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Rezensionen verfasst von
Leslie Richford (Selsingen, Lower Saxony)
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Tosca
Tosca
Preis: EUR 15,67

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Neben Callas/de Sabata eine hervorragende Tosca-Zweitaufnahme, 13. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Tosca (Audio CD)
Giacomo Puccini (1858 - 1924): Tosca [Uraufführung: 1900].
1. Aufnahme der italienischen HMV aus dem Jahr 1938 (HMV DB 3562-3575).
Maria Caniglia (Tosca); Beniamino Gigli (Cavaradossi); Armando Borgioli (Scarpia); Ernesto Dominici (Angelotti); Giulio Tomei (Sagrestano); Nino Mazzioti (Spoletta); Gino Conti (Sciarrone); Anna Marcangeli (Hirtenjunge); Chor und Orchester des Teatro Reale dell'Opera, Rom (Einstudierung: Giuseppe Conca); Gesamtleitung: Oliviero de Fabritiis.
2. Auszüge aus Tosca in französischer Sprache. Aufnahme aus dem Jahr 1931 aus Paris (Odeon 123.810-816, um zwei Seiten gekürzt). Ninon Vallin (Tosca); Enrico di Mazzei (Cavaradossi); Arthur Endreze (Scarpia); Paul Payan (Sagrestano und Spoletta); Studioorchester, Ltg. G. Cloez.
Digitale Bearbeitung und digitale Überspielung: Ward Marston. Veröffentlicht 2002 als Naxos Historical 8.110096-97 [2 CD Box]. Gesamtspielzeit: 153'37".

Es dürfte bekannt sein, dass die 1953er Tosca-Einspielung mit Maria Callas, Giuseppe di Stefano und Tito Gobbi und geleitet von Victor de Sabata (ebenfalls auf Naxos Historical erhältlich: Giacomo Puccini: Tosca (Gesamtaufnahme 1953) allgemein als die weltbeste gilt. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass andere Tosca-Aufnahmen nicht jede Menge zu bieten hätten. Es hat mich sogar überrascht, wie faszinierend diese 1938er Aufnahme aus Rom ausfiel: Sie wird zwar von Beniamino Gigli dominiert, was kein Wunder ist, denn er gilt neben Caruso als DER italienische Tenor der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; doch können neben ihm sowohl Maria Caniglia als auch Armando Borgioli beeindrucken - Borgioli als ein ausgebuffter Scarpia, der am Ende von Akt 2 kläglich krepiert, Maria Caniglia eher nicht durch ihr Timbre oder die Schönheit ihrer Stimme, sondern durch Leidenschaft, Dramatik und Feuer. Die Aufnahme scheint auch technisch überdurchschnittlich gut gelungen zu sein, so dass man neben den stark im Vordergrund stehenden Sängern auch die Leistung des Orchesters und des Dirigenten goutieren kann - hier wird die Spannung aufs kongenialste unterstützt, und zwar bis zum letzten Moment. Ward Marstons Bemühungen tun ein Übriges, so dass diese eine Aufnahme wird, die man auch sehr laut hören kann, ohne allzu viele störende Nebengeräusche wahrzunehmen.

Als "Zugabe" gibt es 12 von 14 Seiten einer Odeon-Aufnahme aus dem Jahr 1931 mit der wunderbaren Ninon Vallin in der Rolle der Tosca. Ihr zur Seite stand leider ein sehr durchschnittlicher Enrico di Mazzei als Cavaradossi; er klingt hier blass und in gewissen Momenten unbeteiligt, und Ward Marston, aus Platzgründen dazu genötigt, zwei der ursprünglichen Seiten wegzulassen, tat gut daran, di Mazzei-Arien zu opfern. Arthur Endreze als Scarpia hingegen ist sehr gut, und man bekommt hier einen positiven Eindruck des Operngeschehens in Paris um 1930. Ward Marston merkt an, dass die klangliche Qualität dieser Pariser Aufnahmen unterdurchschnittlich ist, doch hat er alles getan, um die Aufführung hörbar zu machen - ihm ist die Arbeit sogar so gut gelungen, dass ich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase ebenso gebannt zugehört habe wie bei der italienischen Gesamtaufnahme. Für Fans historischer Opernaufnahmen ist diese CD-Box, zumal zum Naxos-Preis, durchaus einer Empfehlung wert und nimmt neben Callas/de Sabata einen würdigen Platz im Puccini-Regal ein.


Banchetto Musicale
Banchetto Musicale
Preis: EUR 20,18

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Deutsche Gambenconsorts aus Kalifornien, 11. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Banchetto Musicale (Audio CD)
Johann Hermann Schein: Banchetto Musicale (Leipzig 1617). Ausführende: Sex Chordae Consort of Viols, dir. John Dornenburg [John Dornenburg, Julie Jeffrey, Amy Brodo, Michael Sand, Farley Pearce]. Aufgenommen im März 1996 in der Kreuzkapelle am Pacific Lutheran Theological Seminary, Berkeley, Kalifornien. Veröffentlicht 1997 als Centaur CRC 2357. Gesamtspielzeit: 58'11".

Eine in mancherlei Hinsicht ungewöhnliche Scheibe: Fünf Musiker aus Kalifornien, von denen einer, Michael Sand, eigentlich als Virtuoso auf der Barockgeige bekannt ist, spielen auf unterschiedlich großen Gamben deutsche Tanzmusik aus der Zeit des Dreissigjährigen Krieges ein, und das für ein Plattenlabel aus Baton Rouge, Louisiana! Doch nach dem Hören kann man nur sagen: Warum nicht? Den fünf Amerikanern gelingt das Kunststück, acht aus den vier Sätzen "Padouana" - "Gagliarda" - "Courente" - "Allemande-Tripla" bestehende Folgen, im Beiheft als "Suiten" bezeichnet, obwohl Schein selbst diesen Ausdruck vermied, so differenziert, so lebendig und so nahe beim tänzerischen Original zu spielen, dass auch nach fast einer Stunde keine Langeweile aufkommt. Dabei achten sie darauf, nie in das für englische Violenconsorts typische "Wehklagen" zu verfallen, und John Dornenburg hat in seinen Anmerkungen auf eine ganze Reihe verschiedener Stellen hingewiesen, in denen Schein englische Vorbilder (hauptsächlich Stücke von Dowland) zitiert, sich aber gleichzeitig angeeignet hat. Solange man nicht Wunderdinge erwartet, wird man verstehen, weshalb die Scheibe in "Alte Musik Aktuell 7/8 1998" zur "Platte des Monats" gewählt und mit Lobsprüchen wie "Wärme und Spielfreude" oder "straff und energisch" überhäuft wurde. Scheins Gambenconsorts reichen sicherlich weder an die Werke William Byrds oder John Dowlands noch an die freudige Tanzsammlungen eines Michael Praetorius heran, doch hörenswert sind sie allemal und vermitteln einen guten Eindruck deutschen Musizierens zur Zeit des Übergangs von der Renaissance zum Barock.


Matthäus-Passion
Matthäus-Passion
Preis: EUR 22,06

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Endgültiger Abschied vom "monumentalen" Aufführungsstil, 27. September 2008
Rezension bezieht sich auf: Matthäus-Passion (Audio CD)
Johann Sebastian Bach (1685 - 1759): Matthäus-Passion BWV 244: Gesamtaufnahme. Ausführende: Christoph Prégardien, Tenor - Evangelist; Klaus Mertens, Bass - Jesus; Monika Frimmer, Sopran - Arien; Veronika Winter, Sopran - Arie: "Blute nur, du liebes Herz" und Ancilla II; Lena Susanne Norin, Alt - Arien; Wilfried Jochens, Tenor - Arien; Hans-Georg Wimmer, Bass - Arien und Hohepriester; Sabine Orthey, Sopran - Weib des Pilatus und Ancilla I; Akira Tachikawa, Alt - Erster Zeuge; Wilfried Rombach, Tenor - Zweiter Zeuge; Tobias Volz, Tenor - Pontifex I; Thomas Herberich, Bass - Pilatus; Ekkehard Abele, Bass - Petrus; Kai-Uwe Fahnert, Bass - Judas; Clementine Jusdinsky, Sabine Orthey, Angela Rudolph, Carmen Schüller - Ripieno-Sopranistinnen; Rheinische Kantorei (je 2 Chöre à 16 Stimmen), Das Kleine Konzert (Hartwig Groth, Viola da gamba; Lidewij Scheifes und Barbara Kernig, Violoncello; Christoph Lehmann und Menno van Delft, Orgel); Gesamtleitung: Hermann Max.
Aufnahme: Dendesaal des Deutschlandfunks, Köln, 20.-26. Februar 1995.
Veröffentlicht 1996 als 2-CD-Box unter der Katalognummer Capriccio 60 046-2. Gesamtspielzeit: 2 Std. 33 Min. 17 Sek.

Hermann Max' Matthäus-Passion passt auf 2 CDs statt der ansonsten üblichen drei. Dabei hat er nicht gekürzt, höchstens auf die eine oder andere Wiederholung verzichtet. Der eigentliche Grund liegt in seinem radikalen Interpretationsansatz. Er setzt sämtliche Vorzüge der Alte-Musik-Bewegung hier um und produziert eine Passion, die sich sowohl vom "monumentalen" Aufführungsstil früherer Generationen als auch von sämtlichen Kompromissen seiner Originalklangvorgänger absetzt. Hier hört man einen völlig verschlankten, von jeglichem Beiwerk befreiten Bach mit schnellen, teilweise richtig tänzerischen Tempi, Solisten, die, mit der möglichen Ausnahme von Wilfried Jochens, auf jegliche Zurschaustellung ihres großartigen stimmlichen Könnens verzichten und den Text so direkt und verständlich wie möglich wiedergeben, einen zwar nicht solistisch besetzten, aber äußerst durchhörbaren Chor und ein Orchester, dessen tänzerisch-beschwingtes Vorwärtsdrängen hin und wieder zwar als dem Thema nicht ganz angemessen empfunden werden kann, einem jedoch neue Perspektiven auf Bachs ungemein vielschichtige Musik zu eröffnen vermag. Dabei ist eine "Warnung" auszusprechen: Falls Sie die Matthäus-Passion mit Hilfe dieser Aufnahme kennen lernen, wird sie Ihnen vermutlich den Geschmack an den meisten anderen Aufführungen gründlich verderben. Und falls Sie andere Matthäus-Passion-Einspielungen bereits kennen und lieben: Stellen Sie sich darauf ein, dass diese hier Sie im ersten Augenblick überraschen, vielleicht sogar schockieren wird. Die einzige Aufnahme der letzten Jahre, mit der ich diese vergleichen könnte, wäre Siegbert Rampes radikale Interpretation der Brandenburgischen Konzerte (auf Virgin Classics: Brandenburgische Konzerte). Wobei Max allerdings kein "Radikalinski" ist und auch nicht auf irgendeine fingierte Authentizität setzt: Hier gibt es weder Knaben noch krähende Countertenöre zu hören; die Alt-Arien werden herrlich klar und warm vorgetragen von der wunderbaren schwedischen Alte-Musik-Expertin Lena Susanne Norin, während die üblicherweise von Knaben gesungenen Ripieno-Abschnitte von vier schönen Frauenstimmen übernommen werden. Im übrigen: Auch die anderen Solisten gehören zu den besten ihres (Alte-Musik-)Faches: Christoph Prégardien als Evangelist ist mit seinem geschmeidigen Vortrag einmalig gut, und über Klaus Mertens, hier als Jesus, muss man nichts mehr sagen - er hat sich völlig zu Recht den allerbesten Ruf erarbeitet, sein Timbre gehört zu den angenehmsten Bass-Stimmen, die die Alte-Musik-Szene hervorgebracht hat. Höchstens der Tenor Wilfried Jochens scheint ein wenig aus dem Rahmen zu fallen: seine Stimme wirkt zeitweise etwas nervös und extravertiert, jedoch nicht so, dass er den hervorragenden Gesamteindruck schmälert.

Die 2-CD-Box wird mit einem ausführlichen Booklet ausgeliefert, das drei Aufsätze in je drei Sprachen, ausgiebige Künstlerbiographien und das komplette Libretto auf deutsch und in einer teils recht bemüht wirkenden englischen Übersetzung enthält.

Hermann Max schließt seine Überlegungen zum Verhältnis Rhetorik, Affekt und Harmonik bei Bach mit den Worten ab: "Bachs Musik muss gehört und nicht beschrieben werden." Das gleiche gilt für diese Interpretation. Traditionalisten werden sie vermutlich hassen; offene Ohren und Herzen werden möglicherweise das genaue Gegenteil empfinden.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 22, 2009 8:59 AM MEST


Mozart: Werke für Hammerklavier (KV 475, 458, 397, 265 & 511)
Mozart: Werke für Hammerklavier (KV 475, 458, 397, 265 & 511)
Preis: EUR 16,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der helle Klang eines Hammerflügels von J. A. Stein, 28. August 2008
Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791): Werke für Hammerklavier: Fantasia c-moll KV 475; Sonata c-moll KV 457; Fantasia d-moll KV 397; Zwölf Variationen über "Ah, vous dirai-je, Maman" C-Dur KV 265; Rondo a-moll KV 511. Jos van Immerseel spielt ein Hammerklavier von Claude Kelecom, Brüssel 1978, nach J. A. Stein, Augsburg 1788. Aufnahme: September 1980 (im Beiheft gibt es keine Angabe zum Aufnahmeort). Erstveröffentlichung 1980. Neuausgabe 2007 als Accent Plus ACC 10018. Gesamtspielzeit: 63'11".

Jos van Immerseel gehört m. E. zu den besten des Hammerklavierfachs. Schon vor vielen Jahren eignete er sich sehr spezielle Kenntnisse sowohl der Musik des 18. Jahrhunderts wie auch des damaligen Instrumentariums an. So entstand diese Einspielung von Mozart-Werken bereits 1980 an einem Nachbau eines Klaviers von Joh. Andreas Stein. Und trotz der faszinierenden Musik mit den üblichen Mozart'schen Einfällen sowie der exzellenten Spielweise van Immerseels liegt der Schwerpunkt bei dieser CD auf dem Klang des ungewöhnlichen Instruments mit seinem begrenzten Tonumfang und seinem überaus hellen, stellenweise fast cembaloähnlichen Timbre. In seinen Anmerkungen weist Immerseel darauf hin, dass Mozart, dessen Klavierwerke im Gegensatz zu denen Clementis oder Beethovens keineswegs zukunftsweisend waren, mit den Instrumenten Steins sein Klangideal entdeckt hat. Allerdings waren Steins Hammerklaviere für Mozart neu, und Immerseel leitet daraus für sich das Recht ab, gerade nicht auf einem Originalinstrument zu spielen, sondern auf einer Kopie, die für ihn selbst so neu war wie damals das Stein-Instrument für Mozart. Er meint, dadurch ebenso entdeckungs- und experimentierfreudig gewesen zu sein, wie Mozart selbst es vermutlich auch war, als er ein neues Klavier zu spielen bekam. Wie dem auch sei, die klangliche Umsetzung ist überzeugend und überaus faszinierend: Wer diese Musik nur auf einem modernen Flügel kennt, wird ganz neue Einsichten bekommen. Sehr lohnenswert. (Meine Empfehlung: Immerseels ein Jahr früher eingespielte Clementi-Sonaten auf einem Wiener Instrument von 1795 gleichzeitig kaufen und mit anhören; der Kontrast könnte kaum größer sein:Sonaten für Pianoforte.)


Andrea Chenier
Andrea Chenier
Preis: EUR 14,88

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Genre-echte Aufführung aus La Scala (1931), 10. August 2008
Rezension bezieht sich auf: Andrea Chenier (Audio CD)
Umberto Giordano (1867 - 1948): Andrea Chénier. Oper in 4 Aufzügen mit einem Libretto von Luigi Illica. Gesamtaufnahme. Besetzung: Lina Bruna-Rasa (Maddalena); Luigi Marini (Chénier); Carlo Galeffi (Gérard); Anna Masetti Bassi (Contessa und Madelon); Ida Conti (Bersi); Salvatore Baccaloni (Roucher und Fouquier-Tinville); Aristide Baracchi (Mathieu und Fléville); Giuseppe Nessi (L'Abate und Un "incredibile"); Natale Villa (diverse kleine Rollen). Chor und Orchester des Opernhauses La Scala, Mailand. Aufgenommen vom 16. bis 28. Februar [? an der Mailänder Scala] und auf 13 Schellackplatten (26 Seiten) veröffentlicht von Columbia unter der Katalognummer GQX 10106 - 10118.
Anhang: Sechs Arien (aus Boitos "Mefistofele", Mascagnis "Cavalleria rusticana", Puccinis "Manon Lescaut" und "Tosca" und aus Giordanos "Andrea Chénier") sowie ein Duett (aus Verdis "Aida") mit Lina Bruna-Rasa (und im Falle des Duetts: Carlo Galeffi), alle im April und Mai 1928 aufgenommen und als Einzelausgaben von Columbia veröffentlicht.
Digitale Überspielung und Bearbeitung: Ward Marston. Diese 2-CD-Box wurde 2000 als Naxos Historical 8.110066-67 veröffentlicht. Gesamtspielzeit: 129'56".

"Andrea Chénier" wurde 1896 uraufgeführt, im gleichen Jahr also wie Puccinis "La Bohème", und gehört zu den Meisterwerken des Verismo. Die Oper nimmt höchstens dadurch eine Sonderstellung ein, dass sie einen Stoff aus dem 18. Jahrhundert behandelt, eine Geschichte aus der Zeit der französischen Revolution. Die vier Akte bilden jeweils abgeschlossene Einheiten, in denen nicht nur die Dreiecksgeschichte zwischen Maddalena, Chénier und Gérard erzählt wird, sondern auch die Atmosphäre und die Auswirkungen der Revolution verdeutlicht werden. Obwohl der Tenor, der die Titelrolle übernimmt, sicher den Löwenanteil der Arbeit (und möglicherweise des Erfolgs) für sich verbuchen kann, werden die Rollen einigermaßen gleichmässig verteilt: die Sopranistin bekommt zwar nur eine größere Arie, kann sich aber in verschiedenen Duetten auszeichnen; einige kleinere Rollen wie die der Madelon erhalten wenigstens eine Möglichkeit, sich in Szene zu setzen; und der Bariton, der Gérard zu spielen hat, bekommt eine dankbare Aufgabe, sowohl was den Gesang als auch seine Schauspielkunst betrifft.

Die vorliegende Aufnahme war der erste Versuch überhaupt, eine Gesamtaufnahme auf den Markt zu bringen. Sie wurde bereits Anfang 1931 aufgezeichnet, erst 35 Jahre nach der Uraufführung und am gleichen Theater, dem berühmten La Scala. Außerdem lebte noch der Komponist, so dass man davon ausgehen kann, hier eine wirklich genre-echte Aufführung zu erleben. Die Sänger, obwohl vielleicht nicht immer die besten ihres Fachs, sind allesamt sehr gut und versetzen sich emotional in einer Weise in ihre Rollen hinein, wie man das heute nur selten hört. Luigi Marini als Chénier hat einen starken, heldenhaften Tenor, der vor allem in der Schluss-Szene zu überzeugen vermag; mit Gigli oder gar Caruso kann er natürlich nicht gleich ziehen, und die Unwägbarkeiten des damaligen Aufnahmeverfahrens führen zu einigen Verzerrungen bei lauten Stellen, so dass man nicht immer den allerbesten Eindruck bekommt, aber kompetent und hörenswert ist der lang gediente Marini allemal. Lina Bruna-Rasi als Maddalena war zur Zeit der Aufnahme erst 23 Jahre alt und liefert eine erstaunliche reife Vorstellung ab; sie hat ihre besondere Stärke im tiefen Brustregister, außerdem verfügt sie über eine klare Aussprache des Italienischen, Vorzüge, die einem über ihren vielleicht etwas zu emotionalen Zugang zur Rolle hinweghelfen können. Die sieben Stücke im Anhang wurden sogar noch drei Jahre früher aufgenommen und zeigen die erstaunliche Entwicklung eines "shooting star" der italienischen Oper; leider blieb Bruna-Rasas Karriere verhältnismäßig kurz, da die überemotionalen Tendenzen ihrer Auftritte irgendwann in eine psychische Erkrankung mündeten, die ihren Rückzug aus dem Theater erzwang. - Meines Erachtens der beste Sänger dieser Aufnahme ist der Bariton Carlo Galeffi, der Gérard in jeder Hinsicht verkörpert und mit seiner festen, warmen Stimme und seinem natürlichen Zugang zur Rolle seine Mitagierenden ein wenig in den Schatten stellt. Die kleineren Rollen sind ebenfalls alle gut besetzt, und es ist interessant, den jungen Salvatore Baccaloni aus der Zeit zu hören, bevor er an die New Yorker Met wechselte.

Bei einer so alten Aufnahme muss man natürlich, was den Klang angeht, einige Abstriche machen. Ward Marston berichtet von Sängern, die zu nahe an den Mikrophonen gestanden haben, und von Verzerrungen, die er nur mit Hilfe digitaler Filter mildern (aber nicht ganz entfernen) konnte. Er hat auch, was für ihn ungewöhnlich ist, ein wenig künstlichen Hall hinzugefügt, was Puristen vielleicht ärgern könnte, aber der Wirkung der CDs sehr zugute gekommen ist. Marston standen amerikanische wie italienische Pressungen zur Verfügung, und er hat sich wegen des besseren Klanges meist für die italienischen entschieden, obwohl deren Rauschpegel etwas höher ist. Insgesamt ist das Rauschen nicht so lästig, wie man vielleicht bei einer 1931er Aufnahme erwarten könnte; ich fand es besser, die Lautstärke etwas höher zu drehen als bei anderen Aufnahmen der gleichen Reihe (ein Vergleich mit den Aufnahmen französischer Opern, die Naxos um die gleiche Zeit auf den Markt brachte, ergibt, dass diese allem Anschein nach wesentlich besser aufgenommen wurden, obwohl die La Scala-Aufnahme vermutlich eine bessere Balance zwischen Sängern und Orchester aufweist).


Mister Pip
Mister Pip
von Lloyd Jones
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

19 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Liebevoll gestaltet und sensibel erzählt, 8. August 2008
Rezension bezieht sich auf: Mister Pip (Gebundene Ausgabe)
Lloyd Jones, Mister Pip. Roman. Aus dem Englischen von Grete Osterwald. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008. 285 Seiten, gebunden.

Sehr viel Lob hat dieses Buch von diversen Kritikern geerntet, und auf dem Cover gibt es eine Empfehlung von keiner geringeren als Isabel Allende. Grund genug, es zu kaufen und als Urlaubslektüre mitzunehmen. Und in der Tat: Nach vollendetem Urlaub und vollendeter Lektüre lässt auch mich diese schlichte, aber gleichzeitig anspruchsvolle Geschichte nicht los. Allerdings sollte ich hier gleich erwähnen, dass ich den Vorteil genieße, Charles Dickens' Roman "Große Erwartungen" gewissermaßen von der Pike auf zu kennen, so dass mir die zahlreichen Querverweise in Lloyd Jones' Roman auf Anhieb verständlich waren. Wer "Große Erwartungen" nicht kennt, kann "Mister Pip" sicher auch mit Gewinn und Genuss lesen, doch wird ihm fast sicher einiges rätselhaft vorkommen - vielleicht ein Anlass, sich auch mit "Großen Erwartungen" zu befassen?

Die fiktive Ich-Erzählerin von "Mister Pip" steht, wie sich erst gegen Ende des Romans herausstellt, kurz vor dem Abschluss ihrer Doktorarbeit über Charles Dickens. Sie verfällt jedoch nach dem Besuch der Dickens-Stadt Rochester in Depressionen, die sie sich aber von der Seele schreibt, indem sie "Mister Pip" zu Papier bringt, einen Bericht über ihr Leben als 13- bis 15jährigen auf einer zu Papua-Neuguinea gehörenden Insel im Südpazifik. Zu dieser Zeit gab es einen Bürgerkrieg zwischen der papuanischen Regierung und einer Rebellen-Armee, die sich aus einheimischen Männern der Insel zusammen setzte. In ihrem abgelegenen Heimatdorf hatte die "Autorin", die auf den Namen "Matilda" hört, nicht allzu viel mit diesem Bürgerkrieg zu tun, doch bekam sie ihn dadurch zu spüren, dass der einzige im Dorf verbliebene Weiße, ein Neuseeländer namens Watt, den Unterricht an der kleinen Dorfschule übernahm. Watts liest den Kindern aus Dickens' "Große Erwartungen" vor - und facht bei Matilda eine Liebe zu diesem Schriftsteller an, die in ihrer Doktorarbeit ihre Erfüllung findet. Allerdings handelt es sich hier nicht lediglich um einen Literaturroman: Dass Matilda in Australien studieren konnte, hängt damit zusammen, dass der Krieg in schrecklicher Weise nach ihrem Leben greift. Mehr zu erzählen, wäre unfair, doch kann ich jedem Interessierten versichern, dass diese faszinierende, liebevoll gestaltete und sensibel erzählte Geschichte ihn zutiefst anrühren wird, ja, anrühren muss, wenn er nicht gerade ein Herz aus Stein hat. Am Ende angelangt, wünscht man sich einfach, "Matilda" wäre echt und man könnte sie fragen, wie es all den Leuten, von denen sie so beobachtungstreu erzählt, heute ergeht. Ich glaube, ich habe selten, wenn überhaupt jemals, einen modernen Roman gelesen, der mich so packte, mich so neugierig machte, mich so nachdenklich zurückließ.


Great Opera Recordings - Samson et Dalila
Great Opera Recordings - Samson et Dalila
Preis: EUR 14,88

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ward Marston gelingt eine sehr hörenswerte Überspielung der allerersten Gesamtaufnahme, 25. Juli 2008
Great Opera Recordings: Camille Saint-Saens (1835 - 1921): Samson et Dalila. Besetzung: Hélène Bouvier (Dalila); José Luccioni (Samson); Paul Cabanel (Hohepriester des Dagon); Charles Cambon (Abimélech); Chor und Orchester der Pariser Nationaloper; Gesamtleitung: Louis Fourestier. Aufgenommen zwischen dem 17. und dem 27. September 1946 in Theatre des Champs-Elysées, Paris. Erstveröffentlichung 1947 auf 15 Schellack-Schallplatten (30 Seiten) des französischen Labels Pathé (PDT 116-130).
Anhang auf CD 2: José Luccioni singt Arien von Gounod, Bizet und Massenet; Einzelaufnahmen von His Master's Voice aus den Jahren 1936 (Carmen); 1937 (Hèrodiade und Manon) und 1946 (Polyeucte und Roméo et Juliette).
Sämtliche Aufnahmen wurden von Schellackplatten überspielt und digital verarbeitet von Ward Marston. Diese 2-CD-Ausgabe des Labels Naxos Historical erschien 2000. Gesamtspiellänge: 141'49".

In den letzten Jahren hat sich Naxos Historical sehr um klassische Aufnahmen der französischen Oper verdient gemacht, u. a. mit gelungenen Ausgaben von "Carmen" (Carmen), "Les contes d'Hoffmann" (Great Opera Recordings - Hoffmanns Erzählungen), "Werther" (Great Opera Recordings - Werther) und "Manon" Manon. Zu den allerersten Veröffentlichungen dieser Serie gehörte ebenfalls Saint-Saens' "Samson et Dalila" in einer brillanten Überspielung des blinden Toningenieurs Ward Marston, der es geschafft hat, aus offensichtlich alles andere als optimalen französischen Nachkriegspressungen das Beste herauszuholen: Das Label Pathé, mir sonst nicht bekannt, hatte zwar den Mut und das Können, die erste Gesamtaufnahme von "Simson et Dalila" auf Schellack zu bannen, aber nicht das technische Know-how (oder etwa die finanziellen Mittel?), um das Endprodukt wirklich tadellos hinzubekommen: Ward Marston drückt in seinen Anmerkungen sein Staunen darüber aus, dass 1947 erschienene Platten noch unter dem Anfängerfehler litten, dass sie nicht konstant bei 78 Umdrehungen in der Minute liefen, was zu Verschiebungen der Tonhöhe führte und ein sorgfältiges elektronisches Eingreifen erforderte. Außerdem wurden die Solisten - im Gegensatz zu Chor und Orchester - mit Mikros aufgenommen, die viel zu nahe standen bzw. viel zu laut eingestellt waren, was zu teils unüberhörbaren Verzerrungen führte. Ward Marston ist es zwar gelungen, diese Probleme zu minimieren, aber wer genau - oder laut - die CDs hört, wird zumindest den Umfang dieser Probleme erahnen können. Dass dennoch ein Paar sehr hörenswerter CDs herausgekommen ist, ist sowohl der Sorgfält Marstons zu verdanken als auch der superben Leistung der Sänger. Im Mittelpunkt dieser klein besetzten Oper (sie war ursprünglich als Oratorium konzipiert) stehen natürlich die beiden Titelgestalten. José Luccioni, von Geburt Korse, hat einen kräftigen, durchaus zum Heldenfach neigenden Tenor, der nur gelegentlich ein wenig angestrengt klingt; ein Vergleich der Hauptaufnahme mit den zehn Jahre früher aufgenommenen Arien auf CD 2 zeigt, dass seine Stimme ursprünglich etwas heller war und dass sie im Verlauf der Jahre etwas Härte angenommen hatte - ob einem das gefällt, ist Geschmackssache. Als Dalila hört man hier Hélène Bouvier, eine französische Mezzosopranistin, deren Name mir vor dem Kauf dieser CD-Box nicht bekannt war. Ihre Stimme könnte man als "dramatisch", aber ebenso als "sahnig" und durch ihre Tiefe auch "sinnlich" bezeichnen; ihre klare Aussprache des gesungenen französischen Textes verdient besonderes Lob. Die kleineren Rollen sind alle mit französischen Bässen besetzt; Chor und Orchester liefern unter Louis Fourestier eine tadellose Leistung ab. Selbstverständlich ist der Monoklang, an heutigen Maßstäben gemessen, tonal wie räumlich etwas beengt; dennoch mehr als hörenswert!


Sinfonien 3,4 "Tragische",8 (Audior)
Sinfonien 3,4 "Tragische",8 (Audior)
Preis: EUR 7,54

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Schubert-Interpretation mit großem Überblick. Klasse!, 19. Juli 2008
Franz Schubert (1797 - 1828): Sinfonien Nr. 3, 4 "Tragische" und 8 "Unvollendete". Ausführende: Orchestra of the 18th Century, Ltg. Frans Brüggen (historische Instrumente). Erstveröffentlichung 1996 auf Philips Classics. Diese Audior-Zusammenstellung erschien im März 2008 als Universal/Decca 480 0188. Gesamtspielzeit: 76'23". (Die CD kommt ohne Booklet aus, und es gibt daher auch keine Informationen über Aufnahmezeit oder -raum. Die beiegelegte Faltkarte enthält lediglich eine Trackliste und Werbung für die erste Folge der Reihe.)

Lange habe ich das Kennenlernen des sehr gut beleumundeten Orchestra of the 18th Century unter Frans Brüggen vor mich hergeschoben, doch als die Audior-Reihe zu diesem unglaublich günstigen Preis erschien, mussten wenigstens Bachs h-moll-Messe (Messe in H-Moll Bwv 232 (Audior)) und diese CD mit drei Schubert-Sinfonien her. Und um es gleich zu sagen: Ich wurde alles andere als enttäuscht! Gerade die Platte mit den Schubert-Sinfonien kann einem die Augen neu öffnen für einen Komponisten, der als Sinfoniker vielen als Leichtgewicht gilt. Bei Sinfonien Nr. 3 und 4, die ich hier zum ersten Mal überhaupt hören durfte, beeindrucken zunächst die herrlichen Bläser, die in phantastischem, transparentem Sound eingefangen sind. Beim wiederholten Hören wird deutlich, dass Frans Brüggen alles klar durchdacht hat und sein Konzept konsequent verfolgt: Das ist ein Schubert, den man wirklich ernst nehmen muss - auch wenn seine frühen Sinfonien Anklänge an den späten Haydn aufweisen. Die Tempi sind wohl nicht überschnell, was man den "Originalklangmusikern" gern vorwirft, lassen jedoch nirgends Spannung oder gar Freude an den verschiedenen Instrumentenkombinationen vermissen: Hören Sie rein in das Presto vivace am Ende der dritten Sinfonie, da sind nicht nur große Lebensfreude, sondern ebenso großen Spielwitz und dabei musikalisches Auffassungsvermögen der Sonderklasse wahrzunehmen. Die zeitgenössischen Instrumente sind sozusagen in ihrem Element: leicht, transparent, ätherisch, aber auch wuchtig (Posaunen). Und wenn das alles auf die ersten beiden Werke zutrifft, um wieviel mehr auf die "Unvollendete"! Ich kannte bisher die Einspielung des Orchestra of the Age of Enlightenment unter Sir Charles Mackerras (er verwendet die "ergänzte" Version von Brian Newbould), eine Aufnahme aus dem Abbey Road Studio in London, die bestimmt keine der schlechtesten ist. Aber im direkten Vergleich muss ich konstatieren, dass Frans Brüggens Version mich noch mehr überzeugen konnte. Das liegt an verschiedenen Faktoren. Zum einen hatte ich das Gefühl, das Mackerras sich eher auf die Einzelheiten konzentrierte als auf das Ganze. Er macht "schöne" Musik, und das in teils halsbrecherischem Tempo (er braucht für den ersten Satz ganze zwei Minuten weniger als Brüggen), doch hatte ich erst bei Frans Brüggen und seinem niederländischen Team das Gefühl, den Wald in den Blick zu bekommen und nicht nur einzelne Bäume. Brüggen lässt Schuberts "Unvollendete" mit äußerst klaren Strukturen und unnachgiebigem Rhythmus aufführen und macht daraus nicht nur "ernste" Musik, sondern rückt den späten Schubert eindeutig - nun, ich wollte sagen: in die Nähe Beethovens, aber das träfe nicht wirklich zu: Dies ist ein Schubert, der seine Zuordnung zu den Romantikern wirklich verdient - die Klassik hat er hier hinter sich gelassen und dringt geistig weit ins 19. Jahrhundert vor. Mich hat diese Interpretation total gefesselt, zumal die 1996er Philips-Aufnahme mehr als tadellos ist; während man bei Mackerras an Einzelheiten die relative Enge des Aufnahmeraums wahrnimmt, erscheinen bei Brüggen alle Instrumente korrekt positioniert und gestaffelt - insofern ist das ein Erlebnis nicht nur für den Klassikfan, der ich bin, sondern auch für den Hifi-Freak in mir.


Great Opera Recordings - Werther
Great Opera Recordings - Werther
Preis: EUR 14,88

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Referenzaufnahme, die diesen Status so schnell nicht verlieren wird, 12. Juli 2008
Rezension bezieht sich auf: Great Opera Recordings - Werther (Audio CD)
Jules Massenet (1842 - 1912): Werther (Gesamtaufnahme französisch). Besetzung: Werther (Georges Thill), Charlotte (Ninon Vallin); Sophie (Germaine Féraldy); Albert (Marcel Rocque); Le bailli (Armand Narcon); Johann (Louis Guénot); Schmidt (Henri Niel); Cantoria-Kinderchor; Chor und Orchester der Pariser Oper; Gesamtleitung: Elie Cohen. Aufgenommen vom 16. bis 29. Januar 1931 und auf 15 Schellack-Schallplatten (78 Umdrehungen in der Minute) veröffentlicht als Columbia LFX 151-165.
Anhang: Georges Thill singt Massenet-Arien aus "Hérodiade" (Aufnahme 7. Januar 1927), Sapho (Aufnahme 5. März 1930), Le Cid (Aufnahme: 2. Februar 1933) und Manon (Aufnahme: 13. Oktober 1936 und 2. April 1937). Alle Aufnahmen wurden von englischen bzw. französischen Schellackpressungen überspielt und von Ward Marston digital verarbeitet. Diese CD-Ausgabe erschien 2000 als Naxos Historical 8.110061-62. Gesamtspielzeit: 2 Stunden, 26 Minuten.

Nach Meinung vieler Experten handelt es sich bei dieser allerersten Gesamtaufnahme der Oper "Werther" (es gibt nur einige wenige kurze Streichungen) um die absolute Referenz-Aufnahme schlechthin, die bisher auch nicht durch mit internationalen Stars besetzten Stereoaufnahmen von ihrem Platz verdrängt werden konnte - und vermutlich so schnell auch nicht verdrängt werden wird, denn die Kunst des französischen Operngesangs, wie sie hier zu hören ist, gehört heute der Vergangenheit an. Georges Thill war eine einmalig gute Wahl für die Titelrolle. Seine feste, klare Stimme strahlt Sehnsucht, Zärtlichkeit und Leidenschaft aus und füllt auch das alltäglichste Rezitativ mit Lyrik und Leben. (Nur gegen Ende von CD 2, Tr. 9 verfehlt Thill ein offensichtlich schwer zu singendes Ais, was aber im Gesammtzusammenhang dieser herrlichen Leistung nicht weiter stört.) Ninon Vallin war eine ebenso großartige Sopranistin, und obwohl die Rolle eigentlich mit einem Mezzo hätte besetzt werden sollen, gleicht sie diesen Mangel mit einem wunderschönen Timbre und glasklarer Aussprache des Französischen aus. Die Passagen, in denen Thill und Vallin zusammen duettieren, zeugen von großer Meisterschaft, und die Schluss-Szene der Oper (Werthers Tod) ist so anrührend geraten, dass nicht nur ich bezweifle, dass das jemals besser gemacht werden kann. Hier gibt es, wie ein Kritiker angemerkt hat, "tiefe Emotionen [...] ohne Übertreibungen, die auf Kosten der Musik gehen würden": ein himmlisches Hörvergnügen, insbesondere für den, der etwas Französisch kann und dieser unübertroffenen Textausdeutung zu folgen vermag. Wobei nicht gesagt werden soll, dass die orchestrale Seite der Aufnahme zu kurz kommt: Der französisch-jüdische Dirigent Elie Cohen (der später besonders unter dem brutalen Wüten der Nationalsozialisten in seiner Heimat zu leiden hatte) bietet eine großartige Leistung mit eleganten, klaren Linien und flüssigen Tempi, und das alles mit einem Orchester, das noch auf mit Darmsaiten bespannten Violinen und auf Holzflöten spielt, was (fast) den Bogen zur heutigen Wiederentdeckung der früheren Aufführungspraxis schlägt. Die Nebenrollen sind ausschließlich mit Franzosen besetzt, allen voran Germaine Féraldy, die eine vielleicht etwas frühreife Sophie gibt - doch spielt sich das alles auf sehr hohem Niveau ab, und man fragt sich, ob die damalige Schallplattenfirma Columbia tatsächlich gewusst hat, was sie für ein herrliches Stück Kunst aufnahm. Natürlich war die Schellackplatte mit ihrer Spielzeit von jeweils unter 5 Minuten pro Seite nicht das ideale Medium, von den klanglichen Defiziten des damals zur Verfügung stehenden Abspielgeräts ganz zu schweigen. Um so glücklicher dürfen wir heute sein, dass ein solches Werk auf nur 2 CDs passt und dass ein Genie wie Ward Marston den Klang so hinbekommt, dass man auch über Kopfhörer zuhören kann, ohne sich allzusehr am wesentlich geringer als erwarteten Zischen und Rauschen zu stören. So bleibt dem oben angeführten Kritiker nur zuzustimmen, wenn er diese CD-Box zum "Pflichtkauf" für Freunde der französischen Oper bezeichnet.

Es sei hinzugefügt, dass das 12seitige Booklet nur auf englisch abgefasst ist. Es bietet neben einer Trackliste mit allen Matrix-Nummern der ursprünglichen Aufnahmen einen aufschlussreichen Aufsatz von Bob Levine, eine m. E. sehr hilfreiche Zusammenfassung der Handlung der Oper von Keith Anderson, Künstlerporträts von Georges Thill, Ninon Vallin und Elie Cohen und eine kurze Darstellung der Arbeit von Ward Marston (der u. a. darauf hinweist, dass die alten Schellackplatten offenbar nicht immer mit genau 78 Umdrehungen per Minute aufgenommen wurden, so dass er bei der Wiederherstellung der korrekten Tonhöhe auf elektronisches Meßgerät angewiesen war). Die zweite CD enthält als Anhang sechs von Georges Thill gesungene Arien aus Massenet-Opern, die allesamt dessen Rang als Ausnahme-Tenor für das französische Fach bestätigen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 28, 2014 6:19 PM CET


Romanzen
Romanzen

4.0 von 5 Sternen Ansprechende sängerische Leistung, keine Texte, 28. Juni 2008
Rezension bezieht sich auf: Romanzen (Audio CD)
Pjotr Il'yitsch Tschaikowsky: Romanzen: 20 Lieder, gesungen von Suren Shahi-Djanyan, bass, begleitet von Claude Lavoix, Klavier. Aufgenommen an der Reformierten Kirche von Auteuil, Paris 16, vom 22. bis zum 25. August 2000. Veröffentlicht 2002 als Zig-Zag Territoires ZZT 020101. Gesamtspielzeit: 51'31".

Wie vermutlich die meisten "Gelegenheitshörer" verbinde ich Tschaikowski in erster Linie mit seinen Konzerten, Sinfonien und Ballettmusiken. Was seine Vokalwerke angeht, na ja, man weiss, dass es sie gibt, aber zu mehr als Ezio Pinzas englischer Version von "Niet, tolko tot tko znal" (Nur wer die Sehnsucht kennt) nach Goethe hat es bisher schon aus mangelndem Interesse nicht gereicht. Erst meine Neugierde auf das künstlerisch äußerst interessante Label Zig-Zag Territoires brachte mich dazu, mir diese Aufnahme mit 20 ausgewählten Liedern Tschaikowskis zu besorgen und anzuhören - so dass ich kaum in der Lage bin, die Aufnahme mit anderen zu vergleichen. Doch bin ich von der Aufführung recht angetan. Der armenische Bass Suren Shahi-Djanyan hat eine kräftige, ausdrucksvolle Stimme von der Art, wie man sie bei russischem Repertoire zu erwarten gelernt hat, und - soweit ich es überhaupt beurteilen kann - singt er diese Lieder sehr einfühlsam und mit dem nötigen Verständnis; seine Stimme verträgt auch höhere Lagen und wirkt nie aggressiv oder harsch. Die Begleitung durch Claude Lavoix ist unauffällig-angemessen. Was das ganze Projekt eindeutig um einen Amazon-Stern bringt, ist die bedauerliche Tatsache, dass im Beiheft keinerlei Liedtexte oder Übersetzungen abgedruckt sind, so dass der geneigte westeuropäische Hörer trotz der guten sängerischen Leistung einigermaßen ahnungslos zurückbleibt, was den Inhalt der Lieder betrifft - und das kann nicht ganz befriedigen, denn die künstlerische Seite des Projekts ist so gut gemeistert, dass man sich schon sehr gern auch in die gesungenen Texte vertiefen möchte. Schade!


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