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F. Grossmann
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Weltmacht Indien
Weltmacht Indien
von Olaf Ihlau
  Broschiert
Preis: EUR 11,95

5.0 von 5 Sternen Land der krassen Gegensätze, 4. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Weltmacht Indien (Broschiert)
Indien ist mit seinen 1,2 Mrd. Menschen nach China das bevölkerungsreichste Land der Erde. 2050, so rechnen Demographen, wird es China überholt haben. Indien ist jung - 50% der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Die Größte Minderheit bildet mit 150 Mio. Menschen die muslimische Bevölkerung. Rund 70 % der Gesamtbevölkerung lebt - v.a. in den ländlichen Regionen, aber auch in den riesigen Slums der Millionenstädte - in sehr armen Verhältnissen.

Für die etwa 300 Mio. starke Mittel- und Oberschicht hingegen hat sich die Situation in den letzten Jahren z.T. sehr erheblich verbessert. Nach Gandhis Unabhängigkeitskampf und Nehrus Staatsgründung hatte Indien zunächst einen eher sozialistisch orientierten Weg eingeschlagen. Lange Zeit war das Land durch den alles durchdringenden Staatsdirigismus ökonomisch wie gefesselt - ein typisches Drittweltland mit Epidemien und Hungersnöten, regelmäßigen Ausfällen der Strom- und Wasserversorgung, miserablen Telefonverbindungen. Als dann der Ostblock zusammenbrach, fand auch in Indien eine Umorientierung statt. Mit Nachdruck wurde nun eine wirtschaftlichen Liberalisierung betrieben. Seit dem erlebt das Land einen rasanten Aufschwung. Die Wachstumsraten der letzten Jahre liegen regelm. bei 8-10%. Für die nächste Dekade waren zur Zeit der Abfassung des Buches Investitionen in die marode Infrastruktur (Straßen, Telekommunikation, Strom- und Wasserversorgung, Melioration u.ä.) i.H.v. 440 Mrd. USD geplant.

Indien gilt als Back-Office der Welt. Westliche Unternehmen outsourcen und halten sich riesige indische Call-Center, nehmen aber auch weit qualifiziertere Leistungen in Anspruch. Und dies zu günstigsten Konditionen. Die Tagessätze von Software-Beratern, so der Autor, lägen im Westen bei 600-700 , die indischer IT-Spezialisten hingegen bei 150-200 .

Bangalore gilt als das Silicon Valley Asiens. Westliche Hochtechnologiefirmen wie SAP, IBM, Microsoft investierten hier Milliarden. Weitere Zentren boomender Industrialisierung sind Hyderabad, Bombay, Delhi. Längst hat Indien Software-Unternehmen von Weltrang: Infosys, Wipro, TCS (Tata Consulting Services). Ebenso baut Indien auf höchstem Niveau Werkzeugmaschinen, Telefone, Flugzeuge. Weitere Schwerpunkte sind Bio- und Gentechnologie, Pharmakologie, Medizintechnik. Nicht zu vergessen: Lakshmi Mittal - Rang 21 der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt - führt mit ArcelorMittal den mittlerweile weltgrößten Stahlkonzern.

In mancherlei Hinsicht profitiert Indien von seiner kolonialen Vergangenheit. Die Briten beherrschten den indischen Subkontinent rund 150 Jahre lang. Nach der Unabhängigkeit kam es zur Abspaltung der muslimisch dominierten Teile - Pakistan und Bangladesch. Das Commonwealth hinterließ dem vielsprachigen Land die englische Einheitssprache, sowie ein gutes Rechts-, Verwaltungs- und ansatzweise gutes Bildungssystem. Auf der Basis des letzteren gründete Nehru dann von Anfang der 1950er Jahre an etliche Colleges und Unis, auch Eliteuniversitäten nach westlichem Vorbild. Jedes Jahr verlassen 500.000 Ingenieure, Informatiker, Techniker indische Ausbildungsstädten - 12,5 mal mehr als deutsche. Anderseits sind nach wie vor 40 % der Bevölkerung Analphabeten.

Indien ist ein Land krasser Gegensätze - neben einem boomenden Tempelkomplex leben Menschen in Lumpen auf einer Art Mülldeponie, neben hochmodernen Atommeilern findet Landwirtschaft mit dem Holzpflug statt, in der Nachbarschaft von Hangars für Weltraumraketen liegen Wasserversorgungssysteme lahm. Das Land ist nach Japan die asiatische Nation mit dem meisten Milliardären - und mit den meisten Menschen in bitterer Armut. Indien ist eine rechtsstaatliche Demokratie mit formell breiter Akzeptanz, informell regiert jedoch das Kastenwesen. Angehörige niederer Kasten mag man in der Politik akzeptieren; in der eigenen Nachbarschaft oder gar durch Einheiraten in die Familie aber nicht.

Gemäß Rigveda gibt es vier Kasten, die sich historisch wohl v.a. am Kriterium der Hautfarbe festmachten - ein rassistisch-religiöses, von den hellhäutigen Ariern, die im zweiten Jahrtausend v. Chr. einwanderten, zur Unterdrückung der indigenen, dunkelhäutigen Drawiden geschaffenes System: Brahmanen - Gelehrte und Priester, Kshatriyas - Krieger und Adel, Vajshyas - Bauern und Händler, Shudras - Handwerker, Leibeigene und Arbeitssklaven. Kastenlose, Unberührbare, Unreine, Parias sind: Kulis, Prostituierte, Kriminelle, Weber, Wäscher, Schlächter - immerhin 18 % der Bevölkerung. Ebenso wie Angehörige der unteren Kaste sind sie im Alltag so gut wie vogelfrei: Leibeigentum, Schuldknechtschaft, Brandmarkung, Folter, Lynchjustiz schon bei Kleinkriminalität oder Verstößen gegen die Kastenordnung sind an der Tagesordnung - die Polizei sieht oft genug weg. Sowie sich die Götter Indiens ständig vermehrten, so auch die Unter- und Nebenkasten (etwa 3000).

Die jüngsten Medienberichte machten es deutlich - Vergewaltigungen sind in Indien an der Tagesordnung. Streng Verboten, strafrechtlich bedroht und dennoch praktiziert sind Kinderehen, Mitgiftmorde, Witwenverbrennungen, millionenfache vor- und nachgeburtliche Tötungen weiblicher Nachkommen. Letzteres ist keineswegs mit Tradition erklärbar, findet im Gegenteil überwiegend in der hedonistisch-westlich orientierten Mittelschicht statt. Den Menschenrechtsaktivisten dieser Welt ist diese Katastrophe kaum einen Protest wert.

Kinder aus der armen Bevölkerungsmehrheit haben es oft besonders schwer. Oft müssen sie unter übelsten Bedingungen Zigarren rollen, klöppeln, in Textilfabriken schuften, Teppiche knüpfen, Diamanten schleifen. Kleine Mädchen werden erst zu jungfräulichen Tempeldienerinnen gemacht, dann wenn sie älter sind zu Sexsklavinnen.

Steinzeitliche Bergstämme und extreme hinduistische Sekten (Bsp. Aghora) trinken aus menschlichen Schädeln, verzehren Exkremente und Menschenfleisch von im Ganges treibenden Leichen, wälzen sich in Totenasche, praktizieren Sex mit Toten - kurzum sie tun gerade das, was als unrein und ekelerregend gilt, um so auf dem Pfad zu Erleuchtung und Erlösung alle irdischen Empfindungen und Anhaftungen zu überwinden.

Okkultismus, Obskurantismus, Esoterik, Aberglaube boomen - Geistern und Göttern wird mit Räucherstäbchen und anderen Gaben geopfert - um sich mit ihnen gut zu stellen. Vor Entscheidungen werden Astrologen bzw. Horoskope befragt - auch auf höchster politischer Ebene. Gurus, Sadhus und Yogis wie Sri Sri Ravi Shankar, Sai Baba, Maharishi Yogi, Bhagwan Shree Rajneesh mit seinen 90 Rolls-Royces sammelten und sammeln Millionen Anhänger um sich.

Der Hinduismus gilt vielen als Paradebeispiel eine toleranten Religion. Doch auch in Indien gibt es das Phänomen eines militanten Fundamentalismus. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy redet von einem regelrechten "Hindu-Faschismus", der sich in immer stärkerem Maße breit machen würde. Eine "Blüte" hatte dieser de facto unter A. B. Vajpayee erlebt. Regelmäßig kam es zu brutalen Ausschreitungen gegen Muslime, aber auch gegen Christen. Muslime ihrerseits traten oft ebenfalls sehr militant auf - so bspw. in Godhra, wo sie einen Zug in Brand gesteckt hatten, in dem dann 58 Hindus verbrannten. Hindus antworteten darauf mit anti-muslimischen Pogromen in der Provinz Gujarat.

Hinduisten sehen in anderer Religionen keine theologische Bedrohung. Sie haben keine Schwierigkeiten, in ihren Götterpantheon eine weitere Gottheit aufzunehmen, bzw. Identifikationen mit hinduistischen Göttern vorzunehmen. Die Gefahr wird vielmehr im Bereich der Sozialordnung gesehen. Die fremde Ethik ist meist mit dem kosmischen Dharma unvereinbar.

In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstand die Bewegung, die im engeren Sinne als politischer Hindu-Fundamentalismus eingestuft wird. Als einer der Väter gilt Vinayak Savarkar (1883-1966), der 1923 ein Buch mit dem Titel Hindutva. Who is a Hindu" veröffentlichte. Grundtenor: Indien den Hindus - das goldene Zeitalter des Landes endete mit dem Eindringen des Islam; der Niedergang verfestigte sich mit der Herrschaft der christlichen Kolonialmächten.
Im Jahr 1925 wird dann auf dieser ideologischen Grundlage von Keshav Baliram Hedgewar den RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh - Nationale Freiwilligen-Gruppe) gegründet. Gerichtet war die elitäre militärische Organisation zunächst v.a. gegen Gandhis Politik der Gewaltlosigkeit. Der RSS machte dabei aus seiner Bewunderung für Hitlers Politik der völkischen Reinheit kein Hehl.

Etwas moderater gibt sich die BJP (Bharatiya Janata Party), eine aus dem RSS hervorgegangene 1951 als Bharatiya Janata Sangh gegründete Parteienbildung. Sie verfolgt jedoch de facto die gleichen Ziele. Von 1998-2004 stellte sie die Regierung. Ähnlich ausgerichtet wie die BJP, nur militanter und gewaltbereiter, ist die 1966 gegründete Partei Shiv Sena (Armee Shivajis).

Politisch brisant ist der militante Hinduismus natürlich auch im Verhältnis zum muslimischen Nachbarstaat Pakistan. Beide Staaten sind im Besitz von Atomwaffen. Territoriale Streitigkeiten bestehen seid Jahren in Bezug auf die Kashmir-Region.

Wer das im Westen zuweilen so verklärte Indien samt real existierendem Hinduismus aus eigener Erfahrung kennt, weiß um den von Ihlau beschriebenen Mix aus Abstoßendem und Faszinierendem, der einem in diesem Land begegnet. In einer förmlich aufgeheizten Atmosphäre und flirrenden Betriebsamkeit stößt man auf beeindruckend ehrgeizige Dynamik und haarsträubende Nachlässigkeit, auf wache, hoch informierte Gesprächspartner und abgestumpftes, ausgegrenztes Leben, auf liebenswerte Herzlichkeit, wie auf Lüge, Korruption und Betrug, auf hohe ethische Ideale im unmittelbaren Umfeld, sowie auf Ignoranz und Kaltherzigkeit gegenüber Menschen, die nicht zur eigenen Lebenswelt gehören.

Ihlau hat aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit Einblicke in diese Kultur gewinnen können, die kürzeren Aufenthalten verwehrt bleiben. Das Buch ist sehr empfehlenswert.


Ab auf die Couch!: Wie Psychotherapeuten immer neue Krankheiten erfinden und immer weniger Hilfe leisten
Ab auf die Couch!: Wie Psychotherapeuten immer neue Krankheiten erfinden und immer weniger Hilfe leisten
Preis: EUR 13,99

20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Plaedoyer für eine neue Sicht psychischer Probleme, 4. Juni 2013
Ähnlich wie der amerikanische Autor Allen Frances kritisiert Mary im Vorfeld der Veröffentlichung des neuen Diagnose-Handbuchs der American Psychiatric Association (engl.: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders oder abgekürzt: DSM), dass die Messlatte für die Einstufung psychisch krank" sehr niedrig gelegt wird.

Genussmittelmissbrauch kann nun bereits als pathologisch eingeordnet werden, wenn die klassische Suchtsymptomatik - Kontrollverlust, Entzugserscheinungen - noch nicht vorliegt. Was der Volksmund Fressattacken" nennt, rangiert im DSM 5 unter Binge Eating Disorder. Auch die Sammelleidenschaft wird zur Krankheit: Hoarding Disorder als Sonder-Form der Obsessive-Compulsive Disorder. Kinder werden wiederum mit einer neuen Diagnose bedacht, der Disruptiven Launenregulationsstörung". Bislang bezeichnete man dies einfach als Trotzphase".

Bei der Diagnostik von Depressionen fällt nun die Bereavement Exclusion weg. Bisher hatte man die Trauer nach einschneidenden Verlusterlebnissen, etwa Tod des Partners, als normal und geradezu notwendig für die Vermeidung krankheitswertiger Depressivität angesehen. Inzwischen sieht man es eher umgekehrt: dauert die Trauer länger als 2 Wochen an, drohe eine Chronifizierung.

Für jeden etwas dabei - zumal, wenn man im an vielen Stellen neu integrierten Skalierungsschema denkt - ist auch unter den Persönlichkeitsstörung: paranoid, schizoid, schizotypisch, antisozial, borderline, histrionisch, narzistisch, sozial vermeidend, abhängig, obsessive-zwanghaft. Der Tiefenpsychologe Fritz Riemann betonte in seinem äußerst lesenswertem Standardwerk Grundformen der Angst" noch, dass de facto jeder Mensch eine gewisse, mehr oder weniger ausgeprägte Schlagseite in Richtung der einer oder mehrerer der vier von ihm erläuterten Grundtypen hat: schizoid, depressiv, hysterisch, zwanghaft. Dies berge Anfälligkeiten, die man realistisch sehen sollte, aber auch Potenziale: scharfsichtig, analytisches Denken, ausgeprägte Empathie, Risiko- und Innovationsfreude, Genauigkeit und fachliche Akribie. Von einer so gearteten differenziert-dynamischen Sichtweise ist das DSM inzwischen weit entfernt: es gibt hier nur noch mehr oder weniger krank.

Das Parade-Beispiel dafür, welche weitreichenden Folgen die Definition neuer Krankheitsbilder haben kann, ist ADHS - eine Diagnose, die in dieser Form erstmals mit dem DSM IV etabliert wurde. Vor 20 Jahren gab es etwa 1500 ADHS-Fälle pro Jahr, heute sind es 700.000. Im Jahr 1993 wurden in Deutschland 34 kg Ritalin verordnet, 2003 693 kg, 2012 1839 kg. Allein Novartis verdiente 2012 mit Ritalin über 420 Millionen Euro. Dazu passt, dass Untersuchungen zufolge mehr als die Hälfte der Autoren zur Problematik ADHS in irgendeiner Weise auf Gehaltslisten der Pharmaindustrie stand.

Im Hintergrund von Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität können ganz verschiedene Dinge stehen. In vielen Fällen, wäre es wichtig, sich das soziale Umfeld des Kindes anzusehen, ihm zuzuhören, Schul- oder Freizeitstrukturen zu verändern, familiäre Probleme zu bearbeiten. Stattdessen wird es psychopharmazeutisch sediert. Dazu passen die Versuche, für die Sammeldiagnose eine allgemeine hirnorganische Ursache zu belegen.

Oft ist in diesem Zusammenhang von der PET-Studie Alan Zametkins von 1990 die Rede, die mit dem Ergebnis aufwartete, dass sich bei hyperaktiven Erwachsenen, die Eltern ebenfalls hyperaktiver Kinder waren, in bestimmten Hirnarealen ein verhältnismäßig niedriger Glukosestoffwechsel zeigte. Kinder wollte man damals nicht direkt untersuchen, da es Bedenken angesichts der hohen Strahlenbelastung gab. Drei Jahre später holte Zametkin dies jedoch nach. Das Ergebnis: es zeigten sich keine greifbaren Unterschiede im Hirnstoffwechsel von ADHS-Kindern und solchen ohne diese Diagnose. Als eine Forschungsgruppe um J. Swanson 1998 vor einem Ausschuss des amerikanischen Gesundheitsministerium unterschiedliche Hirnaktivitäten von betroffenen und nicht betroffenen Kindern bzw. Jugendlichen belegen wollte, wurde publik, dass es zu unterschlagen versuchte, dass die diagnostizierten Probanden bereits entsprechende psychotrope Substanzen verordnet bekommen hatten und einnahmen, man also die Unterschiede im Befund auch darauf zurückführen konnte. Der Ausschuss hielt im Abschlussbericht jedenfalls fest, dass eine neurophysiologische Verursachung nicht belegt werden konnte.

Aus der ADHS-Diagnose-Welle ging in den USA quasi eine weitere Kaskade hervor. Die Zahl der bipolaren Störungen bei Kindern hätte innerhalb der ersten Dekade nach Einführung des DSM IV um den Faktor Vierzig zugenommen. Inzwischen ist sogar von Vierhundert die Rede. Eine Arbeitsgruppe der Columbia Universität in New York, welche die Daten der National Ambulatory Medical Care Survey (NAMCS) analysierte, kam zu dem Schluss, dass immer mehr amerikanische Eltern Lösungen für Erziehungsprobleme beim Psychiater suchen. Häusliche Konflikte würden immer weniger ausgetragen; stattdessen als pathologische Störung der Kinder interpretiert.

Dabei stellt das US-National Institute of Mental Health (NIMH) fest, dass in fast 50% der Fälle durch niedergelassene Ärzte falsch diagnostiziert worden war. Für besonders fatal sah man an, dass nahezu jedes Kind bzw. dessen Eltern mit einem Rezept entlassen wurde. Zunächst war bei bipolaren Störungen Lithium in Mode, inzwischen kommen zunehmend auch Medikamente wie Zyprexa, Seroquel oder Antidepressiva zum Einsatz. Auch in D ist die Situation zweifelhaft. Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen empfiehlt eine Dauer-Medikation von Neuroleptika, obwohl die Wirksamkeit bei Kindern laut NIMH überhaupt noch nicht ausreichend untersucht sei.

Die - von vielen verschiedenen Seiten vorgetragene - Kritik am Ansatz des neuen DSM blieb seitens der APA nicht unbeantwortet. Es sei absurd, hier an allen Ecken den Einfluss der Pharmaindustrie am Werk zu sehen. In verschiedenen Arbeitsgruppen hätten tausende Experten über Jahre hinweg gearbeitet. Die Ergebnisse seien über das Internet nochmals der Fachwelt zur Diskussion gestellt worden. Allen Frances, der bei der Erarbeitung des DSM IV selbst federführend war und mittlerweile so manchen seiner damaligen Standpunkte sehr (selbst-)kritisch sieht, hält dem entgegen, dass es zwar einen großen Strom an fachlichem Input gäbe, der aber an der Spitze der Arbeitsgruppen anhand bestimmter Vorgaben kanalisiert werde. Es mag auch sein, dass einiges von der öffentlichen Kritik in der Endfassung des DSM noch berücksichtigt wurde. Doch der Denkansatz, Möglichkeiten zu schaffen, schon die leichtesten Abweichungen von einem idealtypischen Begriff psychischen Wohlergehens, in eine abrechenbare Diagnose zu fassen, bleibt prägend.

Dies sei nur im Sinne der Betroffenen, sagen die APA und ihre Verteidiger. Kein Arzt muss leichte Krankheitsformen mit schweren Mitteln behandeln. Er muss die Gesamtsituation des Patienten betrachten und verantwortlich und kompetent darauf eingehen. Niedrigschwellige Kriterien eröffnen ihm aber zumind. die Möglichkeit, medikamentös, therapeutisch usw. zu helfen. Das klingt gut, ist aber fern der Realität, sagt wie Frances auch Mary. Die Masse der Menschen mit psychischen Problemen laufe nämlich nicht beim Facharzt auf, sondern beim Allgemeinmediziner (Hausarzt). Hier hat die Konsultation eine durchschnittliche Dauer von 7 Minuten. Es wird nach Schema F verfahren und läuft i.d.R. auf Fast-Medication hinaus.

Psychopharmaka können zweifelsohne segensreich eingesetzt werden, bspw. bei Psychosen, schweren Depressionen. Bei einer unkritischen Verschreibung wird Menschen mit entsprechenden Schwierigkeiten in unzähligen Fällen jedoch eine emotionale Stabilität vorgegaugelt, wo eigentlich eine Reflexion des eigenen Lebens, Einstellungsänderungen, eine Aufarbeitung der Vergangenheit oder die Bearbeitung von familiären Problemen, Erziehungs- und Beziehungskonflikten usw. angesagt wären. Schwierige Phasen - zumal im Kindes- und Jugendalter - gehören zum Persönlichkeitswachstum dazu.

Mary plädiert im hinteren Teil des Buches für eine neue Sichtweise psychischer Probleme. Es gäbe keine kulturell verankerten Vorstellungen mehr, was richtig und falsch ist. Psychischer Leidensdruck zeige somit Veränderungsbedarf an. Etwas ist aus dem Gleichgewicht geraten, eine Neuorientierung von Nöten. Dies bedürfe weder der Etikettierung mit Krankheitsbegriffen noch einer Behandlung, vielmehr einer solidarischen Begleitung auf gleicher Augenhöhe, die unter dem Vorzeichen der Normalität der gemeinsam zu bewältigenden Konflikte und Prozesse steht. Oftmals würde es sich um Identitätkonflikte handeln. Eine neue Lebenssituation bringt Seiten der eigenen Persönlichkeit zum Vorschein, die man bisher nicht kannte. Die Lösung bestünde dann eben darin, auch diese Aspekte seiner selbst anzunehmen und zu integrieren.

In vielen Fällen ist ein Ja zu einer schwierigen Situation oder zu den eigenen Defiziten tatsächlich ein riesiger Schritt nach vorn. Übergeneralisieren sollte man das Konzept aber auch nicht - In einem Partnerschaftskonflikt mag es eher dran sein, an Kommunikationsmustern zu arbeiten als eine Trennung zu akzeptieren. Es mag hilfreich sein, zuweilen auch guten Gewissens bedrückt sein zu können. Vielleicht ist es aber auch dran, übertrieben negative Sichtweisen zu überprüfen und zu korrigieren. Etc.

Grundsätzlich ist Marys Kritik an den Behandlern" aber sehr bedenkenswert, seine Mahnung, dass Psychopharmaka Konflikte oft eher verdecken statt sie aufzulösen, ist berechtigt und seine Befürchtung, dass das neue DSM die Verschreibungswut der Ärzte noch befördern könnte, gewiss nicht von der Hand zu weisen. Klienten in ihren Problemen mit Annahme, Wertschätzung, Empathie und Ermutigung zu begleiten, das Vertrauen in sie zu investieren, dass sie als Experten in eigener Sache ihren individuellen Weg finden werden, ist eine therapeutische Grundhaltung, der Mary mit seinem Buch neu Gehör verschafft.


Der Westen und der Rest der Welt: Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen
Der Westen und der Rest der Welt: Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen
von Niall Ferguson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wie der Westen wurde, was er ist, 29. Mai 2013
Sechs „Killer-Applikationen“, so Ferguson, der "derzeit einflussreichste Historiker der westlichen Hemisphäre" (DIE ZEIT), hätten dem Westen vom Beginn der Neuzeit an nach und nach zur Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt verholfen, und je mehr andere Staaten in diesen Punkten aufholen, je mehr der Westen diese Felder in ihrer Bedeutung aus dem Blick verliert, desto mehr schwindet auch sein Entwicklungsvorsprung.

Wettbewerb

Was zunächst als Nachteil erschien – das Fehlen einer Zentralgewalt, die ständige Rivalität von Fürstentümern, Reichen und Nationen in Westeuropa - hatte auch einen progressiven Aspekt. Dass jede Regionalmacht befürchten musste, der Dominanz anderer Mächte anheim zu fallen, heizte den Wettbewerb an. Dies zeigte sich auch, als Europa vermehrt seine Fühler nach Übersee ausstreckte und das Wettrennen um günstige Seehäfen, Handelsstützpunkte, Lieferanten und Absatzmärkte begann. Der Autor führt das Beispiel Vasco da Gamas an, der ein oft brutaler See-Handelspionier gewesen sei und die Interessen Portugals kompromisslos zu verwirklichen trachtete. Er schreckte auch nicht davor zurück, bei widerstrebenden potenziellen Handelspartner – bspw. Indien – grausame Exempel zu statuieren. Das selbstgefällige China mit der gigantischen Flotte des Zheng He – damals Europa noch meilenweit voraus – verhielt sich hier völlig anders – in selbstverständlicher Erwartung der Gastfreundschaft und des Tributs der angefahrenen Länder, aber letztlich auch mit einer Art würdevoller Zurückhaltung. Dieses Muster setzte sich die Jahrhunderte hindurch fort. Andere Kulturen mochten die Gier und das Krämerseelentum des Westens verachten, am Ende gerieten sie jedoch in einer Weise ins Hintertreffen, die ihnen nicht gefallen konnte.

Wissenschaft

Die neuzeitliche Wissenschaft konnte auf Ansätze der Antike zurück greifen. Besonders der Hellenismus hatte das Denken und Forschen erblühen lassen, aber auch andere Kulturen bzw. Kulturkreise – China, Indien, Ägypten, Babylonien, Persien, Arabien – hatten Bedeutsames hervorgebracht. Was in Altertum und Mittelalter eher projektbezogen, bruchstückhaft oder mit philosophischem Interesse erfolgte, wurde nun zum ganzheitlichen Unternehmen, den der Schöpfung innewohnenden Plan zu entschlüsseln, um sich diese untertan bzw. nutzbar zu machen. Bacon, Kopernikus, Descartes, Kepler, Galilei, Newton u.v.a. schufen die Grundlagen einer in der Welt zuvor nie dagewesenen wissenschaftlichen Entwicklung. Ein entscheidender Beitrag war hier auch die Erfindung des Buchdrucks. Dieser ermöglichte einen breiten Wissenstransfer und breite Beteiligung an gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Herausforderungen.

Doch was der Westen als Chance begriff, machte den Machthabern andernorts Angst. Luther – so Ferguson – wurde mit der Frage konfrontiert, ob man ein aus christlicher Sicht so verwerfliches Buch wie den Koran drucken lassen sollte. Luther bejahte entschieden – die Leute würden sich so schon ihre eigene Meinung bilden. Im islamischen Kulturkreis war ein solcher Denkansatz zu dieser Zeit nicht vorstellbar. Der Buchdruck wurde auf Jahrhunderte verboten. Der Entwicklungsabstand wuchs. Den Osmanen wurde dies erstmals überdeutlich, als sie vor Wien scheiterten und in der Folge auch mehr und mehr vom Balkan verdrängt wurden. Die Militärtechnik des Westens war ihrer längst weit überlegen. Hier musste man sich nun notgedrungen dem Einfluss und Knowhow des Westens öffnen. Es dauerte jedoch, bis es zu ersten ambitionierten Reformversuchen kam (Mohammad Ali Pascha, Tanzimat im 19. Jh.) Auch diese blieben jedoch eher wirkungslos.

Eigentumsrechte

Wer ständig um den Erhalt seines Eigentums bangen muss, ist wenig motiviert, dieses durch Arbeit und engagiertes Unternehmertum zu vermehren. Zwar gab es das Eigentumsrecht betreffend vernünftige Ansätze im römischen Recht, im ursprünglichen Christentum sowie auch in der germanischen Tradition. Die mittelalterliche Feudalordnung stellte dann jedoch ein gewaltiges Entwicklungshindernis dar. Im britischen und nordamerikanischen Raum etablierten sich dann zuerst neue Strukturen. Dies war ein entscheidendes Verdienst der Glorious Revolution, der Sozialphilosophie John Lockes, der auf dieser Basis entstandenen Amerikanische Verfassung.

Als Kontrastbeispiel führt der Autor Südamerika an. Simon Bolivar, gewissermaßen der Thomas Jefferson Lateinamerikas, hatte ursprünglich die Idee der Gründung eines zum Norden analogen Staatenbundes, einer Art USSA. Er tastete jedoch Großgrundbesitzer nicht an und konnte – da das von ihm entworfene Wahlrecht Besitzlose ausschloss – die Massen anders als dies in Nordamerika (wo jeder Bürger Land erhielt) geschah - nicht politisch einbinden. Außerdem blieb die Bevölkerungsmehrheit auch in ökonomischer Hinsicht außen vor. Weite Teile der indigenen Bevölkerung schlossen sich so den Royalisten an, nutzten ihre militärische Ausstattung jedoch oft zum marodieren und plündern. Zunehmend kam es zu anarchischen Verhältnissen. Doch Bolivar sah sich dadurch eher bestätigt als in Frage gestellt. Die demokratische Verfassung der USA, so meinte er, tauge nur für die „Republik der Heiligen“ im Norden, jedoch nicht für den rauen Menschenschlag im wilden Süden.

Medizin

Die Wissenschaft wirkte sich im Bereich der Medizin auch sehr unmittelbar zum Wohl des Menschen aus. Viele Krankheiten konnten wirksam bekämpft werden, die Leistungsfähigkeit und Lebenserwartung der Bevölkerung stieg vom 19. Jh. an rapide – trotz der verheerenden sozialen Zustände, die z.T. in der Folge des Manchester- Kapitalismus herrschten.

Dabei seien die afrikanischen Kolonien mit ihren gefährlichen Erregern ein wichtiges Forschungsfeld für Mediziner, Biochemiker, Pharmakologen u.ä. gewesen. Die Ergebnisse, die man hier erzielte, waren wiederum Voraussetzung für eine schnelle Erschließung neuer Regionen, etwa des Inneren Afrikas. Ansonsten hätten sich mit der Eisenbahn Seuchen schnell verbreiten können.

Konsumgesellschaft

Massenkonsum erfordert und befördert die Entwicklung von Produktionskapazitäten. Das was wir heute Konsumgesellschaft nennen, sieht Ferguson nach dem 2.WK entstehen. Zwei Kriege, die Weltwirtschaftskrise, Inflation hatten die Vermögensunterschiede in vielen Ländern erheblich eingeebnet. Der Raubtierkapitalismus wurde diesseits wie jenseits des Atlantik als ein Grund für die Unruhen und Kriege der zurückliegenden Jahrzehnte angesehen. In verschiedenen Gradigkeiten und Ausformungen entstand und etablierte sich das Konzept der sozialen Marktwirtschaft. Die wachsende systemische Konkurrenz des Ostblock-Sozialismus trug ebenfalls dazu bei, staatlicherseits gezielt für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Materieller Wohlstand in allen Bevölkerungsschichten und entsprechender Konsum waren die Folge. Aber auch andere Faktoren spielten eine wichtige Rolle, bspw. die Verbilligung der Textilindustrie durch Umstellung auf Massenproduktion während des Krieges (Uniformen, Einführung von Konfektionsgrößen, vorher überwiegend teure Maßschneiderei).

Protestantisches Arbeitsethos

Wie die meisten Wirtschafts- und Sozialhistoriker im Gefolge von Max Weber sieht auch Ferguson im protestantischen Unternehmens- und Arbeitsethos eine zentrale Ursache dafür, dass der Westen in wirtschaftlicher Hinsicht gegenüber dem Rest der Welt auf die Überholspur geriet. Die sozial destruktiven Formen des Kapitalismus entwickelten sich laut Weber erst, nachdem der religiöse Geist aus der Bewegung gewichen war und unternehmerischer Erfolg zum Selbstzweck und um jeden Preis angestrebt wurde.
Was im Westen längst weitgehend verblasst ist, werde gerade in China neu entdeckt. Dass Christentum sei dort inzwischen im akademischen Mainstream sowie in den Reihen hochrangiger Politkader angekommen. Chinesische Forschungsgruppen sehen im Christentum einen der zentralen Faktoren für den Erfolg des Westens.

Ferguson berichtet von Wenzhou, einer 8 Mio.-Stadt südlich von Shanghai; eine mittlerweile hoch industrialisierte Modell-Stadt mit einer der größten Unternehmensdichten. Die Stadt glänzt durch ein hohe Sparquote, das hohe Arbeitsethos der Belegschaften, sowie die Integrität und praktizierte soziale Verantwortung der dort sog. „Boss-Christen“ - gute Löhne, gute Arbeitsbedingungen. Schon vor der Kulturrevolution war hier mit 480 Gemeinden ein Zentrum lebendigen Christentums. Danach rühmte sich Mao, eine religionsfreie Stadt geschaffen zu haben. Noch vor einigen Jahren bemühten sich die Behörden, die neu erblühende Frömmigkeit einzudämmen, ließen u.a. Kreuze von Gemeindesälen entfernen. Inzwischen hat man aufgegeben, die Zahl allein der registrierten Gemeinden lag zum Zeitpunkt von Fergusons Recherche bei 1339, die Zahl der Gottesdienstbesucher in manch einer dieser Gemeinden bei über 1000.

Ferguson beschreibt darüber hinaus die wichtige Rolle, die Christen in der chinesischen Demokratiebewegung spielen. U.a. seien maßgebliche Studentenführer der Tiananmen-Proteste Christen gewesen.

Am Ende des Buches unterstreicht der Autor noch einmal die Dringlichkeit eines Umdenkens. Der Westen müsse sich neu auf die Grundlagen seiner Erfolge besinnen, wenn er im Konkurrenzkampf mit den aufstrebenden Nationen bestehen wolle. Während die BRICS-Staaten auf riesigen Währungsreserven sitzen, hat mittlerweile jede der großen westlichen Industrienationen gesamtgesellschaftliche Schulden i. H. v. über 250% des BIP angehäuft. Besonders Europa müsse sich ranhalten. Japan verbucht inzwischen jährlich fünfmal mehr Patentanmeldungen als Deutschland, die USA dreimal mehr, China liegt mit Deutschland gleichauf, GB rangiert unter „ferner liefen“. Der Mythos vom ewig kopierenden, unkreativen Asien sei längst überholt. Zudem werde in Ostasien z.T. 1000 Arbeitsstunden im Jahr mehr geleistet als in Westeuropa.

Das Buch ist hoch interessant, nicht zuletzt weil der Autor auch eher entlegene, sonst wenig beachtete historische Aspekte beleuchtet. Zuweilen wirkt es mit seinem neoliberalem Einschlag etwas einseitig funktionalistisch. Überzogen rücksichtslosem Gewinnstreben und Geschäftsgebaren scheint der Autor z.T. recht unkritisch eine Art Sportsgeist zuzusprechen und dabei aus dem Blick zu verlieren, das wirtschaftliche Dynamik kein Selbstzweck ist. Vielleicht täuscht der Eindruck aber auch, und Ferguson versucht die Dinge schlicht so darzustellen, wie sie sind. Und Recht hat er ja – die Emerging Markets werden sich durch moralische und soziale Appelle kaum beeindrucken lassen. Der Westen muss sich – um seine Ideale und Errungenschaften zu bewahren - der Herausforderung stellen oder er wird in wachsendem Maße, ökonomisch wie politisch, an Gewicht und Bedeutung verlieren.


Sex und die Zitadelle: Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt
Sex und die Zitadelle: Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt
von Shereen El Feki
  Gebundene Ausgabe

14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sexualethik zwischen Ali Ibn Nasr und Sayyid Qutb, 29. Mai 2013
Die arabische Welt - das zeigen die Ereignisse der letzten zwei Jahre deutlich - ist in Aufruhr und befindet sich in einem Prozess vielfältiger kultureller Umbrüche. El Feki zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die auch im Bereich der Sexualität tief verunsichert und zerrissen ist. Dabei war der Orient für Europäer einst der Inbegriff des Sinnlichen, assoziiert mit Harem, Vielehe, Bauchtanz usw. In der Tat handelte es sich dabei nicht nur um Klischees. Denn, so die Autorin, es gibt diese Tradition der positiven Bewertung des Erotischen. Schon der "Prophet" hätte gemahnt, sich Zeit für das Liebesspiel zu nehmen. Er solle ihr gegenüber nicht herrisch auftreten und sie vielmehr "mit Küssen und süßen Worten" zum dahin schmelzen bringen.

Die frühabbasidische Zeit sei nicht nur eine Periode kultureller Blüte sondern auch relativer sexueller Freizügigkeit gewesen. Aus dem 10. Jahrhundert stammt die Enzyklopädie der Lust" von Ali ibn Nasr, eine Art frühmittelalterlicher Boccaccio wenn nicht gar Kinsey. Darin sind alle denkbaren Spielarten der Sexualität beschrieben, sehr lebhaft und mit viel Witz; ganz nach dem Geschmack der Autorin. An dieser Stelle des Buches wird denn auch deutlich, wie die Autorin selbst über das Thema denkt: Anything goes oder besser: Anything should go the way a person likes it. Trotzdem passt sie in kein gängiges Klischee; sie ist keine der üblichen libertären Missionarinnen, dem Typus Reyhan ªahin ist sie gewiss nicht zuzuordnen; einer Judith Butler gleicht sie schon gar nicht. Sie beschreibt und versucht zu verstehen; intellektuell, geistvoll, unideologisch, ohne zu werten, sehr menschlich, mit Herz und Humor.

Auch die Märchen aus 1000 und einer Nacht" enthalten in der Urfassung viel Erotik. Zudem gab es stets Tendenzen, dem Liebesakt eine Art spirituelle Dimension beizumessen. Diese Perspektive erörtert die Autorin im Gespräch mit dem tunesischen Literaten Bouhdiba. - Doch es gab im islamischen Raum immer wieder auch Bewegungen bzw. Epochen, in denen ein rigides Sexualitätsverständnis vorherrschte, so etwa unter den Dynastien der Fatimiden, Almoraviden und Almohaden. Im christlichen Kulturkreis gab es ähnliche periodische Trendwechsel. Allerdings wurde die ursprünglich sehr bejahende judeo-christliche Haltung gegenüber der Sexualität (man denke an das Hohelied Salomons) schon bei den Kirchenvätern unter Einfluss des Neuplatonismus durch eine eher ambivalente Einstellung, die zwar im sexuellen Akt etwas schöpfungsgemäß Gutes, in sexueller Lust jedoch eher ein unvermeidbares Übel sah, ersetzt.

Spätestens im 19. Jahrhundert, so die Autorin, hatte sich jedoch das Blatt gewendet. Nun wunderte sich der Gelehrte al Tatawji , der von dem damaligen ägyptischen Herrscher Mohammad Ali Pascha auf eine Bildungsmission nach Europa gesandt wurde, über den hohen Stellenwert, den die Franzosen der Liebeskunst" beimaßen; ist beeindruckt von Charme, Anmut und Selbstbewusstsein, welches die franz. Frauen in einer Atmosphäre aufkommender Gleichberechtigung entwickelt hatten. Andererseits staunt er, dass die Franzosen so gar keinen Sinn für Homoerotik, Knabenliebe u. dgl. erkennen ließen, vielmehr eine natürliche Abscheu" zeigten, was zur damaligen Zeit im islamischen Raum offenbar anders aussah.

Im frühen zwanzigsten Jahrhundert waren sich die beiden Kulturkreise - zumindest was Nordafrika betraf - vermutlich so nah wie nie zuvor und nie danach. Eine neue Freizügigkeit brach sich hier wie dort Bahn; in vielerlei Hinsicht war die Zeit der unsrigen gar nicht mehr so unähnlich. Doch rief dies wiederum die eher konservativen Kräfte auf den Plan. In den 1920er Jahren entstand in Ägypten die Muslimbruderschaft, von den 50ern an fanden die in der Haft unter Nasser verfassten Schriften Sayyid Qutbs, der vor dem Hintergrund seiner in den 40ern in den USA gemachten Erfahrungen den Sittenverfall des Westens anprangerte und vor dem zersetzenden Einfluss auf die islamische Kultur warnte, zunehmend Verbreitung. Die islamistische Lesart bestimmte immer größere Teile der Gesellschaft, die eher säkularen Kreise sahen sich zumind. moralisch unter Legitimationsdruck und zogen in vielerlei Hinsicht mit den Fundamentalisten gleich.

Andererseits dringt nun insbesondere in den letzten Jahren über das Internet auch die westliche Kultur" vermehrt in die konservative Wertewelt des Islam ein. In einem Land wie Ägypten ergibt sich so ein Spannungsfeld extremer Sichtweisen. Traditionell hatte die islamische Kultur durchaus Muster entwickelt, die zwischen religiösem Anspruch und menschlicher Schwäche vermitteln. Die Ehe ist seit jeher die Institution, die den Rahmen verantwortlich gelebter Sexualität darstellt. Das sähe nach wie vor die große Mehrheit der Ägypter so. Es gibt jedoch eine Deutungslücke bezüglich der Frage, was Ehe ist, die Rechtsgelehrte mit verschiedenen Konstrukten ausfüllten. Zu Mohammeds Zeiten gab es keine Standesämter. Dies macht man sich zu nutze, indem Paare inoffiziell einander ein Gelübde ablegen - entweder befristet oder unbefristet. Selbst im Bereich der Prostitution stellen Imame gegen geringe Gebühr Zertifikate für Kurzzeitehen aus. Da das Konkubinat seit jeher als legal gilt, gibt es für einmalige Akte auch die Möglichkeit, dass die Prostituierte gegenüber dem sie aufsuchenden Freier eine Art Ergebenheitserklärung abgibt, mit dem sie sich selbst in diesen Status versetzt.

Damit ist bereits deutlich gemacht, dass selbst in der traditionell islamischen Gesellschaft viele Formen sexueller Beziehungen und Betätigungen zu finden sind, die der Westen auch kennt, wenngleich unter Deckmäntelchen verschiedenster Art. Ein absolutes No Go ist natürlich die außer- oder besser nebeneheliche sexuelle Betätigung der Frau. Die Jungfernschaft bei Eheeintritt ist nach wie vor ein hohes Gut. Paare, die vorehelichen Sex haben, was in der jungen Generation vermehrt auch ohne die beschriebenen nicht-amtlichen Ehe"-Erklärungen geschieht, müssen also erfinderisch sein.

Prostitution in islamischen Ländern, so die Autorin, sei ein weit größeres Thema als gemeinhin angenommen. Allein in Kairo gäbe es ca. 800 Hotspots; Preise bewegten sich um die 12,50 Euro. Osteuropäische Frauen sind hier ebenso zu finden, wie einheimische oder Migrantinnen aus Schwarzafrika, insbes. Sudan, oder auch aus Marokko. Die vermeintliche Leichtlebigkeit der Marokkanerinnen sei im islam. Raum mittlerweile sprichwörtlich. Reiche saudische Touristen laufen in Kairo vermehrt auf, auch um Agenturen zu nutzen, die sog. Sommerehen" vermitteln. Ein besonders übles Kapitel hierbei ist die gängige Vermittlung von Minderjährigen.

Ägypten gälte mittlerweile als einer der Hauptumschlagsplätze für den Frauenhandel. Für schwarzafrikanischer Frauen liegt hier ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Europa. Das verschafft dem Milieu einen konstanten Durchlauf. Während die Regierung Mubarak hiergegen auf US-amerikanischen Druck hin noch wirksame Gegenmaßnahmen initiiert hätte, geschieht derzeit offenbar kaum etwas. - Neben Kairo sind Addis Abeba, Tunis, Marrakesch, Istanbul beliebte Destinations für arabische Sextouristen. Umgekehrt gibt es einen wachsenden Markt für männliche Prostituierte in Ägypten für Frauen aus dem Westen.

Anders als man meinen könnte, werden Prostituierte überwiegend von verheirateten Männern aufgesucht. Das Sexualleben der arabischen Singles läge hingegen weitgehend im Dunkeln, und auch der Autorin gelang es nicht, hier aussagekräftige Erhebungen zu machen. Zum Einen, weil es restriktive Vorgaben seitens der Behörden bezüglich der Formulierung von Fragestellungen gegeben habe, zum anderen, weil das Thema für die meisten ägyptischen Jugendlichen zu schambesetzt sei, um ehrliche Antworten zu erhalten. Fakt ist nur, dass man von einer Annäherung an westliche Verhaltensmuster ausgehen kann. Zur Partnerschaftsanbahnung dienen Shopping-Malls, Mac Donald und Starbucks, da die Geschlechter hier unkompliziert einander begegnen können. Um ungestört zu sein, fährt man oft hinaus aus Kairo; dorthin, wo die Wüste beginnt.

Die islamische Welt ist sehr jung - die Altersspanne von 15-30 umfasst 100 Mio. Die große Mehrheit dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist Single. Die wachsenden materiellen Ansprüche machen auch das Heiraten im Vollsinn - mit amtlichem Trauschein - nicht einfacher. Feier und Aussteuer seien unter 2500 Euro kaum zu machen. Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit und der niedrigen Löhne ergibt sich hier ein nicht zu unterschätzendes Krisenpotenzial. Eine weitere Belastung und männliche Identitätsbedrohung - so die Autorin - ergäbe sich im Zuge des wachsenden Selbstbewusstseins der Frauen. Therapeuten und Berater berichten von deutlichen Veränderungen im Zuge der Arabellion". Kamen Paare früher fast immer auf Drängen der Männer in die Praxis, so ist es nun immer öfter umgekehrt. Männer fühlten sich zunehmend unter Leistungsdruck, was zu einer weiten Verbreitung von Potenzstörungen führe. Für um die 40% der Männer gelte dies mehr oder weniger schon für die Hochzeitsnacht, die in der islamischen Welt traditionell im Scheinwerferlicht der gesamten Hochzeitsgesellschaft steht. Deutlich zum Ausdruck kommt das, wenn man mit dem blutigen Laken des Hochzeitsbettes wie im Triumphzug durch die Nachbarschaft marschiert - Erweis ihrer Jungfräulichkeit ebenso, wie seiner Manneskraft. Vor dem Hintergrund all dessen boomt der Viagra-Absatz in Ägypten, Original oder Generika gäbe es dort überall frei für 1,75 Euro das Stück. - Ansonsten weit verbreitet die wohlbekannte Klage der Ehefrauen: Männer fangen zu schnell an, sind zu schnell fertig und drehen sich zu schnell auf die Seite. Insgesamt gäbe es in den ägyptischen Ehen viel Unzufriedenheit in sexueller Hinsicht.

Wie sieht es beim Thema Homosexualität aus? Die Autorin macht deutlich, dass kulturell bedingt eine weit größere Nähe innerhalb der Geschlechter als im Westen zur Normalität gehört. Teestuben und modernere Etablissements sind oft nur von Männern bevölkert. Der Blick hinein zeigt nicht selten Szenen, die man im Westen nur aus Lokalitäten für Schwule kennt. Auch zwischen Frauen ist ein Umgangston normal, der im Westen den Eindruck großer Intimität vermittelt. Weibliche Homosexualität, so die Autorin, werde weitgehend ignoriert. Für männliche gilt das im Prinzip ebenso, solange diese verdeckt praktiziert wird. Die von der Autorin befragten Männer mit homosexueller Erfahrung berichten überraschend frei von Angst vor irgendwelchen Repressalien. Sie lehnen die schrille Gay-Kultur westlicher Aktivisten zumeist als unnatürlich ab. Ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang ist die HIV-Prävention, ein Tätigkeitsfeld der Autorin als UN-Beauftragte. U.a. praktizieren hier NGOs - ebenso wie auf dem Feld der von der Autorin ebenfalls abgehandelten Genitalbeschneidung - Aufklärungsarbeit und verteilen Kondome.

Auch die Sichtweisen auf Homosexualität variieren. Ein wenig skeptisch berichtet El Feki von Therapeuten, die in ihr, wie das DSM bis 1973 und das ICD bis 1992 eine Entwicklungsstörung sehen, zeigt sich aber doch auch nicht ganz unbeeindruckt von dem Gespräch mit dem koptischen Psychotherapeuten Wasfy und der Heilungsgeschichte eines Klienten. Wasfy vertritt die Ansicht, dass das christliche Gottesbild eine verändernde Kraft, sowie eine durch den Therapeuten zu vermittelnde bedingungslose Annahme und Wertschätzung impliziert, die zutiefst heilsam und lebensverändernd wirken kann. Auch viele Muslime suchen ihn auf. Der von der Autorin interviewte Betroffene berichtet von der tiefen Verunsicherungen und Identitätskrise, die ihn in die Behandlung führte. Bei Wasfy bzw. im Rahmen einer Therapie-Gruppe hetero- und homosexueller Männer, in die er integriert wurde, konnte er offen sein, ohne dass sich dies im mindesten auf den Respekt und die Achtung, die man ihm entgegenbrachte, auswirkte. In dieser Atmosphäre konnte er zu sich selbst finden, herausfinden, wer er selber ist und ein ganz neues Selbstwertgefühl entwickeln. Im offenen freundschaftlichen Verhältnis mit anderen Männern ergaben sich für ihn zudem Identifikationsmöglichkeiten sowie vielfältige Korrekturen verzerrter Selbst- und Fremdwahrnehmung. Der sexuelle Aspekt im gleichgeschlechtlichen Umgang verblasste. Als er eine verständnisvolle Partnerin fand, war dies für ihn zunächst sehr ungewohnt. Doch das anfänglich zarte Pflänzchen gegengeschlechtlicher Zuneigung begann sich zu entfalten und zu blühen. Heute haben beide Kinder und sind eine glückliche Familie.

Die Beschreibung der Autorin hebt sich überraschend positiv von den ebenfalls von ihr wiedergegebenen Berichten anderer Therapeuten ab, die political correct im westlichen Sinne auf Hilfesuchende dahingehend einwirken, dass diese doch ihre Veranlagung endlich annehmen sollten, obgleich sie dies teilweise gar nicht wollen, emotionale Konflikte der Betroffenen gar mit Psychopharmaka weg bügeln.

Das Fazit der höchst interessanten kulturpsychologischen Studie ist, dass es der ägyptischen Gesellschaft, der traditionell eine Art Vorreiterrolle und Modellwirkung in der islamischen Welt zukommt, v.a. an wechselseitiger Akzeptanz und Offenheit fehlt. M. Foucault - auf den die Autorin Bezug nimmt - war in seinen Analysen einst zu dem Schluss gekommen, dass das Sexualleben des Westens noch im 19. Jh. vital und gesund gewesen sei, dann aber unter den Druck der pathologischen Klassifikation geraten sei. Mit der Psychoanalyse, die sich als Befreierin gerierte, hätte sich eine Kategorisierung in Normal und Unnormal etabliert. Früher habe die Beichte die Möglichkeit eröffnet, über sexuelle Dinge offen zu reden und immer auch Annahme - Absolution - vermittelt. Für El Feki hat das zwei Seiten. Der Islam kenne nichts der Ohren-Beichte vergleichbares. Damit verbunden sei eine fehlende Tradition der Offenheit und Kommunikation aber andererseits auch dass Signal, dass seitens übergeordneter Instanzen kein Anspruch besteht, die Intimsphäre des Einzelnen auszuleuchten. El Feki vertritt keineswegs den Standpunkt radikaler Säkularisten, dass der Islam überwunden werden müsse; sie ist vielmehr der Ansicht, dass erfüllende Sexualität mit praktizierter Religion bestens vereinbar ist. Sie plädiert aber dafür, die individuelle Freiheit und Privatsphäre zu respektieren, sowie - bspw. durch Sexualkundeunterricht an Schulen - ein Mehr an wechselseitiger Empathie und Kommunikation zu kultivieren.

Wenngleich die Autorin gewisse Sympathien für Wilhelm Reichs Theorien über den Zusammenhang von kulturell bedingter Triebunterdrückung und Autoritätshörigkeit in Diktaturen hegt ("Massenpsychologie des Faschismus"), schwingt sie nicht das Banner sog. sexueller Befreiung". Zu gut weiß sie, welche Probleme im sexuellen Bereich auch in der westlichen Welt bestehen; zu bewusst scheint ihr auch zu sein, wie massiv ein solcher Schuss regelmäßig in den Kulturen der Schwellen- und Entwicklungsländer gerade für Frauen nach hinten los geht. Der fundamentale Unterschied zwischen entgrenzter und befreiter Sexualität wird eben allzu oft übersehen.


Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus (Die Zeit des Nationalsozialismus)
Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus (Die Zeit des Nationalsozialismus)
von Götz Aly
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sozialpolitik im Dritten Reich, 29. Mai 2013
An welche Partei denken Sie bei den folgenden Programm-Punkten:

- Bei der Besetzung öffentlicher Ämter sollte mehr auf Kompetenz als auf Parteienzugehörigkeit geachtet werden. Gemeinnutz vor Eigennutz und Profitgier. Entschuldung von Haushalten, die unter dem Druck der Verhältnisse in eine prekäre Situation geraten sind. Massive Besteuerung von Unternehmen, die in irgendeiner Weise kriegerische Handlungen unterstützen und davon profitieren. Vergemeinschaftung von Mega-Konzernen. Stärkere Gewinnbeteiligung an Großbetrieben. Großzügiger Ausbau der Altersversorgung.

Förderung eines gesunden Mittelstandes, Unterstützung kleiner Gewerbetreibender, auch im Rahmen der Vergabe öffentlicher Aufträge durch Länder oder Gemeinden. Enteignung ungenutzten Großgrundbesitzes zugunsten wirtschaftender Bauern. Gesetzliche Maßnahmen gegen destruktive Formen der Spekulation. Ausbau des Bildungswesens, bessere Anpassung an praktische Erfordernisse. Gleiche Bildungs- und Aufstiegschancen für alle. Ausbau bzw. Optimierung des Gesundheitswesens. Ausbau der Unterstützung für Mütter mit kleinen Kindern. -

Nur widerwillig listet man all diese Punkte – entnommen dem 25-Punkte-Programm der NSDAP - auf, denn so manches davon würde man gern heute regierenden Parteien ins Stammbuch schreiben. Alles sträubt sich, wenn man auf solche Parallelen mit einer der größten Verbrecherorganisationen der Menschheitsgeschichte stößt. Nichts desto trotz haben die Nationalsozialisten nach Machtantritt an der politischen Umsetzung dieses Programmteils genauso engagiert gearbeitet, wie an den nicht angeführten nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Zielsetzungen, die in dem 1920 erstmals von Hitler verlesenen Papier ebenfalls bereits enthalten sind.

Die soziale Programmatik der Nazis, so Götz Aly, sei eben weit mehr als ein Täuschungsmanöver - als das es Historiker oft hinstellen – gewesen. Die führenden Nationalsozialisten seien sehr oft selbst Leute aus dem Volk gewesen, die Armut und Benachteiligung kannten, die wussten wie es ist, wenn der Gerichtsvollzieher klingelt. Das Soziale war ihnen ein ernstes Anliegen. Hitlers Absicht sei die Integration der Volksgemeinschaft gewesen. Die Aufspaltung des „Volkskörpers“ in Regionalhoheiten, Konfessionen, Klassen, Parteien sei in seinen Augen Ursache für historische Katastrophen wie den Dreißigjährigen Krieg, die Niederlage im 1. WK mit dem schmählichen Versailler Vertrag als Folge, für Entwicklungsrückstand und Wirtschaftskrisen gewesen. Zwei große politische Lager hätte er vor sich gesehen: das nationalistisch und das sozialistisch orientierte. Der Nationalsozialismus sollte genau das erreichen, was seine Begrifflichkeit impliziert: die Integration und Vereinigung dieser beiden gesellschaftlichen Hauptströme. Dies sei Hitler gerade in den ersten Jahren seiner Regierung tatsächlich gelungen. Ganze KPD- und SPD-Ortsgruppen seien geschlossen zur NSDAP übergetreten.

Die Arbeitslosigkeit, vor Hitlers Machtantritt bei 30%, wurde drastisch abgebaut, von über 6 Mio. 1933, auf 2,5 Mio. 1934 und 1,1 Mio. 1935. Steuern für die einkommensschwache Mehrheit wurden gesenkt, heute übliche Steuerklassen wurden eingeführt; die Körperschaftssteuer hingegen wurde von 20 auf 40 % erhöht. Pfändungsbescheide wurden per Erlass außer Kraft gesetzt, Schuldner aus den ärmeren Schichten entlastet. Die Löhne, in den Jahren vor 1933 im Schnitt um 25% gefallen, stiegen bald wieder. Der Urlaub wurde verlängert (2-3 Wochen, bezahlt) und erstmals wirklich in der Breite praktizierbar. Zuvor gab es sehr unterschiedliche Regelungen innerhalb einzelner Tarifverträge. Der 1. Mai wurde 1933 als Nationaler Tag der Arbeit zum – arbeitsfrei bezahlten – Feiertag. Rentner wurden automatisch in die Krankenversicherung übernommen, zuvor waren sie auf privates Vermögen oder Wohltätigkeitsorganisationen verwiesen. „Kraft durch Freude“ schuf vielfältige Urlaubs- und Freizeitangebote. Ein Lieblingsprojekt Hitlers war die Entwicklung eines KfZ für den kleinen Mann, für einen erschwinglichen Preis um die 1000 RM, was den neu gegründeten VW-Werken schließlich gelang.

Wie hat Hitler all dies finanziert? Zum ersten hatten einige seiner politischen Maßnahmen tatsächlich einen positiven ökonomischen Effekt, zum zweiten war da bald die Ankurbelung der Rüstungsindustrie, die einem gigantischen keneysianischen Investitionsprogramm gleich kam. Zum dritten, machte Hitler seine Ankündigung war, die Reichen stärker zur Kasse zu bitten. Neben der bereits erwähnten Erhöhung der Körperschaftssteuer wurde von Immobilienbesitzern eine Sonderabgabe i.H.v. 8 Mrd. RM erhoben. Zum vierten nahm das Dritte Reich Kredite in nie vorher dagewesenen Größenordnungen auf. Diese mussten nun aber auch zurück gezahlt werden. Und damit ist man bei der Hauptfinanzierungsquelle: Das Projekt „Volksstaat“, so Aly, wäre ohne das Morden und Rauben der Angriffskriege gar nicht realisierbar gewesen. Insbesondere durch die Enteignung der Juden - im deutschen Inland, wie in den Besetzten Gebieten – versuchte man beständig, die Kassen neu zu füllen. Der Autor will dabei andere Erklärungsansätze nicht entkräften (Rassismus, Antisemitismus, Hitlers Charisma), macht aber deutlich, dass dieses Motiv bislang zu wenig wahrgenommen wurde. Das gilt auch hinsichtlich der Treue des Volkes zum Führer. Es ging eben für weite Teile der Gesellschaft in den ersten Jahren der NS-Herrschaft tatsächlich spürbar aufwärts. Dass so oft weggesehen wurde, wenn den Juden Unrecht geschah, hatte auch damit zu tun, dass man persönlich davon profitierte.

„Hitlers Volksstaat“ (2005) war die erste sehr breit wahrgenommene Publikation Götz Alys und kam einer Art Taboo-Bruch gleich. Es gab eine Art still schweigenden Konsens, Aspekte des Nationalsozialismus, die diesen in einem positiveren Licht erscheinen lassen könnten, konsequent auszublenden. Vielleicht bedurfte es in Anbetracht der Grausamkeit dieser Diktatur auch tatsächlich der nötigen historischen Distanz, um hier eine umfassendere Wahrnehmung zuzulassen.

Zwar gab es auch schon zuvor ähnliche Ansätze - der britische Dokumentarfilm Swastika etwa hatte Amateurfilmaufnahmen Hitlers, insbes. von Eva Braun gedreht, kompiliert. Hitler als lockerer Gastgeber, als Kinder- und Hundeköpfe tätschelnder Onkel, als Möchtegern-Charmeur. Kritikern hielten die Filmemacher entgegen, dass man nicht verdrängen dürfe, dass das Böse oft mit sehr menschlichem Antlitz daher kommt. Man liefe sonst Gefahr, es nicht zu erkennen.

In diesem Ansatz würde sich wohl auch Aly wieder erkennen. Inzwischen hat er mit neueren Arbeiten weitere Aspekte nationalsozialistischer „Wohltätigkeit“ und „Volksverbundenheit“ beleuchtet. So etwa in seiner jüngsten Publikation über das nationalsozialistische Euthanasieprogramm. Auch hier arbeitet er heraus, dass das damalige Regime von der breiten Masse der Deutschen keineswegs als totalitär erlebt wurde: Man spielte im Graubereich zwischen Teil- und Desinformation geschickt mit der ambivalenten Gefühlslage der Verwandten behinderter Menschen. Wer sich aber gezielt um Angehörige bemühte, dem wurden diese nicht zwangsweise entrissen. Anstaltsleitern, die sich vehement der Mitwirkung verweigerten, wurde entsprochen. Nazi-Ärzte führten mit Müttern von Euthanasie-Opfern eine einfühlsame Korrespondenz. Es gab Fälle, in denen auf den ohnehin seltenen öffentlichen Protest mit schwersten Repressalien geantwortet wurde. Am Ende knickte man aber doch vor der Predigten des Münsteraner Bischofs Galen ein, weil man sah, dass diese in der Bevölkerung etwas auslösten. Auch an anderen Stellen zeigte sich eine ähnliche Janusköpfigkeit wie im Bereich Sozialpolitik: Die gleichen Mediziner, die die Aktion T 4 verantworteten, gingen konsequent gegen Gewalt in der Psychiatrie vor, verbessern Behandlungsmethoden, fördern die Integration und Rehabilitation – als behandelbar geltender – psychisch Kranker.

Andere Autoren traten inzwischen in Alys Fußstapfen. Erst kürzlich analysierte bspw. die Giesener Historikerin Anne C. Nagel in „Hitlers Bildungsreformer“ die teilweise überraschend fortschrittlich anmutende Bildungspolitik der Nazis.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 17, 2015 5:32 PM CET


Hitlers Bildungsreformer: Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1934-1945 (Die Zeit des Nationalsozialismus)
Hitlers Bildungsreformer: Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1934-1945 (Die Zeit des Nationalsozialismus)
von Anne C. Nagel
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bildungspolitik im Dritten Reich, 28. Mai 2013
Die Nazis richteten 1934 mit viel innovativer Energie und Kompetenz ein Bildungsministerium ein. Das auf dem preußischen Kultusministerium aufbauende "Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung" wurde von Hitler mit einer großen Machtfülle versehen. Er ernannte - unter Goebbels neidvollem Blick - Bernard Rust, zum Chef der Behörde, der Schulen, Unis, Forschungseinrichtungen, Museen und somit rund 250.000 Beamte (vor dem Anschluss Österreichs) - Professoren, Studienräte, Lehrer, Kuratoren, Kustoden unterstanden. Der vormalige Gauleiter Rust war hoch gebildet, hatte Germanistik, klassische Philologie, Philosophie, Kunstgeschichte und Musik studiert, war rund 20 Jahre lang Studienrat in Hannover, politisch von sozialistischen Idealen beseelt und dem linken Flügel des NS zuzuordnen.

Hitler wollte den Neuen Menschen heranziehen, hart, widerstandsfähig, der Volksgemeinschaft verpflichtet, der Führung ergeben. Dies war jedoch weit weniger NS-spezifisch, als man gemeinhin glaubt. Die Autorin: "Schon die Kulturkritik des Fin de Siècle hatte von einer anderen, besseren Gesellschaft samt "neuen Menschen" geschwärmt. Die um 1900 entstandenen Entwürfe wurzelten in unterschiedlichen Kontexten, mal aus der avantgardistischen, mal aus der kulturrevolutionären oder lebensreformerischen Ecke. Die späteren Ideale einer nationalsozialistischen "Lebens- und Schaffensgemeinschaft" speisten sich aus den verschiedenen Ursprüngen der Kulturkritik und des Kulturpessimismus der Jahrhundertwende."

Man führte in der Bildungspolitik viele Ansätze aus der Weimarer Republik fort. Man griff die Ideen der Erlebnispädagogik und Reformpädagogik auf, gab dem gemeinschaftlichen Aspekt, Fragen der Charakterbildung usw. ein besonderes Gewicht - freilich stets geprägt vom nationalsozialistischen Wertekanon. Die ehemaligen preußischen Kadettenanstalten wurden zu Napolas. Bei der Zulassung zu Höheren bzw. Eliteschulen mussten die erbbiologischen Vorgaben erfüllt werden.

Rust installierte das sog. Landjahr - Arbeit in Handwerk und LW sowie viel Freizeitspaß für Zehntausende städtische Schulabgänger. Schulpflicht auch für Behinderte, (nicht zu früh einsetzende) Begabtenförderung und Praxisorientierung waren weitere Zielsetzungen und Schlagwörter des Ministeriums, die freilich nur teilweise Umsetzung fanden. Das Schulwesen wurde insgesamt gestrafft und verbessert. Auch die Forschung sei zentralisiert und stärker vernetzt worden.

Die Nazis setzten die Grundschule für alle durch (keine privaten Sonderwege für Reiche) aber auch höchsten kulturellen Ansprüchen genügende Projekte wie das Musische Gymnasium in Frankfurt. Sie verkürzten das Abitur, auch um ärmere Schichten, die auf Geldverdienst angewiesen waren, zu begünstigen. "Chancengerechtigkeit durch Bildung für alle" - so die Autorin, sei auch im Dritten Reich Slogan gewesen - für alle "Deutschen" muss man natürlich hinzufügen.

Die z.T. sehr fortschrittlich wirkenden Maßnahmen - so die Autorin, seien nicht einfach angeordnet worden. Es wurde vielmehr ein breiter Diskurs initiiert, bei dem der Expertise externer Berater bewusst Gehör verschafft wurde, Kommunen, nach ihrer Meinung gefragt wurden usw.

Rust erfuhr aber auch viel Widerstand seitens klassischen Bildungsidealen mit tiefer Skepsis gegenüber stehender Kreise der NSDAP. Doch Hitler habe zu Rust gestanden, da "eine stärkere Ideologisierung der Wissenschaftsstrukturen die kooperationsbereiten Eliten in den Forschungseinrichtungen verschreckt und das eigentliche Ziel ihrer Indienstnahme zum Zweck der Kriegsführung gefährdet hätte."

Die im Rahmen der braunen Bildungsstrukturreform angestrebte Vereinheitlichung - reichsweit vierjährige gemeinsame Grundschule, daran anschließend vier Jahre Volksschule, dann zwei-dreijährige Berufsausbildung oder Gymnasium - scheiterte 1936 jedenfalls. Gauleiter, Reichsstatthalter und Regierungschefs, so Nagel, sträubten sich denn doch dagegen, wenn in ihre Machtbereiche zu sehr hinein regiert wurde.

Natürlich darf bei allem nicht übersehen werden, dass die höheren Zielsetzungen auch der Bildungspolitik der Nationalsozialisten zutiefst menschenverachtend waren. Ein düsterer Aspekt des Ganzen war auch die "Säuberung" des Ministeriums und der Schulen und Hochschulen von Juden und politisch missliebigen Personen, die, so Nagel, konsequent und rücksichtslos betrieben wurde. Jeder siebte Ministeriale wurde entlassen, 2581 Studienräte in Preußen (46 %), 3343 Volksschullehrer (3 %), 478 Professoren (13 %). Nennenswerten Widerstand gegen die Entlassungen seitens der akademischen Kollegen sei nicht bekannt.


Die narzisstische Gesellschaft: Ein Psychogramm
Die narzisstische Gesellschaft: Ein Psychogramm
von Hans-Joachim Maaz
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen „Größen-Selbst“ und „Größen-Klein“, 28. Mai 2013
Nachdem H.-J. Maaz kurz nach dem Fall der Mauer die Ostdeutschen virtuell auf die Couch gelegt hatte und ihnen einen 'Gefühlsstau' sowie chronische Selbstwertprobleme mit Tendenz zur Unterwürfigkeit diagnostizierte, nimmt er sich nun die Deutschen als Ganzes vor. Die Problematik indes gleicht sich noch: Narzistische Störung - mal eher passiv ('Größen-Klein'), mal eher kompensierend aktiv ('Größen-Selbst'). Dass sich in der Diagnostik nicht viel verändert hat, verwundert nicht, denn der Autor scheint kaum eine ' nicht hirnorganisch bedingte ' psychische Störung zu kennen, die nicht narzistisch bedingt ist. Mehr noch, hier liegt für ihn der Quell so gut wie aller gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart.

Massive Selbstwert-Defizite führen dazu, dass Menschen zunehmend beziehungsunfähig sind und diese so ' ein Circulus Vitiosus - auch noch an jede nachfolgende Generation weitervererben. Denn mit Freud sagt auch Maaz: 'Liebe kann nur geben, wer Liebe empfing.' In unserer überzogen leistungsorientierten Welt ist niemand jemals gut genug. Dies gilt beruflich aber auch privat. Beziehungen stehen immer mehr unter dem Vorzeichen emotionaler Nutznießung. Jeder ist sich so des anderen unsicher. Zu transzendenten Quellen der Bestätigung der eigenen Existenz haben Menschen immer weniger Zugang. Auch die traumatische, schuldbeladene Vergangenheit der Deutschen spielt eine Rolle. Alles zusammen bildet den idealen Nährboden für eine epidemische Ausbreitung der beschriebenen Problematik.

Der narzistisch gestörte Mensch schwankt zwischen Allmachtsphantasien und Ohnmachtsgefühlen, idealisiert die, die ihn bestätigen und verwirft diejenigen, die dies nicht tun. Seine überzogenen Erwartungen sind schnell maßlos enttäuscht. Er kann keine Schwäche zeigen und fühlt sich deshalb in nahen Beziehungen selten wirklich zu Hause. Überhaupt sind Partnerschaften von der wechselseitigen Bedürftigkeit bestimmt. Der passive Part gibt dem eher dominanten, mit seiner widerspruchsfreien Idealisierung, was dieser dringend braucht und berauscht sich daran, von so einem starken, tollen Menschen geliebt zu werden. Doch eine solche Symbiose ist zerbrechlich, da sich irgendwann in jeder Beziehung die psychologische Realität der Beteiligten Bahn bricht.

Das permanente Rollenspiel und Sich-beweisen-müssen, so Maaz, kostet Energie. Es laugt innerlich aus und kein noch so großer Wohlstandsgewinn, kein noch so glatter Aufstieg auf der Karriereleiter kann dies kompensieren. So überrollt uns die Burnout-Welle, Depressionen kosten laut WHO nach Herzkreislauferkrankungen die meisten gesunden Lebensjahre, und Kinder, die bei ihren fragilen Eltern keine Geborgenheit erfahren, entwickeln scharenweise ADHS.

Soweit so gut und alles andere als unplausibel. Maaz überzieht dann jedoch, indem er seine These zum Welterklärungsmodell schlechthin macht. Denn bei den Deutschen unserer Tage sei ja nur etwas stärker oder anders ausgeprägt, was sich woanders auch fand und findet. Je weniger man bei sich zu Hause ist, desto mehr verzehrt man sich in rastlosem Aktionismus. Je defizitärer die elementaren psychischen Bedürfnisse befriedigt sind, desto beherrschender der Materialismus. Je weniger lustvoll man die eigne Existenz erlebt, desto mehr verfällt man einem oberflächlichen Hedonismus. Je kleiner man sich fühlt, desto größer möchte man raus kommen. Und so sieht Maaz das narzistische Defizit überall am Werk ' bei Kriegstreibern und Welteroberern, religiösem Größenwahn und Überlegenheitsdünkel herrschender Schichten, bei den Hasardeuren des Finanzsektors und bei den Akteuren einer überzüchteten Wirtschaftsmaschinerie, die uns alle ökologisch und sozial ruiniert. Auch Politiker sind von ihrem 'Größenselbst' getrieben und handeln deshalb kaum je wirklich rational. Im Grunde ' so Maaz ' müssten sie analog zum Psychoanalytiker zunächst einmal samt und sonders auf die Couch, bevor man sie auf die Menschheit loslässt.

Aber so eindimensional wie Maaz es beschreibt, ist Menschsein eben doch nicht. Selbstzweifel, Angst, Depression ' das alles gehört zum Menschsein dazu. Das Kind erlebt sich auch in liebevollster Umgebung permanent als den Erwachsenen unterlegen und das hört nicht einfach mit Konfirmation oder Jugendweihe auf. Es gehört zur Entwicklung dazu, die Zweifel am eigenen Vermögen immer neu zu überwinden. Nur so wächst das Gefühl persönlicher Kompetenz, Erdung und Freiheit, und so wächst auch Selbstwert. Die Alternativen, die Maaz vorschlägt, wirken zudem recht weltfremd. Natürlich kann man nicht überall Interessen redlich und auf gleicher Augenhöhe aushandeln und abstimmen und natürlich tut man gut daran, nicht überall persönliche Schwächen preiszugeben.

Erfolge ' je größer desto besser ' bewirken zudem auch bei bester psychischer Gesundheit die schönsten Endorphinausschüttungen und umgekehrt muss ein tiefes narzistisches Defizit nicht ausschließen, das Menschen verantwortlich und vernünftig agieren.

Das merkwürdigste Kapitel des Buches ist denn auch das zum Thema Ethik. Hier klärt der Autor den Leser auf, dass die Narzistische Problematik wirklich wirksam eigentlich nur in der ' möglichst stationären ' Psychotherapie angegangen werden kann. Da weder mit genereller Behandlungsbereitschaft zu rechnen ist, noch ausreichende Kapazitäten vorhanden sind, bliebe der Masse der Betroffenen nur die Linderung des Daseinsschmerzes, der permanenten inneren Spannung durch Yoga, Autogenes Training, Schwimmen, Joggen usw. Erwartet hätte man dagegen, dass der Autor hier die eigentliche Krux des zunehmenden Ausgeliefertseins des modernen Menschen an seine psychischen Dispositionen und Defizite zur Sprache bringt: der Mangel bezüglich einer stabilen Wertorientierung. Bei aller Leistungsorientierung ' Menschen früherer Zeiten mussten sicherlich nicht weniger hart arbeiten. Bei allem Mangel an Liebes- und Beziehungsfähigkeit ' ob für Kinder früherer Zeiten insgesamt so viel mehr emotionale Zuwendung drin war, erscheint fraglich. Was aber ganz sicher anders war ist dies: Es ging nicht so sehr darum, sich gut zu fühlen, als darum, ganz einfach das Gute (wie immer man es kulturell definierte) zu tun.


Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern
Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern
von Richard David Precht
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Potenzialentfaltungs-Coaching, 28. Mai 2013
Wie stellt sich Precht die Schule der Zukunft vor? Der Autor regt die Auflösung der Klassenstruktur an und empfiehlt die Unterteilung der Schule in Lernhäuser; eine dezentral ausgerichtete Schularchitektur mit einen Campus als Mittelpunkt, Nischen und Rückzugsorten, Begegnungsräumen. Hierbei solle sich die Struktur der Wissensgesellschaft abbilden.

In den Lernhäusern würden Lehrerkollegien die jahrgangsübergreifenden Lernteams die gesamte Schulzeit hindurch begleiten und einen guten Teamgeist kultivieren. Es gäbe gemeinschaftsstiftende Rituale und Werte; Schuluniformen würden die Differenzen unter den Schülern, die sich aus der unterschiedlichen sozialen Herkunft und materiellen Möglichkeiten des Elternhauses ergeben, entkräften.

Die Lust am Lernen, die Neugier des Kindes ist ein zartes Pflänzchen. Es komme deshalb darauf an, die "intrinsische Motivation" der Schüler zu hegen und zu pflegen. Jedes Kind sollte die Möglichkeit haben, in seinem individuellen Tempo seine eigenen Interessen zu verfolgen. Pauken nach starrem Lehrplan führt dazu, dass in erster Linie für Tests und Prüfungen gelernt und entsprechend schnell wieder vergessen wird. Ziel müsse ein projekt- und anwendungsbezogenes, fächerübergreifendes Lernen sein, bei dem sich SchülerInnen die Inhalte selbst erarbeiten.

Der ADHS-Epidemie will der Autor mit Konzentrationsübungen schon für die Kleinen entgegenwirken. Erforderlich sei ein Training, das vom ersten Schuljahr an unseren Kindern hilft, sich zu sammeln, zur Ruhe zu kommen, ihr eigenes Tun zu reflektieren, sich selbst besser zu verstehen. Ob man dieses Coaching nun "Glück" nennt, "Lebenskunst" oder "Philosophie", ist dabei vergleichsweise egal"

Noten sollen abgeschafft und durch ein "sorgsames, auf die Individualität des Kindes bezogenes Monitoring" ersetzt werden. Schriftliche Beurteilungen der Lehrer reflektieren den Lern- und Entwicklungsweg der Schüler, nicht nur im Hinblick auf Fragen der Wissensaneignung, sondern auch bezüglich der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes insgesamt.

Für das Berufsleben seien Zensuren ohnehin nicht aussagekräftig. Hier zählen Qualitäten wie "Führungsstärke, Begeisterungsfähigkeit, Teamgeist, Flexibilität oder die Fähigkeit, andere mitzureißen, von denen ein herkömmliches Zeugnis nichts weiß", so Precht. Weitere Stichworte in seinem Reform-Programm sind Kindergartenpflicht und Ganztagsschule. Dabei ist mitgedacht, dass Elternhaus und Familie für immer mehr Kinder kein anregendes Umfeld mehr darstellen und die Gesellschaft in der Pflicht sei, dem etwas entgegen zu setzen.

Unterbelichtet bleibt im Buch das Thema "Kinder mit Migrationshintergrund". Ein Drittel der Schulanfänger hat mittlerweile ausländische Wurzeln; in Metropolen wie Köln, Frankfurt oder München sogar mehr als die Hälfte. Der Erwerb von Sprachkompetenz sowie Fragen der kulturellen Adaption stellen hier eine wachsende Herausforderung dar. Auch zum wichtigen Komplex Einbeziehung außerschulischer Ressourcen und Kompetenzen weiß der Autor nicht viel zu sagen.

Dennoch - es ist zweifellos zu begrüßen, dass Precht seine Popularität nutzt, um den Diskurs zu diesem wichtigen Thema neu zu befeuern. Sein Buch liefert ohne Frage viele gute Ideen und Anregungen, wenngleich auch kaum etwas, was nicht schon andernorts gesagt und geschrieben wurde, ja sogar praktiziert wird. Die Evangelische Schule Berlin Zentrum, die von NDW-Star Nena mit begründete Neue Schule Hamburg, die Oskar-von-Miller Schule in Kassel (Berufsbildung), die Hans-Georg-Karg-Schule des CJD in Braunschweig (Grundschule), die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule Göttingen, die Werkstattschule in Rostock (integrierte Gesamtschule) sind nur einige Beispiele von vielen.

Merkwürdig mutet Prechts arroganter Tonfall gegenüber der Lehrerschaft an. All das, was er an Pädagogen kritisiert, praktiziert er hier selber: Defizitorientierung, Pauschal-Abwertung, Defätismus. Man fragt sich, mit wem der Autor seine Bildungsrevolution durchführen will, wenn er ein solches Lehrer-Bashing betreibt. Hätte er auf den von ihm beschriebenen endlosen Exkursionen durch das deutsche Schulsystem Best Practice-Beispiele gesammelt, wäre die Lektüre sicher sehr viel inspirierender geworden. Er hätte sich dann eben nur nicht mehr in dieser Form als Humboldt 2.0 gerieren können.

Weitere interessante Publikationen zum Thema: "Dichter, Denker, Schulversager: Gute Schulen sind machbar" von Jörg Dräger und Klaus von Dohnanyi, EduAction - Wir machen Schule" von Margret Rasfeld und Peter Spiegel, "Positive Pädagogik: Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück" von Olaf-Axel Burow. Interessante Websites zum Thema: news4teachers, archiv-der-zukunft, blickueberdenzaun.


Wohlstand und Armut der Nationen: Warum die einen reich und die anderen arm sind
Wohlstand und Armut der Nationen: Warum die einen reich und die anderen arm sind
von David Landes
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,99

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie entsteht Wohlstand?, 24. April 2013
Das mittelalterliche Europa hatte es nach Landes Einschätzung nicht leicht. Von grausamen Nordmänner, Sarazenen, Magyaren überfallen, in Kreuzzügen aufgerieben, von Pestepidemien heimgesucht, in König- und Fürstentümer unterteilt und zerstritten, oft von einer Kirche, die ihren Auftrag verriet, geknebelt. Dennoch habe es gegenüber anderen Regionen Vorteile gegeben. Sowohl aus der römischen, wie auch aus dem germanischen und judeo-christlichen Tradition speiste sich die Auffassung des Rechts auf Eigentum - in dieser Form bspw. im China jener Zeit alles andere als selbstverständlich. Dies war eine wesentliche Grundlage für die - Besitz erweiternde - Entwicklung von Landwirtschaft, Handel, Handwerk, Banken, Manufakturwesen usw. mit der immer weitere Teile der Gesellschaft erstarkten und selbstbewusst ihre Rechte und Freiheiten einforderten. Stabile Institutionen entstanden und die Möglichkeiten politischer Partizipation erweiterten sich über die Jahrhunderte Schritt für Schritt - freilich nicht ohne z.T. blutigste Auseinandersetzungen und Wehen. Immer mehr Menschen konnten sich so vollumfänglich produktiv und kreativ einbringen.

Diesem Prozess kam zu gute, dass das Christentum - im Gegensatz bspw. zum Konfuzianismus oder Hinduismus - ursprünglich in Bezug auf Fragen der gesellschaftlichen Organisation Enthaltsamkeit übte. Die christlichen Ideale beanspruchten Geltung unabhängig von der jeweiligen Gesellschaftsform. Darauf konnten sich benachteiligte Gruppen immer wieder berufen - der Adel gegenüber König, Papst und Kaiser; die Bauern und Bürger gegenüber dem Adel. Ähnlich positiv, so Landes, waren auch die Auswirkungen der jüdisch-christlichen Überlieferung bezüglich der wirtschaftlichen Nutzbarmachung bzw. wissenschaftliche Durchdringung der Welt. Flüsse, die heilig sind, nutzt man nicht für Wassermühlen, in Heiligen Hainen fällt man kein Nutzholz. Für Planeten, die - wie etwa bei Ägyptern, Griechen und Römern - mit Göttern identifiziert werden, berechnet man keine Umlaufbahnen. Wie bei Platon und Aristoteles war bzw. ist bei Juden und Christen Gott der Schöpfer aller Dinge; der Mensch beauftragt, sich die materielle Welt in angemessener Weise untertan zu machen. In letzterem liegt wiederum ein grundlegender Unterschied zur östlichen Philosophie und Religion - dort geht es stets weit weniger um Beherrschung als um ein Leben in Harmonie mit der Natur.

Unterschiedliche Entwicklung innerhalb West-Europas haben, so Landes, ihren Ursprung am Beginn der Neuzeit, v.a. in Zusammenhang mit der Entwicklung der Schifffahrt und der Entdeckung Amerikas. So war bspw. England weit mehr auf Warenproduktion und extensiven Handel angewiesen als Spanien, dem tonnenweise Gold aus den südamerikanischen Kolonien zufloss. - Für Lateinamerika waren hier die Konsequenzen ähnlich wie für das europäische Stammland. Während die nordamerikanischen Siedler am Aufbau einer wirtschaftlichen Basis arbeiteten, konnten die südamerikanischen importieren, was andernorts produziert wurde. Etwas anderes kam laut Landes hinzu: Die Besiedlung in Nord und Süd fanden jeweils durch einen völlig anderen Menschenschlag statt: Im Norden die frommen Siedler, oft vor Verfolgung geflohen und schon deshalb von Idealen wie Freiheit und Gerechtigkeit beseelt. Ein gutes Arbeitsethos, Autonomie und Unternehmergeist, aber auch ausgeprägter Gemeinsinn zeichneten diese Leute aus. Im Süden hingegen heuerten für das Unternehmen Neue Welt zu großen Teilen diejenigen an, die sich in der alten" schwer taten, Raubeine und Ganoven, Abenteurer und Draufgänger. Im Zuge einer Besiedlung, in der das Recht des Stärkeren entschied, etablierte sich schließlich eine quasi-feudale, einseitig agrarwirtschaftlich orientierte Ordnung bei der die Macht über lange Zeit in den Händen derjenigen lag, die sich den größten Grundbesitz angeeignet hatten und die an Entwicklung nicht interessiert waren.

Spanien und Portugal gerieten auch aus anderen Gründen vom 16./17. Jahrhundert an auf den absteigenden Ast. Die Inquisition bedrohte hier das freie - zumal öffentliche - Denken mehr als irgendwo sonst. Für die in wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen oft sehr beschlagenen Juden wurden die Verhältnisse immer bedrohlicher, sodass sie abwanderten. Mehr und mehr, so Landes, habitualisierten sich Ignoranz und eine ausgeprägte geistige Stumpfheit.

Ganz anders in Mitteleuropa. Kein Kulturkreis entwickelte etwas der exakten neuzeitlichen Wissenschaft - mit ihrer gezielten, experimentellen Befragung der Natur auf Gesetzmäßigkeiten hin - vergleichbares. Dennoch, so Landes, hätte die Wissenschaft im Vorfeld der Industriellen Revolution keine zu große Rolle gespielt. Die Entwicklung vollzog sich eher auf der Basis empirischer Erkenntnisse, die im Produktionsprozess selbst gemacht wurden. Bezüglich der Frage, warum die Wirtschaft insbesondere in England, dann aber auch bald in Nordamerika, und anderen europäischen Staaten eine solche Dynamik entwickelte, kommt der Autor zu dem selben Schluss wie Max Weber, der die tiefere Ursache im protestantischen Arbeitsethos verortet.

Hier liegt auch einer der Gründe dafür, warum sich Ost- und Westeuropa so unterschiedlich entwickelten. Weitere kommen hinzu. Die Slawen konnten weit weniger bzw. erst viel später als Westeuropa auf den Fundamenten der griechisch-römischen Antike aufbauen. Zum anderen war der Osten dann durch das Vorbild Byzanz geprägt und dies war gleichbedeutend mit einem hohen Maß an Zentralismus. Was im Westen zunächst ein Nachteil war, die Zerstücklung und Aufteilung in viele rivalisierende Herrschaftsbereiche - wurde schließlich zum Vorteil. Man musste verhandeln, streiten, sich von unten her organisieren. Man machte Kompromisse um höherer Ziele willen, doch stets ohne ein relativ großes Maß an Autonomie preiszugeben. In einem solchen Klima entwickelt sich ein entsprechender - eher individualistisch, eher eigenständig, eher innovativ denkender - Menschentypus.

China ist eine alte Hochkultur, die philosophische und dichterische Weltliteratur zu einer Zeit hervorbrachte, als man im Europa der Germanen noch keine Schrift kannte. Legendär sind die frühen - im weiteren Verlauf der Geschichte oft wieder vernachlässigten - Erfindungen Chinas: die ersten - wenn auch primitiven - Hochöfen, das Papier, das Drucken mit beweglichen Lettern, das Schießpulver, der Kompass. Früh hatte man den den Reisanbau perfektioniert, weite Teile des heutigen China mit einem Bewässerungssystem überzogen. Im 15. Jahrhundert war das Reich der Mitte" bereits dem Status einer hegemonialen Weltmacht sehr nahe - mit einer gigantischen Flotte, die bis nach Afrika vorstieß und Tribut einholte. Aus historisch schwer nachvollziehbaren Gründen vollzog die Ming Dynastie nach einer kurzen, höchst expansiven und progressiven Phase dann gewissermaßen eine Wende nach innen.

Die Innovation und Dynamik die sich entfaltete, machte den Herrschenden wohl Angst. Die konfuzianische, statische Auffassung einer ewig gültigen, natürlichen Gesellschaftsordnung dominierte das Denken. Landes zitiert: "In Staatsangelegenheiten scheint es so, dass, wenn die Gesetze und Maßnahmen der Staatsgründer genauestens befolgt und nicht verändert werden, der Staat auf ewig bestehen bleibt. Wenden sich indessen die Nachfolger gegen die Gesetze ihrer Vorfahren und ersinnen sie neue, dann verfällt der Staat dem Chaos und wird gewiss untergehen."

Als vom 16. Jahrhundert an Europäer chinesischen Boden betraten, erlebten diese trotz allem eine stolze, sich allen anderen überlegen fühlende Kultur. Aber gerade darin lag das Verhängnis. Die Fortschritte der Europäer im Feld der mathematischen Wissenschaften - nichts, was nichts schon im Buch der Wandlungen" geschrieben wäre! Die technischen Neuerungen, die die Jesuiten präsentierten (bspw. mechanische Uhren) - interessant und kurios, aber wozu benötigte man das?

Ganz anders erlebten die ersten Europäer, die 1543 japanischen Boden betraten, das Land der aufgehenden Sonne. Die Japaner - wenngleich zu jener Zeit in viele rivalisierende Fürstentümer gespalten - zeigten sich aufgeschlossen, gastfreundlich und wissbegierig. Sie wirkten auf die Besucher energetischer, zielstrebiger und innovativer als die Chinesen. Auch das Christentum wurde oft begeistert aufgenommen. Dies, so Landes, hätte jedoch den gängigen japanischen Kodex unterlaufen. Der völlige Gehorsam gegenüber Herrschern, Adligen, Kriegs-, Grund- und Dienstherren - bis hin zum Suizid, wenn der Befehl dazu auch nur andeutungsweise erging, war etwas, was die Christen, die sich nun in erster Linie Gott verpflichtet sahen, nicht mehr mitvollziehen konnten. Dass sich die spanischen und portugiesischen Seefahrer und Händler auch noch zunehmend arrogant, herablassend und tölpelhaft präsentierten, verstärkte die Ressentiments unter der herrschenden Elite nur noch mehr. Die Folge war schließlich ein radikales Vorgehen gegen alles, was die traditionellen Werte infrage stellte und zu bedrohen schien. Mit einer Brutalität sonders gleichen wurden alle Christen, die ihrem Glauben nicht entsagen wollten verfolgt und getötet. Schätzungen von Historiker belaufen sich auf eine Zahl von 300.000 bis 700.000 Opfern. Wie China vollzog Japan eine Wende nach innen, die erst im 19. Jh. durch die Kanonenboote des Commodore Perry und die nachfolgende Meiji-Restauration revidiert wurde.

Im Zuge der letzteren vollzog sich eine nationale Einigung unter dem Tenno - die Ständeordnung und das Shogunat wurden abgeschafft. Eine Modernisierung, Technisierung und Industrialisierung wurde nun mit Nachdruck betrieben und dies bekanntlich sehr erfolgreich. Die Mentalität der Japaner sei bestimmt gewesen durch eine Mischung von zu Höchstleistungen anspornender Bushido-Ethik und zen-buddhistischer Arbeitsmystik, im Resultat ähnlich effektiv wie der Protestantismus. Während im Westen ein wachsender Individualismus zum Tragen kam, blieb in Japan jedoch ein tiefes Gefühl der nationalen Verbundenheit erhalten. Anders als andere Entwicklungs-Nachzügler, so Landes, hätten die Japaner von Anfang an ein hohes Maß an Selbständigkeit gezeigt. Sie hielten sich nicht lange damit auf, die verlängerte Werkbank des Westens zu sein - sie lernten schnell und entwickelten rasch selbst leistungsfähige Technologien und Produkte. Sie ließen nicht Scharen von Fachkräften und Entscheidungsträgern im Ausland studieren bzw. ausbilden - sie bauten schnell eigene Universitäten mit hohem Niveau auf.

Und Indien? Auch hier tat die kulturelle Prägung ihr Werk. Der Hinduismus ist eher ein Kosmos verschiedenster religiöser Konzepte als eine einheitliche Religion. Es gibt jedoch gewisse gemeinsame Grundzüge. Zu diesen gehört der Glauben an den Dharma, eine Art universelles kosmisches Gesetz, die ewige Ordnung der Welt. Diese unumstößliche Ordnung manifestiert sich sehr konkret im gesellschaftlichen und persönlichen Leben. So ist natürlich auch das Kastenwesen Ausdruck derselben. Der Dharma bestimmt bzw. regelt das Leben bis ins Detail. Jede Kaste, ja jeder Berufsstand hat eine ganz individuelle Daseinsbestimmung. Es gilt, dieser Ordnung unbedingt zu folgen; aus ihr auszubrechen, sich aus einer niederen Kaste empor arbeiten zu wollen, gilt als Sünde. Dass ein solches System wenig Leistungsanreize bietet, liegt auf der Hand. Die britische Kolonialherrschaft hatte von daher auch positive Seiten. Sie schuf ein relativ stabiles Netz von Institutionen sowie erste Ansätze eines Bildungssystems und brachte ein neues Menschenbild, von dem sich auch Menschen wie Gandhi und Nehru inspirieren ließen.

Den islamischen Kulturkreis sieht Landes seit jeher blockiert durch die Machtausübung von Despoten, die jede Eigeninitiative, jeden Ehrgeiz und jede Kreativität bei den Untergebenen unterdrückt. Deshalb gab es zwar unter der Flagge des Islam über lange Zeit ein fortschreitende Expansion. Auch war man offen dafür, Wissen und Kultur unterworfener und benachbarter Völker zu absorbieren und streckenweise - unter dem Abbasiden-Kalifat - fand eine beeindruckende Weiterentwicklung statt - im persischen Corasan (Ibn Sina, Al Biruni), in Bagadad (Haus der Weisheit) oder dann auch im maurischen Spanien - Cordoba (Ibn Rushd), Granada (Ibn Chaldun). Mehr und mehr setzte sich aber - von Herrschern, denen es in erster Linie um Ordnung und Stabilität ging, gern aufgegriffen und befördert - die Lehre des persischen Philosophen und Theologen Al Gazzhali (11. Jh.) durch, welcher all die moderne Gelehrsamkeit als letztlich eitles, für das Volk ohnehin nicht nachvollziehbares und aus geistlicher Sicht fragwürdiges Treiben ansah.

Während in Europa dann nach Gutenbergs Erfindung der Buchdruck immer mehr Wissen unter das Volk brachte, tat man sich im benachbarten islamischen Kulturkreis auch damit schwer. Der Koran durfte nur in arabischer Sprache vervielfältigt werden, da diese als die Sprache der Offenbarung galt - dies zudem möglichst in kalligrafisch kunstvoller Schrift - keinesfalls in so profaner Weise, wie dies durch maschinelle Pressen und Drucklettern geschah. Sultan Bajasid II. verbot 1483 die Errichtung von Druckereien unter Androhung der Todesstrafe. Dies wurde erst 1727 zurückgenommen. Es war die Zeit in der man im Osmanischen Reich langsam aufwachte und des bedrohlich wachsenden Rückstandes gegenüber dem Westen - besonders im Zusammenhang kriegerischer Auseinandersetzungen mit Österreich und Russland - gewahr wurde. Die Buchproduktion hielt sich dennoch - bis heute - in Grenzen.

Die Reform- und Industrialisierungsversuche des ägyptischen Herrschers Mohammad Ali Pascha im 19. Jahrhundert, der wohl ambitionierteste Versuch im islamischen Raum, an der Schwelle zur Moderne den Anschluss an den Westen zu finden (Landes geht recht ausführlich darauf ein), wurden von der Hohen Pforte in Istanbul ausgebremst.

Afrika ist von der Stammeskultur geprägt. Der Kontinent bietet mit seinen z.T. extremen klimatischen Bedingungen, gefährlichen Krankheiten, teilweise landwirtschaftlich wenig geeigneten Böden nicht die besten Voraussetzungen und war dementsprechend dünn besiedelt. Große Städte, die in der Geschichte stets Voraussetzung für komplexere Formen menschlichen Zusammenlebens, ethisch-religiöser Systeme, Erfindungsreichtum und technischer Neuerungen - auch im Bereich der Kriegsführung, Formen organisierten und konkurrierenden Wirtschaftens waren, entstanden kaum. Vereinzelt kam es zu Reichsbildungen - Aksum, Mali, Ghana, Kongo, Simbabwe - zumal im Süden Afrikas aber kaum mit denen anderer Weltregionen vergleichbar.

Bereits die städtische Kultur der Griechen beförderte massiv den Wettbewerb. Alles war darauf ausgerichtet, das eigene Potenzial zu entfalten und zu erweitern. Dgl. ist der afrikanischen Kultur eher fremd. Zwar gibt es auch in Stammesgesellschaften ein Streben nach Führungspositionen. Dies betrifft jedoch nur wenige, die über die entsprechenden Voraussetzungen verfügen. Auch von ihnen wird erwartet, dass sie das Wohl der Gemeinschaft über das eigene stellen. Auszuscheren und sich von den anderen abzuheben gilt als verwerflich. Dies alles macht auch Sinn. In einer Gesellschaft ohne stabile übergeordnete Institutionen ist der Einzelne in allen Notlagen und Konfliktfällen auf den Verband, dem er ursprünglich zugehört, verwiesen. Deshalb sind Solidarität, Loyalität, Egalität von entscheidender Bedeutung. In vielerlei Hinsicht gilt das bis heute. Afrika befindet sich noch immer in einer zivilisatorischen Umbruchsphase. Die traditionellen Strukturen sind zerbrochen oder zumindest fragil. Die neuen", westlich orientieren Formen gesellschaftlicher Organisation sind jedoch noch längst nicht tragfähig.

Natürlich ist all dies keine Entschuldigung für Korruption, Clan- und Vetternwirtschaft, Bad Governance oder auch Mangel an Verantwortungsgefühl und Engagement auf anderen Ebenen der Gesellschaft. Aber es erklärt vieles, und macht hoffentlich nachsichtiger. Landes erinnert daran, wie lange Europa gebraucht hat, um sich zu dem Niveau der Gegenwart zu entwickeln. Das Innere Afrika wird hingegen erst seit rund 150 Jahren wirklich erschlossen und dies, wie man weiß, über weite Strecken auf wenig förderliche Art und Weise.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass Landes fünf Faktoren als Grundlage der Entwicklung von Wohlstand ausmacht:

1. Ein einigermaßen zuträgliches geografisches Umfeld. Mäßiges Klima, fruchtbare Böden, Zugänge zum Meer, große Flüsse als Transportwege sind vorteilhaft

2. Ein religiöser bzw. weltanschaulicher Hintergrund, der eine rationale Betrachtung, Ergründung und Nutzbarmachung der materiellen Welt zulässt oder sogar motiviert und auf dynamisch verwirklichte gemeinschaftliche Ideale setzt, statt auf statische Ordnungen

3. Ein Wertekanon, der persönliche und gemeinschaftliche Entwicklung hoch bewertet, herausragende Leistungen honoriert, ein gesundes Maß an Ungleichheit zulässt ohne innergesellschaftliche Solidarität zu vernachlässigen

4. Kulturelle Verankerung von Sekundärtugenden wie Ehrlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein; Integrität auch außerhalb der eigenen sozialen Gruppe

5. Eine Regierung, die individuelle Rechte und Freiheiten garantiert und - ebenso wie sonstige Eliten und Entscheidungsträger - im Sinne des Gemeinwohls agiert

Dies ist aufschlussreich auch für die Betrachtung der Ungleichheiten, für das Nachdenken über Entwicklungsmöglichkeiten und -prognosen in der gegenwärtigen Welt.

Ein sehr empfehlenswertes, erfrischend geschriebenes Buch, das längst zu einem Standardwerk der Entwicklungsgeschichte avancierte.


In Gottes Gegenwart: Gedanken zum geistlichen Leben (Klassiker der christlichen Spiritualität)
In Gottes Gegenwart: Gedanken zum geistlichen Leben (Klassiker der christlichen Spiritualität)
von Gerhard Tersteegen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kostbarkeiten christlicher Spiritualitaet: Gerhard Tersteegen, 24. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Tersteegen war schon früh ein leidenschaftlich Suchender. Er gab sich nicht mit vorgefertigten Antworten zufrieden. Das machte es ihm zunächst nicht einfacher. Die schwere, zermürbende Last ihn bedrängender Fragen, Selbst- und Gotteszweifel blockierte ihn. Er lebte - von seinem regelmäßigen Engagement unter Menschen, die noch ärmer waren als er selbst, abgesehen - zurückgezogen und asketisch. Doch schließlich machte er eine ganz ähnliche Erfahrung wie Pascal, Luther und unzählige andere Christen - Gott zog den Vorhang zur Seite und er konnte endlich sehen.

Am Gründonnerstag 1724 übergab und weihte Tersteegen sein Leben Jesus Christus. Sein ganzes Dasein veränderte sich. Die krampfhafte Gesetzlichkeit legte er ab, ebenso gab er seine Isolation auf, eröffnete mit Gleichgesinnten eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft. Er begann zu schreiben - geistliche Texte, Lieder, Gedichte, und seine diesbezügliche Begabung beschert ihm ein ständig wachsendes Publikum. Er übersetzt Schriften christlicher Mystiker. In ständig wachsendem, immer schwerer zu bewältigendem Umfang wurde er nun auch als Seelsorger, geistlicher Ratgeber und Prediger angefragt. Nebenher nahm er sich weiterhin Zeit für die karitative Arbeit unter den Armen. Autodidaktisch eignete er sich solide medizinische und pharmazeutische Kenntnisse an - für die Menschen, die kein Geld für Arzt oder Apotheker hatten, ein wahrer Segen. Für die Zubereitung seiner Arzneien musste er aufgrund der hohen Nachfrage schließlich sogar Leute anstellen.

Bei all dem blieb Tersteegen ein kontemplativer Mensch. Man spürt seinen Schriften ab, dass er Gott wirklich kennt. Er hatte alle Höhen und Tiefen des geistlichen Lebens ausgelotet, durchlebt und durchlitten. Mit den tiefen dunklen Tälern war er ebenso vertraut wie mit den sonnigen Höhen. Wie kaum ein anderer entwickelte er ein Gespür für die Authentizität und die vielen Spielarten religiöser Selbsttäuschung. Fromme Gefühlen, tröstlicher Glaube - das alles - so wird er immer wieder betonen - ist noch längst nicht wirkliche Gotteserfahrung in Jesus Christus, die in eine tiefe, stabile Befreiung und Erfüllung führt, in einen inneren Frieden, ein Lebensglück das unabhängig macht von äußeren Umständen und Widrigkeiten.

Im folgenden noch einige Zeilen Tersteegen im OT:

Aus dem Anhang zum Handbrieflein von der wahren Mystik"

Ganz für Gott sein, ist das wahre Geheimnis des inwendigen (mystischen) Lebens, ein Christenleben, wovon sich die Leute solche seltsame und fürchterliche Bilder machen. Und so leben wir, wenn Christus selbst unser Leben wird. Ein selbst gemachtes Christenleben, wovon nicht Christus im Inwendigen lebend der Ursprung und die Seele ist, ist nicht das, was es genannt wird, sondern eine tote Larve, eine äußere Gestalt ohne Leben und Kraft. Wir sollen nur von unserem eigenen Tun ablassen, Jesus unser Herz wahrhaftig geben, bei ihm kindlich drinnen bleiben und ihn frei durch seinen Geist in uns wirken lassen.

Es ist nichts einfältiger, sicherer, lieblicher, fruchtbarer als dieses Herzensleben, welches nicht durch Lesen und Kopfanstrengen, sondern durch Sterben und Lieben gründlich erkannt und erfahren wird. Ist also mehr das Werk des Geistes Jesu in uns als unser eigenes Werk.

Auf die Wirkungen und Züge dieses Geistes acht haben, denselben zufriedenstellen und ihm folgen, macht uns zu eingekehrten und geistlichen Menschen. Dieser Geist der Liebe, wenn er wohl gewartet wird, flößet der Seele den Sinn Jesu Christi ein und bildet sie nach dessen Gestalt so unvermerkt, als fast ein Kind im Mutterleib gebildet wird; führt sie immer ein in das Loslassen aller Dinge und ihrer selbst und in die unbedingte Überlassung an Gott. [...]

Je mehr wir inwendig aufgeräumt und in friedsamer Andacht uns befinden, desto besser und lauterer wandeln wir. Die besondere Übung des Gebets oder der Einkehr dient hauptsächlich dazu, dass wir diesem zarten Führer kindlich aufwarten und er unserer recht mächtig werde. Da gilt kein Selbstmachen oder Formen; es hindert nur. Man muss ein armer formloser Ton sein in der Hand des Töpfers. Diese Liebeshand formt uns nach ihrer Weise. [...]

Das wahre inwendige Leben ist keine besorgniserregende oder neue Sache. Es ist der uralte wahre Gottesdienst, das christliche Leben in seiner Schönheit und eigentlichen Gestalt. Recht innige Seelen machen keine besondere Sekte. Wenn ein jeder der Lehre und dem Leben Jesu durch dessen Geist folgte, so würden alle ohne Zweifel einig und innig und die Welt voller Mystiker werden, das heißt solcher Leute, die nicht einen bloßen Schein im Äußeren, sondern einen verborgenen Menschen des Herzens erlangten, der in dem unverderblichen Schmuck eines sanften und stillen Geistes so köstlich ist in dem Angesicht Gottes."

Eine wunderbare Idee des Neufeld Verlages, solche Kostbarkeiten christlicher Spiritualität neu herauszubringen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen!


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