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FMA
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Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können
Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können
von Jared Diamond
  Gebundene Ausgabe

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Welthumanerbe, 16. April 2013
Jared Diamond hält in seinem jüngsten Buch eine Art Rückschau auf sein Leben als Forscher. Der Ethnologe analysiert dabei u.a. das Leben von Stammesgesellschaften in Neuguinea (Papua), der Arktis (Inuit), in Brasilien und Venezuela (Yanomami), der afrikanischen Kalahari Wüste (!Kung).

Die Organisation des Lebens in traditionellen Gesellschaften, so Diamond, richtet sich an bestimmten Grundprinzipien aus: Ein wichtiges ist, die Welt generell in Freunde, Feinde und Unbekannte einzuteilen. Ein anderes: Das Individuum unterwirft sich dem Stamm. Ein einzelnes Mitglied darf nicht reich werden, ohne den Reichtum mit den Stammesmitgliedern zu teilen. Ein weiteres Prinzip: Die sozialen Beziehungen haben höchste Priorität, kein Mitglied darf einsam sein.Und schließlich: Man weiß, dass das Leben kurz ist. Man rechnet damit, dass dieser Tag oder diese Reise die letzte sein könnte."

Der Autor erinnert daran, dass viele traditionelle Gesellschaften ihr ursprüngliches Gepräge mehr und mehr verlieren und möchte mit seinem Buch dazu beitragen, etwas von ihrem Erbe zu sichern. Heute leben bspw. in neuguineischen Stammesverbänden noch Menschen, die die Entdeckung durch den weißen Mann" miterlebt haben, die vor-zivilisatorische" Zeit noch kennen. Ihre Erinnerungen sind besonders interessant und wertvoll. Man hielt die Weißen anfangs für Halbgötter oder wiedergekehrte Ahnen. Frauen, die sich besonders gastfreundlich verhielten, seien erstaunt gewesen, dass die Weißen beim Paarungsverhalten ganz ähnliche Gewohnheiten zeigten, wie Stammesgenossen.

Ein besonderes Anliegen Diamonds ist es, die auch heute noch weit verbreiteten - wenn auch zumeist nur hinter vorgehaltener Hand geäußerten - Idee, Menschen aus indigenen Kulturen wären in der evolutionären Entwicklung insbesondere hinter der Kaukasischen Rasse zurück geblieben, als Unsinn zu entlarven. Für die Unterschiede bezüglich der zivilisatorischen Entwicklung hält der Autor v.a. geografische Faktoren für ausschlaggebend. Domestizierbare Tiere und zur landwirtschaftlichen Nutzung geeignete Pflanzen fänden sich selten. Die frühen Menschen im fruchtbaren Halbmond hätten hier einen deutlichen Vorteil gehabt. Das bedeutet jedoch nicht, dass ihre heute lebenden Nachfahren genetisch weiterentwickelt wären, als Menschen in indigenen Gesellschaften.

Was aber können moderne Gesellschaften von indigenen lernen? Diamond nennt hier bspw. das Thema Kindererziehung. Kinder werden länger gestillt, es besteht oft ein kontinuierlicher Körperkontakt mit der Mutter. Viel schneller sind Mütter i.d.R. auch zur Stelle wenn Kleinkinder schreien. Sehr oft wird auf körperliche Strafen vollständig verzichtet. Den Kindern wird viel Freiheit gewährt, sie werden als eigenständige kleine Persönlichkeiten betrachtet und behandelt.

In traditionellen Gesellschaften denkt man, dass Kinder selbstständig und für sich verantwortlich sind", so Diamond. Das führt auch dazu, dass sie mit scharfen Messern und Feuer spielen können. So weit bin ich nicht gegangen, aber wenn ich mit meinen Kindern einen Spaziergang gemacht habe, habe ich sie nicht an die Hand genommen. Sie liefen 20 Meter vor mir, und ich benahm mich wie ein neuguineischer Vater: Ich lief hinterher, und wenn ein Tiger aus dem Gebüsch sprang, war ich bereit."

Andererseits ist bzw. war die Kindstötung eine weitverbreitete Praxis. Die Mutter entscheidet nach der Geburt, ob das Kind gesund genug ist, ob es unter der gegebenen Situation ernährt und großgezogen werden kann.

Zwischen extremen Polen bewegt sich auch der Umgang mit alten Menschen. Diamond dazu: Wir können auch etwas über das Leben der älteren Menschen lernen. Zwar gehen einige [traditionelle Gesellschaften] sehr grausam mit ihnen um, setzen sie aus oder bringen sie aktiv um, wenn sie nicht mehr produktiv sind. Aber andere achten sie und nutzen ihre Fähigkeiten. Wenn man alt wird, hat man dort immer die alten Freunde und die Verwandten um sich. In unseren modernen Gesellschaften ist das Leben der Älteren eine Katastrophe. Üblicherweise wohnen sie weit von den Kindern entfernt und oft in Altenheimen"

Nach landläufiger Sicht kann der zivilisierte Mensch" von traditionelle Gesellschaften auch viel über einen vernünftigen Umgang mit der Umwelt lernen. Das relativiert der Autor jedoch. Es gäbe viele Beispiele dafür, dass Ressourcen vollkommen zerstört wurden.

In seinem Buch Kollaps" beschreibt Diamond dies u.a. in Bezug auf die Osterinseln. Es geschah ein Raubbau am ohnehin sehr begrenzten Baumbestand, u.a. auch für das Projekt der heute von Touristen so bewunderten Statuen. Dies führte zur Erosion der Böden, sodass auch immer weniger geerntet werden konnte. Schließlich fehlte sogar Holz für Fischerbooten, was die Nahrung weiter verknappte und gleichzeitig die Chance der Übersiedlung auf andere Inseln abschnitt. Über die verbliebenen Ressourcen gab es schließlich mörderische Konflikte zwischen verschiedenen Stammesgruppierungen. So erlebte die Kultur der Osterinseln ihren Untergang.

Ist das Zusammenleben in indigenen Kulturen friedlicher? Diamond verneint das. Es mag verrückt klingen, aber Stammesgesellschaften sind kriegerischer als die Europäer im 20. Jahrhundert. Deutschland hat zwei große Kriege geführt, und die Verluste waren furchtbar. Aber durchschnittlich über das 20. Jahrhundert sind weit weniger Deutsche im Krieg umgekommen als der durchschnittlichen Sterblichkeit in der traditionellen Gesellschaft entspricht. Dort ist Krieg der Hauptgrund für Todesfälle. Im Zweiten Weltkrieg nahmen die Gegner Gefangene, man konnte sich meist ergeben und überleben. In einer traditionellen Gesellschaft kann man sich nicht ergeben - jeder weiß, dass er gefoltert und getötet wird.", so Diamond in einem Interview zum Buch.

Diese Einschätzung hat dem Autor von einigen Seiten heftige Kritik eingetragen, weil er damit eben doch unterschwellig suggerieren würde, dass die barbarischen Wilden" der wohltätig kolonisierenden Hand entwickelter Gesellschaften bedürften. Diamond liegt dabei auf der Linie des Psychologen Steven Pinker, der in seinem jüngsten Buch Gewalt" ähnliche Thesen vertritt.

Die Nähe des Autors zu einer Staatstheorie a la Thomas Hobbes ist denn auch nicht zu übersehen. Staaten die ein Gewaltmonopol durchsetzen, täten bereits viel, um Entwicklung zu ermöglichen, da sich Gesellschaften ansonsten oft in endlosen Rivalitäten aufreiben. Sicher nicht ganz falsch, aber doch ein wenig eindimensional.

Ansonsten sieht der Autor aber auch in der Gestaltung des Miteinanders in Stammeskulturen viel Beispielhaftes. Enge, verbindliche, lebenslange Beziehungen sind die Regel. Man lässt sich weit mehr von Verantwortungs- und Pflichtgefühl leiten, als in modernen Gesellschaften, in denen man sich oft verlässt, sobald es schwierig wird. Trotzdem oder gerade deshalb beziehen Stammeskulturen aus dem Miteinander i.d.R. sehr viel mehr Lebensfreude als moderne. Kooperation und Fürsorge füreinander spielen auf allen Ebenen des gemeinschaftlichen Lebens eine herausragende Rolle.

Konfliktlösungsstrategien sind auf Ausgleich, Wiedergutmachung, Wiederherstellung der Harmonie ausgerichtet. Dies kann auch in westlichen Gesellschaften als dem Räderwerk der Jurisprudenz vorgeordnetes Verfahren Nachahmung finden. In gewisser Weise gibt es dgl. ja bereits - außergerichtliche Mediation zwischen Konfliktparteien liegt im Trend.

Führungspersonen in Stammeskulturen, können sich allerdings - so der Autor - kaum je auf ihren Lorbeeren ausruhen. Legislaturperioden gibt es nicht. Die Position wird immer neu angefochten und herausgefordert, der Rang muss permanent verteidigt werden. Wer sich auf lange Sicht behaupten will, bedarf auch der ausgeprägten Fähigkeit, Allianzen zu bilden.

Lernen könne der moderne Mensch schließlich noch hinsichtlich einer gesunden Lebensweise. Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes, Herzinfarkt und Bluthochdruck kennt man in indigenen Verbänden nicht. Das hat zum Einen damit zu tun, dass es keinen Bewegungsmangel gibt, zum Anderen aber auch mit den Ernährungsgewohnheiten (bspw. keine Verwendung von Salz und Zucker).

Was Diamond im Buch als nachahmenswert darstellt, ist sicherlich samt und sonders andernorts bereits in weit differenzierterer Weise in Formen gegossen worden. Dennoch ist das Buch sehr interessant zu lesen, v.a. aufgrund der vielen Schilderungen des Zusammenlebens in traditionellen Kulturen, die man in dieser Form und Breite, und mit diesem Maß an Felderfahrung und Sachverstand selten finden wird.


Geld und Magie: Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust
Geld und Magie: Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust
von Hans Christoph Binswanger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Es irrt der Mensch, solang er strebt", 16. April 2013
Es kommt nicht oft vor, dass Literaturwissenschaftler vor Ökonomen den Hut ziehen - schon gar nicht wenn es um die Interpretation literarischer Werke geht. Binswanger ist das gelungen. Goethes Faust, zumal Teil II stellt ein Universum von Symbolik, vieldeutigen Bezügen zur antiken Mythologie, zu Homer, Sophokles, Aischylos, Euripides, Vergil, Dante usw. dar. Der Meister selbst verweigerte sich stets Hinweisen zu den Schlüsselgedanken seines Werkes. Dass es zentral um den Übergang einer tradierten Welt in die Moderne ging, erschien in der Auseinandersetzung mit dem Drama offensichtlich. Binswanger macht jedoch mit seinem Buch plausibel, dass hier der Dichter - jahrelang Wirtschafts- und Finanzminister am Weimarer Hof - im Kern ökonomische Neuerungen seiner Zeit behandelt. Hellsichtig maß er diesen eine so große Bedeutung bei, dass mit ihrer dauerhaften Installierung nichts mehr so sein würde wie bisher.

Die mephistophelische Alchemie wird dabei zur Allegorie für die Schaffung des Papiergeldes, dem wiederum die magische Kraft der endlosen Geldschöpfung und Wohlstandsvermehrung innewohnt. Wie im alchemistischen Prozess aus wertlosem Blei Gold wird, so aus wertlosem Papier grenzenloser Reichtum. Binswanger dazu: In der Ursage ist Faust ein Alchemist. Meine These ist, dass Goethe die moderne Wirtschaft, in der die Papiergeldschöpfung eine zentrale Rolle spielt, als eine Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln darstellt, dass die Papiergeldschöpfung einen gewissen magischen Charakter hat."

In der ersten Phase des alchemistischen Prozesses ginge es um Verflüssigung im Zuge der chymischen Hochzeit" zwischen philosophischem Mercurium" - Quecksilber und philosophischem Sulphur" - Schwefel unter einer ganz bestimmten Planetenkonstellation. Mercurium steht dabei für das weibliche Prinzip, den Mond, das Wasser. Mercur, wenngleich er in der röm. Mythologie als der Götterbote", Gott der Händler und Diebe gilt, symbolisiert das Unbeständige. Sulphur steht für das Männliche, Prinzipielle und Feste, die Sonne, das Feuer. Es geht darum mit dem philosophischen Sal" die in allen vier Elementen vorhandene Essenz zu einer quinta essenza - Quintessenz des Seienden zu vereinen, dem Stein der Weisen, der Gesundheit, ewiges Leben, Schönheit und edles Wesen sowie - ewigen Reichtum beschert, denn er vermag Blei in Gold zu verwandeln.

Mephisto bringt im Drama Faust auf die Idee, dem Kaiser die Papiergeldschöpfung anzuraten.

"Man wird sich nicht mit Börs und Beutel plagen, / Ein Blättchen ist im Busen leicht zu tragen, / Mit Liebesbriefen paarts bequem sich hier. / Der Priester trägts andächtig im Brevier, / Und der Soldat, um rascher sich zu wenden, /Erleichtert schnell den Gürtel seiner Lenden. / [...] Ein solch Papier an Gold und Perlen Statt, / Ist so bequem, man weiß doch, was man hat; / Man braucht nicht erst zu markten und zu tauschen, / Kann sich nach Lust und Lieb und Wein berauschen / [...] So bleibt von nun an allen Kaiserlanden / An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden."

Dem Volk sagt der Kaiser, der sich schließlich überzeugen lässt, der Wert der Zettel" ergebe sich - durch seine Unterschrift verbürgt - aus der Deckung, durch die im Boden befindlichen Gold- und Silberschätze.

In der chymischen Verflüssigungsphase sieht Binswanger eine Entsprechung zur Erzeugung von Liquidität durch das Papiergeld. In der nächsten Phase geht es um die Verfestigung des Ganzen, sodass das sog. philosoph. Sal" entsteht. Dem entspricht, dass sich im 4. und 5. Akt der imaginäre Wert des Geldes materialisiert. Zunächst bestand beim Kaiser noch die Befürchtung, dass es mit der Schaffung von Papiergeld zu einer Inflation kommen könnte. Genau dies war bei einem gescheiterten Papiergeld-Experiment, zu dem sich Ludwig XV. in Frankreich auf Anraten des Schottischen Ökonomen John Law hinreißen ließ, geschehen - Goethe wusste davon.

Faust weiß im Drama jedoch, dass Geld zur Finanzierung immer neuer Projekte eingesetzt werden muss, die mit ihrer Realisierung jeweils realwirtschaftliche Deckung des gedruckten Geldes bilden. Hier beweist Goethe ein Verständnis ökonomischer Zusammenhänge, das über die klassische Nationalökonomie hinausreicht. Für Adam Smith ist Geld das - den Handel ermöglichende - Äquivalent zur materiellen Basis der Gesellschaft. Goethe sieht, dass es viel mehr als das ist, zumal auf Zetteln" gedruckt - ein Wechsel auf die Zukunft. Als auf Zinsgewinn getätigte Investition dient es der Erweiterung der Produktionskapazitäten, der Industrialisierung, die Goethe zu seiner Zeit erlebte. Der Stein der Weisen - der Schlüssel zur unendlichen Wertschöpfung.

Nun gewinnt auch ein weiterer Faktor an Bedeutung der ebenfalls ein Novum darstellt - das durch Napoleons Code Civil" eingeführte und dann bald dauerhaft juristisch festgeschriebene Eigentumsrecht. Herrschaft gewinn ich, Eigentum", sagt Faust. Besitz bedeutet Macht. Doch das ganze hat eine Kehrseite, denn nun erscheinen die drei rauen Gesellen Raufebold, Habebald und Haltefest, die für Gewalt, Gier und Geiz stehen, auf der Bildfläche. Produktion verlangt nach Rohstoff, Reichtum erregt Neid - Kriegsgefahr dämmert herauf.

Das Ganze hat noch weitere Konsequenzen, einen hohen Preis. Ein Aspekt ist der Verlust der Zeit. Die Ökonomisierung der Gesellschaft reißt alles in einen existenziellen Strudel, den dionysischen Tanz um das goldene Kalb, das Hamsterrad der völligen Ökonomisierung. In seiner Wette mit Mephistopheles setzt Faust die Zeit aufs Spiel. Die Zeit soll ihm verlorengehen, wenn er den höchsten Augenblick" erreicht. Den erreicht Faust, als er meint, dauerhaftes Wirtschaftswachstum, unbegrenzte Wohlstandsmehrung verwirklicht zu haben. Das ist der rote Faden, der sich durch die gesamte Tragödie zieht."

Im Drama lässt Goethe dann auch bald die personalisierte Sorge" auftreten. Der Unternehmer lebt in einem permanenten Risiko, da er kreditbasiert expandiert oder mit unsicherem Ausgang eigenes Geld investiert.

Faust macht sich die Natur untertan. Wo Meer ist, schafft er Land; er ist von der Vision beseelt, sich die Kraft der Gezeiten als unerschöpfliche Energiequelle nutzbar zu machen. Doch im Zuge dessen - so Binswanger - gefährdet er sie auch. Darüber hinaus werden soziale Strukturen und Werte zerstört. Philemon und Baucis - in der griechischen Mythologie aufgrund ihrer Gastfreundschaft von Zeus reich gesegnet, bei Goethe Verkörperung fürsorglicher Mitmenschlichkeit und ökologischer Umsicht - haben in Fausts Welt keinen Platz mehr.

"Die Alten droben sollten weichen, / Die Linden wünscht ich mir zum Sitz, / Die wenig Bäume, nicht mein eigen, / Verderben mir den Weltbesitz."

Wie Faust am Ende des Dramas denn doch tiefe Reue über den Pakt mit dem Bösen empfindet und über das mittels Zauberkunst Erreichte so gar nicht recht stolz sein kann, empfiehlt Binswanger auch dem modernen Menschen Nachdenklichkeit. In seinem neusten Buch mit dem Titel Vorwärts zur Mäßigung" mahnt er an, sich der Sorge" zu stellen - der Sorge für den Erhalt der Natur, der Heimat und des Maßvollen."


Wir retten die Welt zu Tode: Für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut
Wir retten die Welt zu Tode: Für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut
von William Easterly
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen The White Mans Burdon, 16. April 2013
Das Buch von William Easterly wurde zu einem Standartwerk der Kritik am Konzept der klassischen Entwicklungshilfe. Insgesamt hätte der Westen in den vergangenen 50 Jahren 2,3 Billionen Dollar für Entwicklungshilfe ausgegeben. Die Erfolge, die sich daraus ergaben, sind bescheiden. Easterly macht deutlich, dass bedingungslose Finanztransfers an Regierungen armer Länder häufig eher schaden als nutzen, da diese Mittel häufig zweckentfremdet verwendet werden.

Generell unterscheidet Easterly zwischen Planners" und Searchers". Erstere entwickeln ihre Konzepte weitgehend am grünen Tisch. Die Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank hätten sich in einigen Fällen durchaus bewährt - Süd-Korea und Thailand in den 1980ern, Mexiko 1994-95, ostasiatische Finanzkrise 1997-98 - dies betraf jedoch stets relativ entwickelte Länder in Krisensituationen. Bei armen Ländern wirken sich die Maßnahmen - die schon für die unteren Schichten in Schwellenländern eine erhebliche Härte darstellen - oft katastrophal aus. Subventionen werden abgebaut, die einheimische Wirtschaft gerät infolge der Beseitigung von Handelsschranken unter Druck, Arbeitsplätze gehen verloren. Der im Verhältnis zum geringen Inlandsprodukt starke Finanzzufluss wirke sich zusätzlich in der Erhöhung des allgem. Preisniveaus aus. Ein nachhaltiger Effekt tritt dennoch nicht ein, weil dazu die wirtschaftliche Basis fehlt.

Im Gegensatz zu den Planners" bemühen sich Searchers" an der gesellschaftlichen Basis um Veränderung. Sie analysieren genau den Hilfebedarf, achten auf Kompatibilität mit tradierten Ansätzen, unterstützen und organisieren bereits bestehende Initiativen und Ressourcen.

Gegen diesen Grundsatz verstoßen nicht nur die großen internationalen Institutionen und Staaten sondern auch die Hilfsorganisationen. Auch diese sind oft zu sehr von dem Motiv bestimmt, den eigenen Betrieb in Gang zu halten, verschlingen einen großen Teil der ihnen zugeflossenen Gelder, zielen auf gut zu vermarktende Projekte, orientieren sich zu sehr an theoretischen Konzepten, statt an den tatsächlichen Gegebenheiten und Bedarfen vor Ort.

Entwicklungshilfe wird von Regierungen oft missbraucht oder ineffizient eingesetzt. In vielen Fällen stützte sie Diktaturen, zumindest dann, wenn die entsprechenden Regime dem Westen gegenüber loyal bzw. willfährig waren. Andernfalls stellte man ggf. nicht nur die Hilfe ein, man verhängte sogar zusätzliche Sanktionen und dachte nicht selten recht schnell an verdeckte oder offen militärische Interventionen, natürlich stets in bester, humanitärer Absicht. Dies, so Easterly, hätte jedoch - von Vietnam und Kuba über Honduras und den Kosovo bis in zum Irak oder Libyen - fast durchgängig zu sehr zweifelhaften Resultaten wenn nicht gar zu einem offensichtlichen Desaster geführt. Ein wesentlicher Grund dafür sei auch hier das fehlende Verständnis kultureller und ethnischer Gegebenheiten - im Grunde also das gleiche Dilemma wie im Bereich Entwicklungshilfe.

Warum scheitert die Implementierung westlich geprägter Rechtsstaatlichkeit? Rechtssysteme, so Easterly, müssen mit bereits bestehendem traditionellen Rechtsauffassungen kompatibel sein, sonst können sie sich kontraproduktiv auswirken. Man denkt an die Abschaffung der Leibeigenschaft in England. Zuvor fühlten sich die Feudalherren noch für das Ergehen der Untergebenen verantwortlich. Nun waren Leibeigene frei aber es ging ihnen schlechter als je zuvor. - Ebenso kann die Einführung von Besitzrechten bewirken, dass traditionelle Absprachen nicht mehr geachtet werden. Für den formellen Prozess der Erstellung von Besitztiteln fehlt einfachen Leuten jedoch oft das Know-How oder auch das Geld.

Warum scheitern Demokratisierungsvorhaben? In den problematischen Ländern gibt es bei aller Armut i.d.R. auch eine Vermögenskonzentration in wenigen Händen. Für diese ist es leicht, in großem Stil zu manipulieren, einflussreiche Personen zu kaufen, als regionale Wohltäter Stimmen zu werben. In vielen Ländern dominiert zudem noch die Orientierung an der Stammes-, Religions- oder ethnischen Zugehörigkeit. Eine Auseinandersetzung mit Wahlprogrammen, Glaubwürdigkeitsfragen usw. findet nicht statt. Gerade in jungen, instabilen Demokratien würde von Regierungen oft auch die Majorität gegen unliebsame Minderheiten instrumentalisiert , so wiederholt geschehen bspw. in Indonesien in Bezug auf die dortige wirtschaftlich stark engagierte chinesische Minorität.

Easterly ist sich durchaus darüber im Klaren, dass Märkte allein die Probleme der Ärmsten der Armen nicht lösen können, da diese überhaupt nicht über das Geld verfügen, dass sie mit ihren Bedürfnissen für Märkte interessant machen könnte. Der Autor ist also - anders als mitunter dargestellt - keinesfalls gegen jede Form von Entwicklungshilfe.

Auch wenn es richtig ist, dass eine EinfIussnahme in Richtung good governance" sich in vielen Fällen als wenig effektiv erweist; Finanzströme an Regierungen oft eher das Gegenteil des Gewollten zu bewirken scheinen, wäre es unmenschlich und in keiner Weise zweckdienlich, wenn reiche Länder nichts tun, um der notleidenden untersten Milliarde" zu helfen. Easterly möchte jedoch bei all dem einige Grundsätze verwirklicht sehen: Hilfe muss zielgerichtet und effizient beim betroffenen Individuum ansetzen, ständig evaluiert werden und das Ziel haben, dass Menschen so schnell wie möglich von Unterstützung unabhängig werden.

Eine Möglichkeit sieht Easterly in Vouchers", die Arme als einzelne oder als Dorf/Kommune bei Hilfsorganisationen gegen bestimmte Leistungen (Bildung, Impfungen, Insektizide, Düngemittelsubventionen usw.) einlösen können.

Easterly lobt das Programm PROGRESA in Mexiko als vorbildlich. Hier geht es darum, dass Familien unter der Bedingung, dass sie ihre Kinder in die Schule schicken, an medizinischen Untersuchungen teilnehmen, sich impfen lassen, Nahrungsergänzungsmittel in Anspruch nehmen usw., Geld erhalten. Das International Food Policy Research Institute" (IFPR) führte eine wissenschaftliche Evaluierung durch und kam zu dem Schluss, dass sich die Strategie als wirkungsvoll erweist. bescheinigte dem Projekt einen großen Erfolg. Erreicht wurden zur damaligen Zeit 10 % der Familien; man hatte ein Budget i.H.v. 800 Mio. USD. Inzwischen findet das Programm unter dem Namen OPORTUNIDADIS Fortsetzung.

Auch den Ansatz der Plattform Globalgiving hält der Autor für sinnvoll. KIVA verfolgt ein ähnliches Konzept. Hier werden private Spender oder Kleinkreditgeber und kleine Unternehmungen z.T. mit Zwischenschaltung einer betreuenden Mikrofinanzorganisation, zusammengebracht. Dies ist Hilfe, die wirklich ankommt, konkret und zweckbestimmt und bezüglich ihrer Wirksamkeit transparent ist.


Das Ende der Armut: Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt
Das Ende der Armut: Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt
von Jeffrey D. Sachs
  Broschiert
Preis: EUR 12,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wege aus der Armutsfalle, 16. April 2013
Sachs sieht unterste Milliarde in einer Armutsfalle, aus der sich die Betroffenen nicht aus eigener Kraft befreien könnten. Wer extrem arm ist, hat nicht die Mittel, um sich aus der Armut heraus zu arbeiten. Menschen in schwach entwickelten Ländern sind zudem oft unterernährt, großen Krankheitsrisiken ausgesetzt (Malaria, Tuberkolose, AIDS), verfügen kaum über medizinische Versorgung. Es fehlt an Bildung und das Umfeld ist denkbar ungünstig: schlechte Infrastruktur, fehlende Rechtssicherheit, Korruption, sinnlose Bürokratie. Hinzu kommen nicht selten geografische Nachteile.

Will man solchen Ländern helfen und eine stimmige, effektive Therapie entwickeln, bedarf es zunächst - wie in der Medizin - einer Differentialdiagnostik. Faktoren, denen besonderes Augenmerk gelten muss, sind dabei die Wirtschaftspolitik des betreffenden Landes, seine Staatsfinanzen bzw. Haushaltsführung, die Effektivität des Steuersystems, Fragen der Rechtssicherheit, Eigentumsrechte, Patentschutz, Stand bei der Etablierung einer unternehmensfreundlichen Bürokratie, Status quo beim Thema Gesundheit und Bildung.

Die Geografie kann die Ursache sein, dass Boden nicht für die Landwirtschaft nutzbar ist oder sogar weiter erodiert. Auch kulturelle Schranken können eine hinderliche Rolle spielen. So verzichtet ein Land, das Frauen benachteiligt, ihnen den Zugang zu Bildung und beruflichem Aufstieg behindert oder verwehrt auf 50% seines Humankapitals. Nicht zuletzt gilt es die geopolitischen Rahmenbedingungen zu betrachten. Gibt es Konflikte mit Nachbarstaaten? Wie ist das Land international eingebunden? Wo besteht in bestehenden Handelsbeziehungen Handlungsbedarf auf Seiten der reichen Partner? Subventionen im landwirtschaftlichen Bereich können den Wettbewerb stark zu Ungunsten der armen Länder verzerren.

Auf der Basis einer solchen Bestandsaufnahme kann für jedes Entwicklungsland eine auf die spezifischen Bedürfnisse vor Ort zugeschnittene Armutsbekämpfungsstrategie ausgearbeitet werden. Die Finanzierung sollte dann auf drei Wegen erfolgen: Ein Big Push" direkt an die Regierungen, die so die Möglichkeit haben, die nötigen Investitionen zu tätigen. Ansonsten setzt die Hilfe am unteren Ende der Gesellschaft an: Private Haushalte bzw. Dorfgemeinschaften in prekärer Lage sind direkt zu unterstützen. Mikro-Unternehmen werden über Klein-Kredit-Programme finanziert. So sollen Menschen in die Lage versetzt werden, ihren Fuß erst einmal auf die unterste Sprosse der Entwicklungsleiter" zu setzen.

Der Autor ist ein vehementer Verfechter der Grünen Revolution", die er auch in Afrika ins Rollen bringen möchte. Besonders in Asien hat diese dazu beigetragen, dass Hunger deutlich reduziert werden konnte. Die Reiserträge pro Hektar konnten in Ländern wie Indien, Indonesien, Philippinen, Vietnam nach Einführung neu entwickelter Sorten im Schnitt verdoppelt werden. Es käme wie so oft darauf an, die guten Effekte zu nutzen und die negativen - Abhängigkeit von Konzernen durch steriles Saatgut, hoher Pestizid und Insektizideinsatz, Zerstörung der Existenz von Kleinbauern usw. - abzustellen.

Die im Jahr 2000 im Rahmen der UN beschlossenen Millenniumszielen verpflichteten die Staatengemeinschaft u. a. darauf, den Anteil hungernder Menschen an der Weltbevölkerung bis 2015 zu halbieren, für alle Kinder zumindest eine Grundschulbildung zugänglich zu machen und sich um ökologische Nachhaltigkeit zu bemühen.

Das von Sachs geleitete Earth Institute an der Columbia University nahm dies zum Anlass, ein 5-Punkte-Programm - mit Focus auf von extremer Armut betroffenen isolierten, ländlichen Regionen - zu entwickeln, das mittlerweile in den sog. Millenniumsdörfern (12 Dorfgruppen mit etwa 80 Dörfern in Afrika) Anwendung findet. Dabei finden seine o.e. theoretischen Überlegungen praktische Umsetzung. Es geht um:

1. Ausstattung der Landwirtschaft mit ertragsreichem Saatgut, Düngemitteln, Meliorationstechnik, Getreidespeichern u.ä.
2. Verbesserung der Gesundheitsvorsorge und -versorgung (z.B. durch Abgabe von Entwurmungsmitteln, Moskitonetzen, Malaria-Medikamenten, AIDS-Prävention und -Therapie, Schwangerschafts- und Verhütungsberatung)
3. Schwerpunkt Bildung - Unterstützung bei der Umsetzung moderner landwirtschaftlicher Methoden, Vermittlung gewerblichen bzw. handwerklichen Knowhows, Schulung im Umgang mit moderner Informationstechnologien, Schulen für Kinder, die auch regelmäßige Mahlzeiten anbieten
4. Investitionen in Infrastruktur wie Straßen, Energieerzeugung bspw. durch Solarstrom oder Dieselgeneratoren, Anschluss an Transport- und Telekommunikationsnetze
5. Sicherstellung der Versorgung mit sauberem Trinkwasser (Brunnen, Zisternen), Verbesserung der sanitären Situation

Sachs plädiert seit Jahren für einen allgemeinen Schuldenerlass für die armen Länder. Er möchte die verschiedenen Akteure der Entwicklungshilfe unter dem Dach der UN vereint bzw. von dort aus überwacht und koordiniert sehen. Wissenschaft und Forschung sollten sich mehr darauf konzentrieren, Lösungen - etwa in agrarischer oder energietechnischer Hinsicht für die spezielle Situation in armen, insbesondere ländlichen Regionen zu entwickeln. IWF und Weltbank rät Sachs, ihre Strategie zu überdenken. Der IWF hat so gravierende Probleme übersehen wie die Armutsfalle, Bodenverhältnisse, Klima, Krankheiten, Transportmöglichkeiten und die Situation der Frauen und eine Fülle weiterer «Krankheitsbilder», die eine wirtschaftliche Entwicklung hemmen."

Sachs kritisiert völlig zu recht die Halbherzigkeit des Engagements auf allen Ebenen. Viele Probleme, vor denen man mittlerweile resigniert, könnten dadurch gelöst werden, dass man sie beherzter angeht, genauer hinschaut, besser zuhört, konsequenter Einfluss nimmt, mehr Geld einsetzt, vor allem aber gezielter und intelligenter einsetzt:

"Für andere wirtschaftliche Ratschläge zu erarbeiten, erfordert eine tiefe innere Verpflichtung, nach den richtigen Antworten zu suchen und sich nicht mit oberflächlichen Ansätzen zu begnügen; sich entschlossen in die Geschichte, Ethnografie, Politik und Wirtschaft des Landes einzuarbeiten, in dem der Berater gerade tätig ist; sich um einen ehrlichen Rat zu bemühen, nicht nur gegenüber dem betreffenden Land, sondern auch gegenüber der Organisation, die den Berater angestellt und dorthin geschickt hat."

Die reichen Länder sollten nicht vergessen, dass engagierte Entwicklungshilfe nicht nur ein humanitäres Gebot ist, sondern auch in ihrem ureigensten Interesse liegt: In einer globalisierten Welt kommt es auch immer wieder zur globalen Ausbreitung von Krankheiten, es gibt ein sicherheitspolitisches Interesse, da failed States" oft Basis oder Umschlagplatz für terroristische Aktivitäten oder organisierter Kriminalität bilden. In ökologischer Hinsicht ist die Einbindung aller Länder in eine Post-Kyoto-Strategie von großer Bedeutung. Und auch positiv betrachtet: die Wirtschaft profitiert vielfältig von stabilen Ländern, in denen Investments denkbar und lohnend sind.

Auf alle Zielsetzungen, die Sachs im Buch erörtert, hat sich die internationale Gemeinschaft wie o.e. bereits mit dem Milleniumszielen festgelegt. Bei der Umsetzung hapert es allerdings gewaltig. Dabei seinen schon 0,5% des BIP ausreichend, um signifikante Fortschritte zu erreichen. Angestrebt waren einst 0,7%.

Sachs Verdienst besteht v.a. darin, dass er wie kein zweiter das ideologische Denken im Bereich der Entwicklungshilfe torpediert hat, ohne dabei das Kind mit dem Bade auszuschütten und Entwicklungshilfe generell infrage zu stellen. Sein Plädoyer für Pragmatismus, Lernbereitschaft, enge Praxisorientierung; dafür, jeden Fall differentialdiagnostisch und individuell zu betrachten um maßgeschneiderte Lösungen zu finden ist sehr sinnvoll.

Der Autor erfährt bei all dem auch viel Kritik. Dies geschah insbesondere durch William Easterly, der ihm sicher nicht ganz zu Unrecht Blauäugigkeit vorwarf, wenn er meine, ein finanzieller Big Push" würde von den all zu oft korrupten Regierungen und Verwaltungssystemen der Entwicklungsländer effektiv und zweckbestimmt zugunsten der armen Bevölkerung genutzt.
Kritik findet auch Sachs Herumreiten auf dem demografischen Faktor (Überbevölkerung). Es gäbe i.d.R. keine Nahrungsmittelknappheit, sondern Distributionsprobleme.


Warum Nationen scheitern: Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut
Warum Nationen scheitern: Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut
von Daron Acemoglu
  Gebundene Ausgabe

71 von 81 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Empowerment, 9. April 2013
Warum sind die einen Nationen arm, die anderen reich? Dies ist eine Frage, der sich in regelmäßigen Abständen zumeist recht umfangreiche Publikationen widmen. Was dabei nicht fehlen darf, ist der Habitus: Alle bisherigen Ansätze führten in die Irre, wir zeigen nun, worauf es ankommt!

Acemoglu (Ökonom, MIT) und Robinson (Ethnologe, Harvard) kommen zu dem Schluss, dass es auf Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, zuverlässige Institutionen, die wirtschaftliche Entwicklungsprozesse sichern, ankommt: "Den Schlüssel zu nachhaltigem wirtschaftlichem Erfolg findet man im Aufbau einer Reihe von Wirtschaftsinstitutionen - inklusiver Wirtschaftsinstitutionen - welche die Talente und Ideen der Bürger eines Staates nutzbar machen können, indem sie geeignete Anreize und Gelegenheiten bieten, dazu gesicherte Eigentums- und Vertragsrechte, eine funktionierende Justiz sowie einen freien Wettbewerb, so dass sich die Bevölkerungsmehrheit produktiv am Wirtschaftsleben beteiligen kann"

Die Weichen in Europa sehen die Autoren bereits um 1600 gestellt. Elisabeth I. in England, Philipp II. in Spanien und Heinrich III. in Frankreich regierten alle recht absolutistisch, setzten aber unter dem Druck der Verhältnisse ganz unterschiedliche Schwerpunkte. So war bspw. England weit mehr auf das Steueraufkommen aus der Bevölkerung angewiesen als Spanien, dem tonnenweise Gold aus den südamerikanischen Kolonien zufloss. Wer wie die englische Königin fordert, ist aber auch gezwungen zu beteiligen. So entwickelte sich der britische Parlamentarismus. Ebenso war England sowohl daheim als auch in Nordamerika vielmehr auf Warenproduktion und extensiven Handel angewiesen als Spanien, dem der Reichtum in den Schoß zu fallen schien. Auch von daher entwickelte sich im British Empire ein finanzkräftiges, politisch selbstbewusstes und einflussreiches Bürgertum.

In dieser Weise reflektieren die Autoren v.a. neuzeitliche, aber auch antike und mittelalterliche Geschichte und natürlich die Gegenwart sehr interessant und detailreich unter dem Aspekt der Institutionenbildung. Den inklusiven stellen sie extraktive - zentralistische - Institutionen gegenüber. Während erstere i.d.R. einen Tugendkreis" initiieren, entsteht durch letztere ein Teufelskreis". In ein System, das sich für Beteiligung öffnet, stoßen immer mehr Bevölkerungsgruppen vor; Pluralismus, Unterstützung und Entwicklung für immer mehr Menschen wird möglich. Diese können sich wiederum mit wachsender Produktivität zum Wohl der Gesellschaft einbringen. Extraktive Institutionen hingegen beschwören permanente Interessenkonflikte bis hin zu Bürgerkriegen herauf, schließen weite Teile der Bevölkerung aus. Diese beharren in Armut und Unterentwicklung und können ihr produktives Potenzial nicht entfalten.

Bezüglich der Entwicklungen in Russland und China sind die Autoren denn auch außerordentlich pessimistisch. Warum sie die Möglichkeit eines allmählichen Wandels - bei allen berechtigten Bedenken - so gänzlich ausschließen, ist allerdings - zumal im Fall des immerhin unideologisch regierten Russland - nicht recht nachvollziehbar. In anderen Entwicklungsdiktaturen - bspw. in Süd-Korea oder Taiwan - funktionierte dies ja - mit wachsender Mittelschicht - auch.

Während der Lektüre fragt man sich lange Zeit, was die Autoren denn nun eigentlich so sensationell Neues zu sagen haben. Erst gegen Ende des Buches wird deutlich, dass sie eine ganz andere Strategie im Sinn haben, als sie bereits von den USA oder anderen westlichen Ländern verfolgt wird. Weder Konzepte unter dem Slogan Wandel durch Handel" halten sie für sonderlich erfolgversprechend, noch die Durchsetzung institutioneller Reformen von oben - etwa durch politischen Druck oder indem Entwicklungshilfe oder Kreditvergabe (IWF, Weltbank) von demokratischen Wahlen, dem Aufbau von Rechtsstaatlichkeit, Sanierung der Staatsfinanzen, Abbau von Handelsschranken, unabhängige Zentralbanken usw. abhängig gemacht wird. Dgl. bzw. das mit solchen Maßnahmen Intendierte - das zeige die Erfahrung - werde letztlich von den herrschenden Eliten regelmäßig unterlaufen.

Ähnlich würde es sich mit klassischen Ansätzen auf der gesellschaftlichen Mikroebene verhalten. Hier bringen die Autoren die üblichen Beispiele für gescheiterte Projekte: Bauholz im Wert von vielen Millionen USD für Unterkünfte in Afghanistan wird von der Bevölkerung als Brennholz verheizt, weil die Balken zu stark sind. Das indische Gesundheitswesen - insbesondere im ländlichen Bereich - leide unter der schlechten Arbeitsmoral des medizinischen Personals. So stehen Menschen oft vor Ambulanzen, in denen niemand zu finden ist und nehmen alternativ kostspielige private Heiler in Anspruch. Man führte weiträumig Stechuhren für Krankenschwestern ein - mit dem Ergebnis, dass diese regelm. zerstört wurden.

Ein modernes Erfolgsmodell stellt hingegen für die Autoren Brasilien dar. Lula da Silva hatte bereits 1979 als Gewerkschaftsführer im Scania Konzern für den Auftakt einer Streikwelle bzw. -bewegung gesorgt, die die Militärdiktatur nachhaltig erschütterte. Es folgte die Gründung der Arbeiterpartei und ein ständig wachsendes Maß der Beteiligung an kommunalen Regierungen. Von Anfang an zeichnete sich die brasilianische Arbeiterbewegung durch eine integrative Zielstrebigkeit aus. Man setzte weniger auf Klassenkampf als darauf, unterschiedlichste Entscheidungsträger und Bevölkerungsgruppen zu gewinnen und einzubinden. So wuchs eine pluralistische Beteiligung von unten her; Politik wurde zielgerichteter und effektiver, zusätzliche Checks and Balances" entstehen. Es wurde sichergestellt, dass finanzielle Mittel nicht versickerten, sondern zum Wohl der Bevölkerung und letztlich auch der Wirtschaft (Bildung, Infrastrukturprojekte) eingesetzt wurden.

Solche Prozesse - zumal von außen - in Gang zu setzen, ist - das sehen die Autoren realistisch - natürlich nur bedingt machbar; es hänge von vielen Faktoren ab. Soweit war denn allerdings Max Weber auch schon. Statt der Frage, warum sich Volkswirtschaften so unterschiedlich entwickeln, steht man dann vor der Frage, warum sich inklusive Institutionen in verschiedenen Ländern so unterschiedlich gut und schnell entwickeln.

Im hinteren Teil des Buches gibt es dann aber doch noch einige konkrete Hinweise. Kritisch äußern Acemoglu und Robinson sich zum Nation Building im Irak und Afghanistan, Militär- und Wirtschaftshilfe für Pakistan und Ägypten. Alles sei zu sehr auf die dortigen Eliten ausgerichtet, nicht auf Empowerment und politische Einbindung aller gesellschaftlichen Schichten und Ethnien, die Unterstützung von Grassroots Movements. Statt der Regierung in Kairo weiterhin 1,3 Mrd. Dollar Militärhilfe zukommen zu lassen, sollte das Geld besser für den zivilgesellschaftlichen Aufbau genutzt werden. Dies könnte über ein Gremium, in dem sämtliche Bevölkerungsgruppen vertreten sind, und das über den Einsatz der Mittel - bspw. für Soziales, Bildung, Gesundheit - entscheidet, geschehen.

Das Buch wird von vielen Seiten in hohen Tönen gelobt. "Dieses Buch werden unsere Ur-Ur-Urenkel in zweihundert Jahren noch lesen", schreibt etwa George Akerlof, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften. Nachvollziehbar sind solche Hymnen nur bedingt. Zwar ist es zweifellos spannend zu lesende Wirtschaftsgeschichte, in der Konsequenz aber eher eine dünne Suppe. Die 15jährige Forschung, die die Autoren als Vorarbeit zum Buch veranschlagen, fand wohl v.a. in Bibliotheken statt, weniger in der gesellschaftlichen Gegenwart der Emerging Markets oder gar im Feld der Entwicklungshilfe.

Das zu Lateinamerika und Nordafrika Gesagte bspw. wirkt letztendlich doch sehr vom grünen Tisch aus gedacht. Die Einbindung der ärmeren Hälfte der Bevölkerung in einem Land wie Brasilien, Empowerment, wie es den Autoren vorschwebt, geschieht nicht automatisch durch Beteiligungshaushalte oder Regierungskoalitionen einer Arbeiterpartei, deren Aktivisten zumeist bereits den etwas gehobeneren Schichten entstammen. Es gilt die "Kultur der Armut" aufzubrechen - Menschen überhaupt erstmal in die Lage zu versetzen, sich über den täglichen Überlebenskampf hinaus gesellschaftlich engagieren zu können. Hier wurde in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern mit Programmen - wie bspw. PROGRESA in Mexiko, oder FOME ZERO in Brasilien - in den letzten Jahren Beeindruckendes erreicht. Das bedeutet aber eben doch engagierte Arbeit auf der gesellschaftlichen Mikroebene, mit der einzelnen Familie, mit dem einzelnen Menschen.

Die Bedeutung von sinnvollen Institutionen ist letztlich eine Binsenweisheit; Bedingungen der Entstehung, Möglichkeiten der Etablierung u.a. von der Neuen Institutionenökonomik vielfältig erforscht. Die Kritik an der "Top-down"-Strategie ist sowohl bei Easterly als auch bei Sachs oder Stiglitz zu finden; das Plädoyer für "Bottom up" gewiss nicht neu - aber immerhin: die Publikation - zumal von Cambridge und Harvard aus - stellt einen zusätzlichen, gewichtigen Argumentationskatalog für diesen sehr sinnvollen Ansatz dar.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 24, 2014 8:23 AM MEST


Der Magier von Bayreuth: Richard Wagner - sein Werk und seine Welt
Der Magier von Bayreuth: Richard Wagner - sein Werk und seine Welt
von Barry Millington
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

5 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein deutsches Drama, 4. April 2013
Wagners 200. Geburtstag - die Büchertische biegen sich unter der Vielzahl der Publikationen zu seiner Person. Wer sich mit Wagner noch nicht intensiver befasst hat, hat es bei der Auswahl nicht leicht. Interessant bei der Behandlung eines so deutschen Phänomens, wie Wagner, sein Schaffen, seine Ideen, der Kult um ihn es darstellt, ist die nicht-deutsche" Außenperspektive. Diese vermittelt Millington in sehr ansprechender Weise.

Wagner der in künstlerisch und intellektuell anregendem familiären Umfeld aufgewachsen war (Stiefvater Schauspieler, Onkel Philologe), hatte sein musikalisches Erweckungserlebnis bei einer Aufführung von Beethovens Fidelio". An der Universität in Leipzig studierte er Musik. Nachdem er sich bereits als Schüler als Dramatiker versucht hatte, schrieb er als junger Erwachsener bald die erste Oper. Den ersten wirklichen Erfolg konnte er schließlich mit seinem Rienzi" verbuchen.

Der jugendliche Wagner schwang sich von einer Liebesbeziehung zur nächsten und von einem Gönner zum anderen. Er heiratete Minna Planer, die ihn betrog, verließ und zu ihm zurückkehrte und schließlich rechtzeitig starb, um einer Verbindung Wagners mit Cosima, die er seinem Freund und Bewunderer, dem Stardirigenten Hans von Bülow ausgespannt hatte, nicht länger im Wege zu stehen.

Nach Umwegen u.a. über Würzburg, Königsberg und Paris landete Wagner schließlich in Dresden, wo er eine Stelle als Königlicher Kapellmeister antrat. Zu dieser Zeit hatte er es längst zu gewissen Ehren gebracht. Doch nun - in den 1840er Jahren, wurde Wagner auch vermehrt in revolutionären Kreisen aktiv. Er pflegte den Kontakt zum Anarchisten Bakunin, der seinerseits in Wagner eher einen verträumten Romantiker und Idealisten als einen brauchbaren politischen Aktivisten sah. Nichts desto trotz soll Wagner im Dresdner Maiaufstand 1849 Handgranaten transportiert, Flugschriften verfasst, sich als Späher betätigt und - wie besonders böse Zungen behaupteten - sogar das Opernhaus in Brand gesteckt haben. Er wurde schließlich steckbrieflich gesucht und so ging das unstete Leben weiter: Zürcher Exil, Karlsruhe, Venedig, ein kurzer Höhenflug in München unter dem Mäzenat des ihm förmlich verfallenen Ludwig II., Tribschen - mal auf der Flucht vor Gläubigern, mal vor der Polizei, mal vor dem Unwillen des Volkes.

Überhaupt reagierte das Publikum zunächst recht unterschiedlich auf ihn. Beim "Tristan", den er unter dem Einfluss der Schopenhauer-Lektüre im letzten Akt das Leben gemeinsam mit Isolde in eine Art Liebes-Nirwana aushauchen lässt, befallen ihn schon im Vorfeld böse Ahnungen: Ich fürchte die Oper wird verboten - falls durch schlechte Aufführung nicht das Ganze parodiert wird -: nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen", schreibt er an seine - angeblich platonisch - geliebte, intime Freundin Mathilde Wesendonck. Nietzsche fühlte sich regelrecht intoxikiert und i.d.T. galt das Stück bald als lebensgefährlich aufwühlend. Der erste Tristan-Sänger starb kurz nach der UA mit gerade einmal 29 Jahren, einen Star-Dirigenten raffte es später direkt während der Oper dahin...

Mit seinem vierteiligen Opernzyklus Der Ring des Nibelungen", schuf Wagner dann etwas in der Musikgeschichte zuvor nie Dagewesenes - ein 16-stündiges Monumentalwerk, das - über vier Tage aufgeführt - Musikern, Dirigenten und Zuhörern Höchstleistungen abverlangt. Besonders die Walküre fand ein zwiespältiges Echo. Die offene Darstellung des Inzest zwischen Sigmund und Sieglinde, die überdies bereits mit Hunding verheiratet war - prall in Szene gesetzte Wollust noch dazu - stieß teilweise auf harsche Kritik, wenn auch auf sehr viel weniger als man im Rückblick auf eine vermeintlich noch so konservative Epoche erwarten würde.

Je länger je mehr überwog jedoch die Begeisterung für Wagner. Die Aufführung der Meistersinger in München etwa geriet zum Triumph. Millington sieht darin ein Schlüsselereignis mit großer Symbolkraft: Der König hatte Wagner in seine Loge gebeten - und geriet gänzlich in den Schatten des Meisters. In den Pausen zog er sich denn auch dezent zurück, während der Komponist sich zeigte und bejubelt wurde - ein für die damalige Zeit vielsagender Rollentausch.

Wagner wollte die Welt der germanischen bzw. deutschen Sagen und Mythen neu zum Leben erwecken und damit die Volksseele heilen und zu einer neuen Vision erheben. Inspiration fand er aber auch oft in der Natur. Die Umsetzung gelang ihm hier immer wieder meisterhaft -im Lohengrin etwa meint man zuweilen vor dem inneren Auge zu sehen, wie die ersten Sonnenstrahlen durch die Baumwipfel dringen und sich im aufsteigenden Morgennebel brechen. Eine märchenhaft zarte, verspielte Klangwelt, die Wagner ebenso virtuos inszenieren konnte, wie das pompös Triumphale der Schlusssequenz der Tannhäuser-Overtüre oder des Walkürenritts, der nicht umsonst für den Hintergrund von Nazi-Wochenschauen ebenso herhalten musste, wie als Begleitmusik von Kampfhubschrauber-Attacken im Vietnamkriegs-Kultfilm Apokalypse Now"

Der Parsifal wurde dann von den einen als Höhe- und notwendiger Schlusspunkt von Wagners Schaffen gefeiert, von anderen als altersmüdes Spätwerk abgetan. Nietzsche, in seiner Bewertung Wagners bis zuletzt hin- und her gerissen, erlebt es einerseits als ein wohltuendes Zurruhekommen nach der ihn geradezu krankmachenden Emotionalität des sonstigen Werkes. Andererseits ärgern ihn die christlichen Anklänge, die unterschwellige Erlösungsmetaphorik. Darin sah er den schlussendlichen Verrat Wagners am Projekt einer neuen, vermeintlich befreiten Menschlichkeit.

Doch lebt Wagners gesamtes Werk sehr viel mehr dadurch, dass er menschliche Urkonflikte in Szene setzt, als von glatten Botschaften und Visionen. Er war eben letztendlich doch viel mehr Künstler als Sozialreformer. Bereits im Tannhäuser ist das Spannungsfeld zwischen leidenschaftlicher Sinnlichkeit, ja Begierde einerseits, Tugend und religiös-geistiger Verfeinerung andererseits - im konkreten Fall zwischen Venus und Maria - ausgelotet. Das Thema Schuld und Sühne bzw. Vergebung und Neubeginn ist für Wagners gesamtes Schaffen zentral. Dabei ist Wagner weit davon entfernt, religiöse Inhalte unmittelbar zu vermitteln. Ihm ging es vielmehr darum, Religion in Kunst zu übersetzen, womit er die von ihm aufgegriffenen Motive natürlich immer auch irgendwie profanisierte.

Wagner als Privatmann wird vom Autor als jemand beschrieben, der als Persönlichkeit eine große Faszination ausübte. Er war relativ klein von Wuchs, ein Genie im Westentaschenformat", wie einer seiner Kritiker spottete. Der große Kopf gab seiner Erscheinung etwas Unförmiges, besonders als junger Mensch hatte er darunter gelitten. Die geringe Körpergröße wurde vom gereiften Wagner jedoch von der Imposanz, Kraft und Natürlichkeit seines Auftretens kompensiert.

Wagner konnte ausgelassen, außerordentlich witzig und unterhaltsam sein. Oft erging er sich aber auch in endlosen Monologen, in denen er seine Ideen, Werke und Visionen reflektierte. Eines seiner Lieblingsthemen war das Frontmachen gegen ein Musikertum, das sich allzu sehr der professionellen Routine ergeben hatte. Instrumentalisten, die eine Partitur einfach nur versiert herunterspielten, waren ihm ein Graus. Das wirkt überraschend aktuell bzw. scheint ein zeitloses Thema zu sein. Auch gegenwärtig erlebt die Musikwelt Stars die durch ein unglaubliches Maß an instrumenteller Virtuosität glänzen. Die wirklich großen Persönlichkeiten, die in ihrer Musik leben, und einem Stück durch ihr Spiel Seele, Tiefe und Nuanciertheit verleihen, werden hingegen immer seltener. Beethovens Mondscheinsonate von Valentina Lisitsa gespielt, mag etwas von Perfektion vermitteln. Die Faszination, die der - zumal im Alter - weit weniger fingerfertige Pianist Wilhelm Kempff auslöste, erreicht sie dennoch nicht.

Wagner dominierte seine Umgebung und verstand es, seine Mitmenschen für sich einzuspannen. Trotzdem konnte er sehr charmant und gewinnend sein. Freunde litten unter seiner Egomanie und kamen dennoch nicht von ihm los. Selbst von Bülow, dem er die Ehefrau ausgespannt hatte, blieb ihm ergeben. Der Komponist galt als Pumptalent" - gab andererseits aber auch immer wieder größere Summen für Bedürftige aus. Eine alte verarmte Witwe besuchte er regelmäßig und nahm sich rührend ihrer an.

Was in einem Wagner-Buch nicht fehlen darf - des Meisters Fable für feine, feminine Kleidung. Schon als Junge zeigte er sich davon angetan, im Alter scheint es wieder vermehrt zum Durchbruch gekommen zu sein. Ein ganzes Zimmer im Hause Wagner war in rosa Seide gehüllt. Hierher zog sich der Komponist gern zurück - und ergötzte das Gemüt an Damen-Perfum und -Wäsche, seidenen Negliges usw. - ob verrückte Marotte oder handfester Fetischismus bleibt offen. Allzu heimlich war er jedenfalls nicht damit, von M. Wesendonck ließ er sich gern die neusten Produkte aus Paris mitbringen. Er war eben außergewöhnlich, für ihn galten - nicht nur in seiner Sicht - andere Maßstäbe und Bewertungen als für Normalsterbliche.

Nachdem Wagner Cosima geheiratet hatte, fand die Familie 1872 auch endlich ihre dauerhafte Residenz in Bayreuth. Nach Wagners Plänen entstand hier nun das Festspielhaus mit dem berühmt-brüchtigten Orchestergraben. In Cosima hatte Wagner in zweiter Ehe die Partnerin gefunden, die ihm geistig ebenbürtig war. Sie erinnert an Lou Andreas-Salome oder Alma Mahler - Frauen, deren Zauber, den sie auf die Männerwelt gerade in Kreisen der geistigen Elite ihrer Zeit ausübten, sich auf den alten Fotos kaum vermittelt. Nietzsche, lange Zeit ein intimer Freund der Familie war noch eng mit Cosima verbunden, als es im Verhältnis zu Wagner längst zu einem Bruch gekommen war. Wagner liebte sie - bezeichnend die Geschichte seiner Komposition der Tribschener Idyll" zu ihrem 32. Geburtstag. Er ließ 15 Musiker leise in der Frühe im Treppenhaus aufziehen und Cosima durch die Klänge der kleinen, ihr gewidmeten Symphonie wecken.

Zum Ende des Buches hin reflektiert der Autor das ambivalente Erbe Wagners. Für die Nationalsozialisten war er DER Komponist. Hitler hatte es bereits bei einer Aufführung des Rienzi" gepackt: Auch er würde einmal solch ein Volkstribun sein. Wagner selbst war freilich längst tot, als Hitler unter Schwiegertochter Winifred zum Stammgast in Bayreuth und Pate der Festspiele wurde. Doch auch theoretisch hatte Wagner Vorarbeit geleistet. In seiner Schrift Das Judentum in der Musik" bezeichnet Wagner das Jüdische als dem Deutschen zutiefst fremd, selbst wo es mit höchster künstlerischer Begabung einherginge wirke es doch als Antithese zur organisch gewachsenen, Gemeinschaft stiftenden und erhebenden deutschen Kunst und Kultur. In ähnlicher Weise ergoss sich auch sein Schwiegersohn Houston Steward Chamberlain in seinen Grundlagen des 19. Jahrhunderts", das bald nach Erscheinen zum Bestseller und Kultbuch avancierte. Millington geht recht ausführlich auf ihn ein. Wenngleich Chamberlain im Unterschied zu den Nazis nicht so sehr auf Blut und Rasse abstellt als auf kulturhistorische Prägung, wird er von diesen zum Starphilosophen erkoren. Hitler besucht ihn kurz vor seinem Tod persönlich - der Engländer ist regelrecht verzückt, sieht eine Lichtgestalt in ihm. Von der Hand zu weisen ist es somit nicht - Bayreuth wurde zu einem Hort des deutsch-nationalen Größenwahns und Antisemitismus.

Andererseits darf man wohl unterstellen, dass Wagner und selbst der feingeistige Chamberlain tiefen Abscheu vor dem Maß an Menschenverachtung empfunden hätten, zu dem sich der Nationalsozialismus schließlich auswuchs. Und es ist leider ein Fakt, dass sich Gedankengut wie es Wagner in seiner Schrift transportierte auch bei Voltaire und Kant, Herder und Hegel findet.

Wagners Tod im Jahr 1883 war schließlich so theatralisch wie sein ganzes Leben. Er hielt sich mit seiner Familie im von ihm geliebten Venedig auf. Es traf ein Brief von einer Verehrerin ein, die er kaum kannte. Cosima, in ausnahmsweise völlig unbegründeter Angst über eine neue Liebschaft ihres Mannes, machte diesem heftigste Vorwürfe. Dies regte Wagner so auf, dass er schließlich vor seinem Schreibtisch, an dem er gerade an einem Essay Über das Weibliche im Menschlichen" arbeitete, infolge einer konvulsivischen Herzattacke verstarb. Seine letzten geschriebenen Worte: Gleichwohl geht der Prozeß der Emanzipation des Weibes nur unter ekstatischen Zuckungen vor sich. Liebe - Tragik". Man überführte ihn nach Bayreuth. Den Trauerzug untermalten Klänge aus der Götterdämmerung".


Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens
Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens
von Martin Schleske
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Stradivari des 21. Jahrhunderts, 4. April 2013
Die New York Times kürte den Autor zu einem der größten Geigenbauer der Gegenwart, in Fachkreisen gilt er als der Stradivari des 21. Jahrhunderts". Wer meint, Geigenbau sei eine relativ langweilige, technische, bestenfalls Insider interessierende Sache, hat Martin Schleske noch nicht erlebt. Für diesen Mann ist sein Beruf Berufung, er übt ihn mit einer Liebe aus und erzählt davon mit einer Leidenschaft, die ansteckend wirkt und der man sich nicht entziehen kann.

Drei Lehrmeister, so Schleske, haben seine Arbeit geprägt - Guarneri del Gesu, Montagnana, Stradivari - alle drei herausragende italienische Geigenbauer des 17. bzw. 18 Jahrhunderts. Er selbst versuchte schließlich das Beste von allen zu vereinen und ihre Schwächen zu vermeiden.

Mit großer Leidenschaft und Neugier denkt der Autor auch über das Leben nach. Wie er sich beim Thema Geigenbau nie mit konventionellen Antworten zufrieden gab, so auch nicht in seinem Umgang mit existenziellen Fragen. Die Ruhelosigkeit seines Denkens, sein Zweifeln und Suchen führten den Autor auf den Weg zu und schließlich mit Gott. Es ist die Selbstzufriedenheit - sei es des scheinbar so augenfälligen, vermeintlich modernen Materialismus, sei es einer traditionsverhafteten, längst den lebendigen Gottesbezug verlorenen Religiosität, die Menschen ein Leben im Mittelmaß bescheren. Doch Mittelmaß ist des Autors Sache nicht.

Schleskes Arbeit lässt seinen Gedanken meditativen Raum. Und so entwickeln sich im Laufe der Jahre immer wieder Gedankengänge über das Menschsein und Christsein, über Gott und die Welt. Die verschiedenen Phasen und Schritte der Herstellung eines Instrumentes, das in seiner Einzigartigkeit und seinem Zuschnitt auf den Violinisten, für den es bestimmt ist, Menschen durch die Schönheit seiner Klangfarben verzaubert, werden ihm zum Gleichnis verschiedener Lebensphasen und Entwicklungsschritte, die einen Menschen zu einer einzigartigen, eben klingenden" Persönlichkeit werden lassen. Gott ist es, der mit unübertroffen meisterlicher Hand aus dem Menschen, der sich ganz Ihm anvertraut, das heraus holt, was in ihm ist, ihn zur Entfaltung und Völligkeit führt.

Für eine gute Geige bedarf es einer besonderen Sorte Holz. Gutes Klangholz, sog. Sängerstämme, finden sich v.a. unter den Bergfichten in Höhenlagen. Das Holz wächst hier langsam, unter widrigen Bedingungen. So mag es auch sein, dass Menschen unter den schwierigen Gegebenheiten ihrer Anlagen, ihrer Erfahrungen, ihres Umfeldes mühsame Entwicklungsprozesse zu durchlaufen haben und gerade dadurch zu ganz besonderen Persönlichkeiten werden.

Der Geigenbauer arbeitet die Geigenwölbung entlang der spezifischen Faserung heraus. Seine Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Gebotenem und Gegebenem. Er beachtet bestimmte physikalische Gesetzmäßigkeiten ebenso, wie die Spezifik des ihm vorliegenden Materials. So macht auch Gott in Christus aus Menschen keine unnatürlichen Heiligen, er schenkt ihnen vielmehr eine geheiligte Natürlichkeit.

Auch gutes Klangholz klingt nicht zwangsläufig. Es muss in der richtigen Weise eingefasst sein, sodass es optimal in seinen Klangzonen aktiviert, in Schwingung gebracht werden kann. So muss auch der Mensch seine Mitte und Berufung finden - gehalten in der Gnade, die ihm ein Leben in existenziellem Grundvertrauen ermöglicht, entfaltet in dem, was ihm als persönliche Begabung geschenkt ist.

Eine solche segensreiche Begabung und Berufung kann die Musik sein. Sie ist ein Geschenk des Himmels und kann dazu beitragen, das Innere des Menschen zu heilen. Schleske nimmt den Leser auch hinein in eine Schule des aufmerksamen Hörens. Im Loslassen der Lasten des Alltags und Ganzsicheinlassen" auf das Vorgetragene tun sich völlig neue Welten der musikalischen Wahrnehmung auf. So - mit ganzer Aufmerksamkeit soll sich der Mensch auch dem Wort Gottes stellen, für dessen schöpferische, leben schaffende, befreiende und veredelnde Kraft, die Musik in all ihrer Schönheit Gleichnis und Abbild ist.

Der Lack, der dem Instrument aufgetragen wird, hat Einfluss auf den Klang - aber natürlich auch auf die Optik. Dabei hat es einen besonders guten Effekt, wenn komplementäre Farben verwendet werden. So ist es mit dem geistigen Leben eines Menschen. Die Begegnung mit komplementären Gedankenwelten erweitert den Horizont und bereichert. So nimmt der tief von der christlichen Wahrheit ergriffene Autor immer wieder Bezug auf die griechische oder chinesische Philosophie und fördert auch hier manche Perle zeitloser Weisheit zutage.

In dieser Weise entwickelt der Autor noch viele weitere gleichnishafte Bezüge. Dabei ist Schleske weder Dichter, Philosoph noch Theologe. Das Buch ist weder große Poesie, noch akademisch geprägte Abhandlung. Mitunter wäre vielleicht weniger mehr gewesen, überstrapaziert der Autor die Allegorisierung. Aber gerade so wie es ist hat das Ganze etwas Glaubwürdiges, Authentisches und Originelles. Es ist diese Mischung aus lebendiger Ästhetik, sehr eigenständigem Denken, geistiger und geistlicher Tiefe, der Bodenständigkeit und Gründlichkeit des Handwerkers und natürlich der leidenschaftlichen Liebe zur Musik, die ihm seinen ganz besonderen Reiz verleiht. Man spürt, es ist nicht in der Schreibstube entstanden, sondern in der Werkstadt; nicht Bibliotheksluft durchweht die Zeilen, sondern der Geruch von Holz und Harz, Leim und Lack.

Sehr schön auch die Schwarz-Weiß-Fotografien von Donata Wenders, Ehefrau von Wim.
Ein außergewöhnliches Buch.


Gerechtigkeit: Wie wir das Richtige tun
Gerechtigkeit: Wie wir das Richtige tun
von Michael J. Sandel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,99

10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sokrates von Harvard, 26. März 2013
Der "Spiegel" nennt ihn den "Sokrates von Harvard", "China Newsweek" erklärt ihn zum einflussreichsten Ausländer des Jahres, die "Japan Times" zum intellektuellen "Rockstar", der Londoner "Observer" zu einem der prominentesten Morallehrer der Welt. Die "Zeit" schreibt: "Wenn Michael Sandel in Harvard über Gerechtigkeit philosophiert hört die Welt ihm zu". I.d.T.kann die Welt zuhören. Anders als deutsche Unis stellen amerikanische längst Vorlesungen ins Internet, für die man sich einschreiben kann. Sandels Vorlesung in Harvard ist eine davon. Er praktiziert dabei, worum es ihm geht: offener kontroverser Austausch über Fragen der Gerechtigkeit. Auch den Leser des Buches konfrontiert er gleich zu Beginn mit allerlei moralischen Zwickmühlen.

Im Jahr 1884 überlebten vier englische Seeleute einen Schiffbruch und retteten sich auf ein kleines Boot. Die Hilfe lies auf sich warten und Land war nirgends in Sicht. Dem verhungern nahe töteten und aßen drei von ihnen schließlich den ohnehin kränkelnden Schiffsjungen Richard Parker. Schließlich erschien ein Schiff und die drei verbleibenden Männer konnten gerettet werden.

Ein Team von vier US-Navy-SEALs hatte den Auftrag einen Taliban-Führer aus dem Umfeld Bin Ladens, der etwa 150 Mann befehligte, aufzuspüren. Als sie sich bereits dem Dorf genähert hatten, stießen sie auf zwei Ziegenhirten. Es gab keine Möglichkeit diese festzuhalten und so bestand die Gefahr, von ihnen verraten zu werden. Die Team-Mitglieder plädierten deshalb dafür, die Hirten zu töten - bis auf einen von Ihnen, M. Luttrell, der sich schließlich durchsetze. Sie ließen die Hirten laufen, wurden verraten und von einer Überzahl Taliban-Kämpfer aufgerieben. Nur Luttrell überlebte schwer verletzt und machte sich große Vorwürfe.

Aber Sandel nimmt auch auf weniger exzeptionelle, z.T. brandaktuelle Themen Bezug. Kann Folter (bspw. bei einer Kindesentführung oder einem drohenden Terroranschlag) gerechtfertigt sein? Wie steht es mit den staatlichen Hilfsmilliarden für Banken, die die Finanzkrise mitverursacht haben, und deren Mitarbeiter sich bald nach der Unterstützung wieder satte Boni gönnten? Wie gerecht ist der freie Markt - besonders wenn er in Katastrophengebieten - etwa nach einem Hurrikan oder Tsunami - die Preise für dringend benötigte Güter in die Höhe treibt?

Sandel behandelt verschiedene Ansätze der Moralphilosophie. Für den Utilitarismus ist Ziel allen Handelns das größtmögliche Glück - verstanden als Lustgewinn - der größtmöglichen Zahl. Die Idee ist bereits bei David Hume erkennbar, wird dann aber v. a. durch Jeremy Bentham philosophisch entfaltet. Bentham verfolgte das Anliegen, eine Art Lust-Index für sämtliche Verhaltensweisen bzw. -ziele zu erstellen, was dann die Ausarbeitung einer mathematisch exakten Ethik erlaubt hätte. Mit seinem unerschütterlichen Zweckrationalismus entwarf er Neuerungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Von ihm stammt auch die Idee des Panoptikon - ein Gefängnis mit gläsernen Zellen, in denen die Insassen rund um die Uhr beobachtet werden könnten.

Eine etwas feingeistigere Version des Utilitarismus entwickelte dann J. S. Mill. Geistige Genüsse waren für ihn höherwertig als rein physische, ein Bachkonzert also erstrebenswerter als ein Pub-Besuch. Lieber ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedenes Schwein", so brachte es Mill auf den Punkt. Außerdem dachte er langfristiger und umfassender. Er fragt bei einer bestimmten punktuellen Handlungsweise auch, was es bedeutet, wenn sich mit dieser allgemeine Erwartungen und Befürchtungen entwickeln bzw. diese Nachahmung in anderen Zusammenhängen findet.

In Benthams Konzept wird es bspw. schwierig, einen Mord zu verurteilen, wenn sich dadurch - etwa durch angeeignetes Vermögen - der Lebensgenuss eines oder gar vieler Menschen erhöht - so er denn möglichst schmerzfrei geschieht und keine leidtragenden Angehörigen oder Freunde da sind. Sandel führt die Massenvergnügen in den römischen Arenen an - auf Kosten einzelner Menschen, die einander töteten oder zum Fraß der Löwen wurden. Die utilitaristische Gesamtbilanz fiel dabei positiv aus. Mill würde hier jedoch auf die unterschwellige Angst verweisen, dass jeder selbst in die Opferposition geraten könnte, wenn dgl. nicht generell verboten ist.

Die Einwände gegen den Utilitarismus sind dennoch vielfältig. Nicht nur weil er auch die Grundmatrix aller totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts gebildet hat - in verschiedener Ausprägung wollte man das Paradies auf Erden verwirklichen und dabei waren Opferzahlen zweitrangig. Sandel bringt einige weitere Beispiele für Konsequenzen, Denk- und Handlungsweisen, die sich aus diesem Ansatz ergeben. So machte etwa der Tabakkonzern Philipp Morris 2001 von sich reden. Die tschechische Regierung wollte mit Hinweis auf die Kosten, die infolge des Zigarettenkonsums für das Gesundheitssystem entstehen, die Tabaksteuer drastisch erhöhen. PM legte der Regierung daraufhin eine Studie vor, die belegte, dass für die tschechischen Sozialsysteme vielmehr ein Kostenvorteil von jährlich 147 Mio. Dollar entstünde - durch das vorzeitige Ableben von Rauchern.

Auch Kant hält dem Utilitarismus entgegen, dass niemals der gesellschaftliche Gesamtnutzen das Kriterium eines Rechtssystems sein dürfe, sondern dies die unveräußerlichen Grundrechte des Individuums sein müssen. Überhaupt gäbe es eben sehr unterschiedliche, z.T. divergierende Vorstellungen davon, was ein Leben erfüllt und glücklich macht. Dem müsse man gerecht werden; jeder müsse die Freiheit haben sein Lebensglück auf seine ganz persönliche Weise zu verfolgen.

Der Libertarismus, vertreten z.B. durch den Philosophen R. Nozick, denkt ebenfalls konsequent vom Individuum her. Gerechtigkeit bedeutet, dass diesem ein Höchstmaß an Freiheit zugesichert wird. So könne es bspw. nicht Aufgabe staatlicher Institutionen sein, Einkommen umzuverteilen. Ohnehin führe dgl. nur zu einer Dezimierung von Leistungsanreizen und so zu einem Wohlfahrtsverlust für alle. Der Staat solle viel mehr dafür sorgen, dass Rechte und Chancengleichheit gewahrt bleiben, so dass jeder seine Fähigkeiten optimal einsetzen kann. Die sich dann ergebenden Unterschiede bezüglich der Stellung im sozialen Gefüge, beim Vermögen usw. seien durch den unterschiedlichen Leistungseinsatz und die auf Freiwilligkeit beruhende Bewertung und Prämierung gerechtfertigt. Wenn bspw. ein Tennisstar ein Jahreseinkommen in Millionenhöhe hat, dann deshalb, weil eine entsprechend große Zahl an Menschen ihn sehen möchte und völlig freiwillig in der einen oder anderen Form dafür zahlt. Wenn der Staat nun meint, er hätte das Recht, ihm einen Teil seines Einkommens in Form von Steuern wieder wegzunehmen, ist das für Nozick illegitim.

Das Einkommen wurde von dem Betreffende erarbeitet - somit läuft Besteuerung desselben auf staatlich veranlasste Zwangsarbeit hinaus; auf eine Form der Sklaverei. Das wird aus Nozicks Sicht auch nicht durch demokratische Gesetze legitimiert. Der Schutz des Privateigentums ist ein Grundrecht. Andere Grundrechte wie Religions- oder Meinungsfreiheit, körperl. Unversehrtheit etc. können auch nicht durch Mehrheitsbeschluss aufgehoben werden.

Bereits für John Locke gab es unveräußerliche Freiheitsrechte. Die Würde und Gleichheit der Menschen - auch der Gleichheit von Mann und Frau - leitet er aus 1. Mose 1, 27 ab. Der sich aus der Imago-Dei-Lehre ergebende Gleichheitsgedanke ist für Locke auch die Grundlage dafür, dass eine Regierung stets der Legitimation durch die Regierten bedarf. Auf diesem Hintergrund entwickelt er seine Theorie demokratischer Rechtsstaatlichkeit.

Der Gedanke gegenseitiger sozialer Verpflichtung ist bei Locke jedoch weit stärker ausgeprägt als bei den späteren Libertariern. Er argumentiert naturrechtlich. Das Recht auf Privateigentum ergibt sich für ihn einzig daraus, dass man dieses selbst produktiv erarbeitet hat. Generell sieht er die Rechte auf Freiheit und Eigentum durch die Freiheits- und Eigentumsrechte anderer beschränkt. Auch schuldet der Mensch sich selbst gewissermaßen seinen Mitmenschen, d.h. ebenso wie er nicht das Recht hat, anderen das Leben zu nehmen, so auch nicht sein eigenes. Das kommt dem Ansatz Kants und bereits sehr nahe.

Kant, so Sandel, versucht jedoch von einer theologischen Untermauerung, wie sie Locke praktizierte zu abstrahieren und eine Orientierung für das sittliche Handeln zu entwickeln, die allen Menschen unabhängig von ihren Glaubensüberzeugungen evident erscheinen muss. Die praktische Vernunft" erweist sich hierbei als Instrument der Regulation und Beherrschung des sinnlichen Begehrens, denn sie stellt alles Tun unter den Leitgedanken des kategorischen Imperativ": Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Da dieser Anspruch der Vernunft besteht, muss auch der Wille des Menschen frei und somit fähig, selbigem zu genügen, sein. Die Freiheit und Würde des Menschen findet für Kant gerade dann ihren höchsten Ausdruck, wenn dieser gegen seine Neigungen handelt.

Im Anschluss an Kant kommt Sandel auf John Rawls und dessen Theorie der Gerechtigkeit" zu sprechen. Rawls, dessen Ansatz auch egalitärer Liberalismus" genannt wird, geht in einem Gedankenexperiment davon aus, dass Menschen, die sich vor ihrer Geburt treffen würden - unwissend über die ihnen später im Leben gegebenen Vor- oder Nachteile in Bezug auf Chancen, Möglichkeiten und Fähigkeiten - das gemeinsame Anliegen hätten, dass der am schlechtesten gestellte durch die besser gestellten unterstützt werden sollte. Schließlich könnte es ja jeden von ihnen betreffen. Im realen gesellschaftlichen Leben sollte deshalb nach dieser Prämisse gehandelt und das Einkommen der Ärmsten durch Einkommenstransfer maximiert werden.

Aristoteles schließlich hat bei seiner Ethik einen ganz anderen Ansatz als die bisher behandelten Philosophen. Für ihn geht es darum, dass der Mensch sich seiner Natur und seinen Begabungen gemäß zum Nutzen der Gemeinschaft entfalten kann. Es geht um das gute, tugendhafte Leben, da nur dies - und nicht etwa wie Bentham glaubte die Lust - dem Menschen das Gefühl eines sinnvollen, glücklichen Daseins gibt. Tugenden erlange der Mensch durch gewohnheitsmäßige Einübung. Die Polis bietet die Plattform für die Entwicklung und Einübung sozialer Kompetenzen. Dabei wird auch deutlich, welche soziale oder politische Rolle dem einzelnen zuerkannt werden sollte. Auf dieser Grundlage behandelt Aristoteles auch das Thema Sklaverei. Für ihn war nicht jeder Mensch zum Freisein, zum eigenständigen Denken und zur selbstverantwortlichen Existenz geschaffen. Einige Menschen gingen im Dienen auf. Unmoralisch werde es allerdings dann, wenn Menschen gegen ihren Willen im Zustand der Sklaverei gehalten werden, dies offenbar ihrer Natur widerspräche.

Sandel kommt zu der überraschenden Erkenntnis, dass die moderneren Gerechtigkeitstheorien eigentlich hinter der des Aristoteles - dessen Überlegungen zur Sklaverei einmal ausgenommen - zurückbleiben, weil sie eben für viele - gerade in der Gegenwart brisante Fragen - kein Entscheidungskriterium beinhalten. Bevor man in Fragen sozialer Gerechtigkeit bzw. bei moralischen Problemstellungen entscheiden kann, muss man sich gemeinschaftlich darauf einigen, welche Ziele in der Gesellschaft insgesamt bzw. in der betreffenden Sache überhaupt verfolgt werden, welche Bedeutung man ihr beimisst, vor welchem Wertehintergrund man sie betrachtet. Deshalb bedarf es einer gesellschaftlichen Debatte, in der es auch möglich sein muss, religiöse Standpunkte einzubringen. Sandel zitiert in diesem Zusammenhang Präsident Obama:

"Die Verfechter des Säkularismus machen einen Fehler, wenn sie Gläubige auffordern, ihre Religion an der Tür abzugeben, wenn sie in die Öffentlichkeit treten. Frederick Douglass, Abraham Lincoln, William Jennings Bryan, Dorothy Day, Martin Luther King - ja die Mehrheit der großen Reformer in der Geschichte Amerikas - waren nicht nur durch ihren Glauben motiviert, sondern verwendeten wiederholt religiöse Sprache, um für ihre Sache einzutreten. Zu sagen, Männer und Frauen sollten ihre persönliche Moral" nicht in öffentliche politische Debatten einbringen, ist also in der Praxis eine absurde Forderung. Unser Recht ist definitionsgemäß eine Kodifizierung von Moral, die in der jüdisch-christlichen Tradition gründet."

MacIntyre, ein Hauptvertreter des Kommunitarismus, vertritt den Standpunkt, dass der Mensch seine Identität aus einer narrativen Erzählung entwickelt, die immer auch sein soziales bzw. gesellschaftliches Eingebundensein umfasst. Gesellschaft ist eben doch mehr als die Summe einzelner menschlicher Monaden. Daraus, so Sandel, ergibt sich aber auch die Notwendigkeit, gemeinsam über das "gute Leben" nachzudenken.

"Wenn eine gerechte Gesellschaft einen ausgeprägten Gemeinsinn erfordert, dann muss sie einen Weg finden, in den Bürgern die Sorge um das Ganze zu kultivieren - ihnen die Hingabe an das Gemeinwohl näher zu bringen. Gegenüber den Haltungen und Absichten, den Gewohnheiten des Herzens", die die Bürger ins öffentliche Leben einbringen, kann die Gesellschaft nicht gleichgültig sein. Sie muss versuchen, sich gegen vollkommen aufs Private reduzierte Vorstellungen vom guten Leben zu stemmen und staatsbürgerliche Tugenden zu pflegen." (S. 360-361)

Sandel schreibt unwahrscheinlich dicht, bringt eine Fülle von Beispielen, seine Argumentationsgänge sind sehr sophisticated". Man kann das Buch nicht quer lesen und es ist auch keine Gute-Nacht-Lektüre. Dennoch ist es Sozial- und Moralphilosophie für Jedermann - und dies auf einem Niveau, das seinesgleichen sucht.


Der Konfuzianismus
Der Konfuzianismus
von Hans van Ess
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Was du liebst, lass frei...", 26. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Konfuzianismus (Taschenbuch)
"...kommt es zurück, gehört es dir für immer." (Konfuzius)

Hans van Ess legt mit diesem Buch eine sehr lesenswerte Einführung in den Konfuzianismus vor. Besonders die Historie, die Einbindung der Lehren des Philosophen in das gesellschaftliche Leben wird detailliert geschildert. So wird auch viel Interessantes zur Geschichte bzw. Geistesgeschichte Chinas insgesamt vermittelt.

Konfuzius (eigentlich Kongfuzi) lebte wahrscheinlich von 551-479 v. Chr in China. Er war zunächst eine Art Gutsinspektor im Dienst eines Adelsgeschlechtes. Bereits mit 22 Jahren hatte er einen Jüngerkreis um sich versammelt. Er wanderte schließlich von einem Fürstenhof zum anderen, und versuchte dort Reformen anzustoßen, allerdings ohne Erfolg. Als er 50 war betraute man ihn mit einem höheren Beamtenposten, aber auch dies nur kurz. Mit 67 Jahren publizierte er die von ihm redigierten fünf alten Klassiker, die die Ordnungen des Kultusamtes der älteren Tschou-Zeit (1222-600 v. Chr.), in deren Wiederherstellung Konfuzius die Rettung des Staates erblickte (Historiographen, Musikmeister, Beamtentum), darstellten. Es handelt sich um das Buch der Wandlungen" (Yijing), das Buch der Lieder" (Shijing), das Buch der Urkunden" (Shujing), die Aufzeichnungen über die Riten" (Liji) und die Frühlings- und Herbstannalen" (Chunqiu).

Die Lehre der Klassiker wird von Konfuzius in ihrem Kernbestand bewahrt, doch auch in vielerlei Hinsicht modifiziert. Die Inhalte werden eher philosophisch-allegorisch interpretiert. Was in den Klassikern noch Kriegerethik war, wird bei Konfuzius allgemeinverbindlich. Er versammelt alle Tugenden unter dem Begriff der Menschlichkeit (Jen oder Ren), zu der hin sich zu entwickeln jedermanns Ziel sein muss. Herrscher legitimieren sich nicht automatisch durch ihre Abstammung sondern durch Bildung und weises Handeln. Wie die Beamten, sollen sie geschult werden. Darüber hinaus plädiert Konfuzius für schulischen Unterricht für alle Heranwachsenden.

Nach wie vor ist der Himmel in der Lehre des Konfuzius ein zentraler Begriff, und auch bei ihm hat dieser - wenngleich abstrakter gefasst - personal-göttliche Züge. Er begegnet dieser Schicksalsmacht mit tiefer Ehrfurcht. Dem Himmel ist der Mensch sittlich absolut verantwortlich. Es sind die Ordnungen und Gebote des Himmels, denen sich Herrscher, Minister und Volk unterzuordnen haben, wenn das individuelle Leben wie das der Gemeinschaft sich gedeihlich gestalten soll. Herrscher kann nur sein, wer das Mandat des Himmels hat und nur bleiben, wer seiner Berufung und Sendung gemäß regiert. Denn der Himmel schützt, erhält und regiert alles. Schöpferisch ist der Himmel in konfuzianischer Sicht im Verein mit der Erde. Weisheit bedeutet, den Willen, die Ordnungen des Himmels zu erforschen bzw. zu erkennen und ihnen unerschütterlich zu folgen aber auch im Einklang mit der Erde zu stehen bzw. zu handeln. Dies gilt auch dann, wenn die Gerechtigkeit dem Gerechten zum Nachteil zu gereichen und der Ungerechte zu triumphieren scheint. Die Theodizee-Frage beschäftigt Konfuzius sehr, doch steht sein Schluss fest: Auch die Widrigkeiten und das Leid wirken sich im Leben des Gerechten zum Guten aus, formen seine Persönlichkeit.

Die Opferbestimmungen der überlieferten chinesischen Religion übernimmt Konfuzius, verhält sich ihnen gegenüber aber eher indifferent. Man solle überirdische Wesenheiten ehren, sich aber fern von ihnen halten. Dies gelte auch in Bezug auf die Ahnenverehrung. Was das Fortleben der Seele nach dem Tod betrifft, äußert sich Konfuzius verhalten. Die Seele bestehe aus einem luftartigen und einem materiellen Teil, beim Tode würde sich beides trennen.

Die Ethik des Konfuzianismus ist im Wesentlichen Beziehungsethik. Er zeigt gesellschaftliche Strukturen auf, in die es sich unbedingt zu fügen gilt, da sie den Rang einer himmlischen Ordnung erhalten. Vom Herrscher bis zum kleinen Kind ergibt sich so eine Hierarchie abgestufter Autorität und Loyalität. Herausgestellt werden sie fünf Beziehungen", zwischen Fürst und Staatsdiener, Vater und Sohn, Mann und Frau, älterem und jüngerem Bruder, älterem Freund und jüngerem Freund. Es geht hier zunächst um die Ehrerbietung des jeweils letzt- gegenüber dem erstgenannten. Doch auch der höhere Platz in der Hierarchie muss durch moralische Integrität legitimiert werden. Zu all dem aber bedarf es der Weisheit und Erkenntnis.

"Wenn die Alten die lichte Tugend offenbar machen wollten im Reiche, ordneten sie zuvor den Staat; wenn sie den Staat ordnen wollten, regelten sie zuvor ihr Hauswesen; wenn sie ihr Hauswesen regeln wollten, vervollkommneten sie zuvor ihre eigene Person; wenn sie ihre eigene Person vervollkommnen wollten, machten sie zuvor ihr Herz rechtschaffen; wenn sie ihr Herz rechtschaffen machen wollten, machten sie zuvor ihre Gedanken wahrhaftig; wenn sie ihre Gedanken wahrhaftig machen wollten, vervollständigten sie zuvor ihr Wissen."1

Wie bereits erwähnt, war Konfuzius zu Lebzeiten nicht das von ihm gewünschte Maß an Erfolg beschert, bei dem Versuch, seine Zeitgenossen zur Umsetzung seiner Lehre zu bewegen. Diese war über Jahrhunderte schlicht eine neben vielen anderen, sich z. T. erheblich widersprechenden. Hauptkonkurrenten wurden der Taoismus und - wenn auch in weit geringerem Maße - die Lehre Motis, nach der das Universum von einem liebenden Gott regiert wird, der auch die Menschen dazu aufruft, einander zu lieben. Dennoch wurde Konfuzius mit der Zeit in wachsendem Maße rezipiert. Auch in den umliegenden Ländern, in Japan, Korea und Vietnam, breitete sich die Lehre des großen Meisters" aus.

Einen wirkmächtigen Vertreter fand der Konfuzianismus im 4./3. Jahrhundert v. Chr. in Menzius (Mengzi). Ein wesentlicher Zug seiner Lehre war die Betonung einer primär guten Natur des Menschen, die es zu fördern und sich entfalten zu lassen gelte. Dem setzte ein halbes Jahrhundert später Xunzi die Auffassung entgegen, dass es immer eine menschliche Tendenz zum Sittenverfall gäbe. Der Mensch ist von Natur aus gerade nicht gut, deshalb, so Xunzi, hat eine entsprechende Erziehung und rituelle Disziplinierung einen herausragenden Stellenwert.

In der Han-Zeit (207 v. Chr. bis 220 n. Chr.) wurde der Konfuzianismus dann jedoch zur Staatsdoktrin. Das Lunyu (Gespräche) des Konfuzius wurde zum Maßstab in allen Fragen der Politik, Gesetzgebung, Moral, Philosophie, Kultur und Pädagogik. Alle Beamten mussten in Prüfungen ihre Kenntnis derselben nachweisen. Darüber hinaus begann man, Konfuzius wie eine Gottheit zu verehren, Statuen von ihm in Tempeln aufzustellen und ihnen zu opfern. Vom 3. Jahrhundert n. Chr. an wurde der Konfuzianismus durch den Taoismus und den Buddhismus streckenweise verdrängt. Erst im 10. Jahrhundert gelangte er mit dem Neokonfuzianismus" wieder zur Blüte. Dieser nahm freilich bereits zahlreiche taoistische und buddhistische Elemente in sich auf. Es fand eine differenziertere Kanonisierung konfuzianischer Klassiker statt. Im Zentrum standen dabei die Vier Bücher": Gespräche" des Konfuzius (Lunyu), das Buch Mengzi (Menzius), Große Lehre" (Daxue, Ta-hsueh), Maß und Mitte/Das Einhalten der Mitte" (Zhongyong).

Vom 18. Jahrhundert an erlebte der Konfuzianismus einen Niedergang, was wesentlich mit der Okkupation des Kaiserthrones durch Fremddynastien (Mongolen und Mandschu) aber auch mit dem einsetzenden Einfluss des Westens zusammenhing. Dennoch - die Moralvorstellungen der chinesischen Gesellschaft wurden bzw. sind in hohem Maße durch den Konfuzianismus geprägt. Man würdigt den Meister, weil seine Lehre über Jahrhunderte Tugenden wie Menschlichkeit, Rechtschaffenheit, Sittlichkeit, Weisheitsliebe, Vertrauenswürdigkeit, Loyalität, Kindespietät, Bruderliebe, Mut sowie die Möglichkeit einer konstruktiven Einstellung zu Leid und Schicksalsschlägen vermittelt hätte. Andererseits erfährt die Lehre immer wieder auch Kritik, da sie mit ihren hierarchischen Unterordnungsforderungen natürlich auch zur Verfestigung gesellschaftlicher Unrechtsverhältnisse genutzt werden konnte, wurde und - so muss man wohl in Anbetracht der staatlich geförderte Renaissance des Konfuzianismus im gegenwärtigen China sagen - auch wird.


Hitler, Buddha, Krishna - eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute
Hitler, Buddha, Krishna - eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute
von Victor Trimondi
  Gebundene Ausgabe

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Entschlossenes Handeln am Rande des Wahnsinns", 26. März 2013
Die Autoren legten hier ein durchaus interessantes Buch mit einer großen Materialfülle vor. Nicht selten wirken dabei Zusammenhänge konstruiert. Es gibt allerdings auch vieles, was interessante Aspekte der Nazi-Ideologie zutage fördert. Dass viele hochrangige Nationalsozialisten Okkultisten und Esoteriker waren, begeistert von germanischer Mythologie und fernöstlicher Religion ist bekannt.

Unter ihrem damaligen Rektor Walther Wüst (1941-1945) war die LMU - München eine Hochburg faschistischer Buddhismusrezeption. Asiatische Philosophien und Religionsmuster sollten die Grundlage für einen religiösen Nationalsozialismus mit der SS als heiligem Kriegerorden im Zentrum bilden. Der Orientalist Wüst, unter dessen Rektorat die Geschwister Scholl festgenommen und enthauptet wurden, war gleichzeitig der Kurator des berüchtigten SS-Ahnenerbes und dessen führender akademischer Kopf."

Der Mann, der dgl. in besonderer Weise beförderte, war Heinrich Himmler. Himmler war fasziniert von östlichen Religionssystemen: "Ich bewundere die Weisheit der indischen Religionsstifter, die von ihren Königen und höchsten Würdenträgern verlangten, dass sie sich jedes Jahr für zwei bis drei Monate zur Meditation in ein Kloster zurückzogen. Solche Einrichtungen werden wir später auch schaffen."

Wie viele führende Nazis - Hitler eingeschlossen - war Himmler ein großer Tierfreund: "Es hat mich außerordentlich interessiert, neulich zu hören, dass noch heute die buddhistischen Mönche, wenn sie abends durch den Wald gehen, ein Glöckchen bei sich tragen, um die Tiere des Waldes, die sie zertreten könnten, zum Ausweichen zu veranlassen, damit ihnen kein Schaden zugefügt wird. Bei uns aber wird auf jeder Schnecke herumgetrampelt, jeder Wurm wird zertreten"

Besonders begeistert war Himmler von der Bhagavadgita, die er angeblich immer bei sich trug. Eine Passage in Gesang IV deutete er als Prophezeiung auf den Führer hin: "Sooft der Menschen Sinn für Recht und Wahrheit verschwunden ist und Ungerechtigkeit die Welt regiert, werd' ich aufs Neu geboren, so will es das Gesetz. Ich trage kein Verlangen nach Gewinn." Diese Stelle" so Himmler, "ist direkt auf den Führer zugeschnitten. Er entstand uns aus der tiefsten Not, als es mit dem deutschen Volk nicht mehr weiter ging, er gehört zu den großen Lichtgestalten. [...] Eine der ganz großen Lichtgestalten hat in ihm ihre Inkarnation gefunden."

In der Bhagavadgita gibt es i.d.T. haarsträubende Passagen, die auch bei noch so genauer Beachtung des Kontextes nicht in milderem Licht erscheinen. Natürlich verstand und versteht man sie in der hinduistischen Praxis zumeist als Allegorie. Nicht so jedoch die Nazis.

Manche Lehrinhalte und Bilder aus dem martialischen Gedicht", so das unter dem Pseudonym Trimonti publizierende Autorenpaar, waren geradezu prädestiniert für ein metaphysisches Selbstverständnis der SS: "Der Krieg als Selbstzweck" -"Krieg und Massenmord als selbstgewählte Schuld" - "Der Krieger und die absolute Gefühlskontrolle" - "Die Sakralisierung der Grausamkeit" - "Die Kriegerkaste als gesellschaftliche Elite".

So belehrt der Gott Krishna den Pandaverfürsten Arjuna, dem auf dem Schlachtfeld tiefe Skrupel befallen, da sich unter seinen Gegnern viele Vertraute bzw. Verwandte befinden über den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens. Die Unterscheidung zwischen Tod und Leben entspringe nur einer Illusion. Darum: "Was einer begeht und begehen lässt: wer zerstört und zerstören lässt, wer schlägt und schlagen lässt, wer Lebendiges umbringt, Nichtgegebenes nimmt, in Häuser einbricht, fremdes Gut raubt: Was Einer begeht, er ladet keine Schuld auf sich - Und wer da gleich mit einer scharf geschliffenen Schlachtscheibe alles Lebendige auf dieser Erde zu einer einzigen Masse Brei machte, der hat darum keine Schuld, begeht kein Unrecht."

Auch bei manchen Richtungen des Buddhismus (sicherlich nicht bei Siddhartha Gautama selbst) gibt es Lesarten, die eine Art Kriegerspiritualität entwickeln, die es in sich hat.

Kaum bekannt im Westen ist die enge Verknüpfung des Zen-Buddhismus mit der Bushido-Philosophie. Die Samurai waren Zen-Buddhisten, die mit dem Schwert kämpften. Alle Sekten des japanischen Zen-Buddhisten haben sich zu ihrem faschistischen Staat bekannt. Krieger Zen" - Die Einheit von Zen und Schwert" - Buddhismus des kaiserlichen Weges" - Reichs Zen" - Soldaten Zen" - Samurai Zen" - galten als Schlagworte der 30er und 40er Jahre. So betonte der Altmeister der Zen-Philosophie, Daisetz Tetaro Suzuki, damals ein Ideologe des Militärfaschismus, dass im Bushido alle moralischen Regelsysteme zerbrechen: Diese Kräfte können manchmal teuflisch sein; jedenfalls aber gehen sie über das hinaus, was man gemeinhin für menschenmöglich hält, und wirken Wunder."

Die japanischen Shinto-Faschisten initiierten im Vorfeld und während des 2. WK eine Samurai-Renaissance. Die Autoren zitieren Professor Takao Mukoh, der das Hagakure ins Englische übersetzt hatte: Kein Buch wurde in Japan seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges mehr verdammt als das Hagakure, weil es als Mittel missbraucht worden sein soll, die japanische Jugend zu ermutigen, sich in der verzweifelten Endphase des Krieges blind in den Tod zu stürzen, und zwar durch die klassische Stelle: ,Bushido - der Weg des Samurai, so habe ich herausgefunden, liegt im Sterben."

Der literarische Klassiker der japanischen Samurai-Kultur wurde im 18. Jahrhundert von Tsunetomo Yamamoto verfasst und stellt eine Art Krieger-Katechismus dar. Die Kamikaze-Mentalität hat hier ihre geistigen Wurzen. So heißt es etwa: Nichts ist befriedigender, als in einer Schlacht getötet zu werden." Todesverachtung ist die Basis furchtlosen Einsatzes Krieg erfordert entschlossenes Handeln am Rande des Wahnsinns". Stell dir jeden Morgen aufs neue vor, dass du bereits tot bist." Skrupeln und Bedenken darf hier kein Raum gewährt werden: Wenn es dazu kommt, einen anderen zu erschlagen, dann stelle keine rationalen Überlegungen an."

Gekämpft wird bis zum letzten Atemzug: Junge Männer sollen immerzu ihren Mut fördern. Das gelingt, wenn ihr den Mut
verinnerlicht. Wenn dein Schwert zerbricht, schlag mit den Händen zu. Wenn deine Hände abgehauen werden, drücke den Feind mit den Schultern zu Boden. Wenn deine Schultern abgeschlagen werden, durchbeiße mit den Zähnen zehn oder 15 Nacken der Feinde. Das ist echter Mut."

Hier tat sich eine spirituell-geistige Ressource auf, den auch die Nationalsozialisten zu nutzen wussten. Während des zweiten Weltkrieges stieß Bushido (der Weg des Kriegers") auf ein eminentes Interesse im Dritten Reich. Das Land wurde mit kulturellen Veranstaltungen und Publikationen (Filme, Bücher, Theaterstücke, Empfänge, Artikel, Vorträge, Ausstellungen, Fotoberichte), die den Samurai-Kult zum Inhalt hatten, geradezu überschwemmt. Heinrich Himmler verfasste persönlich für eine Broschüre über die Samurai das Vorwort, worin er die Geistesdisziplin der japanischen Kriegerkaste als Vorbild für den eigenen Orden" pries. Er ließ dieses Büchlein" in einer Auflage von 52. 000 Exemplaren in der SS verteilen."
Auch das Gefolgschaftspathos des Bushido ließ sich gut für die SS-Ideologie verwerten.

Glorifiziert wird hier die totale Aufgabe des Ichs und der eigenen Persönlichkeit, die Negation der Seele, die bedingungslose Unterordnung unter den Patriarchen (Guru), die völlige Kontrolle über die eigenen Gefühle bis hin zur Emotionslosigkeit, im Bushido die Verachtung des Körpers, die Verherrlichung des Todes, der Krieg als Erleuchtungsweg und die absolute Treue gegenüber dem Gefolgsherrn."

Im letzten Teil des Buches zeigen die Autoren, welche Verbreitung die genannten Werke auch in der Gegenwart in der mit vielen esoterischen Elementen durchsetzen Ideologie der Neo-Nazi-Szene haben.


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