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Rezensionen verfasst von
Gavin Armour "deadhead"

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Abbey Road Murder Song: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Abbey Road Murder Song: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Preis: EUR 12,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Ermittlerpaar im hippen London der späten 60er Jahre..., 29. Juli 2014
Gerade aktuell im Sommer 2014 erreichen uns fürchterliche Bilder und Berichte aus Nigeria, wo islamistische Gruppen Angst und Schrecken verbreiten. Doch war Nigeria schon seit jeher ein unruhiges Land, in dem offen um Unabhängigkeiten und religiöse Vorherrschaft gekämpft wurde. In den Jahren 1967 bis 1970 tobte ein brutaler Krieg um die Region Biafra, wo die Volksgruppe der Ibo, die christlich geprägt sind, hauptsächlich beheimatet ist. Dieser Konflikt bildet den Hintergrund für William Shaws Kriminalroman.

In der Nähe der Apple Studios, wo die Beatles ihre Platten aufzunehmen pflegen, wird im Jahr 1968 die Leiche einer jungen Frau entdeckt. Detective Breen, in der Truppe gerade nicht gut angesehen, hat er doch einen Kollegen im Stich gelassen, als dieser mit einem Messer angegriffen wurde, versucht, Licht ins Dunkel um diesen Mordfall zu bringen. So führen ihn seine Ermittlungen zunächst in das Umfeld jener Mädchen, die ihre Tage damit verbringen, vor dem Studio oder aber den Statdhäusern ihrer Idole rumzuhängen, immer in der Hoffnung, einen der vier Pilzköpfe zu treffen. Da Breen, der um seinen Vater, einen Iren, der in jungen Jahren nach London kam, trauert, mit der jungen Polizeianwärterin Helen Tozer jemanden zur Seite gestellt bekommt, der sich im jungen, hippen Swingin' London aus- und die Codes und sprachlichen Erkennungszeichen der Hippies und Hipster erkennt, gelingt es nach und nach, sowohl die Identität als auch den Hintergund der Toten auszuleuchten. Und dennoch bleibt bei Breen ein Zweifel, als sich alles dahingehend aufzuklären scheint, daß man es hier mit einer Familientragödie zu tun habe, bei der ein Vater nicht mit den libertären Anwandlungen der eigenen Tochter zurecht gekommen ist. Denn ohne dies wirklich zu wollen, gelangen Breen und Tozer durch Befragungen in der Nachbarschaft zu dem EIndruck, daß es eine weitere Dimension in diesem Fall geben könnte, eine Dimension, die bis nach Afrika reicht, genauer: nach Nigeria. Denn auch im hippen, hedonistischen London gibt es Menschen, die verzweifelt versuchen, einen Kampf zu unterstützen, der Tausende von Kilometern entfernt geführt wird...

Es sei gewarnt, wer einfach nur einen spannenden Thriller erwartet! Nicht zu unrecht steht auf dem Cover dieser Ausgabe der Suhrkamp-Reihe NOVUM, daß es sich um einen 'Kriminalroman' handelt, was sehr viel sperriger und unspektakulärer klingt, als "Thriller". Und genau so ist es auch: Die Spannung bezieht dieser Roman weniger aus der reinen Kriminalhandlung, die zwar durchaus spannend ist, ein paar echte Kehren nimmt und auch zu überraschen weiß, nicht jedoch das eigentlich zentrale Thema des Buchs darstellt. Nein, die eigentliche Spannung bezieht der Roman aus der Beschreibung der Atmosphäre jener Jahre in London: Mini Cooper und Mini Röcke, Männer, die zu androgynen Wesen werden, Frauen, die nicht weiter bereit sind, sich der Machokultur der englischen Mittel- und Unterklasse zu beugen, freie Liebe, Drogen und das Recht auf ein Leben, das man sich selbst erwählt und nicht zuletzt die Musik jener Jahre, die damals ja wirklich ein paar Momente lang sowas wie der Soundtrack der Revolution war, als lange Haare und ein Joint in der Hand wirklich ein politisches Statement waren. William Shaw war kein Augenzeuge jener Jahre, als Autor des Punkblattes ZIGZAG aber durchaus noch nah genug dran - und so oder so in den nachfolgenden Jahren inmitten der relevanten Szenen - , um wahrhaftig davon zu berichten.

Und er weiß die harte bis ultraharte Realität jener dagegen zu setzen, die in diesem London nicht in den hippen Kreisen verkehren, sondern - entweder als Schwarze in einem zwar scheinbar multikulturellen Land ständig rassistischen Übergriffen (auch und gerade der Polizei) ausgesetzt oder aber in Kontrast dazu als Iren sich auf den Baustellen der Stadt verdingend - dazu verdammt sind, ein Schattendasein zu führen. Diese Widersprüche fänngt der Text gut ein. Und da Detective Breen zwar nicht zu alt (Anfang dreißig) ist, um sich eine Beatlesplatte zu kaufen, bisher aber allerdings kaum Zugang zur Hippieszene gefunden hat (und diesen auch keineswegs wollte), haben wir eine klug aufgebaute Identifikationsfigur, die auf all diese Szenen und Entwicklungen mit der nötigen Distanz blickt, keine präferiert und allen ähnlich staunend begegnet. Allerdings läßt Shaw wenig Zweifel daran aufkommen, daß das Leben der Iren in London seit jeher, der Kampf der Schwarzen um die Unabhängigkeit ihrer Länder von den europäischen Kolonisatoren gerade in diesem Jahrzehnt - den 60ern - weitaus tiefgreifendere Auswirkungen auf diese Menschen hatte, als der vorübergehende Hedonismus einer Mittelschichtsjugend, die die Freiheit in einem klassisch repressiven Land ausprobierte. Daß Breen zwar Abkömmling eines irischen Bauarbeiters ist, selbst es jedoch geschafft hat, in einen "angesehenen" Beruf aufzusteigen, gibt ihm die Chance, das Los seiner Landsleute ebenso, wie das der Schwarzen, die von London aus versuchen, für Biafra zu kämpfen, einzuordnen. Daß die Lösung des Falles schlußendlich auch genau da - auf der politischen Ebene - zu suchen sein wird, ahnt der Leser schnell. Und dennoch bleibt es spannend, dem Weg dorthin zu folgen.

Die zweite, fast noch gelungenere Spannungsebene bezieht der Film aus den Konflikten und Konfrontationen der Polizisten untereinander. Da dieses Team - Breen/Tozer - wohl zu einer Reihe ausgebaut werden soll, kann man gespannnt sein, wie Shaw die Charaktere der Vorgesetzten und Kollegen weiter ausbaut. Hier kommen sie einem manches Mal noch seltsam bekannt vor aus diversen englischen Kriminalserien, sei es jene um den Psychologen Fitz, der in den 90er Jahren der Polizei von Manchester unter die Arme griff, seien es die Figuren, die die Polizeistationen von David Peace' Red-Riding-Quartett (1974; 1977; 1980; 1983) bevölkerten: Machos, teils korrupt und brutal, oft bereit, die Dinge zum eigenen Vorteil unter den Teppich zu kehren und fast alle unsäglich faul. Das sind Klischees, die sicherlich in einer durchaus traurigen Realität fußen, die aber unbedingt überarbeitet gehören. Shaw bedient sich ihrer einerseits, andererseits gelingt es ihm durchaus, diese Figuren mit genug Eigenleben zu füllen und so zu skizzieren, daß man gespannt ist, wie sie sich weiter entwickeln. Und da Breen genug Konfliktpotential in sich birgt - ist er ein Feigling? Leidet er nachhaltig unter dem Verlust des Vaters? Ist er beziehungsfähig? Kann er trotz seiner irischen Abstammung den Respekt der Kollegen erringen? - , Tozer hingegen sehr ausbaufähig ist als Figur, darf man durchaus gespannt sein, wie sich dieser Reigen entwickelt.

Es sei noch einmal gesagt: Wer den reinen Spannungsthriller sucht, der sei gewarnt, der wird hier nicht gut bedient werden. Wer aber an genauer Figurenzeichnung, guter Beobachtung und gehörigem Zeitkolorit interessiert ist, gerade was die aufregenden Jahre um 1968 angeht, dem sei ABBEY ROAD MURDER SONG unbedingt empfohlen!


Die Killerbrigade
Die Killerbrigade
DVD ~ Gene Hackman
Wird angeboten von Liberty-Village (Preise inkl. MwSt.)
Preis: EUR 8,30

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gelungener Verschwörungsthriller, dem die Zeitenwende etwas in die Quere kam...., 29. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Killerbrigade (DVD)
In Westberlin kommt es während der Unterzeichnung eines umfangreichen Abrüstungsvertrags zwischen der Sowjetunion und den USA zu einem Anschlag, der zwar weitestgehend folgenlos bleibt, dennoch der Grund dafür ist, daß der für die Sicherheit verantwortliche Master Sergeant Johnny Gallagher (Gene Hackman) in die Heimat beordert wird. Ihm wird ein "Paket", ein vermeintlicher Gefangener - Walter Henke (Tommy Lee Jones) - mitgegeben, den er in Washington an die Militärpolizei übergeben soll. Der Mann habe sich schwerer Disziplinarvergehen schuldig gemacht. Doch bereits auf dem Flughafen in Washington wird Johnny Opfer einer von Henke auf den Toilette angezettelten Schlägerei. Sowohl die Gegner als auch sein Gefangener sind weg. Johnny, der sich an seine Exfrau Colonel Eileen Gallagher (Joanna Cassidy) wendet, um mehr über seinen Entflohenen zu erfahren, muß nach und nach feststellen, daß sein Gefangener nicht Walter Henke war, denn der wurde mittlerweile, was Johnny allerdings nicht weiß, als Undercoveragent in eine Truppe Neofaschisten in Chicago eingeschleust. Je weiter Johnny mit Eileens Hilfe und schließlich der seines alten Vietnamkumpels Lieutenant Milan Delich (Dennis Franz) von der Polizei in Chicago in die Geheimnisse eindringt, mit denen er es zu tun hat, desto gefährlicher wird es für ihn und seine Freunde. Denn nach und nach entblättert sich ein gewaltiges Komplott. Chicago ist Zielort einer Reise, die die Staatsoberhäupter der beiden Supermächte unternehmen, um den Abrüstungsvertrag zu feiern...

1989 erschienen, krankte es bei diesem gelungenen Verschwörungsthriller plötzlich an Relevanz. Die ganze Erzählung bezieht sich auf das Abrüstungsabkommen INF, daß Ronald Reagan und Michail Gorbatschow 1987 in Washington abgeschlossen hatten und das damals als riesiger Erfolg zur Beendigung des Kalten Krieges galt. Als der Film (zumal in Deutschland erst 1990) erschien, hatten die Zeitläufte das ganze Setting des Films bereits gnadenlos überholt. Denn Regisseur Andrew Davis - sonst für Leckerbissen wie CODE OF SILENCE (1985) oder COLLETERAL DAMAGE (2002) verantwortlich - zeichnet seine winterliche Welt der geheimen Dienste noch gänzlich in den Farben des Kalten Krieges: Russische Delegationsmitglieder tragen zu 80% Uniformen mit unendlich vielen Orden und Abzeichen am Revers, dazu hohe Mützen, amerikanische Delegationsmitglieder sehen fast alle aus, wie Gangster aus Filmen von Martin Scorsese und überall stehen ernst bis bedrohlich dreinblickende Herren in Mänteln rum, denen die Zugehörigkeit zur CIA aus jeder Pore leckt. Somit weiß man innerhalb von 10 Sekunden, womit man es hier zu tun hat.

Nach anfänglich etwas holperndem Start und einigen Logiklöchern, die man bei Filmen wie diesem allerdings niemals allzu ernst nehmen sollte, sonst verdirbt es einem den Spaß, entwickelt sich ab Johnny Gallaghers Ankunft in den Staaten ein recht rasanter und auch durchaus überzeugender Verschwörungsthriller. Daß die Zutaten - Verfolgungsjagden in TIefgaragen, Verfolgungsjagden mit Autos, Überwachungen mit Autos und die Tatsache, daß mindestens 2 von Johnnys Helfern schreckliche Tode sterben müssen - heutzutage alle zu Klischees geronnen sind, ist nicht das Verschulden des Films. Das Rezept war damals nicht so alt und ist heute, über zwanzig Jahre nach Erscheinen des Films, einfach komplett abgedroschen. Was man anhand dieses Films allerdings sehr gut beobachten kann, ist der Unterschied im Umgang mit einem solchen Thema in den 70er Jahren, wo in Filmen wie THE PARALLAX VIEW oder gar I WIE IKARUS niemals ein Happy End zugelassen gewesen wäre. Ende der 80er Jahre hingegen wird mit der Hilfe des Schauspielgiganten Gene Hackman, der hier eine überzeugende Performance hinlegt, natürlich alles zu einem guten Ende gebracht, was wir natürlich auch von allem Anfang an ahnen. Ein weiterer Unterschied ist die Darstellung einer Frau, die sich zu helfen weiß und auf eigene Faust ermittelt. Joanna Cassidy, die hier nicht das erste Mal mit Hackman gemeinsam vor der Kamera stand, gibt Eileen Gallagher als emanzipierte, eigenständige Frau, die mit Waffen umzugehen weiß, dabei aber nie zur Amazone mutiert.

Ohne den Film zu mehr machen zu wollen, als er ist und sein will - ein spanneder Unterhaltungsfilm mit einem brisanten und damals scheinbar aktuellen Thema - kann man sagen, daß es ein gelungener und durchaus auch kritisch auf jene Abteilungen des Pentagon blickender Thriller ist, der über eine Länge von gut 100 Minuten von der ersten an zu packen weiß und sein Tempo und seinen Spannungsaufbau durchhält. Daß hier ganz nebenbei das amerikanische Trauma des Präsidentenmordes mit diesmal positivem Ausgang ebenso, wie die Einzeltäterthese hinsichtlich Oswalds abgearbeitet werden, der Film sich dabei durchaus auch etwas traut, sei nur am Rande erwähnt. Dazu ist er dann doch zu exploitativ und bleibt zu sehr an der Oberfläche.

Alles in allem ergibt das gute 3 (3,5) Sterne.


Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123
Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123
DVD ~ Walter Matthau
Wird angeboten von Filmnoir
Preis: EUR 17,94

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Rasender Reisser, 27. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 (DVD)
Vier Männer steigen an vier verschiedenen Stationen einer New Yorker U-Bahn-Linie ein. Sie bringen in einem aufwendigen Manöver den Zug in ihre Gewalt, entkoppeln den Leitwagen, nehmen 17 Passagiere und den Schaffner als Geiseln und verlangen von der Stadt eine Million Dollar Lösegeld. Es handelt sich bei den Entführern um deren Anführer Mr. Blue (Robert Shaw), ein ehemaliger britischer Major und Söldner, der das ganze Unternehmen akribisch geplant hat und offensichtlich bereit ist, jedes Mittel, jede Härte anzuwenden, seine Forderungen durchzusetzen, desweiteren sein Vertrauter Mr. Green (Martin Balsam), ein ehemaliger Bahnfahrer, der entlassen wurde, Mr. Grey (Hector Elizondo), ein schießwütiger Sadist und Mr. Brown (Earl Hindman), der als ergebener Adlatus Mr. Blue zur Seite steht. Eher durch Zufall wird Lt. Zachary Garber (Walter Matthau) von der U-Bahn-Polizei der Verhandlungspartner der Gangster. Da für die Bereitstellung und Übergabe des Lösegelds lediglich eine Stunde veranschlagt wurde, bricht hinter den Kulissen ein hektisches Treiben aus: Bürgermeister, Schatzmeister und Stellvertretender Bürgermeister müssen Entscheidungen treffen, das Lösegeld muß geholt und mit einer Eskorte, die unterwegs auch noch in einen Unfall verwickelt wird, zur betreffenden Station gebracht werden. Nachdem das Geld übergeben wurde, setzen die Entführer den Zug wieder in Bewegung, nicht ohne zuvor erneut Forderungen gestellt zu haben, daß sie freie Fahrt bekommen und sämtliche Signale auf Grün geschaltet werden. Dann steigen sie aus, haben jedoch eine Vorrichtung angebracht, die den Zug selbstständig fahren läßt. Führerlos rast dieser durch die New Yorker U-Bahn-Schächte, während Lt. Garber versucht, herauszufinden, mit wem er es eigentlich zu tun hat....

1974 legte Joseph Sargent diesen ebenso rasanten wie harten Thriller vor, der Walter Matthau - neben dessen Rolle im Vorjahr als Charlie Varrick - einen Imagewandel weg vom reinen Komödianten bringen sollte. Vieles an THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE (Originaltitel) steht im Zeichen des damals bereits wieder abebbenden 'New Hollywood Cinema': Gedreht in einem stillgelegten U-Bahn-Tunnel und auf den Straßen der Stadt, hat man es mit einem wahren on-location-Film zu tun. Der Dreck und die Atmosphäre der New York Sub wird sehr gut eingefangen, das Chaotische und das Gewusel in den Stationen ebenso (diese Szenen entstanden an der Brooklyn Station), wie die Szenen auf den Straßen New Yorks; wie in anderen Filmen, die dieser Bewegung zugeordnet werden, gibt es auch hier eine Reihe von Seitenhieben auf die politische Klasse, die sich als zynisch und desinteressiert an den Bedürfnissen der Bevölkerung zeigt - so stimmt der Bürgermeister der Lösegeldübergabe erst zu, als man ihm klar macht, daß er damit sicher die Stimmen der Geiseln gewinnt.

Doch keineswegs handelt es sich hier um einen wirklichen Vertreter des New Hollywood. Es ist ein Thriller, der sich in Zynismus gefällt, wenn in der Leitstelle immer wieder über das Schicksal der Geiseln gewitzelt wird, wenn die Mitglieder einer Delegation japanischer Bahnangestellter als "Affen" tituliert werden oder Mr. Blue, um ein Exempel zu statuieren, den Schaffner erschießt, weil er entdeckt, daß die Polizei Scharfschützen im Tunnel postiert hat. Sargent gelingt es, eine enorme Spannung zu erzeugen und dabei auf hauptsächlich gerade mal zwei Schauplätze zuzugreifen: Der U-Bahn-Wagen und die Leitstelle. Garbers verzweifelte Versuche, sich dort Gehör zu verschaffen, seine Wortduelle mit Frank Correll (Dick O'Neill), dem Chef der Leitstelle, die Hektik, mit der das Geld aufgetrieben, gezählt und verpackt und schließlich durch die Straßenschluchten New Yorks transportiert wird - der ganze Film strahlt ein nervöses Sirren aus, welches der Soundtrack von David Shire mit ebenso nervös-flirrenden Jazztönen unterlegt. Fast vom ersten Moment an wird der Zuschauer in genau diese nervöse Atmosphäre hineingezogen. Dennoch hat der Film auch einen gewissen, allerdings äußerst düsteren Humor zu bieten. Sowohl Mr. Blue mit seinen zynischen Sottisen als auch die Dialoge zwischen Matthaus Garber und Frank, der neben der Koordination der verschiedenen Polizeikräfte den Rest des U-Bahn-Netzes am Laufen zu halten hat, sorgen für Lacher, die jedoch meist im Halse stecken bleiben, so tiefschwarz sind sie.

Man kann anhand von THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE sehr gut nachvollziehen, wie die Neuerungen, die das amerikanische Kino in den Jahren seit 1967 durch Regisseure wie Francis Ford Coppola, William Friedkin, Arthur Penn oder Sam Peckinpah erfahren hatte, auch in den Mainstream der Hollywood-Produktionen Eingang gefunden hat. Dabei steht dieser Film eher im Zeichen von Don Siegels DIRTY HARRY (1971), der ähnlich grimmig und zynisch einen heruntergekommenen Sündenpfuhl namens San Francisco zeichnete. Hier wie dort wurde die kritische Haltung, die das junge Hollywood gegen den Staat, die Obrigkeit und die Institutionen einnahm allerdings verdreht: Der Oberbürgermeister in diesem Film wird als Liberaler dargestellt, der "Die Schwarzen und die Frauen" auf seiner Seite habe, zugleich jedoch durch und durch zynisch kein bisschen Interesse an den Bürgern seiner Stadt zeigt. Die ganze Nebenhandlung um den Bürgermeister und wie das zu stellende Lösegeld genehmigt wird, wirkt schlicht überflüssig und lediglich in den Film eingebaut, um genau die Seitenhiebe zu verabreichen, die damit verabreicht werden: Politik ist ein verkommenes Geschäft und egal, welcher Coleur die Handelnden, sie sind alle gleich - korrupt und am eigenen Vorteil interessiert. Dies wirkt ein wenig aufgesetzt, denn ganz offensichtlich hat man es hier mit keinem kritischen sondern lediglich einem gelungenen Unterhaltungsfilm zu tun. So wird auch weitestgehend auf Erklärungen verzichtet, wer diese Männer, die die U-Bahn überfallen, sind und was sie antreibt; lediglich Mr. Green darf am Ende des Films darauf hinweisen, daß man nicht gut mit ihm umgegangen ist, seinerzeit bei der Bahn.

Martin Balsam spielt diesen schwer erkälteten Kleingangster mit der nötigen Demut; devot sich den Befehlen des Anführers beugend, hat man das Gefühl, daß dieser Mann da in eine Sache reingerutscht ist, die sich ein paar Nummern zu groß für ihn darstellt. Robert Shaw - zuvor der Haikiller in Spielbergs Horrormeisterwerk - gelingt auch hier eine charismatische Darstellung des eiskalten Killers. Sein militärischer Stil, die Präzision seiner Ausdrucksweise, gepaart mit einem gewissen britischen Snobismus, in dem er sich den New Yorkern sowieso überlegen fühlt, macht ihn zu einem äußerst bedrohlichen Mr. Blue. Über Walter Matthau muß man nicht viel sagen, er gibt Garber die nötige Kauzigkeit, doch gelingt es ihm auch, von Szene zu Szene die Veränderungen dieses Mannes herauszuarbeiten. Die anfängliche Frotzelei weicht mit dem ablaufenden Ultimatum einer zunehmenden Angst, bis er und sein Kollege Frank schließlich aneinander rasseln, scheint letzterer den Ernst der Lage doch entweder zu unterschätzen oder aber nicht anzuerkennen. Wenn Matthau und O'Neill sich harte Dialogduelle liefern, hat man zwar immer ein Glucksen im Hals, merkt aber auch, daß hier abgebrühte New Yorker versuchen, dich ihre Abgebrühtheit zu bewahren. So ist dies neben aller Action und Spannung auch ein sehr guter Schauspielerfilm.

Ein äußerst nervöser Thriller, der in seiner eigentlichen Haupthandlung stringent und spannend von der Entführung und der Lösegeldübergabe, sowie davon erzählt, wie man die Gangster verfolgt und zu stellen versucht. Natürlich würde man das alles heute anders, noch sehr viel hektischer, zeigen, weshalb der Film 2009 eine Neuverfilmung durch Tony Scott erfuhr, mit Denzel Washington in der Rolle Walter Matthaus. Doch bleibt das Original neben Filmen wie den erwähnten DIRTY HARRY und CHARLIE VARRICK, aber auch Friedkins - natürlich weitaus besserem und vor allem hintersinnigerem - FRENCH CONNECTION einer der Klassiker des harten Polizei/Gangsterfilms der 70er-Jahre.

Dafür immer noch 3 gute (3,5) Sterne.


Heiße Grenze
Heiße Grenze
DVD ~ Julie London
Preis: EUR 15,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Tausche Pferd gegen Frau, 21. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Heiße Grenze (DVD)
Die großen Themen im Western sind die Rache, der Kampf gegen eine übermächtige Natur, zu der zumindest im klassischen Western auch die Eingeborenen, die Indianer, gezählt wurden, die Frage danach, wie ein Mann sich zu verhalten hat im Angesicht von Gefahr, es ist die Frage nach der Gewalt. Dem allen unterliegt, sozusagen als Subtext, der jedoch Rhythmus und Aufbau vieler Western bestimmt, grundlegend die Frage nach der Domestizierung, auch und gerade im Sinne einer Beherrschung. Es muß das Land bezwungen werden, es müssen die Pferde gefügig gemacht werden, die Indianer müssen befriedet - und also domestiziert - werden und vor allem müssen die Männer domestiziert werden. Im Grunde erzählt jeder große Western nur und genau davon: Wie ein Mann seine Freiheit aufgibt zugunsten einer Ehe, einer Liebe. Also zugunsten einer Frau. Die symbolisch für die Zivilgesellschaft steht, jene Gesellschaft, in der Recht und Gesetz, eine Ordnung herrschen und das Duell, den offenen Ausbruch von Gewalt, in zivilrechtliche Bahnen lenken. Wenn man so will, hat man damit den Western in seinem ureigenen Kern freigelegt.

Robert Parrish weiß dieses Konstrukt geschickt zu nutzen in diesem Western von 1959, der schon das Ende der klassischen Ära markiert und sowohl in seinem Setting als auch in der Mise en Scène bereits auf das verweist, was kommen würde: Der Dreck der Italowestern und die Melancholie der amerikanischen Spätwestern. Doch sein Inhalt verweist noch einmal zurück auf all die gebrochenen Männer des 'erwachsenen' Western, jener Filme, die ab ca. 1948/49 Unterhaltung für Erwachsene boten, die den Western und seine Protagonisten ernst nahmen, die mehr boten, als wilde Pferdeverfolgungen und Indianerangriffe aus dem Bildhintergrund von hinten rechts. Und die dafür auch massiv angegriffen wurden, seien sie doch zu psychologisch, zu analytisch, die Helden zu zerfressen von Selbstzweifeln und Eigenhass. Alles Vorwürfe, die sich THE WONDERFUL COUNTRY (Originaltitel) gefallen lassen müsste. Doch Parrish ist ein wundervoller, langsamer, streckenweise gar lyrischer Western gelungen, der zu unterhalten weiß und dennoch ruhig und nachdenklich sein Thema ausbreitet...

Martin Brady (Robert Mitchum) erschoß einst den Mörder seines Vaters und floh nach Süden, über die Grenze nach Mexico. Dort verdingt er sich als Pistolero und Mann fürs Grobe bei den Castros. Die sind das dort herrschende Brüderpaar: Der eine - Cipriano (Pedro Armendáriz) - als Gouverneur, der andere - Marcos (Victor Manuel Mendoza) - als örtlicher Generalstabschef. In deren Auftrag soll Brady Gewehre aus den Staaten besorgen. Doch sein Pferd namens "Tränen" stürzt, als er in das texanische Kaff einreitet, wo er die Gewehre abholen soll. Brady bricht sich ein Bein. Während er sich erholt, macht er die Bekanntschaft des Texas Rangers Captain Rucker (Albert Dekker) und des örtlichen Armeekommandanten Major Colton (Gary Merrill), sowie dessen bezaubernder Frau Helen (Julie London). Er verliebt sich in Mrs. Colton, wird aber darüber aufgeklärt, daß sie die Männer verrückt mache und über den dementsprechenden Ruf verfüge. Brady wird von Colton ausgefragt, wie die Verhältnisse südlich der Grenze seien, denn er will eine Strafexpedition gegen die Apachen durchführen und braucht dazu die Zustimmung und Unterstützung der Castros. Je länger Brady bleibt, desto mehr gewöhnt er sich an das Leben in Amerika. Captain Rucker versucht, ihn für die Rangers zu werben und spricht ihn offen auf den Mord an dem Mörder seines Vaters an, gibt ihm aber auch zu verstehen, daß er nichts zu befürchten habe, wenn er bliebe, bei "seinen Leuten", also unter Amerikanern. Brady erfährt, daß der Wagen mit den Gewehren, den er ja nicht begleiten konnte, auf dem Weg nach Mexico verschwunden ist. Die Castros sind dementsprechend ungehalten. Brady wird bei einem Fest Zeuge, wie der Deutsche Ludwig (Max Slaten) mißhandelt wird. Brady geht dazwischen, es entsteht eine Streiterei und in Notwehr erschießt er einen Mann. Erneut ist er also auf der Flucht. Zurück in Mexico trifft er seine dortigen Freunde wieder, darunter Pancho Gil (Mike Kellin). Die Castros verlangen Aufklärung über den Verbleib ihrer Gewehre. Als Major Colton mit Frau und Anhang mit einer Delegation nach Mexico kommt, um über eine gemeinsame Maßnahme gegen die Apachen zu sprechen, sieht Brady Helen wieder. Sie gestehen sich ihre Liebe, Helen sagt aber auch, daß die Geschichten über sie stimmten - sie verachte nicht nur ihren Mann, sondern all diese Männer, die nur mit ihrem "speziellen Werkzeug" Männer seien könnten - sie meint die Waffen. Brady sei anders gewesen, doch nun sähe sie auch in ihm nichts weiter als einen Mann mit Waffe. Brady legt die Waffe ab und küsst sie. Er begleitet die Strafexpedition gegen die Apachen, bei der der Major lebensgefährlich verletzt wird und schließlich stirbt, nicht ohne Brady zu bitten, seiner Frau den Ring des Majors zu bringen. Brady und die anderen Soldaten bringen die Apachen auf und stellen einen Wagen sicher, in dem sich die verschwundenen Gewehre befinden. Als Brady wieder zu den Castros zurückkommt, befiehlt ihm der Gouverneur, seinen Bruder, den General umzubringen, da dieser sonst das gleiche mit ihm, dem Gouverneur täte. Brady verweigert sich dem Befehl, er wolle nicht mehr töten. Er wisse auch nicht mehr, wo er hingehöre. So reitet er und trifft auf den General, der mittlerweile die Gewehre erhalten hat. Dieser teilt Brady mit, daß der Gouverneur leider verstorben sei, mit diesem geschlossene Verträge dementsprechend nicht mehr gültig seien. Brady teilt auch dem General mit, daß er fort wolle. Der General schickt einen Killer hinter Brady her, der dessen Pferd "Tränen" tötet, dann aber selber von Brady getötet wird. Dieser legt seine Waffen und seinen Sombrero ab und geht zu Fuß über den Rio Grande, der die Grenze zwischen den USA und Mexico markiert.

Wollte man böse sein, so könnte man das Ganze mit dem markanten Titel 'Tausche Pferd gegen Frau' überschreiben. Doch ganz so einfach sollte man es sich nicht machen. Robert Parrish erzählt mit Hilfe eines hervorragend aufgelegten Robert Mitchum (dessen eigene Firma D.R.M. das Projekt schließlich finanzierte und der bei der Produktion eine gewichtige Rolle spielte) die Geschichte eines Mannes zwischen zwei Kulturen, eines Menschen, der nicht weiß, wohin er gehört und wozu er sich bekennen soll. Mehrmals während des Verlaufs der Geschichte wird er neu eingekleidet, bzw. aufgefordert sich zu kleiden, wie...und meist widersetzt er sich. Als er in dem texanischen Kaff einreitet, unrasiert, ungewaschen und mit Poncho und Sombrero angetan, wird er für einen Mexikaner gehalten, als Colton ihn nach den Bedingungen der Castros für einen gemeinsamen Feldzug gegen die Indianer fragt, fragt Brady zurück, ob Colton die Bedeutung des Wortes 'Gringo' kenne? Genau das sei er, Colton, für die Castros, nichts weiter als ein Gringo - womit er zu Verstehen gibt, daß Colton wird bezahlen müssen, um die Castros zu einer Allianz zu überreden. Als Brady schließlich den Befehl des Gouverneurs verweigert, dessen Bruder zu töten, macht ihm dieser klar, daß er nicht zu ihnen, also den Mexikanern gehöre und Brady fragt ihn entgeistert, ob der Gouverneur ihn, Brady, für einen Gringo halte. Es ist ein Wechselspiel, welches den Film stark prägt. Dabei werden gängige Rollenklischees unterlaufen, teils aufgelöst.

Doch den Mut, das ganze Beziehungsgeflecht der Kulturen wirklich offen zu lassen, bringen die Filmemacher dann doch nicht auf. Letztendlich wird Brady sich für die amerikanische Seite entscheiden. Und das wiederum ist das Verdienst von Mrs. Colton. Wenn Brady am Ende des Films die Waffen und den Hut neben seinem toten Pferd - Symbol des Getriebenseins, einziger wahrer Freund in einem Leben der Gefahr - ablegt und über den Fluß geht, dann legt er damit nicht einfach seine "mexikanische Identität" ab, sondern läßt schlicht das Leben, das er bis dato geführt hat, hinter sich. Brady ist domestiziert, bereit, in eine Zivilgesellschaft einzutreten, für die Mrs. Colton stellvertretend steht. Die drei großen Begegnungen der beiden im Film werden genau darum inszeniert: Sie treffen sich im Wohnzimmer der Bradys, das so auch in einer Bostoner Villa liegen könnte, sie treffen sich in den weiten Säulenhallen des Gouverneurssitzes der Castros und schließlich treffen sie sich kurz vor Mrs. Coltons Abreise aus Mexiko vor den Toren eines mexikanischen Forts. Jedes Mal spielt dabei der Gegensatz zwischen Bradys "Beruf" und dem Leben, das Helen Colton führt, eine Rolle - offen oder subtextuell. Sie verachtet die Männer der Gewalt. Dabei verachtet sie einen Mann wie den Major - der also für die staatlich organisierte Gewalt steht - ebenso, wie sie die rauhen Männer der Grenzgegenden verachtet, die sie - eine allzu deutliche Anspielung und sehr gewagt für einen Film der späten 50er Jahre - mit den Waffen, den "besonderen Spielzeugen", identifiziert, ohne die sie sich nicht als Männer fühlen könnten. Brady will so nicht sein. Er will eine Heimat, er will wissen, wo er hingehört.

So arbeitet sich der Film am Thema "Zugehörigkeit"/"Heimat" ab vor der Blaupause einer für den Western typischen Domestizierung. Dies ist ein erwachsener Blick auf diese Männer und ihre Beziehungen zur Welt, was den Film adelt. Er verlangt vom Zuschauer schon eigene Arbeit, ein Mitdenken.

Leider gelingt es Parrish aber nicht, den Fallen amerikanischer Vorurteile zu entkommen. Er nimmt es mit gleich vier kulturell schwierigen Beziehungen zwischen Volksgruppen auf: Da sind - natürlich - die Weißen, die jedoch geschickt als nicht homogen dargestellt werden, indem der Waffenhändler Ben Sterner (John Banner) und sein Bruder Ludwig als Deutsche gekennzeichnet sind (was an sich natürlich schon einen gewissen Hautgout hat); hinzu kommen die Mexikaner, bei denen Brady lebt, unter denen er Freunde hat (Pancho steht dafür und ist sogar bereit, das Wagnis auf sich zu nehmen, für Brady zu lügen, damit der schließlich seinen Häschern entkommen kann), die aber dennoch als - recht typisch für amerikanische Filme der Zeit - verschlagen, hinterhältig und unberechenbar gezeigt werden; dann sind da die Indianer, die hier einmal mehr schlicht tötbare Figuren ohne Persönlichkeit oder Geschichte sind, womit der Film eher rückständig wirkt; zu guter Letzt muß erwähnt sein, daß Major Colton ein Regiment schwarzer Soldaten befehligt, was ihn kennzeichnet als eine Soldaten, dem nicht viel zugetraut wird (und der dann ja auch die Güte hat, per tödlicher Verletzung aus der Geschichte zu entschwinden). Aus dieser Perspektive muß man festhalten, daß THE WONDERFUL COUNTRY nicht aus den Fallen eines extrem amerikanozentrischen Blickwinkels heraus findet. Dem Blickwinkel des WEISSEN, männlichen Amerikaners. Das Drama des individuellen Mannes, der Weg dieses Mannes aus der "Wildnis" in den Salon der Zivilgesellschaft, seine Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen - das alles stellt der Film großartig dar und findet dafür auch die passenden Symbole und Metaphern. Doch gelingt ihm dies nicht, ohne die gängigen Vorurteile zu bemühen. Das ist ein wirklicher Schwachpunkt, der zu bemängeln bleibt. Am deutlichsten wird dies, wenn Brady Mrs. Colton und einige Damen in der mexikanischen Provinzstadt auf eine Fiesta begleitet, wo der "Tag der Toten" - jener hohe Feiertag, den so nur die Mexikaner feiern - begangen wird und dies - mit einem nervösen Soundtrack unterlegt - eine maximale Distanz und Fremdheit gegenüber den Mexikanern und ihrer Kultur zum Ausdruck bringt. In dieser Szene bleibt die mexikanische Kultur nicht nur fremd, sie wird auch bedrohlich. Und durch diese Bedrohlichkeit in der Kultur, daran läßt der Film wenig bis keine Zweifel, sind eben auch die Mexikaner - die Castros, die ja nicht umsonst diesen Namen tragen in einem Film von 1959 - determiniert.

Man muß aber auch schlicht anerkennen, daß THE WONDERFUL COUNTRY eben mit seinem langsamen Tempo, der wenigen, dann aber pointierten Action, einem hervorragenden Soundtrack, für den Alex North verantwortlich zeichnet, und vor allem mit wunderbaren Bildern des Grenzlandes (gedreht wurde allerdings in der mexikanischen Provinz Durango), eingefangen von Floyd Crosbys großartiger Kamera, zu bestechen weiß. hinzu kommt eine gut aufgelegte Schauspielerriege, aus der Mitchum allerdings noch einmal hervorsticht. Dies ist sicherlich eine seiner besten Leistungen gewesen und straft seine oft zynischen Aussagen über sein Spiel Lügen.

Ein ruhiger, schöner, melancholischer Western, der schon einen Epochenwechsel ankündigt und noch einmal versucht, dem amerikanischen Mann einen Standort zu sichern, sicheren Grund, auf dem er stehen kann, wo er weiß, wer er ist.

Dafür gute 3 (3,5) Sterne.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 28, 2014 12:56 PM MEST


High Tension - 2Disc NSM Edition im Schuber - [DVD]
High Tension - 2Disc NSM Edition im Schuber - [DVD]
DVD ~ Cécile de France
Wird angeboten von digitalmediasoftware
Preis: EUR 22,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Keine eigene Story, keine eigenen Ideen, nichts Originelles - warum funktioniert das bloß?, 20. Juli 2014
Diese Rezension bezieht sich explizit auf die Uncut-Version des Films!

Unter den neuen, postmodernen Horrorfilmen stechen die französischen mittlerweile heraus. Sei es MARTYRS, sei es INSIDE - nicht nur dehnen diese Filme zusehends die Grenzen des Zeigbaren hinsichtlich der Gewaltdarstellungen, sie bemühen sich auch, Themen aufzugreifen und aufzuarbeiten, die dem Begriff "Horrorfilm" durchaus neue Dimensionen hinzufügen. Allerdings kann man dies nicht über alle französischen Produktionen des Genres behaupten. HIGH TENSION (der im Original HAUTE TENSION heißt und in Deutschland sinnigerweise einen englischen Titel verpasst bekam), ein frühes Werk des mittlerweile anerkannten Regisseurs Alexandre Aja (Remakes von MANIAC; THE HILLS HAVE EYES), will einfach nur genau das erzeugen, was der Titel ansagt: Hochspannung. Und man muß sagen: Bei allem, was dem Film vorzuwerfen ist - Hochspannung generiert er streckenweise wirklich.

[ACHTUNG: SPOILER]
Die Kommilitoninnen Marie (Cécile de France) und Alex (Maiwenn) fahren in das Landhaus von Alex' Eltern, wo sie sich auf ihre Examina vorbereiten wollen. Doch in der Nacht wird Marie durch Zufall Zeugin, wie ein Psychopath (Philippe Nahon) sich Zutritt zum Haus verschafft und sowohl Alex' Eltern, als auch ihren jüngeren Bruder bestialisch ermordet. Er durchstöbert das Haus, fesselt Alex und nimmt sie schließlich in seinem Lieferwagen mit. Marie konnte sich im Laderaum des Wagens verstecken, als der Wagen an einer Tankstelle hält, gelingt es ihr, sich zu befreien und den Tankwart (Franck Khalfoun) zu informieren. Doch der Killer, der schon im Haus von Alex' Eltern Verdacht geschöpft hatte, daß da noch jemand sei, hat auch jetzt den richtigen Riecher. Er tötet den Tankwart und setzt seine Fahrt fort, nachdem er die Tankstelle inklusive der Damentoiletten durchsucht hat. Marie informiert die Polizei, die sich jedoch wenig hilfsbereit zeigt. So nimmt sie sich den Sportwagen des toten Tankwarts und verfolgt den Lieferwagen, in dem ihre Freundin gefangen gehalten wird und eines schrecklichen Schicksals harrt...

Nichts an diesem Plot (nicht einmal das etwas überraschende Ende, das hier jedoch nicht verraten werden soll), ist originell oder auch nur ungewöhnlich. Alles - das Setting, der Verrückte, die Tötungsarten (Beil, Rasiermesser, Flex und Flinte), die Personen usw. - ist 1:1 aus anderen Horrorfilmen übernommen. Man kann von Szene zu Szene sogar ganz gut aufzählen, welcher Klassiker des Slasher-, Splatter- oder Gruselfilms gerade Pate gestanden hat. Das ist derart offensichtlich, daß man es Aja nicht einmal zum Vorwurf machen kann. Er hat es offenbar gar nicht anders gewollt. Es ging ihm wohl lediglich darum, ein Gerüst zu finden, daß ihn von Szene zu Szene, von Thrill zu Thrill, von Spannungsmoment zu Spannungsmoment trägt. Die einzelnen Momente hingegen haben es dann durchaus in sich. Denn egal, ob die Heldin im Schrank hockt, während der Killer im Zimmer jemanden verstümmelt oder ob sie unterm Bett ans Gestell gekrallt hofft, nicht entdeckt zu werden, ob sie sich müht den Lastwagen zu öffnen oder sich in den Herrentoiletten der Tankstelle versteckt - man kennt das alles und dennoch gelingt es Aja geschickt, all diesen längst bekannten und tausendfach gesehenen Momenten Spannung abzugewinnen. Obwohl man gerade als Afficionado härterer Horror/Terrorfilme einiges gewohnt ist und in nahezu allen Szenen genau weiß, was passieren wird - oder eben nicht, denn der Regisseur weiß, was er tut - erwischt man sich dennoch dabei, mit zu fiebern und den "Richtigen" die Daumen zu drücken.

Aja hat sich durch die Remakes von THE HILLS HAVE EYES und MANIAC - die Originale sind gemeinhin Klassiker des Horror/Splatterfilms der 70er Jahre - mittlerweile einen viel größeren Namen gemacht. Man wundert sich nicht einmal, daß es ihm in beiden Fällen - ganz anders als dem Deutsche Markus Nispel, der für die Neuverfilmungen sowohl des TEXAS CHAINSAW MASSACRE als auch die von FRIDAY THE 13TH verantwortlich zeichnet und im Grunde nur bewies, daß er die spezielle Magie und Atmosphäre der Originale nicht verstanden hat - gelungen ist, dem Stoff entweder eigene Aspekte abzugewinnen (MANIAC) oder sogar das Original - wenn nicht zu übertreffen - zumindest gleichwertig zu verfilmen (THE HILLS HAVE EYES). Und auch hier, in seiner ersten Großproduktion, immerhin aber schon seinem vierten Film, merkt man, daß er ein echter Verehrer der alten Filme ist, ebenfalls ein Afficionado, jemand, der die Gesetze des modernen Horror/Terrorfilms ganz genau kennt und verstanden hat. Und jemand, der große Lust hat, diese Gesetze erneut -in Variationen - zur Anwendung zu bringen.

Nimmt man es ganz genau, hat man es bei HIGH TENSION ebenfalls mit einer Neuverfilmung zu tun, nämlich jener einer ganzen Reihe klassischer Spannungsszenen und -momente aus bekannten Horrorfilmen. Das Ganze unter Zuhilfenahme des einfachsten (und wirksamsten) Gerüsts, welches ein Horrorfilm zu bieten hat: Der Einbruch des zerstörerischen Fremden in eine gewohnte/friedliche/schützende Umgebung. Wobei Aja eine ganze Reihe spannender Momente schon daraus bezieht, daß Marie Alex in deren abseits gelegenes Elternhaus begleitet und sie somit selber - mit ihren kurzen, blondierten Haaren und einer großen Klappe schnell als "typischer" Großstadtbewohner charakterisiert - ein Eindringling ist. Ihr mutet das alte Haus mit seinen knarrenden Stufen und quietschenden Türen, umgeben von weiten Maisfeldern, selbst schon unheimlich an. Ein weiteres Element, dessen sich Aja bedient, ist die Unerklärlichkeit dessen, was passiert: Er verzichtet vollkommen auf Erklärungen, wir erfahren nichts über den Killer und verstehen wirklich erst in den letzten Minuten des Films, womit wir es hier eigentlich zu tun haben. So ist der Angriff auf Alex Familie und auf die beiden jungen Frauen auch deshalb so beängstigend, weil er nie verständlich wird. Da taucht dieser Typ auf und bringt eben alle um. Das könnte nun äußerst platt wirken (und zugegeben ist es sicher nicht die allergrößte Stärke des Films), doch gelingt es durch die Darstellung des Killers, durch die Mise en Scène, die Atmosphäre und nicht zuletzt einen enervierenden Sound-Track, geschickt von dieser Drehbuchschwäche abzulenken. Erwähnt sei hier generell der Soundtrack, der, angelehnt an solch reine Sound-Tracks wie denen zu THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder Dario Argentos SUSPIRIA, dem Zuschauer allein schon gehörig zuzusetzen weiß.

Das Töten allerdings ist extrem drastisch dargestellt. Es gibt eine neue Debatte über Gewalt im Film und gerade die französischen Beiträge zum postmodernen Horror stehen dabei im Fokus - und meist auch in der Kritik. Zu plakativ, zu visuell, zu blutig und zu verliebt in die Darstellung der Gewalt seien viele dieser Filme. Nun hat es diese Diskussionen wohl immer schon gegeben: Der originale KING KONG (1933)musste geschnitten werden, weil es Szenen gab, in denen man sah, wie ein Saurier sich ein paar Matrosen von einem Baum pflückte und genüßlich verspeiste; Tod Brownings Meisterwerk FREAKS (1932) stand lange unter Bann, weil die "schrecklichst verunstalteten" Menschen, die der Film präsentierte, einem Publikum nicht zuzumuten seien; als sich in den späten 60ern eine Generation neuer Regisseure wie Arthur Penn oder Sam Peckinpah aufmachte, in Western und Gangsterfilmen zu zeigen, daß gewaltsames Sterben eben meist nicht so aussieht, wie in den allermeisten Western der 50er Jahre (und davor); von den Horrorfilmen eines George A. Romero, Wes Craven oder John Carpenter ganz zu schweigen - immer waren Gewalt oder generell drastische Darstellungen im Film von Debatten, teils von Zensurforderungen begleitet. Man kann sich dazu stellen, wie man will, Fakt ist, daß das Blut im Horrorfilm ein Topos ist, es muß fließen. Es fließt, wenn Dracula zubeißt, es fließt, wenn ein Werwolf sich seiner Opfer bemächtigt, es fließt, wenn Zombies ihre Nahrungsgrundlage zerreißen. Es fließt heute realistischer, als es das in den Hammerproduktionen der 50er und 60er Jahre tat, es fließt auch realistischer, als es die Schokoladensauce tat, die bei Hitchcock als Blut herhalten musste (PSYCHO; 1960). Es gibt Filme, die weiden sich an der reinen Tatsache, es fließend zu zeigen, das sind dann die Horrorsubgenres Splatter und Gore. Aja ist definitiv ein Afficionado des Splatterfilms und also fließt in HIGH TENSION eine Menge Blut und es spritzt uns stellenweise direkt ins Gesicht. Doch muß man sagen, daß Aja es nicht übertreibt (auch, weil seine Effekte allzu deutlich wie Effekte aussehen, das ist anders in seinen neueren Filmen, bei denen er das entsprechende Budget zur Verfügung hatte), er zeigt teils extrem drastische Tötungen, doch baut er auch hier auf sich steigernde Effekte - so werden wir in den ersten Szenen im Haus zunächst eher Ohren- denn Augenzeugen des Geschehens. Nach hinten raus allerdings weiß Aja, was er sich und seinem Publikum schuldig ist.

Was bleibt, ist eine gute Stilübung, die zu unterhalten, die streckenweise auch sehr viel Spannung zu erzeugen weiß, die Spaß macht, die aber als Gesamtpaket eben auch zu sehr als Stilübung zu erkennen ist. Da Aja später wahrlich Verstörendes vorgelegt hat, sei dieser Film an dieser Stelle mit 3 guten Sternen (3,5) bewertet und all jenen ans Herz gelegt, die Horror/Terrorkino mögen und eine Film suchen, der eine lange Splatternacht atmosphärisch einzuläuten weiß.
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 29, 2014 11:06 AM MEST


Hundstage [Special Edition] [2 DVDs]
Hundstage [Special Edition] [2 DVDs]
DVD ~ Al Pacino
Wird angeboten von MK-Entertainment
Preis: EUR 49,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk!, 17. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Hundstage [Special Edition] [2 DVDs] (DVD)
[ACHTUNG: SPOILER]
Drei Männer stehen vor einer Bank, kurz bevor diese zur Mittagspause geschlossen werden soll. Es sind die Vietnamveteranen Sonny (Al Pacino) und Sal (John Cazale) und ein weiterer Freund. Sie betreten die Bank und packen Waffen aus - dies ist ein Überfall, der in 30 Minuten abgewickelt werden soll. Doch es kommt anders: Der dritte im Bunde merkt, als er eine Waffe auf den Wachmann der Bank richten soll, daß er der ganzen Sache nervlich nicht gewachsen ist und bittet Sonny, ihn gehen zu lassen, nörgelig überläßt er seinen Mitstreitern wenigstens die Schlüssel des Fluchtwagens, obwohl er nun mit der U-Bahn fahren müsse. Dann muß Sonny feststellen, daß die Bank gerade einmal 1000 Dollar an Bargeld zu bieten hat, er wurde falsch informiert, am betreffenden Tag wurde das Bargeld bereits früh morgens abgeholt. Als Sonny die Register über Schecks und Traveller-Schecks verbrennt, wird die Rauchentwicklung draußen wahrgenommen und ein Angestellter einer benachbarten Versicherung benachrichtigt die Polizei. Nun entsteht genau die Situation, die Sonny und Sal unter allen Umständen hatten vermeiden wollen: Sie sitzen mit dem Geschäftsführer und mehreren weiblichen Angestellten der Bank in den Kassenräumen fest, während draußen die Staatsmacht auffährt, was es aufzufahren gibt: Das NYPD mit Sergeant Moretti (Charles Durning) ist ebenso aufgefahren, wie das FBI in Person des Agenten Sheldon (James Broderick). Sonny und Sal sind nun nicht nur Bankräuber, sie sind Geiselnehmer. Moretti gibt sich Mühe, mit Sonny ins Gespräch zu kommen. Es gelingt ihm, eine zwar sachliche, doch auch verständnisvolle Atmosphäre herzustellen. In der Bank kommt es zwar zu einigen hysterischen Momenten zwischen Sonny und den Angestellten, doch im Großen und Ganzen kann er seinen Schutzbefohlenen klar machen, daß er sie weder verletzen, noch entführen will. Das Verhältnis wird zwar nicht freundschaftlich, doch zumindest freundlich. Nach und nach versteht Sonny, wie aussichtslos seine Lage ist. Immer wieder tritt er vor die Bank, wo sich nicht nur eine Menschenmenge angesammelt hat, sondern auch massenweise Medienvertreter sich aufgebaut haben. Live gehen die Bilder von dem Überfall über die nationalen Networks auf Sendung. Sonny fängt an, vor der Bank mit der Menge und den Medien zu flirten, er spielt sich als Volkstribun auf, wenn er mit ATTICA!-Rufen auf einen blutig niedergeschlagenen Gefängnisaufstand in New York im Herbst 1971 Bezug nimmt, bei dem relativ gnadenlos nicht nur die Geiselnehmer, also Häftlinge, sondern auch Geiseln - also Wachpersonal - getötet wurden. Zugleich stellt er kaum erfüllbare Forderungen: einen Hubschrauber zum JFK-Airport, dort eine Düsenmaschine, die ihn und Sal aus den USA fortbringen soll. Als er Sal fragt, wohin er will, sagt der: Wyoming. Sonny verliert zusehends die Kontrolle über die Situation, auch über sich. Er bittet die Polizei, seine Frau zur Bank zu bringen. Er gibt aber nicht den Namen seiner wirklichen Frau an, mit der er zwei Kinder hat, sondern den eines Homosexuellen, den er vor einigen Monaten "geheiratet" hatte und der in einer Nervenheilsanstalt steckt. Nun entblättert sich vor der Polizei und der erstaunten Menge vor der Bank der wahre Hintergrund der ganzen Aktion: Sonny wollte seinem Freund eine Geschlechtsumwandlung bezahlen mit dem erbeuteten Geld. Dieser jedoch - Leon (Chris Sarandon) - macht in einem langen Telefonat klar, daß er eigentlich von dem aufbrausenden Sonny weg zu kommen versuchte, sogar eine Selbstmordversuch unternahm, um eine Trennung zu erzwingen. Sonny versteht langsam, daß niemand mehr zu ihm hält. Als auch ein Telefonat mit seiner Frau lediglich beweist, wie wenig die beiden noch miteinander zu tun haben, setzt er alles auf die bevorstehende Flucht. Vor der Bank hat nun das FBI die Organisation übernommen. Sheldon teilt Sonny mit, sie, das FBI, übernähmen das "Problem" mit Sal, der zusehends nervöser und unberechenbarer wird. Sonny versteht nicht. Schließlich kommt wirklich ein Bus und bringt die beiden Bankräuber und ihre Geiseln zum Flughafen, wo die Polizei jedoch kurzen Prozeß macht und Sal mit einem gezielten Schuß tötet, Sonny verhaftet und die Flucht so also verhindert.

Sidney Lumet, dessen Liste herausragender Filme lang, sehr lang ist, hat mit DOG DAY AFTERNOON [Originaltitel] nicht nur einen der besten Filme seines Ouvres, sondern zugleich auch eines der Schlüsselwerke jener Bewegung vorgelegt, die heute unter dem Sammelbegriff 'New Hollywood' subsumiert wird. Nimmt man jene Merkmale, die für diese Art Kino stehen - Originalschauplätze als Drehorte, Abkehr von Spannungsnarration, Hinwendung zu "realistischen" Szenarien und Figuren in deren "natürlichen" Lebensumfeld, Abkehr von bisher gültigen filmtechnischen Regeln usw. - dann wirkt Lumets Film wie ein Paradebeispiel, wie ein Fabelfilm dieser Zeit. Es gelingt der Inszenierung, die mit Bildern des Alltags an einem heißen Sommertag - 'Hundstage' nennt man jene heißen Tage im August/September, an denen die Luft flirrt vor Hitze und alle Bewegung in eine Art natürliche Zeitlupe verfällt - beginnt, vom ersten Moment an, eine nervöse Spannung aufzubauen. Gerade die ersten 30 Minuten in der Bank sind rasant gefilmt, wenn Pacino immer wieder zwischen dem Tresorraum und der Eingangstür auf glatten Sohlen der Bank hin- und herschlittert und die Kamera diese Bewegung durch den Kassenraum rasend verfolgt, durch die Montage und schnelle Schnitte aufgegriffen durch die Bewegung vor der Bank, wo Polizeiwagen, Rettungswagen, die Vans der TV-Stationen angerast kommen und chaotisch durcheinander parken. Je länger die Situation in der Bank anhält, desto ruhiger wird auch die Kamera, die sich schließlich erlaubt, auch das Innere der Bank nur noch in ruhenden Totalen einzufangen und dem Betrachter eher Panoramen bietet. So kommt auch die Hektik, die den Film zunächst ausmacht, in der Hitze dieses Tages zum Erliegen.

Lumet, der gerade in seinen Polizei/Korruptionsthrillern wie SERPICO (1973) oder PRINCE OF THE CITY (1981) auf einen nahezu dokumentarischen Stil Wert legte, greift auch hier zu einem ähnlichen Prinzip. Bei fast vollkommenem Verzicht auf Musikuntermalung (lediglich Teile des Vorspanns werden mit einem Song von Elton John begleitet), wirken die Aufnahmen gerade vor der Bank extrem authentisch, es werden sämtliche Straßengeräusche aufgegriffen, oft kann man einzelne Dialogstellen kaum verstehen, weil Sirenen und das Dröhnen von Helikopterrotoren die Tonspur beherrschen. Da die gesamte Geschichte auf einem "wahren Fall" beruht, wurde u.a. vor der Bank gedreht, die wirklich das Ziel des Überfalls war, der original im September 1972 stattfand. Die Straßenszenen wirken sehr authentisch. Doch zugleich gelingt eine sehr subtile Inszenierung des menschlichen Dramas, das sich in der Bank, im Grunde in Sonny abspielt. Pacino, der zunächst Bedenken hatte, einen Homosexuellen zu spielen, gelingt hier eine der ganz großen Leistungen seiner frühen Karriere. Anfangs ist er ein zwar nervöser Bankräuber, aber zugleich auch einer, der das Herz am rechten Fleck hat. Erst mit zunehmender Filmdauer und dem Auftritt seiner Verwandten (seine Mutter taucht vor der Bank auf und wir begreifen, daß dieser Mann wahrscheinlich nie in einem familiären Konstrukt gelebt hat, das ihm Geborgenheit gegeben hätte), seiner Frau, die als keifende und offenbar ewig unzufriedene Gattin charakterisiert wird und vor allem mit dem (zwischen Pacino und Sarandon weitestgehend improvisierten) Telefonat zwischen Sonny und Leon, begreifen wir, daß wir es eben mit einem widersprüchlichen und schwierigen Charakter zu tun haben. Zugleich zeigt Pacino gerade in den Auftritten vor der Bank, wo die 30, 40 Meter links und rechts des Eingangs wie eine Bühne funktionieren, ausgeleuchtet mit den riesigen Scheinwerfern der Polizei, wie dieser Typ, Sonny, sich in der Situation selbst langsam verändert. Aus dem innerhalb der Bank eher verstörten und extrem nervösen Mann, wird dort draußen ein Darsteller seiner selbst, ein Möchtegern-Robin-Hood, der mit einem Schweißtuch wedelnd versucht, die Menge aufzuwiegeln. Eine Menge übrigens, die mit der Erkenntnis, es it einem Schwulen zu tun zu haben, umschwenkt und anfängt, Sonny zu verhöhnen, während ein anderer Teil der Menge deutlich als Vertreter der Homosexuellenszene gekennzeichnet wird, die Sonny nun auf ihren Schild gehoben hat. Lumet - das nur am Rande - greift hier nicht zum ersten und erst recht nicht zum letzten Mal (man denke an seinen ein Jahr später erschienenen Film NETWORK) das Thema der Massenmedien und der Manipulation durch selbige auf.

DOG DAY AFTERNOON beginnt wie ein Krimi oder ein Thriller um einen Banküberfall, mit zunehmender Spieldauer entpuppt sich dieser Film jedoch mehr und mehr als ein verkapptes Familiendrama. Die Art, wie Lumet das inszeniert, wie er den Plot langsam kippen läßt und dennoch Spannung aufrecht zu erhalten weiß, zeugt von der großen Könnerschaft dieses Regisseurs. Dank einer hervorragenden Schauspielerschar -neben Pacino müssen nicht nur Durning und Sarandon erwähnt werden, sondern auch die Darstellerinnen der Bankangestellten, denen es ebenfalls gelingt, dem Film den Flair des Authentischen zu geben; ganz besonders sei der viel zu früh verstorbene John Cazale erwähnt, der Sal etwas derart Abgründiges gibt, ohne dafür auch nur 15 Dialogzeilen zur Verfügung zu haben, daß man jedes Mal fröstelt, wenn Sal sich erhebt oder vorbeugt, um Sonny irgendetwas zuzuflüstern - gelingt es, den Film so glaubwürdig werden zu lassen. HUNDSTAGE steht also als Monument jener Jahre, in denen Hollywood anfing, sich dem europäischen Autorenkino, also Kino als gewollter Kunstform, anzunähern; er ragt aber auch als Meilenstein seines Regisseurs und seines Hauptdarstellers aus deren jeweiligem Ouvre heraus. Ein Film, der auch fast 40 Jahre nach seinem Entstehen noch zu packen weiß, der spannend ist in den Konflikten, die er darstellt und ausbreitet, der aber auch exemplarisch für jene Jahre des amerikanischen Kinos steht. Er drückt aber auch das Gespür seines Regisseurs aus, dem es gelingt entgegen der damals gültigen Haltung, die Polizei nicht einfach nur als rüpelhafte Truppe gewaltsüchtiger Machos darzustellen, sondern zumindest in der Figur des Sergeant Moretti auch zu zeigen, daß selbst in dieser Truppe durchaus Verständnis und Toleranz zu finden sind. In der Art freilich, wie das FBI dargestellt wird - kalt, namenlos, Ausdruck einer faschistoiden und zu allem entschlossenen Staatsgewalt - kann man anhand dieses Films doch auch deutlich ablesen, worauf das 'New Hollywood' reagierte.

So besticht DOG DAY AFTERNOON auf mindestens 3 Ebenen: Als Film, der spannend zu unterhalten weiß, als Dokument seiner Zeit und als Vertreter des 'New Hollywood' - bestechendes Schauspielerkino, authentisch, rasant, packend, problembewußt. Dafür volle 5 Sterne!!
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 28, 2014 1:29 PM MEST


Sick City: Roman
Sick City: Roman
von Tony O'Neill
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen God damn the drugs, 16. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Sick City: Roman (Taschenbuch)
Jeffrey - Loverboy eines Ex-LAPD-Polizisten - erbt nach dessen plötzlichem Ableben nicht nur einen Haufen Koks und Heroin, sondern auch einen Film, der Sharon Tate, Yul Brynner, Steve McQueen und andere Hollywoodgrößen der späten 60er bei einer Orgie zeigt. Selbst schwerst drogenabhängig, deponiert Jeffrey seine Sachen bei einem befreundeten Dealer und verabschiedet sich für einige Wochen in Dr. Mikes Entzugsklinik "Clean and Serene". Dort trifft er Randal, Sproß einer der 'großen' Hollywoodfamilien, dessen Vater seine Sucht immer gedeckt hatte, der nun aber, nachdem Papi das Zeitliche gesegnet hat, dem Willen seines Bruders folgend versuchen muß, clean zu werden, damit er sein Erbe antreten darf. Beiden, sowohl Randal, als auch Jeffrey, ist klar, daß sie niemals wirklich von der Droge loskommen werden - und sie wollen es auch nicht. So planen sie den großen Abgang, indem sie mit Randals Kontakten in der Branche einen Sammler auftun wollen, der ihnen Millionen für den Film zahlt. Doch sie haben die Rechnung ohne den eiskalten Dealer, Killer und Psychopathen Pat gemacht, der Jeffreys Dealer umbringt und dabei begreift, daß ihm mit Jeffreys Hilfe ebenfalls das ganz große Geschäft blühen könnte. Und so steuert alles auf einen ebenso wahnwitzigen wie hochexplosiven Show-Down zu...

Tony O'Neill scheint genau zu wissen, wovon er da schreibt. Diese Berichte aus der Nahkampfzone des multitoxischen Mißbrauchs sämtlicher Substanzen, die sich in Reichweite befinden, kommt zu abgeklärt und zu bitter daher, als daß es die reine Erfindung sein kann. So wird diese 'hard-boiled'-Story nie zu einer beschönigenden Geschichte, doch - ähnlich wie es einst den Machern des Films TRAINSPOTTING gelang - kann O'Neill sehr gut nachvollziehbar machen, wieso man auf Drogen abfahren kann und wieso man davon schlicht nicht mehr loskommt, selbst, wenn man WEISS, daß sie den eigenen Untergang bedeuten.

Allerdings sind die Drogen - die nahezu auf jeder der knapp 400 Seiten geschnupft, gespritzt oder geraucht werden - nicht das eigentliche Thema des Romans. Sie sind - wie der Orgienfilm - lediglich Symbole für das, worum es hier geht: Los Angeles als das, was Kenneth Anger einst "Hollywood Babylon" nannte. Sodom und Gomorrha. Ein Sündenpfuhl aus Drogen, Rausch, käuflichem Sex und der Abhängigkeit von Substanzen, Beziehungen und den Mächtigen. Die Abhängigkeit von der Anerkennung anderer. Das symbolische, virtuelle Hollywood, das eigentlich nur in den Gazetten, den Klatschspalten und letztlich den Köpfen all jener existiert, die in den Frisiersalons und Wartezimmern überall in Amerika davon lesen und sich dorthin träumen, wird hier aufs Trefflichste dekonstruiert. Dieses Glamour-Hollywood konfrontiert O'Neill mit jenen Strassen zwischen Hollywood Boulevard, Vine Street, dem Santa Monica Boulevard und West Hollywood, in denen einem, läuft man sie einmal bei Tag oder Nacht ab, schnell jeglicher Hollywood-Glamour vergeht. Obwohl hier im 'Dolby Theatre' die Oscars verliehen werden, obwohl hier mit 'Mann's Chinese Theatre' nach wie vor eines der großen Premierekinos steht und obwohl gerade auf diesem Abschnitt des Hollywood Boulevard mit dem berühmten 'Walk of Fame' eine der Touristenattraktionen dieser maßlosen Stadt liegt, ist dies auch - vielleicht nur vergleichbar mit den düsteren Straßenschluchten von Downtown L.A. - der Ort, wo die Junkies und Obdachlosen die Straßen bevölkern, wo Prostituierte ihrem Geschäft nachgehen, wo Gewalt, Raub und leider auch häufig Mord nicht weit entfernt sind.

Dies sind die Strassen, die Gegenden, in denen ein Großteil der Handlung spielt. Doch ist das Bindeglied und Schmiermittel "Droge" gut gewählt, will man sowohl diese runtergekommenen Viertel des Molochs ebenso einbeziehen, wie die sauberen und luftigen Höhen von Beverly Hills und Bel Air oder die hippen Stelzenvillen in den Hollywood Hills. Drogen sind der große Gleichmacher. Ob ein runtergekommener Typ wie Jeffrey, dessen Kumpane und Feinde, oder ein Kerl wie Randal, schwarzes Schaf einer der reichen Filmbusiness-Familien: Sie alle brauchen die gleichen Drogen und wollen sie zu einem fairen Preis, weshalb sie auch die gleichen Dealer nutzen. Meistens, zumindest. Und letztendlich sind sie dann auch auf die gleiche Art und Weise runtergekommen und vollkommen fertig. Denn daran läßt O'Neill keinen Zweifel aufkommen: Drugs kill...

O'Neill gelingt es in dieser Mixtur, der Glitzermetropole die Maske herunter zu reißen und die hässliche Fratze des Konsums, der Gier und der Abhängigkeit dahinter bloßzulegen. Er nutzt dazu einen gewagten, hier jedoch letztlich gelungenen Kniff, wenn er jede Marke, die im Buch Erwähnung findet - seien es LEVI'S 501er oder sei es ein Blatt wie L.A.WEEKLY, seien es die GOOD MORNING SHOW oder eine Band wie COLDPLAY - in ihrem charakteristischen Logo und Markenzeichen, Schirfttype oder Symbol abdrucken läßt. Das kann beim Lesen durchaus nerven, weil es immer wieder den Lesefluß unterbricht, doch ähnlich, wie die etwas seltsame Absatztechnik, die O'Neill verwendet (immer wieder werden mitten in Szenen oder Dialogen Absätze eingefügt), bringt es den Leser auch dazu, über die reine Oberflächlichkeit einerseits, aber auch darüber zu sinnieren, daß in dieser Welt schlicht nur der Schein zähl, Marken, Logos, Label...

Das Sein? Folgt man O'Neill, gibt es nur zwei wirkliche, reale Empfindungsebenen in all dem: Den Rausch und die Gewalt. Von beidem weiß er angemessen zu erzählen, ohne dabei in selbstverliebte Beschreibungen zu verfallen. Das, was Jeffrey und Randal erleben (müssen) ist streckenweise knallhart, doch gelingt es O'Neill, seine Schocks dezidiert zu setzen, ohne sich in bluttriefenden Einzelheiten zu verlieren. Der Psychopath Pat und seine völlig kranke und abhängige Beziehung zu der Tänzerin Trina, sind derart eindringlich beschrieben, daß es nicht mehr nötig ist, seine Taten genauestens auszuleuchten. Es reicht, wenn der Autor uns an einer einzigen Stelle einen Rundblick über das gewährt, was nach einer von Pats "Behandlungen" übrig bleibt.

So bleibt SICK CITY hart an seinem Thema, erzählt im Plot eine gradlinige Story über einen verbotenen Deal - klassisches Noirterritory - zeigt jedoch tiefes Mitgefühl für seine Figuren und deren Versuche, irgendwie auf die Sonnenseite der Straße des Lebens zu gelangen (während Randal genau DAVOR wegrennt, ununterbrochen) und weiß doch, daß an einem Ort wie Hollywood Träume immer nur zerschellen. Nur vor dem Hintergrund Millionen verlorener Träume, können die paar, die in Erfüllung gehen, glänzen. Bitter...
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 21, 2014 12:15 PM MEST


Vergeltung: Thriller (suhrkamp taschenbuch)
Vergeltung: Thriller (suhrkamp taschenbuch)
von Don Winslow
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Reaktionäre Rachephantasien rücksichtsloser Rüpel...., 11. Juli 2014
Mama und Sohnemann werden in einem fürchterlichen Attentat auf ein Flugzeug getötet, Papa - Exsoldat und Supermacho - stellt eigene Söldnertruppe zusammen und macht Jagd auf die bösen islamistischen Terroristen, die dafür verantwortlich sind. Dazu reist er mit seienr Truppe rund um die Welt. Ein paar seiner Kumpels müssen dran glauben, die anderen bringen den Job zuende. Zum Glück, denn natürlich hat der Oberterroristenfuzzi einen weiteren, noch viel schlimmeren Anschlag längst geplant...

Hm, bisschen dünn für eine Handlung? Na, ab zu einem NRA-Treffen und massenweise Gebrauchsanweisungen und Werbeprospekte für die neueste Waffengeneration abgreifen. Schreibt man die alle ab, hat man schon mal gleich weitere 100 Seiten voll. Immer noch nicht mehr als 140 Seiten? Aber man ist doch ein anerkannter Thrillerautor...na, militärische Abkürzungen und ihre Vollausschreibungen bringen auch noch mal 60 Seiten...ist man bei 200 Seiten. Der Verleger will aber 400? Oh Mann...

Don Winslow hat uns die Surfgeschichten um die Dawn Patrol gegeben, einen wunderbaren New-York-City-Roman, den Großthriller TAGE DER TOTEN...und nun fällt ihm nichst mehr ein. Schade. Denn das hier ist einfach schlechte Literatur. Liest man das runter, hat man es mit einem unfassbar reaktionären Thriller um einen Amerikaner zu tun, der sich eine Privatarmee zusammenstellt, um Vergeltung zu üben. Dabei werden sämtliche Werte Amerikas hochgehalten und zugleich verletzt. Natürlich darf man alles - nur nicht die amerikanische Familie angreifen. Nein, nein, nein - bei Familie hört der Spaß einfach mal auf!

Irgendwann ist Winslow vielleicht selber aufgefallen, daß sein James-Bond-Verschnitt ziemlicher Mist ist. Dann hat er angefangen, es zu über- und auf einsame Höhen zu treiben. Und die Kritiker deklarieren es als Satire. Was ein Glück, gerade nochmal davon gekommen. Satire darf ja alles. Auch diesem Rezensenten kam zwischendurch die Idee, daß das alles satirisch gemeint sein könnte. Gut, dann geht man es eben auf dieser Ebene an: Auch Satire ist nicht davor gefeit, nicht zu funktionieren oder schlicht nicht gut zu sein. Diese Satire hier ist von dem Gegenstand, über den sie sich lustig zu machen behauptet (die amerikanische Lebensart, unser Labelbewußtsein, die Romane eines Tom Clancy, Vince Flynn oder Clive Cussler) schlicht nicht zu unterscheiden. Was immer schlecht ist. Wenn ich nicht mehr weiß, ob da einer es bewußt übertreibt, um zu parodieren, oder sich einfach sämtlicher Klischees bedient, weil er hofft, damit ein Publikum einzufangen, dann hat die Satire möglicherweise einfach nicht funktioniert? Satire in Großformaten wie Romanen funktioniert eh meist nicht, es gab ein paar in der Weltliteratur, die das konnten, allen voran Jonathan Swift; in der Moderne vielleicht Joseph Heller mit CATCH 22. Oder - so lesen wir in der Kritik - Bret Easton Ellis mit AMERICAN PSYCHO. Doch kann man nur hoffen, daß der gute Don Winslow die Grenzen seiner Fähigkeiten kennt - mit keinem der genannten Autoren kann er literarisch mithalten. Seine Stärken liegen woanders, NICHT liegen sie darin, wirklich Literatur von Rang zu schaffen. Das war auch vor diesem Geschreibsel hier schon klar.

AMERICAN PSYCHO wird nun gern als Referenz für Winslows Möchtegern-...(Thriller/Satire/Parodie/Rachephantasie - ein jeder setze ein, was ihm beliebt) herangezogen. Bret Easton Ellis wirds sicherlich freuen. Das Problem ist: Ellis hatte eine geniale Idee, die sich exakt einmal umsetzen läßt. Ob dabei wirklich Satire herausgekommen ist, darüber ließe sich streiten, doch in der Bitternis seines Textes kommt definitiv ein satirischer Aspekt zum Ausdruck. Was damit zu tun hat, daß er wirklich von unserer Welt erzählt (sicher, wir sind nicht alle Wall-Street-Broker, aber es ist eine Zivilwelt und aus genau diesem Gegensatz zu Batemans Tun zieht der Roman seinen maximalen Gewinn) - Winslow erzählt aus der Parallellwelt der geheimen Mächte, aus der Welt der geheimen Kriege. Wo Supermänner Superschurken jagen und dabei Superwaffen nutzen um Supererfolge zu feiern. Das ist nicht satirisch, das ist nicht mal parodistisch, so, wie der Text (zumindest in der Übersetzung) daherkommt, ist das schlicht genau DAS, was Winslow fasziniert. Ansätze davon sind in vielen seiner Bücher bereits vorhanden. Hier spielt er es aus. Und wie auch in seinen Drogenbüchern SAVAGES und KINGS OF COOL sind die Referenzen seines Schreibens eben auch nicht wirkliche Welten, sondern andere mediale Auseinandersetzungen: Filme und die Werke der bereits oben genannten Autoren wie Clancy. Winslow war immer schon bereit, den Wirklichkeitsbezug zugunsten einer guten Pointe aufzugeben, was seine Bücher auch immer auf einem schmalen Grat postmodernen Schreibens ansiedelte, also in Welten reiner Fiktion und Hyperfiktion. Satire jedoch braucht in gewisser Weise den Realitätsbezug. VERGELTUNG orientiert sich jedoch lediglich an anderen Werken, und wäre damit bestenfalls Parodie. Die aber wieder ganz eigenen Regeln folgt, die Winslow ebenfalls nicht kennt oder nicht befolgen will.

Wenn das hier Satire sein will, dann bleibt nur eins festzustellen: Es ist schlechte Satire. Da hat einer seine literaturwissenschaftlichen Hausaufgaben nicht gemacht und sich ganz einfach verhoben an einer der schwierigsten Gattungen, die die Litaratur kennt. Und was dann dabei herauskommt, ist - Langeweile.

Nein, dieser Roman wirkt einerseits wie das Ergebnis einer Traumatherapie (irgendwie fühlt sich jeder Amerikaner persönlich durch 9/11 angegriffen), wobei eine omnipotente Weltbeherrschungsgeste herauskommt, andererseits hat man den Eindruck, daß Winslow ENDLICH richtig Geld verdienen will - also RICHTIG großes Geld. Und das verdient man wo? In Hollywood, genau. Also hat er hier eine fast 500 Seiten lange Visitenkarte hinterlegt, die nichts anderes beweist, als daß er auch primitiv kann. In neueren Blockbustern ist es ja schon zu bestaunen: Es darf bloß nicht zu intelligent sein, damit es funktioniert. Don Winslow hat mit diesem Roman alle Primitivitätsraster voll erfüllt. Bravo!
Kommentar Kommentare (14) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 28, 2014 12:35 PM MEST


Gänsehaut
Gänsehaut
von Ross Macdonald
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Alle deine Träume..., 5. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gänsehaut (Broschiert)
Lew Archer ist Zeuge in einem Prozeß in der kalifornischen Provinz. Während er im Städtchen wohnt, tritt ein junger Mann an ihn heran. Dieser vermißt seit der Hochzeitsnacht seine Frau. Archer erklärt sich einverstanden, sie zu suchen und wird recht bald am örtlichen College fündig. Dolly - so der Name der Braut - studiert Psychologie und verdingt sich derweil als Chauffeurin bei der Mutter des Dekans. Sie will jedoch nichts mehr von Alex - dem geprellten Ehemann - wissen, bringe sie doch nahezu jedem, den sie kenne Tod oder Unheil. Wie zum Beweis dieser These wird ihre Professorin - Helen Haggerty - ermordet aufgefunden und die lokale Polizei sieht in Dolly die Hauptverdächtige. Nun fühlt Archer sich nicht zuletzt dadurch herausgefordert, daß Helen ihm vor ihrem Tod nicht nur ein mehr als eindeutiges Angebot gemacht hatte, als sich die beiden in den Hallen des Colleges begegneten, sondern ihn auch um Beistand bat - sie werde bedroht, ihre Vergangenheit hole sie ein. Lew Archer beginnt zu ermitteln und findet sich bald in einem schwer durchschaubaren Geflecht aus Verdächtigungen, falschen Anschuldigen, vertuschten Selbstmorden und ebenfalls vertuschten Morden wieder...

Die Literaturkritik stellte gern fest, daß Ross Macdonald den Detektivroman, der von Chandler und Hammett begründet und weit gedacht wurde, zu seiner Vollendung geführt habe. Darüber ließe sich trefflich streiten, v.a. da Hammett ja wirklich wusste, wovon er schrieb, war er doch selber Detektiv bei der Detektei Pinkerton gewesen. Wahr ist aber, daß Macdonalds Lew Archer - anders v.a. als Chandlers Philip Marlowe - ein arbeitender Mann ist. Wo Marlowe in den von Chandler beschriebenen Fällen meist eher aus persönlichen Motiven handelt, v.a., weil er seine moralische Würde verletzt sieht, wird Archer nicht nur wirklich angeheuert, sondern Geld, Bezahlung, Spesen spielen auch wirklich eine Rolle. Dieser Mann lebt von seiner Arbeit und es ist ihm wichtig, für diese entlohnt zu werden. Dies ist einer der Gründe, warum man in Macdonalds Lew-Archer-Romanen oft das Gefühl hat, es wirklich mit der "Vollendung des Detektivromans" zu tun zu haben. Ein anderer Grund ist die Figur Lew Archer selbst. Dieser Mann - anders als der "moralische Ritter" Marlowe oder der Zyniker Sam Spade - steht seinen Fällen zunächst immer skeptisch gegenüber, er hört genau zu und stellt genaue Fragen, die daraus entstehenden Dialoge machen viel von dem Reiz dieser Bücher aus. Archer ist sensibel, was er gern zu verstecken sucht, doch ist er - auch darin anders als Marlowe - nicht bereit, für verlorene Sachen zu kämpfen. Er verdient seinen Lebensunterhalt mit seiner Arbeit. Lou Archer ist der Prototyp des modernen, abgeklärten Mannes in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Der vorliegende Band gehört zu den mittleren Werken der Reihe, veröffentlicht wurde er 1963. Wo Archer in den früheren Werken wie DIE KÜSTE DER BARBAREN oder UNTER WASSER STRIBT MAN NICHT immer wieder die Knochen hinhalten muß, hat er es doch meist mit Kriminellen zu tun, die nicht mehr viel zu verlieren haben, sind es hier die - immer wesentlichen - Dialoge, die besonders hervorstechen. Die Action ist deutlich zurück genommen, fast das ganze Buch ist dialogisch aufgebaut und streckenweise sind diese nicht nur (sowieso) spannend, sondern auch zum Schreien komisch. Und selten erfüllen sie derart das Anforderungsprofil der 'hard boiled novel', wie sie es in diesem Band tun. Macdonald wurde immer wieder attestiert, der Analytiker unter den Autoren des harten Detektivromans zu sein. Diese Annahme bestätigt sich hier einmal mehr. Wie so oft in seinen Plots, sind es Sünden der Vergangenheit, sind es Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend, die die Protagonisten verfolgen, bedrängen und das Leben kosten (können). Hinzu kommt im vorliegenden Band, daß er zum Teil wirklich in einer Nervenheilanstalt spielt und Macdonald dadurch die Möglichkeit hat, seinem Interesse an Psychoanalyse und -therapie nachzugehen und es auszuspielen. Allerdings verläßt er sich dabei nicht auf die einfachen Lösungen, nach denen es zunächst auszuschauen scheint. Das hat Ross Macdonald besser verstanden als so mancher seiner schriftstellernden Kollegen aus dem ernsten Fach: Laß es niemals so kommen, wie es ausschaut. Da war er - mag dies hier an dieser Stelle auch kryptisch klingen, werd en Band kennt, wird wissen, was ich meine - sogar dem großen Alfred Hitchcock voraus.

Kann man in Chandlers Detektivromane endlose Analysen über Amerika während und nach dem Kriege hinein interpretieren (und läge damit sicherlich nie ganz daneben), kann man Hammetts Texte als zynische Berichterstattung aus der verbotenen Zone betrachten, wird man Macdonalds Lew-Archer-Romane in erster Linie immer als das lesen müssen, was sie offenkundig sind: Detektivromane. Es gibt einen - scheinbar einfach zu lösenden - Fall, der (wie so Vieles im Leben) eine lange Kette von Ereignissen entweder auslöst oder - so ist es hier meist - nach sich zieht, die sich nach und nach entdecken und meist weit, weit in die Vergangenheit zurückreichen. Archer ist in gewissem Sinne ein Archivar: Er will ganz genau wissen, welches Teil der Vergangenheit wohin gehört und wie einzuordnen ist, um - da ist er dann wiederum eher Analytiker - zu verstehen, warum Menschen geworden sind, wie und was sie geworden sind. Anders als Philip Marlowe, läßt Archer es allerdings an einem gewissen Punkte gut sein. Er wird nicht bereit sein, sein Seelenheil aufs Spiel zu setzen. Sein körperliches Heil schon - das begreift er als Berufsrisiko, doch seine Seele gehört ihm. Er ist geschieden - doch Lew Archer traut man durchaus zu, irgendwann einer Lady zu begegnen, die sein Herz einfängt und mit der er durchaus glücklich werden kann. Da bleibt er ein druchshcnittlicher Typ, ein 'all american guy'. Das macht Ross Macdonalds Figur angenehm zu lesen: Er ist unaufgeregt, weshalb er meist in weitaus weniger hysterische Gesellschaft gerät, als seine durchaus berühmteren Brüder im Geiste Marlowe und Spade. Beziehungsweise gelingt es ihm weitaus besser als jenen, selbst die hysterischste Gesellschaft mit kalt-analytischem Blick ins Auge zu fassen und sich zu distanzieren.

Dem Leser sei allerdings eines verraten: Um Ross Macdonalds Lew-Archer-Romane wirklich genießen zu können, sollte man ein ehrliches Interesse an Kriminalliteratur mitbringen. Dies sind keine verkappten Berichte zur Lage der Nation. Hier geht es um Verbrechen und dessen Aufklärung.

Gute drei (3,5) Sterne für diesen Fall.


Berlin Requiem: Roman
Berlin Requiem: Roman
von Peter Huth
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wo Splatter Politik trifft...., 4. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Berlin Requiem: Roman (Taschenbuch)
Zombiehorror, Thilo Sarrazin und die Politik gegenüber Migranten und Menschen mit "Migrationshintergrund" in Deutschland - ist es möglich, aus solch einem Gemisch einen Roman zu destillieren, der entweder ernstzunehmende Unterhaltung oder aber sogar ernstzunehmende...ja, was?...Satire ist?

Peter Huth - Chefredakteur der B.Z. und laut des Nachworts seines Freundes Kai Meyer echter Zombieliebhaber - ist dieses Kunststück zum guten Teil gelungen - sowohl, was die Unterhaltung angeht, als auch die Satire. Vielleicht ist letzteres sogar besser getroffen, denn Unterhaltendes scheint man dem Genre der Untoten nicht mehr wirklich abgewinnen zu können, hat die Welle der Bücher und Filme mittlerweile doch sogar den klassischen englischen Gesellschaftsroman erreicht. Alles und jedes scheint mit Zombies erklärt werden zu können, durchmischt werden zu müssen und nahezu jeder Autor, der im Horror/Thriller-Bereich auf sich hält, hat in den letzten 10 Jahren irgendeinen Zombieroman vorgelegt. Eigentlich sollte man meinen: Es reicht. Doch Huth nimmt die Gattung ernst und führt sie in gewisser Weise sogar noch einmal dahin zurück, wo sie angefangen hat: Zu verkappter, manchmal ungewollter, oft jedoch offen gewollter satirischer Kritik an den herrschenden Verhältnissen.

Die Berliner Bezirke Kreuzberg und Neukölln wurden mit einer Mauer abgeriegelt, denn hier ist eine Seuche ausgebrochen, die die Toten wieder auferstehen und als äußerst hungrige Monster auf die Lebenden losgehen läßt. Der ehemalige Senator Olaf Sentheim behauptet in seinem neuen Buch "Debatte Deutschland", daß die Seuche eindeutig nur Menschen mit Migrationshintergrund befiele, er spricht von einem "Türken-Gen". Dem Reporter Robert Truhs wird Material zugespielt, das belegt, daß Sentheims Aussagen nicht wahr sind. Während zwischen Robert und seinem Freund und Nebenbuhler bei der schönen Sarah Christian alte Rivalitäten aufbrechen und Sarah selbst durch Geheimgänge nach Kreuzberg eindringt, um nach 20 Jahren den türkischstämmigen Teil ihrer Familie wiederzusehen, spitzt sich die Situation in der Stadt auch deshalb zu, weil der Polizist Mike Fegin auf eigene Faust in die "Kontrollierte Zone" - kurz: KZ - eindringt und dort versucht, aufzuräumen. Was er selbstredend mit einem fürchterlichen Tod bezahlt. Doch die "Freunde von Mike", sie sich im "Kommando Mike Fegin" zusammenrotten und mehr und mehr Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten, stürmen schließlich die Sperrzone und sorgen damit erst recht für grenzenloses Chaos auf den Straßen Berlins...

Literarisch darf man von all dem natürlich nicht zu viel erwarten. Die Figuren sind arg holzschnittartig gezeichnet, die Spannung bezieht der Roman - wie die meisten Zombiegeschichten - aus den Rückzugsgefechten kleiner Gruppen, die verfolgt werden und dem Versuch anderer, einzelner, zu den kleinen Gruppen durchzustoßen. Hinzu kommen die genretypischen apokalyptischen Szenen von Massenpanik und Massengewalt. Abgerundet wird das Ganze mit einer etwas klischeehaften Liebesgeschichte um zwei Kerle, die dieselbe Frau lieben. Allerdings muß man konstatieren, daß Huth mit seiner hervorragenden Kenntnis der Berliner Topographie genug Lokalkolorit in das Geschehen bringt, um den Leser damit schon zu erfreuen und da seine Kenntnisse der gültigen Zombiegeschichten offenbar sehr gut ist, gelingen ihm auch immer wieder schöne Reminiszenzen an die berühmten Vorläufer. Doch liegt die Stärke des Romans ganz klar in den Anspielungen auf die aktuellen Debatten darum, ob Deutschland sich abschafft oder als "rot-grün versiffte Republik" seinem Gnadentode entgegen stolpert. Dabei nimmt Thilo Sarrazin mit seinen Äußerungen über Länder-IQ's und ein "jüdisches Gen" (daß Huth kurzerhand zu einem "Türken-Gen" umwandelt) eine Sonderstellung ein, war er doch als Senator für Finanzen in Berlin maßgeblich an sozialdemokratischer Politik beteiligt und verwundert die Bürger dieses Landes alle paar Jahre mit Aussagen, die viel eher an den rechten Rand des politischen Spektrums gehören. Zugleich beruft er sich auf "wissenschaftliche Erkenntnisse", Zahlen und Fakten (die regelmäßig als falsch oder schwammig entlarvt werden) und auf seine einzigartige Kombinationsgabe, diese Zahlen und Fakten in die "richtigen" Zusammenhänge und Kontexte zu stellen. Dabei nimmt er für sich in Anspruch alles, aber weder reaktionär oder gar ausländerfeindlich zu sein, schon gar kein echter Rechter. Ganz im Gegenteil - er sei einer der wenigen, die sich trauten, Dinge anzusprechen, die wegen der allgegenwärtigen political correctness nicht angesprochen werden dürften. In der Figur des Olaf Sentheim ist der Thilo Sarrazin, den die Öffentlichkeit kennt, gut getroffen. Selbstgefällig und arrogant, sich der unfassbaren Zumutungen gegenüber anderen, Schwächeren, kaum bewußt, empört, in die falsche - weil rechte - Ecke gestellt zu werden, gibt es Momente im Buch, in denen man Sarrazin nur allzu gut wieder erkennen kann. Daß er sich an die Spitze eines Mobs stellen würde, bewußt und willentlich Lügen verbreitete, ist schon schwerer vorstellbar, doch im Rahmen des Handlung unabdingbar. An dieser Figur wird durchaus glaubwürdig die Frage durchgespielt, wie viel Wahrheit der Mensch "verträgt", bzw. wie viel Wahrheit die Politik meint, dem Menschen zumuten zu können (nicht viel). Und auch die sogenannte und angebliche Politikverdrossenheit der Bevölkerung zeigt Huth in diesem Zusammenhang sehr schön sarkastisch auf.

In der Idee, eine Seuche ausbrechen zu lassen, die scheinbar nur bestimmte, stigmatisierte Teile der Bevölkerung umbringt, schwingen die Erinnerungen an die 80er Jahre mit, als AIDS als Krankheit der Homosexuellen galt und sich Vertreter der Kirchen noch zu Äußerungen bemüßigt fühlten, dies sei eben die Strafe Gottes für liederliches Leben. Es kommt einem vor, als sei das in der Steinzeit gewesen. George A. Romero hat zumindest mit dem zweiten Teil - DAWN OF THE DEAD - seiner recht losen Zombiefilm-Reihe offen und klar eine Sozialsatire vorgelegt, in welcher es die Untoten dahin zieht, wo sie als Lebende (als lebende Zombies) eben auch schon immer waren: In die Warenhäuser. Seine Zombies sahen in diesem Splatterspaß von 1976 einfach aus wie der "normale Mensch von der Straße", was ihnen zugleich den Schrecken des Monströsen nahm und etwas Fürchterliches gab, waren doch Untote und Lebende gar nicht mehr ohne weiteres voneinander zu unterscheiden. Ansonsten wusste er damals mit der Idee des Zombies - der metaphysischen Idee des Zombies - noch nicht viel anzufangen. Huth geht es ähnlich. Zwar gibt es immer wieder Momente, in denen irgendwer darüber sinniert, ob man es hier mit der Überwindung des Todes, gar einem "neuen Menschen" zu tun habe, ob ein Nebeneinander der Toten und der Lebenden möglich sei oder es gar ein Serum gibt, daß die Toten wieder aus dem Schattenreich hervorholen und zu Unsterblichen machen kann, doch keine dieser Ideen wird wirklich ausgearbeitet und es ist dem Buch auch nicht wirklich darum zu tun, diese Ideen weiter zu verfolgen. Das muß es auch nicht, das Augenmerk liegt deutlich auf der politischen/gesellschaftlichen Seite des "Problems". Vor allem darauf, wie der Mob mit nur wenigen - wahren oder unwahren - populistischen Äußerungen dazu gebracht werden kann, sich in etwa so aufzuführen, wie man es von Zombies erwarten würde: mordlüstern und blutgierig. Und da die stigmatisierte Gruppe hier eben Ausländer sind, fällt es den Rechtschaffenden erst recht sehr leicht, sich zu bewaffnen und "zur Wehr zu setzen", wie sie es nennen würden. Doch wie die meisten Zombiegeschichten, muß auch diese irgendwo und irgendwie an ein Ende kommen und wie so oft, holpert es da auch in Huths Plot. So überschlagen sich die Ereignisse irgendwann, unsere Helden kommen lädiert, aber irgendwie lebend davon und die Bösewichter werden Opfer ihrer eigenen Scheußlichkeiten - alles so, wie der geneigte Leser es will. Berlin allerdings ist nicht zu retten...und Deutschland? Folgt man den letzten Seiten des Buches, wird Deutschland eben abgeschafft, zu Gunsten eines Europas, das sowohl in der Abriegelung als auch im späteren Wiederaufbau des Landes in seiner Mitte enorme Konjunkturprogramme auflegen kann. Satire, wohlgemerkt - und der Albtraum eines Thilo Sarrazin.

Es gibt gute 3 Sterne dafür (3,5), denn diese 320 Seiten wissen zu unterhalten, wenn man bereit ist, nicht die allerfeinsten Finessen in der Story und keine tiefenpsychologisch in den Nuancen ausgearbeiteten Charaktere geboten zu bekommen. Hier schreibt ein Journalist einen satirischen Zombieroman - an dem Maßstab gemessen, den das setzt, ist es gelungen und macht Spaß.


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