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Von der Freiheit eines Christenmenschen: Studienausgabe
Von der Freiheit eines Christenmenschen: Studienausgabe
von Gesche Linde
  Broschiert
Preis: EUR 4,00

5.0 von 5 Sternen "Freiheit, die alle Freiheiten überragt, wie der Himmel die Erde", 24. April 2013
Luthers Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen" erschien im November 1520, zunächst auf deutsch und lateinisch. Sie ist eine etwas erweiterte Fassung eines Sendbriefes Luthers an Papst Leo X.. Auf Ersuchen des um Vermittlung in der theologischen Auseinandersetzung bemühten päpstlichen Gesandten Karl von Miltitz wollte Luther, der zu dieser Zeit diesbezüglich wohl kaum noch große Hoffnungen hatte, dennoch Entgegenkommen zeigen und legte noch einmal zusammenfassend die wesentlichen Züge seiner Theologie dar. Was sich so ergab, war wie Luther im Vorabschreiben mitteilt die ganze Summe eines christlichen Lebens".

Der Autor und seine Zeit
Martin Luther wurde am 10.11.1483 in Eisleben geboren. Seine Vorfahren waren Bauern, der Vater war Bergmann und später Ratsherr. Luther besuchte die Schulen in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach. Von 1501 an studierte er Philosophie an der Universität in Erfurt und machte seinen Magister. Der akademische Unterricht dort war vom Nominalismus und Aristotelismus geprägt. Das auf Wunsch des Vaters anschließend begonnene Jurastudium brach Luther 1505 ab. Er trat ins Augustinerkloster Erfurt ein. 1507 wurde er dort zum Priester geweiht und begann Theologie zu studieren. 1508 erfolgte seine Versetzung in den Konvent zu Wittenberg. 1510 wurde er nach Rom delegiert. Er war erschüttert über den Sittenverfall des Vatikans in dieser Zeit. Im Jahr 1512 promovierte Luther zum Doktor der Theologie und erhielt eine Professur an der Universität Wittenberg.

Im selben Jahr machte Luther beim Studium des Römerbriefes eine Entdeckung, die sein Leben verändern sollte. Er, den bis dahin stets das Gewissen quälte, obwohl er unter den Mönchen als einer der heiligmäßigsten" galt und allseits größtes Vertrauen genoss, entdeckte, dass nicht ein moralisch einwandfreies Leben vor Gott angenehm machen kann und soll. Luther begegnete in der Bibel dem Gott, der dem Menschen die Gerechtigkeit Christi aus Gnaden zuerkennt. Diese Erkenntnis war in der Kirche der damaligen Zeit weitgehend verschüttet. Der Glauben der Menschen war vielmehr dominiert von der Angst vor jenseitigen Strafen, denen sich nur durch Reue und kirchliche Bußauflagen entkommen ließ. Diese Bußauflagen - ursprünglich im seelsorgerlichen Beichtgespräch individuell bemessen - materialisierten" sich im Laufe der Zeit. Die Kirche verkaufte Straferlässe, sog. Ablässe (auch für verstorbene Verwandte). So finanzierte sie u.a. den Bau des Petersdoms. Dieses Unwesen motivierte Luther, seine Stimme zu erheben.

Ein erster Höhepunkt bildete hier das Jahr 1517. Luther schlug seine 95 Thesen an die Pforte der Schlosskirche zu Wittenberg. Rom wurde auf ihn aufmerksam. Es folgte ein Verhör mit Kardinal Cajetan und eine öffentliche Disputation mit Dr.Eck. Die Ereignisse überschlugen sich nun. 1520 erschienen die Schriften, die die notwendigen Veränderungen innerhalb der Kirche klar abstecken und konkretisieren: An den christlichen Adel deutscher Nation", Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche", Die Freiheit eines Christenmenschen". Luther misst alle Praktiken und theologischen Aussagen der Kirche an der ursprünglichen biblischen Lehre. Die daraufhin vom Papst erlassene Bulle, die Luther zum Widerruf auffordert, verbrennt dieser zugleich mit anderen päpstlichen Rechtserlassen öffentlich. 1521 erlässt der Vatikan die Bannbulle gegen Luther. Kaiser Karl V. lädt Luther nun unter Zusicherung freien Geleites zum Reichstag zu Worms um ihm eine letzte Chance zum Widerruf zu geben und so die religiöse und politische Einheit des Reiches zu sichern. Doch Luther, der im Grunde kein rebellischer Geist war und keineswegs eine konfessionelle Aufspaltung suchte, konnte auch hier seine Ausführungen nur mit den Worten schließen: Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren Vernunftgründen besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angeführt habe, und mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, dass sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben. Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun. Gott helfe mir, Amen." Am 26.5.1521 verhängte der Kaiser daraufhin im Wormser Edikt über Luther die Reichsacht. Allein Kurfürst Friedrich bewahrte ihn vor dem Schlimmsten und ließ ihn auf die Eisenacher Wartburg in Sicherheit bringen. Innerhalb weniger Wochen übersetzte Luther dort das Neue Testament ins Hochdeutsche (erschien noch 1522; das Alte Testament war dann 1534 übersetzt und druckfertig).

Schon 1522 kehrte Luther nach Wittenberg zurück. Die reformatorischen Gedanken breiteten sich nun von hier aus rasch über ganz Deutschland und darüber hinaus aus. Ein enger Freund und Mitarbeiter erwächst Luther dabei in Philipp Melanchton, ursprünglich eher Humanist, eine ganz andere Persönlichkeit als der Reformator, ein hochsensibler Feingeist, von Luther oft freundschaftlich Leisetreter" genannt. Im Jahr 1525 machte Luther mit seiner theologischen Verwerfung des Zölibates auch im Privatleben Ernst. Er heiratete die ehemalige Nonne Katherina de Bora. Sie schenkte ihm sechs Kinder, drei davon starben jedoch frühzeitig. 1525 eskalierten die Bauernaufstände. Deren Führer fühlten sich von Luthers Lehren missverständlich ermutigt. Luther reagierte denn auch verhältnismäßig krass. Angesichts der vielen Opfer belastete ihn das Geschehen sehr tief. Die Reformation nahm weiter ihren Lauf: 1524 und 26 fanden zwei weitere Reichstage statt - ohne Einigung zwischen evangelischen Ständevertretern und Anhängern des Katholizismus. 1526-29 geschah eine Reform der Gottesdienste in der kursächsischen Kirche, an der sich andere Fürstentümer orientierten. 1527 wurde die erste rein evangelische Universität in Marburg gegründet. 1529 findet das Marburger Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli statt, scheitert jedoch am Abendmalsverständnis. 1530 legen die Anhänger Luthers dem Reichstag zu Augsburg ausgearbeitete Bekenntnisschriften vor - u.a. die Confessio Augustana. 1531 schließen sich die evangelische Stände im Schmalkaldischen Bund zusammen.

Als Luthers Kräfte in den letzten Jahren nachließen, spürte er die übergroße Last der Verantwortung auf seinen Schultern lag, umso mehr. Doch auch sein letzter Lebensabschnitt blieb bestimmt von Auseinandersetzungen vielfältigster Art.: Auf gesellschaftlich-politischer Ebene mit den Landesherren bzw. sonstigen einflussreichen Personen, im kirchlich theologischen Bereich mit den Vertretern der Lehre Roms, mit fast gleichgesinnten anderen Reformatoren (Bucer, Zwingli), mit den Führern von durch ihn inspirierten sektiererischen Bewegungen (z.B. die Wiedertäufer). In diesen Auseinandersetzungen überzog Luther stellenweise deutlich. Hierher gehören auch seine schroffen Äußerungen zum Judentum. Manch einer wendet ein, dass sich unter den Großen der abendländischen Geistesgeschichte - von Tacitus bis Bruno, von Erasmus bis Voltaire, von Kant bis Schopenhauer - kaum jemand findet, der sich nicht ähnlich schockierend und schlimmer geäußert hätte. Doch dies kann ebenso wenig eine Entschuldigung sein wie der Hinweis, das markige Übertreibungen zu Luthers Zeiten geradezu als Stilmittel anzusehen sind. Könnte Luther sehen, zu welchen Entwicklungen seine Äußerungen beigetragen haben, er würde sicherlich mit sich selbst am schärfsten ins Gericht gehen.

Luther starb am 18.02.1546 in Eisleben. 1555 - neun Jahre nach Luthers Tod, gab es einen ersten wirklichen politischen Erfolg im Konfessionsstreit - den Augsburger Religionsfrieden. Man einigte sich darauf, dass die jeweilige Konfession durch die Landesherren bestimmt wird und erkannte Reichsstädten diesbezüglich Eigenständigkeit zu. Wie man weiß, sollte der Frieden jedoch nicht lange andauern.

Inhalt
Damit wir gründlich erkennen können, was ein Christ ist und wie es um die Freiheit steht, die Christus ihm erworben hat, von der der heilige Paulus viel schreibt, will ich diese zwei Thesen aufstellen: Ein Christ ist ein Herr über alle Dinge und niemandem verpflichtet. Ein Christ ist ein dienstbarer Knecht in allen Dingen und jedermann verpflichtet." Mit diesen Worten beginnt Martin Luthers Schrift über die Freiheit eines Christen.

Befreites Menschsein bedeutet für Luther Souveränität gegenüber äußeren und inneren Umständen: So wir uns vornehmen den inwendigen, geistlichen Menschen, zu sehen, was dazu gehöre, dass er ein frommer, freier Christenmensch sei und heiße, so ist's offenbar, dass kein äußerliches Ding kann ihn noch fromm machen, wie es mag immer genannt werden, denn seine Frömmigkeit und Freiheit, wiederum seine Bosheit und Gefängnis sind nicht leiblich noch äußerlich. Was hilft's der Seele, dass der Leib ungefangen, frisch und gesund ist, isset, trinkt, lebt, wie er will! Wiederum, was schadet das der Seele, dass der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet, wie er nicht gern wollte! Diese Dinge reichen keines bis an die Seele, sie zu befreien oder gefangenzunehmen, gut oder böse zu machen."

Was aber macht den Menschen frei, froh und fähig zu lieben? Dies - so Luther - vermittelt ihm allein die Heilige Schrift, das Wort Gottes. Dieses öffnet dem Menschen zunächst die Augen für die grundlegenden Realitäten seiner Existenz: .. fragst du aber: «Welches ist denn das Wort, das solch große Gnade gibt, und wie soll ich's gebrauchen?» Antwort: Es ist nichts anderes denn die Predigt, von Christo geschehen, wie das Evangelium enthält, welche soll sein und ist also angetan, dass du hörest deinen Gott zu dir reden, wie all dein Leben und Werke nichts seien vor Gott, sondern müssest mit allem dem, was in dir ist, ewiglich verderben. So du solches recht glaubst, wie du schuldig bist, so mußt du an dir selber verzweifeln und bekennen, dass wahr sei der Spruch Hoseas: «O Israel, in dir ist nichts denn dein Verderben, allein aber in mir steht deine Hilfe!»

Luther nimmt die biblischen Wertmaßstäbe ernst. Für ihn ist klar: die Bestimmung des Menschen ist nicht egoistische Befriedigung seiner Bedürfnisse, sondern Liebe. Doch wie kann man Gott und seinen Nächsten - auch den, der einem Probleme bereitet - lieben? Wohl kann man äußerlich beten, sich in Askese üben, zu jedem freundlich sein, viel Gutes tun - doch ist das nicht die Art der Liebe, von der Paulus im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes redet, auf das Luther später noch Bezug nimmt. Man kann sich all das Gute auferlegen und es doch nur mit Widerwillen im Herzen tun. Doch diese Art der Liebe" erreicht den Nächsten nicht wirklich. Das alles war die persönliche Erfahrung des Mönches Martin Luther. An der Verzweiflung darüber drohte er zu zerbrechen: Damit du aber aus dir und von dir , das heißt aus deinem Verderben, herauskommen kannst, hält er dir seinen lieben Sohn Jesus Christus vor und lässt dir durch sein lebendiges , tröstliches Wort sagen: Du musst dich in denselben mit festem Glauben ergeben und frisch auf ihn vertrauen. Dann sollen Dir um dieses Glaubens willen alle deine Sünden vergeben und all dein Verderben besiegt sein. Und du sollst fromm, wahrhaftig, befriedet und gerechtfertigt sein. Und alle Gebote sollen erfüllt und du sollst von allen Dingen frei sein."

Gott spricht den Menschen um des Erlösungswerkes Christi willen gerecht. Doch mehr als das: Gott schenkt dem aufrichtigen, vertrauenden Menschen neu die Gemeinschaft mit sich selbst. Die Gegenwart Gottes im Leben eines Menschen bewirkt, dass dieser glauben kann. Diese Gotteserfahrung verändert Menschen, kein Daran glauben" im landläufigen Sinne, keine moralischen Klimmzüge. Am schönsten und prägnantesten drückt Luther das in seiner Vorrede zum Römerbrief aus: Glaube ist nicht der menschliche Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten. Und wenn sie sehen, daß keine Besserung des Lebens noch gute Werke folgen, und doch vom Glauben viel reden hören, so fallen sie in den Irrtum und sagen: der Glaube sei nicht genug, man müsse Werke tun, soll man fromm und selig werden. Das macht: wenn sie das Evangelium hören, so fallen sie daher und machen sich aus eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich glaube. Das halten sie dann für einen rechten Glauben. Aber wie das eine menschliche Erdichtung und Gedanke ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt, so tut er auch nichts, und es folgt keine Besserung darauf.

Aber Glaube ist ein göttliches Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott und den alten Adam tötet, aus uns ganz andere Menschen in Herz, Gemüt, Sinn und allen Kräften macht und den heiligen Geist mit sich bringt. O es ist ein lebendig, geschäftig, tätig, mächtig Ding um den Glauben, dass es unmöglich ist, dass er nicht ohn Unterlass Gutes wirken sollte. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, sondern ehe man fragt, hat er sie getan, und er ist immer im Tun. Wer aber nicht solche Werk tut, der ist ein glaubloser Mensch, tappt und sieht um sich nach dem Glauben und guten Werken und weiß weder was Glaube noch was gute Werke sind, wäscht und schwatzt doch viel Worte vom Glauben und von guten Werken.

Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal drüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und voller Lust gegen Gott und alle Kreaturen: das macht der Heilige Geist im Glauben. Daher wird der Mensch ohne Zwang willig und voller Lust, jedermann Gutes zu tun, jedermann zu dienen, allerlei zu leiden, Gott zu Liebe und zu Lob, der einem solche Gnade erzeigt hat. Daher ist es unmöglich, Werk und Glauben zu scheiden, ja so unmöglich, wie Brennen und Leuchten vom Feuer nicht geschieden werden kann. Darum sieh dich vor vor deinen eigenen Gedanken und unnützen Schwätzern, die vom Glauben und guten Werken zu urteilen klug sein wollen und dabei die größten Narren sind. Bitte Gott, dass er den Glauben in dir wirke: sonst bleibst du wohl ewiglich ohne Glauben, ob du auch schaffst und tust, was du willst oder kannst."

Einen weiteren elementaren Punkt behandelt Luther in der hier besprochenen Schrift: das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. Vor Gott gibt es kein Ansehen der Person. Die Vormachtstellungen der kirchlichen Hierarchien sind demnach unchristlich, wenn sie nicht innerkirchlich-demokratisch legitimiert sind. Priester, Prediger, Bischöfe und Diakone sind nicht eingesetzt um andere zu beherrschen, sondern um ihnen ihrer besonderen Begabung entsprechend zu dienen. Dieser Gedanke wird später von den Demokratietheoretikern der englischen Frühaufklärung aufgegriffen und für die liberale Staatstheorie fruchtbar gemacht werden. Von diesen frühen Wurzeln unseres Gesellschafts- und Regierungsmodells zeigt heute noch die Bezeichnung Minister (engl. to minister - dienen).

Wirkung
Die Freiheit eines Christenmenschen" fand rasante Verbreitung. Noch 1520 musste sie in Leipzig, Augsburg und Straßburg insgesamt fünfmal nachgedruckt werden. Neben der deutschen und lateinischen Fassung gab es bald eine englische, französische, niederländische, spanische und tschechische Übersetzung. Insgesamt kann man sicher die Wirkung von Luthers Schriften kaum überschätzen. Sie zeigten unzähligen Menschen den Weg zu einem guten Leben.

Andererseits gab es Entwicklungen, die von Luther nicht gewollt waren. Dazu gehört die konfessionelle Aufspaltung der Kirche. Doch war Luther auch derjenige, mit dem der Mensch als einzelner in die individuelle Verantwortlichkeit vor Gott entlassen wurde. Dies bedeutet für den Gang der Welt viel. Niemand weiß, wie sich die Entwicklungen der Renaissance - auch und gerade im wissenschaftlichen Bereich hätten durchsetzen können, wenn die institutionelle Macht der katholischen Kirche nicht in dieser Weise erschüttert worden wäre.

Luther wurde im Laufe der Geschichte vielseitig vereinnahmt - zumeist freilich zu Unrecht. Die Aufklärer würdigten ihn ebenso, wie Nationalsozialisten und Kommunisten. Oft wurde in ihm der revolutionäre Geist verehrt, der unerschrocken die Stimme gegen ungerechte Herrschaft und Ausbeutung erhob. Die theologische Einkleidung" seines Wirkens wurde dem frühneuzeitlichen Weltbild zugeschrieben. Doch sollte man sich nicht täuschen. Luther war ein Reformator wider Willen. Er war mit Leib und Seele Seelsorger. Sein Blick galt nicht so sehr den äußeren gesellschaftlichen Umständen, wie vielmehr dem inneren Wohlergehen und der sittlichen Kraft des einzelnen Menschen. Würde Luther heute leben wäre es ihm mit ziemlicher Sicherheit noch immer das allergrößte Anliegen, darauf hinzuweisen, wie ein hohes, edles Leben es sei um ein christliches Leben, das leider nun in aller Welt nicht allein darniederliegt, sondern auch nicht mehr bekannt ist, noch gepredigt wird."


Leben ohne Krankheit
Leben ohne Krankheit
von David B. Agus
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Salutogenese für jedermann, 24. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Leben ohne Krankheit (Gebundene Ausgabe)
Leben ohne Krankheit" avancierte in den USA schnell zum Bestseller. Dem Autor eilt dort der Ruf großer Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit voraus. Dies muss man wissen, bevor man das Buch in die Hand nimmt. Denn weder wirkt der Titel besonders seriös, noch ist die Aufmachung besonders eye catching noch reißt der Inhalt beim ersten Durchblättern vom Hocker.

Erst wenn man sich dann doch etwas in das Buch vertieft, wird der amerikanische Hype darum ein wenig einfühlbarer. Der Autor versteht es sehr gut, medizinisches Fachwissen in Alltagssprache zu übersetzen und so entwickelt sich vor des Lesers Auge tatsächlich so etwas wie ein zusammenhängendes Bild grundlegender physiologischer Abläufe in unserem Organismus.

Grundsätzlich plädiert der Autor dafür, Vertrauen in die selbstregulativen Kräfte zu setzen, und möglichst wenig in natürliche Abläufe einzugreifen. Denn unser Körper verfügt selbst über eine Fülle höchst komplexer Mechanismen, die in Störfällen zum Tragen kommen und Ungleichgewichte harmonisieren. Mit unseren Interventionen kann er oft bestenfalls wenig anfangen. Der Autor demonstriert das am Beispiel Nahrungsmittelsublimente. Bei drohendem Mangel an einem bestimmten Vitamin klinken" Zellen spezielle Rezeptoren aus, die sie bei einem Überangebot wieder einfahren". Fazit - die Euros für Multivitaminpräparate kann man getrost anders verwenden.

Mit Kiloweise in den Tetrapack gepresstem Obst, kann der Körper ebenso viel bzw. wenig anfangen, wie mit dem zerschroteten Korn unserer meisten Bachwaren oder den im Prozess der industriellen Fertigung verunstalteten Nährstoffen unserer Lebensmittel. Ohne dass Agus das Thema Ernährung zu sehr vertieft - er verweist auf den Autor Michael Pollan - rät er sich zu vergegenwärtigen, wie der Mensch sich ernährte, als er der Natur noch näher war. Darum - möglichst Un- oder Wenig-verarbeitetes konsumieren: Vollkorn, Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch (bei letzterem nicht die Ökologie vergessen), wenig Zucker, wenig Salz. Der Körper dankt es, in dem er schlank und knackig bleibt oder wieder wird - ohne zu hungern und ohne fragwürdige Diät-Produkte.

Natürlich ergeht auch der Rat, sich körperlich zu betätigen; regelmäßig Sport zu treiben aber auch die kleinen Möglichkeiten des Alltags zu nutzen. Langes Sitzen ist Gift, deshalb zumindest mit dem schnurlosen Telefon das Büro durchwandern. Auf Rolltreppen und Fahrstühle möglichst verzichten , sich entspannte Spaziergänge gönnen usw.

Man sollte Alkohol höchstens in genießerischer Weise konsumieren - gelegentliches Glas Chateau Mouton am Kamin - und auf Tabak ganz verzichten, sich gut eincremen, bevor man sich der Sonne aussetzt und ausreichend schlafen. Dabei kommt es auf möglichst ungestörtes Ambiente an, denn nur im Tiefschlaf - besonders in den ersten Stunden - schüttet der Körper Wachstumshormone aus, die auch bei ausgewachsenen Menschen die Zellen regenerieren bzw. abgestorbene ersetzen.

Regelmäßigkeit ist dabei das Stichwort, regelmäßig schlafen, regelmäßig essen, so findet der Organismus seinen optimalen Rhythmus. Das ganze Jahr über solle man den gleichen Tagesplan - zumindest was wesentliche Fixpunkte betrifft, einhalten - nicht jedermanns Sache.

Für sehr bedeutsam hält Agus das Thema Entzündungen, ausgelöst in der Regel durch zu harsche Reize bzw. irritierende Einwirkung auf den Körper. Dies löse physiologische Abwehrreaktionen aus, mit denen die Funktionsfähigkeit der zellularen DNA- Reparaturwerkstätten beeinträchtigt werde. Aus diesem Grund sind Entzündungen ein wichtiger Faktor im Entstehungsprozess von Krebs, der genau durch solche DNA-Fehler und ein daraus folgendes unkontrolliertes Zellwachstum in Gang gesetzt werde.

Entzündungsprophylaxe findet u.a. wiederum im Rahmen gesunder Ernährung statt, die dem Körper dann auch entzündungshemmende Enzyme - in stark verarbeiteten Lebensmitteln kaum noch enthalten - zuführt. Aber auch gegen permanente Dauerbelastung durch ungeeignetes Schuhwerk lässt sich etwas tun - schlechte Nachricht für FreundInnen von Stöckelschuhen.

Alles in allem also viel Beratschlagung in Richtung einer in Eigenregie zu verwirklichenden gesunden, natürlichen Lebensweise. Ganz überflüssig machen will Agus seine Zunft denn aber doch nicht. Er ist auch ein Anwalt moderner, personalisierter Salutogenese und Medizin. So rät er zu einer persönlichen Genomanalyse, die Hinweise auf Krankheitsveranlagungen und Möglichkeiten spezifisch-prophylaktischer Maßnahmen liefert. Allgemein mahnt er an, Krebsvorsorgetermine wahrzunehmen, sich die Grippe-Impfung nicht entgehen zu lassen und mit dem Hausarzt eine regelmäßige Einnahme von Aspirin und Statinen (entzündungshemmend) zu besprechen.


Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen
Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen
von Gerald Hüther
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Everyone is a genius...", 24. April 2013
"... but if you judge a fish on its ability to climb a tree, it will live its whole life believing that it is stupid" (A. Einstein)

Die Autoren beschreiben sehr schön und einfühlsam den frühkindlichen Entwicklungsprozess. Wer empfindet es nicht geradezu als ansteckend, mit welchem Staunen ein kleines Kind die Welt entdeckt; immer wieder auf Dinge stößt, die es maßlos zu begeistern scheinen. Diese Offenheit, Neugier und Begeisterungsfähigkeit müssen Eltern behutsam begleiten, wenn sie nicht erstickt werden soll.

Das Kind, so die Autoren, benötigt Freiraum, um sich seine Welt zu erobern. Schön wenn Eltern nicht nur viel Liebe und Empathie geben, sondern da und dort auch am Spiel des Kindes teilnehmen können. So werden Grundlagen für das spätere Leben gelegt: es entwickelt sich die Freude an gemeinsamer Aktivität; das Herumbasteln des Kindes, etwa der Bau eines Flugzeugs aus Küchengeräten, trägt dazu bei, Kreativität und konstruktive Zielstrebigkeit zu entwickeln. Nicht zu schnell sollte man dem Kind zu Hilfe eilen, sondern es selbst probieren und experimentieren lassen, es eben als die kleine Persönlichkeit respektieren, die es ist.

Natürlich werden Eltern immer auch Grenzen setzen müssen. Wird das Kind jedoch zu sehr eingeengt, entwickelt es kompensierende Verhaltensweisen. Die Zuneigung die sich ihm nicht dadurch vermittelt, dass es in seinem Tun bestätigt und liebevoll begleitet wird, sucht es dann vielleicht auf direktem Weg von seinen Bezugspersonen zu erzwingen - mit Trotz oder übermäßiger Anschmiegsamkeit, provokantem Fehlverhalten oder vorauseilender Fügsamkeit. Es kann die gesunde Balance zwischen Nähe und Distanz, Abgrenzung und Zuwendung auch im späteren Leben schwer finden. Ähnlich verhält es sich mit der Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen. Kinder sind von Natur aus zu viel Mitgefühl fähig. Auch dies kann jedoch leicht in seiner Entfaltung behindert werden. Die Autoren führen hier das Beispiel des Kindes an, das von der Mutter gehindert wird, sein Spielzeug aus Mitleid einem anderen Kind zu schenken, das gerade weint. Hier sollten Eltern nicht zu schnell eingreifen und - wenngleich sicher nicht in jedem Fall möglich - so doch aufs Ganze gesehen, solche kindlichen Anlagen unterstützen.

Grundsätzlich benötigen Kinder viel Übungsfläche, um die basalen, neuronalen Vernetzungen zu entwickeln, die die Grundlage für die spätere Entwicklung von sozialer Kompetenz sind. Beim Erzählen oder Vorlesen von Märchen erlebt das Kind viele spannungsreiche Situationen und liest am Gegenüber v.a. auch die emotionale Begleitmusik ab. Die Bezugsperson ihrerseits kann in jedem Augenblick auf das Kind eingehen. Diese Situation des sich ineinander Spiegelns, der gemeinsamen erzählerischen Abenteuerreise, so die Autoren, könne keineswegs dadurch ersetzt werden, dass die Eltern dem Kind eine Märchen-DVD einlegen.

Ein großes Manko der modernen Gesellschaft sei der Mangel an Bezugspersonen. Es sei essentiell für eine gute Entwicklung, dass Kinder in ihrem Umwelt mit verschiedensten Charakteren, Altersgruppen, sozialen Rollen zu tun haben. In der Großfamilie sei dies selbstverständlich gewesen, in der modernen Kleinfamilie sei das Kind zwangsläufig viel zu einseitig auf seine Eltern oder gar nur ein Elternteil fixiert. Wird es dann auch noch vor den Fernseher oder PC gesetzt, sind Entwicklungsdefizite vorprogrammiert. Früher waren Kinder an den Nachmittagen mit ihren Spielkameraden draußen unterwegs, auf Klettertournee auf Spielplätzen oder auf der Pirsch im nahe gelegenen Wäldchen; bei der Konstruktion von Wolldecken-Zelten oder Bretterbuden; beim Boccia-Spielen auf der Wiese oder beim Bolzen auf dem Fußballplatz. Heute vertreibt man sich allzu oft die Zeit mit Counter Strike und ist in Kontakt" über Facebook.

Insofern klingen die Autoren im hinteren Teil des Buches nicht gerade optimistisch. Jedes zweite Kind leide heute bereits unter Bindungsunsicherheiten. Welche Eltern werden sie unter diesen Voraussetzungen einmal ihren eigenen Kindern sein können? Hinzu kommt der Trend, Kinder immer früher auf den gnadenlosen Konkurrenzkampf einer immer mehr von der Frage ökonomischer Verwertbarkeit bestimmten Gesellschaft vorbereiten zu wollen. Das Standardwerk dazu sei das Erziehungsbuch der chinesisch-stämmigen US-Professorin Amy Chua, die ihre Töchter täglich zu stundenlangem Lernen, Klavier- und Violine-Üben verdonnerte, so sehr sie sich oft auch lieber mit Freundinnen getroffen oder gemeinsam Eisessen gegangen wären. Nun muss man sagen, dass Chua eine sehr warmherzige und humorvolle Frau von gewinnendem Wesen ist - keinesfalls die rigide Tiger-Mom, die manche Medien aus ihr machten. Man kauft ihr die Liebe für ihre Kinder und die tiefe, positive Beziehung zu ihnen ab. Doch allzu oft fehlt bei nachahmenden Eltern selbst dieser Hintergrund. Der neuste Trend, so die Autoren, sei, den Kleinen schon im Kindergarten die Gebärdensprache beizubringen.

Jedes Kind hat seine ganz eigenen Begabungen. Unser Bildungssystem sei darauf geeicht, nur das gelten zu lassen, was aus Sicht der Allgemeinheit von Wert ist. Vielleicht, so die Autoren, sei das Kind aber der geborene Baumkletterer, statt der Rechenkünstler, zu dem es der Mathematik-Unterricht machen will. Picasso sei als Kind nicht zum Maler gecoucht worden. Er zeichnete und zeichnete von sich aus und es sei gut gewesen, dass seine Erziehungspersonen ihn machen ließen und unterstützten. Automobilmagnat Henry Ford hätte als Kind nichts lieber getan, als Uhren auseinander und wieder zusammen zu bauen. Auch er hatte Glück, dass man seine kindliche Begeisterung für alles Technische nicht abwürgte, sondern sich entfalten ließ.

Die Mode-Diagnose ADHS, die scheinbar auf eine regelrechte Epidemie hinweist, sei letztendlich ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft. Den halbwüchsigen Louis Armstrong griff man zum Jahreswechsel 1912/13 auf, als er wild mit einer Pistole umher schoss. Die Polizei nahm ihn mit aufs Revier. Auch dort war der aufgedrehte Knabe kaum in Schach zu halten. Heute hätte man ihm Ritalin verpasst, damals hatte jemand die geniale Idee, ihm zur Ablenkung eine Trompete in die Hand zu drücken - wie sich herausstellen sollte, für ihn das perfekte Instrument, um die überschießende Energie und Kreativität zu kanalisieren.

Die Autoren lernten sich auf einem mehrwöchigen erlebnispädagogischen Projekt mit ADHS-Schülern auf der Alm kennen. Allein dieser neue, von Verständnis, Annahme, Ermutigung und gesunden Herausforderungen geprägte Erfahrungsraum hätte eine ungemein positive Wirkung gehabt. Die Autoren - wenngleich sie streckenweise etwa sozial- bzw. erziehungsromantisch klingen - mahnen zu recht, dass unser Bildungssystem weit mehr und weit individueller als bisher auf die emotionalen und entwicklungsspezifischen Voraussetzungen und Bedürfnisse der Kinder eingehen muss. Sie sind die Zukunft unserer Gesellschaft.


Gewinn für alle!: Genossenschaften als Wirtschaftsmodell der Zukunft
Gewinn für alle!: Genossenschaften als Wirtschaftsmodell der Zukunft
von Konny Gellenbeck
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

5.0 von 5 Sternen Reise in die bunte Welt der Genossenschaften, 24. April 2013
Das Buch aus dem Verlagshaus der ebenfalls genossenschaftlich organisierten TAZ ist absolut interessant, inspirierend und so bunt, wie die Welt der Genossenschaften selbst. Es finden sich hier Beiträge verschiedener Autoren mit ganz verschiedenen Perspektiven. Das reicht von Reportagen über den Besuch von kooperativen Projekten und Unternehmen vor Ort, über rechtlich-organisatorische Erörterungen zur Gründung einer Genossenschaft, sozialphilosophische Essays, die das Thema unter Bezugnahme auf Deleuze und Guattari, Owen und Marx reflektieren, 2.0-Ansätzen wie Open Source, Crowd Funding, Social Web bis hin zur Insider-Bilanz aus der israelischen Kibbuzbewegung und einer Bestandsaufnahme der Erfahrungen von New World Utopias mit verschiedensten weltanschaulichen und religiösen Hintergründen in den USA.

Dabei kommen auch recht ungeschönt Schattenseiten zur Sprache. Die kommunitaristischen Initiativen, die gemeinsames Arbeiten und Leben vereinen wollten, hatten denn meist doch keinen längeren Bestand. Der Leistungsdruck und Konkurrenzkampf des Arbeits- und Geschäftsalltags wurde allzu oft von anderen zwischenmenschlichen Konflikten abgelöst, die den Beteiligten nicht weniger belastend erschienen. Zudem entwickelte sich zumeist eine Art Pseudo-Welt; einst mit Leben gefüllte Ideale entleerten sich und existierten nur noch als ideologische Phrasen fort oder hinterließen rigide Reglementierungen, die halbherzig befolgt oder heimlich unterlaufen wurden.

Anders hingegen sieht es aus, wenn sich Menschen mit konkreter unternehmerischer oder projektbezogener Zielsetzung unter der genossenschaftlichen Konzeption zusammentun. Die US-Amerikanerin Elinor Ostrom erhielt 2009 als erste Frau überhaupt den Nobelpreis für Wirtschaft für ihren Nachweis, dass Gemeinschaftsgüter kollektiv nachhaltiger und ökonomisch effizienter funktionieren können als in öffentlicher oder privater Hand. Die Vereinten Nationen hatten 2012 zum UN-Jahr der Genossenschaften ausgerufen. Das Modell Genossenschaft ist erfolgreicher denn je und erobert immer neue Bereiche", schrieb sogar die Financial Times. Das Konzept boomt - im Jahr 2005 gab es in D 11, im Jahr 2011 bereits 253 Neugründungen. Weltweit sind heute mehr als 800 Mio. Menschen in mehr als hundert Ländern in Genossenschaften organisiert, im Bereich Nahrungsmittelproduktion, als Träger von Schulen und Krankenhäuser, in Form von kommunalen Handwerksbetrieben.

Es gibt selbst in D wirkliche Genossenschafts-Riesen: Wohnungsbaugenossenschaften, REWE (Abkürzung von Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften), DENIC (Deutsches Network Information Center), DATEV. Nicht zu vergessen - wenn man sie einmal als dem gleichen Grundkonzept verpflichtete Einheit betrachtet - die Volks- und Raiffeisenbanken mit 12 Mio. Mitgliedern. Letztere gehen zurück auf den Mann, der zu einem der Väter der Genossenschaftsidee wurde: Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Der konservative Dorfbürgermeister gründete 1862 in Anbetracht der Not der verelendeten Landgemeinde im Westerwald den Anhausener Darlehnskassenverein - mit großem Erfolg. Etwa zur gleichen Zeit ging der liberale Jurist und Politiker Hermann Schulze-Delitzsch mit Genossenschaften für Handwerker und Kleinproduzenten gegen die übermächtige Konkurrenz der Großindustrie vor. Die Genossenschaftsmodelle, die beide schufen", so Gellenbeck, der eine dem Gebot der christlichen Nächstenliebe und der praktischen Umsetzung der Bergpredigt folgend, der andere mit dem volkswirtschaftlichen Blick auf ein soziales Marktwirtschaftsystem" - hatten weltweit große Ausstrahlung."

Bereits in Antike und Mittelalter (Zünfte, Gilden) gab es ähnliche Ansätze. Benedikt XVI. schrieb 2007: Simon Petrus war offenbar der Vorsitzende einer Fischereikooperative." Gellenbeck dazu: Dass der Gründer der christlichen Kirche ein Genossenschaftler war, verdient festgehalten zu werden, selbst wenn die Kirche in den 2000 Jahren ihrer Geschichte viele der egalitären Prinzipien einer Genossenschaft über Bord geworfen hat"

Leser, die beim Thema Genossenschaften Assoziationen mit Kolchose, PGH und LPG befallen, klärt das Buch anhand überzeugender Fakten auf: Genossenschaften haben ihren schlechten Ruf in Sachen Ökonomie abgeschüttelt, der ihnen vor allem aus der Unwirtschaftlichkeit der staatlichen Zwangskollektivierungen in den ehemaligen sozialistischen Ländern zugewachsen war. Diese Zwangsgenossenschaften konnten nur in einem System überleben, das sie vor der Konkurrenz mit effizienteren Wettbewerbern schützte - die heutigen Genossenschaften indessen werden gegründet, weil sie im marktwirtschaftlichen Wettbewerb eine bessere, nachhaltigere Position eröffnen."

Die Erfahrungen mit dem sozialistische Zentralismus hätten eine entscheidende Lehre vermittelt: Die Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstorganisation, so zeigt die Geschichte, können nicht durch Fürsorge" von oben ersetzt werden"

Interessant sind die Ausführungen zu den ganz praktischen Herausforderungen verschiedener genossenschaftlicher Initiativen. U. a. kommen zur Sprache: das junge Zentrum für Mediation und Beratung" e.G. (ZMB) mit 17 Mitglieder ein Projekt, dass sich v.a. auf Mediation, Beratung, Konfliktlösung in Unternehmen spezialisiert, die Gärtner von Eden" e.G. ein Verbund von 67 Betrieben in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus dem Bereich der Landschaftsgärtnerei und auf private Gärten spezialisiert, das Expertennetzwerk, The seed", dem 450 Freelancer angehören, und das die Erarbeitung von Unternehmensprofilen, Multimedia-, PR- und Eventberatung anbietet, die Berlin Music Comission" (BMC) mit 24 Mitgliedern - mittelständische Unternehmen aus der Musikbranche (Live Entertainment ecorded Music, Music Technmology Music Media). Der Bürger für Resse" e.V. startete einst mit 10 Initiatoren, mit dem Ziel, die zunehmend von allen Dienstleistern und Anbietern verlassene 2500-Seelen-Gemeinde wieder zu einer lebendigen Kommune zu machen. Bald zählte der Verein 500 Mitglieder. Ein Ärztehaus wurde aus Spenden finanziert. In der Infrastruktur für Resse" e.G. legten dann 96 Mitglieder je 3000,- Euro an. Mit Unterstützung der Kommunalverwaltung konnte ein Supermarkt gebaut werden. Als nächstes ist der Bau einer Wohnanlage für altersgerechtes Wohnen avisiert.

Erwähnung findet auch der kultige Fritz Vogt, der es mit seiner Raiffeisenbank Gammelsfeld, die er 1967-2008 führte, bis auf die Kinoleinwand und ins japanische Fernsehen schaffte. Trotzig widersetzte er sich, als 1980 die Bankenaufsicht das Geschäft schließen lassen wollte, weil er mit sehr schlichter Technik arbeitete, bei Krediten keine Sicherheiten verlangte (er kannte jeden im Dorf gut genug) usw. Seit Eröffnung durch den Großvater 1890 hatte sich das Haus durch alle Finanzkrisen hindurch mit niedrigen Kredit- und stabilen Sparzinsen bestens gehalten.

Beim Blick über die Ländergrenzen hinweg berichtet das Buch u.a. über das ausgerechnet" von einem Mitglied der Konrad-Adenauer-Stiftung initiierte Netzwerk landwirtschaftlicher Kooperativen in der Mongolei, die toskanischen Genossenschaften COPART und COEF, die für die Konsumgenossenschaft COOP, die 1331 Super- und Hypermärkte betreibt, produzieren und natürlich über die baskische Mondragon Corporacion Cooperativa.

Die MCC ist die größte Genossenschaft der Welt und Spaniens siebtgrößtes Unternehmen. Sie wurde angesichts des Massenelends während des spanischen Bürgerkrieges von dem jungen Priester José María Arizmendiarrieta gegründet. Dies beinhaltete auch den Aufbau einer demokratisch organisierten Fachhochschule, die eine Schlüsselrolle in der Genossenschaftsbewegung des Baskenlandes spielen sollte. Grundlegendes Prinzip ist die Solidarität gegenüber bzw. unter den Arbeitnehmern (während des gesamten Bestehens keine Entlassungen), die auch Miteigentümer des Unternehmensverbundes und in alle Entscheidungen der Unternehmensführung demokratisch eingebunden sind. Die Führungskräfte verdienen maximal das achtfache der einfachen Arbeiter bzw. Angestellten. Erwirtschaftete Gewinne werden i.d.R. reinvestiert. Mit der Expansion des Unternehmens über die Grenzen Spaniens hinweg wird es zuweilen schwierig an ehernen Grundsätzen festzuhalten. Doch von den 103.000 Beschäftigten sind immerhin noch 84.000 Genossenschafter, mit einer ursprünglichen, im Unternehmen erarbeiteten Einlage von 12.000 Euro. Zur MCC gehören heute über 100 Unternehmen u.a. im Bereich Bau, Automobilindustrie, Haushaltsgeräte, Einzelhandel, Banken und Versicherungen.

Die Genossenschaft ist eine relativ unkomplizierte Rechtsform. In D lässt man sich in das Genossenschaftsregister des zuständigen Amtsgerichts eintragen. Voraussetzungen sind mind. 3 Mitglieder sowie eine Satzung mit im GenG vorgeschriebenem Mindestinhalt. Man erhält dann den Vermerk e.G.". Vorschriften zur Mindestkapitalausstattung bestehen nicht. Der Genossenschaftsverband prüft allerdings das Geschäftskonzept auf Tragfähigkeit und ob eine realistische Kapitalisierung gegeben ist. Alle Mitgliedern sind unabhängig von der Höhe ihrer Einlagen stimmberechtigt. Kein Mitglied haftet mit Privatvermögen. Für Genossenschaften mit mehr als 20 Beteiligten sind Generalversammlung, Vorstand und Aufsichtsrat verpflichtend. (Vgl. GenG). Mehr Infos findet man unter neuegenossenschaften".


Die unterste Milliarde: Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann
Die unterste Milliarde: Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann
von Paul Collier
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sinnvolle Hilfe ist möglich, 24. April 2013
Es gibt durchaus in vielen Ländern deutlicher Entwicklungsforstschritte - siehe die Ländergruppe BRICS - Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika. Nicht voran geht es jedoch für die unterste Milliarde, zu der Angola, Äthiopien, Burma, Burundi, die Elfenbeinküste, Eritrea, die Zentralafrikanische Republik, der Kongo, Liberia, Nigeria, Sierra Leone, Simbabwe, Somalia, der Sudan, der Tschad, Uganda in Schwarzafrika gehören, aber auch bspw. der Irak, Afghanistan, Jemen, Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan, Turkmenistan, Pakistan, Usbekistan im islamischen Raum, Haiti, Kuba und Bolivien in Lateinamerika, Nepal, Laos, Kambodscha, Birma, Nordkorea in Ostasien - insgesamt 58 zumeist kleine Länder gehören. In diesen Staaten stirbt jedes siebte Kind, bevor es fünf Jahre alt wird, ist jedes dritte Kind unterernährt, beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung nur 50 Jahre. Ausschlaggebend für die Stagnation seien in der Hauptsache kriegerische Dauer-Konflikte, das fatale Gerangel um Ressourcen bzw. die fehlende Nutzung für den Aufbau einer volkswirtschaftlichen Basis, der fehlende Zugang zum Meer, die Umgebung feindlich gesonnener Nachbarn, und insgesamt eine schlechte Regierungsführung.

In 73 % der schwach entwickelten Länder gibt es kriegerische Auseinandersetzungen - entweder intern oder mit Nachbarländern. Bürgerkriege dauern im Schnitt zehnmal so lange wie zwischenstaatliche Konflikte. Die Auswirkungen sind oft auch nach Beendigung des Krieges noch lange Zeit zu spüren: Flüchtlingsströme, Epidemien, Zerstörung, tiefe Spaltungen zwischen den verfeindeten Bevölkerungsgruppen bzw. Kriegsparteien, traumatisierte Kämpfer, in Massenvergewaltigungen traumatisierte Frauen, traumatisierte Kinder, marodierende Gruppierungen, die sich Broterwerb nicht anders als den mit der Waffe vorstellen können, körperliche Verstümmelungen, getötete Familienmitglieder. In jedem zweiten Bürgerkriegsland bricht innerhalb von zehn Jahren nach Konfliktende ein neuer Krieg aus

Das was Collier die Ressourcenfalle nennt, hat nicht etwa mit einem Mangel an Bodenschätzen zu tun - im Gegenteil. Viele Entwicklungsländer - man denke nur an den Kongo - sind mit Ressourcen im Überfluss gesegnet. Gold, Diamanten, Koltan, seltene Erden sind jedoch Gegenstand der Raffgier und des Unfriedens. Sie machen es den Machthabern leicht, auf ein politisches Engagement bezüglich des Aufbaus einer wirtschaftlichen Basis, eine gute Verwaltung, ein effektives Steuersystem usw. zu verzichten.

Der Mehrzahl der Entwicklungsländer, so der Autor, müsse man Bad Governance" bescheinigen. Korruption, Vetternwirtschaft, Inkompetenz bestimmen das Bild. Nicht selten, so Collier, wären Regierungen armer Länder noch nicht einmal in der Lage ein Hauptpostamt zu leiten. Oft nutzen andere Kräfte die Schwäche von Regierungen erbarmungslos aus - Warlords, dem organisierten Verbrechen zuzuordnende Gruppierungen und Organisationen, von Nachbarländern aus gesteuerte Milizen usw. Ein klassisches Beispiel für einen failed State ist Somalia; als fragile States gelten Tschad, Simbabwe, Kongo, Zentralafrikanische Republik, Guinea, Haiti, Elfenbeinküste, Nigeria, Jemen. Collier macht deutlich, dass sich die der Wirtschaftslehre entlehnte Idee der schöpferischen Zerstörung" nicht auf Staaten übertragen lässt. Gescheiterte Staaten blieben mit einer statistischen Wahrscheinlichkeit von 50:1 Sorgenkinder der internationalen Gemeinschaft.

Welche Möglichkeiten für Entwicklungshilfe sieht der Autor? Zunächst müsse allen Beteiligten klar werden, dass Veränderung letztlich aus dem Inneren der betroffenen Gesellschaften selbst kommen muss. Die internationale Gemeinschaft kann solche Prozesse jedoch unterstützen. Ein wichtiger Punkt für die Entwicklung von Binnenländern sei eine länderübergreifende Koordination von Hilfe. Bislang würden Hilfsprogramme noch zu oft länderkonzentriert konzipiert. Doch wie sollte ein Land wie Uganda seine geografische Isolation überwinden, wenn bei der Infrastrukturplanung Kenias nur die Belange dieses Landes berücksichtigt werden.

Konditonierte Entwicklungshilfe i.d.S., dass Geld allein auf der Basis von Vereinbarungen fließt, hat nach Colliers Einschätzung den Effekt, dass die Regierungen widerwillig und unkooperativ werden und die Verantwortung für ihre Politik auf Westen, IWF, Weltbank usw. schieben. Für die Wähler wird es i.d.T. schwer zu entscheiden, ob die Regierung die richtige Politik macht, wenn sie nur eine Marionette westlicher Geldgeber ist. Besser als Ex-ante-Konditionalität sei Ex-post-Konditionalität. Regierungen müssen zuerst mit der Umsetzung notwendiger Maßnahmen (z.B. Bildung, Gesundheit, Infrastruktur, Rechtsstaatlichkeit, Anti- Korruption, effektive Steuererhebung, Transparenz) in Vorleistung gehen. Dann könne in sinnvoller Weise bezuschusst werden. Die Verwendung der Gelder sollte dann wiederum evaluiert werden, d.h. weitere Mittel fließen wiederum nur bei weiterer engagierter Umsetzung hilfreicher Programme).

Collier plädiert dafür in vom Bürgerkrieg zerrissenen, zu zerfallen drohenden oder bereits gescheiterten Staaten militärisch interveniert werden sollte - und zwar von Truppen, die auch über entsprechende Schlagkraft verfügen und nicht wie die UN-Schutztruppe in Sierra Leone, die Gewehre trägt, wie Touristen ihre Kameras" und willkommenen Geiseln für die dortigen Milizen waren. Eine nicht allzu große britische Spezialeinheit hatte dort nach dem Blauhelm-Desaster aufgeräumt - es geht also. Weitere positive Beispiele seien Osttimor und Kuwait. In Ruanda und im Kongo hat die Passivität der internationalen Gemeinschaft schlimme Folgen gehabt; und auch Somalia könne man nicht auf Dauer sich selbst überlassen. Collier hat Recht - im finsteren Herzen Afrikas" hätte man in Anbetracht der Not ganz einfach eingreifen müssen. Ansonsten ist es aber doch etwas blauäugig, Erfolge in Ländern mit Einwohnerzahlen, die denen von Vorstädten der großen Metropolen dieser Welt entsprechen als Beleg für die Wirksamkeit militärischer Interventionspolitik heranzuziehen.

Schließlich plädiert der Autor für die Durchsetzung internationaler Chartas - Spielregeln. Für den wirtschaftlichen Bereich könnten hier IWF und Weltbank Druck ausüben. Was rein politische Themen betrifft, etwa die Einführung von Freien Wahlen, seien diese Institutionen jedoch zur Enthaltsamkeit verpflichtet. Je nach politischer Konstellation kämen USA, UN, EU oder andere regionale Staatenbündnisse, die entsprechende Aufnahmebedingungen festlegen - Bsp. Mercosur in Lateinamerika - infrage. Für überaus wichtig hält Collier den Druck bezüglich der Transparenz beim Handel mit den Bodenschätzen. Nur so könne sicher gestellt werden, dass Erlöse dem Aufbau des Landes zugute kommen und bei der Förderung alles mit rechten Dingen zugeht. Hier könnten auch die großen Förderkonzerne Bedingungen diktieren. Konsumenten können dazu beitragen, dass dies geschieht - so geschehen durch Käuferboykotte gegenüber dem Diamantenproduzenten De Beers.


Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält
Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält
von Richard Sennett
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Together, 16. April 2013
Richard Sennett, der wohl renommierteste Soziologe der Gegenwart, legt mit Zusammenarbeit" den 2. Band seiner - wie er sie in Anspielung auf Hanna Ahrendts Vita Aktiva" nennt - Homo Faber Triologie - vor. Im Original lautet der Titel Together" und eigentlich geht es auch sehr grundsätzlich um das gesellschaftliche Miteinander. Dass im Deutschen hier sofort Arbeit assoziiert wird, stimmt nachdenklich. Band 1 seines Werkes, das wohl eine Art vorläufiges Vermächtnis seiner wissenschaftlichen Arbeit darstellen soll, erschien unter dem Titel Handwerk", Band 3 wird sich der Thematik des urbanen Lebens widmen.

Menschliches Handeln, so der Autor, bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Eigennutz- und Gemeinwohlorientierung, zwischen Kooperation und Konkurrenz. Diese beiden Verhaltensweisen können jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Sennett unterscheidet: Altruismus, Win-Win-Kooperation, Null-Summen-Kooperation, differenzierten Austausch, The-Winner-takes-it-all.

Altruismus bedeutet selbstloser Einsatz. Menschen engagieren sich für andere ohne Erwartung einer Gegenleistung. Beispiele dafür wären karitatives oder anderweitig ehrenamtliches Engagement, aber ebenso die Bereitschaft, dem Allgemeinwohl dienliche Ideale auch dann nicht zu verraten, wenn große persönliche Vorteile winken oder die Bedrohung durch schwere Nachteile im Raum steht. Charakteristisch für Menschen, die ausgeprägtes altruistisches Verhalten zeigen, sei, so Sennett, dass sie sich an einer Art Schatten-Ich orientieren. Sie sind unabhängige Individuen, denen es in erster Linie darum geht, in ihrem Handeln vor sich selbst oder auch vor Gott zu bestehen.

Bei der Win-Win-Kooperation geschieht Zusammenarbeit mit dem Wissen, dass im Ergebnis alle beteiligten Parteien profitieren. Typische Beispiele sind Bauprojekte, die ein Mensch allein nicht zustande bringen könnte, oder genossenschaftliche Projekte, bei denen der finanzielle und/oder produktive Einsatz aller Beteiligten zu geschäftlichen Erfolgen führt, die im Alleingang undenkbar gewesen wären.

Abweichend von der Bedeutung in der Spieltheorie meint Sennett mit Null-Summen-Kooperation Abläufe, bei denen niemand etwas gewinnt und niemand etwas verliert - das typische Eine-Hand-wäscht-die-andere. Bei der differenzierten Kooperation ist den Beteiligten von vornherein klar, dass sie in unterschiedlichem Maß von der Zusammenarbeit profitieren werden, z.B.Manager und Angestellte in einem Unternehmen.

The-Winner-takes-it-all ist der Gegenpol zum Altruismus. Der kooperative Einsatz des Südstaaten-Sklavenhalters bei der Plantagenarbeit war ebenso gering, wie der Ertrag, der für die Arbeiter abfiel. Ein Beispiel aus der zivilisierten Gegenwart sind Börsengeschäfte, bei denen entgegengesetzt auf Kursentwicklungen gewettet wird. Die Verluste des Einen, sind die Gewinne des anderen - spieltheoretisch das eigentliche Nullsummen-Szenario.

Sennett nimmt den Leser mit auf eine kulturhistorische Betrachtung der Entwicklung kooperativer Muster in der Gesellschaft - vom mittelalterlichen Kodex der Ritterlichkeit über das protestantische Arbeitsethos bis zur amerikanischen Nachbarschaftshilfe und dem Gemeinschaftsleben im israelische Kibbuz. Dabei ist es nicht immer ganz einfach, dem Autor zu folgen, zumal er sich zuweilen in Detailfragen - bspw. ritueller Praktiken in verschiedenen Denominationen - verliert und hier mit recht eigenwilligen Interpretationen aufwartet. Die zentralen Motive der Reformation, insbesondere Luthers, auf den er oft in einer Weise Bezug nimmt, als wäre dieser über die selbstquälerischen Jahre im Augustinerkloster nie hinaus gekommen, hat er ganz offensichtlich nicht wirklich verstanden.

Sennetts Stärke liegt in der Gegenwartsanalyse. Kooperation und Konkurrenz bilden normalerweise in etwa ein Gleichgewicht. Diese Balance war in verschiedenen Gesellschaften bzw. Epochen immer wieder mehr oder weniger gestört. In der Gegenwart sieht Sennett hierfür den von den 80er Jahren an zunehmend erstarkenden Neoliberalismus in der Verantwortung.

Was Sennett in den 1970er Jahren während seiner Befragung Bostoner Arbeiterfamilien konstatierte, war nicht optimal, zeugte aber von halbwegs gesunden Bezügen im "sozialen Dreieck": "Auf einer Seite zollten Arbeiter anständigen Vorgesetzten widerwilligen Respekt, die ihrerseits zuverlässigen Beschäftigten widerwilligen Respekt bezeugten. Auf einer zweiten Seite redeten Arbeiter untereinander offen über ihre Probleme und schirmten Kollegen, die in Schwierigkeiten waren, am Arbeitsplatz ab, ob es sich beim Problem nun um einen Kater oder eine Scheidung handelte. Auf der dritten Seite sprangen Beschäftigte ein und leisteten Überstunden oder übernahmen die Arbeit von Kollegen, wenn etwas in der Werkstatt vollkommen schief lief."

Inzwischen ist längst eine deutliche Schieflage zu verzeichnen: "Der neue Kapitalismus hat Ort und Zeit der Arbeit verändert. Die herkömmliche Arbeitsorganisation, wie sie etwa für die großen Autofabriken mit ihren Fließbändern typisch war, erlegte den Leuten zwar eine stupide und repetitive Arbeitsweise auf. Aber sie bot den einfachen Arbeitern auch die Chance, sich selbst zu organisieren. Die Firma, die Bosse waren ein sichtbares Gegenüber, gegen das man sich abgrenzen konnte. Das ist die räumliche Dimension. In der zeitlichen Perspektive hatte das Arbeitsleben den Charakter einer zusammenhängenden Erzählung. Regelmäßige, wenn auch geringe Lohnerhöhungen gaben den Leuten das Gefühl, dass es ihnen im Laufe der Jahre immer besser ging."

Zudem, so Sennett, hatte der zwischenmenschliche Bereich einen viel höheren Stellenwert. Es wurde viel Wert auf ein positives Arbeitsklima gelegt. Man wusste, wie förderlich dies auch in Bezug auf eine gute Produktivität auswirkte. Heute setzt man dagegen auch innerhalb der Belegschaft auf Konkurrenz. Die Firma Microsoft bspw. lässt häufig konkurrierende Teams gleichzeitig an der Umsetzung eines Projektes arbeiten, so geschehen bei der Entwicklung ihres Internetexplorers. Die Winner", also das Team mit der schnellsten und besten Lösung, werden weiterbeschäftigt und großzügig entlohnt, die Looser" dagegen gefeuert.

Das Beispiel, so Sennett, macht deutlich wie sich die Teamarbeit verändert hat. Ein Team zu sein, das hieß einmal, fest zusammenzuhalten, füreinander einzustehen. Heute ist Teamarbeit eher eine Übung in lockerem, flüchtigem Umgang miteinander. Auf Managementschulen wird heute gelehrt, dass man Teams alle sechs bis acht Monate völlig umkrempeln muss, damit die Leute sich nicht zu sehr aneinander gewöhnen." Was dies für den zwischenmenschlichen Bereich bedeutet ist klar. Wer in ständig wechselnden Besetzungen arbeiten muss, hat keine Chance, Vertrauen zu seinen Kollegen zu entwickeln. Vertrauen braucht Zeit. Man möchte doch wissen, auf wen man sich verlassen kann, wenn im Betrieb etwas schiefläuft oder der Boss Unmögliches verlangt." Jeder, so Sennett in einem ZEIT-Interview, ist der ungeheuren Last eines permanenten Risikos ausgesetzt, ist Unternehmer seiner Arbeitskraft."

Wo liegen Ressourcen und Möglichkeiten, um den beschriebenen negativen Entwicklungen etwas entgegen zu setzen? Dieser Frage geht der Autor im hinteren Teil des Buches nach. Abstrakte Solidaritätsforderungen, so Sennett, seien nicht die Lösung. Wie die Erfahrung im Ostblock zeigen, führen diese zu neuen Formen bzw. Konstellationen unterdrückender Macht. Das Handwerk hingegen sei eine Schule des Miteinanders und der Kooperation, da kommunikative Zusammenarbeit und Abstimmung nötig und das Wissen darum, dass man Dinge nicht erzwingen kann, sondern sich den Eigenschaften des Materials im Vorgehen angleichen muss. Etwas unvermittelt stellt der Autor auch die Feststellung in den Raum, das moderne, säkulare Gesellschaft unter einem Mangel an gemeinschaftsstiftende Riten leiden. Ideen dazu, was hier Abhilfe schaffen könnte, folgen nicht.

In modernen Gesellschaft, so Sennett, seien bereits die Schulen Horte der Entwicklung von Ungleichheit. Zum einen wird der Identifikation der Kids über Markenkleidung und sonstiges heute gängiges Equipment (Stichwort Iphone, Ipot) nichts entgegen gesetzt. Zum anderen steht die Differenzierung nach Leistungsvermögen im Mittelpunkt; der Förderung eines guten Miteinanders, der Entwicklung von Verständnis für unterschiedliche Lebenshintergründe, Schichtzugehörigkeiten usw. wird kaum Augenmerk gewidmet. Soziale Netzwerke wie Facebook, so Sennett, wirken hier eher als Verstärker, da sie in immer größerem Maß reale Begegnungen ersetzen.

Als weitere Faktoren, die in modernen Gesellschaften der Einwicklung von Kooperation entgegen wirken, identifiziert und analysiert der Autor: Neid, Vergleichen, Angst, Narzismus, Selbstgenügsamkeit. All dies ist sowohl Folge eine gesellschaftlichen Klimas, das immer stärker von Konkurrenz bestimmt ist. als auch Katalysator für eine fortgesetzte Entsolidarisierung.

"In der modernen Familie und mehr noch im modernen Geschäftsleben hat die Idee der Selbstbeherrschung eine Erweiterung erfahren. Abhängigkeit gilt dort als Zeichen von Schwäche. Doch aus der Sicht anderer Kulturen erscheint ein Mensch, der stolz darauf ist, andere nicht um Hilfe zu bitten, als eine zutiefst geschädigte Person, weil die Angst vor sozialer Einbindung sein Leben beherrscht."

Zunehmend spalten sich die modernen Gesellschaften auf. Der soziale Zusammenhalt schwindet, es bilden sich Subkulturen man grenzt sich ab. Sennett sieht gar eine neue Form des Tribalismus im entstehen.

"Tribalismus verbindet Solidarität gegenüber solchen, die einem ähnlich sind, mit Aggressionen gegen solche, die anders sind. Die moderne Gesellschaft hat einen neuartigen Charaktertyp hervorgebracht - einen Menschen, der darauf bedacht ist, die Ängste zu verringern, die durch Unterschiede ausgelöst werden können, ob sie nun politischer, rassischer, religiöser, ethnischer oder erotischer Natur sind."

Letztendlich setzt der Autor jedoch auf die sanfte Macht der Vernunft. Er hat die Hoffnung, dass Arbeiten wie seine Menschen zum nachdenken bringen, sich ein Diskurs über die hier behandelten Fragen entwickelt und Prioritäten neu gesetzt werden. "Wir möchten gemeinsam etwas zustande bringen. Das ist der einfache Schluss, zu dem der Leser, wie ich hoffe, nach dieser komplexen Studie gelangen wird." Lernen könne man dabei von Montaigne, der in seinen Arbeiten immer wieder die große Bedeutung des Zuhörens - im menschlichen Miteinander, wie im Hinblick auf das Verständnis des geistig-kulturellen Erbes und der Welt insgesamt - betont. Nur dadurch, dass Menschen sich die Zeit nehmen, ein wirkliches Verständnis füreinander zu entwickeln, wächst das Gefühl der Gemeinsamkeit und wirkliche Solidarität und Kooperation wird möglich.


Armutszeugnis: Warum heute mehr Menschen hungern als vor 20 Jahren
Armutszeugnis: Warum heute mehr Menschen hungern als vor 20 Jahren
von Asit Datta
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Entwicklungshilfe muss Prioritaet haben, 16. April 2013
Auf den ersten Blick scheint die Welt im Kampf gegen die Armut signifikante Fortschritte zu machen. In den letzten 50 Jahren hat sich der prozentuale Anteil der an Hunger oder Unterernährung leidenden Weltbevölkerung in etwa halbiert - von gut einem Drittel auf etwa ein Sechstel. Ebenso die Sterblichkeit bei Kindern. Die Beschulungsrate liegt nun bei 80%. Die Lebenserwartung in Entwicklungsländern hat sich von 44 auf 65 erhöht. Solche statistischen Zahlen, so der Autor, seien allerdings mit Vorsicht zu genießen. In absoluten Zahlen sieht das Ganze anders aus. In den letzten 20 Jahren stieg die Zahl der Hungernden um 25%, von 815 Mio. Menschen im Jahr 1990auf eine Mrd. Jahr 2011. Täglich sterben 25 000 Menschen an den Folgen von Hunger bzw. Unterernährung, darunter 11 000 Kinder.

Datta schließt sich der Analyse des Oxford-Prof. Paul Collier an. Es gibt durchaus in vielen Ländern deutlicher Entwicklungsforstschritte - siehe die Ländergruppe BRICS - Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika. Nicht voran geht es jedoch für die unterste Milliarde, zu der die meisten Länder in Schwarzafrika gehören, aber auch bspw. der Jemen, Haiti und Bolivien in Lateinamerika, Laos, Kambodscha, Birma, Nordkorea in Ostasien - insgesamt 58 zumeist kleine Länder. Ausschlaggebend seien kriegerische Dauer-Konflikte, das fatale Gerangel um Ressourcen bzw. die fehlende Nutzung für den Aufbau einer volkswirtschaftlichen Basis, der fehlende Zugang zum Meer , die Umgebung feindlich gesonnener Nachbarn, und insgesamt eine schlechte Regierungsführung.

Bei allem Fortschritt der beiden asiatischen Giganten und einer wachsenden Zahl von Super-Reichen (inzwischen gibt es über 1 Mio. chines. Millionäre), dürfe allerdings nicht vergessen werden, dass es auch dort noch eine große Zahl hungernder Menschen gäbe - 220 Mio. in Indien, in China 130 Mio.

Für das Auseinanderklaffen der Arm-Reich-Schere in diesen Ländern trage die Liberalisierung der Wirtschaft die Hauptschuld. IWF, WTO und in geringerem Maße die Weltbank erzwingen mit ihrem überzogenen Druck zur Konsolidierung der Staatshaushalte den Abbau notwendiger Verwaltungskapazitäten, sowie eine Privatisierung in Bereichen wie Bildung, Gesundheitsfürsorge, Wasserversorgung, was dann zu einem Ausschluss der armen Bevölkerungsschichten führen würde. Die Durchsetzung der Freihandelsdoktrin - Abbau von Subventionen, Privatisierung staatlicher Produktionsbetriebe, Abbau von Zöllen - führe dazu, dass die zarten Pflänzchen einheimischer Industrialisierung unter dem internationalen Konkurrenzdruck zerstört würden.
Besonders fatal: Im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme (SAPs) des IWF wurden Entwicklungsländer gezwungen, sämtliche Landwirtschaft-Subventionen einzustellen. EU und USA, so der Autor, unterstützten ihre Landwirte hingegen mit täglich einer Milliarde Dollar in Form von Ausgleichszahlungen und Exportsubventionen.Dies führt zu Wettbewerbsbedingungen, die alles andere als fair sind.

Die kritischen Stimmen zu den herkömmlichen Formen der Entwicklungshilfe werden mit Recht zunehmend lauter. Dass bedingungslose Finanztransfers an Regierungen armer Länder häufig eher schaden als nutzen, da diese Mittel häufig zweckentfremdet verwendet werden, erkennt und diskutiert man schon seit Längerem. In wachsendem Maße gerät auch die Rolle der NGOs in die Kritik, die ebenfalls - wenn auch indirekt - mit halbkriminellen Politikern, kriegstreibenden Regionalfürsten etc. kooperieren, teils in der guten Absicht, so zumindest denen, die wirklich Hilfe benötigen überhaupt in gewissem Umfang helfen zu können, teils aber auch, um ihre Marktposition" zu sichern. Auch gibt es hinreichend viele Untersuchungen über den lähmenden Effekt einer Entwicklungshilfe, die flächendeckend - etwa mit Getreide - versorgt, und damit einheimischen Produzenten das Wasser abgräbt.

Conditional Cash Transfer Programme (CCT), wie bspw. PROGRESA bzw. OPRTUNIDADIS in Mexico, PETI bzw. BOLSA FAMILIA in Brasilen oder ATENCION A CRISIS in Nicaragua hält Datta hingegen für sinnvoll. Im Rahmen von Bolsa Familia, so der Autor, erhielten Familien mit Kindern unter 14 Jahren zunächst 60, dann 80 USD monatlich - unter der Bedingung, dass die Eltern die Kinder Impfen lassen, Entwicklungsberatung in Anspruch nehmen und für den Schulbesuch sorgen. Der Anteil unterernährter Kinder (unter zwei Jahren) wurde bereits bis 2006 von 12,7 % auf 3,5 % gesenkt, die Kindersterblichkeit fiel um 47 %. Im besonders armen Nordosten Brasiliens, fiel die Unterernährung in der Bevölkerung von 17,9 % auf 6,6 %.

Natürlich gibt es auch Kritik an diesem Programm. Diese bezieht sich dann jedoch meist nicht so sehr auf den Ansatz als auf die aus Sicht der Kritiker halbherzige Finanzierung. Die Kluft zwischen arm und reich werde auch im links regierten Brasilien immer größer. Die Zahl der brasilianischen Milliardäre lag laut Forbes 2011 bei 30. Brasiliens Parlamentsmitglieder, die über ein Durchschnittsvermögen von etwa einer Mio. Euro verfügen, hätten sich der Lebenswirklichkeit der armen Bevölkerung entfremdet.

BOLSA FAMILIA findet im Rahmen des noch weit umfassenderen, unter Lula aufgelegten Programms FOME ZERO statt. Die Erfolge sind hier insgesamt beachtlich. Das Einkommen der ärmeren Hälfte der Bevölkerung stieg seit Einführung des Programms um etwa zwei Drittel, das des reichsten Zehntels der Brasilianer nur um 10%. Bis 2011 wurden etwa 347.000 Zisternen errichtet, um die Versorgung mit sauberem Wasser zu sichern.

Ein Schwerpunkt des Programms ist auch die Unterstützung von kleinen Unternehmungen, bspw. durch Kreditvergabe, Initiierung genossenschaftlicher Verbände, Schulung - z.B. in modernen landwirtschaftlichen Methoden, Unterstützung mit Arbeitsmitteln, Düngemitteln, Insektiziden u.ä.

Interessant ist hier auch das Projekt Brasilien lokal". Es werden gezielt Gemeinwesenarbeiter ausgebildet, dieses zu begleiten. Gleiches geschieht durch professionelle Gründerzentren an Hochschulen. Besonderes Augenmerk gilt dem Aufbau von Unternehmen mit solidarökonomischem Konzept, bspw. in den Bereichen Textil und Bekleidung, Handicrafts, Metallverarbeitung und Wertstoffrecycling, grüne Landwirtschaft. Es werden Spar- und Kreditgenossenschaften gefördert, die eine gute Grundlage zur Finanzierung solcher Projekte darstellen.

Insbesondere der Support für die Kleinbauern ist aus Sicht des Autors - nicht nur in Lateinamerika, sondern global - im Kampf gegen den Hunger von zentraler Bedeutung. Industrielle Landwirtschaft führt zur Konzentration in großen Betrieben. Dies zerstört die Existenz der kleinen Farmer, die nicht so kostengünstig produzieren bzw. anbieten können. Ganzen Regionen ist somit sowohl das Einkommen entzogen, wie auch die Grundlage für eine ausreichende Nahrungsmittelproduktion vor Ort. Damit werden Sie abhängig Entwicklungshilfe oder zumind. von überregionalen Lieferketten, die aus den verschiedensten Gründen unterbrochen werden können: kriegerische Auseinandersetzungen, Korruption, Preistreiberei zwischengeschalteter Stellen, desolate Infrastruktur, politisches Missmanagement.


Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können
Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können
von Jared Diamond
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Welthumanerbe, 16. April 2013
Jared Diamond hält in seinem jüngsten Buch eine Art Rückschau auf sein Leben als Forscher. Der Ethnologe analysiert dabei u.a. das Leben von Stammesgesellschaften in Neuguinea (Papua), der Arktis (Inuit), in Brasilien und Venezuela (Yanomami), der afrikanischen Kalahari Wüste (!Kung).

Die Organisation des Lebens in traditionellen Gesellschaften, so Diamond, richtet sich an bestimmten Grundprinzipien aus: Ein wichtiges ist, die Welt generell in Freunde, Feinde und Unbekannte einzuteilen. Ein anderes: Das Individuum unterwirft sich dem Stamm. Ein einzelnes Mitglied darf nicht reich werden, ohne den Reichtum mit den Stammesmitgliedern zu teilen. Ein weiteres Prinzip: Die sozialen Beziehungen haben höchste Priorität, kein Mitglied darf einsam sein.Und schließlich: Man weiß, dass das Leben kurz ist. Man rechnet damit, dass dieser Tag oder diese Reise die letzte sein könnte."

Der Autor erinnert daran, dass viele traditionelle Gesellschaften ihr ursprüngliches Gepräge mehr und mehr verlieren und möchte mit seinem Buch dazu beitragen, etwas von ihrem Erbe zu sichern. Heute leben bspw. in neuguineischen Stammesverbänden noch Menschen, die die Entdeckung durch den weißen Mann" miterlebt haben, die vor-zivilisatorische" Zeit noch kennen. Ihre Erinnerungen sind besonders interessant und wertvoll. Man hielt die Weißen anfangs für Halbgötter oder wiedergekehrte Ahnen. Frauen, die sich besonders gastfreundlich verhielten, seien erstaunt gewesen, dass die Weißen beim Paarungsverhalten ganz ähnliche Gewohnheiten zeigten, wie Stammesgenossen.

Ein besonderes Anliegen Diamonds ist es, die auch heute noch weit verbreiteten - wenn auch zumeist nur hinter vorgehaltener Hand geäußerten - Idee, Menschen aus indigenen Kulturen wären in der evolutionären Entwicklung insbesondere hinter der Kaukasischen Rasse zurück geblieben, als Unsinn zu entlarven. Für die Unterschiede bezüglich der zivilisatorischen Entwicklung hält der Autor v.a. geografische Faktoren für ausschlaggebend. Domestizierbare Tiere und zur landwirtschaftlichen Nutzung geeignete Pflanzen fänden sich selten. Die frühen Menschen im fruchtbaren Halbmond hätten hier einen deutlichen Vorteil gehabt. Das bedeutet jedoch nicht, dass ihre heute lebenden Nachfahren genetisch weiterentwickelt wären, als Menschen in indigenen Gesellschaften.

Was aber können moderne Gesellschaften von indigenen lernen? Diamond nennt hier bspw. das Thema Kindererziehung. Kinder werden länger gestillt, es besteht oft ein kontinuierlicher Körperkontakt mit der Mutter. Viel schneller sind Mütter i.d.R. auch zur Stelle wenn Kleinkinder schreien. Sehr oft wird auf körperliche Strafen vollständig verzichtet. Den Kindern wird viel Freiheit gewährt, sie werden als eigenständige kleine Persönlichkeiten betrachtet und behandelt.

In traditionellen Gesellschaften denkt man, dass Kinder selbstständig und für sich verantwortlich sind", so Diamond. Das führt auch dazu, dass sie mit scharfen Messern und Feuer spielen können. So weit bin ich nicht gegangen, aber wenn ich mit meinen Kindern einen Spaziergang gemacht habe, habe ich sie nicht an die Hand genommen. Sie liefen 20 Meter vor mir, und ich benahm mich wie ein neuguineischer Vater: Ich lief hinterher, und wenn ein Tiger aus dem Gebüsch sprang, war ich bereit."

Andererseits ist bzw. war die Kindstötung eine weitverbreitete Praxis. Die Mutter entscheidet nach der Geburt, ob das Kind gesund genug ist, ob es unter der gegebenen Situation ernährt und großgezogen werden kann.

Zwischen extremen Polen bewegt sich auch der Umgang mit alten Menschen. Diamond dazu: Wir können auch etwas über das Leben der älteren Menschen lernen. Zwar gehen einige [traditionelle Gesellschaften] sehr grausam mit ihnen um, setzen sie aus oder bringen sie aktiv um, wenn sie nicht mehr produktiv sind. Aber andere achten sie und nutzen ihre Fähigkeiten. Wenn man alt wird, hat man dort immer die alten Freunde und die Verwandten um sich. In unseren modernen Gesellschaften ist das Leben der Älteren eine Katastrophe. Üblicherweise wohnen sie weit von den Kindern entfernt und oft in Altenheimen"

Nach landläufiger Sicht kann der zivilisierte Mensch" von traditionelle Gesellschaften auch viel über einen vernünftigen Umgang mit der Umwelt lernen. Das relativiert der Autor jedoch. Es gäbe viele Beispiele dafür, dass Ressourcen vollkommen zerstört wurden.

In seinem Buch Kollaps" beschreibt Diamond dies u.a. in Bezug auf die Osterinseln. Es geschah ein Raubbau am ohnehin sehr begrenzten Baumbestand, u.a. auch für das Projekt der heute von Touristen so bewunderten Statuen. Dies führte zur Erosion der Böden, sodass auch immer weniger geerntet werden konnte. Schließlich fehlte sogar Holz für Fischerbooten, was die Nahrung weiter verknappte und gleichzeitig die Chance der Übersiedlung auf andere Inseln abschnitt. Über die verbliebenen Ressourcen gab es schließlich mörderische Konflikte zwischen verschiedenen Stammesgruppierungen. So erlebte die Kultur der Osterinseln ihren Untergang.

Ist das Zusammenleben in indigenen Kulturen friedlicher? Diamond verneint das. Es mag verrückt klingen, aber Stammesgesellschaften sind kriegerischer als die Europäer im 20. Jahrhundert. Deutschland hat zwei große Kriege geführt, und die Verluste waren furchtbar. Aber durchschnittlich über das 20. Jahrhundert sind weit weniger Deutsche im Krieg umgekommen als der durchschnittlichen Sterblichkeit in der traditionellen Gesellschaft entspricht. Dort ist Krieg der Hauptgrund für Todesfälle. Im Zweiten Weltkrieg nahmen die Gegner Gefangene, man konnte sich meist ergeben und überleben. In einer traditionellen Gesellschaft kann man sich nicht ergeben - jeder weiß, dass er gefoltert und getötet wird.", so Diamond in einem Interview zum Buch.

Diese Einschätzung hat dem Autor von einigen Seiten heftige Kritik eingetragen, weil er damit eben doch unterschwellig suggerieren würde, dass die barbarischen Wilden" der wohltätig kolonisierenden Hand entwickelter Gesellschaften bedürften. Diamond liegt dabei auf der Linie des Psychologen Steven Pinker, der in seinem jüngsten Buch Gewalt" ähnliche Thesen vertritt.

Die Nähe des Autors zu einer Staatstheorie a la Thomas Hobbes ist denn auch nicht zu übersehen. Staaten die ein Gewaltmonopol durchsetzen, täten bereits viel, um Entwicklung zu ermöglichen, da sich Gesellschaften ansonsten oft in endlosen Rivalitäten aufreiben. Sicher nicht ganz falsch, aber doch ein wenig eindimensional.

Ansonsten sieht der Autor aber auch in der Gestaltung des Miteinanders in Stammeskulturen viel Beispielhaftes. Enge, verbindliche, lebenslange Beziehungen sind die Regel. Man lässt sich weit mehr von Verantwortungs- und Pflichtgefühl leiten, als in modernen Gesellschaften, in denen man sich oft verlässt, sobald es schwierig wird. Trotzdem oder gerade deshalb beziehen Stammeskulturen aus dem Miteinander i.d.R. sehr viel mehr Lebensfreude als moderne. Kooperation und Fürsorge füreinander spielen auf allen Ebenen des gemeinschaftlichen Lebens eine herausragende Rolle.

Konfliktlösungsstrategien sind auf Ausgleich, Wiedergutmachung, Wiederherstellung der Harmonie ausgerichtet. Dies kann auch in westlichen Gesellschaften als dem Räderwerk der Jurisprudenz vorgeordnetes Verfahren Nachahmung finden. In gewisser Weise gibt es dgl. ja bereits - außergerichtliche Mediation zwischen Konfliktparteien liegt im Trend.

Führungspersonen in Stammeskulturen, können sich allerdings - so der Autor - kaum je auf ihren Lorbeeren ausruhen. Legislaturperioden gibt es nicht. Die Position wird immer neu angefochten und herausgefordert, der Rang muss permanent verteidigt werden. Wer sich auf lange Sicht behaupten will, bedarf auch der ausgeprägten Fähigkeit, Allianzen zu bilden.

Lernen könne der moderne Mensch schließlich noch hinsichtlich einer gesunden Lebensweise. Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes, Herzinfarkt und Bluthochdruck kennt man in indigenen Verbänden nicht. Das hat zum Einen damit zu tun, dass es keinen Bewegungsmangel gibt, zum Anderen aber auch mit den Ernährungsgewohnheiten (bspw. keine Verwendung von Salz und Zucker).

Was Diamond im Buch als nachahmenswert darstellt, ist sicherlich samt und sonders andernorts bereits in weit differenzierterer Weise in Formen gegossen worden. Dennoch ist das Buch sehr interessant zu lesen, v.a. aufgrund der vielen Schilderungen des Zusammenlebens in traditionellen Kulturen, die man in dieser Form und Breite, und mit diesem Maß an Felderfahrung und Sachverstand selten finden wird.


Geld und Magie: Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust
Geld und Magie: Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust
von Hans Christoph Binswanger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Es irrt der Mensch, solang er strebt", 16. April 2013
Es kommt nicht oft vor, dass Literaturwissenschaftler vor Ökonomen den Hut ziehen - schon gar nicht wenn es um die Interpretation literarischer Werke geht. Binswanger ist das gelungen. Goethes Faust, zumal Teil II stellt ein Universum von Symbolik, vieldeutigen Bezügen zur antiken Mythologie, zu Homer, Sophokles, Aischylos, Euripides, Vergil, Dante usw. dar. Der Meister selbst verweigerte sich stets Hinweisen zu den Schlüsselgedanken seines Werkes. Dass es zentral um den Übergang einer tradierten Welt in die Moderne ging, erschien in der Auseinandersetzung mit dem Drama offensichtlich. Binswanger macht jedoch mit seinem Buch plausibel, dass hier der Dichter - jahrelang Wirtschafts- und Finanzminister am Weimarer Hof - im Kern ökonomische Neuerungen seiner Zeit behandelt. Hellsichtig maß er diesen eine so große Bedeutung bei, dass mit ihrer dauerhaften Installierung nichts mehr so sein würde wie bisher.

Die mephistophelische Alchemie wird dabei zur Allegorie für die Schaffung des Papiergeldes, dem wiederum die magische Kraft der endlosen Geldschöpfung und Wohlstandsvermehrung innewohnt. Wie im alchemistischen Prozess aus wertlosem Blei Gold wird, so aus wertlosem Papier grenzenloser Reichtum. Binswanger dazu: In der Ursage ist Faust ein Alchemist. Meine These ist, dass Goethe die moderne Wirtschaft, in der die Papiergeldschöpfung eine zentrale Rolle spielt, als eine Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln darstellt, dass die Papiergeldschöpfung einen gewissen magischen Charakter hat."

In der ersten Phase des alchemistischen Prozesses ginge es um Verflüssigung im Zuge der chymischen Hochzeit" zwischen philosophischem Mercurium" - Quecksilber und philosophischem Sulphur" - Schwefel unter einer ganz bestimmten Planetenkonstellation. Mercurium steht dabei für das weibliche Prinzip, den Mond, das Wasser. Mercur, wenngleich er in der röm. Mythologie als der Götterbote", Gott der Händler und Diebe gilt, symbolisiert das Unbeständige. Sulphur steht für das Männliche, Prinzipielle und Feste, die Sonne, das Feuer. Es geht darum mit dem philosophischen Sal" die in allen vier Elementen vorhandene Essenz zu einer quinta essenza - Quintessenz des Seienden zu vereinen, dem Stein der Weisen, der Gesundheit, ewiges Leben, Schönheit und edles Wesen sowie - ewigen Reichtum beschert, denn er vermag Blei in Gold zu verwandeln.

Mephisto bringt im Drama Faust auf die Idee, dem Kaiser die Papiergeldschöpfung anzuraten.

"Man wird sich nicht mit Börs und Beutel plagen, / Ein Blättchen ist im Busen leicht zu tragen, / Mit Liebesbriefen paarts bequem sich hier. / Der Priester trägts andächtig im Brevier, / Und der Soldat, um rascher sich zu wenden, /Erleichtert schnell den Gürtel seiner Lenden. / [...] Ein solch Papier an Gold und Perlen Statt, / Ist so bequem, man weiß doch, was man hat; / Man braucht nicht erst zu markten und zu tauschen, / Kann sich nach Lust und Lieb und Wein berauschen / [...] So bleibt von nun an allen Kaiserlanden / An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden."

Dem Volk sagt der Kaiser, der sich schließlich überzeugen lässt, der Wert der Zettel" ergebe sich - durch seine Unterschrift verbürgt - aus der Deckung, durch die im Boden befindlichen Gold- und Silberschätze.

In der chymischen Verflüssigungsphase sieht Binswanger eine Entsprechung zur Erzeugung von Liquidität durch das Papiergeld. In der nächsten Phase geht es um die Verfestigung des Ganzen, sodass das sog. philosoph. Sal" entsteht. Dem entspricht, dass sich im 4. und 5. Akt der imaginäre Wert des Geldes materialisiert. Zunächst bestand beim Kaiser noch die Befürchtung, dass es mit der Schaffung von Papiergeld zu einer Inflation kommen könnte. Genau dies war bei einem gescheiterten Papiergeld-Experiment, zu dem sich Ludwig XV. in Frankreich auf Anraten des Schottischen Ökonomen John Law hinreißen ließ, geschehen - Goethe wusste davon.

Faust weiß im Drama jedoch, dass Geld zur Finanzierung immer neuer Projekte eingesetzt werden muss, die mit ihrer Realisierung jeweils realwirtschaftliche Deckung des gedruckten Geldes bilden. Hier beweist Goethe ein Verständnis ökonomischer Zusammenhänge, das über die klassische Nationalökonomie hinausreicht. Für Adam Smith ist Geld das - den Handel ermöglichende - Äquivalent zur materiellen Basis der Gesellschaft. Goethe sieht, dass es viel mehr als das ist, zumal auf Zetteln" gedruckt - ein Wechsel auf die Zukunft. Als auf Zinsgewinn getätigte Investition dient es der Erweiterung der Produktionskapazitäten, der Industrialisierung, die Goethe zu seiner Zeit erlebte. Der Stein der Weisen - der Schlüssel zur unendlichen Wertschöpfung.

Nun gewinnt auch ein weiterer Faktor an Bedeutung der ebenfalls ein Novum darstellt - das durch Napoleons Code Civil" eingeführte und dann bald dauerhaft juristisch festgeschriebene Eigentumsrecht. Herrschaft gewinn ich, Eigentum", sagt Faust. Besitz bedeutet Macht. Doch das ganze hat eine Kehrseite, denn nun erscheinen die drei rauen Gesellen Raufebold, Habebald und Haltefest, die für Gewalt, Gier und Geiz stehen, auf der Bildfläche. Produktion verlangt nach Rohstoff, Reichtum erregt Neid - Kriegsgefahr dämmert herauf.

Das Ganze hat noch weitere Konsequenzen, einen hohen Preis. Ein Aspekt ist der Verlust der Zeit. Die Ökonomisierung der Gesellschaft reißt alles in einen existenziellen Strudel, den dionysischen Tanz um das goldene Kalb, das Hamsterrad der völligen Ökonomisierung. In seiner Wette mit Mephistopheles setzt Faust die Zeit aufs Spiel. Die Zeit soll ihm verlorengehen, wenn er den höchsten Augenblick" erreicht. Den erreicht Faust, als er meint, dauerhaftes Wirtschaftswachstum, unbegrenzte Wohlstandsmehrung verwirklicht zu haben. Das ist der rote Faden, der sich durch die gesamte Tragödie zieht."

Im Drama lässt Goethe dann auch bald die personalisierte Sorge" auftreten. Der Unternehmer lebt in einem permanenten Risiko, da er kreditbasiert expandiert oder mit unsicherem Ausgang eigenes Geld investiert.

Faust macht sich die Natur untertan. Wo Meer ist, schafft er Land; er ist von der Vision beseelt, sich die Kraft der Gezeiten als unerschöpfliche Energiequelle nutzbar zu machen. Doch im Zuge dessen - so Binswanger - gefährdet er sie auch. Darüber hinaus werden soziale Strukturen und Werte zerstört. Philemon und Baucis - in der griechischen Mythologie aufgrund ihrer Gastfreundschaft von Zeus reich gesegnet, bei Goethe Verkörperung fürsorglicher Mitmenschlichkeit und ökologischer Umsicht - haben in Fausts Welt keinen Platz mehr.

"Die Alten droben sollten weichen, / Die Linden wünscht ich mir zum Sitz, / Die wenig Bäume, nicht mein eigen, / Verderben mir den Weltbesitz."

Wie Faust am Ende des Dramas denn doch tiefe Reue über den Pakt mit dem Bösen empfindet und über das mittels Zauberkunst Erreichte so gar nicht recht stolz sein kann, empfiehlt Binswanger auch dem modernen Menschen Nachdenklichkeit. In seinem neusten Buch mit dem Titel Vorwärts zur Mäßigung" mahnt er an, sich der Sorge" zu stellen - der Sorge für den Erhalt der Natur, der Heimat und des Maßvollen."


Wir retten die Welt zu Tode: Für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut
Wir retten die Welt zu Tode: Für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut
von William Easterly
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen The White Mans Burdon, 16. April 2013
Das Buch von William Easterly wurde zu einem Standartwerk der Kritik am Konzept der klassischen Entwicklungshilfe. Insgesamt hätte der Westen in den vergangenen 50 Jahren 2,3 Billionen Dollar für Entwicklungshilfe ausgegeben. Die Erfolge, die sich daraus ergaben, sind bescheiden. Easterly macht deutlich, dass bedingungslose Finanztransfers an Regierungen armer Länder häufig eher schaden als nutzen, da diese Mittel häufig zweckentfremdet verwendet werden.

Generell unterscheidet Easterly zwischen Planners" und Searchers". Erstere entwickeln ihre Konzepte weitgehend am grünen Tisch. Die Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank hätten sich in einigen Fällen durchaus bewährt - Süd-Korea und Thailand in den 1980ern, Mexiko 1994-95, ostasiatische Finanzkrise 1997-98 - dies betraf jedoch stets relativ entwickelte Länder in Krisensituationen. Bei armen Ländern wirken sich die Maßnahmen - die schon für die unteren Schichten in Schwellenländern eine erhebliche Härte darstellen - oft katastrophal aus. Subventionen werden abgebaut, die einheimische Wirtschaft gerät infolge der Beseitigung von Handelsschranken unter Druck, Arbeitsplätze gehen verloren. Der im Verhältnis zum geringen Inlandsprodukt starke Finanzzufluss wirke sich zusätzlich in der Erhöhung des allgem. Preisniveaus aus. Ein nachhaltiger Effekt tritt dennoch nicht ein, weil dazu die wirtschaftliche Basis fehlt.

Im Gegensatz zu den Planners" bemühen sich Searchers" an der gesellschaftlichen Basis um Veränderung. Sie analysieren genau den Hilfebedarf, achten auf Kompatibilität mit tradierten Ansätzen, unterstützen und organisieren bereits bestehende Initiativen und Ressourcen.

Gegen diesen Grundsatz verstoßen nicht nur die großen internationalen Institutionen und Staaten sondern auch die Hilfsorganisationen. Auch diese sind oft zu sehr von dem Motiv bestimmt, den eigenen Betrieb in Gang zu halten, verschlingen einen großen Teil der ihnen zugeflossenen Gelder, zielen auf gut zu vermarktende Projekte, orientieren sich zu sehr an theoretischen Konzepten, statt an den tatsächlichen Gegebenheiten und Bedarfen vor Ort.

Entwicklungshilfe wird von Regierungen oft missbraucht oder ineffizient eingesetzt. In vielen Fällen stützte sie Diktaturen, zumindest dann, wenn die entsprechenden Regime dem Westen gegenüber loyal bzw. willfährig waren. Andernfalls stellte man ggf. nicht nur die Hilfe ein, man verhängte sogar zusätzliche Sanktionen und dachte nicht selten recht schnell an verdeckte oder offen militärische Interventionen, natürlich stets in bester, humanitärer Absicht. Dies, so Easterly, hätte jedoch - von Vietnam und Kuba über Honduras und den Kosovo bis in zum Irak oder Libyen - fast durchgängig zu sehr zweifelhaften Resultaten wenn nicht gar zu einem offensichtlichen Desaster geführt. Ein wesentlicher Grund dafür sei auch hier das fehlende Verständnis kultureller und ethnischer Gegebenheiten - im Grunde also das gleiche Dilemma wie im Bereich Entwicklungshilfe.

Warum scheitert die Implementierung westlich geprägter Rechtsstaatlichkeit? Rechtssysteme, so Easterly, müssen mit bereits bestehendem traditionellen Rechtsauffassungen kompatibel sein, sonst können sie sich kontraproduktiv auswirken. Man denkt an die Abschaffung der Leibeigenschaft in England. Zuvor fühlten sich die Feudalherren noch für das Ergehen der Untergebenen verantwortlich. Nun waren Leibeigene frei aber es ging ihnen schlechter als je zuvor. - Ebenso kann die Einführung von Besitzrechten bewirken, dass traditionelle Absprachen nicht mehr geachtet werden. Für den formellen Prozess der Erstellung von Besitztiteln fehlt einfachen Leuten jedoch oft das Know-How oder auch das Geld.

Warum scheitern Demokratisierungsvorhaben? In den problematischen Ländern gibt es bei aller Armut i.d.R. auch eine Vermögenskonzentration in wenigen Händen. Für diese ist es leicht, in großem Stil zu manipulieren, einflussreiche Personen zu kaufen, als regionale Wohltäter Stimmen zu werben. In vielen Ländern dominiert zudem noch die Orientierung an der Stammes-, Religions- oder ethnischen Zugehörigkeit. Eine Auseinandersetzung mit Wahlprogrammen, Glaubwürdigkeitsfragen usw. findet nicht statt. Gerade in jungen, instabilen Demokratien würde von Regierungen oft auch die Majorität gegen unliebsame Minderheiten instrumentalisiert , so wiederholt geschehen bspw. in Indonesien in Bezug auf die dortige wirtschaftlich stark engagierte chinesische Minorität.

Easterly ist sich durchaus darüber im Klaren, dass Märkte allein die Probleme der Ärmsten der Armen nicht lösen können, da diese überhaupt nicht über das Geld verfügen, dass sie mit ihren Bedürfnissen für Märkte interessant machen könnte. Der Autor ist also - anders als mitunter dargestellt - keinesfalls gegen jede Form von Entwicklungshilfe.

Auch wenn es richtig ist, dass eine EinfIussnahme in Richtung good governance" sich in vielen Fällen als wenig effektiv erweist; Finanzströme an Regierungen oft eher das Gegenteil des Gewollten zu bewirken scheinen, wäre es unmenschlich und in keiner Weise zweckdienlich, wenn reiche Länder nichts tun, um der notleidenden untersten Milliarde" zu helfen. Easterly möchte jedoch bei all dem einige Grundsätze verwirklicht sehen: Hilfe muss zielgerichtet und effizient beim betroffenen Individuum ansetzen, ständig evaluiert werden und das Ziel haben, dass Menschen so schnell wie möglich von Unterstützung unabhängig werden.

Eine Möglichkeit sieht Easterly in Vouchers", die Arme als einzelne oder als Dorf/Kommune bei Hilfsorganisationen gegen bestimmte Leistungen (Bildung, Impfungen, Insektizide, Düngemittelsubventionen usw.) einlösen können.

Easterly lobt das Programm PROGRESA in Mexiko als vorbildlich. Hier geht es darum, dass Familien unter der Bedingung, dass sie ihre Kinder in die Schule schicken, an medizinischen Untersuchungen teilnehmen, sich impfen lassen, Nahrungsergänzungsmittel in Anspruch nehmen usw., Geld erhalten. Das International Food Policy Research Institute" (IFPR) führte eine wissenschaftliche Evaluierung durch und kam zu dem Schluss, dass sich die Strategie als wirkungsvoll erweist. bescheinigte dem Projekt einen großen Erfolg. Erreicht wurden zur damaligen Zeit 10 % der Familien; man hatte ein Budget i.H.v. 800 Mio. USD. Inzwischen findet das Programm unter dem Namen OPORTUNIDADIS Fortsetzung.

Auch den Ansatz der Plattform Globalgiving hält der Autor für sinnvoll. KIVA verfolgt ein ähnliches Konzept. Hier werden private Spender oder Kleinkreditgeber und kleine Unternehmungen z.T. mit Zwischenschaltung einer betreuenden Mikrofinanzorganisation, zusammengebracht. Dies ist Hilfe, die wirklich ankommt, konkret und zweckbestimmt und bezüglich ihrer Wirksamkeit transparent ist.


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