewählten Exil in Buenos Aires und blicken auf ihr Leben zurück: Papa war ein Tyrann, Mama depressiv, irgendwann hielten sie es nicht mehr aus und gingen nach New York, wo sie sich wider Erwarten durchsetzten, weil sie u.a. ganz attraktiv waren.

So weit, so lahm. Doch für diese einfache Geschichte braucht Eberhard Rathgeb fast 200 Seiten. Was die Lektüre besonders ermüdend macht ist, dass die beiden Damen dialogisch in Erinnerungen schwelgen und sich dabei gebetsmühlenhaft wiederholen. Dazu sind sie schlicht gestrickt und ergehen sich vorzugsweise in selbstbestätigenden Phrasen – vgl. den Buchtitel. Man erfährt nichts Erhellendes oder Neues, sondern findet alles bestätigt, was man sich ohnehin denken konnte.

Mag sein, dass die Konstruktion zweier Schwestern, die von Deutschland aus kurz nach der Machtergreifung im Ausland ihr Glück versuchten, was hätte hergeben können. Zu der Zeit war das durchaus ein ungewöhnlicher, risikoreicher Schritt. Aber dann muss man die Geschichte ganz anders erzählen, nicht in Rückblenden vom Schaukelstuhl aus. Mag auch sein, dass man im Alter in solchen anekdotischen Szenen zurückschaut. Für den Leser ist diese erzählerische Perspektive indessen einschläfernd.

Ich kann nicht erkennen, warum man dieses banale, vorhersagbare Buch lesen sollte, und kann nur zur Lektüre lohnenswerterer Titel raten.


Stoner: Roman
Stoner: Roman
von John Williams
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Stilistisch meisterhafte Erzählung von kurzem Glück und langem Scheitern, 22. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Stoner: Roman (Gebundene Ausgabe)
Um meine Ausgabe liegt eine Banderole. „Ich habe mich in ihn verliebt“, schwärmt darauf die Schriftstellerin Ana Gavalda, „Stoner ist eines der phantastischsten Bücher, die Sie je in die Hände bekommen haben“ Schauspieler Tom Hanks. Die Rede ist von „Stoner“, einem Roman aus den Sechzigern, der längere Zeit nicht erhältlich war, jetzt wieder aufgelegt wurde und als Meisterwerk gefeiert wird.

Soweit würde ich nicht gehen. Allerdings habe ich Geschichte des Jungen vom Lande, der an der Uni seine Liebe zur Literatur entdeckt und sich für eine Karriere als Dozent entscheidet statt die väterliche Farm zu übernehmen, gern gelesen. John Williams schildert die Geschichte klar, ruhig und doch emotional, ich habe an der Selbstfindung des Titelhelden und seinem langen Niedergang Anteil genommen. Williams gelingt es sehr gut, in den Szenen Nähe zu erzeugen, und Stoner als Charakter lebendig zu machen. Das Leben an einer amerikanischen Uni in einer Provinzstadt in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts entsteht sehr klar vor dem Auge des Lesers.

Allerdings muss ich kritisch anmerken, dass mir die Psychologisierung der Nebenfiguren nicht ganz schlüssig erscheint. Stoners Frau Edith finde ich in ihrem Frust und ihrer extremen Kälte im Familienleben ebenso schwer nachzuvollziehen wie die unerbittliche Fehde, die Stoners behinderter Gegenspieler Lomax an der Uni anzettelt. Umso besser ist Williams stilistisch. Allein die Sterbeszene ist meisterhaft: Traurig, aber nicht kitschig. Williams sagt das Notwendige, und doch entsteht aus dem Wenigen ein berührendes Bild.

Deswegen spreche ich insgesamt eine Empfehlung aus, vor allem weil das Buch eine Aura des Zeitlosen, ewig Gültigen im menschlichen Dasein ausstrahlt: Stoner hat kurz Glück und muss danach erleben, wie manche Dinge ihren Lauf nehmen, ohne dass man sie beeinflussen kann.


Wir müssen über Kevin reden: Filmbuch: Roman von Shriver. Lionel (2012) Taschenbuch
Wir müssen über Kevin reden: Filmbuch: Roman von Shriver. Lionel (2012) Taschenbuch
von Shriver. Lionel
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Präzise Spurensuche nach einem Massenmord, 31. Januar 2014
Kevin ist 15 und erschießt mit einer Armbrust neun Mitschüler und eine Lehrerin. Der Roman geht der Frage nach dem Warum nach. Er tut das in Form von Briefen, die die Mutter Eva an ihren Mann Franklin schreibt und in der sie das Leben ihrer Familie Revue passieren lässt.

Es ist ein bedrückendes Buch (wie könnte es das nicht sein?), aber doch eine großartige Lektüre. Denn Lionel Shriver liefert in ihrem Rückblick auf das Werden und Sein der Familie eine fast unheimlich präzise Charakterstudie aller Beteiligten, das Buch ist voll so genauer Szenen und so kluger Beobachtungen und Formulierungen über Gesellschaft und Individuum, wie ich es lange nicht gelesen habe.

Natürlich schwingt in Evas Erinnerungen eine Menge Bitterkeit und Selbstmitleid mit, doch das ist bei der ungeheuren Tat wohl unvermeidlich. Kevins seelische Kälte, seine Abgebrühtheit und sein Kalkül machen schaudern, die Ohnmacht der Eltern ebenso. Ob die geschilderte Bösartigkeit wirklich plausibel ist, kann ich nicht beurteilen, aber die Schilderung war sehr eindrücklich.

Fazit: Shriver hat es vermieden, eine Standardantwort zu geben, sondern liefert ein vielschichtiges, differenziertes Bild von dem langen Weg bis zu der schrecklichen Tat. Eine literarische Meisterleistung, die ich gern gelesen habe, obwohl das Thema so düster ist.


Ewigkeitsfjord: Roman
Ewigkeitsfjord: Roman
von Kim Leine
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Plädoyer für Freiheit, Aufklärung und das Streben nach Glück, 31. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Ewigkeitsfjord: Roman (Gebundene Ausgabe)
Literatur aus Dänemark ist hierzulande nicht übermäßig präsent. Der letzte große Erfolg dürfte „Frl. Smillas Gespür für Schnee“ gewesen sein, doch mit ihr hat Morten Falck, die Hauptperson im „Ewigkeitsfjord“, nur wenig zu tun. Im Gegenteil. Während „Frl. Smilla“ nach Kopenhagen zog, will Falck nichts anderes als weg von dort und sich selbst in der Ferne erproben. Er sucht sein Glück in Grönland.

Warum sollte man ein Buch über einen dänischen Pfarrer lesen, der vor über zweihundert Jahren beschließt, als Missionar nach Grönland auszuwandern? Zunächst: Es fällt dem Leser leicht, sich mit Falck anzufreunden. Der ist nämlich nur Pfarrer geworden, weil sein Vater es so wollte, Falck selbst denkt aufgeklärt und wäre lieber Arzt. Sein Motto: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“

Dann hat Kim Leine einen zweiten geschickten Kunstgriff getan: Wie Hillary Mantell benutzt er das Präsens als Zeitform, nicht die Vergangenheit, er benutzt viel wörtliche Rede und lässt uns intensiv an Falcks Erleben teilhaben. Dadurch wirkt Falck wie ein moderner Mensch und der „Ewigkeitsfjord“ wie ein zeitgenössischer Roman. Der Eindruck des Modernen wird dadurch unterstützt, dass der Roman nicht streng linear aufgebaut ist.

So entsteht große Nähe zu Falck, zumal seine Jugendjahre ziemlich locker und erfreulich verlaufen. Wie er sich lebenslustig im Kopenhagen zur Zeit der französischen Revolution durchschlägt und sich dabei auch auf ungewöhnliche Abenteuer einlässt, begleiten wir mit viel Sympathie. Falck scheint für seine Entscheidungen belohnt zu werden.

Umso stärker wachsen zunächst das Unbehagen und später das Entsetzen, als wir Zeuge werden, wie Falcks Leben nach seiner Ankunft in Grönland zunehmend aus den Fugen gerät , teils durch Ungeschick, Unvermögen und Schicksalsschläge. Ob es der fehlschlagende Versuch ist, das Leben des kranken Sohnes des Katechisten zu retten, mit Schießpulver (!) eine Schwangerschaft zu beenden, oder sich nachts noch ein Schlückchen Branntwein zu genehmigen, wodurch das Haus des Statthalters abbrennt – Morten Falck muss einiges durchmachen, lädt Schuld auf sich, und wir leiden mit, während er scheitert.

Extrem anschaulich führt uns Kim Leine das Elend und die Primitivität vor Augen, in dem die Menschen damals auf Grönland lebten, die Selbstherrlichkeit und die Barbarei, mit der die dänischen Kolonialherren sich aufführten, ihr Obrigkeitsdenken, ihre Dummheit und Gier.

„Ewigkeitsfjord“ habe ich geradezu gebannt gelesen, weil Leine so lebendig schreibt. Ab Falcks Ankunft in Grönland beschlich mich ein ungutes Gefühl, und ich musste wissen, was ihn als nächstes erwartet. Das Buch ist im besten Sinne ein aufklärerisches Buch, über das berechtigte Streben nach Glück, auch wenn man es schließlich nicht findet. Leine spiegelt uns in der historischen Figur, bringt sie uns so nah als wären wir selbst dabei – und das ist eine starke, schriftstellerische Leistung. Lesen – vielleicht wird der „Ewigkeitsfjord“ der nächste dänische Erfolg!


Die amerikanische Nacht: Roman
Die amerikanische Nacht: Roman
von Marisha Pessl
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

4.0 von 5 Sternen Rasanter, dunkler Nachfolger, 6. Januar 2014
Da ist er also, der Nachfolger des hochgelobten (und auch bei mir äußerst beliebten) Debuts, der „Alltäglichen Physik des Unglücks“. Keine leichte Aufgabe. Wie hat Marisha Pessl sie gemeistert?

Zunächst mal hat sie nicht dasselbe in grün geliefert, was nahe gelegen hätte, aber langweilig gewesen wäre. Indessen zieht sie energisch das Tempo an. War die „alltägliche Physik“ stellenweise aufreizend behäbig, finden wir in der „Amerikanischen Nacht“ ein rasantes, geradezu fiebriges, Buch vor. Die Frage, was hinter dem tragischen Selbstmord der jungen Regisseurstochter Ashley steckt, treibt den Leser atemlos durch die Seiten. Kompliment: Wie Pessl den Plot aufbaut, Schicht für Schicht das Geheimnis freilegt, und dies auch noch aus mehreren Perspektiven, verlangt Respekt. Die Szenen sind unmittelbar und eindrücklich, die Personen unterscheid- und greifbar, der Leser ist hautnah dabei, eingenommen von einer suggestiven und dichten Atmosphäre. Pessl kreiert Bilder, die man nicht so schnell vergisst. Die Zahnräder greifen größtenteils sauber ineinander, Pessl schafft es, die meisten Rätsel entlang des Wegs für den Leser einfallsreich und doch glaubwürdig zu lösen. Nur gelegentlich stutzte ich über eine Wendung, die dann aber, im weiteren Kontext, plausibler wurde.

Hier beginnt meine Kritik: Mir gefiel an der „Alltäglichen Physik“ gerade die spielerische Überfrachtung. Das hat das Buch literarisch und sehr clever gemacht. Damit will ich nicht sagen, dass die „Amerikanische Nacht“ unclever wäre, im Gegenteil. Aber dieses literarische Element fehlt mir, es gerät im Vergleich zur Handlung in den Hintergrund. Dazu muss man sich auf eine relativ ungewöhnliche Ausgangslage einlassen, in der ein investigativer Journalist einem berühmten Filmregisseur (man denke sich eine Mischung aus Polanski und Coppola) und dem geheimnisvollen Schicksal seiner Tochter nachspürt. Das ist spezifisch amerikanisch, hier in Deutschland sind wir investigativen Journalismus in Politik und Wirtschaft gewohnt. Und diese „Recherche“ (O-Ton Pessl) wird dann, auch das sehr amerikanisch, auf nicht weniger als 800 Seiten ausgebreitet.

Ich war skeptisch, aber die Lektüre hat sich gelohnt. Denn auf der Metaebene – bei der Frage, wozu das alles? – stellt man fest, dass Pessl einen zentralen Konflikt der Gegenwart thematisiert, nämlich den zwischen Wissenschaft und Ratio einerseits und Aberglauben und Mystik andererseits. Sie zeigt an der Hauptperson des Journalisten glaubwürdig und ganz undogmatisch, wie sich selbst ein sehr rationaler Typ in einer mystischen Gegenwelt verstricken kann – und durch die Begegnung mit ihr so reift, dass er sie neben seinem bisherigen Denken als Teil der Welt akzeptieren kann. Das hat mir als sprichwörtlich salomonische Lösung gut gefallen.

Fazit: Wer sich vom Umfang nicht schrecken lässt, findet in der „Amerikanischen Nacht“ fesselnde und anspruchsvolle Lektüre und einen abwechslungsreichen Nachfolger zur „Alltäglichen Physik“.


Das größere Wunder: Roman
Das größere Wunder: Roman
von Thomas Glavinic
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Charmant, aber vage, 6. Januar 2014
Das Hauptwort im Titel muss man wörtlich nehmen: „Das größere Wunder“ ist ein Märchenbuch: fantastisch, traumhaft und geheimnisvoll. Es bedient Sehnsüchte nach Spiritualität und grenzenloser Freiheit – ich bin nicht überrascht, dass diese Mischung ein größerer Erfolg in Deutschland geworden ist, denn ich glaube, dass Glavinic damit den Zeitgeist trifft.

„Das größere Wunder“ besteht aus zwei Handlungssträngen, die sich kapitelweise streng abwechseln: Der Lebensgeschichte des Helden Jonas, und seiner Besteigung des Mount Everest. Glavinic bedient sich zunächst eines geschickten Kunstgriffs: Die meisten von uns müssen ihren Lebensunterhalt verdienen. Glavinic geht der Frage nach, was eigentlich wäre, wenn man davon befreit wäre. Wie würde man leben? Was würde man tun? Das schafft einigen kreativen Spielraum, den Glavinic für den Strang über Jonas' Lebensgeschichte geschickt nutzt, und ist ein faszinierendes Gedankenspiel: Was würde man selbst tun? Solche Fragen regen zur Selbstreflexion an und machen die Lektüre erfreulich. Jonas macht, was er will, weil er es kann, und wir als Leser folgen ihm staunend und neidisch. Meist unternimmt er sympathische, manchmal extreme Dinge, doch manchmal geht Glavinic mit seinem Helden auch zu weit, etwa in dem er Jonas Selbstjustiz verüben lässt. Im zweiten Strang nähert sich Glavinic explizit der Sinnfrage, die Jonas insgesamt treibt: Warum soll man den höchsten Berg der Welt besteigen? Und um welchen Preis? Das beschreibt Glavinic äußerlich sehr genau, mit kurioser Folge: Einerseits wiederholt sich da einiges (ich bin kein Bergsteiger), andererseits war die Besteigung angesichts der Gefahren spannend zu lesen.

Jonas hat noch eine weitere Besonderheit: Er ist beschützt. Bei den verrücktesten Mutproben und Abenteuern geschieht ihm nichts, er überlebt, während andere ums Leben kommen. Auch den Everest-Aufstieg übersteht er bei größten Widrigkeiten unbeschadet. In der Motivation ist der Roman schwächer: Warum Jonas beschützt ist, wird nicht hergeleitet, sondern ist gesetzte Annahme, auf die man sich einlassen muss – eben Teil des Märchens. Ähnliches kommt öfter vor: An entscheidenden Passagen, in denen man gern gewusst hätte, was Jonas denn nun getan hat (und warum), lässt uns der Autor im Stich. Es heißt dann lapidar, dass Jonas etwas selbst nicht wusste. Bei freundlicher Interpretation wäre das ein Kunstgriff, bei boshafter Ideenlosigkeit. Ich wünsche mir von einem brillanten Romancier, dass er für mich Gedanken formuliert, die ich selber nicht formulieren könnte, in denen ich mich aber wiederfinde. Hier ist mir Glavinic zu vage und oberflächlich, und bleibt schriftstellerisch einiges schuldig. Schade, weil die Idee der Geschichte charmant ist.


Das Schweigen des Sammlers: Roman
Das Schweigen des Sammlers: Roman
von Jaume Cabré
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Verwickelter Roman über Schuld, 26. Dezember 2013
Ich weiß noch, dass ich über dieses Buch in der FAZ eine hymnische Besprechung las. Es sei einer der besten spanischen Romane der letzten Jahre, hieß es darin. Ich weiß nicht mehr, wie das genau begründet wurde, aber mein Interesse war geweckt.

„Das Schweigen des Sammlers“ heißt im Original „Ich bekenne“ und das ist der weitaus treffendere Titel für diesen verwickelten Roman. Formal ein Briefroman, lesen wir die Memoiren des spanischen Gelehrten Adria Ardevol an seine Frau Sara Voltes-Epstein, die große Liebe seines Lebens. Es ist ein Buch über Schuld und die Hoffnung auf Wiedergutmachung. Denn Ardevol fühlt sich schuldig am Schicksal seiner Frau, und daran, dass sie ihn verließ – weil er eine Geige nicht zurückgab, die seiner Familie nicht gehörte. Das klingt vielleicht banal, aber die Geschichte dieser Geige bildet neben Ardevols Lebensgeschichte die zweite große Stütze des Romans. Sie spannt einen riesigen zeitlichen Bogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, von Geistlichen in Klöstern bis zu Nazischergen in Auschwitz. Und der Streit über ihren Besitz ist Ausgangspunkt für umfangreiche Schilderungen über Gut und Böse, Schuld und Moral.

Damit hat sich Cabre viel vorge-, aber nicht übernommen. Ihm gelingt es, die stattlichen 850 Seiten intelligent und spannend zu füllen. Vor allem hat Cabré die Handlungsebenen kunstvoll und trickreich verknüpft. Oft springt er mitten in einem der vielen Dialoge auf eine andere Ebene. Oder er wechselt in einem Dialog die Erzählperspektive, vom Er zum Ich oder Du. Das ist oft nicht gleich zu verstehen, sondern erfordert die Aufmerksamkeit des Lesers, ist aber absolut faszinierend gemacht und trägt dazu bei, dies Buch nicht nur inhaltlich, sondern auch formal komplex zu machen. Es führt vor allem dazu, dass der Leser näher an die Handlung herankommt und von ihr stärker berührt wird. Und es macht das Buch einzigartig.

Kritikpunkte sehe ich bei der Hauptfigur. So facettenreich sie einerseits angelegt ist, so einseitig ist das Motiv von Ardevols Handlungen: Das Gefühl der Schuld und die überbetonten Gefühle für seine Frau wirken über die ganze Länge fast schon penetrant. Aber vielleicht ist das eine Mentalitätssache, und deutsche Leser empfinden hier anders als der spanische Autor. Zum anderen ist Ardevol als Intellektueller angelegt, der über die Natur des Bösen forscht. Dann müsste dazu auch was Intellektuelles kommen, doch das fehlte mir. Dafür gibt er durch die Romanhandlung vielfältige Antworten dazu.

Vielleicht hat Cabre nicht alles einlösen können, aber ihm ist in achtjähriger Arbeit unterm Strich ein bemerkenswertes Buch gelungen, das ich empfehlen möchte.


Schweres Beben. Roman
Schweres Beben. Roman
von Jonathan Franzen
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Alle Anlagen sind schon da, 26. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Schweres Beben. Roman (Taschenbuch)
Auf diesen Roman wurde ich über den Rush-Schlagzeuger und -Texter Neil Peart aufmerksam, der ihn in seinem Buchblog freundlich besprach. Peart hat es sich nämlich in seiner Karriere als Musiker zu eigen gemacht, sich die Wartezeiten vor Soundcheck und Konzert lesend zu vertreiben. Ich war skeptisch, ob ich nach den „Korrekturen“ und „Freiheit“ noch einen weiteren Franzen brauchte, und ließ mich von ihm inspirieren.

„Schweres Beben“ trägt schon alle Anlagen in sich, die Franzen später in den „Korrekturen“ und „Freiheit“ zu einem ganz Großen machen. Am Beispiel einer amerikanischen Familie wird die Gegenwart des Landes gespiegelt. Allerdings sieht man an manchen Stellen auch, dass er als Schriftsteller noch reifen musste. Solche Passagen wirken hölzern, wie eine Fingerübung, aber die Anlage und Psychologisierung seiner Personen ist gelungen, man versteht, warum welche Figur was tut, und ihre Handlungen greifen sauber ineinander.

Mir haben die oft scharfen Dialoge gefallen, in denen die unterschiedlichen Standpunkte der Sprecher und ihre Interessen gut zum Ausdruck kommen. Und natürlich las ich gern, wie Franzen mit angenehmem Sarkasmus und intellektueller Schärfe seine Gedanken um die großen Konflikte seines Romans kreisen ließ, die gleichzeitig ein Bild vom Amerika Anfang der 90er zeichnen: Freie Wirtschaft gegen Umweltschutz, Glauben gegen Aufklärung, das Recht auf Selbstbestimmung gegen junges Leben um jeden Preis.

Ob es tatsächlich möglich ist, durch die Einleitung giftiger Chemikalien Erdbeben zu verursachen, kann ich nicht beurteilen; auf jeden Fall trägt diese Grundidee zusammen mit ihrer metaphorischen Bedeutung den Roman sehr gut über die gesamte Strecke (anders als z.B. in Nachbeben: Roman), denn auch bei allen Charakteren in diesem Roman werden sinnbildlich schwere Beben ausgelöst. Franzen hat die Geschichte über die gesamte Distanz von fast 700 Seiten gut im Griff und kommt zu einem sauberen Ende, was sonst bei umfangreichen Romanen gern eine Schwäche ist.

Auch wenn die „Korrekturen“ und „Freiheit“ insgesamt die noch besseren, weil reiferen Werke sind, lässt sich „Schweres Beben“ schon sehr gut lesen.


Unsichtbar
Unsichtbar
von Paul Auster
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Künstliche Kunstfertigkeit, 26. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Unsichtbar (Taschenbuch)
Dieses Buch ist gekonnt gemacht, wirft aber Fragen auf, vor allem die nach seinem Sinn. Man merkt Auster Routine und Sicherheit an, er spult „Unsichtbar“ intelligent ab. Doch zugleich beschleicht mich Unbehagen: „Unsichtbar“ wirkt auch – unecht, konstruiert, gewollt. Wie schreiben nach Zahlen, eine Fingerübung, Erzählen um des Erzählens willen. Hier will einer seine Meisterschaft demonstrieren, doch mein Herz erreicht er damit nicht.

Der Student Adam Walker gewinnt in dem französischen Gastprofessor Rudolf Born im New York des Jahres 1967 unverhofft einen Gönner für seine Zeitschrift. Doch der zunächst großzügige, gastfreundliche Born verwandelt sich schon bald in ein Ekelpaket, der Walker bis aufs Blut verfolgt. Auch andere Personen und Episoden sind nur selten, wie sie anfangs wirken: Borns morbide Freundin Margot wird Walkers rasende Geliebte, Walkers Schwester bestreitet eine inzestuöse Beziehung, die vorher umfänglich ausgebreitet wird . . . Auster spielt mit der Handlung und den Lesern: Was eben noch wahr schien, wird einen Moment später negiert. Daraus resultiert eine gewisse Spannung, die Neugier weckt, doch der Kunstgriff wirkt zugleich willkürlich und manipulativ, so als wollte Auster uns an der Nase herumführen, zum zu beweisen, dass er es kann. Leider sind die Brüche so extrem, dass sie unglaubwürdig wirken.

Vor allem wirft diese Technik die Frage auf, was mir diese Geschichte sagen soll – außer dass ein Erzähler die (unsichtbare) Macht hat, eben diese abrupten Wechsel herbeizuführen. Dieser merkwürdige Mangel in Konzept, Sinn und Aussage führt zu einem gemischten Votum. „Unsichtbar“ ist ein sprachmächtiges, souveränes, aber kein notwendiges Buch.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7