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Rezensionen verfasst von
Kai Bargmann "kaibargmann" (München)

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Papa Faust
Papa Faust
von Uwe Wolff
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Heiter-distanzierte Aussteiger-Miniatur, 19. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Papa Faust (Taschenbuch)
Anfang der Achtziger im schleswig-holsteinischen Aussteigermilieu: Ein paar junge Leute wollen auf einem Bauernhof eine alternative Lebensform begründen. Was gruselig klingt und als Buch hätte werden können, nimmt einen glimpflichen Verlauf.

Uwe Wolff macht aus dem Stoff keinen Szeneroman im Pseudo-Jugendslang, sondern erzeugt in einer Mischung aus Märchenonkel-Erzähler und altertümelndem Deutsch Distanz und Heiterkeit. Wolff hat einen Sinn für das Abgründige und Abseitige, nimmt seine Figuren aber durchaus ernst. Er führt sie nicht vor, macht sie nicht lächerlich.

Manche haben Wolff wegen seines gedrechselten, gezierten Stils damals mit Thomas Mann verglichen, was auch der Titel nahelegt („Doktor Faustus“). Ich finde das übertrieben, wenn auch die feine, sorgsam gewählte Sprache und das vielfältige Vokabular den Vergleich stützen und mir gefallen haben. Was Papa Faust bedeutet, erklärt uns Wolff freundlicherweise selbst im Buch: „Er ist der Mensch, der sich liebevoll um Mensch, Tier und Natur kümmert, der, wie die Mutter ihr Kind, die Schöpfung umsorgt.“ In einem solchen Zitat gutmenschelt es schon arg; doch ist es aus dem Zusammenhang gerissen. Insgesamt hält Wolff die Balance.

Ich las dieses Buch nach langen Jahren kürzlich wieder. Es war wohl Teil eines größeren Romanwerks, das ich nicht kenne. Ich habe mich von den schmalen 200 Seiten recht gut unterhalten gefühlt. Wer noch einmal in die geistige Welt der frühen Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts mit ihren Befindlichkeiten (von der Atomkraft-Angst bis zum Müsli-Kult) eintauchen möchte, wird hier fündig.

Heute schreibt Uwe Wolff viel über Engel. Hoffentlich hat das nichts mit einer Überdosis Aussteigertum zu tun. ;-)


Kill Your Friends
Kill Your Friends
von John Niven
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

5.0 von 5 Sternen Perma-Exzess: Sarkastische Abrechnung mit den Neunzigern, 31. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Kill Your Friends (Taschenbuch)
Willkommen in der englischen Musikindustrie der Neunziger: Im Zeitalter vor dem Siegeszug des Internets wird in der Plattenindustrie so viel Geld verdient, dass Dekadenz an der Tagesordnung ist. Steve Stelfox ist A&R-Manager und lässt nichts aus: Frauen, Alkohol, Drogen. Für seine Mitmenschen hat er nichts als Verachtung übrig. Spott und abfällige Bemerkungen über wirklich jeden in seiner Umgebung ziehen sich durch dieses Buch. Sein Dasein ist darauf konzentriert, sich ein gutes Leben zu machen, seinen Vorteil zu suchen, den permanenten Exzess; Empathie ist für ihn ein Fremdwort. Das kann man bös finden. Einerseits.

Anderseits ist „Kill Your Friends“ in seiner Überzeichnung schreiend komisch – sehr englisch eben. Darin liegt der Unterschied zu Brett Easton Ellis „American Psycho“, das von anderen Rezensenten zum Vergleich herangezogen wurde: Das ist nihilistischer, dunkler, bösartiger. Der Held dort ist eiskalt, eitel und egozentrisch. Dagegen will Steven eigentlich nur eine gute Zeit haben – das allerdings ohne Rücksicht auf Verluste. So wurde er mir mit der Zeit sympathisch, und selbst die beiden Morde habe ich ihm verziehen, weil sie im Affekt, in Unzurechnungsfähigkeit geschahen.

Sprachlich ist das Buch brillant – jedenfalls im Original ist es voll auf den Punkt formuliert, vor allem in den Dialogen und den knappen Beschreibungen von Personen, Situationen oder Orten. Doch es hat auch leichte Schwächen. Es ist vorwiegend auf die Handlung konzentriert. Die handelnden Personen bleiben nahezu ohne Hintergrund und werden nur schwach charakterisiert, weshalb sie zu einem gewissen Grad bis zum Schluss Namen ohne konkrete Eigenschaft bleiben, die man leicht verwechseln konnte. Selbst Steven hat kaum Hintergrund – da hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht. (Andererseits hätte diese Tiefe dem Buch Leichtigkeit und Schwung genommen.)

Insgesamt war die Lektüre wie eine rauschhafte Nacht. „Kill Your Friends“ ist hoch unterhaltsam, einfallsreich, schnell, pointiert, kein Wort zu viel (aber auch nicht zu wenig.) – ein wunderbar konsequenter Text. Was das Buch modern macht: Es gibt keine moralische Abrechnung oder ausgleichende Gerechtigkeit. Wer gern über andere lästert, sich für Popmusik interessiert und in den Neunzigern Jugendlicher oder junger Erwachsener war, wird hier bestens bedient.


Flüchtiger Glanz: Roman
Flüchtiger Glanz: Roman
von Joan Sales
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Flüchtiger Eindruck, 9. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Flüchtiger Glanz: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieser Roman stammt bereits von 1956 und wurde erst jetzt erstmals ungekürzt auf Deutsch veröffentlicht. Auch in Spanien wurde er offenbar länger zensiert, da er kritische Äußerungen gegen über der herrschenden Franko-Diktatur enthielt. Fachleute zählen ihn zu den Klassikern der katalanischen Literatur, aber vielleicht ist die gar nicht so gut, jedenfalls für einen deutschen Leser, oder die Fachleute schätzt deren Bedeutung für den deutschen Leser zu hoch ein. Denn bei mir hinterließ der „Flüchtige Glanz“ nur einen recht flüchtigen Eindruck.

Vom Bau her handelt es sich um einen Briefroman in drei Teilen. Zunächst schildert der junge Lluis seine Eindrücke als Soldat im spanischen Bürgerkrieg Ende der dreißiger Jahre, der aber in diesem Teil in erster Linie als Kulisse für eine Liebesgeschichte mit einer anderen Frau dient. Da sind die Briefe der Protagonistin Trini, Lluis Freundin, schon ergiebiger, was die Schilderung von Entbehrungen, aber auch Verrat und Denunziation angeht, weil sie den Krieg in Barcelona erlebt, das belagert, bombardiert und vom Nachschub abgeschnitten wird. Im dritten Teil ist es dann der Sanitäter Cruells, der seine Sicht der Dinge darlegt. Hier wird sowohl die Bürgerkrieg (diesmal im Winter) als auch die Beziehung zwischen Lluis und Trini betrachtet.

Ein Verdienst des Romans liegt darin, dass die Sachverhalte aus drei Perspektiven geschildert werden. Das ist modern und für den Leser zugleich erhellend. Zu den nicht zu übersehenden Schwächen des Romans gehören die essayistischen Teile über den Sinn des Lebens, Religion, Liebe - was einen so Mitte 20 umtreibt. So alt war der Verfasser, als er den „Flüchtigen Glanz“ schrieb, und so lesen sich diese Passagen: Man spürt die Leidenschaft und den Idealismus, die moralische Strenge dieses Lebensabschnitts, aber auch die Unreife und das Unfertige, ja Unausgegorene. Vieles ist nicht zu Ende gedacht, gar wirr, manches ist der Zeit geschuldet. Insbesondere die Haltung der christlichen Religion und ihren Wertmaßstäben gegenüber hat sich seit der Entstehung des Romans gewandelt.

Stärken sehe ich in der Form und der Psychologisierung der Personen. Deren Innenleben und Motive werden jeweils schön herausgearbeitet, gestützt auch dadurch, dass der Autor pro Teil die Perspektive wechselt. Ob dieser Roman eine zweite Lektüre lohnt, wie das Nachwort nahelegt, bezweifle ich. Ich würde nicht einmal sagen, dass man ihn überhaupt gelesen haben muss. Dafür fehlt es mir an Nähe zum Gegenstand und dem Roman an schriftstellerisch Besonderem.


Karte und Gebiet: Roman (Taschenbücher)
Karte und Gebiet: Roman (Taschenbücher)
von Michel Houellebecq
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lesenswert: Über Kunst und Frankreich, 19. März 2016
Jed Martin ist Künstler, „Karte und Gebiet“ ist ein Künstlerroman, der von Martins Leben erzählt. Klingt langweilig? Ist es nicht. Denn „Karte und Gebiet“ ist mehr. Der Roman bleibt nicht auf das persönliche Schicksal der Hauptperson und das künstlerische Milieu beschränkt, sondern versucht auch das Porträt der französischen Gesellschaft und des Landes.

Hier ähnelt Hoeullebecq im Bestreben den großen Amerikanern wie Updike, auch wenn er stilistisch ganz anders schreibt. Zu sehen, wie ein Einzelner vor dem Hintergrund seiner Zeit handelt, gefällt mir stets besonders gut. Es war erhellend, von der Veränderung Frankreichs zu lesen, wie ebenso die beißende Beschreibung der Pariser Kunstszene unterhaltsam war. Daneben lernt der Leser auch etwas. Fachkundig lässt der Autor Betrachtungen und Reflektionen zu künstlerischen Stilen und Techniken sowie dem Kunstmarkt einfließen.

Gefallen hat mir auch der Einfall, sich selbst in dem Roman auftreten zu lassen, auch wenn die Art und Weise, wie der Autor sich sieht, schauderhaft ist: Seelisch verwahrlost und einsam.

Dazu empfinde ich Hoeuellebecq als modernen Romancier. Damit meine ich, dass er – nicht formal, sondern inhaltlich – versucht, an Grenzen zu gehen. Die Kriminalgeschichte am Schluss mit dem grausigen Mord am Autor wirkt, als habe sich der Autor von der Extremität eines Tarantino beeinflussen lassen. Und das tut gut, auch wenn sie als Element angestückelt wirkt, weil der Schwerpunkt sich von Jed Martin zu Hoeullebeqc selbst verschiebt, der eigentlich nicht Hauptperson ist.

Zur Sprache wäre zu sagen, dass Hoeullebeqc das Kunststück beherrscht, im Grund einfach zu schreiben, und doch inhaltlich Tiefgang zu haben. Der Text erstickt also nicht in formalen Experimenten und übertriebener, eitler Kunstfertigkeit. Ich halte das für ein Verdienst.

Für „Karte und Gebiet“ hat Michel Houellebecq den Prix Goncourt, den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, gewonnen. Ich meine, zurecht. Dies Buch ist gut zu lesen, unterhaltsam, intelligent und komplex. Martins Schicksal hat mich berührt, wichtige gesellschaftliche Fragen der Zeit wurden aufgegriffen und reflektiert. Es mag sein, dass der Autor nicht viel für seine Bücher recherchiert, aber dafür hat er einsichtsvolle Gedanken und Betrachtungen zu bieten. Lesen!


Vaterjahre: Roman
Vaterjahre: Roman
von Michael Kleeberg
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Exzellentes Porträt eines Mannes in der Gegenwart, 5. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Vaterjahre: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich mag Romane wie diesen, wenn eine Figur vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte agiert. Genau das geschieht hier: Charly ist Geschäftsführer eines Hamburger Handelsunternehmens, verheiratet, zwei Kinder, Haus und Hund. Seine Erfolge, die Entscheidungen, sein Neid und Konkurrenz in Beruf und auf dem Golfplatz trotz Freundschaft, wie Wessis Ossis sehen, was deren Eigenheiten sind, das wird so vielschichtig und differenziert geschildert, wie ich es so noch nicht gelesen habe.

Dies ist ein komplexes Porträt eines Mannes, geboren in den Sechzigern, und seines Lebens in Deutschland der Mitte der 90er. Seine Innenwelt enthält sicher einige unangenehme Erkenntnisse, doch ich habe es sehr zu schätzen gewusst, dass sie so offen dargelegt werden. Z.B. die in anderen Rezensionen gescholtene Eingangsszene: Hier geht es nicht um Inzest; diese Interpretation ist ein grobes Missverständnis. Dass ein Vater überlegt, ob seine Tochter später eine begehrenswerte Frau werden wird, oder was ihr daran fehlt, diese Gedanken gibt es, das kann ich aus eigener Anschauung berichten. Ihn niederzuschreiben, auch wenn er nicht dem Vateridealbild entspricht, ist gerade eins der Verdienste der „Vaterjahre“.

Ebenso ist es ein Missverständnis, sich über Klischees zu beklagen. Es kann Aufgabe von Literatur sein, sich möglichst Abseitiges zum Gegenstand zu machen, und das geschieht ja auch oft (vgl. Pong). Zweitens ist das Abseitige als Thema noch kein Zeichen literarischer Qualität, so wie umgekehrt es nicht per se ein Kritikpunkt sein kann, wenn etwas Typisches geschildert wird. Das will dieses Buch, und damit ein möglichst exaktes Abbild dieser Welt schaffen. (In seiner ursprünglichen Bedeutung als Druckvorlage tut ein Klischee nicht anderes).

Und schließlich: Für dieses Abbild hat sich der Autor die Mühe gemacht, anständig zu recherchieren – sonst nicht die Stärke deutscher Autoren, die gern selbstverliebt und meinungsstark (aber faktenarm) vor sich hin fabulieren. Bsp.: die Beschreibungen zum Chilehaus in Hamburg, Charlys Arbeitsplatz; Einzelheiten aus Charlys Job als Geschäftsführer, die DDR-Details - wo andere nicht darüber hinauskommen, über sich selbst und ihr Vorstellungen von der Welt zu dozieren, ist Kleeberg richtig eingestiegen. Und hat dann alles noch sehr glaubwürdig in die Biografien der Figuren eingebunden.

„Vaterjahre“ ist der mit Abstand beste deutsche Roman, den ich in Jahren gelesen habe. In Anlage und Umsetzung habe ich öfter an Updikes „Rabbit“ denken müssen, doch das meine ich als Kompliment. Dass Charly als BWLer und Geschäftsführer mit seinen Eigenschaften und Ansichten nicht allen sympathisch ist, kann ich mir vorstellen. Doch zu beurteilen ist nicht die Identifikation mit dem Protagonisten, sondern wie Kleeberg die Figur konzipiert, komponiert und in die Handlung eingesetzt hat. Und das ist Extraklasse.

P.S. Man kann dieses Buch auch mit Gewinn lesen, ohne Vater zu sein.


Der Klang der Wut: Wie die Musik mich am Leben hielt
Der Klang der Wut: Wie die Musik mich am Leben hielt
von James Rhodes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

17 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wuchtiger, leicht verzerrter Klang, 6. Februar 2016
Bei Pianisten denkt man an feinsinnige, gebildete Leute mit zarten, ausgewogenen Formulierungen. Und dann das hier – der Klang der Wut. Für einen Pianisten schlägt Rhodes einen ungewohnt deutlichen, ja derben und geradezu drastischen Ton an. Welche Wucht – Anspielungen und Andeutungen sind Rhodes Sache nicht.

Dafür gibt es einen Grund: Rhodes wurde als Junge missbraucht. Dieser Teil der Geschichte ist hart und aufwühlend, doch auch voller Wiederholungen und Selbstbezichtigungen. Braucht man dafür ein Buch von 300 Seiten? Allerdings gelingt es Rhodes durch die Drastik der Darstellung, seinen Punkt rüberzubekommen; manche Passagen klingen eindringlich, andere frisch, berührend oder auch komisch.

Der Klappentext verspricht, das Buch sei ein Plädoyer für klassische Musik. Denn die hat Rhodes aus seiner Misere geholfen, er wurde Profi-Pianist mit CD-Aufnahmen und TV-Sendungen. Wie sieht das praktisch aus? Vor jedes Kapitel hat der Autor eine längere Rezension eines Klavierstückes gestellt, das ihm persönlich viel bedeutet. Es gibt sogar eine Spotify-Playlist dazu. Es handelt sich um schöne Stücke, einige davon kenne ich, doch sind sie offensichtlich eng mit der Biographie des Autors verbunden. Aus dieser subjektiven Auswahl eine allgemeine Relevanz von klassischer Musik abzuleiten, scheint mir vermessen.

Zum Schluss dann die – lang erwartete – furiose Abrechnung mit den eingefahrenen Mechanismen des Klassikbetriebes, die das Gleichgewicht zwischen Lebensbeichte und Anliegen des Buches wiederherstellt. Ihr wäre inhaltlich zuzustimmen, aber man muss lange lesen, bis man dahin kommt. Sie mündet ganz am Ende sogar zu einem flammenden Appell für ein bewussteres, erfüllteres Leben – das nenne ich Bandbreite.

Wenn es stimmt, was der englische Schriftsteller Julian Barnes kürzlich in einem Interview sagte, dass nämlich Literatur das Leben erweitert und vertieft, dann erhalten wir hier einen unverstellten Blick in einen Lebenslauf, den die meisten von uns niemals selbst erleben würden, und werden insofern bereichert. Allerdings ist dieser Blick durch Drastik in der Sprache und eine manipulative Persönlichkeit mit entsprechender Darstellung verzerrt.

Fazit: Krude Mischung aus Beichte, Klassikliebe und -kritik und Selbsthilfebuch von begrenztem Aussagewert, die aber nachwirkt und Eindruck hinterlässt. Am besten haben mir die pointierten, durchaus provokativen Teile über den alteingesessenen Klassikbetrieb gefallen.

Was meine Zweifel nährt: Rhodes selbst schildert sich als charmant-manipulativ. Warum sollte ich ihm glauben, dass die klassische Musik ihn wie behauptet wirklich und dauerhaft von seiner selbstzerstörerischen Art geheilt hat?


Frank
Frank
von Richard Ford
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Frank Bascombes knurriger Abtritt, 23. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Frank (Gebundene Ausgabe)
Frank Bascombe kehrt noch einmal zurück, aber er tritt ab – und wie. Der Originaltitel „Let me be frank with you“ sagt es mit seinem Wortspiel noch besser: Frank Bascombe ist nun 68 – und so knurrig und schonungslos, das ich immer wieder glaubte, den alten Clint Eastwood reden zu hören. Äußerer Anlass und große Metapher sind dabei die Zerstörungen eines Hurricans in Haddam und an der Küste New Jerseys, wo Frank lebt.

Die Begegnungen, deren Zeuge wir im Buch werden, haben naturgemäß mit dem Schrumpfen, der Ohnmacht, der Vergänglichkeit und dem Tod zu tun, denn von diesen Themen ist Frank nun umgeben bzw. sie stehen ihm bevor. Toll findet Frank das nicht, das wird unmissverständlich klar, aber: Wie könnte man auch? Man kann sich nur arrangieren, und das versucht Frank, der knapp, ausweichend und wie unbeteiligt reagiert, Argwohn und Abscheu nur mühsam überdecken kann.

Das Buch liest sich wie eine Sammlung von Kurzgeschichten, denn in jedem Abschnitt werden wir Zeugen einer neuen Begegnung, vom ukrainischen Käufer seines Hauses, das ganz zerstört wurde, über die Ex-Frau mit Parkinson bis zum sterbenskranken früheren Freund, der gesteht, mit dieser Ex-Frau einen Seitensprung gehabt zu haben.

Wie Richard Ford diese Introspektion zu einem großen Ganzen schmiedet, in dem er die Impressionen des Abtritts in Franks Persönlichkeit zusammenfließen lässt, liest sich noch einmal ganz großartig. Er bringt es so gut auf den Punkt, es wirkt so wahr und authentisch, und das muss man als Autor erstmal hinkriegen.

Da darf dann sogar ein bestimmtes Wort für jene mit dunkler Hautfarbe stehenbleiben, weil es Frank als Figur in seiner Knurrigkeit glaubhafter macht. Ich befürworte, dass der Verlag hier nicht den Originaltext geopfert hat.

Wenn er sich keinen großen Plot ausdenken muss, sondern nur Menschliches beobachten und in Sprache kleiden, ist Ford in seinem Metier. Nach dem enttäuschenden „Kanada“ ist „Frank“ eine Rückkehr zur Form. Wer Frank Bascombe noch nicht kennt, beginne mit dem „Sportreporter“ oder der „Lage des Landes“.


RLF: Das richtige Leben im falschen. Roman (suhrkamp taschenbuch)
RLF: Das richtige Leben im falschen. Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Friedrich von Borries
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,99

4.0 von 5 Sternen Falsche Frage zum richtigen Leben, 9. Januar 2016
RLF - das richtige Leben im Falschen: Das war so eine der Fragen, die man sich im Studium stellte, als die Aussicht auf eine dauerhafte Erwerbstätigkeit wie ein Verrat an sich selbst erschien, wie ein Ausverkauf der Werte und der Selbstbestimmtheit. In der Regel war damit der Gedanke verbunden, der Kapitalismus müsse überwunden werden.

Darin geht's also in RLF: Ein cleverer Werber versucht, subversiv zu sein, und den Kapitalismus mit sich selbst zu überlisten, Werbung in den Dienst der Revolution zu stellen. Dass das Scheitern muss ist klar, wie es dahinkommt, ist allerdings sehr gut zu lesen, weil es den Geist zum Mitdenken einlädt. Denn die Sehnsucht ist ja da, dass es aber trotzdem nicht geht, hat sich herumgesprochen.

Heute weiß ich, dass die Frage falsch ist, denn sie übersieht, dass der Kapitalismus uns überhaupt erst die Freiheit gibt, sie zu stellen. Beiße nicht die Hand, die Dich füttert! Auch der zweite Punkt, der mit ihr verbunden ist, ist falsch: dass eine Revolution Voraussetzung für das "richtige" (also eigentliche, selbstbestimmte) Leben zu erreichen. Denn eine Revolution ist totalitär. Mit ihr wird anderen eine Einheitsmeinung darüber, was richtig zu sein hat, aufgezwungen - ein eklatanter Eingriff in deren Freiheit und Selbstbestimmung.

Die richtige Antwort liegt in einer freiheitlichen, pluralistischen Gesellschaft. Das ist zwar unübersichtlich, kleinteilig und komplex und wird den Zwangsbeglückern und Weltverbesserern missfallen, aber realistisch hier liegt die Lösung. Schließlich: Wie unpopulär die Idee einer Revolution heutzutage ist, zeigt auch Borries' kläglicher Versuch, parallel zum Buch das RLF-Konzept über Aktionen zum Leben zu erwecken. Aber immerhin: Er hat es versucht.

Diese Erkenntnislage macht dies Buch einerseits völlig überflüssig, weil der gedankliche Ansatz überholt und widerlegt erscheint. Ich habe es andererseits trotzdem gern gelesen, weil ich mich viele Jahre später gerne wieder mit der Frage beschäftigt habe. Darin liegt der Verdienst dieses Buches - es regt zum Nachdenken über das reale Leben an. Weswegen ich die Auflösung der Abkürzung RLF mit "Real Life Fiction" auch wesentlich sinnvoller finde.


Über den Winter: Roman
Über den Winter: Roman
von Rolf Lappert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

3.0 von 5 Sternen Künstler in der Krise kehrt zurück, 21. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Über den Winter: Roman (Gebundene Ausgabe)
Was tut ein Mann Mitte 50, der als Künstler arriviert und anerkannt ist, aber nicht mehr für seine Sache brennt, ja sogar die Lust an ihr verloren hat? „Über den Winter“ ist ein Roman über einen Mann in der klassischen Lebensmittekrise. In der Hauptperson, Lennard Salm, reift der Entschluss, über den Winter nach Hause zurückzukehren und sein Glück im Alltag zu versuchen.

Anlass für die Rückkehr aus dem südländischen Ausland nach Deutschland ist der Herztod seiner Schwester Helen. Zuhause, das ist Hamburg-Wilhelmsburg, ein nicht eben gehobener Stadtteil oder auch Problemviertel, in dem seine Familie lebt.

Nach dem inspirierten, spannend-exotischen Auftakt in einer Reichenenklave in der Südsee folgt ein sehr langer und langweiliger Abschnitt über die Familiengeschichte. Wahrscheinlich brauchte Lappert diese Konstruktion, um Lennards weiteren Entscheidungen glaubwürdig zu machen, aber dieser Teil hätte straffer sein können. Hier würde ich einen der Schwachpunkte des Romans sehen: Die Spannungsbögen sind extrem lang.

Danach liest sich „über den Winter“ über eine weite Strecke wie eine Sozialreportage mit düster-pessimistischem Grundton: Alles geht den Bach runter, lässt Lappert seinen Helden Lennard sagen. Hier verengt sich die Weltsicht bis zum Holzschnitt: Da die oberflächlich-vergnügungssüchtigen Erfolgreichen (am Beispiel von Salms Agenten Wieland), dort die Gefallenen, denen Salms tote Schwester ehrenamtlich half.

Auch hier zieht sich die Geschichte. Erst gegen Ende tut sich endlich wieder was, Salm kommt aus seiner Starre heraus, kündigt seinem Agenten nach langem Zögern, spricht die Nachbarin an, in die er halb verliebt ist, kümmert sich um ihren Sohn. Und beschließt, zu bleiben.

Letztlich also eine innere Reinigung, eine Hinwendung zu dem gewöhnlichen Leben, die Rückkehr in den Schoß der Familie. Ein schlichte und geerdete Botschaft, aber auch eine, die mich milde enttäuscht hat. Lennard ist Künstler, das sind Leute mit Esprit, Ideen und Vorstellungen. Da wirkt die Rückkehr zwar naheliegend, aber auch kleinmütig. Hat das Leben so wenig Alternativen zu bieten?

Ein Schweizer schreibt über Deutschland: Kann das gehen? Erstaunlich gut. Lappert fremdelt nicht, die Charaktere sind stimmig, die Beschreibungen genau. Da wirkt nichts angelesen oder aus zweiter Hand. Womöglich sind die Hamburg-Impressionen das, was mir am besten an dem Roman gefallen hat.


Leopard: Harry Holes achter Fall (Ein Harry-Hole-Krimi, Band 8)
Leopard: Harry Holes achter Fall (Ein Harry-Hole-Krimi, Band 8)
von Jo Nesbø
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

4.0 von 5 Sternen Intensiv und spannend, 8. November 2015
Ich kam über den Leopoldsapfel, auf den ich zufällig stieß, auf Jo Nesbo. Er ist das gruseligste Folterinstrument, von dem ich je gehört habe, absolut ekelhaft und widerwärtig. Wie kommt man auf sowas? Aber das ist ja gerade das Schöne: Die armen (fiktiven) Opfer bekommen davon zu kosten, wir sitzen warm und trocken, genießen mit einem Schaudern die Grässlichkeit und wenden uns zwischendurch, wenn es gar nicht mehr geht, mit Grausen ab.

Solche Effekte erreicht Jo Nesbo spielend, der Autor ist ein perfekter Handwerker, seine Maschinerie läuft wie geschmiert. War das spannend zu lesen, wie Kommissar Harry Hole dem Mörder nach und nach auf die Spur kommt. Denn lange hat er wirklich nichts, dafür aber werden ihn allerlei Knüppel zwischen die Beine geworfen. Nur aufgrund von Indizien kommt er dem Täter auf die Spur.

Doch nach der Hälfte etwa war der Täter gefunden. Jetzt musste er noch dingfest gemacht werden. Lange werden wir an der Nase herumgeführt, wie sich alles zugetragen haben könnte. Dass darunter die Wahrscheinlichkeit für manche Lösungen sinkt, scheint unvermeidlich. Ob es überhaupt so einen Serienmörder geben kann, der so umfassend Leben auslöscht; ob sein Motiv, die Kränkung durch ein Mädchen in der Pubertät, für so eine grauenhafte Mordserie reicht, muss bezweifelt werden. Ich habe mich trotzdem sehr gut unterhalten gefühlt, auch wenn das große Finale im Kongo doch etwas hergesucht, die Idee eines Showdowns überstrapaziert und sein glimpflicher Verlauf für Hole unverhofft glücklich wirkte.

Auch sonst schreibt Nesbo keineswegs eindimensional, wie man es bei einem Thriller vielleicht vermuten würde. Man lernt etwas über Norwegen, sein Selbstverständnis, die Mentalität, die Geografie. Auch das Gefüge mit seinem Gegenspieler in der konkurrierenden Ermittlungsbehörde verleiht dem Buch eine realistische Note. Andererseits ist der Leopard keine große Literatur, die einem die Welt erklärt oder in der man sich an brillanten Formulierungen oder Gedanken berauschen kann.

Da dies mein erster Nesbo war, kann ich nicht sicher beurteilen, ob’s auch der beste der Serie um Kommissar Hole ist. Für den Einstieg kann man damit allerdings nichts falsch machen.


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