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Eine Geschichte aus zwei Städten
Eine Geschichte aus zwei Städten
von Charles Dickens
  Taschenbuch

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kein Revolutionär, 31. Mai 2012
Charles Dickens war vieles, eines sicher nicht: Ein Revolutionär! Der Mann, der Zeit seines schriftstellerischen Lebens die Mißstände seiner Heimat angeprangert hat, hatte sicherlich wenig übrig für die gewaltsamen Veränderungen dieser Mißstände durch revolutionäre Umtriebe und das merkt man seinem Geschichtsroman an.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Aristokraten Charles Evrémonde, der aus Frankreich ausgewandert ist und seinen Lebensunterhalt in London verdient. Durch besondere Umstände begegnet er der jungen Lucie und deren Vater Dr. Manette, der 13 Jahre lang als Gefangener in der Bastille gesessen hat. Schließlich muß Charles während der Revolutionswirren zurück nach Paris, um einen ihm treu Ergebenen aus dem Gefängnis zu befreien. Er tut dies wohl wissend, daß er sich selbst so höchster Gefahr aussetzt. Und wirklich wird er erfasst, festgesetzt und schließlich vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilt. Wie schon einmal zuvor, kann der Engländer Sidney Carton, der ebenfalls in Lucie verliebt ist, Charles durch die täuschende Ähnlichkeit der beiden helfen...

Über den Zeitraum von 1775 bis ins blutige Jahr 1792 dehnt sich die Handlung, die dem Leser nicht nur die Gewalt und den Terror der Revolution vor Augen führt, sondern in durchaus eingängigen und schrecklichen Bildern von der Herrschaft des Ancien Régime, seiner Menschenverachtung und der Verkommenheit des französischen Adels berichtet. Dickens Welt, das wissen seine Leser, ist oft düster und auch durchaus gewalttätig (man denke nur an den Mord an Nancy in "Oliver Twist") und dennoch beschleicht einen während der Lektüre das Gefühl, selten solch brutale und häufige Darstellungen der Gewalt, Unterdrückung und des Elends beim großen Engländer gelesen zu haben.

Anders als in den bekannten Werken wie "David Copperfield", "Oliver Twist" oder "Große Erwartungen", ist das Figurentableau relativ übersichtlich. Die schon erwähnten Figuren werden durch den "guten Geist" Mr. Lorrie sowie die Bediensteten Jerry und Miss Proß ergänzt, das jedoch war es weitestgehend. Also gibt es in diesem Werk nicht die humorvollen Nebenfiguren und auch keine weit ausufernden Nebenhandlungen, die Story ist eng geführt und läuft zügig voran und auf ihr Ende zu.

Diese Story nun - ohne zu viel verraten zu wollen - klingt derart kitschig und unwahrscheinlich, wenn sie nacherzählt wird, daß man gerade daran, daß es auch heute noch spannend ist, ihr zu folgen, feststellen kann, über welch unglaubliches erzählerisches Talent Dickens verfügte. Im Kern eine "Doppelgänger"-Geschichte (die heute so kein Mensch mehr erzählen könnte), die wahrlich auf wenigen Seiten erzählbar wäre, nutzt sie dem Erzähler doch als Vehikel, um ohne Umstände aus diesen gewaltsamen Zeiten berichten zu können.

Warum aber gerade diese Geschichte? Wie man in dieser Ausgabe dem wundervollen Nanchwort von Harald Keller entnehmen kann, hatte Dickens Paris mehrfach besucht und kannte die Stadt also verhältnismäßig gut. Zudem musste er feststellen, daß seine Anhänger der frühen Jahre, die v.a. seinen Humor geschätzt hatten, ihm nicht mehr so recht folgen wollten und jüngere Leser gerade den historischen Romanen Thakerays und Trollopes frönten. Daß Dickens sich also ein historisches Sujet suchte, hatte wohl auch schlichtweg Gründe der Vermarktbarkeit. Paris bot sich an, weil er es kannte und die Revolution lag noch nicht so lange zurück, daß ihre Erschütterungen (nicht zuletzt die der Napoleonischen Kriege und der anschließenden Restauration) nicht noch zu spüren gewesen wären.

Was nun genau dies angeht - die Revolution - ist deutlich spürbar, daß Dickens - wie so viele derer, die sie erlebt haben (wie Goethe) oder kurz dananch das Licht der Welt erblickten - kein besonderer Freund gewltsamer Umstürze war. Die Angst vor dem, was aus revolutionären Umtrieben an Terror und Gewalt hervorbrechen konnte, war größer, als die Hoffnung auf ein wie auch immer geartetes utopisch Besseres. So zeigt Dickens auch nicht die großen Linien der Geschichte, nicht einmal die historischen Namen oder Daten werden genannt (weder Danton, noch Robespierre, nicht der König, nicht Marie Antoinette, nicht einmal die Jakobiner finden Erwähnung), lediglich die Jahreszahlen finden Aufnahme in den Text. Nein, Dickens zeigt "die kleinen Leute", ihre Schmach, ihren Kampf, wohl aber eben auch ihre Verkommenheit. Die Defarges, das Paar, das auf französischer Seite die Handlung trägt, ist einerseits als revolutionär und aufwieglerisch beschrieben (er ist beim Sturm auf die Bastille, das einzige historische Ereignis, das überhaupt im Text vorkommt, vorn dabei), andererseits ist es gerade Madame Defarge, die das Komplott gegen Charles aus "niederen" Gründen schmiedet (wobei diese niederen Gründe wiederum durchaus denen ähneln, die zur Revolution führten; Dickens scheint hier aber sagen zu wollen, daß reine Rache eben kein edles Motiv sei).

Was also bleibt? Vielleicht nicht einer der ganz großen Romane des großen Geschichtenerzählers (auch hier wieder die Dickens-typischen Verwicklungen und Zufälle, wer alles mit wem verwandt und daher alte Rechnungen zu begleichen hat usw - man könnte manchmal glauben, in Dickens' Kosmos gibt es nur Figuren, die eh schon schicksalhaft miteinander verbunden sind), sticht "Geschichte aus zwei Städten" aus seinem Gesamtwerk schon hervor. Es ist düsterer, brutaler, weniger lustig als die meisten anderen Texte, es ist einer seiner wenigen (genauer: 2) historischen Romane, es ist einer derjenigen mit der stringenstesten Handlung, einer mit den wenigsten Figuren. Spannend ist diese Geschichte nach wie vor und sie erzählt uns Heutigen sicherlich etwas darüber, wie das 19. Jahrhundert auf die Geschehnisse von 1789 geschaut hat.

Und - wie immer - ist es sehr empfehlenswert. Viel Spaß!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 27, 2013 11:05 AM MEST


Der Kommandant: Monolog
Der Kommandant: Monolog
von Jürg Amann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Fiktion und Wahrheit, 23. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Kommandant: Monolog (Gebundene Ausgabe)
Fiktion und Wahrheit im Zusammenhang mit der Shoah ist ein wahrlich schwieriges Thema. Jürg Amann weist in seiner editorischen Notiz am Schluß des Buches darauf hin, daß er diesen Monolog geschrieben habe, als er selbst mit dem Thema hinsichtlich einer Theateraufführung beschäftigt war und damals gerade Littells "Die Wohlgesinnten" erschien. Man kann über das Littell-Buch lange und trefflich diskutieren. man kann grundsätzlich werden und sagen: Fiktionalisierung geht schlichtweg nicht (und ich selbst würde da zustimmen) - bliebe allerdings die Frage, inwiefern Littell fiktional ist, denn jeder Historiker, der bereit war, das Buch zu lesen, attestiert ihm, daß seine Beschreibungen akkurat seien und den Geschehnissen v.a. in Babi Jar gerecht würden. Die Figur des Max Aue, seines icherzählenden Protagonisten ist natürlich fiktional (und muß es auch sein). Darüber wäre also zu streiten.

Wie dem auch sei, Rudolf Höß war keine fiktionale Figur. Seine Aufzeichnungen, die er im Gefängnis, den sicheren Tod vor Augen, niederschrieb, geben einen bedrückenden Einblick ins Innenleben eines der Täter, zumal eines jener Täter, die wirklich an exponierter Stelle saßen. Bis zum bitteren Ende überzeugter Nazi, gibt Höß fast naiv Auskunft über die "Schwierigkeiten", die es bereitet, einen Haufen Menschen täglich vernichten zu müssen, wobei das eigentliche "Problem" nicht die Tötungen, sondern das Vernichten der Leichen sei. Und so weiter und so fort. Es ist unerträglich und dennoch unglaublich wichtig, diese Belege der Unmenschlichkeit zu lesen. Allerdings fragt man sich dann, wieso sie noch einmal verdichtet und entschlackt auf ihre Essenz hin überarbeitet werden müssen? Einem jeden, der sich für das Thema interessiert, seien eben die Originalaufzeichnungen (bei dtv erschienen) empfohlen, vielleicht noch Robert Merles Buch "Der Tod ist mein Geschäft" (auch darüber ließe sich trefflich streiten) und ganz vielleicht noch der Film "Aus einem deutschen Leben" mit Götz George, der zumindest einen redlichen Versuch darstellt, sich dem Thema zu nähern. Beides - sowohl Merles Buch, als auch der Georgefilm - beruhen auf Höß' Niederschrift.

Dies nun, das vorliegende Buch, dieser Monolog, ist sicher ein gut gemeinter Akt, vielleicht auch als gesprochener Monolog für Bühne oder Radio tauglich (hier sei an Romuald Karmakars "Das Himmler-Projekt" erinnert, in dem er den Schauspieler Manfred Zapatka Himmlers geheime Rede an die SS-Generäle vortragen ließ - der Film erreicht eine unglaubliche und nur schwer erträgliche Intensität). Als Buch, als Leseexemplar scheint es seltsam überflüssig und unentschieden. Braucht man diese Verdichtung? Denn wenn man Amanns eigenem Diktum folgt - warum Fiktion, wenn wir doch Fakten haben? - dann sollte man schlichtweg das Original lesen.

Grundsätzlich ist jeder Versuch, sich dem Thema zu nähern und Erklärungen zu suchen zu begrüßen, dennoch muß nicht jeder Versuch geglückt sein. Hier ist es ein halb geglückter Versuch.


Orkus: Reise zu den Toten
Orkus: Reise zu den Toten
von Gerhard Roth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Literarische Biographie, 22. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Orkus: Reise zu den Toten (Gebundene Ausgabe)
Als Abschlußband von Gerhard Roths Zyklus "Orkus" ist nun das gleichnamige Buch erschienen. Nach der Biographie "Das Alphabet der Zeit", die einer konventionellen Biographie so nahe kam, wie dies Gerhard Roth wohl möglich ist, scheint hier nun die "eigentliche" Biographie vorzuliegen. Hier wird uns schreibend, sinnend, manchmal meditierend, scheint es, die Werdung des Schriftstellers, des künstlerischen Menschen Gerhard Roth beschrieben. Von seiner Liebe zur Literatur und den ewigen Themen Wahn, Tod, aber auch Paradies und Erlösung (auch in einem durchaus religiösen, spirituellen Sinne) wird uns ebenso erzählt wie von den Menschen in seinem Leben, deren Geschichten ihn inspiriert, erschreckt und verstört haben.

Dabei verdeutlicht er uns, den Lesern, sehr früh, daß es in genau diesem Punkt einer Autorenbiographie keine Trennungen mehr geben kann: die Verwischung fiktionaler Figuren mit solchen der sogenannten Realität, erkennt er als solche schon nicht mehr an. Die "äußere Realität" und die "innere Realität" stehen vollkommen gleichberechtigt nebeneinander und bedingen einander. Und natürlich wird immer unklarer, welche Szenen er mit wirklich rein fiktionaler Begleitung erlebt (hat), welche Ableitungen, welche reine Erfindung sind. Und es wird auch immer unwichtiger.

Für den Leser, der bereit ist, sich diesem potentiell ja unendlichen Kosmos dichterischen Innenlebens zu öffnen, wartet ein sehr genau konstruiertes Textkonglomerat, das mal erzählend, mal berichtend, mal enorm faktenreich, mal prosaisch, mal nüchtern-journalistisch Auskunft gibt über jene Bücher, Künstler, Themen, die den Dichter Gerhard Roth Zeit seines Lebens vereinnahmen und umtreiben. Und es zeigt sich einmal mehr, daß wohl gerade in dieser Generation kein Entkommen vor der Erkenntnis des Wahns des Nationalsozialismus ist; wie stark gerade diese Generation auch künstlerisch davon geprägt war, von den Tätern abzustammen.

Roth ist ehrlich dabei. Er stellt sich nicht aus, er nimmt Anteil, doch distanziert: So bleibt dieser Traumgeschmack, der auch seiner Prosa immer anhängt: Das Gefühl, nicht auf sicherem Boden zu stehen, sondern möglicherweise auf einer von M.C. Eschers Endlostreppen gelandet zu sein. Kein Wunder, daß Escher einer jener ist, die Roth anziehen, denen er nachgehen will. Das Verwischen von Ideen, dem "Schnee aus Buchstaben" im Kopf, Erinnerungen, Gedanken, reinen Fakten und Meinungen ergibt ein Geflecht aus Sprache, in dem der Leser Gefahr läuft, verloren zu gehen. Es ist beim Lesen also Genauigkeit gefragt.


Der Amok-Komplex: oder die Schule des Tötens
Der Amok-Komplex: oder die Schule des Tötens
von Ines Geipel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

3.0 von 5 Sternen Zusammenhänge?, 22. Mai 2012
Ines Geipel, die schon früher zum Amoklauf in Erfurt gearbeitet hat, versucht in diesem Band, größere Zusammenhänge herzustellen und so die Frage danach zu beantworten, wie und warum junge Menschen, fast immer Männer, dazu kommen, um sich zu ballern und möglichst vielen ihrer Mitmenschen das Leben zu nehmen. Sie betrachtet dazu die Umstände der Amokläufe in Port Arthur, Neuseeland, in Erfurt, Winnenden, Emsdetten und schließlich des gerade verhandelten Massenmords in Norwegen. In mal mehr, mal weniger intensiven Detailanalysen werden diese Umstände dargestellt, untersucht und auch bewertet.

Allerdings setzt hier auch der erste Kritikpunkt an: Wieso gerade diese? Warum nicht - sozusagen als Blaupause aller neueren Massaker/Amokläufe - Littleton, also das Massaker von Columbine? Wieso Port Arthur? Wieso nicht der erwähnte Massemord in Dunblane? Warum Emsdetten, nicht aber jener Amoklauf an der Virginia Tech, der 32 Menschen das Leben kostete? Ein jeder wäre zu würdigen, wollte man einfach den Opfern ein Mahnmal setzen und ihrer gedenken. Geipel aber will verstehen. Dazu jedoch scheint die Auswahl zu willkürlich.

Der Vorteil des Buches ist zweifellos Ines Geipels Wille, sich tief in die Materie einzuarbeiten. So erfährt man allerhand Details zu allen vorgestellten Amokläufen, auch zu den oben genannten, die nicht explizit bearbeitet werden. Gerade was die Polizeieinsätze in Erfurt und Winnenden betrifft, ist dies interessant, weil es schon zeigt, wie die Einsatzleitungen gelernt haben. Die 14 Seiten Einsatzfunk, die Geipel dem Erfurtkapitel voranstellt, lesen sich, mit den Bildern vor Augen, die man ja zwangsläufig abruft, wie ein Protokoll aus der Hölle. Die Hintergrundinformationen zu Täter und Familie sind so gebündelt noch einmal interessant, dem Interessierten allerdings auch weitestgehend bekannt. Die daran anschließende Analyse des "Falls hinter dem Fall", die schließlich auf eine waghalsige Verschwörungstheorie mit Bezug bis zur aktuellen NSU-Untersuchung hinausläuftz, ist ärgerlich. Ich traue der Autorin Geipel maximalen investigativen Journalismus zu, aber auch sie müsste wissen, daß dieser Fall, wenn er denn so ist, wie sie ihn darstellt (und ich werde das nicht bezweifeln, denn ich kenne die entsprechenden Akten nicht), ein eigenes Buch (mindestens) wert wäre. So ist es entweder verschenktes Material oder das Verstecken von vielleicht gutem, sicherlich aber noch unsicherem Material in einer Fülle von Details. Es wirkt unseriös.

Das Buch gibt eine gute Übersicht über die genannten Fälle, kommt aber zu keinem Ergebnis. Die üblichen Vorwürfe: Waffenverfügbarkeit, Gewalt verherrlichende Computerspiele , Verrohung, Isolation - man kennt das und wird den Eindruck nicht los, daß es alles irgendwie stimmt, daß man es aber jedes Mal mit einem komplett anderen/neuen Profil zu tun hat. Und so kommt man als Leser zu einer Erkenntnis, die wahrscheinlich gar nicht gewollt ist: Es gibt gar keine Zusammenhänge. Es gibt Korrelationen, aber ansonsten wirklich immer nur Einzelfälle. Außer man zieht die Grenzen sehr weit: Alles Männer, alle Computerspieler usw.

Aber diese Erkenntnisse wirken so banal. Und das ist der Nachteil des Buches: Es fügt den herrschenden Meinungen und Ansichten nichts hinzu - weder bekräftigt es sie, noch widerlegt es irgendetwas. Ein jeder kann sich bestätigt fühlen. So bleibt alles im Vagen, alles ist irgednwie interessant, alles ist richtig, wenn es genau so ist, wie dargestellt. Aber die Dringlichkeit, dieses Buch zu veröffentlichen, die Dringlichkeit des Themas wird einfach nicht klar.

Ein letztes Wort zu Norwegen und dem Massenmörder Breivik: Man sollte angesichts des Themas sicherlich nicht zum Korinthenkacker werden, aber Begriffsklärunug kann nie schaden. Und eine echte Defintion fehlt dem Buch, was es unter "Amok-Komplex" versteht. War das, was in Norwegen geschehen ist, ein Amoklauf? Das scheint zumindest mir nicht so. Die Motivation, der Zugriff auf ideologische Begründungen (so abstrus sie uns erscheinen mögen), verleiht den Vorgängen dort eine andere Qualität. Sonst wird der Begriff "Amok" enorm verwässert und jedes Tötungsdelikt wird zum Amoklauf. Gerade das zeigt Geipel ja im genauen Lesen der schriftlichen "Nachlässe" der jugendlichen Täter - ihre Weltbilder waren mindestens so wirr, wie wir das dem Mörder Breivik vorwerfen, aber vollkommen auf sich fixiert; er hingegen argumentiert mit dem ideologischen Werkzeug des Terroristen, es geht ihm um "etwas", er selbst spielt darin keine Rolle. Ein anderer Ansatz, der m.E.n. sehr wichtig ist bei dem Versuch, die zu verstehen, die zu Tätern werden


Der Amok-Komplex: oder die Schule des Tötens
Der Amok-Komplex: oder die Schule des Tötens
von Ines Geipel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Zu kurz gegriffen?, 22. Mai 2012
Ines Geipel, die schon früher zum Amoklauf in Erfurt gearbeitet hat, versucht in diesem Band, größere Zusammenhänge herzustellen und so die Frage danach zu beantworten, wie und warum junge Menschen, fast immer Männer, dazu kommen, um sich zu ballern und möglichst vielen ihrer Mitmenschen das Leben zu nehmen. Sie betrachtet dazu die Umstände der Amokläufe in Port Arthur, Neuseeland, in Erfurt, Winnenden, Emsdetten und schließlich des gerade verhandelten Massenmords in Norwegen. In mal mehr, mal weniger intensiven Detailanalysen werden diese Umstände dargestellt, untersucht und auch bewertet.

Allerdings setzt hier auch der erste Kritikpunkt an: Wieso gerade diese? Warum nicht - sozusagen als Blaupause aller neueren Massaker/Amokläufe - Littleton, also das Massaker von Columbine? Wieso Port Arthur? Wieso nicht der erwähnte Massemord in Dunblane? Warum Emsdetten, nicht aber jener Amoklauf an der Virginia Tech, der 32 Menschen das Leben kostete? Ein jeder wäre zu würdigen, wollte man einfach den Opfern ein Mahnmal setzen und ihrer gedenken. Geipel aber will verstehen. Dazu jedoch scheint die Auswahl zu willkürlich.

Der Vorteil des Buches ist zweifellos Ines Geipels Wille, sich tief in die Materie einzuarbeiten. So erfährt man allerhand Details zu allen vorgestellten Amokläufen, auch zu den oben genannten, die nicht explizit bearbeitet werden. Gerade was die Polizeieinsätze in Erfurt und Winnenden betrifft, ist dies interessant, weil es schon zeigt, wie die Einsatzleitungen gelernt haben. Die 14 Seiten Einsatzfunk, die Geipel dem Erfurtkapitel voranstellt, lesen sich, mit den Bildern vor Augen, die man ja zwangsläufig abruft, wie ein Protokoll aus der Hölle. Die Hintergrundinformationen zu Täter und Familie sind so gebündelt noch einmal interessant, dem Interessierten allerdings auch weitestgehend bekannt. Die daran anschließende Analyse des "Falls hinter dem Fall", die schließlich auf eine waghalsige Verschwörungstheorie mit Bezug bis zur aktuellen NSU-Untersuchung hinausläuftz, ist ärgerlich. Ich traue der Autorin Geipel maximalen investigativen Journalismus zu, aber auch sie müsste wissen, daß dieser Fall, wenn er denn so ist, wie sie ihn darstellt (und ich werde das nicht bezweifeln, denn ich kenne die entsprechenden Akten nicht), ein eigenes Buch (mindestens) wert wäre. So ist es entweder verschenktes Material oder das Verstecken von vielleicht gutem, sicherlich aber noch unsicherem Material in einer Fülle von Details. Es wirkt unseriös.

Das Buch gibt eine gute Übersicht über die genannten Fälle, kommt aber zu keinem Ergebnis. Die üblichen Vorwürfe: Waffenverfügbarkeit, Gewalt verherrlichende Computerspiele , Verrohung, Isolation - man kennt das und wird den Eindruck nicht los, daß es alles irgendwie stimmt, daß man es aber jedes Mal mit einem komplett anderen/neuen Profil zu tun hat. Und so kommt man als Leser zu einer Erkenntnis, die wahrscheinlich gar nicht gewollt ist: Es gibt gar keine Zusammenhänge. Es gibt Korrelationen, aber ansonsten wirklich immer nur Einzelfälle. Außer man zieht die Grenzen sehr weit: Alles Männer, alle Computerspieler usw.

Aber diese Erkenntnisse wirken so banal. Und das ist der Nachteil des Buches: Es fügt den herrschenden Meinungen und Ansichten nichts hinzu - weder bekräftigt es sie, noch widerlegt es irgendetwas. Ein jeder kann sich bestätigt fühlen. So bleibt alles im Vagen, alles ist irgednwie interessant, alles ist richtig, wenn es genau so ist, wie dargestellt. Aber die Dringlichkeit, dieses Buch zu veröffentlichen, die Dringlichkeit des Themas wird einfach nicht klar.

Ein letztes Wort zu Norwegen und dem Massenmörder Breivik: Man sollte angesichts des Themas sicherlich nicht zum wortklauberischen Pedanten werden, aber Begriffsklärunug kann nie schaden. Und eine echte Defintion fehlt dem Buch, was es unter "Amok-Komplex" versteht. War das, was in Norwegen geschehen ist, ein Amoklauf? Das scheint zumindest mir nicht so. Die Motivation, der Zugriff auf ideologische Begründungen (so abstrus sie uns erscheinen mögen), verleiht den Vorgängen dort eine andere Qualität. Sonst wird der Begriff "Amok" enorm verwässert und jedes Tötungsdelikt wird zum Amoklauf. Gerade das zeigt Geipel ja im genauen Lesen der schriftlichen "Nachlässe" der jugendlichen Täter - ihre Weltbilder waren mindestens so wirr, wie wir das dem Mörder Breivik vorwerfen, aber vollkommen auf sich fixiert; er hingegen argumentiert mit dem ideologischen Werkzeug des Terroristen, es geht ihm um "etwas", er selbst spielt darin keine Rolle. Ein anderer Ansatz, der m.E.n. sehr wichtig ist bei dem Versuch, die zu verstehen, die zu Tätern werden


Große Erwartungen: Roman (insel taschenbuch)
Große Erwartungen: Roman (insel taschenbuch)
von Charles Dickens
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

20 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ach ja, Dickens..., 7. Mai 2012
Ist immer so eine Sache mit den großen Romanen des 19. Jahrhunderts. Die einen sagen, daß das DIE GROSSEN ROMANE schlechthin seien, daß die Kunst des Romanschreibens überhaupt zu ihrer Vollendung gekommen sei im 19. Jhd. Mag sein. Sofort denkt man an Flauberts "Madame Bovary", an Tolstoi und natürlich Dostojewski, an Fontane, Balzac, Stendahl, Hugo aber auch die großen Unterhalter wie Dumas et al. Und Dickens. Dickens? Was war der denn nun? Ein Weltliterat oder doch nur ein schnellschreibender Zeilenschinder, der drei, vier Sachen zugleich runterschmierte, weil er irgendwie seine Familie(n) durchbringen musste? Letzteres hat mir mal jemand in einem Seminar erklärt. Nun denn. Gute oder gar große Literatur darf doch gelegentlich auch unterhalten, oder?

Nicht alles, was der gute Charles so von sich gegeben hat, muß gefallen. Doch "Große Erwartungen" ist nun defintiv einer seiner besten, seiner größten Romane. Nimmt man "David Copperfield", "Oliver Twist" und "Bleak House" dazu, hat man sicherlich einen guten Dickesnkanon, der einen ersteinmal beschäftigt hält.

"Great Expectations" hat all die Vor- und Nachteile, die Dickens eben ausmachen: es fesselt, es rührt, es hat eine teilweise schaurig-unheimliche Geschichte und Atmosphäre, tolle Typen (wobei ich zugebe, daß meine Lieblingsdickensfiguren nicht aus diesem Roman stammen - es lebe Uriah Heep, allein für diesen Namen!), aber eben auch wilde Handlunsgsprünge, psychologische Ungenauigkeiten (obwohl dies gerade in diesem Buch nicht so zutrifft, wie in anderen, Pips Seelenleben und -nöte sind schon gut und genau erfasst), zuviele Zufälle und ist - wie immer beim großen Engländer - überkonstruiert. Aber dennoch ist es eines der besten seiner Werke. Ich finde hier übrigens auch interessant, daß es etwas weniger Humor aufweist, als frühere Werke aus seiner Feder (obwohl es eine Tragikomödie sein sollte). Und es ist dichter in der Erzählweise, moderner, auch stringenter. Da es einer seiner letzten Romane war und er sicherlich schon gezeichnet war von den zunehmenden Krankheiten und der Erschöpfung, die ihn am Ende seines Lebens häufig und schließlich bleibend befiel, mag das diesen Umständen geschuldet sein. Seine Blick ist wie immer scharf und kritisch. Die englische Gesellschaft als undurchlässige Klassengesellschaft mit leeren Ritualen und Idealen wird einmal mehr genauestens seziert.

Inhaltlich ist es "David Copperfield" verwandt, beides sind in gewisser Weise coming-of-age-Romane, in beiden bemüht sich ein junger Mensch, den Unbilden der Armut zu entkommen, in beiden wird er gewissen Seelennöten ausgesetzt, wobei Pip hier m.M.n. noch genauer beschrieben und erfasst wird in seiner Angst vor und um den entflohenen Strafgefangenen Magwitch. Seine Liebe zu Estella und deren Hartherzigkeit muten manchmal an wie ein moderner Bericht über das Liebesleben junger Leute und Pips Wandlung zum snobistischen Dandy, der sich seiner eigenen Verwandten schämt, leuchtet dramaturgisch ein. Daß das Ende der "großen Erwartungen" gekommen ist, als sich das Geheimnis um Pips plötzlichen Wohlstand lüftet und er sich ins Ausland zurückziehen muß um schließlich - geläutert - heimzukehren und doch noch in Estellas Arme zu sinken, ist purer Dickens mit all seinen Happy-End-Hoffnungen. Man mags oder nicht, doch am Ende dieser 500 Seiten, in denen man all diese Figuren kennen- und liebengelernt, man mit ihnen gefiebert und gefürchtet und gelitten hat, freut man sich, wenn sie ein wenig Glück finden, mag die Realität auch meist anders aussehen.

Wie Anthony Burgess einmal auf die Frage nach Joyce' "Ulysses" und deren Lesbarkeit geantwortet hat: Einfach lesen, nicht nach dem Sinn fragen, nicht sich fragen, ob man alles versteht, einfach lesen und genießen! - so möchte man auch über Dickens sagen: einfach lesen!! Ist das DIE GROSSE Weltliteratur? Vielleicht, vielleicht auch nicht (ich denke schon), unterhaltsam UND aufschlußreich als Zeugnis seiner Zeit ist es allemal.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 21, 2015 5:04 PM MEST


Akt der Liebe: Thriller
Akt der Liebe: Thriller
von Joe R. Lansdale
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Frühe Serienkillergeschichte, 30. April 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Akt der Liebe: Thriller (Taschenbuch)
In Houston geht ein Serienmörder um. Er vergewaltigt und zerstückelt Frauen, nimmt Teile ihres Körpers mit und ißt diese. Die Polizei tappt im Dunkeln, die Presse macht ihr die Hölle heiß und der ermittelnde Detective wird immer tiefer in den Fall hineingezogen, entfremdet sich mehr und mehr seiner Familie und verliert sich schließlich in wilden Verdächtigungen gegenüber seiner nächsten Umwelt. Dadurch kommt er dem Täter jedoch unvermittelt recht nah und so nimmt dieser nun die Familie aufs Korn. Ein Rennen gegen die Zeit beginnt...

Wollte man diesen Roman nach den Kriterien des Jahres 2012 - also nach McFadyen, Thomas Harris, King oder Ketchum - beurteilen, ginge er sicher mit einem oder zwei Sternen weg. Da dies aber 1981 veröffentlicht wurde, muß man, so denke ich, andere Kriterien anlegen. Schon die magere Inhaltsbeschreibung oben zeigt, daß so ziemlich jedes Klischee erfüllt wird, daß man mittlerweile gerade aus dem Serienkiller-Genre (wenn man es denn so nennen darf) kennt: Die superbrutalen Morde, der eiskalte Killer, der immer zerrütterte Detektiv, dessen Familie schließlich selbst Opfer zu werden droht. Doch als Lansdale das schrieb (übrigens sein Erstling, auch das sei zu bedenken), gab es all diese Klischees noch gar nicht. So wird dieser Roman zu einer Art Prototyp. Und man merkt das. Was einige in ihren Rezensionen als holprig wahrnehmen, sehe ich eher als erste Schritte in einem bis dato wenig bis gar nicht begangenen Terrain. Nicht alles hier funktioniert, manches ist zu schnell und dadurch scheinbar zu hingehuddelt geschrieben. Aber Lansdale macht keine Gefangenen, er erzählt seine Story frisch, ohne Schnörkel und Umschweife. Da scheint er ganz der hard-boiled-Tradition verpflichtet. Der Leser erfährt nicht ein Jota mehr, als nötig ist, um die Story voran zu treiben. Und all die Nebenfiguren - der Journalist, der Vorgesetzte, der kumpelhafte Buddy, der verzweifelte und deshalb verräterische Kollege - kommen hier noch erstaunlich frisch rüber. Es ist ein bisschen wie mit alten Platten der Stones: manches Riff mag man nicht mehr hören, weil jeder es seitdem gecovert hat, aber wenn man unvermittelt mal wieder reinhört, dann fällt einem schon auf, daß das damals eben neu und unverbraucht war. So ging es mir mit diesem Thriller.

Daß es heute ausgefeilteres und durchdachteres gibt - ja sicher. Dieses Buch ist zum einen historisch interessant, erzählt es doch von einer Zeitenwende im Thrillergenre, andererseits aber immer noch auch fesselnd ob seiner Schnörkellosigkeit!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 13, 2015 1:25 PM MEST


Der Anschlag
Der Anschlag
von Stephen King
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,99

7 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen King goes Schmonzette, 30. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Anschlag (Gebundene Ausgabe)
Ist dies ein Buch über das Kenedyattentat? Nein!

Ist dies ein Buch über Zeitreisen und deren Auswirkungen auf die "Gegenwart"? Bedingt.

Ist dies eine Schmonzette auf gehobenem (nicht hohem!) Niveau? Unbedingt.

Im Hinterzimmer eines Diners in Maine befindet sich ein Einstieg ins Jahr 1958. Ein "Kaninchenbau". Der Besitzer des Diners entdeckt ihn und was tut er? Schaut er sich in den so gloriosen 50er Jahren um? Schaut er sich Elvis an (na gut, der war gerade in der Army)? Schaut er sich Bill Haley oder eine der anderen frischen Rock'n'Roll-Größen an? Fährt er nach San Francisco um Kerouac und die Beatniks im City Lights Bookstore zu begaffen? Oder nach NYC ins legendäre Chelsea Hotel? Geht er zu sämtlichen Spielen der World Series? Geht er in Autokinos oder auf Schulbälle? Fährt er nach Hollywood undundund? Nein. Nein, er weiß nur eines: Er muß die Welt retten indem er das Kennedyattentat verhindert. Drunter macht er es nicht. Also muß er Jahre in der Vergangenheit verbringen, bis endlich 1963 ist und...er an Krebs erkrankt und sein Ziel nicht mehr erreichen kann. Also haut er seinen Stammgast Jake Epping an, daß dieser den "Auftrag" zuende führt. Dieser Jake Epping nun erzählt uns als Kings erster(?) Ich-Erzähler von seinen Reisen nach 1958. Und um herauszufinden, was geschieht, wenn man die Vergangenheit verändert, muß er erstmal die Lebensgeschichte des Hausmeisters an seiner Schule ändern. Damit sind die ersten 300 Seiten voll. Dann also beschließt er, Amerikas Ursünde (wie viele es sehen), den Moment seines Unschuldverlusts, auszumerzen. Und geht nach 1958, um die 5 Jahre bis 1963 zu leben, bis er sich Oswald, der hier der Einzeltäter sein soll (und um das herauszufinden braucht es nochmal 250 Seiten), vorknöpfen kann. Natürlich muß er die Zeit irgendwie rumbringen und natürlich lernt er nicht nur die "unschuldige" Zeit der späten 50er Jahre lieben, sondern auch eine nette Frau kennen, die er ebenfalls retten muß usw usf. Auf den letzten 100 Seiten dann also das Attentat und alles, was daraus folgt, wenn man in der Vergangenheit herumwurschtelt.

100 Seiten Attentat? So ist es. Irgendwelche Erkenntnisse? Nö. Worum geht es hier eigentlich, in diesem Buch? Vor eingen Jahren schrieb King "Love" und wurde damals als "ernsthafter" Schriftsteller geadelt, der die Niederungen des Genres hinter sich habe. Das Buch war gut, zugegeben. Aber es war auch ein gehobener Liebesroman aus der Kitschecke. Und nun? Nun haben wir es im Grunde mit einer Schmonzette zu tun. Diese Liebesgeschichte trieft nur so vor Schicksal und Bedeutung. Die arme bedrohte Unschuld (etwas tollpatschig, aber sowas macht ja bekanntermaßen süß), deren Mann ein psychopathischer Nerd ist, die Kleinstadtidylle, in der die Aussenseiter sich finden und zusammenstehen, Die Errettung einer Frau, indem man ihr den ersten Orgasmus verschafft. Ach ja. Und natürlich ein Abwägen zwischen persönlichem Glück und dem der großen weiten Welt...welche Klischees wurden AUSGELASSEN? Mal schauen.

Was noch? Ein paar Spielereien hinsichtlich des Zeit-Raum-Kontinuums, Überlegungen zu der Frage des Was-wäre-wenn: Wenn wir die Vergangenheit verändern, ist das dann zum Guten unbedingt? Der Geist der Gutes will und Böses schafft? Ist irgendetwas davon NEU? Nein. Selbst "back to the Future" hatte uns da mehr und Originelleres zu erzählen. In allen drei Teilen!

Ist irgendetwas davon spannend? Und hier wird es spannend, denn die Antwort auf diese Frage lautet (leider) ebenfalls "nein". Dieses Buch ist schlichtweg nicht spannend. Es ist sogar ab eines gewissen Punkts öde und schleppt und zieht sich und kann nicht mehr fesseln. Es ist ein Hybrid, ein Roman, der nicht weiß, was er will, was er sein soll und wohin es geht. Und es ist eine unglaubliche Fifties-Nostalgia-Roadshow. Das ist ok, viele Autoren beschleicht mit dem Älterwerden diese Melancholie nach der heil(ig)en Welt der eigenen Jugend und sie meinen daraus etwas produzieren zu müssen. Schon in Ordnung. So hätte King sich jede Zeit heraus suchen können, 1685, 1776, 1917, 1945 - alles Daten zu denen es etwas zu sagen gäbe. Doch natürlich nimmt er 1958, es ist einerseits seine Zeit gewesen, andererseits kann er also seinen Beitrag zur "Kennedy-Literatur" leisten, in einem Aufwasch mit seinem Beitrag zur "Zeitreise-Literatur". Wenn jemand jedoch einen Roman explizit zum Attentat auf den amerikanischen Präsidenten lesen will, sollte er/sie dieses Buch links liegen lassen und z.B. zu Don DeLillos "7 Sekunden/Libra" greifen - m.E. übrigens ganz nebenbei die beste Erklärung, was geschehen sein könnte, wenn man nicht an die Einzeltäterthese glaubt und DeLillos zugänglichstes Buch, also ein guter Einstieg zu dessen Universum. Denn hier, in Kings Geschichte, dient das Attentat nur als äußerer Anreiz, als Vehikel, daß unser Held wirklich Jahre in der Vergangenheit zu bleiben gedenkt.

Was bleibt? Kingtypisch kann man das alles gut lesen, es gibt eine Reihe hübscher Verweise ins King-Land (Derry und einige Protagonisten aus "Es" kommen vor), seine Dialoge sind, wie so oft, exquisit, die Figuren packen eine Zeit lang und auch die Geschichte tut es. Viel feel-good, Kingtypische Erzählstränge, denen man angespannt folgt und bei denen man weiß, daß sie gut ausgehen. Unterhaltsam ist das Ganze schon, nur viel, viel zu lang.

Und das Attentat selbst? Wie einige Vorrezensenten habe ich mich ebenfalls viel mit dem Thema beschäftigt und fand es schon erstaunlich, daß niemand derer vorkommt, die in ALLEN Kennedy-Attentats-Diskussinen eine Rolle spielen. Clay Shaw? Nada. David Ferrie? Nüscht. Die Mafiaverbindungen und die Querverbindungen zu den Kubaexilanten? Am Rande erwähnt. King interessiert das alles nicht. Geschickt umgeht er diesen Teil, indem er die Zeit in New Orleans (die in Stones JFK-Film und den meisten Untersuchungen/Dokus so wichtig ist) schlichtweg ausblendet.

Das ist an und für sich ja ok, denn King erklärt in seinem Nachwort, daß er von all den Verschwörungstheorien nichts hält und Oswald seiner Ansicht nach ein Einzeltäter war (was auch Kings Schweigen hinsichtlich der magischen Kugel erklärt, die allein Kennedy dreimal und einmal den Gouverneur von Texas traf und dabei mehrmals die Richtung änderte). Kann man machen. Aber warum erzählt man dann diese Geschichte? Oswald ist bei King ein eindimensionales Monster, das seine Frau prügelt. Diese Frau allerdings, das merkt man im Nachwort, kann King ebenfalls nicht leiden, widerstrebend zollt er ihr Respekt für ihre "Fähigkeit zu überleben" usw.

Nein, es entsteht der Eindruck, als hätte King erstens über eine Zeit seiner Jugend schreiben wollen, die er, wie so viele Amerikaner, als eine Zeit der Unschuld wahrnimmt und zweitens scheint er unbedingt eine fette Liebesgeschichte erzählen zu wollen. Da er aber Stephen King ist, braucht es Spannung und irgendetwas "Unnatürliches", also Zeitreise. Diese Mischung ist mißlungen, das muß ich schon so sagen. Die einzelnen Teile dessen, was bleibt, kann man lesen. Nur ist das Ganze weniger als seine Teile, und das ist schade.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 27, 2012 5:14 PM MEST


John Ford`s Stagecoach - John Wayne Collection
John Ford`s Stagecoach - John Wayne Collection
DVD ~ John Wayne
Wird angeboten von brandsseller
Preis: EUR 5,49

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Oh ja!, 18. April 2012
Eigentlich ist in den schon geschriebenen Rezensionen alles gesagt und von der Technik hinsichtlich Sound, Bild, Surround und was weiß ich, verstehe ich eh nichts. ABER: Als ein Freund von mir vor einigen Jahren an meinem Geburtstag mit dieser DVD ankam, wissend, daß ich sie noch nicht entdeckt hatte, da war die Freude unglaublich groß! Warum? Weil dies einer dieser Filme ist, die man einfach haben MUSS. Es ist einer der wichtigsten Western aller Zeiten, vielleicht einer der wichtigsten Filme aller Zeiten und ganz sicher einer jener Filme, die man kennen muß, wenn man Amerika und sein Werden verstehen will.

Eine Postkutsche ist auf dem Weg nach Lordsburg, an Bord einen stets betrunkenen Arzt, eine hochschwangere Dame der Gesellschaft, eine Hure, die die Stadt zu verlassen hatte, einen spielenden Kavalier und einen Bankdirektor, der sich auffallend eng an seiner Tasche festhält. Auf dem Bock der Kutscher, ein Original, und der Sheriff. Und schließlich kommt noch Ringo hinzu, ein Outlaw, der sich stellt, um in Lordsburg zu klären, ob er wirklich der Schuldige ist an den ihm zur Last gelegten Dingen und der dort auch eine Verabredung mit ein paar Herren hat, die ihm nach dem Leben trachten. Diese Gemeinschaft also sitzt in dieser winzigen Kutsche und müht sich durch das feindliche Territorium des Monument Valley, immer in Angst vor dem Indianerangriff, denn Geronimo ist auf dem Kriegspfad.

Die hier gezeigte Gemeinschaft, in der der Banker (sic!) der Gangster ist, der Bandit (natürlich) der Held, die Hure ein Herz hat und die "Dame" ihres erst in Gefahr entdecken muß, der Kavalier ein Feigling und der Trunkenbold im rechten Moment an der rechten Stelle ist, erzählt soviel über die USA und darüber, wie diese Nation sich selbst sieht und gesehen werden möchte! Und ich denke, daß John Fords Meisterwerk auch wesentlich nachfolgende Generationen geprägt hat in ihrem Selbstbild. Dies ist eine demokratische Gesellschaft, in der ein jeder nach seinen Taten, nicht nach seinen Worten oder seinen Orden oder seiner Stellung bewertet wird. Dieser Film erzählt vom Ideal!

Richtig - die Behandlung der Indianer steht auf einem anderen Blatt, darüber läßt sich streiten, keine Frage. Doch dann dürfen wir 90% aller Western von vor 1960 nicht mehr schauen (schon gar nicht "The Searchers" in der deutschen Fassung). Hier geht es dem alten irischen Haudegen Ford um die Geschichte "seines" Amerika, darum, wie dieses Land werden konnte, was es ist. Und man kann hier herrlich sehen, was er einen seiner Protagonisten 22 Jahre später sagen ließ: Wenn die Legende zur Wahrheit wird, druck die Legende. In "Stagecoach" zeigt er, was vor der Legende war, ALS Legende, als Mythos. Die zugige Kutsche, der Wind, der hindurch fährt und den Insassen die Haare durcheinander wirbelt, die unglaublichen Aussenaufnahmen im Monument Valley, welches hier schwarz-weiß ist und dadurch eine unheimliche Bedrohlichkeit annimmt, die vogelperspektivischen Aufnahemn, die die Kutsche so klein und verletzlich aussehen lassen und schließlich die unglaubliche Dynamik des Indianerangriffs - dies ist ein FILM, will sagen: Ford definiert hier einmal mehr, was Film IST: Raum und Bewegung, Bewegung im Raum. Der Film würde ohne ein einziges Wort funktionieren.

So mache ich an dieser Stelle Schluß, lege den Film ein und schaue ihn zum....keine Ahnung, wie vielten Male. An alle andern: Viel Spaß!!
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 5, 2012 10:07 PM MEST


Zerfleischt: Der ultimative Thriller (Horror Taschenbuch)
Zerfleischt: Der ultimative Thriller (Horror Taschenbuch)
von Tim Curran
  Broschiert
Preis: EUR 13,95

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Der Weltuntergang..., 17. April 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich hatte es immer gefürchtet, jetzt habe ich die Bestätigung: Der Weltuntergang ist vor allem - langweilig. Denn wenn sich alle gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Bindemittel auflösen und der Einzelne zurück verfällt in die Urregelen dessen, was der Autor sich darunter vorstellt, dann passiert das und das war es dann. Blödsinnigerweise passiert es dann auf ca. 400 Seiten wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und...genau.

An einem Freitagnachmittag (na klar - der 13.) verändern sich die Menschen in einer Straße einer kleinen Stadt im Mittelwesten der USA drastisch: Sie beginnen, sich gegenseitig zu zerfleischen, sich gegenseitig zu vergewaltigen, sich gegenseitig umzubringen und aufzuessen. Das ist schlimm. Und es ist blutig und es stimmt, was alle anderen hier schreiben - es wird nichts, aber gar nichts ausgelassen. Das war es, die ganze Handlung. Punkt. Also war das jetzt ein Spoiler!!! Nach ca. 50 Seiten erkennt man als Leser, daß es da zumindest ein, zwei Figuren gibt, die sich gegen das freigesetzte "Gen" zu wehren wissen und sich der Regression in atavistiche (um das einzige, dafür aber häufig genannte Fremdwort des Textes zu zitieren) Verhaltensregeln verweigern. Diese begleiten wir nun 350 Seiten lang durch einen Tag und eine Nacht. Und dabei werden sie Zeuge allerhand ekliger und blutrünstiger Handlungen, die sich die in diverse Stämme und Clans zerfallene Stadtbevölkerung gegenseitig antun. Hatte ich das schon erwähnt? Ach so...

Lassen wir das. Wieso 2 Punkte? Weil es ein klarer Genreroman ist, weil das Buch sicherlich erfüllt, was mancher sucht in diesem Genre - Splatter, Ekel, Folter, Blut, verspritztes Hirn und Gedärm und diverse Todesarten und so. Aber, Achtung: Dies ist WEDER spannend NOCH sonderlich gruselig. Es gibt auch keinen dramatischen Spannungsaufbau o.ä., alles ist ab Seite 1 in etwa so angelegt, wie es sich dann durchs ganze Buch hinzieht...ach, so, hatte ich schon erwähnt, ach ja...

Im Ernst: Curran schreibt sich da einen Weltuntergang zusammen, der uns alle in Höhlenbewohner zurückverwandelt. Allerdings ist mir noch nie untergekommen, daß "wir" damals eine ausgefallenen Sinn für Kannibalismus, die Hirne anderer oder das Zerstückeln anderer gehabt hätten. Diese Steinzeitmenschen ähneln eher Zombies. Nun denn. Daß der Autor sich dabei meist einer Sprache befleißigt, die zumindest über das Rudimentärgestammel der meisten Protagonisten hinausgeht, ehrt ihn, täuscht aber nicht darüber hinweg, daß ihm letztlich einfach nicht viel dazu einfällt. Der Firnis der Zivilisation ist dünn? Ach ja und ach so, irgendwo hatte man das schon mal gehört oder gelesen.

Was ich dem Buch zu Gute halte: Curran ist kein Atavist, er scheint sich zumindest nicht über diesen Rückfall zu freuen, denn das war meine stille Befürchtung, während die Seiten so an mir vorbeizogen: Daß hier einer seine eigene Zivilisationsangekränkeltheit zu Markte trägt. Fast, aber auch nur fast, könnte man meinen, daß es Curran leid tut um diese Menschheit. Dann aber scheint seine Lust an der puren Darstellung von Gewalt wieder zu überwiegen und los gehts, auf ein Neues. Wems gefällt...


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