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Rezensionen verfasst von
Sabine Lanz
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Der Deutsch-Dänische Krieg 1864: Vorgeschichte - Verlauf - Folgen
Der Deutsch-Dänische Krieg 1864: Vorgeschichte - Verlauf - Folgen
von Jan Ganschow
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

14 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die moderne Monographie zum Thema, 5. Mai 2013
Es ist eine seltsame Erscheinung unserer heutigen Zeit, daß Bücher anhand gewisser „Tendenzen“ ein- und dann aussortiert werden, ohne daß sachlich auf den Inhalt eingegangen wird. Bemerkenswert ist, daß zwei Vorrezensenten das hier vorgestellte Buch "Der Deutsch-Dänische Krieg 1864“ im großen und ganzen als positiv beurteilen (5 bzw. 4 von 5 Sternen). Während die erste Besprechung lang und breit und streng am Inhalt orientiert das Werk vorstellt, beschränkt sich die zweite zum großen Teil auf sachfremde Bereiche. Autor A schreibe auch für die Publikationen B sowie C und sei Mitglied bei D, Autor E sei bei F beschäftigt, der Schreiber des Vorworts trete häufig bei G und H auf, habe Werke verfaßt, die dem Rezensenten nicht gefallen und gelte politisch dem Lager I zugehörig. Ein Autor J, der vor zig Jahren ein Buch zum Thema verfaßt habe, engagiere sich privat bei K usw. Es fehlt nur noch der Hinweis, J sei außerdem seinen Enkeln ein guter Großvater. Relevanz für den Inhalt des Buches? Fehlanzeige!
In medias res: Vorwort und Kapitel über die Erinnerungskultur machen unter Verwendung von vielen Quellenbelegen mit nachvollziehbaren Argumenten deutlich, daß die Denkmalskultur in Deutschland – im Vergleich zu den europäischen Nachbarn (von den USA ganz zu schweigen) – einen Sonderweg eingeschlagen hat. Dies läßt sich anschaulich anhand des "Löwen von Idstedt“ demonstrieren. Der Verfasser dieses Kapitels kommt einem kleinen "Historikerstreit“ in Schleswig-Holstein auf die Spur. In einem regionalen Wissenschaftsorgan machte der Historiker Jan Schlürmann den Einwand, die Politiker scherten sich bei ihrer Gedenkpolitik nicht um das Fachurteil der Spezialisten. Denn anders als beabsichtigt, stehe der "Löwe“ im dänischen Diskurs nach wie vor für den Sieg über die Schleswig-Holsteiner 1850 und keineswegs für eine "grenzüberschreitende Aussöhnung“, wie von der Politik intendiert. Versöhnung, wenn sie überhaupt notwendig sein sollte, könne so nicht erreicht werden. Schlürmann wurde nach seiner Kritik mit fachfremden Einwänden und mit verbalen Attacken auf seine Person überschüttet. Die Politik nützte Schlürmanns Einwand leider nicht und wich einer inhaltlichen Diskussion aus. Das ist schade, denn sie verzichtete somit darauf, den Historiker zu widerlegen. Dieses Thema ist jedoch nur ein kleiner Teil des Kapitels. Im weiteren Fortlauf wird auf die Gedenkkultur in der Literatur und in der Forschung (Düppel-Museum bei Sonderburg) eingegangen, außerdem erfolgt eine Schilderung der Geschichte und des Ablaufes des jährlich stattfindenden Oeverseemarsches. Dies geschieht alles sachlich kühl, mit Verweis auf die einschlägigen Quellen und mit plausibler Argumentation.
Die diplomatiehistorischen Kapitel zeichnen sich durch eine profunde Literaturkenntnis aus. Die Darstellung demonstriert, daß der Verfasser ein Kenner der Materie ist. Er stellt ausführlich die Geschichte Europas nach 1815 dar – ein Kapitel befaßt sich nur mit der dänischen Geschichte – und zeigt, wie der Krieg von 1864 in den Kabinetten von Kopenhagen, Berlin und Wien zustande kam. Einen Einfluß von Parlamenten, von öffentlicher Meinung usw. hat es erkennbar nicht gegeben. Man kann mit Fug und Recht – alle Merkmale sprechen dafür – von einem "Kabinettskrieg“ sprechen. Deutlich wird, daß Kopenhagen unter falscher Hoffnung auf internationale Unterstützung die Annexion Schleswigs mit Waffengewalt durchsetzen wollte, während Berlin und Wien – als formale Sachwalter des Deutschen Bundes und in seinem Auftrag – den Bruch des Völkerrechts nicht hinzunehmen bereit waren. Beide deutschen Staaten konnten es sich nicht leisten, diesem Gewaltakt tatenlos zuzusehen. Um Hegemonie ging es noch nicht. Vorerst war Preußen an seiner Gleichberechtigung mit Österreich interessiert und an der Anerkennung seiner Interessen in Norddeutschland. Das spiegelt dann auch das Kriegsergebnis wider, das Preußen wie auch Österreich als gleichberechtigte Mächte im Deutschen Bund auswies. Die Frage der Führungsmacht in Deutschland wurde erst 1866 entschieden.
Die militärischen Ereignisse werden anschaulich geschildert. Es wird deutlich, daß beide Verbündeten sich Meriten verdient haben: die Österreicher etwa bei Oeversee, Veile, vor Helgoland, die Preußen beim Sturm auf die Düppeler Schanzen und beim Übergang nach Alsen. Deutlich wird die – moralisch wie technologisch – hoffnungslose Unterlegenheit der dänischen Landstreitkräfte. Interessant sind die vielen Zitate von Zeitzeugen, die die Darstellung lebendig machen und im Geiste der Zeit verfaßt sind. Dadurch kann der Leser erschließen, was die Menschen vor bald 150 Jahren gedacht, gefühlt oder gewollt haben. Der Autor entgeht hier der Versuchung vieler seiner Kollegen, historische Ereignisse mit dem Wissen im nachhinein zu deuten. Vielmehr versucht er, der Zeit und ihrer Gestalten gerecht zu werden, indem er sie in den historischen Kontext stellt.
Ein ganz zentraler Punkt des Buches ist zweifellos das Kapitel über das Kriegsvölkerrecht, das in Zusammenhang mit den sog. Einigungskriegen bisher nicht thematisiert worden ist. Der Verfasser erzählt die Entwicklung vom Kriegsvölkergewohnheitsrecht zum kodifizierten Kriegsrecht nach. Die Relevanz eines Kriegsrechtes, nämlich zu definieren, was ist erlaubt, was ist verboten und zu zeigen, daß Recht zum Krieg und Recht im Krieg unterschiedliche Bereiche sind, liegt auf der Hand. Kriege sind und waren schon immer brutal, und die Versuche des Menschen, diese Brutalität einzuhegen, zumindest nur auf die Kombattanten zu beschränken – und auch nur dann, wenn diese noch kampffähig und -willig waren, sind alt. Für vieles, was heute internationales Recht ist, wurde im 19. Jahrhundert die Grundlage gelegt, also in einer Zeit, in der Kriegführung – frei nach Clausewitz – als Fortführung der Politik mit anderen Mitteln, als ultima ratio regis galt. Auch heute ist das Kriegführen unter bestimmten Voraussetzungen legitim. Aber auch wenn Kriege aus unrechtmäßigen Gründen initiiert werden, bleibt davon das Recht in diesem unrechtmäßigen Krieg unberührt. Das Gegenteil wäre ja fürchterlich und würde jede Humanitätsregung des menschlichen Kombattanten von vornherein erschweren wenn nicht gar unmöglich machen.
Den Autoren gelingt es, dem Leser – neben einer modernen Aufbereitung des Bekannten – viel Neues zu bieten. Das geschieht einerseits, indem verschüttetes Wissen bisher verborgene Zusammenhänge erstmals deutlich herausgearbeitet und indem neue Interpretationsansätze angeboten werden, die die Forschung ein erhebliches Stück voranbringen. Und das alles geschieht in einer leicht verständlichen Sprache, die an der Darstellung historischer Zusammenhänge erinnert, wie sie bei den Angelsachsen üblich ist.
Kommentar Kommentare (355) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 17, 2013 1:04 PM CET


Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71: Vorgeschichte, Verlauf, Folgen
Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71: Vorgeschichte, Verlauf, Folgen
von Olaf Haselhorst
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

54 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das neue Standardwerk, 23. Juni 2009
Das nun endlich 2013 in überarbeiteter Zweitauflage erschienene und von der Forschung hochgelobte Werk ("...a work of outstandig quality" urteilt der renommierte US-amerikanische Historiker David Wetzel, Professor an der Universität von Kalifornien, Berkeley) "Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71", herausgegeben von Jan Ganschow, Olaf Haselhorst und Maik Ohnezeit setzt Meilensteine. Den Herausgebern ist es gelungen, 9 hochkarätige Autoren zur Mitarbeit an dem Projekt zu versammeln, und ich muß sagen, die einzelnen Beiträge beleuchten dieses historische Ereignis von den verschiedensten Blickwinkeln sehr informativ, wissenschaftlich und ausgewogen.
Den Anfang macht die kluge Einleitung von Franz Uhle-Wettler. Die nachfolgende Herausgebereinleitung führt allgemein ins Thema ein, verdeutlicht die Motivation der Herausgeber und stellt den Forschungsstand zum Thema dar. Man erfährt, daß dieses Buch das erste seit fast 40 Jahren ist, das den Krieg in seiner Gesamtheit zu würdigen versucht.
Den Anfang macht Maik Ohnezeits Aufsatz zur politischen Vorgeschichte des Krieges. Es folgt die Darstellung Olaf Haselhorsts zum Kriegsgeschehen zu Land, dem schließt sich Alexis Giersch Schilderung der Auseinandersetzungen auf See an. Positiv hervorzuheben ist, daß sich Giersch nicht auf den Krieg selbst beschränkt, sondern einen Abriß über die Entwicklung der Marinepolitik in Deutschland anführt. Somit liefert das Buch gleichzeitig einen Einstieg in die Geschichte der deutschen Marine im 19. Jahrhundert mit Ausblick auf 1914. Lothar Höbelt beleuchtet dann die Angelegenheit aus österreichischer Sicht und zeigt auf, daß trotz gelegentlichem Wunsche, den Preußen die Niederlage von 1866 heimzuzahlen, die überwiegenden Sympathien im Habsburger Reich den deutschen Brüdern im werdenden Reich galten. Den Abschluß dieses ersten Teils bildet Maik Ohnezeits Darstellung des Kriegsendes, der Problematik um die Annexion von Elsaß und Lothringen sowie der politischen Folgen für das junge Deutsche Reich und die europäische Politik des Reichskanzlers Otto von Bismarck.
Der zweite Teil ist der Waffentechnik und der Taktik gewidmet. Im 19. Jahrhundert vollzog sich eine rasante militärtechnische Entwicklung, Stichwort: vom Vorderlader zum Zündnadelgewehr. Wie sehr diese Innovationen das Kriegsgeschehen und Gefechtsverhalten der Soldaten beeinflußten, zeigt der zweite Beitrag von Olaf Haselhorst. Lothar Kuhr widmet sich dann den sogenannten Blankwaffen, also Seitengewehren bzw. Bajonetten und zeigt damit, welche Rolle diese bereits veralteten Waffen noch spielten.
Der dritte Teil hat Wirtschaft und Gesellschaft zum Thema. Dirk Schmidt beschreibt die wirtschaftliche Seite des Krieges, Harald Lönnecker den Krieg in der deutschen Erinnerungskultur am Beispiel der studentischen Eliten.
Im vierten Teil beschäftigt sich Jan Ganschow in einem sehr umfangreichen Artikel mit dem Kriegsvölkerrecht im Deutsch-Französischen Krieg. Nach 1870/71 erfuhr das Kriegsvölkerrecht eine genauere Ausgestaltung als jemals zuvor. Die Erfahrungen des Krieges führten direkt zu den Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907.
Den Abschluß bilden Quellen- und Literaturverzeichnisse, eine sehr übersichtliche Zeittafel, die den Konflikt in das historische Umfeld anschaulich einbettet, ein Autorenverzeichnis sowie Namens- und Ortsregister.
Hervorzuheben ist weiterhin, daß im Vorsatz vorn und hinten eine Karte abgedruckt ist, die es dem Leser sehr erleichtert, den Schilderungen politischer und militärischer Ereignisse im Buch zu folgen.
Dem Verlag ist zu danken, dieses Buch veröffentlicht zu haben. Es ist sicher nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß dieses Buch das neue Standardwerk zur Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges darstellt.


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