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Cl.Borries

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Das Glück von Frau Pfeiffer
Das Glück von Frau Pfeiffer
von Husch Josten
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hohes Alter und makabere Taten...., 15. April 2012
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Was erwartet den Leser wohl in dem auf dem Deckblatt des Umschlags abgebildeten Haus?

Auf jeden Fall haben wir es mit einer kuriosen Geschichte zu tun.
Lee Curtin, Tochter aus begütertem Elternhaus, betätigt sich in London als eine Art Voyeurin von Handygesprächen. Sie hört die unsinnigen Reden, die allenthalben und an allen Orten per Handy geführt werden. Die blödsinnigen Gespräche, unwichtig und nichtig, schreibt sie alle protokollarisch auf. Man kann es ihr nachfühlen: wie häufig ist man selber Zeuge von Privatem, wenn Menschen auf der Strasse, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, im Kaffee und von überall her ihre einseitigen Reden führen. Doch eines Tages hört Lee ein Gespräch mit, das sie alarmiert. Sie hat sofort den Eindruck, dass da jemand eine uralte Frau ihrem Schicksal überlassen will.

Bruno, Lees Freund in langen Jahren, ist gerade aus Amerika zurückgekehrt. Er ist Künstler und auf gewisse Art und Weise bindungsunfähig. Seine langjährige Freundschaft zu Lee ist ihm umso wichtiger. Sie teilt ihm ihren Verdacht um das belauschte Gespräch mit. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach einer in dem Gespräch erwähnten Frau Pfeiffer, ein zunächst recht aussichtsloses Unterfangen. Doch sie finden sie, und eine sehr amüsante Geschichte nimmt ihren Lauf. Frau Pfeiffer ist 99 Jahre alt und wird von ihrem alten Faktotum Emma betreut. Die beiden alten Damen zusammen mit dem jungen Paar geben den Plot zu einer Handlung, die in ihrer Komik und Alterweisheit bemerkenswert ist.

Es stellt sich heraus, dass Frau Pfeiffer gezielt nach Menschen gesucht hat, die ihr bei einem sehr ungewöhnlichen Unterfangen helfen sollen. Makaber und mit einer gehörigen Portion Humor ausgestattet folgt man der Geschichte mit surrealem Hintergrund. Schließlich kann man spüren, dass Frau Pfeiffer eine weise alte Frau ist, die mit den vergleichsweise jungen Leuten Gespräche über das Leben hier und heute führt und ihnen gelegentlich gehörig die Meinung sagt. Sie weiß, wie das Leben so spielt und weist Lee darauf hin, was die Antriebsfeder für ihr sonderbares Verhalten wie z.B. ihre Scheidung, ihre Tätigkeiten und die Freundschaft zu Bruno sein könnte. Alles dreht sich schließlich um den Sinn und das Sein, in dem so manch' einer die Orientierung verliert. Lees geschiedener Mann ist während der Finanzkrise gefeuert worden und kehrt genauso ratlos nach London zurück wie vor kurzem schon Bruno aus Amerika.

Die subtile Erzählweise lässt die Hintergrundgeschichten erst nach und nach aufleuchten und man hat seine liebe Müh', zu erraten, was Frau Pfeiffer mit all' ihrem Tun denn eigentlich im Schilde führt.

Das exzentrische Vierergespann bildet den Plot zu einer Geschichte, die neben dem witzigen Hauptereignis unsere Gegenwart und so manche Zeiterscheinung infrage stellt.

Amüsant und unterhaltsam weiß Husch Josten über Land und Leute, über Gegenwart und Vergangenheit zu erzählen. Läuft nicht am Ende alles auf die Sinnsuche und das Wesentliche im Leben hinaus?

Das Buch lässt eher an einen englischen Erzähler denken denn an eine deutsche Erzählerin. Die Komik und die Weltläufigkeit der Handlung vermitteln diesen Eindruck, und ich werte sie als positiv.

Der Leser darf gespannt sein und wird seine helle Freude an der makaberen Grundidee in dieser Erzählung haben.

Unendlichkeiten: Roman
Unendlichkeiten: Roman
von John Banville
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Götterwelt und irdische Lebensläufe, 9. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Unendlichkeiten: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieser tiefsinnige Roman John Banvilles spielt mit allen Registern der Unendlichkeit und des zum Sterben verdammten Seins.
Die griechische Götterwelt spielt den verbindenden Part in dem Drama um Liebe, Tod und Sterben.

Der Familienvater Adam Godley ist schwer krank. Er liegt nach einem Schlaganfall im Koma. Einst war er ein berühmter Mathematiker, der sich mit den Konzepten der Unendlichkeit befasste. Sein Tod ist absehbar, und in seinen komatösen Fantasien ist er gepeinigt von der Angst, lebendig begraben zu werden; Friederike Kempner lässt grüßen! Auch sie dachte sich in ihren Gedichten Signale aus, mit denen sie sich als Scheintote möglicherweise wieder Zugang zu den Lebenden verschaffen könnte.

Der Gott Hermes gibt sich als Erzähler der Familiengeschichte der Godleys aus und pfuscht in deren Überlebensstrategien und Sterbensängste hinein.

Zum kranken Vater ist der Sohn Adam mit seiner Gemahlin Helen angereist. Er ist ein furchtsamer und argwöhnischer Mensch. Petra, die jüngere Schwester von Adam, wirkt geradezu wie ein verschrecktes Hühnchen mit ihrer schmächtigen Gestalt und Ängstlichkeit. Ursula, Adams Frau, bestreitet den Alltag und realisiert am ehesten den nahenden Tod ihres Mannes.

In der Erzählung geht es um Erinnerungen, um eine freche Götterwelt, um Fantasien, Furcht und Lebensangst. Von den Familienmitgliedern trägt jeder sein eigenes Schicksal mit Unzulänglichkeiten, Versagensängsten, Lebenslust- und Frust zugleich.

Mitten hinein agieren die alt bekannten Götter aus der griechischen Mythologie, die den Lebenden die echte Liebe und das Sterben missgönnen, da dieses "echte" Leben ihnen selbstredend versagt ist.
So wird Helen zum Opfer von Zeus, der ihr im Beischlaf vorgaukelt, ihr Mann zu sein, jedoch mit der Hoffnung, dass sie in ihm den unvergesslichen Liebhaber sehen möge.

In dieser Weise führen die Götter so manchen Schabernack im Schilde,mit denen sie den Ernst der Lage aufmischen.

Nicht zuletzt gleicht die Geschichte der Aufführung einer Commedia dell'arte oder einem Tanz auf dem Vulkan: ein Tag nur im Leben der Familie spiegelt dichte und groteske Ereignisse im Wechsel mit den göttlichen Funken, die in das irdische Leben hineinspuken.

John Banville ist ein großer Erzähler, dem hier die Synthese von Ernst und Komik grandios gelingt.
Er ist ein mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter irischer Dichter der Gegenwart.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 16, 2012 11:09 AM MEST


Kunst der Fuge für Klavier
Kunst der Fuge für Klavier
Preis: EUR 35,98

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Berauschend und fast überirdisch...., 8. April 2012
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Kunst der Fuge für Klavier (Audio CD)
Diese schon 1992 eingespielte Aufführung der Kunst der Fuge für Klavier von Johann Sebastian Bach gehört zu den schönsten, intensivsten und reich pointierten Werken Bachscher Kunst.

Auf dem Cover der CD sieht man eine alte Dame. Sie könnte auch eine russische Bäuerin sein. Die russische Pianistin Tatiana Nikolayeva, 1924 -1993, überrascht dann mit einer präzisen und genau akzentuierten Ausführung einer Kunst der Fuge für Klavier, die ich in dieser Form bisher noch nicht gehört habe.

Dieses Werk Johann Sebastian Bachs ist dem Kontrapunkt geschuldet, der in feinsten Nuancierungen das immer gleiche Thema abwandelt und z.T wiederholt. Mit stetig neuen Umformungen und Umspielungen überrascht uns die Komposition, die zu Bachs Spätwerken gehört.

Hervorzuheben ist der Canon alla Decima mit der Nr. 21. Er geht über in die Fugen 22 und 23 auch Contrapunctus 12 und 13 genannt. Mit ihrer hinreißenden ins Tänzerische weisenden Abwandlung des Themas bezaubert die Pianistin in ihrer Akkuratesse und mit spielerischer Leichtigkeit ausgeführt den Hörer ! Unvollendet bleibt die letzte Fuge beinahe wie ein in der Luft schwebendes Fragezeichen. Für Liebhaber der Musik von Bach ein unbedingtes Muss!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 18, 2012 6:51 PM MEST


In hellen Sommernächten: Roman
In hellen Sommernächten: Roman
von John Burnside
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leben zwischen Wahn und Wirklichkeit, 6. April 2012
Es ist eine kühle, ferne Welt, in die es den Leser in diesem Roman verschlägt. Lange dunkle Winter und helle Sommernächte geben der Insel in Nordnorwegen eine intensive Färbung. In die Einsamkeit der abgelegenen Gegend ist die Mutter von Liv mit ihrer Tochter gezogen, um sich ganz ihrer Malerei und Bildhauerei zu widmen. Sie gilt als schön, geheimnisvoll und anziehend. Seltene Besucher, hier Freier genannt, und einige wenige Nachbarn bieten gelegentlich Kontakte zur übrigen Welt. Aus Livs Perspektive geschrieben erfährt man etwas von der Einsamkeit und der Fantasiewelt, in der sie lebt. Sie mag kaum mit Menschen zusammen sein hört aber genau hin, wenn der alte Kyrre seine Geschichten erzählt. Sie verbinden eine unheimliche Sagenwelt mit der Wirklichkeit.
Zu Beginn gibt es zwei ertrunkene Nachbarjungen, deren Tod ebenso mysteriös bleibt wie die übrigen Gestalten, denen wir in der Erzählung begegnen.

Liv ist die zarte, empfindsame und sich selbst als Spionin beschreibende Hautprotagonistin, die mit sensiblen und wachen Gefühlen ein Gespür für das Absonderliche hat. Sie beobachtet genau und macht sich ihre Gedanken, die zwischen Fantasie und Wirklichkeit zu oszillieren scheinen. Ahnungsvoll meint sie einen Voyeur entdeckt zu haben, der zuletzt sehr lebendig erscheint, um dann wie einige andere Gestalten im Meer zu versinken.
Die schöne Mutter bleibt der Angelpunkt von Livs Dasein. Sie beobachtet ihre Mutter jedoch ebenso verwundert wie alle anderen Erscheinungsbilder auf der fernen nordischen Insel.

Machtvoll, sprachgewandt und poetisch kommt die Erzählung daher, mit der John Burnside der Gratwanderung des jungen Mädchens in ihre Märchen- und Fantasiewelt folgt.
Menschliche Verstrickungen werden umrankt von erhabenen Naturerscheinungen und der lichten Weite des nordischen Sommerhimmels. Einsamkeit gepaart mit Ängsten und der Suche nach Lösungen für die geheimnisvollen Beobachtungen machen das Buch zu einem Thriller zwischen Mysterie und Hoffnung. John Burnside vermag seiner Erzählung zwischen Schattenreich und wahren Lebensahnungen beredt Ausdruck zu geben.

Ich war Guttenbergs Ghost: Eine Satire
Ich war Guttenbergs Ghost: Eine Satire
von Norbert Hoppe
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Politikerschicksal, 31. März 2012
Ein wenig kann er einem schon leid tun: Karl Theodor zu Guttenberg, der abgedankte Verteidigungsminister aus dem Jahre 2011! Ist er doch mit seinen Attitüden, seinem schmeichelhaften Wesen und seiner Großspurigkeit dankbares Opfer jeglicher Art von Kabarett und Satire geworden.

In einem schnodderig leichten Ton, etwas kumpelhaft verständnisvoll zeigt ein Norbert Hoppe,--wer sich hinter diesem Pseudonym wohl verbirgt?--- eine bemerkenswerte Satire auf den gescheiterten Minister, den des Plagiats bezichtigten Doktoranden und Herzenspolitiker der Bundesrepublik Deutschland.

Wie groß mag die Enttäuschung in dem getäuschten Volk gewesen sein, dass der Hoffnungsträger auf Glanz und Gloria, den sie in ihm und seiner smarten Frau Stefanie sahen, nun doch nicht die Versprechungen erfüllte! Mit dieser getäuschten Hoffnung treibt nun der vermeintliche Freund Norbert Hoppe sein Spiel.

Er liebt die vertrauliche Sprache direkt an die Menschen des Volks, mit der er von seinen vorgeblich persönlichen und freundschaftlichen Beziehungen zu dem gefallenen Politengel berichtet. Schon in der Schule sah er sich als Taschenträger, Hilfslehrer und Freund des etwas großmäuligen und gönnerhaften Freiherrn. Er neidet ihm die schöne Frau und macht sich doch insgeheim lustig über das Paar, bei dem ihr, wie er fand, die Rolle des Heimchens am Herd und schmückendes Beiwerk für den Freiherrn zugedacht war. Immer wieder gerät Hoppe ins Schwärmen,wenn er in seinen Selbstgesprächen auf Stefanie zu Guttenberg zu sprechen kommt.

Der flotte Stil und die mit einem Augenzwinkern erzählten Klatsch -'und Tratschgeschichten sind recht amüsant zu lesen. Trifft doch der anonyme Autor mit seiner saloppen Feder so manchen Kern in der Lebensgeschichte des Herrn zu Guttenberg und der irrwitzigen Berliner Republik mit ihrem Politkarussell. Man kann nicht umhin, die humorig vorgetragene Charakterisierung dieses Herrn amüsant und treffend gezeichnet zu finden. Doch am Ende fragt man sich: musste das wirklich sein? Stellt sich der '"Ghost"' von zu Guttenberg am Ende nach dessen Fall doch auch noch in die Dienste des Paares Wulff; und alles könnte gerade von vorne losgehen. Derjenige aber hat es gut, der dem Dunstkreis dieser klatschträchtigen und zuweilen auch recht boshaften Atmosphäre für einige Zeit entkommen kann!

Das Buch ist gut geschrieben, doch über Geschmacksfragen lässt sich streiten!

Als ich meine Eltern verließ: Roman
Als ich meine Eltern verließ: Roman
Preis: EUR 14,99

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tod und Trauer einmal anders erlebt, 30. März 2012
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
In dieser Erzählung wird viel geweint.

Der plötzliche Tod seines Sohnes Leon hat den Vater und Autor dieses kleinen Büchleins, Michel Rostain, ins Mark getroffen. Der Sohn war erst 21 Jahre alt, als ihn eine aggressive Hirnhautentzündung beinahe über Nacht dahin gerafft hat.
Tränen über Tränen weint der Vater und kann den Tod nicht fassen. Er klammert sich an die benutzte Wäsche, um den Geruch des Sohnes festzuhalten, er liest E-Mails und Notizen und versucht, restliche Lebenszeichen des Sohnes zu erhaschen. Kannte er ihn denn noch wirklich?

Mit 21 Jahren ist der Mensch in der Regel auf dem Absprung aus dem warmen Elternnest. So auch Leon. Er hat gekifft und Fahrten vorgetäuscht, die ihn in Wirklichkeit nach Amsterdam führten.
Doch seine Eltern lieben ihn über alles und hängen aus vollem Herzen an ihrem einzigen Kind. Sie sind beide Künstler und in der Theaterwelt zu Hause.

Die Trauerfeier für den Sohn wird denn auch zu einem außergewöhnlichen Event. Nicht die üblichen klischeehaften Verfahrensweisen sollen den Tag des Abschieds markieren! Alle, die gekommen sind, Freunde und Verwandte, reden und erzählen von ihren Erlebnissen und Erinnerungen, die sie mit Leon verbinden. Zwischendrin erklingt Musik und immer wieder weinen die Menschen und nehmen sich gegenseitig in den Arm.

In ungewöhnlicher Weise hat Michel Rostain seiner Trauer, seiner Verzweiflung und seinen Schuldgefühlen über verpasste Gelegenheiten in der Beziehung zu seinem Sohn Ausdruck gegeben.
Erst aber, als der Autor die literarische Form der direkten Ansprache durch seinen verstorbenen Sohn gefunden hat, wird sein Buch zu einem wahren Bestseller.

In seiner Fiktion spricht Leon begütigend, verständnisvoll, liebevoll und nachsichtig mit seinen Eltern.

Dieses sehr emotional verfasste Nachwort zu einem unvollendeten Leben rührt tief ans Herz des Lesers. Es ist ohne Pathos mit Liebe und zuletzt fast mystifizierender Freude verfasst, wenngleich sich der Autor als einen durch die Vernunft gesteuerten Atheisten bezeichnet. Erst mit diesem Werk, so hat es den Anschein, kann auch Rostain wieder selber leben, indem er den Sohn in seine Gedanken und seine Gefühle mit einbezieht und weiterleben lässt.

Michel Rostain wurde für seinen Debütroman, den er mit 68 Jahren schrieb, mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Wie es heißt, hat er durch dieses Buch ins Leben und zu einer gewissen Heiterkeit zurückgefunden.

Nur ein Schritt bis zu den Vögeln
Nur ein Schritt bis zu den Vögeln
von Christof Hamann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Verschwundene Jahre....., 26. März 2012
Geheimnisvoll und tastend begibt sich Karl auf Spurensuche in die Vergangenheit. Sein bester Freund aus Kindertagen und erst Ende dreißig, Simon Scholl, ist tot.
Wütend schreit dessen Schwester Isabelle ihren Zorn über den Bruder hinaus, als sie mit Karl auf dem Friedhof ist. Niemand begreift so recht, wie Simon zu Tode gekommen ist. Hat er sich auf die Bahngleise am Bodensee in selbstmörderischer Absicht gelegt oder war es ein Unfall?
Karl geht anhand des Studiums von Simons Notizbüchern noch einmal Stationen des gemeinsamen Lebens durch. Am Bodensee sind sie aufgewachsen und zusammen zur Schule gegangen. Karl war ein schüchterner Stotterer, der sich an den stärkeren und selbstbewussten Simon angelehnt hat. Sie sind einst nach Italien gereist und haben ihre ersten Liebeserlebnisse gehabt, doch zuletzt haben sie sich immer weiter von einander entfernt.
Karl schreibt Legendenbücher für Kinder und von den Heiligen, die er beschreibt, ist häufig die Rede.
Simon arbeitet lange für kleinere Zeitungen und zuletzt für größere und galt als Sicherheitsfachmann. Da lebte er schon in Frankfurt. Er hatte sich zuletzt oberhalb von Konstanz ein Haus gebaut mit herrlichem Blick in die Weite und auf den Bodensee.

Die Erzählung beginnt offen mit dem Tod von Simon und zeigt danach, wie Karl sich auf eine Erinnerungsreise begibt, die zarte Erlebnisse mit versponnenen Eindrücken aus der Vergangenheit verwebt. Manches bleibt angedeutet, anderes wird realistisch bis deftig preisgegeben.

Die Geschichte ist versonnen ausgedacht und bietet einen Blick quer durch ein Leben, das unvollendet blieb. Die Freunde und Simons Schwester bleiben nach seinem Tod ratlos zurück. Mit feiner Feder und markanten Landschaftsschilderungen gekoppelt an Erinnerungen aus der Vergangenheit rundet sich das Bild eines Lebens, das am Ende in seiner Substanz unergründet bleibt. Wer war Simon wirklich und wie war sein Tod?
Ein wenig mühsam gestaltet sich die Lektüre mit ihren etwas starren Wechseln von der Gegenwart in die Vergangenheit.

Mit den ausgewählten Szenen einer Freundschaft beweist Christian Hamann jedoch, dass er poetische Kraft besitzt.

Tolstoi und der lila Sessel
Tolstoi und der lila Sessel
von Nina Sankovitch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hommage an die Welt der Bücher, 20. März 2012
Eine der schönsten Veröffentlichungen dieses Frühjahrs ist mit dem Buch über das Lesen von Büchern von Nina Sankovitch auf den Buchmarkt gekommen.
Zeigt sie uns doch, welche Kraft und Einsicht, welche Träume und welche Lebensfreude Bücher in uns auslösen können."So lange das Denken besteht, sind Worte lebendig, wird Literatur zum Ausweg- nicht aus dem, sondern ins Leben." Besser als mit diesen zitierten Zeilen von Cyril Connolly lässt sich nicht in Worten ausdrücken, welche Bedeutung Literatur für uns haben kann.

Nina Sankovitch beschließt ein paar Jahre nach dem Tod ihrer ältesten Schwester Anne-Marie, ein Jahr lang jeden Tag ein Buch zu lesen und zu besprechen. Sie hat getrauert und konnte keine Ruhe mehr finden, bis ihr das Lesen neue Perspektiven und Einsichten für ihr eigenes Leben boten.

Leicht und locker geht sie es an, von ihrer Kindheit bis zum Heute von ihrer Bücherliebe zu erzählen.
Sie ist Mitte vierzig und neben der Familie, ihren Eltern, Kindern und dem Ehemann Jack gibt es für sie schon immer die Welt der Bücher, die ihr von Klein auf so viel bedeutet haben, dass sie auch heute noch von ihren liebsten Kinderbüchern zu erzählen weiß. Ihre fröhliche und emotionsreiche Sprache vermittelt uns einen Eindruck davon, wie sie in Büchern Unterhaltung, Trost und Hilfe fand, so auch jetzt, nach dem Tod der Schwester.

In ihrem alten lila Sessel hat sie sich eingerichtet und lässt für Stunden Kinder, Haushalt und Katzen unbeachtet. Sie vertieft sich ganz in ihre Lektüre, und man erfährt mit ihr vom Glück des Lesens.

Biographische Einschübe aus ihrem Leben gekoppelt an die Erfahrungen der Protagonisten in den Geschichten machen die Lektüre so lesens- ' und liebenswert. Kann man doch aus den erzählten Geschehnissen neben der Freude an der Sprache in der einen oder anderen Weise auch lernen, das Leben aus unterschiedlicher Sichtweise zu betrachten.

Liebe ist ein zentrales Thema im Leben von Nina Sankovitch. Damit ist nicht die Verliebtheit früher Tage gemeint, sondern die langjährige Zuneigung zu geliebten Menschen "Worte der Liebe halten uns warm, sogar an den letzten Wintertagen".

Über das Leben etwas lernen, Wissen gewinnen und Anregung zur Selbstreflexion erlangen sind die Maximen ihrer gewonnenen Erfahrungen. Nicht zuletzt kann das Lesen heilsame Wirkung entfalten für alle jene, die Orientierung und Neuanfang nach menschlichen Krisen suchen.

So mancher Bücherliebhaber wird sich ihren Gedanken und Überlegungen zur Literatur anschließen können. Mir hat die Autorin aus dem Herzen gesprochen!
Sie lebt mit ihrer Familie in Connecticut.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 29, 2012 4:16 PM MEST


Sommer meines Lebens
Sommer meines Lebens
von Miriam Toews
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,95

3.0 von 5 Sternen Fauenleben im Abseits, 18. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Sommer meines Lebens (Taschenbuch)
Winnipeg/ Manitoba: in einem Heim für allein erziehende Mütter, das die Frauen das "Vermurkste Leben" nennen, werden zwei von ihnen Freundinnen: Lish und Lucy. Letztere hat einen kleinen Sohn, aber wer weiß von wem?
Lish hat vier Kinder. Die zwei jüngsten sind Zwillinge. Der Vater war Feuerschlucker und ist verschwunden. Er weiß gar nichts von seinen Kindern.
Nach vielerlei atmosphärischen Eindrücken in und um das Heim mit den ledigen Müttern beschließen Lucy und Lish, sich auf die Suche nach dem geliebten Feuerschlucker zu machen. Der Ausflug in die USA birgt einige Verirrungen und Abenteuer in sich, und Lucy trägt eine von vielen Lügen mit sich herum.

Miriam Toews beschreibt das Milieu von Außenseitern; Menschen, die von der Sozialhilfe und in den Tag hinein leben. Sie erleben Alltägliches und schließen sich eng zusammen, um das Schicksal besser meistern zu können. Zwischen Kindergeschrei und Mutterliebe, zwischen Not und kleinen Abwechslungen spielen sich die Szenen des Lebens derjenigen ab, die sich alleine durchschlagen müssen. Da gibt es kleine Freuden, aber auch Kummer und viele Tränen. Erinnerungen an die eigene Kindheit sind fast in Vergessenheit geraten, bis Lucy ihren Vater anruft.

In ihrer skurrilen Geschichte beschreibt Miriam Toews das Leben der Frauen, die ihr Glück mit einem Mann verloren haben. Da wird die eine oder andere Notlüge fällig, um die Hoffnung nicht ganz aufzugeben. Doch am Ende muss man im Leben die Komik erkennen. Anders ist das Dasein für diese Frauen nicht sehr fröhlich.

Eine von Heiterkeit und Trauer geprägt Geschichte nimmt ihren Lauf und lässt den Leser mit den Träumen der Geplagten zurück.

Jim: Eine Erzählung
Jim: Eine Erzählung
von Thomas Lang
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kunstkritik oder aber Affentheater?, 11. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Jim: Eine Erzählung (Gebundene Ausgabe)
Das soll es ja gegeben haben: dass die von Orang Utans im Zoo von Krefeld gemalten Bilder auf dem Kunstmarkt gehandelt wurden.

In dieser mehr als skurrilen Erzählung geht es nicht nur darum. Wir begegnen in der Geschichte vier Protagonisten: Frank Opitz, seiner Frau Anna, seinem Freund Tobias Mundt und einem Orang Utan mit Namen Jim. Dieser Affe lebt im Garten von Anna und Frank. Er ist ein Jungtier, das erstaunliche Malqualitäten besitzt. Mundt möchte eine Ausstellung mit seinen Werken veranstalten. Opitz seinerseits ist Schriftsteller und leidet seit einer Tumoroperation an der Wirbelsäule an unerträglichen Schmerzen in seiner rechten Hand. Sind sie nur Ausdruck seiner Einbildung? Argwöhnisch beobachtet Frank seinen Freund Mundt, der seiner schönen Frau Anna den Hof macht. Als Anna ein Gartenbett kauft, das sie in ihrem Garten aufstellt, wird die Geschichte immer schrulliger. Jim klaut zuerst eine Latte vom Lattenrost und treibt auch sonst immer wieder seinen Schabernack mit den Bewohnern des Hauses mit Garten.

Zwischen Opitz und Mundt kommt es zu einer Aussprache, in der beide aneinander vorbei zu reden scheinen. Mundt möchte mehr Bilder von Jim haben, die jedoch Opitz malen soll. Mundt will die Bilder für eine gute Sache versteigern. Opitz gesteht ihm seinerseits, dass er in seinen Geschichten von anderen Dichtern abgeschrieben habe. Die Aussprache schwankt zwischen Realität, gegenseitiger Ablehnung und totalem Blödsinn. Schließlich verweist Opitz Mundt des Hauses.
In einem surrealen Schlussakzent geht alles durcheinander: Affenleben, Menschenleben, Kunst und Liebe.

Die Sprache Thomas Langs ist elegant, wie wir sie schon aus seinen anderen Erzählungen kennen. Doch muss ich gestehen, dass ich mit dem, was man als versteckte Kunstkritik oder unter einem verkrachten Dichterleben verstehen kann, nicht wirklich etwas anfangen konnte. Zu verwirrend, skurril und makaber ist die Geschichte von einem Affen, seinen Verfehlungen, der Liebe zwischen Mensch und Tier und der Eifersucht zweier Freunde mit ihren tollen Auswirkungen. Vier Sterne aber für die dichterischen Ausführungen der schnell zu lesenden kleinen Geschichte.

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