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FMA
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Kindle Paperwhite 3G [Vorgängermodell], 15 cm (6 Zoll) hochauflösendes Display mit integrierter Beleuchtung, Gratis 3G + WLAN
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bibliothek im Westentaschenformat, 23. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wenn man öfter mal unterwegs ist, ist ein E-Reader eine doppelt tolle Sache. Das war der Hauptgrund für mich, ihn anzuschaffen. Die Enttäuschung folgte allerdings auf den Fuß: die geliebten „Lonely Planets“ bspw. kann man auf dem Gerät vergessen. Die Karten im E-Book sind zu klein. Man kann zwar zusätzlich Pdf-Files downloaden, oder ganze Bücher als Pdf bei LP kaufen und dann auf den E-Reader schieben, aber mit den Maps besteht dann immer noch ein Problem. Zieh sie etwas größer und nach fünf Sekunden Reaktionszeit siehst du nur noch den Vornamen des Straßennamens. Versuch wieder kleiner zu stellen und es ist wieder so winzig, dass nichts mehr zu erkennen ist.

Das gleiche Problem bei praktisch allen Büchern, die Tabellen, Grafiken usw. enthalten. Wenn man Glück hat, sind diese lesbar, mitunter sind sie es nicht oder kaum. Zielgruppe bei der Konstruktion waren wohl eher Romanleser. Falls also jemand auf die Idee kommt, mit Kindle auf Weltreise zu gehen: Forget it. You better buy a Nexus 7. It fits in your pocket as well.

Von dem Gerät konnte ich mich aber trotzdem nicht mehr trennen. Das Lesegefühl ist tatsächlich perfekt – egal ob bei Nacht oder in praller Sonne. Das Akku hält nicht ganz, was es verspricht, toppt aber immer noch bei weitem jedes Tablet. Man hat ein ganzes Bücherregal in der Hosentasche. Auch nicht unwesentlich: E-Books sind günstiger, besonders wenn man sie in englischer Sprache runter lädt. Wer viel liest und die dumme Angewohnheit hat, Bücher selbst zu kaufen, statt sie auszuleihen, hat die Anschaffungskosten schnell wieder raus. Fast sämtliche Klassiker der Weltliteratur gibt es zudem kostenlos (okay, das entdeckt man dann, wäre aber natürlich auch schon mit der Kindle-Software auf dem PC lesbar gewesen).

Englisch-Deutsch und andere Wörterbücher kann man so installieren, dass sie per Daumendruck auf betreffendes Wort im Text aufgerufen werden. Zu schätzen lernt man auch das sonstige Beiwerk – jedes Buch öffnet automatisch dort, wo man zu lesen aufgehört hat. Fußnoten tippt man an und ist im Anhang und retour. Den gesamten Text kann man nach Stichworten durchsuchen. Zusätzlich Lesezeichen, Unterstreichungen usw...

Der Nachteil beim Kindle ist bekanntermaßen, dass man Amazon-Bücher nur dort lesen und von keinem Anbieter direkt auf Kindle laden kann. Allerdings kann man andere Bücher, zumind. soweit sie in Pdf konvertierbar sind, problemlos über PC-Anschluss auf den Kindle schieben oder sogar in eine Kindle-Datei konvertieren.

Ob es sich lohnt, 3G mit zu kaufen, ist fraglich. Soweit ist das nächste WLAN selten weg, dass der Buchkauf nicht bis dort warten könnte. Inwieweit der Cloud-Download damit zusammenhängt, ist mir nicht ganz klar. Einziger wirklicher Vorteil, falls man gern davon Gebrauch macht: das einzige Internet-Angebot, das über den Kindle außer Amazon immer zugänglich ist, ist Wikipedia. Somit kann man dank 3G immer gleich mal nachschlagen, falls im Buch etwas unklar oder Zusatzinformation nützlich ist. Bei WLAN- Verbindung kann man das gesamte Internet nutzen – in Schwarz/Weiß natürlich...


Religion für Atheisten: Vom Nutzen der Religion für das Leben
Religion für Atheisten: Vom Nutzen der Religion für das Leben
von Alain de Botton
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,99

18 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein Atheist auf Entdeckungsreise durch die Welt der Religionen, 17. Juli 2013
Alain de Botton empfand seine Erziehung als eine Art atheistische Indoktrination. Später machte er ähnliches durch, wie Kinder manch frommer Eltern, nur eben „spiegelverkehrt“. „[Ich] begann […], das ganze Ausmaß meiner Ambivalenz hinsichtlich der doktrinären Grundsätze zu erkennen, die mir in meiner Kindheit eingebläut worden waren.“, so der Autor. Die Phase der persönlichen Auseinandersetzung mündete bei de Botton jedoch nicht in eine Hinkehr zu Gott. Vielmehr begann für ihn eine Entdeckungsreise durch die Schatzkammern der Religionen. Er begann diese als kulturelles Erbe zu betrachten, das auch von nicht-religiösen Menschen angetreten werden kann.

Von dieser Entdeckungsreise berichtet sein Buch, dessen Prämisse lautet, „dass es möglich sein muss, überzeugter Atheist zu bleiben, die Religionen aber dennoch gelegentlich ganz nützlich, interessant und tröstlich zu finden – und dafür offen zu sein, welche Möglichkeiten sich auftun, wenn man gewisse religiöse Ideen und Praktiken auf die säkulare Welt überträgt.“

Der Autor beleuchtet dabei den Buddhismus, das Judentum und das Christentum. Zen-buddhistischen Tee-Zeremonien, Wahrnehmungsübungen und Meditationen vermag er ebenso viel abzugewinnen, wie der entlastenden Gebetspraxis an der Klagemauer oder den Werken der alten Meister christlicher Kunst. Er ahnt dabei voraus, dass man ihm vorwerfen wird, „dass Religionen keine Büfetts sind, an denen sich jeder nach Lust und Laune bedienen kann.“ Doch, so fragt er, „Warum sollte es nicht möglich sein, die Darstellung der Sittsamkeit in Giottos Fresken zu würdigen, ohne an die Lehre der Verkündigung Mariä zu glauben, oder den hohen Stellenwert von Mitgefühl bei den Buddhisten zu bewundern und gleichzeitig von ihrer Theorie über ein Leben nach dem Tode Abstand zu nehmen?“

Was immer man von de Bottons Eklektizismus halten mag – er vermag tatsächlich in z.T. genialer Weise auf Kostbarkeiten aufmerksam zu machen, die selbst den Insider der betreffenden Glaubensrichtungen überraschen können. Eine besonders schöne Passage findet sich bei seiner Behandlung Blaise Pascals:

„In seinem Werk „Les Pensees“ (Die Gedanken), zwischen 1658 und 1662 geschrieben; lässt Pascal keine Gelegenheit aus, um seine Leser mit Beweisen für die definitiv verkorkste, erbärmliche und verachtenswerte Natur des Menschen zu konfrontieren. In bestechendem, klassischem Französisch teilt er uns mit, dass das Glück eine Illusion (»Wer die Eitelkeit der Welt nicht sieht, ist selbst sehr eitel«) und Trübsal unser Normalzustand ist (»Wenn unser Zustand wahrhaftig glücklich wäre, bräuchten wir uns nicht vom Nachdenken daran abzulenken«). Des Weiteren ist die wahre Liebe für ihn ein Hirngespinst (»Wie ist das Herz des Menschen hohl und verderbt«), sind wir so dünnhäutig wie eitel (»Eine Kleinigkeit tröstet uns, weil uns auch eine Kleinigkeit aufregen kann«), stehen selbst die Stärksten unter uns zahllosen Krankheiten hilflos gegenüber (»Fliegen sind so mächtig, dass sie Schlachten gewinnen, unseren Geist lähmen und unseren Leib zerfressen«), sind alle weltlichen Institutionen korrupt (»Nichts ist sicherer, als dass die Menschen schwach sind«) und neigen wir Menschen absurderweise dazu, uns selbst viel zu wichtig zu nehmen (»Wie viele Königreiche wissen nichts von uns!«). Das Beste, was wir unter diesen Umständen tun können, schlägt er vor, ist es, unserer aussichtslosen Situation beherzt ins Auge zu blicken: »Die Größe des Menschen liegt darin, dass er sein Elend erkennt.«

De Botton weiter:

„Angesichts dieses Grundtenors ist man doch irgendwie überrascht, wenn man entdeckt, dass das Lesen von Pascals Werk keineswegs so deprimierend ist, wie man erwarten würde. Nein, es ist tröstlich, herzerwärmend und zeitweilig sogar höchst amüsant. Für alle, die am Rande der Verzweiflung stehen, gibt es paradoxerweise keine bessere Lektüre als ein Buch, das versucht, die Menschen selbst ihrer allerletzten Hoffnungen zu berauben. Pensees ist wahrlich kein honigsüßes Buch, das innere Schönheit, positives Denken oder die Vergegenwärtigung eines verborgenen Potentials anpreist, und doch hat es die Macht, einen Selbstmordkandidaten vom Geländer eines hohen Turms wegzulocken.

Wenn uns Pascals Pessimismus in der Tat ein Trost sein kann, dann vielleicht deshalb, weil es normalerweise weniger Negativität ist, die uns in Schwermut verfallen lässt, als vielmehr die Hoffnungen, die wir in unsere Karriere, unser Liebesleben, unsere Kinder, unsere Politiker und unseren Planeten setzen, die in erster Linie zu unserer Wut und Verbitterung geführt haben. Es ist die Kluft zwischen unseren hochtrabenden Wünschen und der schnöden Realität unseres Daseins, die zu den schlimmen Enttäuschungen führt, die uns Tage vergällen und Kummerfalten in unsere Gesichter eingraben.

Deshalb unsere Erleichterung, die sich in schallendem Gelächter äußern kann, wenn wir endlich auf einen Autor stoßen, der uns ohne Umschweife wissen lässt, dass unsere schlimmsten Befürchtungen keineswegs ein persönlicher Tick von uns und beschämend sind, sondern mit zur gewöhnlichen, unausweichlichen Realität des Menschseins gehören. Unsere heimliche Furcht, wir könnten die sein, die ängstlich, gelangweilt, neidisch, grausam, pervers oder narzisstisch sind, stellt sich als herrlich unbegründet heraus und bietet uns daher unerwartete Gelegenheiten, auch die dunkleren Seiten unserer Existenz zu akzeptieren.

Wir sollten den Hut ziehen vor Pascal und der langen Reihe von christlichen Pessimisten, zu denen er gehört, da sie uns den unschätzbar großen Gefallen erwiesen haben, öffentlich und elegant zu postulieren, dass wir Menschen in der Tat sündhafte und bemitleidenswerte Geschöpfe sind.“ - Zitat Ende.

Religionen, so der Autor, sind Weisheits-Ressourcen, derer auch eine zunehmend säkulare Welt dringend bedarf. Sie zeigen aber auch, wie gelebte Gemeinschaft funktionieren, Engagement und Initiative kultiviert werden kann. „Der Irrtum des modernen Atheismus“, so der Autor, „war es, zu übersehen, dass viele Aspekte einer Religion auch dann relevant bleiben, wenn deren zentrale Lehrsätze nicht akzeptiert werden. Erst wenn wir nicht mehr das Gefühl haben, uns ihnen entweder komplett zu unterwerfen oder sie in Bausch und Bogen ablehnen zu müssen, sind wir in der Lage, die Religionen als Fundgruben unzähliger ausgeklügelter Konzepte zu entdecken, mit deren Hilfe wir versuchen können, einige der hartnäckigsten und akutesten Übel und Missstände des säkularen Lebens zu lindern.“

De Botton zieht das Fazit, „dass Religionen allein schon wegen ihres konzeptionellen Anspruchs unsere Aufmerksamkeit verdienen; weil sie die Welt auf eine Art verändert haben, wie es nur wenigen säkularen Institutionen jemals gelang. Sie haben es geschafft, Theorien über Ethik und Metaphysik mit praktischem Engagement auf Gebieten wie Erziehung, Mode, Politik, Reisen, Herbergen, Initiationsriten, Verlagswesen, Kunst und Architektur zu verbinden – ein so breites Spektrum von Interessen, das die Errungenschaften selbst der größten und einflussreichsten säkularen Bewegungen und Einzelpersonen in der Geschichte weit in den Schatten stellt. Alle, die an der Verbreitung und an den Auswirkungen von Ideen interessiert sind, können sich nur schwerlich der Faszination entziehen, die von den Beispielen der erfolgreichsten Bildungs- und Geistesbewegungen ausgeht, die es auf unserem Planeten jemals gab.“

Nach der Lektüre des interessanten Buches fragt man sich freilich, wie es zu erklären ist, dass ein Mensch so positiv, offen und vorurteilsfrei auf das Thema Religion zu geht und sich dann doch an der entscheidenden Stelle kategorisch verschließt. Warum jemand – um das Bild vom Büfett noch einmal aufzugreifen – alle kulinarischen Genüsse und Köstlichkeiten der Welt vor sich aufgetürmt sieht und sich dann doch mit Toast und O-Saft, Nudelsalat und Weintrauben zufrieden gibt.

Man kann Psalmen, Propheten und Evangelien; Franziskus, Kierkegaard und Pascal als Poesie und Lebensweisheit lesen und davon sehr profitieren, doch ist das wenig im Vgl. zu dem Reichtum, der sich auftut, wenn man die dort enthaltenen transzendenten Dimensionen entdeckt, es einem so ergeht wie Blaise Pascal, dem unbestechlichen Realisten, der nicht glauben konnte bis zu jenem Abend eines Novembertages im Jahr 1654: „Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht – Feuer - "Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs", nicht der Philosophen und Gelehrten. - Gewissheit, Gewissheit ... Freude, Friede.“
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 4, 2013 2:00 PM MEST


Persisches Feuer: Ein vergessenes Weltreich und der Kampf um Europa
Persisches Feuer: Ein vergessenes Weltreich und der Kampf um Europa
von Tom Holland
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen The first Clash of Civilizations, 17. Juli 2013
Der griechische Historiker Herodot schreibt, dass Astyages, König der Meder, mit Aryenis, der Tochter des lydischen Königs Alyattes, verheiratet wurde, mit der er eine Tochter, Mandane gehabt haben soll. Er soll von einem Traum geplagt worden sein, in dem Mandane so heftig urinierte, dass seine Hauptstadt, Ekbatana, davon überflutet wurde. Aus Furcht um seinen Thron gab er Mandane keinem Meder, sondern einem persischen Vasallenfürsten, Kambyses I. zur Frau. Kurz nach dieser Eheschließung hatte Astyage einen weiteren Traum: Aus Mandanes Schoß wuchs ein Weinstock, der ganz Asien überschattete. Als Astyages erfuhr, dass Mandane schwanger war, ließ er sie durch den Meder Harpagos bewachen, der das Kind nach der Geburt töten sollte. Harpagos führte dies jedoch nicht aus, was später seinem 13jährigen Sohn das Leben kosten wird – die Rache des Astyages, nachdem er erfährt, dass sein Enkel lebt. Das wiederum ist für Harpagos der Anlass, sich mit dem Nachkommen seines Herrn gegen diesen zu verbünden. So entsteht von etwa 559 v. Chr. an unter Kyros II. das persische Großreich.

Herodot lobt Kyros als gerechten Herrscher, den seine Untertanen liebten und verehrten, ihn "Vater" nannten. Aischylos preist Kyros als friedenliebenden, besonnenen König, Xenophon widmet ihm eine achtbändige Monographie. Aristoteles charakterisiert Kyros später als Wohltäter, der den Völkern die Freiheit brachte.Das färbte auf seinen Schüler Alexander ab, der ihn ebenso verehrte und seine Expansionspolitik in ähnlichem Stil betrieb.

Auch die Bibel schildert Kyros, zumal als außerordentlich positiv. So heißt es bspw. in Jesaja 45, 1-3: "So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, dass ich Völker vor ihm unterwerfe und Königen das Schwert abgürte, damit vor ihm Türen geöffnet werden und Tore nicht verschlossen bleiben: Ich will vor dir hergehen und das Bergland eben machen, ich will die ehernen Türen zerschlagen und die eisernen Riegel zerbrechen und will dir heimliche Schätze geben und verborgene Kleinode, damit du erkennst, dass ich der HERR bin, der dich beim Namen ruft, der Gott Israels." Kyros II. hatte 539 v. Chr. Babylon erobert und so für eine erhebliche Verbesserung der Situation der im Exil lebenden Juden gesorgt. Er ordnete 538 v. Chr. den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem und die Rückgabe der geraubten Tempelgeräte an.

Als Kyros 522 v. Chr. starb, trat dessen Sohn Kambyses II. die Herrschaft an. Er war ein erfolgreicher Feldherr, blieb aber ansonsten weit hinter seinem Vater zurück. Er eroberte Ägypten und gliederte es in das Reich ein. Nach Kambyses Tod tauchte - der Legende nach - ein Mager namens Gaumata auf und behauptete, Bardiya, der verstorbene Bruder des Kambyses, zu sein. Dareios, zuvor Berater des Königs, hätte den Betrug entlarvt und dann selbst den Thron bestiegen. Holland hält es für möglich, dass Dareios selbst diese Geschichte verbreiten ließ, um einen Putsch zu verschleiern.

Welcher Religion die persischen Herrscher anhingen ist unklar. Bei Kyros ist sicher von einer monotheistische Ausrichtung auszugehen. Weit verbreitet war der Zoroastrismus. Auch hier verehrte man einen Schöpfergott - Ahura Mazda, der allerdings von anderen Gottheiten (Mithra, Anahita usw.) unterstützt wurde. Ahura Mazda, der das Gute verkörperte, hatte einen Gegenspieler, der das Böse verkörperte - Ahriman. Im Zoroastrismus galt die Schrift Avesta als heilig. Götterstatuen gab es nicht - dafür Feuertempel. Die heilige Flamme durften nie verlöschen, sie symbolisierte die Gottheit. In der Praxis war die Religion nicht frei von Obskuarantismus und zwanghaft anmutenden Ritualen. Andererseits war man von hohen Idealen beseelt. Als tugendhaft bzw. wünschens- und erstrebenswert galten Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, Weisheit, Unabhängigkeit durch Besitz oder Macht, Gesundheit und langes bzw. ewiges Leben. Dem Autor zufolge stand unbedingte Ehrlichkeit – insbes. unter Kyros – besonders hoch im Kurs. Aber auch sonst sei man im Volk überzeugt gewesen, dass man es durch Redlichkeit zu allem bringen kann. Nicht nur Gott oder Götter – auch der König würde auf geheimnisvolle Weise auf besonders vorbildliche Menschen aufmerksam und nähme sie in seinen Dienst und belohne sie mit Reichtum und Würde.

Für die Persern waren die Griechen die schwierigsten Kantonisten ihres Reiches. Ständig lagen sie im Zwist miteinander, Betrug und Intrige bestimmten das Bild. Einerseits war man darüber nicht ganz unglücklich – solange die Stadtstaaten untereinander verfeindet waren, bestand keine Gefahr einer Allianz gegen die Besatzungsmacht. Andererseits galten die Griechen als sehr schwer regierbar. Ihre Götterwelt und Mythen empfand man als abstoßend. Auch diese schien von Charakterlosigkeit, Hinterhältigkeit, ewigem Konkurrieren und Integrieren bestimmt zu sein. Welch ein Kontrast zu den gerechten Göttern der Perser.

Die Griechen Ihrerseits waren nicht gut auf die Perser zu sprechen und fühlten sich ihnen moralisch und geistig überlegen. Das hatte viel damit zu tun, was sie in Sardes, westlichste Metropole des Perserreiches und offenbar ein für die Perser eher untypisches Sündenbabel, erlebten. Hier frönte man u.a. dem Kult der Kybele, bei dem es immer wieder zu ekstatischen Auswüchsen übelster Sorte bis hin zur Selbstentmannung kam.

Gegen Ende des 6. Jh. v. Chr. kam es zu Aufständen der Griechen in Ionien gegen die persische Oberhoheit. Die dortigen Städte wandten sich mit dem Gesuch um Hilfe an die Brüder auf der europäischen Seite. Doch nur Athen und Eritrea sandten einige Schiffe und Soldaten. Dies war jedoch etwas, was die Perser nicht dulden wollten. Zehn Jahre später hatte Dareios eine Strafexpedition ausgerichtet. Bei Marathon ging man an Land. Das kam den Athenern nicht ungelegen – sie ließen die Perser in den dortigen engen Schluchten auflaufen. Legendär ist der Lauf des den Sieg verkündenden Boten von Marathon nach Athen. Im Jahr 480 starteten die Perser unter Xerxes einen erneuten Feldzug.

Zur ersten Begegnung zwischen dem griechischem Bundesherr von schätzungsweise 5.000 Mann unter der Führung des Königs von Sparta Leonidas mit dem gigantischen, wohl um die 200.000 Mann starken Herr der Perser, kam es in der legendären Schlacht an den Thermopylen. Nachdem die Griechen ihre hoffnungslose Unterlegenheit erkannt hatten, entschloss sich Leonidas mit seiner 300 Mann starken Elitetruppe dem abziehenden Hauptheer den Rücken frei zu halten. Etwa 1000 Mann aus anderen Städten weigerten sich, ihn zu verlassen und waren entschlossen, mit den Spartiaten dem Tod zu begegnen. Die Situation schildert Holland im Buch wie folgt:

„Als Leonidas an der Spitze seiner kleinen Truppe Anfang August zur Sicherung des Passes an den Thermopylen eintraf, musste ihm mit Sicherheit das Beispiel jener Helden vor Augen stehen, die Jahrhunderte zuvor an jenem ersten großen Kampf zwischen Europa und Asien teilgenommen hatten. Aus den Homerischen Epen war ihm geläufig, dass die Götter, „Vögeln gleichend, Lämmergeiern“, bald unsichtbare Schatten über die Stellungen seiner Männer werfen würden. Immer wenn sterbliche Menschen ihren Mut in schwindelnde Höhen steigern und sich auf die Schlacht vorbereiten mussten, saßen die Mannschaften „in dichten Reihen, von Schilden und Helmen und von Lanzen starrend“, und sie wussten, dass sie ins Reich der Götter vordrangen. Man hätte sich kaum einen unheimlicheren Zugang dafür vorstellen können als die „Heißen Tore“. Wasserdampf stieg aus den heißen Quellen auf, die man „Kochtöpfe“ nannte; sie hatten dem Pass seinen Namen gegeben. Die Felsen, über die das Quellwasser gurgelnd herunter rann, waren bleich und verformt wie geschmolzenes Wachs. Schwefelgeruch verbreitete sich dumpf und stechend in der heißen Sommerluft. Alles war fiebrig, staubig und eng.“

Was nun folgte, war der Stoff, aus dem man Heldenepen macht. Die Jahrtausende hindurch beschworen Feldherren mit Verweis auf jene Schlacht den Kampfgeist ihrer Krieger. Bei den US-Marines gehört die Geschichtsstunde bis heute zum Ausbildungs-Repertoire. Im Bewusstsein, dem Tod geweiht zu sein, verteidigten die Griechen den Pass, ermöglichten den verbündeten Hopliten den Rückzug und verschafften den Heeren im Hinterland Zeit, sich zu formieren. Herodot schrieb über die Schlacht: "Hier verteidigten sie sich bis zum letzten Mann, wer noch ein Schwert hatte, kämpfte damit, die anderen widerstanden mit Händen und Zähnen."

Im Seekrieg bei Salamis erlitten die Perser dann die entscheidende Niederlage. Nach den Schlachten von Plataiai und Mykale mussten sie sich ihr Scheitern im Jahr 479 schließlich endgültig eingestehen.

Sieben Jahre danach - im Jahr 472 v. Chr. während der Dyonysien in Athen wurde eine Tragödie des Aischylos aufgeführt. Sie handelte von dem kriegerischen Konflikt mit dem Großreich. Das kleine Athen hatte dem mächtigen Persischen Reich in der Seeschlacht bei Salamis eine empfindliche Niederlage zugefügt. Doch das Stück zeigt keine Häme - im Gegenteil. Der Chor betrauert die gefallenen persischen Kämpfer, ihre Witwen, ihre Söhne und Töchter. Er preist die mutigen persischen Feldherren. Doch es macht auch deutlich, worin der Dichter die Ursache der persischen Katastrophe sieht: Xerxes hatte sich in seinem Hochmut den Zorn der Götter zugezogen. Was diese getrennt hatten – Europa und Asien, wollte der Persische Herrscher mit seiner Schiffsbrücke am Hellespont verbinden. Als Sturm und Wellen diese beim ersten Anlauf zerstörten, hätte er noch aus seinem Größenwahn erwachen können. Doch Xerxes verstieg sich sogar dazu, das Meer auspeitschen zu lassen. Der Bogen war endgültig überspannt. War dem König nicht größte Macht und maßloser Reichtum gegeben? Hätte er sich nicht begnügen können? Das Schicksal des Orients waren glorreiche Reichsbildungen, doch auch die Unterjochung der Völker. Für den Okzident so schien es, hatten die Götter eine andere Bestimmung: Freiheit!

In der Tat beurteilen Historiker den damaligen Konflikt als schicksalsträchtig. Wären die Griechen unterlegen, hätte sich das persische Reich auch über den Okzident ausgebreitet. Zentralismus hätte die mehr oder weniger demokratischen Städtekulturen erstickt und Europa wäre vielleicht nie zu dem geworden, was es heute ist.


Die Bibelfälscher: Wie wir um die Wahrheit betrogen werden
Die Bibelfälscher: Wie wir um die Wahrheit betrogen werden
von Klaus Berger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

14 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ut si Deus non daretur, 15. Juli 2013
Das theologische Spektrum umfasst seit jeher Vertreter, die für eine eher allegorisch-philosophische Position stehen, solche deren Ausgangspunkt die lebendige, konkrete Gotteserfahrung und eine christozentrische Exegese ist, sowie gnostisch-mystizistische Strömungen – und natürlich eine Vielfalt zwischen all dem. Seit ihrer Entstehung im frühen 19. Jh. gewinnt jedoch die liberale Theologie mit ihrer eindimensional rationalistischen Textkritik in stetig wachsendem Maße an Einfluss.

Ein Versuch der Versöhnung eines ursprünglich neutestamentlichen Christentumsverständnisses mit dem liberalen, modernistischen Ansatz fand durch eine Kerygmatische Theologie in verschiedenen Ausprägungen – symbolisiert durch Karl Barth und Rudolf Bultmann statt. Beide sind durch Kierkegaard geprägt, bzw. durch ein Verständnis des dänischen Philosophen, wie es sich parallel im Existenzialismus entfaltete. Man hält in der Bibelexegese nach Sinnstrukturen Ausschau, um deren Verkündigung (Kerygma) es den Verfassern des NT gegangen sei. Die Frage nach dem historischen Kern (bspw. einer Wundererzählung) kann dabei außen vor bleiben.

In der Konsequenz läuft das darauf hinaus, dass zwei Theologen die gleichen „Sprachspiele“ verwenden können und doch völlig offen bleibt, ob dem auf Seiten des „Senders“ eine quasi poetologische oder eine konkrete, transzendente Bedeutung beigemessen wird. Deutlich wird dies „bestenfalls“ an der Wirkung auf den Zuhörer. „Exusia“ - Vollmacht und „Dynamis“ - die befreiende und erneuernde Kraft - wird der Verkündigung fehlen, wenn der Verkündiger nicht selbst von Gott ergriffen ist.

Was in den Kirchen durch gelichtete Reihen und schläfrige Augen sichtbar wird, hat zumind. einen wesentlichen Grund in den Hörsälen der Universitäten. Hätten neuerdings immer lauter auftretende neo-atheistische Eiferer, die – sicherlich nicht ganz zu Unrecht - gegen die staatl. Finanzierung der Theologenausbildung wettern, eine tiefere Kenntnis des Lehrbetriebs – sie würden wohl ihre diesbezügliche Meinung schnell ändern. Denn liberal geprägte theologische Mainstream – so der Autor des Buches – trug und trägt sehr effizient zur Zerstörung der Grundsubstanz christlichen Lebens bei. „Der Zustand der Kirchen auf evangelischer wie katholischer Seite ist zu einem nicht unwesentlichen Teil jener schonungslosen Zerstörung zu verdanken, die von den Bibelwissenschaftlern ausging.“

Dabei billigt Berger, selbst viele Jahre einer der herausragendsten Vertreter universitärer Theologie (Uni Heidelberg) und Autor zahlreicher Fachbücher, dem liberalen Standpunkt vom Grundsatz her durchaus Legitimität zu. Was jedoch einst – unter den Bedingungen einer La Placeschen Weltsicht - Ausdruck emanzipierten Denkens war, sei längst zum neuere Entwicklungen in allen Wissenschaftsbereichen ignorierenden Dogmatismus erstarrt. Ein fest im Sattel sitzendes akademisches Establishment biedere sich dem naturalistischen Zeitgeist an und mache zudem anders denkendem Nachwuchs den Zutritt zum Lehrbetrieb schwer. An den Unis bestehe ein „Zitier-, Berufungs- und Vortragseinladungskartell“.

Berger ist nicht grundsätzlich gegen den historisch-kritischen Ansatz. Dieser trägt in vielen Fällen zu einem besseren Verständnis der Bibeltexte bei, indem er den geschichtlichen Kontext erhellt, um Aspekte der Textkomposition (Formkritik) und der sprachlichen Deutungsmöglichkeiten bereichert usw. Der Hang alles ohne Notwendigkeit zu sezieren und anzuzweifeln hat jedoch auch eine unübersehbarer Fülle von Deutungsmöglichkeiten hervorgebracht. Da sich eine ganze Wissenschaft nur einer Schriftensammlung widmet, führt der in allen Sparten vorhandene Druck, mit Neuem aufzuwarten und sich zu profilieren, zudem zu immer fantasievolleren Konstrukten.

„Das Ausscheiden vermeintlich unechter Jesus-Worte hat das Neue Testament zerklüftet […] Das angeblich Unechte ist in Wirklichkeit meist das Ungeliebte“, so Berger. Die Echtheitsentscheidung sei in einem „hohen Grade abhängig von Mode, Geschmack, Konfession und Zeitgeist“.

Dabei war der Umgang mit der Bibel bzw. der Textsammlung, die im Laufe vieler Jahrhunderte zur Bibel heranreifte - von Außenseitergruppen abgesehen - nie unkritisch. Schon der Kanonisierungsprozess ging mit Textkritik einher. Es gibt eine Fülle von Wundererzählungen, Legenden, erbaulichen Schriften im Umkreis der jüdisch-christlichen Basistexte, die nicht als "Wort Gottes" identifiziert wurden. Auch ist ein allegorischer Ansatz alles andere als neu. Bereits die Propheten reden in Metaphern. Jesus selbst bekundete, in der Öffentlichkeit v.a.in Bildern zu reden. Paulus deutet alttestamentliches Geschehen wiederholt als "typologische Vorschattung" zeitgenössischen und endzeitlichen Geschehens. Dies setzt sich bei den Kirchenvätern, in der Scholastik usw. fort.

Grundsätzlich, so der Autor, seien die Texte so glaubwürdig wie nur Weniges in der Altertumswissenschaft. Die Zweifel an der Existenz Jesu, eine Zeit lang ebenfalls en vogue, haben denn auch längst an Überzeugungskraft verloren. „Über keine andere Persönlichkeit der Antike sind nach ihrem Tod so schnell und so zahlreich Biografien entstanden wie über Jesus. Neben den vier Evangelien gibt es 68 weitere Evangelien, die keine Aufnahme ins Neue Testament fanden, aber auch nicht völlig wertlos sind. Diese Vielfalt an Berichten ist in der Antike einmalig!“ Dazu kommen neuere Forschungsergebnisse. Früher meinte man, das Johannes-Evangelium sei Ende des 2. Jh. entstanden. Inzwischen fand man in Ägypten Papyrustexte, die um 120 entstanden sein müssen. Es gibt die Tendenz, die Verfassung der Evangelien vor der Zerstörung Jerusalems 68 anzusiedeln. Wenn dem so ist, lebten Zeitzeugen Jesu also noch und man konnte nicht einfach irgendetwas verbreiten.

Während selbst die wohl elitärste Vereinigung von Top-(Natur-)Wissenschaftlern - die amerikanische NAS - kein Probleme damit hat, in offiziellen Statements zur Kompatibilität von Religion und Wissenschaft die Möglichkeit der Existenz von "supernatural forces or entities" einzuräumen, verrenkt sich die universitäre Theologie bei dem Versuch, bestimmte Bereiche der Transzendenz zu retten, während sie andere in das Reich der Legenden verlagert, da man sie natürlich keinem aufgeklärten Menschen mehr zumuten könne. So seien alle Inhalte der Evangelien, die „Übernatürliches“ beinhalten, „nachösterlich“ entstanden. Berger spricht von einer ständigen Verbreiterung des „Ostergrabens“. Den Schock und die Niedergeschlagenheit über den Tod Jesu hätten die Jünger aus liberaler Sicht mit einer Mystifizierung der Person Jesu zu kompensieren versucht. In den „vorösterliche“ Textpassagen begegne man noch am ehesten dem historischen Jesus, der sich nie als Messias gesehen hätte; seiner Ethik und Theologie, seinem Engagement und Reformgeist. Alles Nachfolgende hingegen sei Verklärung. Besonders gilt das natürlich für die Wundergeschichten. Berger hält dem entgegen: "Das alles […] lässt sich nicht so erforschen und bedenken, 'als gäbe es Gott nicht', so weit reichen unsere Argumente hinsichtlich der neutestamentlichen Autoren. Ihr Maßstab war die unbezweifelte Existenz Gottes. Insofern sind die neutestamentlichen Autoren auch entlastet, weil sie offenkundig nicht schreiben, um zu betrügen, sondern eben weil die Wirklichkeit Gottes sie erreicht und umgekrempelt hat."

Auch die Kindheits- und Passionsgeschichten sind Gegenstand des Fundamentalzweifels. Dabei wird als herausragendes Indiz der Unglaubwürdigkeit kontinuierlich bereits angesehen, dass eine tatsächliche Übereinstimmung mit den alttestamentlichen Aussagen über den kommenden Messias besteht. Das ist natürlich ein recht merkwürdiger Argumentationsgang. Würde man diesem Ansatz generell folgen, müsste die Geschichte an sehr vielen anderen Stellen – allen historischen Befunden zum Trotz – umgeschrieben werden. Bethlehem, Hebron, Aleppo, Jerusalem werden im AT Segen oder jedenfalls Bestand verheißen. Tatsächlich gibt es sie immer noch. Aschkalom (Jeremia 47, 5), Babylon (Jesaja 13, 22), Theben, Memphis (Hesekiel 30, 13), Ninive (Nahum 2), Samaria (Micha 1, 6) wurden Gericht und Untergang zugesprochen. Sie sind heute Ruinenstädte. Nicht etwa weil fromme Archäologen sich das zusammenreimen, sondern weil es wirklich so ist.

Den mächtigen Assyrern und dem glorreichen pharaonisches Ägypten wird der Niedergang voraus gesagt. I.d.T. haben sich diese Reiche, ihre Kultur und Religion für immer aus der Weltgeschichte verabschiedet. Nicht so das kleine Israel mit seiner Kultur und Religion. Auch Israel wird von Zerstörungen und Vertreibungen heimgesucht werden, am Ende aber doch – wie vorhergesagt - einen Neubeginn erfahren (Vgl. bspw. Hesekiel 28, 25-26). Israels allen Verfolgungen und Anfeindungen zum Trotz erfolgte Staatsgründung 1948 ist ebenfalls keine Legende fundamentalistischer Juden, die im Nachhinein alttestamentliche Prophetien rechtfertigen wollen, sondern eine historische und politische Tatsache.

Man mag einwenden, dass Ergebnisse von Ausgrabungen ein völlig anderes Gewicht haben, als die Berichte der Evangelisten. Das angewandte Prinzip wird dadurch nicht überzeugender. - Das AT redet davon, dass der Gesalbte Gottes in Bethlehem zur Welt kommen würde. Folglich, so die liberale Logik, müsse Bethlehem als Geburtsort Jesu wohl erfunden sein. Dazu kommt, dass Jesus als der gilt, der aus Nazareth kommt. Berger wendet hier ein, dass er selbst auch in Hildesheim geboren sei, sich aber stets als aus Goslar stammend bezeichnet hätte – eben weil er dort aufgewachsen ist.

Auch der Kindermord des Herodes gilt als Legende. Berger hält dem entgegen: „Herodes hatte einen schlechten Ruf und war für seine Grausamkeit bekannt. Dass mögliche Nachfolger aus dem Weg geräumt werden, gehört zum Alltagsgeschäft von politischen Tyrannen – und das gilt bis in unsere Zeit. Die Anordnung des Kindermordes aus Angst vor dem Machtverlust ist keine Propaganda des Evangelisten Matthäus, sondern ist sehr plausibel.“

Bei dgl. handelt es sich um im Grunde – für die eigentl. christl. Botschaft - unwesentliche Dinge. Ans Eingemachte geht es jedoch, wenn theologische Kernaussagen von elementarer Bedeutung nicht mehr verstanden werden. Dies ist bspw. der Fall beim Themenkomplex „Gesetz und Gnade“, an dem sich Generationen liberaler Theologen vergeblich abgearbeitet haben. Da man außerstande ist, sich auf die Denkvoraussetzungen der Verfasser der betreffenden Texte wirklich einzulassen, sieht man Widersprüche, wo gar keine sind und versucht diese wiederum über das Postulat unterschiedlicher Autoren (in diesem Fall v.a. die Paulusbriefe betreffend), verschiedener Denkrichtungen („Siegestheologie“ des Lukas, „Kreuzestheologie“ des Paulus) usw. aufzulösen. Dabei sind hier keinerlei intellektuelle Klimmzüge von Nöten – sehr einfache Menschen, insbes. auch solche die aus einem nicht-christlichen Hintergrund heraus dem Evangelium begegnen, verstehen den Zusammenhang oft sofort: Jeder Mensch weiß um den Anspruch, der sich in seinem Gewissen manifestiert. Und er weiß, in welchem Maße er auf dem Weg der Moral daran scheitert. Die Gnade reißt die Mauer der Schuld zwischen Gott und Mensch nieder und ermöglicht so den Eintritt in eine Gottesgemeinschaft die sich zutiefst befreiend auswirkt und den betreffenden Menschen von innen her positiv verändert.

Schwierigkeiten hat man selbstverständlich auch mit anderen zentralen, im NT geschilderten Ereignissen – Jungfrauengeburt, leibliche Auferstehung, Himmelfahrt, Pfingsten. Hier wie in Bezug auf viele andere Stellen sucht man auch nach Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit den mythologischen Überlieferungen der miteinander in Kontakt stehenden Stämme und Völker des vorderorientalen bzw. mediteranen Altertums und kommt zu dem Schluss, dass sich die Schreiber der Bibel ausgiebig aus dem ihnen zugänglichen Pool religiöser Motive bedient hätten: Erschaffung von Welt und Mensch etwa seien ähnlich schon bei den Sumerern und Ägyptern beschrieben. Ursprüngliche Paradiesvorstellungen und Sintflutberichte finden sich in zahlreichen Kulturen, einer der letzteren schriftlich aufgezeichnet zuerst im Gilgamesch-Epos. Der Regenbogen gilt auch in anderen Kulturen als Bundeszeichen zwischen himmlischer und irdischer Welt. Der Turmbau von Babel findet bereits bei den Sumerern Erwähnung. Auch die Aussetzung des künftigen Retters (Moses) als Kleinkind im Korb auf einem Fluss sowie seine Auffindung durch die Tochter des Herrschers (Pharao) sei kein singulär israelisches Motiv. Etc. etc.

Für das NT ist der Verweis auf den griechischen Herakles-Mythos sehr populär. Auch dieser Heros sei eine ersehnte Rettergestalt, Sohn der Götter, verfolgt, geprüft und versucht, ein rastloser Helfer, am Ende ein Überwinder, der, nach einem Besuch im Totenreich zu guter Letzt in den Olymp der Götter erhoben wird. Wie in Bezug auf andere Texte gilt jedoch auch hier: Der Bericht über Leben und Wirken des Jesus von Nazareth und der Herakles-Mythos könnten bei genauerer Betrachtung - was die wesentlichen Züge betrifft – verschiedener kaum sein. Vom Intrigenspiel der griechischen Götter im Hintergrund einmal abgesehen - Herakles ist ein Held und Kämpfer der quasi durch sein „Übermenschentum“ bestechen möchte und mit den zwölf ihm als Buße dafür, dass er im Wahn Frau und Kinder erschlagen hatte, auferlegten Arbeiten unglaubliche Herausforderungen besteht.

Das besondere in Jesu Leben ist dagegen seine Integrität, sein aufopferungsvoller Einsatz für Kranke, Schwache, Arme, Besessene, Gefallene, Ausgegrenzte, seine furchtlose und vollmächtige Konfrontation der Selbstgerechten und in sozialen Belangen gewissenlosen, der Reichen und Mächtigen. Er wirkt gerade nicht selbstherrlich aus eigener Kraft, sondern vertraut der Hilfe und Leitung des Vaters im Himmel. Er siegt nicht durch physische oder politische Überwältigung derjenigen, die ihm entgegentreten, sondern indem er sich selbst bzw. seiner Berufung treu bleibt und allen Anfeindungen zum trotz den Weg der Nächstenliebe geht. Dies kostet ihm schließlich das Leben.

Kreuz und Auferstehung haben jedoch auch noch eine weit tiefere Bedeutung: hier stirbt der Sündlose für die Sünder. Gott selbst nimmt die Strafe für die Verfehlungen der Menschheit in seinem Sohn auf sich. Der Heraklessche Besuch im Totenreich, von dem sich nach Meinung mancher Gelehrter, die ersten Jünger hätten inspirieren lassen, hatte das Ziel – im Rahmen der letzten Bußauflage den dreiköpfigen Hund Zeberus „heraufzuholen“. Herkules stirbt schließlich indem er sich – als er im Zuge eines Eifersuchtsdramas vergiftet von unerträglichen Schmerzen gepeinigt wird – selbst das Leben nimmt. Die Götter nehmen ihn zu sich. Die Griechen verehren ihn als Helfer in allen Lebenslagen, die Römer dann als Gott des Handels.

Genauso gut bzw. schlecht ließen sich letztendlich Parallelen zum indischen Ramajana oder zum Kult um die alt-chinesischen Stadtgottheiten ausmachen. Es ist wie mit vielen anderen Dingen, Phänomenen und Prozessen in der materiellen, geistigen und sozialen Sphäre auch: aus großer Distanz betrachtet, erscheint vieles ähnlich; erst aus der Nähe werden die tiefen Unterschiede sichtbar.

Viele weitere exegetische Probleme werden von Berger angesprochen. Wie bspw. Jesu Aussage in Mk. 9, 1 über das nahe Kommen des Gottesreiches einordnen? Berger weist hier auf einen möglichen Bezug zur nachfolgend geschilderten Verklärung Jesu hin. Fast naheliegender erscheint jedoch – in Entsprechung zu Joh. 16, 7 – das Pfingstereignis. – Hat Jesus tatsächlich das Vaterunser gebetet und gelehrt. Nein sagt die gängige Theologie – dies passe nicht zum sich durch viele andere Stellen vermittelnden Bild von der Gegnerschaft Jesu gegen alles Rituelle. Berger stellt hier einen Bezug zu Matth. 6, 7 her – Jesus mahnt, „nicht zu plappern wie die Heiden“. Im folgenden gibt er ein Beispiel für authentisches, wesentliches Gebet. Ein „rituelles“ Vaterunser wurde erst im Laufe der Kirchengeschichte daraus.

Nun ist es natürlich tatsächlich so, dass manche Sequenzen in AT und NT widersprüchlich erscheinen, beliebte Bsp. sind hier die unterschiedlichen Schöpfungsberichte in Genesis, Jesus-Stammbäume in den Evangelien, die unterschiedlichen Darstellungen der Aussage Jesu über die Zeit bis zur Auferstehung (2 oder 3 Tage). Nicht selten bieten sich in solchen Fällen durchaus plausible Erklärungsmöglichkeiten an, doch wie immer dem auch sei: Für die meisten Christen, so darf man sicher festhalten, war dergleichen kaum je geeignet, die Aussagekraft der Bibel in Frage zu stellen. Luther nahm sich durchaus die Freiheit, von einer unterschiedlichen geistlichen bzw. theologischen Tiefe der einzelnen biblischen Bücher zu reden. Dennoch konnte er der katholischen Kirche, die dem Leitfaden der Schrift stets die Tradition zur Seite stellte, sein „Solo Scriptura“ entgegenhalten. N. L. von Zinzendorf, eine herausragende Gestalt des Pietismus, Gründer der Herrnhuter Brüdergemeinde, ein Zusammenschluss von Christen, von deren Authentizität und menschlicher Qualität der Dichterfürst Goethe so tief beeindruckt war, dass er später in seinen Lebenserinnerungen festhielt, dass er sie „herzlich lieb“ gewonnen hatte und „es nur an ihnen gelegen hätte, ihn zu einem der ihren zu machen“, redete bereits zu einer Zeit, als es den historisch-kritischen Ansatz in der universitären Theologie noch nicht gab, ganz offen von „Fehlern und Ungereimtheiten“ und erörterte diese sogar in Gemeindeversammlungen. „Es ist eine unverantwortliche Torheit, die Bibel so auszukünsteln, dass man wider allen Sinn und Verstand glauben soll, dass sie gelehrt, zusammenhängend, nach unserer Art methodisch geschrieben sei; da doch ihr göttlicher Geist und Leben in die Gestalt und Form eines miserablen Hirten-, Fischer- und Visitator-Stil […] eingewickelt ist“, schreibt er 1742 in „Theologische Bedenken“.

Dennoch ist Zinzendorf auch der Mann, der rastlos und mit großer Begeisterung das Evangelium verkündet, und unzähligen Menschen zum Glauben an Jesus Christus und einem befreiten Leben in der Orientierung am lebendigen Wort der Schrift verhilft. Seit mehr als einem Viertel Jahrtausend werden weltweit die auf ihn zurück gehenden Losungsheftchen gelesen.

Die Verfasser der biblischen Schriften selbst behaupten ebenso an keiner Stelle, absolut perfekt und widerspruchsfrei zu sein. „Jede Schrift ist von Gottes Geist eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke ausgerüstet“, heißt es vielmehr in 2. Timotheus 3, 16-17. Verfasserfragen, form- und redaktionsgeschichtliche Hintergründe, zeitliche Zuordnungen, vermeintliche oder tatsächliche Fehler und Widersprüchlichkeiten in im Grunde marginalen Aussagen – dies alles tangiert die hier beschriebene „Funktion“ der Schrift in keiner Weise, denn es geht ihr nicht um historische oder naturkundliche Exaktheit bzw. Wissensvermittlung.

Auch Berger geht es sicherlich nicht darum, sämtliche vermeintl. od. wirkliche Ungereimtheiten der Bibel mit Macht weg zu erklären. Er macht jedoch deutlich, dass sich der Sinn der biblischen Botschaft nur dann erschließt, wenn man sie als Ganzes betrachtet und nicht nach weltanschaulichem Gusto Inhalte selektiert. Gäbe es keine Erlösung, die sich im Hier und Heute des einzelnen Menschen manifestieren kann und keine Gewissheit in der Gotteserfahrung, die den Menschen auf eine völlig neue Existenzebene erhebt, wäre die christl. Botschaft genau das, was viele ihrer Gegner ihr vorwerfen: ein Gedankensystem, das wider alle menschliche Erfahrung Geltung beansprucht, das den Menschen die Krankheit erst einredet, die sie zu heilen vorgibt; ein überforderndes Moralsystem, das Lebendigkeit eher erstickt als freisetzt.

Bergers Buch ist hoch interessant; die Reaktionen darauf sind es ebenso. Die Kritik ist entweder wohlwollen oder betrifft – wo sie eher negativ ausfällt – eine vermeintlich überzogene Kritik Bergers an der kreativen Vielfalt wissenschaftlichen Denkens und Forschens. Nirgends werden jedoch Bergers Standpunkten konkrete Fakten entgegen gesetzt, diese gar als widerlegt oder illegitim dargestellt. Einmal mehr wird deutlich, welche Diskrepanz oft zwischen der selbstgewissen Außendarstellung des „Forschungsstandes“ verschiedener Wissenschaftssparten und dem, was wirklich als Fundus gesicherten Wissens gelten kann, besteht.
Kommentar Kommentare (15) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 16, 2014 5:39 PM MEST


Kultur, um der Freiheit willen: Griechische Anfänge - Anfang Europas?
Kultur, um der Freiheit willen: Griechische Anfänge - Anfang Europas?
von Christian Meier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

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5.0 von 5 Sternen Die Wiege Europas, 15. Juli 2013
Im Jahr 472 v. Chr. während der Dyonysien in Athen wird eine Tragödie des Aischylos aufgeführt. Sie handelt von einem Ereignis, das 8 Jahre zurückliegt. Das kleine Athen hatte dem mächtigen Persischen Reich in der Seeschlacht bei Salamis eine empfindliche Niederlage zugefügt. Doch das Stück zeigt keine Häme - im Gegenteil. Der Chor betrauert die gefallenen persischen Kämpfer, ihre Witwen, ihre Söhne und Töchter. Er preist die mutigen persischen Feldherren. Doch es macht auch deutlich, worin der Dichter die Ursache der persischen Katastrophe sieht: Xerxes hatte sich in seinem Hochmut den Zorn der Götter zugezogen. Was diese getrennt hatten – Europa und Asien, wollte der Persische Herrscher mit seiner Schiffsbrücke am Hellespont verbinden. Als Sturm und Wellen diese beim ersten Anlauf zerstörten, hätte er noch aus seinem Größenwahn erwachen können. Doch Xerxes verstieg sich sogar dazu, das Meer auspeitschen zu lassen. Der Bogen war endgültig überspannt. War dem König nicht größte Macht und maßloser Reichtum gegeben? Hätte er sich nicht begnügen können? Das Schicksal des Orients waren glorreiche Reichsbildungen, doch auch die Unfreiheit und Unterjochung der Völker. Für den Okzident so schien es, hatten die Götter eine andere Bestimmung: Freiheit!

Gegen Ende des 6. Jh. v. Chr. war es zu Aufständen der Griechen in Ionien gegen die persische Oberhoheit gekommen. Die dortigen Städte wandten sich mit dem Gesuch um Hilfe an die Brüder auf der europäischen Seite. Doch nur Athen und Eritrea sandten einige Schiffe und Soldaten. Dies war jedoch etwas, was die Perser nicht dulden wollten. Zehn Jahre später hatte Dareios eine Strafexpedition ausgerichtet. Bei Marathon ging man an Land. Das kam den Athenern nicht ungelegen – sie ließen die Perser in den dortigen engen Schluchten auflaufen. Legendär ist der Lauf des den Sieg verkündenden Boten von Marathon nach Athen. Im Jahr 480 starteten die Perser unter Xerxes einen erneuten Feldzug. Kamen die Perser in der legendären Schlacht an den Thermopylen noch relativ glimpflich davon, so erlitten sie im Seekrieg bei Salamis die entscheidende Niederlage. Nach den Schlachten von Plataiai und Mykale mussten sie sich ihr Scheitern im Jahr 479 schließlich endgültig eingestehen.

Um 1200 v. Chr. gab es bereits griechische Kulturen mit beachtlichem Entwicklungsstand – die mykenische und die minoische. Warum sie untergingen liegt weitgehend im Dunkeln. Mit ihnen verschwand vorerst auch die – auf das phönizische Alphabet aufbauende - Schrift. Erst im 8. Jahrhundert melden sich die Griechen zurück auf der historischen Bildfläche. Mit der Ilias und der Odyssee schuf der blinde Dichter Homer zwei Epen, die in ihrer epochalen Bedeutung und ihrer literarischen Einzigartigkeit nicht mehr überholt wurden. Rund um die Ägäis entstehen nun bald griechische Städte bzw. Stadtstaaten. So begannen Reichsbildungen in anderen Regionen der Welt auch. Doch das Besondere in der griechischen Welt ist, so Meier, dass niemand ausgeprägte Bestrebungen zeigt, übergeordnete Herrschaftsstrukturen zu errichten. Die Griechen sind ausgeprägte Individualisten. Für sie zählt v.a. ihre Eigenständigkeit. Und so entwickeln sie etwas in dieser Form zuvor nie dagewesenes – die Polis.

Dabei blieben die Griechen von sozialen Spannungen und Unruhen nicht verschont. Eine adlige Schicht hebt sich bald - wie überall auf der Welt - sowohl durch Macht als auch durch Besitz vom Rest der Bevölkerung ab. Die beiden herausragenden Stadtstaaten Sparta und Athen finden auf diese Situation ganz unterschiedliche Antworten. Lykurg schafft in Sparta – die unmittelbare Bürgerschaft betreffend – eine außerordentlich egalitäre, konformistische Gesellschaft, quasi einen Militärstaat, in dem nur die fittesten Säuglinge am Leben bleiben und die männliche Bevölkerung vom 7.-30 LJ kaserniert und elitär gedrillt wurde. Der attische Luxus war ebenso verpönt, wie die Sophisterei – in Sparta lebte man einfach, klar und gradlinig. Vollbürger werden und heiraten konnten Männer erst ab dem 30. Lj. Sparta. Spartiaten – um 500 v. Chr. gerate einmal 8000 an der Zahl - lebten zudem im unmittelbaren Stadtgebiet, waren militärisch voll ausgebildet und – eigenfinanziert – bewaffnet. Eine Schicht unterhalb der Spartiaten bildeten die ebenfalls freien, bewaffneten Periöken. Die viertel Mio. im weiteren Umfeld Spartas lebenden Helloten waren Bauern im Sklavenstatus. Sie hatten für die Ernährung Spartas zu sorgen.

In Athen hingegen vermittelt Solon (ca. 640-560 v. Chr.) zwischen Adel und Bauern. Im Jahr 594 v. Chr. werden seine Reformen umgesetzt: Der Adel tritt Grund und Boden ab, die Schuldknechtschaft wird abgeschafft, republikanische Strukturen entstehen. Alle Bürger Athens dürfen wählen (Volksversammlung ab 6000 Teilnehmer), wenngleich nur Adlige gewählt werden dürfen. Unter Solon entsteht der Rat der 400. Die Bevölkerung teilt er in vier Vermögensklassen, womit immerhin das Leistungsprinzip in die soziale Schichtung eingeführt wird; nicht mehr die Geburt allein entscheidet. Der Rat rekrutiert sich aus den drei oberen Einkommensklassen; die Archonten – oberste Beamte - aus dem Rat; bei Voraussetzung der Zugehörigkeit zur obersten Schicht. Die Archonten wiederum bilden nach Ende ihrer Amtszeit die Blutsgerichtsbarkeit des Areopag und eine Art Oberaufsicht über das gesamte Verwaltungsgeschehen; in das Volksgericht kann man direkt aus allen Schichten berufen werden.

Auch in Sparta versammelte sich regelmäßig die Bürgerschaft. Man war insgesamt jedoch weit konservativer als die Athener. Lykurg war eine geradezu mythische Gestalt, die die ehernen Gesetze Spartas vom Orakel in Delphi empfangen hatte. Es handelte sich also nicht einfach um Menschenwerk, dass ständig modifiziert werden konnte oder durfte. Die Spartiaten wählten gemäß der Verfassung Likurgs jährlich fünf Ephoren, den Athenischen Archonten entsprechend. Jeder Vollbürger konnte wählen und gewählt werden. Das Ephorat hatte relativ große politische Macht, schickte zuweilen gar Könige in die Verbannung. Sparta leistete sich kontinuierlich zwei „gekrönte“ Häupter aus verschiedenen Geschlechtern. Diese waren gleichzeitig auch Feldherren. Eine weitere wichtige Instanz war die Gerusia, der auch als Oberstes Gericht fungierende Ältestenrat (analog zum Areopag in Athen). Die eingesetzten Mitglieder wurden auf Lebenszeit von der Apella, der Volksversammlung gewählt.

Die Ära Solon in Athen wurde durch einen Putsch des Peisistratos beendet. Dieser ließ sich zum Tyrannen ausrufen, herrschte dann aber aus der Perspektive der meisten Athener erstaunlich weise und integer – die Stadt, so heißt es - erlebte eine Blütezeit in Kunst, Religion und Wirtschaft. Unter seinen ihm nachfolgenden Söhnen Hippias und Hipparchos sah das bereits anders aus – sie entsprachen in ihrem Gebaren schon eher dem, was wir heute mit dem Begriff „Tyrannis“ verbinden.

Der Reformer Kleisthenes ruhte nicht, bis er deren Herrschaft ein Ende gesetzt hatte. Er soll zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung sogar das Orakel von Delphi bestochen haben. Mit Hilfe Spartas erreichte er 510 v. Chr. sein Ziel und richtete die republikanischen Strukturen wieder auf. U.a. um die soziale Schichtung der Gesellschaft noch stärker aufzubrechen, führte er mit den Demen neue (Selbst-)Verwaltungseinheiten ein. Die Demen wurden in dreißig Trittyen zusammengefasst - je zehn in den Regionen Stadt, Küste und Binnenland. Drei dieser regional unterschiedlichen Trittyen bildeten eine Phyle. Zuvor hatte sich mit den traditionellen vier Phylen alles an der Clan bzw. Stammeszugehörigkeit orientiert. Nun wurden aus zehn Phylen je 50 Bürger für den auf 500 Mitglieder erweiterten Rat per Los bestimmt. Aus dem Rat wurden wiederum Personen für die Besetzung politischer Ämter im Verwaltungsausschuss ausgelost. Dahinter steht ein egalitäres Ideal sowie die Furcht vor Machtmissbrauch. Die Losung ist Mittel gegen den Einsatz persönlicher Autorität.

Diese blieb jedoch wirksam bei der weiterhin durchgeführten Wahl der nur der 1. und 2. Steuerklasse zugehörigen neun Archonten (Oberbeamte) sowie der zehn Strategen (Feldherren). Die Macht des adligen Areopag wurde allerdings maßgeblich relativiert, er blieb nunmehr eine Art oberster Gerichtshof. Im politischen Tagesgeschäft lag das Schwergewicht auf dem Rat und dem Verwaltungsausschuss. Die 6000 Richter für die Volksgerichte wurden weiterhin direkt aus der Volksversammlung gewählt.

Unter Führung des Themistokles gingen die Griechen dann in die Seeschlacht bei Salamis. Der legendäre Perikles soll im Vorfeld an der Evakuierung der Frauen und Kinder aus der Stadt teilgenommen haben. Unter seiner Führung findet die Athenische Demokratie ihre höchste Ausformung. Er begrenzt allerdings das Bürgerrecht auf die beiderseitige Abstammung von Athenern. Er führt Diäten für Politiker ein, sodass die Wahl einfacher Leute in den Rat der 500 nicht nur rechtlich, sondern auch ganz praktisch möglich wurde, denn ohne Unterhalt hätten diese sich nicht ihrer sonstigen Tätigkeit enthalten können. Perikles bestimmte mehr als drei Jahrzehnte lang die Geschicke Athens. Mit dem ewig rivalisierendem Sparta herrschte 15 Jahre lang Frieden. Dann jedoch kam es zum „Dreißigjährigen Krieg der Antike“, dem Peloponnesischen.

Legendär ist die Gefallenenrede des Perikles, die dieser im Winter 431/30 v. Chr. für die Opfer des ersten Kriegsjahres hielt. Er spricht den Verwandten sein Mitgefühl aus und preist die Tapferkeit der Krieger. V.a. aber führt er den Bürgern in einzigartiger Weise vor Augen, was sie mit so großer Opferbereitschaft verteidigen. Dieses Athen, ihr Athen zeichnet sich vor allen anderen Städten aus – durch eine Verfassung, die dem Volk die Herrschaft ermöglicht, die auch dem geringsten Bürger den Aufstieg in höchste Ämter ermöglicht, denn nur Leistung und Verdienst zählen hier. Perikles preist Athen aufgrund der Toleranz seiner Bürger und des wenig einengenden Rechtssystems. Beides sei nur möglich, weil die Athener von Natur aus das Böse scheuen und die Götter ehren. Es gibt weder eine Polizei noch eine mächtige Priesterkaste. Athen ist berühmt aufgrund seiner Denker, eines guten Bildungsstandards und seiner öffentlichen Diskussionskultur. Es gilt zu Recht als die Schule Griechenlands.

Wahrlich Stolz sein kann es auch auf seine Großzügigkeit. Seine Bürger sind voller Gastfreundschaft und Bereitschaft andere Menschen und Städte freigiebig zu unterstützen. Sie selbst hingegen verlassen sich eher auf ihr eigenes Vermögen. Der Glanz Athens zieht Besucher und Händler vor überall her an. Vor ihnen verbirgt die Stadt nichts. Sie fürchtet nicht das Ausspionieren sondern vertraut auf ihre Kraft und Überlegenheit. Athen setzt auch nicht wie die Lakedaimonier auf überzogenen militärischen Drill, sondern auf die Vitalität seiner Bewohner, die in der Atmosphäre der Freiheit und Lebensfreude jene Kühnheit entwickeln, die sie zur Überlegenheit in den jedem Kampf und Krieg befähigen. Die Athener kultivieren das Mitgefühl in ihren Tragödien und den Humor in ihren Komödien, in denen selbst hohe Politiker oft Zielscheibe geistvoller Satire sind. Sie sind Ästheten, die ihre Wohnungen geschmackvoll einrichten, sich attraktiv, kleiden, ihre Feiern prunkvoll ausrichten. In ihrer Lebensart vereinen sich Würde und Lebenskunst, geistige Lebendigkeit und Tatkraft:

„Denn wir lieben das Schöne mit Einfachheit und wir erfreuen uns am geistigen Genuss ohne Weichlichkeit; und wir machen von unserem Reichtum lieber im rechten Augenblick für das Leben Gebrauch, als dass wir in Worten damit prunken; und es ist für keinen eine Schande, seine Armut einzugestehen, vielmehr ist es eine Schande, ihr nicht durch Tätigkeit zu entrinnen.“

Historiker haben oft eingewandt, dass das real existierende Athen oft wohl weit hinter solch hehren Worten zurückblieb. Dekadenz und Charakterlosigkeit hätten das Bild nicht mehr und nicht weniger bestimmt als in anderen Städten bzw. Kulturen. Meier beschreibt bspw., dass es mit der Arbeitsmotivation nicht eben weit her war. Doch wozu hatte man Sklaven? Die Athener feierten, flanierten und diskutierten lieber. Den Persern hätten die Griechen oft gerade aufgrund ihrer moralischen Festigkeit Bewunderung entgegengebracht. Kyros II. hätte auch für sie weit eher dem Idealbild des Herrschers entsprochen als ihre eigenen Führer. Auch die Toleranz hatte Grenzen: Sokrates etwa wurde zu Zeiten der Demokratie zum Tode verurteilt. Doch wie dem auch sei – in ihren Idealen waren die Griechen groß, in ihrer Freiheitsliebe ein Leuchtfeuer.

Im Konflikt mit Sparta erwies sich Athen letztendlich – nach anfänglichen Erfolgen als unterlegen. Dies erschütterte auch die Demokratie der Polis. Schließlich ereilte die Griechen das Schicksal der durch den internen Kampf geschwächten und aufgeriebenen. Der makedonische König Philipp II. besetzte immer größere Teile griechischen Gebietes. Nach der Schlacht von Chaironaia übernahm er 337 v. Chr. die Führung im neu gegründeten Korinthischen Bund. Zum geplanten Feldzug gegen Persien kam Philipp dann nicht mehr – er erlag einem Mordkomplott. Doch wurden seine Pläne in einer Weise, die er sich wohl nie hätte träumen lassen, umgesetzt und erweitert durch seinen Sohn Alexander.

Alexander herrschte insgesamt sehr integrativ. Er begegnete den eroberten Völkern und ihren Eliten mit Respekt. Er hatte einen besonderen Sinn dafür, kulturelle Errungenschaften zu erhalten und den Austausch zu befördern. So kam es in der Epoche des Hellenismus zu einer zuvor nie dagewesenen Entfaltung früh-wissenschaftlicher Arbeit. Auch Athen erlebte unter Alexander, der weitestgehende Autonomie gewährte, noch einmal eine neue Blütezeit. Nach Alexanders Tod im Jahr 323 v. Chr. kam es in einem kriegerischen Konflikt mit Makedonien zur Vernichtung der attischen Flotte. Athen wurde in das Reich der Makedonier eingegliedert. Dies war das Ende der klassischen Demokratie.


Im Haus der Weisheit: Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur
Im Haus der Weisheit: Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur
von Jim Al-Khalili
  Gebundene Ausgabe

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Arabische Wissenschaft? - Was fuer eine arabische Wissenschaft?, 15. Juli 2013
Das "Haus der Weisheit" in Bagdad wurde 825 von dem Abbasiden-Kalifen Al-Mamun (zur Hälfte Perser) nach dem Vorbild der Akademie von Gundishapur (persisches Sassanidenreich) gegründet. Am Aufbau beteiligt waren gem. Al-Qufiti (Historiker) 9 Juden, 37 Christen und 8 Sabäer (pagane Sekte). Später hatte das Haus 90 Mitarbeiter. Herausragende Gelehrte waren in führender Position der Arzt Hunayn ibn Ishaq (Christ), der syrische Astrologe und Mathematiker Thabit ibn Qurra, der Philosoph Al-Kindi, die Banu Musa Brüder (drei aus Persien stammende Mathematiker), Al-Chwarizmi (Mathematiker, Perser), der Astrologe bzw. Astronom Al-Abbas ibn Said Al-Jawhari (wahrscheinl. Perser), der Astronom Yahya ibn abi Mansur (Christ), die Ärzte Jibril ibn Bukhtishu und Yuhanna ibn Masawayh (Christen), der Philosoph, Arzt und Übersetzer Sahlal-Tabari (Jude), der Mediziner Ishaq ibn Amran (Jude), der Astronom Masha'allah (Jude).

Als weitere herausragende Gestalten der "arabischen" Wissenschaft wären im 8. Jh. Dschabir ibn Hayyan (physikalisch-chemische Experimente), im 9./10. Jh. Al-Battani (Mathematiker und Astronom) , der persische Astrologe bzw. Astronom Abd ar-Rahman as-Sufi, Ibn Yunus, ägyptischer Astronom und Mathematiker, der aus dem heutigen Afghanistan stammende Philosoph Al-Farabi, im 10./11. Jh. der persische Universalgelehrte al-Biruni sowie der persische Philosoph, Mediziner, Physiker, Alchemist, Mathematiker, Astronom, Jurist und Musiktheoretiker Ibn Sina, im 11./12. Jh. der persische Mathematiker, Astronom, Dichter und Philosoph Umar Chayyam zu nennen.

Die Araber ließen Schriftgut der umliegenden Kulturen durch Gelehrte der umliegenden Kulturen übersetzen. Und auch der Wissenschaftsbetrieb im engeren Sinne, der Diskurs und die Lehrtätigkeit war zunächst durch diese dominiert. Sollte man in Anbetracht einer solch multikulturellen Unternehmung von der „arabischen Wissenschaft“ als genuiner arabischer Kulturleistung sprechen? Al-Kindi wurde von seinen Kollegen der „arabische Philosoph“ genannt. Es war fast ein Alleinstellungsmerkmal.

Interessant in diesem Zusammenhang ist der Prozess, mit dem sich die Wissenschaft unter arabischer Oberhoheit entfaltete. Das Abbasiden-Kalifat etablierte sich im Zuge einer Aufstandsbewegung, die sich als konservativ gegenüber den verweltlichten Umayyaden verstand. Letztere stießen außerdem auf einen wachsenden Unmut bei der nicht-muslimischen und nicht-sunnitischen Bevölkerung, die massiver Benachteiligung und Unterdrückung ausgesetzt war. Die Abbasiden konnten sich auf die Unterstützung dieser Bevölkerungsteile, denen sie mehr Rechte versprachen, insbesondere auf die Perser, stützen. Von einer Identifikation mit der arabisch-islamischen Fremdherrschaft konnte dabei keine Rede sein. Die spätere Kooperation gründete sich gerade auf die Möglichkeit, die eigene Identität wahren und sich abgrenzen zu können. Die Dinge lagen also offensichtlich anders als bei den Gelehrten im ptolemäischen Ägypten, welches der Autor zum Vergleich heran zieht. Hier war die Identifikation mit der griechischen Kultur vollauf gegeben.

Die Identitätswahrung schloss in vielen Fällen die Beibehaltung der eigenen Religion (Christentum, Judentum, Zoroastrismus) ein – ein Grund dafür, dass der Autor die Bezeichnung „islamische Wissenschaft“ nicht für passend hält. Als die betreffenden Gelehrtenfamilien bzw. Lehrtraditionen sich assimilierten, verschwand oft auch viel von der einstigen Gelehrsamkeit. Zu offensichtlich ist außerdem, dass der Islam sich über die größten Zeitabschnitte hinweg alles andere als wissenschaftsfreundlich gezeigt hatte. Umso erstaunlicher ist, dass der Autor nichts desto trotz immer wieder betont, dass die Blütezeit unter den Abbasiden oder in Al-Andalus ohne den Islam im gesellschaftlichen Hintergrund nicht denkbar gewesen wäre.

Wirklich überzeugende Argumente dafür bringt Al-Khalili nicht. Im Gegenteil – bei der Frage, wie genau sich die Begeisterung des Kalifats für die zeitgenössische Wissenschaft entwickelt hat, kommt er zu Erklärungen, die dem – er scheint das kaum zu realisieren – völlig widersprechen. Al-Mansur der zweite abbasidische Kalif war begeistert von der Idee, mithilfe der Sterne seinem Regierungshandeln und Privatleben stets die richtige Richtung geben zu können. Während die Perser berühmt für ihre Astrologen waren, galt Astrologie den islamischen Theologen als verwerflicher Aberglaube. Dem ZUWIDER förderte Al-Mansur die persischen Obskuranten und die Übersetzung der entsprechenden Schriften. Mit der Astrologie eng verquickt war zur damaligen Zeit die Mathematik, derer man sich zur Berechnung von Planetenkonstellationen bediente. So erfuhr auch dieser Zweig die Förderung des Herrscherhauses. Ähnlich verhielt es sich mit der Philosophie. Neugier, Interesse und das nötige Verständnis für ein immer tieferes Eindringen in die entwickelte Geisteswelt der den Islam umgebenden Kulturen wuchsen so beständig.

Die im "Haus der Weisheit" in Bagdad übersetzten Werke (Galen, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Euklid, Archimedes, Ptolemäus) bezog man dann aus den Bibliotheken der eroberten, vormals christlichen oder persischen Gebiete oder entlieh sie vom Kaiserhof des christlichen Byzanz. Auf – oft sehr altehrwürdige - Bibliotheken stießen die islamischen Eroberer praktisch überall. Im koptischen Ägypten fand man sie in jeder Kirche und in größerem Umfang in jedem Kloster.

In Byzanz wurde im Jahr 357 von Kaiser Constantius auf Anregung des Philosophen und Rhetors Themistios ein groß angelegtes Bibliotheksprojekt mit angeschlossenem Skriptorium und sowohl griechischem als auch lateinischem Buchbestand gestartet. Man war entschlossen, den gesamten Wissensbestand der damaligen Zeit, sämtliche literarischen Schätze zu erfassen. Dies bedeutete, dass man von den großen Bildungszentren, insbesondere aus Alexandria und Antichoia, Schriften zum Kopieren ausleihen musste. Dies wurde jedoch quasi unmöglich, nachdem ägyptische und syrische Gebiete im 7. Jahrhundert von den Arabern erobert wurden.

Die große Bibliothek in Alexandria wurde möglicherweise zerstört als die Stadt 642 durch den Kalifen Umar ibn al-Chattab für den Islam erobert wurde (umstritten). „Bücher, deren Inhalt mit dem Koran übereinstimmen, werden nicht benötigt, diejenigen, die dem Koran widersprechen, werden nicht gewünscht. Zerstört sie also“, soll Umar gesagt haben. Ob Legende oder nicht – allein die Tatsache, dass diese Darstellung auch in der arabischen Geschichtsschreibung vertreten, also für glaubhaft gehalten wurde – so etwa im 14. Jh. von dem als Begründer des soziologischen Denkens geltenden Ibn Chaldun – ist vielsagend.

Nicht nur der Osten litt unter der islam. Expansion. Wie u.a. H.A. Winkler in seiner "Geschichte des Westens" darlegt, erlitt auch der Konsolidierungs- und Entwicklungsprozess im Westteil des ehem. röm. Reiches einen herben Rückschlag dadurch, dass die Handelswege blockiert wurden. Angesichts solcher Fakten wirkt es natürlich wie ein Hohn, wenn davon die Rede ist, dass die christliche Welt der islamischen den Wissenstransfer aus der Antike zu verdanken hätte.

Ein ganz ähnliches Bild wie im mittleren Osten findet sich in Al-Andalus: Die Entwicklung der Wissenschaft begann mit Emir Abd ar-Rahman II. (822-852) und seinem Interesse an der Astrologie, möglicherweise ausgelöst durch die Sonnenfinsternis 833, die die Menschen in Cordoba in Angst und Schrecken versetzt hatte. Mit der Astrologie hielt auch hier das Interesse für Mathematik und seriöse Himmelskunde Einzug.

U.a. verdankt sich das spätere Erblühen der Medizin, für die das maurische Spanien so berühmt war, dem Import entsprechender Schriften aus Byzanz, im 10. Jh. übersetzt unter der Federführung des byzantinischen Mönchs Nikolaus. Unter der Leitung des jüdische Arztes Chasdai Ben Shaprut erlebte die Medizinschule in Cordoba im 10. Jh. ihren Höhepunkt. Al-Khalili würdigt zu Recht auch die Arbeit jüdischer Wissenschaftler, indem er darauf hinweist, „wie viele Beiträge jüdische Gelehrte aus Andalusien vom 8. bis 11. Jahrhundert und in späterer Zeit leisteten, beispielsweise der große mittelalterliche jüdische Philosoph und Arzt Maimonides"

Wie so oft in diesem Zusammenhang, wird vom Autor als Argument für das islamische Fundament der „arabischen Wissenschaft“ eine Sure angeführt, die zum Wissenserwerb aufruft. Auch in den Hadithen heißt es: "Verdammt ist die diesseitige Welt und alles Vergängliche, außer dem Gedenken an Allah, dem Erhabenen, dem, der ihm beisteht und dem Wissenden und dem nach Wissen Strebenden."

Der um 1200 lebende Ibn Qudama macht jedoch deutlich, dass die Gelehrten unterschiedlicher Ansicht darüber seien, was in Koran und Hadithen mit Wissen gemeint ist. Die einen seien der Ansicht, dass es um Kenntnis im Rahmen der Islamischen Rechtswissenschaft, um Erlaubtes und Verbotenes ginge, die anderen dächten noch grundsätzlicher an die innige Vertrautheit mit Koran und Sunna. Al Ghazali, seines Zeichens Theologe und – wenn man so will philosophiekritischer Philosoph - erläutert im "Ihja", dass beim Aufruf, nach Wissen zu streben, die Erkenntnis gemeint ist, die nötig ist, um die Pflichten gegenüber Allah zu erfüllen. In der Philosophie und Wissenschaft seiner Epoche sah er ein eitles, sinnloses Treiben und wurde damit später für die islamische Welt prägend. Es ist also fraglich, ob die Menschen der betreffenden Jahrhunderte die entsprechenden Textpassagen in dem Sinne verstanden, wie sie heute von liberalen Vertretern des Islam interpretiert werden.

Natürlich soll mit all dem nicht gesagt sein, dass die arabisch-islamische Kultur keinen Anteil am damaligen Wissenschaftsbetrieb hatte. Die Politik der Abbasiden, die von ihnen gesetzten Rahmenbedingungen trugen entscheidend zu der kulturellen Blütezeit bei. Auch gab es durchaus bedeutende arabische Wissenschaftler und – insbesondere – im Bereich der Mathematik, aber auch in der Medizin oder Philosophie eine eigenständige Weiterentwicklung auf der Basis des übernommenen Wissensbestandes. Durch die Übersetzungsarbeit im christlichen Toledo wurden im 12. Jh. unter Erzbischof Raimund viele antike Schriften (bspw. Platon und Aristoteles), die unter dem Abbasiden-Kalifat aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt worden waren, nun ins Lateinische übertragen – zudem auch unter arabischer Ägide entstandene Schriften – bspw. Al-Ghazali (Perser), Ar-Razi (Perser), Solomon ibn Gabirol (Jude), Ibn Sina (Perser), Averroes aus Marakesch. Hiervon profitierte das christliche Abendland. Averroes trug mit seinem Werk dazu bei, dass man in Europa vollumfänglich auf Aristoteles aufmerksam wurde. Seine Kommentare wurden intensiv rezipiert und diskutiert. Man kann und soll also durchaus die Leistung der Wissenschaft unter arabischer-islamischer Herrschaft würdigen. Schräg wird das Bild allerdings, wenn ein kultureller Gegensatz zwischen dem vermeintlich fortschrittlichen mittelalterlichen Islam und dem vermeintlich finsteren, christlichen Mittelalter konstruiert wird.

Die Kirche, nachdem sie in der nachkonstantinischen Zeit eine Allianz mit der Macht eingegangen war, erschwerte durchaus an vielen Stellen den wissenschaftlichen Fortschritt. Dies galt jedoch eher für Inhalte, die eine grundlegende Revision des gängigen Weltbildes erforderten. An den Inhalten der mittelalterl. „arabischen“ Wissenschaft hätte sich auch die Kirche kaum gestoßen. Sie tat es auch nicht, als wissenschaftliche Werke dem Westen in großem Umfang zugänglich wurden. Aristoteles wurde zu einer kirchlich anerkannten Autorität, obwohl er die Unsterblichkeit der Seele verneinte. Man integrierte das aus christlicher Sicht Richtige und kritisierte das aus christlicher Sicht Falsche. - Europa war jedoch nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches zunächst zu sehr mit anderen Herausforderungen konfrontiert, Völkerwanderung, Integration der Germanen und Slawen, zermürbende Konflikte mit Nordmänner, Sarazenen, Magyaren. Man hatte auch keine städtischen Ballungszentren und keine Infrastruktur, wie dies in den von Arabern in Angriffskriegen unterworfenen Gebieten der Fall war - eine unerlässliche Basis für eine umfängliche Wissenschaftskultur. Und wie geschildert trug die islamische Expansion dazu bei, die Entwicklung des Westens zu erschweren.

Vom christlichen Byzanz hingegen profitierte man maßgeblich. Nicht nur im Bereich der Wissenschaft, sondern in so gut wie allen anderen Bereichen. Dies betrifft die Architektur und das Bauwesen, den Schiffbau und die Schifffahrt. Ihre Boote besetzten die als Wüstenvolk diesbezüglich völlig unerfahrenen Araber oft mit einer christlichen Crew. In allem, was zur damaligen Zeit technisch von Bedeutung war, hing der islamische Kulturkreis dem christlichen lange Zeit hinterher und lernte dann von ihm: Sättel, Steigbügel, Hufeisen, Wagen und Karren, effektive Pflüge und produktive Landwirtschaft, Armbrüste, griechisches Feuer, effektive Rüstungen usw. Die Medizin wurde lange Zeit von nestorianischen Christen dominiert. Das gleiche gilt für den Verwaltungsapparat. Nestorianische Christen galten als großartige Banker, Mathematiker, Ärzte, Architekten, Händler, Schreiber, Philosophen, Astronomen, Lehrer. Dabei ist durchaus richtig, dass die als Sektierer geltenden Nestorianer es unter byzantinischer Herrschaft schwer hatten. Unter islamischer Ägide mag es ihnen streckenweise besser ergangen sein – nichts desto trotz waren sie Bürger zweiter Klasse – Dhimmi.

Andere Aspekte kommen bei der Einschätzung der Bedeutung der mittelalterl. islamischen Kultur für die Entwicklung in Europa hinzu. So griff der italienische Renaissance-Humanismus kaum auf arabische Übersetzungen oder Wissenschaft zurück. Vielmehr hatte sich seit dem 12. Jh. durch den Handel verschiedener Stadtstaaten (Genua, Pisa, Venedig) mit Byzanz ein reger kultureller Austausch entwickelt, und zwar durchaus beidseitig – die Italiener profitierten von den griechischen Schriften, die Byzantiner durch lateinische (Cicero, Augustinus, Boethius usw.).

Averroes Kommentare stießen bei den westl. Gelehrten – wie bereits erwähnt - auf breites Interesse. Für die arabische Aristoteles-Rezeption galt jedoch, dass diese sehr rigide erfolgte. Wenn dieser Würdigung fand, dann als unantastbare Autorität. Eine lebendige, kritische Auseinandersetzung fand nicht statt. Für den großen Averroes war die aristotelische Physik komplett und unfehlbar. Wenn Experimente ihr zu widersprechen schienen, war der Experimentator seiner Meinung nach einer Illusion erlegen. Wirklich zugänglich wurde Aristoteles durch den flämischen Geistlichen Wilhelm von Moerbeke, der im 13. Jh. sämtliche Schriften des Aristoteles anhand der griechischen Originale übersetzte bzw. revidierte.

Der Engländer Adelard von Bath übersetzte im frühen 13. Jh. bedeutende Werke aus dem arabischen ins Lateinische (u.a. Euklids "Elemente", Al-Chwarizmis astronomisches Tafelwerk) und entwirft mit seinen „Quaestiones Naturales“ auf dieser Basis eine erste naturwissenschaftliche Programmatik. Sein Zeitgenosse Jordanus Nemorarius - tätig auf dem Gebiet der Physik bzw. Mechanik, Mathematik, Astronomie - gilt ebenso als einer der Großen Vorreiter der Naturwissenschaften. Er bezog sich allein auf antike Schriften. Auch ein anderer Vorreiter der Naturwissenschaft, der englische Philosoph und Bischof von Lincoln und erste Kanzler der Universität Oxford Robert Grosseteste übersetzte direkt aus dem Griechischen.

Bereits im 14. Jh. deutet sich mit Naturwissenschaftlern, Mathematikern und Philosophen wie Nikolaus von Oresme (u.a. Relativität der Planetenbewegungen zueinander), Wilhelm von Ockham oder Johannes Buridan ein Vorsprung westlicher Wissenschaft gegenüber der islamischen an. Vollends auf die Überholspur gelangte der Westen mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg. Während in Europa immer mehr Wissen unter das Volk gebracht werden konnte, tat man sich im benachbarten islamischen Kulturkreis damit schwer. Der Koran durfte nur in arabischer Sprache vervielfältigt werden, da diese als die Sprache der Offenbarung galt - dies zudem möglichst in kalligrafisch kunstvoller Schrift - keinesfalls in so profaner Weise, wie dies durch maschinelle Pressen und Drucklettern geschah. Sultan Bajasid II. verbot 1483 die Errichtung von Druckereien unter Androhung der Todesstrafe. Dies wurde erst 1727 zurückgenommen.

Trotz aller Kritik an der quasi-ideologischen Einrahmung des ansonsten von Al-Khalili insgesamt redlich dargestellten historischen Geschehens - das Buch ist spannend und detailreich geschrieben und interessant zu lesen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 9, 2014 10:28 AM CET


Meilensteine der Mathematik
Meilensteine der Mathematik
von Ian Stewart
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 34,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Sprache der Natur, 15. Juli 2013
Ian Stewards Buch – soviel vorweg – lässt sich schlecht rezensieren. Es enthält eine Fülle von Grafiken, die mathematische Probleme sehr anschaulich machen und bestens vermitteln, wie bestimmte Erkenntnisse zur Zeit ihrer ersten Entdeckung Verwertung fanden und welche Bedeutung ihnen heute zukommt. Das Werk wurde zurecht allseits hoch gelobt. Es ist weit mehr als Mathematik-Geschichte, es ist eine auch dem Laien zugängliche, höchst spannende Auffrischung, Vertiefung und Erweiterung mathematischen Wissens.

Unser historisches Wissen über den Werdegang der Mathematik reicht zurück bis zu den ersten Hochkulturen. Die Ägypter betrieben bereits vor 6000 Jahren Ackerbau am Nil. Dabei waren jahreszeitliche Berechnungen zweckdienlich und Landvermessung - u.a. für die Steuererhebung – erforderlich. Körpermaße dienten als Einheiten (Fuß, Handbreit, Elle usw.). Es entstand ein Zahlensystem aus Hieroglyphen, eine Art Dezimalsystem, ein binäres System, die Bruchrechnung, die Fähigkeit zur Berechnung von Kreisflächen, ein Näherungswert für Pi, das Rechnen mit 10er-Potenzen. Beim Bau der Pyramiden scheint der „goldene Schnitt“ zur Anwendung gekommen zu sein. Insgesamt war die ägyptische Mathematik eher pragmatisch ausgerichtet. Es ging darum, Lösungen für konkrete Herausforderungen zu finden; man betrieb keine theoretischen Beweisführungen.

Auch in Babylon ging es in erster Linie um das Messen und Wiegen. Schreiberschulen bildeten seid 2500 v. Chr. Beamte aus, die sich um rechtes Maß im Handel, Bestandsaufnahmen, Landvermessung, Güterregistrierung usw. kümmerten. Aber auch für Bau- und Bewässerungsprojekte waren mathematische Kenntnisse gefragt. Man rechnete in 60er-Potenzen, (111=3661) und konnte quadratische Gleichungen geometrisch lösen. Vermutlich hatten die Babylonier den Satz des Pythagoras bereits lange vor den Griechen entwickelt. Die Babylonier waren zudem begeisterte Freizeit-Mathematiker, was in ihren ausgeklügelten Strategien als passionierte Brettspieler zum Ausdruck kam.

Bei den Griechen verband sich Mathematik eng mit Religion und Philosophie. Während Ägypter und Babylonier eher induktiv dachten, suchen die Griechen nach übergeordneten Axiomen von denen sie deduzieren. Pragmatische Funktionalität ist ihnen zu wenig. Sie suchen nach universell gültigen Strukturen und führen Beweise.

Die ionischen Naturphilosophen waren – anders als es oft dargestellt wird – keine Naturalisten, sondern Theisten (z.B. Thales, Empedokles) oder Pantheisten (z.B. Anaximenes, Anaxagoras). Die Pythagoräer bildeten eine Art mystisch-esoterische Sekte. „Alles ist Zahl“, pflegte der Meister zu sagen – heißt es. Legendär sind nicht nur seine mathematischen Entdeckungen, sondern auch seine Grundlegungen zur Musiktheorie (zwischen harmonischen Noten ganzzahlige Verhältnisse, kein ganzzahliges Verhältnis – Dissonanz). Der Mathematiker Hippasos trug dann bereits zu ihrer Weiterentwicklung bei und führte die irrationalen Zahlen ein.

Ein am ehesten an "modernes" Denken anklingender Materialismus findet sich zum ersten Mal in der Sophistik. Damit verlor der Gedanke einer der Welt immanenten Ordnung, die es zu erforschen gilt, an Attraktivität bzw. Überzeugungskraft. Die Sophistiker tradierten und konservierten Wissen und Bildung brachten aber kaum Neues hervor. Der Ausweg aus dieser Sackgasse ergab sich durch Platon und Aristoteles mit ihrem unterschiedlich akzentuiertem Idealismus bzw. Theismus. Beide waren selbst keine Mathematiker legten aber erkenntnistheoretische Fundamente für die weitere Forschung. Besonders Platon wurde zunächst stark rezipiert. Aristoteles kam in der Arabischen Wissenschaft zu Ehren, später dann auch in der Scholastik und in der Renaissance.

Für Platon bildete die pythagoräische Mathematik die Grundlage alles Wissens, Geometrie galt ihm als Schlüssel zum Verständnis des Universums. Im Hellenismus fand auf dieser Basis die Wissenschaft zu einer zuvor nie dagewesene Blüte. Euklid schuf um 300 v. Chr. das mathematisches Grundlagenwerk „Die Elemente“. Archimedes, ebenfalls einer der ganz Großen Alexandriner (u.a. Berechnung von Körpervolumina) - nutze mathematisches Knowhow bereits zur Konstruktion moderner Waffentechnik (z.B. Spiegel, die Schiffe der Syrakus angreifenden Römer, blendeten). Er wurde schließlich von einem röm. Soldaten getötet, weil er darauf bestand mathem. Probleme zu lösen, statt Befehl zu befolgen. Dieses Ereignis symbolisiert geradezu den weiteren Gang der Dinge. Alexandria blieb durchaus ein Zentrum der Gelehrsamkeit; die riesige Bibliothek wurde vermutlich erst im 7. Jh. von dem Muslimen zerstört (umstritten). Fakt ist jedenfalls, dass die Wissenschaften bereits unter den Römern zunehmend vernachlässigt wurden. Für Mathematik hatten diese ganz und gar keinen Sinn.
China hatte ein dezimales Stellenwertsystem bereits 1000 Jahre vor dem Westen entwickelt. Die Mathematik-Genies des chinesischen Altertums rechneten mit Stäbchen. Mathematik erwies sich in praktischer Hinsicht vielfach als hilfreich und wurde bereits früh auch für die Freizeit nutzbar gemacht (Sudoku).

Typisch chinesisch ist aber auch ein ausgeprägter zahlenbezogenen Obskurantismus. Der Legende nach ließ der gelbe Kaiser eine seiner Gottheit die Zahlen erschaffen. Sie erhielten ein geradezu kosmische Bedeutung (ungerade Zahlen verkörpern bspw. das männliche, gerade weibliches Prinzip). Ein anderer mythischer Kaiser - Yü - soll auf dem Panzer einer Schildkröte das sog. „magische Quadrat“ entdeckt haben. Astrologen übten am kaiserl. Hof Wahrsagerfunktion aus und organisieren den kaiserl. Harem. Andererseits deuten sich aber auch Übergänge zu seriöser Astronomie an: Man berechnet Planetenbahnen und erstellt Kalender. Chinesische Mathematiker entwickeln die 3er Progression.

Für das Steuersystem – zumal des unter den Han zum Großreich vereinten China - bedurfte es einheitlicher Gewichte, Maße, Zahlungsmittel. 200 v. Chr. entstand so ein mathemat. Lehrbuch für Beamte. Es behandelte Themen wie Handel, Lohnzahlung, Steuererhebung. Im 6. Jh. entstand der sog. chin. Restsatz; er wird heute in IT – Programmierung zur Codierung benutzt. - Im 13. Jh. gab es in China über 30 Mathematik-Schulen. Zu besonderer Berühmtheit gelangte Chin Yu Tschau - nicht nur als Mathematiker. Er war ein Genie, galt aber auch als korrupter Beamter, der Gelder veruntreute, und gefährlicher Intrigant, der Gegenspieler skrupellos vergiftete. Auch als Krieger gegen die Mongolen machte er sich einen Namen. Seine komplexen kubischen Näherungs-Gleichungen entwarf der Westen erst im 17. Jh. (Newton).

Auch die indische Mathematik war bereits im Altertum der des Westens um ein Jahrtausend voraus. In den Veden (1000 v. Chr.) findet sich ausgefeilte Geometrie im Rahmen der Anleitung zum Bau von Opferaltären. Ein dezimales Stellenwertsystem nutzte man seit dem 3. Jh. v. Chr. Inder erfanden die Null – der legendäre Bramagupta verwendet sie um 600 bereits routiniert. Auch eine philosophisch/religiöse Bezugnahme erfolgt: Das Nichts als Ursprung und Ziel von allem. Bhaskara, Zeitgenosse Bramaguptas, teilt 1 durch 0 und gelangt so in seiner Zahlentheorie in das Unendliche. Er rechnet auch mit negativen Zahlen sowie Quadratgleichungen mit zwei Unbekannten. Die Inder nutzen Trigonometrie, wenden die Sinusfunktion bei der Landvermessung an. Ihre Mathematischen Kenntnisse kamen zur Anwendung in Navigation und Astronomie; sie berechneten u.a. die Sonne-Mond-Entfernung. Im 15. Jh. bildet man auf für die damalige Zeit höchstem Niveau Mathematiker aus, berechnet bereits die Sinusfunktion jedes Winkels, und findet zwei Jh. vor Leibniz die Formel für Pi.

Im Islam kam es insbes. in Zusammenhang mit der Übersetzertätigkeit im „Haus der Weisheit“ in Bagdad im 9. Jh. zu einer wissenschaftlichen Blüte. Al Mansur, der erste Kalif der Abbasiden und Gründer von Bagdad war begeistert von der persischen Astrologie, und förderte so bald auch die zur damaligen Zeit mit dieser verquickte Mathematik. U.a. ging es um die Berechnung exakter Zeiten, Himmelrichtungen, Planetenkonstellationen usw. – Das islam. Bilderverbot brachte die besondere Tradition der symmetrischen Muster bei der Gestaltung von Bauwerken hervor – und ein spezielles Feld der Berechnung von Symmetrien. Al-Chwarizmi führte im 8. bzw. 9. Jh. Ziffern aus Indien ein, konzipierte die Algebra, entwarf systemat. Lösung quadrat. Gleichungen.

Im 13. Jh. begann in Italien der Handel mit dem Osten zu blühen. Damit einher ging ein umfangreicher Wissenstransfer. Leonardo da Pisa machte indo-arab. Zahlen publik, Fibonacci veranstaltete an der Universität von Bolgna mathematische Wettbewerbe. Die systemat. Lösung kubischer Gleichungen stellten eine historische Neuerung dar. Piero de la Francesca Urbino erschloss die wiederentdeckte Zentralperspektive auch mathematisch.

Im 17 Jh. übernahm schließlich der Westen die Vorherrschaft auch auf dem Feld der Mathematik.
Descartes schuf in Frankreich die Verbindung von Algebra und Geometrie. Mara la Cien, Mönch und erstklassiger Mathematiker nutzt Mathematik als Gottesbeweis und erweiterte das Wissen über die Primzahlen. Der franz. Anwalt Fermat beschäftigt sich in Toulouse mit Zahlenmustern und entwirft u.a. den kleinen Fermatschen Satz – noch heute Grundlage der Codierung von Kreditkarten.

Großbritannien ist im 17. Jh. die polit. Hegemonialmacht, und bringt auch im wissenschaftl. Bereich herausragende Leistungen hervor. Cambridge und Oxford bildeten sehr gefragte Mathematiker aus. Newton entdeckt die Gravitation, Gesetzmäßigkeiten der Bewegung, entwickelt eine Theorie des Lichts sowie die Infinitesimalrechnung. Letztere hatte parallel auch Leibniz entworfen; ebenso die Differenzialrechnung. Mit der Konstruktion von Rechenmaschinen auf Grundlage des binären Systems entstehen die ersten Vorläufer des Computers.

Die Gebr. Bernouise machen von Basel aus die Infinitesimalrechnung international bekannt und entwickelten sie weiter. Der geniale Euler entwickelte im 18. Jh. Topologie und Analysis, erweitert die Theorie der Primzahlen, leistet Herausragendes im Bereich Optik, Astronomie, Musiktheorie. Er wirkte später vom russischen Petersburg aus.

In Deutschland analysiert der 12 J. alte C.F. Gauß die euklidische Mathematik. Später entwickelt er u.a. die sog. Zeta-Funktion, sowie ein elaboriertes Modell der imaginären Zahlen. Der geniale Riemann, von Gauß gefördert, mit 26 bereits Professor, entwirft die höherdimensionale Geometrie und nimmt in gewisser Weise Einsteins Theorien vorweg. Georg Cantor ein weiterer der ganz Großen des 19. Jh. entwickelt die Mengenlehre. In Ungarn erarbeitet Janos Bolyai die hyperbolische Geometrie.

Am Anfang des 20. Jh. befasst man sich intensiv mit der Philosophie der Mathematik. Kommt mathematischen Strukturen außerhalb unseres Bewusstseins Realität zu oder sind sie nur logisches Konstrukt des Menschen? Bezüglich der Bearbeitung dieser Frage tat sich zunächst der Göttinger Mathematiker David Hilbert hervor. Anfang der 20er Jahre sorgte er für Aufsehen mit einer Liste von 23 ungelösten mathematischen Problemen aus verschiedenen Teilgebieten (Logik, Algebra, Geometrie, Arithmetik, Zahlentheorie, Topologie usw.).

Grundsätzlich ist der weltanschauliche Hintergrund der verschiedenen Mathematiker bzw. der geistigen Strömungen, die mit forcierter Entwicklung in der Mathematik einhergingen, hoch interessant. Mathematik war an ihrem Ursprung im Altertum oft eng mit Religion, Philosophie oder Mystizismus verbunden. Die eher pragmatisch orientierte Mathematik der Babylonier oder Ägypter brachte ebenfalls bedeutsame Leistungen hervor. Für umfassendere mathematische Entwürfe und Theorien schien aber der Glaube an einen Schöpfungsplan im theistischen Sinne oder zumind. eine ideell pantheistische Weltordnung produktive, wenn nicht gar unabdingbare Voraussetzung zu sein.

Auch in der Neuzeit fanden die großen Durchbrüche auffällig oft durch die „Metaphysiker“ unter den Mathematikern statt. Descartes, Newton, Leibniz, Fermat, Euler, Pascal, Gauß, Cantor, Riemann – sie alle waren fromme Christen. Anfang des letzten Jahrhunderts stand man in der Mathematik vor einer ähnlichen Situation wie zuvor im Bereich der Physik. Die Konstruktivisten bzw. Positivisten – Hilbert, Russell, Frege - hatten sich mit ihrer Suche nach Konsistenz im Rahmen ihrer materialistischen Weltsicht festgefahren. Wie in der Physik war es jemand, der imstande war, sich eine ebenso unser unmittelbares Denken wie auch die empirischen Muster über- oder hintergreifende Ordnung vorzustellen, der schließlich den gordischen Knoten durchschlug: der tief religiöse Mathematiker Kurt Gödel (Unvollständigkeitssätze). Gödel machte den Forschungshorizont wieder weit. Die Realität wird menschliches Erkennen stets unendlich weit überragen – nicht nur in Bezug auf ihr „substanzielles“ Sein, sondern auch bezüglich ihrer immanenten Struktur.


Mind and Cosmos: Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature Is Almost Certainly False
Mind and Cosmos: Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature Is Almost Certainly False
Preis: EUR 14,15

21 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "A Darwinist Mob Goes After a Serious Philosopher", 28. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
... so titelte die New Republic" über einer Rezension zu Nagels Mind and Cosmos" von Leon Wieseltier. Selten schlug ein wissenschaftstheoretisches Werk in jüngerer Vergangenheit solch hohe Wellen. Thomas Nagel, ein atheistischer, linksliberaler Philosoph, noch dazu einer der renommiertesten und populärsten der USA, sagt das Ende des Materialismus und des Darwinismus in heute gängiger Form voraus. Naturalisten, Materialisten, besonders ostentative Atheisten, toben und ergehen sich z.T. in wütenden Beschimpfungen. Schäbig" seien Nagels Gedanken, Mitglied einer reaktionären Bande" sei er.

Dabei wäre es ganz und gar nichts Neues, dass sich ein eindimensionaler Naturalismus bzw. Materialismus als Blockade erweist. Zuletzt konnte man das am Anfang des letzten Jahrhunderts beobachten. Die entscheidende Frage war, ob es eine Grundordnung des Seins gibt, die noch bestimmender für das Geschehen in der materielle Welt ist, als die sich aus der physikalisch-chemischen Eigenschaftlichkeit der Dinge ergebenden Wechselwirkungen. Genau diese Sicht der Dinge, sei es in Form eines spinozistischen Weltbildes wie bspw. bei Einstein oder in der eines theistischen wie bspw. bei Planck, war Voraussetzung für die wissenschaftlichen Einsichten, die der festgefahrenen Physik des auslaufenden 19. Jh. zu einem neuen Durchbruch verhalfen.

Ein ähnliches Bild in der Mathematik jener Epoche. Die Konstruktivisten bzw. Positivisten - Hilbert, Russell, Frege - hatten sich mit ihrer Suche nach rein konstruktivistischer Konsistenz festgefahren. Wieder war es jemand, der imstande war, sich eine ebenso unser unmittelbares Denken wie auch die empirischen Muster über- oder hintergreifende Ordnung vorzustellen, der den gordischen Knoten durchschlug: der religiös geprägte Mathematiker Kurt Gödel (Stichwort Unvollständigkeitssatz).

Nagel macht deutlich: Von Antworten in Bezug auf die großen Fragezeichen der Naturwissenschaft - Universum aus dem Nichts, Naturgesetze, Feinabstimmung der Naturkonstanten, Entstehung von Leben aus toter Materie, Entstehung von Bewusstsein - sind wir nach wie vor meilenweit entfernt und es ist auch nicht vorstellbar, wie im materialistischen Paradigma Auswege aus dieser Sackgasse zu finden sind.

Ist Leben, ist gar Bewusstsein reduzierbar auf physikalische Abläufe? Das behaupte ja niemand, sagen einige der Gegner Nagels. Leben sei gegenüber den zugrunde liegenden physikalisch-chemischen Prozessen emergent"; Bewusstsein gegenüber der zugrunde liegenden Bio- bzw. Neurochemie. So gibt es also keine Rückführbarkeit? - fragt Nagel zurück. Und sofort wird das Dilemma deutlich. Der Begriff der Emergenz" kaschiert nur klaffende Erklärungslücken in den Theoriegebäuden - zur Klärung beitragen kann er so gut wie nichts.

Doch nicht nur um die Frage, wie Bewusstsein entsteht, geht es. Im Evolutionsprozess ist die treibende Kraft der Druck zur bestmöglichen Anpassung einer Spezies an die Umwelt. Mutation und Selektion - erweitert durch den Horizont, den die moderne Molekularbiologie eröffnet - sind die Mechanismen, durch die sich diese Entwicklung vollzieht. Dass Evolution menschliches Bewusstsein mit einem Denkapparat, der eine cleverere Gefahrenabwehr, Nahrungsversorgung u.ä. ermöglicht hervorbringt, wäre rein formallogisch noch nachvollziehbar. Wie aber erklärt sich eine neurophysiologische Ausstattung, mit der es möglich ist, so etwas wie die Brandenburgischen Konzerte zu komponieren, die Infinitesimalrechnung oder Hegels Phänomenologie des Geistes" zu entwickeln?

Wie, so fragt Nagel, kann die Evolutionstheorie erklären, dass der Mensch eine Vorstellung von objektiver Wahrheit und moralischen Absoluta entwickelt? Bezeichnenderweise wird beides nicht selten von naturalistischer Seite bestritten. Es gäbe keine Objektivität, sondern nur subjektiv konstruktivistische Sichtweisen. Dass Paradoxon, das im objektiven Geltungsanspruch einer solchen Aussage liegt, übersieht man. Ebenso kann keine auf Selbst- oder Gruppenerhalt abstellende Theorie des Altruismus - der sich so, wie fast alles, das menschlichen Leben Sinn und Wert verleiht, als listig verkappter Egoismus darstellt - erklären, warum die Selbstlosigkeit bspw. eines Maximilian Kolbe, Menschen zeit- und kulturübergreifend Respekt abnötigt.

Oft ist im Zusammenhang mit Nagel von einer aristotelischen Renaissance die Rede. Viel eher erinnern Nagels Gedanken jedoch an Hegel oder Schelling. Geist bzw. eine geistige Ordnung als der Materie gegenüber ursprünglicher anzusehen, macht durchaus Sinn. Noch einmal zum Bsp. Relativitätstheorie: Bewegte Objekte schrumpfen, bewegte Uhren gehen langsamer, mit zunehmender Geschwindigkeit vergrößert sich die Masse - physikalische Eigenschaften verändern sich also einzig um des Erhalts einer universellen Ordnung willen. Im Paradigma des damaligen Materialismus hätte man auf derartiges wohl kaum kommen können und die ersten Reaktionen waren dementsprechend.

Nagel bleibt bezüglich der Alternativen zum reduktionistischen Naturalismus im Vagen. Wenn er von Teleologie redet, denkt er offenbar an eine Art Tendenz zur Komplexitätssteigerung, die sich im Rahmen sonstiger Naturgesetzlichkeit im Kontext des jeweils Möglichen verwirklicht. Solche Tendenzen" gibt es in der Physik auch andernorts. In der Thermodynamik ist, wie der Physiker Ludwig Boltzmann es einst ausdrückte, der zweite Hauptsatz vom molekulartheoretischen Standpunkte ein bloßer Wahrscheinlichkeitssatz" In der Quantenmechanik sind die Positionen der Elektronen unbestimmt; es gibt lediglich eine größere Aufenthaltswahrscheinlichkeit im Bereich der sog. Orbitale. An anderen Stellen im Buch deutet Nagel die Idee einer noch darüber hinaus gehende Zielorientierung und Sinnrealisierung an, etwa wenn er von einer kosmischen Prädisposition der Entstehung von Leben, Bewusstsein und den Werten, die sich davon nicht trennen lassen" redet.

H. Allen Orr, einer der renommiertesten Evolutionstheoretiker unserer Tage, geht in seiner Rezension in der New York Review of Books" mit Nagel insgesamt nicht konform, gesteht aber zu: "It could turn out that teleological laws affect how the universe unfolds through time. While I suspect some might regard such heterodoxy as a crime against science, Nagel is right that there's nothing intrinsically unscientific about teleology. If that's the way nature is, that's the way it is, and we scientists would need to get on with the business of characterizing these surprising laws. Teleological science is, in fact, more than imaginable."

Dgl. ist für naturalistische Dogmatiker ein Sakrileg. Der Atheist Nagel kann noch so oft betonen, dass er keinen theistischen Standpunkt vertritt, dass er nicht Intentionalität" meint, wenn er Teleologie" sagt - es nützt nichts. Zu sehr scheinen seine Argumente den Theisten, dem Intelligent Design gar, in die Hände zu spielen. Und Nagel, als Freidenker nur der Wahrheit verpflichtet und nicht bereit, sich irgendwelchen PC-Geboten zu beugen, macht i.d.T. deutlich, dass er zwar den Design-Ansatz nicht teilt, ihn aber für legitim und das pauschale ID-Bashing für unseriös hält.

Die Stärke von Nagels Buch liegt in der Herausarbeitung der Fragestellungen, die sich einer Beantwortung im Paradigma eines eindimensionalen Naturalismus entziehen. Dass er selbst keine ausgearbeiteten Antworten zur Hand hat, macht der Autor von vornherein deutlich. Er skizziert in welche Richtung diese aus seiner Sicht gehen müssten. Wirklich überzeugend ist er diesbezüglich nicht. Dennoch - ein revolutionäres Buch, welches das oft allzu selbstgefällige wissenschaftliche Establishment gehörig aufmischt und dem Leser viel Stoff zum Nachdenken bietet.

Ab Oktober auch auf Deutsch im Buchhandel.


Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen
Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen
von Nassim Nicholas Taleb
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,99

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Damokles, Phönix, Hydra, 4. Juni 2013
Das Gegenteil von fragil, zerbrechlich, so der Autor, ist nicht ein Zustand, der Gefahren einfach nur mit mehr Stabilität, Robustheit begegnet, sondern ein Zustand, aus dem heraus man sich durch den Einbruch des Unvorhergesehenen, Chaotischen weiterentwickeln kann, so dass man nicht etwa nur unbeschadet, sondern gestärkt daraus hervorgeht - Antifragilität. Damit meint Taleb einer Art universellem Prinzip auf die Spur gekommen zu sein. I.d.T. ist das, was er Antifragilität nennt, ein Charakteristikum alles Lebendigen und der evolutionären Entwicklung. Es sind die widrigen Umstände eines Biotops, die dazu führen, dass eine Spezies neue Eigenschaften ausbildet, die ihr ein besseres Leben und Überleben sichern.

Menschliche Existenz, Kultur, Zivilisation hingegen, steht immer in der Gefahr, der Versuchung zur Robustheit zu erliegen. Eine wesentliche Triebkraft insbesondere der westlichen Kultur ist die Reduktion, Beherrschung und Ausschließung von Risiken. Und immer wieder kommt man in verschiedensten Bereichen an den Punkt, wo es so scheint, dass dies nun weitestgehend gelungen ist - bis zur nächsten Katastrophe.

Diesen Grundgedanken spielt Taleb in seinem Wälzer für mannigfaltigste Konstellationen in Geschichte und Gegenwart; in Mythologie, Philosophie, Literatur und Wissenschaft; für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und individueller Daseinsgestaltung durch. Der Eindruck, dass er dabei wohl auch ein wenig mit einem schier grenzenlosen enzyklopädischen Wissen angeben möchte, scheint sich nicht wenigen seiner Rezensenten - Fans wie Kritikern - zu vermitteln. Aber seis drum - sein Buch ließt sich allenthalben inspirierend und unterhaltsam, auch wenn man ihm nicht immer zustimmt oder so manches eher verschwommen oder überzogen wirkt.

In der griechischen Mythologie sieht Taleb Fragilität in der Geschichte von Damokles, Robustheit in der des Phönix, Antifragilität hingegen bei der vielköpfigen Hydra, der man gar nicht besser zum Wachstum verhelfen konnte, als ihr einen Kopf abzuschlagen, versinnbildlicht.

Damokles war der Überlieferung zufolge ein unzufriedener Günstling des Tyrannen Dionysios von Syrakus. Letzterer ließ - um dem Emporkömmling eine Lehre zu erteilen - bei einem luxuriösem Symposion über dessen Platz ein Schwert an einem Rosshaar befestigen. Als Damokles dies entdeckte, verging ihm der Appetit. Die Botschaft des Königs: Sieh dich vor, du wähnst dich satt und sicher und weist doch nicht, was als nächstes über dich hereinbrechen könnte. Du gierst nach immer mehr Macht und Einfluss, statt dankbar und weise zu sein. - Ein schönes Bild für Leute, die Taleb als "Turkeys" - Truthähne bezeichnet. Die Experten und Prognostiker, die uns - stets mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit - erklären, was als nächstes kommt. Auch der Truthhahn "denkt" streng fakten- und evidenzbasiert. Der Farmer verwöhnt ihn ja jeden Tag und er wird kugelrund unter seiner Fürsorge. Mit jedem Tag ist die Annahme, dass alles bestens ist, statistisch ein wenig besser belegt. Bis zum Tag vor Thanks Giving.

Überhaupt steht Taleb mit dem gängigen Wissenschaftsbetrieb auf Kriegsfuß. Mit dem Mathematiker Benoît Mandelbrot kooperierte und verstand er sich bestens. Für sein Verhältnis zum Psychologen und Verhaltensökonomen David Kahneman, der ihn zwar bei aller Freundschaft nicht unkritisch sieht, ihm aber dennoch bescheinigt, sein Denken verändert zu haben, gilt dies ebenso. Sein - bei Verfassung des Buches abgebrochener, inzwischen allerdings wieder fortgesetzter - Ausflug in den universitären Lehrbetrieb hingegen hatte offenbar keinen guten Eindruck hinterlassen. Hier sei er Menschen begegnet, die sich anmaßen, in den großen Fragen unserer Zeit Experten zu sein, und dabei in einer Pseudowelt leben; prognostizieren und über Risiken philosophieren, ohne je ein existenzielles Risiko eingegangen zu sein.

Sicherlich etwas übertrieben, ebenso wie der verklärten Rückblick auf seine Zeit als Trader an der Wallstreet - die er als eine gesunden Sportsgeist erfordernde Welt ständiger Rivalität und Herausforderung, die aber durchaus von lebensnahem Pragmatismus und gewissen Ehrenkodices geprägt sei, beschreibt. Verständlich ist seine Nostalgie natürlich. Als Hedgefondmanager hatte er seinerzeit allen Buh-Rufen zum Trotz auf fallende Kurse gewettet und die Finanz- und Immobilien-Krise in The Black Swan" 2007 vorausgesagt. Als diese dann ein Jahr später hereinbrach, wurde er steinreich durch seine Transaktionen; reich und berühmt durch sein Buch, das zum Megaseller und Kultbuch der Börsenszene wurde und zum begehrten Ratgeber in Politik und Finanzwelt obendrein.

Aber er schwelgt auch in der Erinnerung an die levantischen Suks seiner Kindheit. Hier käme nur das Beste im Menschen zum Vorschein: Nachsicht, Ehrlichkeit, Liebe, Vertrauen und Offenherzigkeit." Solche Formen des Handels in einem überschaubaren Rahmen seien seines Erachtens das einzige Tor zu jeglicher Form von Toleranz."

Besonders angetan haben es Taleb antireligiöse Fanatiker wie Richard Dawkins, Sam Harris, Daniel Dennett. Für ihn sind die sog. Neu-Atheisten engstirnige Dogmatiker, "naive Rationalisten". I.d.T. wirkte in öffentlicher Diskussion selbst der eloquente Christopher Hitchens (R.I.P.), ehedem eine Art Popstar der neu-atheistischen Szene, neben Taleb wie ein neunmalkluger Schuljunge.

Seit der Aufklärung, so Taleb, wollen wir Entscheidungen nur noch anhand umfassender Informationen treffen - und übersehen regelmäßig, dass die Welt viel zu komplex ist, um auf einer solchen Basis langfristige Strategien zu entwickeln.Vor der Aufklärung seien wir weiser gewesen; mithilfe der Religion in der Lage, trotz mangelhafter Informationen vorwärts zu gehen. Das lag zum Einen daran, dass Religionen ein evolutionär erfolgreich erprobtes, kulturspezifisches Grundraster für Entscheidungsprozesse zur Verfügung stellen, zum anderen, dass sie ein existenzielles Grundvertrauen ermöglichen, das vor übersteigertem Aktivismus, der oft mehr schadet als nutzt, bewahrt. Nur selten erkennen wir unter den Segnungen der Religion den Umstand, dass sie den Interventionsirrtum begrenzt."

Rationalisten verrennen sich regelmäßig; wer antifragil ausgerichtet ist, bleibt nah am Leben. Die großen Neuerungen der Wissenschaft wurden nicht von den oft deduktiv denkenden professionellen Wissenschaftlern mit ihren großen Gedankengebäuden, aufwendigen Laboren und Forschungseinrichtungen hervorgebracht, sondern von Tüftlern, Querdenkern und innovativen Praktikern - Antifragilisten, die auf konkrete Herausforderungen konkrete Antworten fanden.

Antike Stadtstaaten oder mittel-europäische Fürstentümer hätten kriegerische Auseinandersetzungen wie einen Volkssport betrieben. Krieger oder Ritter traten gegeneinander an und akzeptierten bei einer Niederlage die Bedingungen des Siegers - bis zum nächsten Streit. Darüber, ob dgl. zu begrüßen ist, kann man geteilter Ansicht sein. Aber, so Taleb, man verhielt sich antifragil, blieb wehrhaft und kampferprobt und die Opferzahlen hielten sich in Grenzen. Die eigentlichen zivilisatorischen Katastrophen erlebte die Welt gerade dadurch, dass man jede Bedrohung auszuschließen versuchte. Hochgerüstete Imperien und eine entsprechende Bündnisspolitik sorgten dafür, dass aus Regionalkonflikten, globale Flächenbrände wurden. Das Verteidigungspotenzial" moderner Waffen führte dazu, dass Millionen Unschuldige, Frauen und Kinder - die der mit Lanze, Schwert und Schild gerüstete griechische Hoplit noch problemlos schützen konnte - ihr Leben lassen mussten.

Das Bankensystem wurde im Laufe der Jahrzehnte nicht zuletzt auch durch die Basel-Vereinbarungen, die es doch eigentlich sicherer machen sollten, in einer Weise hochgezüchtet, dass der Bankrott eines der großen Institute einer Katastrophe für die gesamte Finanzwirtschaft gleich kommt. Das Bemühen nach Robustheit hat die Risiken für die Weltwirtschaft also noch erhöht. Antifragilität tut Not - kleine Unternehmen, die manövrierfähig sind und auf Krisen und Herausforderungen flexibel und effektiv reagieren oder auch ohne Schaden für das System ausscheiden bzw. sich neu erfinden können. So sieht es Taleb bspw. in der Gastronomie verwirklicht. Dadurch, dass Restaurants ständig um ihre Kunden konkurrieren müssen, wird das System insgesamt immer besser.

Die moderne Medizin, so Taleb, will mit gigantischem Aufwand dafür sorgen, den Menschen robuster zu machen. Gesünder seien wir dadurch mitnichten. Bestenfalls werden wir mit all unseren Zivilisationskrankheiten immer älter. Auch hier wäre mehr dadurch getan, dass Menschen sich vor ungesunder Ernährung bewahren, statt Cholesterinblogger zu schlucken, sich körperlich fit halten, statt Kreislaufmedikamente einzunehmen - kurzum spätestens bei auftauchenden gesundheitlichen Problemen, die dem Betroffenen seine Fragilität vor Augen führen, kreativ und konstruktiv zu reagieren. Der Burnout-Epidemie begegnet man nicht erfolgreich, indem man einseitig auf Stressreduktion setzt, sondern indem man Stressoren und Herausforderungen aktiv begegnet.

Wenn Antifragilität eine Eigenschaft derjenigen natürlichen (und komplexen) Systeme ist, die sich durchsetzen konnten, dann werden diese Systeme logischerweise darunter leiden, wenn sie Volatilität, Zufälligkeit und bestimmten Stressoren nicht länger ausgesetzt sind. Sie werden schwächer, sterben oder gehen in die Luft. Indem wir Zufälligkeit und Instabilität unterdrücken, haben wir die Wirtschaft, unsere Gesundheit, das politische Leben, das Erziehungswesen, fast all unsere Lebensbereiche fragilisiert."


NORMAL: Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen
NORMAL: Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen
von Allen Frances
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

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4.0 von 5 Sternen Wir behandeln die Falschen, 4. Juni 2013
Der Autor, selbst renommierter, inzwischen pensionierter US-amerikan. Psychiater, kritisiert, dass im neuen Diagnose-Handbuch der American Psychiatric Association (engl.: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders oder abgekürzt: DSM), die Messlatte für die Einstufung „psychisch krank“ sehr niedrig gelegt bzw. Diagnosen, bei denen der Krankheitswert fraglich ist, neu kreiert werden.

Das Paradebeispiel dafür, welche weitreichenden Folgen die Definition neuer Krankheitsbilder haben kann, ist ADHS – eine Diagnose, die in dieser Form erstmals mit dem DSM IV etabliert wurde. Vor 20 Jahren gab es etwa 1500 ADHS-Fälle pro Jahr, heute sind es 700.000. Im Jahr 1993 wurden in Deutschland 34 kg Ritalin verordnet, 2003 693 kg, 2012 1839 kg. Allein Novartis verdiente 2012 mit Ritalin über 420 Millionen Euro. Dazu passt, dass Untersuchungen zufolge mehr als die Hälfte der Autoren zur Problematik ADHS in irgendeiner Weise auf Gehaltslisten der Pharmaindustrie stand.

Im Hintergrund von Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität können ganz verschiedene Dinge stehen. In vielen Fällen, wäre es wichtig, sich das soziale Umfeld des Kindes anzusehen, ihm zuzuhören, Schul- oder Freizeitstrukturen zu verändern, familiäre Probleme zu bearbeiten. Stattdessen wird es psychopharmazeutisch sediert. Dazu passen die Versuche, für die Sammeldiagnose eine allgemeine hirnorganische Ursache zu belegen.

Oft ist in diesem Zusammenhang von der PET-Studie Alan Zametkins von 1990 die Rede, die mit dem Ergebnis aufwartete, dass sich bei hyperaktiven Erwachsenen, die Eltern ebenfalls hyperaktiver Kinder waren, in bestimmten Hirnarealen ein verhältnismäßig niedriger Glukosestoffwechsel zeigte. Kinder wollte man damals nicht direkt untersuchen, da es Bedenken angesichts der hohen Strahlenbelastung gab. Drei Jahre später holte Zametkin dies jedoch nach. Das Ergebnis: es zeigten sich keine greifbaren Unterschiede im Hirnstoffwechsel von ADHS-Kindern und solchen ohne diese Diagnose. Als eine Forschungsgruppe um J. Swanson 1998 vor einem Ausschuss des amerikanischen Gesundheitsministerium unterschiedliche Hirnaktivitäten von betroffenen und nicht betroffenen Kindern bzw. Jugendlichen belegen wollte, wurde publik, dass zu unterschlagen versucht wurde, dass die diagnostizierten Probanden bereits entsprechende psychotrope Substanzen verordnet bekommen hatten und einnahmen, man also die Unterschiede im Befund auch darauf zurückführen konnte. Der Ausschuss hielt im Abschlussbericht jedenfalls fest, dass eine neurophysiologische Verursachung nicht belegt werden konnte.

Aus der ADHS-Diagnose-Welle ging in den USA quasi eine weitere Kaskade hervor. Die Zahl der Bipolaren Störungen bei Kindern hätte innerhalb der ersten Dekade nach Einführung des DSM IV um den Faktor Vierzig zugenommen. Inzwischen ist in Medien sogar von Vierhundert die Rede. Eine Arbeitsgruppe der Columbia Universität in New York, welche die Daten der National Ambulatory Medical Care Survey (NAMCS) analysierte, kam jedenfalls zu dem Schluss, dass immer mehr amerikanische Eltern Lösungen für Erziehungsprobleme beim Psychiater suchen. Häusliche Konflikte würden immer weniger ausgetragen; stattdessen als pathologische Störung der Kinder interpretiert.

Dabei stellt das US-National Institute of Mental Health (NIMH) fest, dass in fast 50% der Fälle durch niedergelassene Ärzte falsch diagnostiziert worden war. Für besonders fatal sah man an, dass nahezu jedes Kind bzw. dessen Eltern mit einem Rezept entlassen wurde. Zunächst war bei Bipolaren Störungen Lithium in Mode, inzwischen kommen zunehmend auch Medikamente wie Zyprexa, Seroquel oder Antidepressiva zum Einsatz. Auch in D ist die Situation zweifelhaft. Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen empfiehlt eine Dauer-Medikation von Neuroleptika, obwohl die Wirksamkeit bei Kindern laut NIMH bislang überhaupt noch nicht ausreichend untersucht sei.

Im neuen DSM 5 wird nun die „Disruptive Launenregulationsstörung“ eingeführt. Unter seinen Enkeln, so Frances, könne man die Diagnose-Kriterien für diese „Krankheit“ sicher erfolgreich anwenden – wie bei fast jedem Kind, welches das durchmacht, was man bislang einfach als „Trotzphase“ bezeichnete.

Ähnlich verhält es sich bei Depressionen, bei deren Diagnostik nun die Bereavement Exclusion wegfällt. Bislang hatte man die Trauer nach einschneidenden Verlusterlebnissen, etwa Tod des Partners, als normal und geradezu notwendig für die Vermeidung krankheitswertiger Depressivität angesehen. Inzwischen sieht man es eher umgekehrt: dauert die Trauer länger als 2 Wochen an, drohe eine Chronifizierung. Frances kann nur den Kopf schütteln – er war nach 2 Wochen längst nicht über den Tod seiner Frau hinweg.

Was der Volksmund „Fressattacken“ nennt, rangiert im DSM 5 nun unter Binge Eating Disorder. Auch die Sammelleidenschaft wird zur Krankheit: Hoarding Disorder als Sonder-Form der Obsessive-Compulsive Disorder.

Für jeden etwas dabei – zumal, wenn man im an vielen Stellen neu integrierten Skalierungsschema denkt – ist auch unter den Persönlichkeitsstörung: paranoid, schizoid, schizotypisch, antisozial, borderline, histrionisch, narzistisch, sozial vermeidend, abhängig, obsessive-zwanghaft. Der Tiefenpsychologe Fritz Riemann betonte in seinem äußerst lesenswertem Standardwerk „Grundformen der Angst“ noch, dass de facto jeder Mensch eine gewisse, mehr oder weniger ausgeprägte Schlagseite in Richtung einer oder verschiedener der vier von ihm erläuterten Grundtypen hat: schizoid, depressiv, hysterisch, zwanghaft. Dies berge Anfälligkeiten, die man realistisch sehen sollte, aber auch Potenziale: scharfsichtig, analytisches Denken, ausgeprägte Empathie, Risiko- und Innovationsfreude, Genauigkeit und fachliche Akribie. Von einer so gearteten differenziert-dynamischen Sichtweise ist das DSM inzwischen weit entfernt: es gibt hier nur noch ganz gesund und mehr oder weniger krank.

Die – von vielen verschiedenen Seiten vorgetragene - Kritik am Ansatz des neuen DSM blieb seitens der APA nicht unbeantwortet. Es sei absurd, hier an allen Ecken den Einfluss der Pharmaindustrie am Werk zu sehen. In verschiedenen Arbeitsgruppen hätten tausende Experten über Jahre hinweg gearbeitet. Die Ergebnisse seien über das Internet nochmals der Fachwelt zur Diskussion gestellt worden. Frances, der bei der Erarbeitung des DSM IV selbst federführend war und mittlerweile so manchen seiner damaligen Standpunkte sehr (selbst-)kritisch sieht, hält dem entgegen, dass es zwar einen großen Strom an fachlichem Input gäbe, dieser aber an der Spitze der Arbeitsgruppen anhand bestimmter Vorgaben kanalisiert werde. Es mag auch sein, dass einiges von der öffentlichen Kritik in der Endfassung des DSM noch berücksichtigt wurde. Doch der Denkansatz, Möglichkeiten zu schaffen, schon die leichtesten Abweichungen von einem idealtypischen Begriff psychischen Wohlergehens, in eine abrechenbare Diagnose zu fassen, bleibt prägend.

Dies sei nur im Sinne der Betroffenen, sagen die APA und ihre Verteidiger. Kein Arzt muss leichte Krankheitsformen mit schweren Mitteln behandeln. Er muss die Gesamtsituation des Patienten betrachten und verantwortlich und kompetent darauf eingehen. Niedrigschwellige Kriterien eröffnen ihm aber zumind. die Möglichkeit, medikamentös, therapeutisch usw. zu helfen. Das klingt gut, ist aber fern der Realität, erwidert Frances. Die Masse der Menschen mit psychischen Problemen laufe nämlich nicht beim Facharzt auf, sondern beim Allgemeinmediziner (Hausarzt). Hier habe die Konsultation eine durchschnittliche Dauer von 7 Minuten. Es wird nach Schema F verfahren und läuft i.d.R. auf Fast-Medication hinaus.

Psychopharmaka können zweifelsohne segensreich eingesetzt werden, bspw. bei Psychosen, sehr schweren Depressionen, Zwängen und Ängsten. Bei einer unkritischen Verschreibung wird Menschen mit entsprechenden Schwierigkeiten in unzähligen Fällen jedoch eine emotionale Stabilität vorgegaugelt, wo eigentlich eine Reflexion des eigenen Lebens, Einstellungsänderungen, eine Aufarbeitung der Vergangenheit oder die Bearbeitung von familiären Problemen, Erziehungs- und Beziehungskonflikten usw. angesagt wären. Schwierige Phasen - zumal im Kindes- und Jugendalter – gehören zum Persönlichkeitswachstum dazu.

Auch der anthropologische Input solcher breit angewendeter Werke, wie das DSM es darstellt, ist nicht zu unterschätzen. Frances greift die Antisocial Personality Disorder auf und stellt in Anbetracht der Bestrebungen, kriminelles Verhalten zu leichtfertig mit der Psychogenese bzw. konflikthaften Sozialisation zu erklären klar: „Vergewaltigung ist keine Krankheit, sondern ein Verbrechen.“

Ein spezielles Feld ist auch das der Gender Dysphoria bzw. Paraphilic Disorder. Hier hat sich in der sehr zu begrüßenden Absicht, homosexuelle Menschen vor Diskriminierung zu schützen, ein obskur anmutender (gender-)ideologischer Wust eingeschlichen. Während das ICD noch in den 1990ern wertfrei davon ausgeht, dass eine beim Betroffenen mal mit Akzeptanz, mal mit konflikthaftem Erleben verbundene Abweichung vom Natürlichen vorliegt (was doch bei allen sonstigen Diagnosen auch nicht als Stigmatisierung aufgefasst wird), ist die politisch korrekte Lesart der WHO seit der Einführung des ICD 10, dass Homosexualität eine unter allen Umständen vom Betroffenen zu akzeptierende Spielart des Natürlichen sei.

Eine paradoxe Folge der Gender-Ideologie ist, dass sich nun umgekehrt Homosexuelle, die den dringenden Wunsch nach einer therapeutischen Aufarbeitung ihrer psychosexuellen Entwicklung haben, sowie Therapeuten, die sich wagen, darauf einzugehen, massiver Diskriminierung ausgesetzt sehen – dies obwohl in der Fachwelt zumind. keinerlei Zweifel daran besteht, dass es Fälle korrigierbarer Desorientierung gibt – eben keine „echten“ Homosexuellen, wie es regelm. in Anbetracht einer glaubhaften Umorientierung heißt. Diese Menschen werden aber von Therapeuten, die Diagnosesysteme korrekt befolgen zur Annahme einer Identität angeleitet, die gar nicht ihre ist; jedem therapeutischen Neutralitäts-Ethos zuwider. Hier ist man längst auf der anderen Seite vom Pferd gefallen. Diagnostiksysteme sollten sich dem ärztlichen Ethos sowie der Achtung der Menschenwürde verpflichtet fühlen, jedoch nicht dafür vereinnahmen lassen, subkutan moralische Bewertungen zu transferieren – für Homosexuelle so wenig, wie für Suchtkranke, Scheidungswillige oder Suizidgefährdete.

Virulent wird das Ganze besonders im Bereich Pädophilie. Denn wenn Leidensdruck oder Leidensverursachung Bewertungs-Kriterien sind – so argumentieren pädophile „Menschenrechts“-aktivisten – kommt man in Begründungsnot, wenn es sich um einvernehmliche Aktivitäten handelt. Warum also nicht die griechische „Knabenliebe“ wieder einführen, wie von Skandal-Priestern mit schlechtem Gewissen und humanist. Pädagogen etwa der Odenwald-Schule scheinbar mit gutem praktiziert? Sicher – das Kind kann nicht die Perspektive des Erwachsenen nachvollziehen und befindet sich in einem Abhängigkeitsverhältnis. Aber solche Formen der Inadäquanz bestehen in Beziehungen zwischen Erwachsenen auch.

Doch zurück zu Frances Buch. Der Autor unterzieht nicht nur das DSM 5 einer kritischen Analyse, sondern nimmt den Leser auch mit auf einen interessanten Gang durch die Geschichte des gesellschaftlichen Umgangs mit psychisch Kranken und gängiger „Modediagnosen“. Während es in der Antike – zumind. in der Theorie - bereits recht fortschrittlich wirkende Ansätze gab, stagnierte im frühen MA vieles – psychisch Kranke waren auf ihr unmittelbares Umfeld verwiesen. Vorreiter in Sachen Treatment wurde dann zuerst der Islam. Touristen können bspw. in Aleppo eine Heilstätte aus dem 12. Jh. besichtigen – mit Springbrunnen und Wasserspielen, Bäumen und Gärten - seinerzeit mit Musiktherapie und Gesprächsangeboten. Im christlichen MA kümmerten sich oft karitative Gemeinschaften um Betroffene. Es gab z.T. vorbildliche, offene Spitäler mitten in der Stadt. Seelsorger fungierten quasi als Psychotherapeuten. Der von einem Dominikaner verfasste „Hexenhammer“ markiert dann ein düsteres Kapitel. „Besessenheit“ wurde zur ersten „Massendiagnose“. Aber auch die Aufklärung trug viel dazu bei, dass sich die Situation massiv verschlechterte. Man führte „wissenschaftliche“ Methoden ein - Drehstühle, Sturzbäder mit kaltem Wasser, Zwangsstehen, Einreibung der Kopfhaut mit Brechweinstein. Reformvorreiter wurde schließlich der englische Quäker William Tuke mit seiner 1796 eröffneten Heilstätte „The Retreat“, welche geradezu zur Pilgerstädte der Fachwelt wurde. Auch der deutsche Psychiater Griesinger ließ sich später dort inspirieren und setzte sich dann hierzulande für eine gewaltfreie Behandlung ein. Mit Freud wurden dann völlig neue Akzente gesetzt. Als „Modediagnose“standen zu dieser Zeit Hysterie und Neurasthenie hoch im Kurs. Im Gefolge der 68er Bewegung gab es dann den Encounter-Gruppen-Boom und die Antipsychiatrie-Bewegung.

Proportional zum wachsenden Druck auf die Sozialsysteme der Länder des Westens gibt es seit den 90ern den Trend, therapeutisch nicht mehr all zu hohe Ziele anzustreben, sondern sich eher als Akut-Reparaturwerkstatt zu verstehen. Dem entspricht die Popularität des eher Symptom-orientierten DSM gegenüber dem eher ätiologisch orientierten ICD der WHO sowie der zunehmende Trend zum Einsatz von Psychopharmaka. Eine „Modediagnose“ der 80er und 90er Jahre war das Borderline-Syndrom. Dann kam ADHS für Kinder, dann für Erwachsene, dann Bipolare Störung bei Kindern und Adoleszenten. Jüngst überschwemmt die Erwachsenenwelt Europas die Burnout-Welle, die Amerikas die Generalisierte Angststörung. Definition, Diagnose und Behandlung psychischer Krankheiten – soviel steht fest – hat viel mit Kultur, Weltanschauung und Zeitgeist zu tun.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 11, 2013 10:42 PM MEST


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