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FMA
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Aufklärung: Das europäische Projekt
Aufklärung: Das europäische Projekt
Preis: EUR 10,99

4.0 von 5 Sternen Europaeisches Projekt mit universellem Anspruch, 27. Januar 2014
Aufklärung, so Geier, richtete sich gegen geistige Bevormundung durch Institutionen, sei es Kirche oder Staat, durch vermeintliche oder selbst wirkliche Autoritäten. Wahrheit muss sich dem Einzelnen in der redlichen Auseinandersetzung erweisen. Vernunft und Gewissen sind dabei die Richtschnur. Der Autor macht deutlich, dass Aufklärung richtig verstanden mehr ist als eine vom 17.-19. Jh. währende Epoche. Sie hatte ihre historischen Vorläufer immer dort, wo Menschen begannen, das althergebrachte kritisch zu hinterfragen und sie ist und bleibt eine Aufgabe von zentraler Bedeutung in Gegenwart und Zukunft.

Aufgeklärtes Denken schloss Gott und Transzendenz keineswegs aus, sondern fast immer mit ein, wohl aber eine unreflektierte Dogmatik. Geier lässt das deutlich werden an einer Auseinandersetzung, die als "Pantheismusstreit" in die Geistesgeschichte einging. Mendelssohn wurde hier nach dem Tod des eng befreundeten Lessing von Jacobi darauf hingewiesen, dass der Dichter der "Ringparabel" sich zum Spinozismus bekannt hätte. Für Mendelssohn kam das einer Katastrophe gleich und er war nicht bereit, dem Glauben zu schenken. Der Spinozismus wurde schon damals als Quasi-Atheismus betrachtet und stand von daher in Verruf. Lessing hatte zwar die Fragmente des Reimarus, der als ein Begründer der historisch-kritischen Methode gilt, herausgegeben, sich aber ansonsten eher als liberaler Christ, der dem Vernunftgehalt der biblischen Botschaft zur Geltung verhelfen wollte erwiesen. Gegen die Orthodoxie grenzte er sich ebenso ab, wie gegen Deismus und Neologie.

Mendelssohns Haltung zum Judentum entsprach in etwa der Lessingschen zum Christentum. Jacobi, ein Freund Lavaters, stand wie dieser dem Pietismus nahe. Für beide waren die Versuche, Gott mit dem menschlichen Verstand zu erfassen, so erfolgversprechend, wie der Versuch Sandkörner am Meeresstrand zu zählen. Es gibt für sie keinen Weg vom Menschen zu Gott, sondern nur in Form einer persönlichen Offenbarung von Gott zum Menschen. Gemeinsam war allen Beteiligten jedoch die Überzeugung, das Vernunft und Atheismus nicht vereinbar seien.

Der Aufklärung ging es darum, die Reichweite der Vernunft auszuloten und Kategorien zu klären: "Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen?", so heißt es in Kants Programmatik. Wie weit reicht die Ratio? Was ist der Ratio nicht zugänglich, sondern bestenfalls durch Offenbarung? Wo ist intersubjektive Vergewisserung möglich und wo nur subjektive? Was können wir überhaupt von der Welt außerhalb von uns erkennen/aussagen? Welche Fragen können wir beantworten und wo müssen wir offene Fragen bzw. eine Diversität der Antworten aushalten?

Mit dem Pluralismus der sich so ergab, entstand auch die Frage nach einer gesellschaftlichen Organisation, die verschiedene, z.T. sogar konträre weltanschauliche, politische, sozialethische Standpunkte integrieren konnte. Dass dies schließlich in Gesellschaften deren Majoritäten zumindest in ihren religiösen Grundüberzeugungen außergewöhnlich homogen waren (und mit sich im Schnitt sich zu zwei Dritteln zum Christentum bekennenden Populationen immer noch sind), möglich wurde, ist in der Weltgeschichte einmalig.

Die Festschreibung individueller, weltanschauungsübergreifend begründeter Rechte wurde zu einem zentralen Thema. Es ging, so Geier, "um die Rechte jedes Menschen [...], der als solcher kein Ding ist, sondern eine mündige Person mit ihrer eigenen Würde. Die Aufklärung versucht philosophisch zu begründen und praktisch zu verwirklichen, was jedem Menschen von Natur aus zukommt. Sie versteht dieses Naturrecht als ein Bündel von Menschenrechten, auf die alle Menschen ein Anrecht haben. Ihr Zentrum bilden geistige und politische Freiheit, körperliche Unversehrtheit und Recht auf Eigentum. "

Zum wohl prägendsten Vordenker des westlichen Gesellschaftsmodells wurde dann John Locke, der sich interessanter Weise von den neuen Idee der unabhängigen Gemeinden, insbesondere den von ihnen in Neuengland praktizierten politischen Modellen inspirieren ließ. Unter William Penn etwa - Begründer der Kolonie Pennsylvania, etablierte sich ein Regierungssystem, dass auf christlicher Brüderlichkeit und Freiheit beruhen sollte und sich durch integrative Offenheit für Siedler aller religiösen Colleur und gegenüber den Indianern auszeichnete. Mit seinem ungewöhnlich liberalen Wahlrecht und der vollen Religionsfreiheit setzte der Quäker Penn neue Maßstäbe. John Locke, der an der Verbalinspiration der Heiligen Schrift festhielt und dessen Schriften sich wie elaborierte bibelexegetische Arbeiten lesen, wurde im "Pariser Salon", in dem sich die wenigen Atheisten, die - insbes. durch ihr enzyklopädisches Werk - einen nachhaltig konstruktiven Beitrag erbrachten, versammelten(Diderot, Holbach ...) hoch geschätzt, und er war auch einer der Lieblingsphilosophen Jeffersons. Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung der USA, der französischen Verfassungsentwurf von 1791 sowie die gesamte Entwicklung des bürgerlich-liberalen Staatstheorie bis in die Gegenwart fußen maßgeblich auf Lockes Gesellschaftsphilosophie.

Der linksliberale Historiker H.A. Winkler ("Geschichte des Westens") bringt es wie folgt auf den Punkt: „Der Kampf der Aufklärung gegen die Kirche verstellt nur zu leicht den Blick auf das,was die Aufklärung mit dem Christentum verbindet. Ohne Aufklärung keine Erklärung der Menschenrechte, kein Rechtsstaat, keine Demokratie, kein Liberalismus: Dieser historische Zusammenhang ist unbestritten. Aber wenn die Aufklärung ohne ihre christliche Vorgeschichte nicht zu erklären ist, dann trifft das auch für die politischen Folgerungen zu, die Ende des 19. Jahrhunderts aus der Aufklärung gezogen wurden – erst in den nordamerikanischen Kolonien der britischen Krone und dann in Frankreich. Die Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 waren sich dessen bewußt, als sie die „selbstverständlichen“ Wahrheiten verkündeten, „daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“. Auch das „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution, so Winkler, speiste sich aus dem „revolutionären Potential der christlichen Botschaft“

Olympe de Gouges berief sich in ihrer "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin" auf die "Weisheit des Schöpfers", dessen Plan Harmonie zwischen den Geschlechtern und nicht Hierarchisierung, Benachteiligung und Unterdrückung sei. Geier schildert den Werdegang dieser mutigen Frau, die sich selbst unter den progressiven Geistern ihrer Zeit letztlich kein ausreichendes Gehör verschaffen konnte, ausführlich. Geboren als Tochter eines Metzgers, mit 14 verheiratet, mit 20 verwitwet, schaffte sie es, sich zu den gehoberenen Pariser Schichten Zugang zu verschaffen und machte sich als Schriftstellerin und Dramaturgin einen Namen. Fasziniert von den Idealen der Revolution, wurde sie politisch aktiv, stand den Girondisten nahe. Als die Jakobiner diese 1793 stürzten, wurde Olympe de Gouges verhaftet und schließlich vom Revolutionstribunal zum Tod verurteilt. Sie starb unter der Guillotine.

Obwohl die Aufklärung als geistesgeschichtliche Epoche schließlich in die Romantik mündete und damit endete leben - so Geier - viele der in dieser Zeit aufgebrochenen Diskurse fort. So wenn im sogenannten Positivismusstreit Popper und Albert der Frankfurter Schule zu bedenken geben, dass das Anliegen einer fundamentalen Umgestaltung der Gesellschaft, gefährlich sei; es vielmehr darum gehen müsse, die jeweils im gesellschaftspolitischen Geschehen auftauchenden konkreten Probleme einer Lösung zuzuführen. So wenn Hannah Arendt Sartres allzu leichtfertigen Ausführungen über die Unumgänglichkeit revolutionärer Gewalt Hegels Konzept einer gesellschaftlichen Evolution entgegen hält. So wenn Habermas mit Kants Vision einer auf internationalem Recht basierenden Völkerfamilie Robert Kagans von Hobbes inspirierten Vorstellungen von der USA als gutartigem Hegemon, der weltweit auch mit Gewalt Demokratie und Menschenrechte durchsetzt, entgegentritt.

Erwähnung findet schließlich auch Adorno/Horkheimers Aufklärungskritik. Auch sie verstehen unter Aufklärung mehr als eine historische Epoche; bezeichnen mit dem Begriff vielmehr einen fortlaufenden, die Menschheitsgeschichte begleitenden Prozess, bei dem die menschliche Vernunft versucht, sich die Realität verstehbar aber eben auch immer beherrschbarer zu machen. Doch dadurch, dass Vernunft versucht, die Realität in ein zweckmäßiges System zu zwängen, beschränkt sie gerade eine wirkliche Realitätserfassung. Gerade der Versuch, die Natur total zu beherrschen, bewirkt, dass der Mensch in diesem Prozess zum Sklaven der damit verbundenen ökonomischen Zwänge wird. Darin liegt eine fatale Dialektik, mit deren Sichtbarmachung die Autoren beabsichtigen, die Aufklärung vor sich selbst zu retten.

Aufgeklärtes, eigenständiges Denken zu kultivieren ist eine gesellschaftliche Aufgabe, deren Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Das gilt umso mehr, da es aktuell starke gegenläufige Tendenzen verschiedener Art gibt. Zum Einen sind es religiöse Strömungen, die meinen, vermeintliche oder tatsächliche Heilige Schriften gar nicht mehr zur Disposition stellen zu dürfen. Es wird dabei übersehen, dass deren Lektüre einen kritischen Gebrauch der Vernunft ebenso voraussetzt, wie ihre Verfassung und Kanonisierung. „Prüfet alles!“ - mahnt Paulus im NT. Wer sich nicht vernunftmäßig mit einem Text auseinandersetzt, kann nicht dazu kommen, ihn wirklich zu verstehen und innerlich von seiner Botschaft überzeugt zu sein. Zum Anderen gilt dies aber auch für einen sich vermehrt dogmatisch gebärdenden reduktionistischen Naturalismus, der die eigene allzu begrenzte, materialistische Weltsicht zur Norm für alle erheben möchte. Bereits klassisch idealistischen Standpunkten gegenüber, wie sie etwa von Einstein oder Planck vertreten und zur Grundlage der revolutionären Einsichten in der Physik am Beginn des vorigen Jahrhunderts wurden, vertritt man mittlerweile – die Diskussion um das jüngste Buch des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel zeigt es – eine aggressiv-rigorose Abwehrhaltung.

"Im kulturgeschichtlichen Rückblick", so Geier, "zeigt sich Aufklärung als ein europäisches Projekt mit universellem Anspruch" Dies gehöre "zum Besten, was ein kosmopolitisches Europa zu bieten hat, das mehr sein will als ein bürokratisch geregeltes Wirtschaftsgeflecht, das von einer finanzpolitischen Krise in die nächste getrieben wird."


Toleranz und Gewalt
Toleranz und Gewalt
Preis: EUR 17,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie es wirklich war, 17. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Toleranz und Gewalt (Kindle Edition)
Einer der Überväter des modernen Atheismus, der Hegelianer Ludwig Feuerbach, würdigte die kulturhistorische Bedeutung der Religion des NT in "Das Wesen des Christentums" einst wie folgt: "An die Stelle Roms trat der Begriff der Menschheit, damit an die Stelle des Begriffs der Herrschaft der Begriff der Liebe." Solch eine Fähigkeit zur Differenziertheit ist in den prononciert atheistischen Kreisen unserer Tage selten geworden. Im Auftreten oft nicht weniger borniert wirkend als Vertreter religiöser Extremismen, wärmt man auch längst überholte Geschichtsmythen, wie die von der sonnigen, areligiösen griech.-röm. Antike, dem finsteren, „christlichen“ Mittelalter, einer angeblich atheistischen Aufklärung, die in lauterer Menschenfreundlichkeit den antiken Idealen allem christlichen Gegenwind zum Trotz neu zum Durchbruch verhalf usw. wieder auf. Dies mag dazu beitragen, dass man sich in der Profession der Historiker in den letzten Jahren vermehrt auf diesen Themenkomplex Bezug nimmt, da und dort die entsprechende Forschung intensiviert. Vieles, was so zutage gefördert wurde, lässt die Historie des Abendlandes noch einmal in einem gänzlich anderen Licht erscheinen. Angenendt lässt in seinem Buch die Creme de la Creme der gegenwärtigen Geschichtswissenschaft und Sozialphilosophie mit relevanten Beiträgen Revue passieren.

Inquisition
Mit der Inquisition verging sich die Kirche dem Autor zufolge gegen ihre ureigensten, altkirchlichen Ideale. Mit der Verfolgung von Waldenser, Albigenser, Hussiten, Lutheraner, Zwinglianer und Kalvinisten wendete sie sich praktisch sogar gegen ein konsequent am NT ausgerichtetes Christentum. Dennoch gestaltete sich Inquisition anders als gemeinhin geglaubt. Historiker merken inzwischen an, dass mit ihr eine Wiederbelebung des römischen Rechts stattfand. Es wurde durch Beweisaufnahme eine Urteilsfindung angestrebt, nicht mehr durch Wasser- und Feuerproben oder dgl. Inquisitoren wurden überhaubt erst dann aktiv, wenn in einer Region Phänomene der Irrlehre überhand nahmen. Zunächst wurde versucht, mit öffentlicher Lehr- und Predigttätigkeit Korrekturen zu erwirken. Erst dann wurden einzelne verdächtige Personen verhört. Dabei wurde zunächst darauf abgezielt, Einsicht und Buße zu erzeugen. Ein Geständnis samt glaubhaftem Sinneswandel hatte i.d.R. Absolution und schlimmstenfalls leichtere Bußauflagen zur Folge. Erst bei hartnäckigem Beharren übergab man – nach Verurteilung - den Beschuldigten der weltlichen Gerichtsbarkeit mit der – freilich nicht immer sehr glaubwürdig wirkenden - obligatorischen Formel, im Strafmaß Barmherzigkeit walten zu lassen.

Auf Häresien wurde über Jahrhunderte hinweg seitens der Kirche nur sehr sporadisch reagiert. Mittelalterlicher Atheismus etwa – das zeigen jüngste Studien der Historikerin Dorothea Weltecke – wurde eher als seelsorgerliche Problematik behandelt. Mit der Katharerbewegung entstand allerdings im 13. Jh. aus Sicht der Kirche eine echte Bedrohung für den Erhalt der Lehre. Die frühneuzeitliche Inquisition ging dann noch organisierter gegen Häretiker vor. Alle Historiker, die in jüngerer Zeit auf diesem Feld geforscht haben, seien jedoch überrascht über die verhältnismäßig kleinen Hinrichtungszahlen. So kommt der kenntnisreiche Gustav Henningsen für die Spanischen Inquisition in der Zeit zwischen 1540 und 1700 auf 44.647 Prozesse, in deren Anschluss bei 1,8% der Fälle die Todesstrafe vollstreckt wurde. Insgesamt seien während der spanischen Inquisition höchstens 6000, während der römischen 97 Menschen hingerichtet worden. Die kirchlichen Gerichte seien in der Strafzumessung und Verhörmethoden (Folter) weit zurückhaltener gewesen als die weltlichen. Auch die Zustände in den Inquisitionsgefängnissen hoben sich offenbar positiv vom sonstigen Strafvollzug ab.

Hexenverfolgung
"Unüberwindlich", so Angenend, sei "der Vorwurf, die Kirche habe die Hexen-Verbrennung betrieben, sogar millionenfach. Der Spezialist auf diesem Gebiet Wolfgang Behringer dreht es andersherum: Ohne die Kirche wären es weit mehr Opfer geworden. Denn in aller vormodernen Welt waren und sind, wie heute noch in Afrika, Hexerei-Verfolgungen „normal“. Dementgegen hat die Kirche bis ins Spätmittelalter alles Hexerische als Wahnvorstellung abgetan. Tatsächlich haben die Päpste wie die Kirchengerichte und sogar die Inquisition - was uns nur schwer in die Köpfe geht - die Hexen-Tötung abgelehnt, gerade auch in den Verfolgungswellen der Frühmoderne. Die Todesurteile sprachen weltliche Gerichte aus, zumeist mit Billigung der juristischen Fakultäten, nicht der theologischen." Die Hexereiverfahren der frühen Neuzeit wurden überwiegend von weltlichen Gerichten geführt. Von Opfern in Millionenhöhe kann längst nicht mehr die Rede sein. Die Forschung geht heute von ca. 50.000 Hinrichtungen aus. Maßgeblich beigetragen zur Beendigung der Hexenprozesse haben interessanterweise keineswegs die eher säkular gesinnten Aufklärer, sondern u.a. der dem Pietismus nahe stehende Christian Thomasius sowie der Jesuit Friedrich Spee.

Antijudaismus
Immer wieder einmal ist davon die Rede, dass der Holocaust seine Wurzeln im mosaischen Monotheismus, der angeblich unweigerlich Feindseligkeit gegen Andersgläubige impliziere, sowie in einem vermeintlichen neutestamentlichen Antisemitismus habe. Diese Thesen sind nicht zuletzt deshalb so problematisch, weil damit praktisch die "Urschuld" an den Verbrechen des Nationalsozialismus den Juden selbst aufgebürdet wird. Man übersieht dabei völlig, dass die Nazis nicht von religiösen Motiven angetrieben waren, sondern von rassehygienischen Theorien, denen u.a. auch - hätte man sie nicht gestoppt - weitere Teile der als "rassisch minderwertig" eingestuften osteuropäischen Bevölkerung zum Opfer gefallen wären. Dass o.g. Thesen besonders im deutschen Raum ihre Anhänger finden, spricht denn auch für sich. Dabei äußert sich gerade Paulus, der obgleich selbst Jude, gern zum Initiator des Judenhasses gemacht wird, indem einzelne Äußerungen von ihm aus dem Kontext gerissen werden, zu diesem Thema ausführlich und unmissverständlich in Röm. 9-11. Eine theologische Abgrenzung von den Juden freilich, betrieb das Christentum (wie umgekehrt in vielfältiger Weise auch die Juden) logischer Weise von Anfang an. Dass dies als Ausgangspunkt für fremdenfeindliche Hetze und Ausschreitungen gegenüber einem Volk im Volke immer wieder missbraucht wurde, steht außer Frage.

Die Päpste sahen sich ebenso wie die weltlichen Regenten als Schutzherren der Juden. Tatsächlich setzten sie sich immer wieder vehement für die Unversehrtheit der jüdischen Minoritäten ein. So etwa im 12. Jh. Papst Eugen III. mit der Bulle Sicut Judaeis, die Zwangstaufen, Strafvollzug ohne Rechtsverfahren, erpresste Dienste verbot, sowie gebot, die Juden ungestört ihre Feste begehen zu lassen und ihre Friedhöfe zu schützen. Verstöße konnten eine Exkommunikation zur Folge haben. Im 13. Jh. brandmarkten die Päpste Innozenz IV. und Martin V. antijüdische Legendenbildungen der Zeit als infame Lügen, ebenso später, im 18. Jh. Benedikt XIV. Andererseits gab es eine über weite Strecken paranoid anmutende Furcht vor dem intellektuellen, religiösen, gesellschaftlichen Einfluss der Juden. Dies führte dazu, dass immer wieder auch vom Vatikan aus repressive Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung erlassen wurden, die man dann periodisch durchhielt, um sie schließlich wieder zu lockern oder aufzuheben. Dazu gehört eine besondere Kleiderordnung, Ghettoisierung, das Vorgehen gegen jüdisches Schriftgut, eine rechtliche Sonderstellung, Berufsverbote.

Auch die Reformation setzte keine durchschlagend neuen Akzente für den zwiespältigen Umgang mit der jüdischen Minorität. Vom jungen Luther gingen noch Hoffnungszeichen aus; der späte Luther erging sich dann jedoch in ähnlich schlimmen Äußerungen, wie sein humanistischer Zeitgenosse Erasmus oder der sich deutlich vom Christentum distanzierende Giordano Bruno. Auch in der folgenden Epoche der Aufklärung ist die Bilanz nicht wirklich positiv. Der Kreis um Lessing setzte sich für Toleranz ein. Voltaire, Lichtenberg, Kant ergingen sich in antisemitischen Ausfällen. Der Pietismus hingegen nahm mit dem Plädoyer für die Emanzipation der Juden eine Vorreiterrolle ein.

Schwer nachvollziehbar bleibt die über lange Zeit passive Haltung des Vatikan gegenüber den Entwicklungen im Hitler-Deutschland. Erst in seiner Weihnachtsansprache 1942 bekundete Pius XII. seine Sorge um die "Hunderttausende, die ohne eigenes Verschulden, bisweilen nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben sind." Ansonsten erging jedoch die Weisung, keine konfrontative Kritik zu üben, "um nicht denen zu schaden, die wir retten wollen." Interventionen mit dem Ziel, Fluchtwege ins Ausland zu öffnen, erwiesen sich als nicht sehr effektiv. Immerhin verhinderte der Vatikan durch Aufnahme in Kirchen, Seminare, Pfarren, Klöster usw. 1943 die Deportation von ca. 7000 Juden aus Rom. In der Evangelischen Kirche reagierte man auf den NS anfangs weit unkritischer als in der katholischen. Je deutlicher dessen Charakter hervortrat, desto mehr Widerstand entwickelte sich dann jedoch. Der Vorgängerorganisation der Bekennenden Kirche - dem Pfarrernotbund - waren 1934 bereits rund 7000 von 18.000 Pfarrern beigetreten. Die BK bezog immer wieder auch gegen den eskalierenden Judenhass Stellung.

Eroberung Amerikas
Die Eroberung Amerikas ist zweifellos ein düsteres Kapitel. Besonders infolge der Infektion mit von den Europäern eingetragenen Krankheitskeimen, denen das Immunsystem der Ureinwohner nicht gewachsen war, starben unzählige von ihnen. Zudem gab es zweifellos auch schweres und vielfältiges Unrecht im Umgang mit den "Indianern". Allerdings geht es dem Autor darum, auch hier genau hinzuschauen und zu differenzieren. In der Bulle Papst Pauls III. von 1538 ordnet dieser an, dass "die vorgenannten Indianer, auch wenn sie außerhalb des Glaubens leben, ihrer Freiheit und Verfügungsgewalt über ihre Güter nicht beraubt werden, und dass sie nicht zu Sklaven gemacht werden dürfen" Auch gegen Zwangsbekehrungen spricht sich Paul deutlich aus.

Die Situation in Südamerika veranlasste ein grundsätzlicheres Nachdenken über die Frage allgemeiner Menschenrechte bzw. Völkerübergreifender Gerechtigkeitskriterien. Der spanische Dominikaner Francisco de Vitoria gilt als ein, wenn nicht der Begründer des Völkerrechts. Basierend auf Berichten seines Ordensbruders Las Casas kritisiert er die spanische Eroberungspraxis im südlichen Amerika: „Die Spanier sind die Nächsten der Barbaren, wie aus dem Gleichnis des Samariters im Evangelium hervorgeht. Sie sind daher verpflichtet, die Nächsten wie sich selbst zu lieben.“ Balthasar Ayala, ebenfalls spanischer Spätscholastiker knüpfte bei Vitoria an, desgl. dann Alberica Gentili , der Jesuit Francisco Suarez, schließlich der Niederländer Hugo Grotius.

Kreuzzüge
Auch in Bezug auf die Kreuzzüge rückt der Autor manches gerade. Von Beutegier waren diese nicht motiviert. Für manch einen Edelmann bedeuteten sie eher finanziellen Ruin. So musste Gottfried von Bouillon die Grafschaft Verdun an den französischen König veräußern, um sein Heer finanzieren zu können. Ritter mussten im Schnitt fünf Jahreseinkommen aufbringen; in Relation zum eigenen Besitz noch größer war die Last für die teilnehmenden einfachen Leute.

Abwegig ist auch die Vorstellung, die Kreuzzüge hätten Christianisierung und Zwangsmissionierung zum Ziel gehabt. Sie waren vielmehr in erster Linie eine Reaktion auf das dringende Hilfegesuch des byzantinischen Kaisers vor dem Hintergrund der immer bedrohlicher werdenden islamischen Expansion; in zweiter Linie ging es um die Rückeroberung der heiligen Stätten in Jerusalem bzw. Palästina sowie die Sicherung der Pilgerwege. Allein unter dem Kalifat Tariq al-Hakim wurden ca. 30.000 Kirchen – u.a. auch die Grabeskirche zerstört, Christen waren schwersten Repressalien ausgesetzt, öffentliche Gebete bei Todesstrafe verboten. Bereits Gilbert Chesterton hatte lapidar vermerkt, dass bereits lange bevor „die Ritter überhaupt von Jerusalem träumen konnten, die muslimischen Krieger auf Paris zuritten.“ Die tatsächlich auf Islamisierung abzielenden Heiligen Kriege der Muslime hatten im 7. und 8. Jh. weite Teile des mittleren Ostens, Nordafrika und Spanien erobert und wurden erst 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers durch Karl Martell gestoppt und zurück gedrängt.

Angenendts Darstellung neuster Forschungsergebnisse zur "Kriminalgeschichte des Christentums" lässt vieles was bislang als "historische Tatsache" galt, in einem anderen Licht erscheinen. Dies sollte freilich nicht vergessen lassen, dass es schlimme Entgleisungen trotz allem gab. Wie sieht es nun aber mit der Segensgeschichte des Christentums aus?

Universalismus
Mit dem Christentum, so Angenendt, sei in historisch einmaliger Art und Weise der Gedanke der Gleichheit aller Menschen in die Welt gekommen. Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person (Jak. 2, 1-9). Für Christen „gibt es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau“ (Gal 3,27f). Jesus nennt die seine "Mutter und Brüder", „die den Willen des himmlischen Vaters erfüllen“ (Mt 12,50). Gott ist aus jedem Volk „willkommen, wer ihn fürchtet und ehrt“ (Apg 10,35). Mit dem Missionsbefehl wurde dem Christentum ebenso eine universalistische Dimension zuteil, wie mit der Erweiterung des Nächstenliebegebotes über die eigenen ethnischen und religiösen Grenzen hinaus. "Der eine und einzige Gott begründet die Einheit der Menschheitsfamilie und damit die Gleichheit aller Menschen. Die stärksten Bindungen, die aus Blut und Verwandtschaft, müssen zugunsten universaler Offenheit gekappt werden: Kirche ist dort, wo sie sich aus vielen Völkern vereint - so eine altkirchliche Selbstbestimmung. "

Auch Europas gemeinsame kulturelle Identität sei "das Ergebnis geistiger und kultureller Prozesse, die über nahezu zwei Jahrtausende hier ihr Zentrum überwiegend in der Religion besaßen; tonangebend war das Christentum“, so der Historiker Heinz Schilling. Nachdem europäische Regentschaft über Jahrhunderte nationale und ethnische Grenzen überschritt, ging der moderne Nationalismus aus der Französischen Revolution hervor. Die zwischenstaatlichen Konflikte die sich in der Folge dessen ergaben, kosteten Millionen Menschen das Leben. Während man heute wieder stärker dazu tendiert, europäische Identität nicht aus den christlichen Wurzeln zu begründen, war dies für die Väter der Europäischen Einigung nach dem 2. WK nicht nur in der historischen Perspektive ein sehr zentrales Moment. Die Europa-Idee nach 1945, so auch H.A. Winkler im zweiten Band seines Werks „Die Geschichte des Westens“ war eine speziell „katholische Utopie“, vorangetrieben von katholischen Politikern wie Alcide de Gasperi, Robert Schuman und Konrad Adenauer.

Menschenwürde
Naturalistisches Denken hatte von jeher Schwierigkeiten damit, sich mit einer herausgehobenen Stellung des Menschen, seiner speziellen Würde anzufreunden. In der griechischen Antike machten Platon und Aristoteles den Adel des Menschen an der "Geistseele", dem göttlichen Element in dessen Existenz, sowie seiner Fähigkeit zur Gotteserkenntnis fest. Ähnlich stellt die Stoa (Epiktet, Cicero) auf Vernunftbegabung und Gottesebenbildlichkeit ab. In der Bibel sieht F. J. Wetz, atheistischer Philosoph und Sozialethiker, in seinen "Texte[n] zur Menschenwürde"„eine Reihe von Bestimmungen des Menschen aufgezählt, auf die anschließend die Kirchenväter den Begriff der Menschenwürde beziehen werden. Allen voran ist die menschliche Gottebenbildlichkeit zu nennen, außerdem die herausgehobene Stellung des Menschen unter allen sonstigen Lebewesen sowie der göttliche Auftrag an den Menschen, über die Kreaturen der Erde zu herrschen. Im Neuen Testament kommt die Menschwerdung Gottes hinzu, durch die der Mensch vor allen übrigen Kreaturen geadelt und von der Sünde, die ihn um seine Unsterblichkeit und Herrlichkeit gebracht habe, befreit werde."

Auch Jürgen Habermas sieht in der Religion einen Glutkern, der neben aller Aufklärung normative Gehalte hervorgebracht habe, so die Idee der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Eine säkulare Gesellschaft dürfe sich davon nicht abschneiden, mahnt er in „Glauben und Wissen“. Der Religionssoziologe Hans Joas, so Angenendt, sieht in „Glaube als Option“ die Menschenrechte erst dort gesichert, wo das Individuum mit Sakralität umkleidet und dadurch unantastbar gemacht ist. Hans Jonas, der in „Das Prinzip Verantwortung“ in Anbetracht "heutiger Eingriffsmöglichkeiten in die Substanz von Kosmos und Mensch die Wiederherstellung der von der Aufklärung zerstörten Kategorie des Heiligen, der Unantastbarkeit" fordert, findet ebenfalls Erwähnung.

Bildung
Jesus, so der Autor, gab dem zentralen jüdischen Gebot "Liebe Gott...." eine "griechische Zutat": nicht nur soll diese Liebe mit "ganzem Herzen" geschehen, sondern auch mit "allem Verstand". Aus dem heraus sei die christliche Theologie entstanden. I.d.T. wurde Bildung bereits in der Urgemeinde hoch geschätzt. Die Patristik führte die geistige Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philosophie auf höchstem Niveau. Gerade dies fand in den vielen anderen Kulten jener Zeit kaum statt und war einer der Gründe dafür, dass das Christentum so viel Zuspruch in den gebildeten Eliten fand. Sowohl die ursprünglichen christlichen Ideen wie auch das antike Bildungserbe lebte dann nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches und den darauf folgenden Wirren zunächst v.a. in den oft in Opposition zur institutionellen Kirche gegründeten Klöstern fort. Bibliotheken waren häufig jedoch auch an ganz normale Kirchen angeschlossen.

Die Kloster- und Domschulen wurden dann zur Plattform der Wissensvermittlung. Aus ihnen ging schließlich die Universität als organisierte Hochschule hervor. Sie stellt ein weltgeschichtliches Novum dar, gilt als „europäische Institution par excellence“. Der Autor zitiert in diesem Zusammenhang den Historiker Michael Borgolte: „Im Vergleich mit den Byzantinern, die an ihrem überkommenen Stoffkanon und ihren traditionellen Lehrmethoden festhielten, mit den Muslimen, die die Herausforderung der griechischen Hinterlassenschaft vom Kern ihres Schulwesens fernhielten, und auch mit den Juden, die sich wie eh und je auf die Auslegung von Bibel und Talmud konzentrierten, erscheinen die Innovationen des okzidentalen Bildungswesens geradezu revolutionär“

Soziale Gerechtigkeit
Der Ägyptologe Jan Assmann setzt mittlerweile in seiner zuvor eher kritischen Bewertung des Monotheismus neue Akzente („Die Mosaische Unterscheidung oder ihr Preis des Monotheismus“). Judentum und Christentum hätten Gott zum Repräsentanten von Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Liebe erhoben. Dies habe eine psycho-historische Entfaltung ausgelöst, da Menschen danach streben, sich der Eigenschaftlichkeit des verehrten Gottes anzunähern.
Jesus antwortete einst auf Frage nach dem Willen Gottes für das menschliche Handeln, mit dem Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben (Mk 12,30f). Der französische Althistoriker Paul Veyne schildert, wie sich dies im sozialen Kontext konkretisierte: „Die jüdische Pflicht der Almosen gelangt auch in die alte Kirche, die mit Hospitälern, Hospiz- und Armenhäusern die organisierte Wohltätigkeit erfand, welche in säkularisierter Form im heutigen Sozialstaat weiterlebt“.

Humanitas hatte in der griech.-röm. Antike keinen großen Stellenwert. Die Idee sozialer Gerechtigkeit, einer gesellschaftlichen bzw. persönlichen Verantwortung für Menschen die weniger besitzen als man selbst; für Arme, Heimatlose, Kranke, Ausgestoßene – sowohl im AT wie im NT sehr ausgeprägt – findet sich bei den Denkern der Griechen und Römer, wie auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit dieser Zeit kaum. Ein Netz von Herbergen für Fremde und Kranke wurde bspw. erst im 4. Jahrhundert n. Chr. durch die dem Kirchenvater Hieronymus nahe stehende Römerin Fabiola im Römischen Reich eingeführt. Im alten Rom kümmerte man sich bestenfalls um die Soldaten.

Angenendts Buch zu lesen ist erhellend und unglaublich spannend, wenngleich eine leichte katholische Schlagseite da und dort nicht zu übersehen ist. Bald nach der Publikation von "Toleranz und Gewalt" gab sich einer der prominentesten deutschen Kritiker des Christentums, Herbert Schnädelbach, zumindest bezüglich seiner Einschätzung der historischen Bedeutung des Christentums geläutert. Den Autor ließ er wissen: "Ihre kulturgeschichtlichen Argumente haben mich überzeugt."


Gott meint es gut: Mutmachendes für jeden Tag
Gott meint es gut: Mutmachendes für jeden Tag
von Corrie ten Boom
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,95

5.0 von 5 Sternen Aus der Enge in die Weite, 8. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Buch bietet sich mit seinen kurzen, knackigen, täglichen Texten, biblischen Bezügen und Gebeten als wunderbarer Begleiter durch das gerade begonnene Jahr an. Corrie ten Booms Gedanken sind schlicht und gerade, besitzen aber doch die anrührende Tiefe, Frische, Freiheit und Kraft einer Frau, die Gott wirklich kannte. Ihre Theologie ist einfach: Schau weg von dir selbst, deinen eigenen Begrenzungen und Defiziten, schau erst recht weg von dem was dir an menschlicher Unvollkommenheit bei anderen begegnet und blicke hin auf den, der Anfänger und Vollender des Glaubens ist. Lebe aus dem Geschenkten, nicht aus dem selbst gemachten; aus Seinen Möglichkeiten, nicht aus deinen. Im Vertrauen auf Seine Kraft und aus der Gemeinschaft mit Ihm heraus, findet dein Leben zur größtmöglichen Entfaltung und du kannst deinen kleinen Beitrag dazu leisten, diese Welt zu einem etwas besseren Ort zu machen.

Im wieder nimmt die Autorin auch Bezug auf ihre Lebensgeschichte. Corrie ten Boom (1892-1983) war eine außergewöhnliche Frau. Ihr Vater betrieb ein Uhrmachergeschäft in Haarlem. Beruflich trat sie in seine Fußstapfen, als sie nach der Ausbildung als erste Frau der Niederlande ein Uhrmacher-Diplom erhielt. Die große Familie Corries war durch eine lebendige christliche Frömmigkeit geprägt. Diese Harmonie fand mit dem Einbruch des Nationalsozialismus 1940 ein jähes Ende. Die Judenverfolgung setzte auch in den Niederlanden ein. Die Familie baute ein Untergrund-Netzwerk von Unterstützern auf. Zahlreiche Juden konnten so versteckt und gerettet werden.

Die ten Booms selbst wurden jedoch denunziert. Dies bedeutete Deportation für die in ihrem Haus versteckten Juden und ebenso für die gesamte Familie. Den Vater und anderen Familiengliedern kostete dies schon bald danach das Leben. Corrie und ihre Schwester Betsie kamen ins KZ Ravensbrück. Im Rückblick beschreibt sie die Zeit in der Gefangenschaft so: "Das Leben in Ravensbrück spielte sich auf zwei getrennten, einander ausschließenden Ebenen ab. Die eine, das sichtbare äußere Leben, wurde Tag für Tag furchtbarer. Die andere, das Leben, das wir mit Gott lebten, wurde täglich beglückender, Wahrheit um Wahrheit, Lichtglanz um Lichtglanz."

Corrie überlebte die Lagerzeit und wurde eine der wirkungsvollsten Verkünderinnen der Guten Nachricht in der Nachkriegszeit. Sie baute Reha-Zentren für die Opfer des Nationalsozialismus auf. Ein zentrales Thema war für sie jedoch auch die Vergebung gegenüber den auf der Täterseite in die Nazi-Verbrechen involvierten. Von der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem wurde Corrie ten Boom mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Die Königin der Niederlande schlug sie zum Ritter. Das Haus der Familie ten Boom ist heute ein Museum.


Texte zur Menschenwürde
Texte zur Menschenwürde
von Franz Josef Wetz
  Broschiert
Preis: EUR 10,00

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Würde des Menschen ist (un-)antastbar, 9. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Texte zur Menschenwürde (Broschiert)
In der griechischen Antike, so Autor F. J. Wetz, hätten Platon und Aristoteles die Einzigartigkeit und den Adel des Menschen an der "Geistseele", dem göttlichen Element in dessen Existenz, sowie seiner Fähigkeit zur Gotteserkenntnis festgemacht. Ähnlich stellt die Stoa (Epiktet, Cicero) auf Vernunftbegabung und Gottesebenbildlichkeit ab. Bei den naturalistisch geprägten Denkern der Antike trafen solche Gedanken eher auf Unverständnis. Für die Sophisten Thrasymachos (Platons Politeia) oder Kallikles (Gorgias) etwa manifestiert sich das menschlich Große und Edle im - wenn nötig auch mit Gewalt erwirkten - Triumph des Starken über den Schwachen. Tugend ist bei beiden - ähnlich wie später bei Nietzsche - der Unterlegenen Mittel, die Überlegenen zu domestizieren, ihr naturgegebenes Recht zu überwältigen und zu herrschen in Frage zu stellen.

Im Alten und Neuen Testament sieht der Autor „eine Reihe von Bestimmungen des Menschen aufgezählt, auf die anschließend die Kirchenväter den Begriff der Menschenwürde beziehen werden. Allen voran ist die menschliche Gottebenbildlichkeit zu nennen, außerdem die herausgehobene Stellung des Menschen unter allen sonstigen Lebewesen sowie der göttliche Auftrag an den Menschen, über die Kreaturen der Erde zu herrschen. Im Neuen Testament kommt die Menschwerdung Gottes hinzu, durch die der Mensch vor allen übrigen Kreaturen geadelt und von der Sünde, die ihn um seine Unsterblichkeit und Herrlichkeit gebracht habe, befreit werde."

Diese Argumentationsline setzt sich in Patristik und Scholastik fort, vom Autor dargestellt u.a. an Hand von Texten des Augustinus, Boethius und Thomas von Aquin, aber auch in der Renaissance, wenngleich es hier die Tendenz gibt, den Aspekt menschlicher Erlösungsbedürftigkeit auszusparen.

Die Schriften von Sozialphilosophen wie Grotius (Völkerrecht) oder Locke (Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Liberalismus) lesen sich dann zu weiten Teilen wie höchst elaborierte, bibelexegetische Betrachtungen. Auch für Pufendorf hat der Mensch, so der Autor, „von Natur aus Würde, die sich letztlich Gott verdankt. Aus dieser allen Menschen gemeinsamen Wesenswürde leitet er die Gleichheit aller Menschen und ein Prinzip der Gegenseitigkeit ab: Alle Menschen sind aufgrund ihrer Wesenswürde gleich und sollen sich deshalb auch gegenseitig als Gleiche achten. Jeder einzelne soll anderen das zugestehen, was er für sich selbst beansprucht. Je nach Situation sollten die Menschen einander gewähren lassen oder einander unterstützen. Eine Bevorzugung ist nur jenen Personen gegenüber gerechtfertigt, die große Verdienste um die Gesellschaft erworben haben.“

Mit fortschreitender Aufklärung fand eine zunehmende Säkularisierung der Diskurse statt. Menschenwürde und das eng damit verzahnte Thema der Menschenrechte (N. Hoerster: „Menschenrechte unverzichtbarer Kernbestand der Menschenwürde“), wurden aus dem christlichen Kontext herausgelöst und es wurde nach einem weltanschauungsübergreifenden Begründungshorizont gesucht.

Dabei wurde wiederum deutlich, dass es unter naturalistischen Voraussetzungen schwierig ist, einen solchen für das, was Hans Joas die „Sakralität der individuellen Person“ nennt, zu finden. Wenn der Mensch „auch nur ein Tier“, „auch nur Natur“ ist, fällt es schwer, Kriterien für seine Unantastbarkeit zu finden, die unter allen Umständen gelten – es sei denn es gilt, andere Menschen vor ihm zu schützen. Im Utilitarismus können Rechte und Würde des Einzelnen durchaus zur Disposition gestellt werden, wenn es dem größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl dient. Kant hielt dem entgegen, dass niemals der gesellschaftliche Gesamtnutzen das Kriterium eines Rechtssystems sein dürfe, sondern die unveräußerlichen Grundrechte des Individuums. Ein Mensch dürfe niemals als Mittel zum Zweck betrachtet werden. Die Würde des Menschen ergibt sich für Kant dabei aus dessen "sittlicher Autonomie".

Andererseits sicherte auch die Überzeugung der grundsätzlichen Gleichheit des Menschen vor Gott und der durch die Gottesebenbildlichkeit verliehenen Würde nicht immer die Achtung individueller Rechte und Freiheiten. Im abendländischen Kulturkreis war dies immer dann der Fall, wenn der Boden eines neutestamentlichen Christentums verlassen wurde. Im Zeitalter eifernder Inquisitoren etwa schien das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen in Matthäus 13, 24-30 ebenso vergessen, wie die Mahnung Jesu in Matthäus 26, 52 in den Wirren des 30jährigen Krieges.

Mit dem Aufkommen der sozialen Frage und der Entstehung von Sozialdemokratie, sozialistischer und kommunistischer Bewegungen wurde dann vermehrt ein weiterer Aspekt des Themas diskutiert. Die Würde des Menschen verdankt sich in der klassisch linken Perspektive dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Individuum. Dieser Ansatz hat zweifellos seine Verdienste. Wo er überbetont wird, sieht sich der Einzelne allerdings der Möglichkeit beraubt, seine Würde auch unter widrigen Umständen zu bewahren – durch die Art und Weise eben, in der er sich zu diesen verhält.

Mit je anderen Akzentsetzungen stellen Hume, Schopenhauer und Nietzsche die Idee der Menschenwürde in Frage, weil der Mensch – nüchtern betrachtet – in erster Linie ein in jeder Hinsicht defizitäres Wesen sei. Selbst wenn Menschen tugendhaft handeln, so Hume tun sie dies aus Eigeninteresse. Daran sei nichts verwerfliches aber eben auch nichts Edles. Ähnlich sieht Schopenhauer im Menschen ein viel zu mangelhaftes Geschöpf, als dass ihm eine Art Wesensadel eigen sein könnte. Ein Empfinden für die eigene Würde trüge auch nichts dazu bei, dass Menschen sich humaner verhielten. Vielmehr gelte es Mitgefühl bzw. Mitleid zu kultivieren. Für Nietzsche fällt mit der Gottesidee auch die Vorstellung von der Einzigartigkeit und Herausgehobenheit des Menschen.

Doch selbst wo Würde noch mit Tugend in Verbindung gebracht wird, wird menschliche Würde eher als etwas zu erwerbendes und zu gestaltendes verstanden, denn als unverlierbar Verliehenes. In der jüdisch-christlichen Perspektive hingegen vereint sich beides. Die Kontroverse um die Frage, ob Menschenwürde als Wesensbestimmung, Gestaltungsauftrag oder beides zu betrachten sei, zieht sich praktisch durch die gesamte abendländische Geschichte hindurch und findet noch in der gegenwärtigen Kontroverse zwischen den Verfassungsrechtlern Herdegen, der Art. 1 des deutschen Grundgesetzes für Interpretationen und Relativierungen öffnen möchte und Böckenförde, der vor den möglichen Folgen eines solchen "Epochenwechsels" warnt, seinen Niederschlag.

Allerdings wird in den Texten Herdegens auch deutlich, welche Schwierigkeiten grundsätzlicher Art sich dem „modernen“ Menschen in Bezug auf Kategorien wie Würde, Ehre, Selbstachtung auftun. Dass – wie bspw. Kant es sah – das Töten anderer Menschen in Kriegshandlungen oder die Todesstrafe in einer nicht entwürdigenden Weise vollzogen werden kann, die Selbsttötung als Ausstieg aus leidvollen Lebensumständen aber kaum; dass man Menschen Schuld und Verantwortung für ihr Scheitern zusprechen kann und sie gerade darin in ihrem Menschsein würdigt, während eine eher deterministische Sicht, die den Menschen entlasten soll, eher entwürdigt; dass eine endlose Lebensverlängerung an der PEG-Sonde dem klassischen Verständnis der Menschenwürde ebenso zuwider läuft, wie der „Gnadenakt“des Mediziners, der den Patienten vor der Zeit aktiv von allem Leiden „erlösen“ will; dass allzu bedenkenlose und breitflächig angewandte PID, SA oder eugenische Implikationen anderer Art die Nebenwirkung haben könnten, den Würdebegriff mit unabsehbaren Folgen umzuprägen; dass ein hohes Maß an Vertrauen in die Fähigkeit der Bürger, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten eine größere motivierende und würdigende Kraft haben kann als staatliche Rundumversorgung – das alles ist unter den Prämissen einer biologistisch geprägten Anthropologie kaum mehr nachvollziehbar.

Leidvermeidung und Bedürfnisbefriedigung lösen als wichtigste Kriterien das des Erhalts der Menschenwürde ab. Dass die eigene Würde aber für das Gefühl, ein gelungenes, erfülltes, sinnvolles Leben zu führen von weit größerer Bedeutung ist, als die Abwesenheit leidvoller Erfahrungen, körperlicher Einschränkungen, materieller Wohlstand, berufliche Karriere usw. gerät aus dem Blickfeld.

Das Buch enthält zahlreiche weitere, sehr lesenswerte Texte. Erwähnt sei der katholische Philosoph R. Spämann, der in neuscholastischer Tradition von naturrechtlichen Voraussetzungen ausgeht. Das Natürliche ist für ihn ein elementares Kriterium, eben weil es den Ordnungen erblühenden Lebens entspricht. Menschliches Eingreifen und Handeln soll diese Ordnungen stabilisieren aber nicht umkehren oder pervertieren. Niklas Luhmann hingegen sieht Würde wiederum als etwas, dass durch möglichst exzellentes menschliches Handeln zur Ausprägung kommt, wobei dies einen konstruktiven Umgang mit Scheitern und Versagen einschließe. Dieses könne die eigene Würde überhaupt nur dann tangieren, wenn man die abwertende Perspektive anderer Menschen übernimmt.

Franz Josef Wetz legt mit dem Buch eine in höchstem Maße empfehlenswerte Textsammlung zu einem Thema mit nicht zu unterschätzender Brisanz vor. Als Beirat der radikal-atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung hält er dabei in den jeweils Denkern und Epochen vorangestellten treffsicheren Einleitungen ein hohes Maß an Neutralität durch. Sein eigener Standpunkt, den er - sicherlich kritikwürdig – andernorts in einer Abhandlung unter dem Titel "Illusion Menschenwürde. Aufstieg und Fall eines Grundwerts" entfaltet, wird im hier besprochenen Buch im Vorwort kurz wie folgt zusammengefasst:

"Offenkundig ist die Menschenwürde als moralisch qualifizierte Selbstachtung eine Schwundstufe der Menschenwürde als Wesensmerkmal, das üblicherweise auf die menschliche Gottebenbildlichkeit, Vernunftfähigkeit und Freiheit gegründet wird. Diese bis heute von vielen als tragfähige Fundamente der Menschenwürde anerkannten Wesensbegriffe sind mittlerweile überaus umstritten. Deshalb liegt etwas Beruhigendes in der Vorstellung, dass eine Preisgabe der Menschenwürde als eines Wesensbegriffs nicht notwendigerweise das Ende der Würdeidee überhaupt bedeutet, wie manche befürchten. Denn Menschenwürde im Sinne moralisch qualifizierter Selbstachtung lässt sich als Zielpunkt persönlicher, politischer und rechtlicher Lebensgestaltung auch unabhängig von der Frage, ob es die Würde als Wesensmerkmal überhaupt gibt, in einer weltanschaulich pluralistischen und naturwissenschaftlich geprägten Kultur sowohl widerspruchsfrei denken als auch ethisch rechtfertigen. Nach Herauslösung des Würdebegriffs aus der strittigen Wesensphilosophie, der zufolge menschliches Leben einen Wert an sich darstellt, bleibt das existenzielle Fundament der Wesenswürde, nämlich die Bejahung des menschlichen Lebens als eines Wertes für sich - und das heißt: die ethisch qualifizierbare Selbstachtung -, übrig.“


Homers Heimat: Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe
Homers Heimat: Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe
von Raoul Schrott
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Homers Welt, 9. Dezember 2013
Homer ist und bleibt in vielem historisch schwer greifbar. War er wirklich blind und arm? Aus welcher der sieben von Historikern erwogenen Städten stammte er? Lebte er im 8. Jh., oder im 7. Jh.? Gab es ihn überhaupt? Wie viel Reales steckt in der Ilias und der Odyssee? Ist es mehr als reine Dichtung, mehr als nur Ausgedachtes?

Nachdem noch vor einigen Jahrzehnten eine überkritische Sicht der Dinge die Forschung bestimmte, sieht man heute in Bezug auf die tatsächlichen Realitätsbezüge der Homerischen Werke klarer. Schrotts Buch weiß davon zu berichten – mal eher trocken und philologisch detailverliebt, mal packend und faszinierend ob der „Weltfülle“ (Schadewaldt), die sich in den Epen vermittelt.

Homer hätte auf viele Motive der in seiner Zeit und Region gängigen Mythen und Überlieferungen zurückgegriffen. Dies beträfe bspw. die assyrische Götterwelt. Besonders deutlich würde dies an den Stellen, in denen er den Sinn bestimmter Inhalte nicht verstanden hat und sie augenscheinlich entstellt in seine Erzählungen einbaut. Vieles hätte er aus dem Gilgamesch-Epos übernommen, so etwa die von großer Ambivalenz gezeichnete Beziehung zwischen Gilgamesch und Enkidu, die er erst in das Verhältnis Agamemnon-Achilleus, dann in die Freundschaft zwischen Achilleus und Patroklos überträgt.

Homer, der offenbar ein kilikischer Schreiber war, verarbeitet - so Schrotts These - in seinen Epen die Aufstände der Kilikier gegen die Assyrer. In diesen waren erstere die Unterlegenen. In Homers Dichtung übernehmen sie jedoch die Rolle der siegreichen Assyrer. Der Autor führt dafür eine Fülle von Belegen an. Für seine zeitliche Zuordnung spricht, dass iliadische Motive in der Vasenmalerei erst im letzten Viertel des 7. Jahrhunderts auftauchen.

Die von Homer beschriebenen Waffen und Ausrüstungen entsprächen denen der Assyrer – Speere, kurze Schwerter, Beinschienen, Schilde. Ebenso verhält es sich mit den drohenden Konsequenzen bei Vertragsbruch: Raub und Vergewaltigung der Frauen, „Männer werden zu Frauen gemacht“, Leichen der Feinde den Hunden und Geiern zum Fraß vorgeworfen; desgleichen mit verschiedenen innergesellschaftlichen, rechtlichen Elementen, wie bspw. Blutzoll oder Schuldknechtschaft.

Die Kultur in Kikelien war bereits recht hoch entwickelt. In Ausgrabungen fand man zweistöckige Häuser mit großen, mit Amphoren gefüllten Lagerräumen. „Zum Curriculum eines Schreibers“, so Schrott, „gehörte auch eine mathematische Ausbildung im mesopotamischen Sexagesimalsystem, das anders aufgebaut war als das griechische System, das seine Zählzeichen in Fünferschritten wechselte. Im Sexagesimalsystem verband sich eine Notation in Zehnerschritten (1-9 wurde mit entsprechend vielen Spitzkeilen ausgedrückt, die 10 jedoch mit einem neuen Zeichen notiert, einem stumpfen Querhaken) mit einem Duodezimalsystem (von den 12 Tierkreiszeichen über die 12 Monate, von einem in ebensoviele Stunden eingeteilten Tag bis zu Maß- und Mengeneinheiten, die mit dem Dutzend rechneten - wobei die 12 jene Art der Vollkommenheit symbolisierte, wie sie sich dann auch bei den Autoren der Bibel wiederfindet, die von den Assyrern gelernt hatten).“ - Das gesamte Werk Homers ist auf dieser Basis mathematisch durchkomponiert.

Faszinierend auch das Kapitel, in dem Schrott Homers umfangreiche medizinisch-anatomische Bildung zutage fördert, die den Ausführungen in den akkadischen diagnostischen Handbüchern, die man bei Ausgrabungen in Ninive gefunden hat, entspricht. Im Folgenden ein Bsp.:

„Meriones schickte Harpalion einen bronzebewehrten Pfeil hinterher, als der sich zurückzog, und traf ihn in die rechte Hinterbacke: der Pfeil ging unter dem Knochen durch und in seine Blase. (XIII 650-2)

Selbst heute kann nicht unbedingt jeder Medizinstudent bei einem Patienten von hinten die relative Lage der Blase zwischen Hinterbacken und Knochen bestimmen. Homer erweist sich jedoch als genauer Anatom: der Pfeil muß in der Mitte der Backe eingedrungen sein, durch die iliosakrale Furche ins Becken, die untere Hälfte der Blase durchschneidend, um unter dem Schambein wieder herauszukommen. Dazu muß er auch gewußt haben, daß ein Pfeil durch die rechte Hinterbacke nicht den Grimmdarm verletzen würde.“

Zweifellos ein interessantes Buch, das mit einer großen Faktenfülle zur Entstehung dieser beiden herausragenden Werke der Weltliteratur aufwartet. Wie das, was Schrott schreibt, en detail aus der Innen-Perspektive seines Fachgebiets zu bewerten ist, bleibt dabei für den Laien freilich schwer einzuschätzen. Die Fachjournalisten von ZEIT bis FAZ bewerteten die Thesen des viel diskutierten Buches immerhin mit viel Wohlwollen.


Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen
Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen
Preis: EUR 18,99

11 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Social Darwinism reloaded, 22. November 2013
Wo setzt im Evolutionsprozess Selektion an? Das wohl populärste Werk, dass sich dieser Frage widmet, stammt vom ehem. Oxford-Prof. R.Dawkins: „The Selfish Gene“. Dawkins legt hier dar, dass das einzelne Gen die Einheit sei, bei der Evolution ansetzt. S. J. Gould hielt dem entgegen, dass es verschiedene Mechanismen gibt, die bewirken, dass der gleiche Genotyp unterschiedliche Phänotypen hervorbringen kann. Der Phänotyp bilde aber die "Angriffsfläche" der Selektion, sodass es stimmiger wäre, zu sagen, dass die Gene registrieren, was „da draußen an der Front“ benötigt wird und sich entsprechend darauf einstellen; also - um in Dawkins Bild zu bleiben - gerade nicht darauf setzen, sich so wie sie sind durchzusetzen. Des Weiteren ergibt sich ein selektiver Vorteil nicht aus der spezifischen Funktion, die ein einzelnes Gen bewirkt, sondern aus dem ganzen Funktionskomplex, den das Ensemble der Gene hervorbringt. Summa Summarum erscheint das Bild nicht stimmig. Nicht der Organismus ist Überlebensmaschine der Gene, sondern die Genmaschinerie steht im Dienst des Überlebens der Organismen.

So vermerkte denn auch Altmeister Ernst Mayr: „The idea that a few people have about the gene being the target of selection is completely impractical; a gene is never visible to natural selection, and in the genotype, it is always in the context with other genes, and the interaction with those other genes make a particular gene either more favorable or less favorable. In fact, Dobzhansky, for instance, worked quite a bit on so-called lethal chromosomes which are highly successful in one combination, and lethal in another. Therefore people like Dawkins in England who still think the gene is the target of selection are evidently wrong. In the 30s and 40s, it was widely accepted that genes were the target of selection, because that was the only way they could be made accessible to mathematics, but now we know that it is really the whole genotype of the individual, not the gene.“

Selektion bedeutet Bevorzugung des Einen auf Kosten des Anderen und setzt eine entsprechende Konkurrenzsituation voraus. Natürlich gibt es solche Konkurrenzsituationen zwischen einzelnen Genen. Generalisieren lässt sich das aus den von Mayr genannten Gründen aber nicht. Ebenso gibt es auf der Ebene der Individuen Konkurrenz, die sich eben eher aus der Effektivität als ganzheitlich abgestimmter Funktionskomplex ergibt, als aus der Perfektion einzelner, genbedingter Funktionsstränge. Und ebenso ergeben sich Konkurrenzsituationen zwischen verschiedenen Gruppen, die sich bei in etwa vergleichbarer funktioneller Ausstattung der beteiligten Individuen aus dem unterschiedlichen Grad der Effektivität der Organisation des Gruppenlebens begründen lassen. Dies mag man da und dort auch wiederum auf genetische Vorteile herunter brechen können. Aber es gibt eben auch andere Gründe: Erfahrungen, Lernprozesse, die Dynamik innerhalb einer Gruppe, die sich eher auf die spezifische Zusammensetzung als auf Altruismus-Gene zurückführen lässt.

Letzteres kommt eindeutig zu kurz, wenn der Autor – ebenfalls einer der ganz Großen der Evolutionsforschung - das hier besprochene Buch der an sich nicht neuen Idee einer erweiterten, über das Abstellen auf verwandtschaftliche Bezüge hinausgehenden Gruppenselektion widmet. Seine Thesen schließen dabei Konkurrenz zwischen Individuen nicht aus. Für ihn geht evolutionärer Fortschritt aber damit einher, dass sich der Schwerpunkt mehr und mehr hin zur Gruppenselektion verlagert. Dawkins Ansatz verwirft er dabei nicht vollständig, er relativiert ihn aber: "unit of selection is a gene, the basic element of heredity. The target of selection is normally the individual who carries an ensemble of genes of certain kinds."

Nichts desto trotz gab es zwischen beiden eine heftige Auseinandersetzung. Dawkins attakierte Wilsons Theorie "as implausible and as unsupported by evidence". "I am not being funny when I say of Edward Wilson's latest book that there are interesting and informative chapters on human evolution, and on the ways of social insects (which he knows better than any man alive), and it was a good idea to write a book comparing these two pinnacles of social evolution, but unfortunately one is obliged to wade through many pages of erroneous and downright perverse misunderstandings of evolutionary theory"

Damit ist aber nur der eine Komplex strittiger Fragen umrissen. Wirklich scheitern muss Wilsons Theorie an einem anderen Punkt: der Gleichsetzung von effizienter Gruppenorganisation und Altruismus, Moral, Solidarität, Gerechtigkeitssinn, Würde, Ehrgefühl. Tatsächlich vermag seine Theorie letzteres mitnichten zu erklären. Dass Gruppenzusammenhalt mit selektiven Vorteilen einher geht, mag einleuchten. Doch warum sollte dieser auf Vorstellungen basieren, die den von ihm angeführten Idealen entsprechen?

Wilsons Absicht, das Wesen des Menschen rein biologisch zu erschließen muss scheitern. Menschliches Dasein hat längst eine Ebene erreicht, in der völlig neue Kategorien ins Spiel kommen: Sinn, Werte, Kultur. Der Evolutionäre Vorteil bietet hier keine ausreichende Erklärung mehr. Schon Darwin merkte – in sehr fragwürdiger Weise und vom naturalistischen Geist jener Zeit zeugend - an, dass die „Zufluchtstätten für die Schwachsinnigen, für die Krüppel und Kranken“, Armengesetze, medizinische Versorgung, Impfungen bewirken, dass sich auch die schwächeren Glieder der zivilisierten Gesellschaften fortpflanzen, was „für die Rasse des Menschen im höchsten Grade schädlich sein muss.“ Der Sozialdarwinismus grasierte damals in allen Staaten und politischen Lagern des Westens und schien humane Zielsetzungen zu implizieren. Der Begründer des evolution. Humanismus und erste UNESCO-Direktor J. Huxley – um ein weiteres Bsp. zu nennen – nahm Darwins Bedenken ernst und wollte unteren sozialen Schichten den Zugang zur Gesundheitsfürsorge erschweren, Langzeitarbeitslose sterilisieren und schwer behinderte Menschen eliminieren lassen. Die Soziobiologie liefert gewiss keine Argumente, um solchen Denkweisen etwas entgegenzusetzen.

Man könnte viele weitere Beispiele anführen – aus Geschichte und Gegenwart, soziologischer Mikro- und Makroebene. Im Wettstreit der Wirtschaftssysteme schnitten die stärker altruistisch, sehr sozial orientierten gegenüber denen, die auf Eigennutz und Gewinnmaximierung zentriert sind, noch immer schlecht ab. Sozialabbau und Postdemokratie (Colin Crouch) in den westlichen Gesellschaften der Gegenwart verdanken sich dem Wettbewerbsdruck, der sich durch die beängstigende Dynamik ergibt, die Länder entwickeln, in denen Zentralismus und soziales Unrecht an der Tagesordnung sind. Sollte sich die Menschheit dem ergeben, eingedenk ihrer evolutionären Wurzeln und Zukunftsperspektiven? Dass gut funktionierende Gesellschaften beidem Rechnung tragen müssen: individualistischen und altruistischen Antrieben, mag etwas sein, dass Evolutionstheoretiker Gesellschaftstheoretikern und Praktikern zu Recht ins Stammbuch schreiben. Doch für das konkrete gesellschaftspolitische oder sozialethische Denken und Handeln lässt sich daraus in etwa soviel ableiten, wie aus der Tatsache, dass für eine gute Ernte Regen und Sonnenschein vonnöten sind, für die Produktion von Nahrungsmitteln.

Geradezu skurril wirkt es deshalb, wenn Wilson die Biologie zur Leitwissenschaft auch in der Behandlung ethischer, gesellschaftlicher und kultureller Fragestellungen erheben will. Selbst wenn er mit seinem Ansatz Recht hätte und man den Humanitätszuwachs der Menschheit auf evolutionären Selektionsdruck zurückführen könnte – der Erklärungswert für Entwicklungsprozesse in diesen Bereichen wäre bescheiden, die Instrumentarien und Denkansätze der Naturwissenschaften für die Suche nach Antworten auf Herausforderungen in diesen Feldern unbrauchbar.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 16, 2013 5:27 PM CET


Warum ich kein Christ bin: Bericht und Argumentation
Warum ich kein Christ bin: Bericht und Argumentation
Preis: EUR 15,99

42 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Gesucht und nicht gefunden, 18. November 2013
Flasch ist keiner jener atheistischen Eiferer, die zunehmend das Bild der Auseinandersetzung um das Thema pro und contra Christentum bzw. Religion bestimmen. Kein „darwinistischer Goebbels“, kein „biologistischer Hassprediger“ (TAZ und SÜDDEUTSCHE über „Gotteswahn“-Autor R. Dawkins), kein Extremist wie der Amerikaner S. Harris, der den Westen, im Krieg mit DEM Islam sieht und öffentlich über nukleare Erstschläge gegen islamistische Regime sinniert. Kein Hetzer wie „Deutschlands Chef-Atheist“ (SPIEGEL) Schmidt-Salomon, der Andersdenkende in seinem Pamphlet „Keine Macht den Doofen“ als „hirnwurmbefallene“, „geistig behinderte“, „alles durchseuchende“, „Religioten“, „Dumpfbacken“, „geistige Kindesmissbräuchler“, „Schädlinge“ usw. diffamiert; kein Wirrkopf, wie der ehem. FU-Professor U. Lehnert, der in der Bundesrepublik theokratische Verhältnisse - vergleichbar mit denen im Iran - verwirklicht sieht und Seit an Seit mit pöbelnden Radau-Atheisten, die noch weit unter seinem Niveau rangieren, für das was er eine „naturalistisch-humanistische Weltanschauung“ nennt, missioniert.

Flasch ist Philosophiehistoriker – einer der renommiertesten in Deutschland. Er schreibt sachlich, seriös und abgeklärt. Im Grunde sind es jedoch die alten Argumente, die er vorbringt. Die Bibel könne nicht Gottes Wort sein, da sie viele Widersprüche enthalte. Es springe ins Auge, dass sich ihre Schreiber reichlich aus dem Fundus der zu ihrer Zeit gängigen orientalischen Mythen bedient hätten. Die Wunderberichte widersprechen dem natürlichen Lauf der Dinge und sind deshalb eine Zumutung für den Intellekt. Ebenso der Gedanke, dass ein allmächtiger, liebender Gott so nachtragend gegen die Sünde Adams sei, dass fortan die Menschheit von der Erbsünde belastet bleibt. Nicht weniger, dass Vergebung für Gott nur auf der Basis des Blutopfers seines Sohnes möglich ist.

Was er dann an Ergebnissen der historisch-kritischen Bibelforschung wiedergibt, ist reichlich selektiv und suggeriert eine Homogenität der Auffassungen, die so nicht besteht.

Auch für Flasch ist der Gott des AT ein blutrünstiger, rachehungriger. Da hätte man von einem Gelehrten seines Kalibers doch mehr erwartet. Der Gott des AT ist heilig und schrecklich in seinen Gerichten. Wenn man das ganze Bild wiedergeben möchte, gehört zur biblischen Darstellung aber auch, dass die zeitlichen Gerichte vor dem ewigen bewahren und dass Gott kein Gott der Toten, sondern der Lebenden ist, sprich menschliches Dasein nicht mit der irdischen Existenz endet. Auch unterschlägt Flasch, in welch hohem Maß der Gott der Israeliten sich von den Göttern umliegender Stämme, Völker und Kulturen unterscheidet. Angriffskriege und Raubzüge waren verboten. Bei den zuweilen tatsächlich sehr blutig erscheinenden kriegerischen Akten im Zuge der Landnahme handelte es sich um punktuelles Gerichtshandeln Gottes in Anbetracht ausufernden menschlichen Unrechts – bei ansonsten striktem Verbot zu töten oder eigenmächtig Krieg zu führen. Das AT ist darüber hinaus voll mit Aufforderungen, Fremden mit Achtung, Solidarität und Gastfreundschaft zu begegnen; immer mit Verweis darauf, wie das Volk Israel selbst unter der Unterdrückung im Land der Pharaonen gelitten hat.

Bezüglich der Mosaischen Gesetzgebung übersieht Flasch, dass diese nicht in erster Linie sozialethischen, sondern v.a. rituellen Charakter hatte. Dabei machen die entsprechenden Texte sehr deutlich, dass bestimmte Vorschriften nicht deshalb erlassen wurden, weil sie für das Leben in der Gemeinschaft unerlässlich wären, sondern weil Aspekte der Beziehung Israels zu Gott versinnbildlicht und ihre Beachtung so lebendig gehalten werden sollte. Bei der oft der Unverhältnismäßigkeit bezichtigten Strafzumessung wird zudem häufig vergessen, dass es um ein Volk ging, welches streckenweise nomadenhaft lebte und jedenfalls weit davon entfernt war, Vergehen mit einem fein gestaffelten Vollzugssystem begegnen zu können.

Unterschlagen werden viele weitere positiven Aspekte: Eine Sozialgesetzgebung, die selbst in unseren Zeiten und Breiten ihresgleichen sucht. Die unzähligen Stellen, die von einem immer wieder gnädigen, sich seinem Volk und den Menschen mit Anteilnahme und Fürsorge widmendem Gott reden.

Die zentralen Inhalte des NT erfasst Flasch leider noch nicht einmal ansatzweise. Er hält sich relativ lange bei der Moral und Ethik der Bergpredigt auf. Die immer wieder unter verschiedensten Blickwinkeln entfaltete neutestamentl. Kernbotschaft ist aber gerade die Überwindung aller Moral. Gesetz im alttestamentlichen Sinne, sittliches Kodizes, Pflichtbewusstsein, das alles sind im NT Notlösungen für den unerlösten Menschen. Wer in einer erneuerten Beziehung zu Gott eine tiefe innere Befreiung erfährt, muss nicht mehr durch Regeln, Vorschriften, Strafandrohungen etc. zum Guten angehalten werden.

Es geht also auch nicht um Jenseitsvertröstung, sondern erfüllende Gotteserfahrung in der Gemeinschaft mit Jesus Christus im hier und jetzt. Diese Einladung gilt jedem Menschen, weil – wie es das NT darstellt – Jesus für die Schuld aller Menschen starb. Im Kreuz auf Golgatha stellt sich Jesus als der Christus Gottes – im Gebet und in der Weigerung, sich auch nur gegen einen Menschen zu wenden - noch hinter den letzten seiner Feinde. Sein Leben, das nur das eine Ziel hatte: anderen zu helfen, sie zu retten und zu heilen – mündet so in einen Opfergang, der die alttestamentlichen Opferbestimmungen als symbolische „Vorschattung“ eines ungleich größeren und tieferen Geschehens erscheinen lässt.

Ob man nun an die Existenz Gottes glaubt oder nicht, eins wird niemand bestreiten können: Nie in der Menschheitsgeschichte wurde Gott mit einer tieferen Liebe zu seinen menschlichen Geschöpfen und nie ein Mensch – wenn man so will – in tieferer Menschlichkeit und Größe dargestellt.

Die „goldene Regel“, so Flasch des Weiteren, fände sich in anderen Religionen ebenso. Wenn es denn so wäre, müsste dies sicherlich kein Argument gegen das Christentum sein. Der Autor vermerkt dann zwar, dass Jesus eine „positive“ Variante der ansonsten „negativ“, auf Ausschließung bedachten Leitlinie vorbringt. Auch er übersieht jedoch den tiefgreifenden Unterschied zwischen dem Unterlassen des Bösen „Was du nicht willst, das man dir tu...“ und dem freudigen, aktiven Tun des Guten, das stets das Wohlergehen des Nächsten im Blick hat („Was immer ihr wollt, dass die Leute euch tun, tut ihr ihnen auch!“).

Bei der Behandlung der Theodizee-Frage, welcher der Autor ebenfalls ein sehr hohes Gewicht beimisst, führt er sechs mehr oder weniger gängige Antworten an und hat es nicht allzu schwer, diesen mangelnde Tragfähigkeit nachzuweisen. Die eigentliche, neutestamentliche Perspektive spart er jedoch auch hier aus.

Auch wer sich fragt, ob der Gott der Liebe und das Leid dieser Welt zusammengedacht werden kann, muss mitdenken, dass unser Leben - so der Gott der Bibel existiert - nur "Vorschule zur Ewigkeit" ist. Er muss - wenn er das Gedankenexperiment logisch durchhält - zu dem Schluss kommen, dass wir als Menschen zwar vieles nicht verstehen, aber doch alles auf das beste denkbare Ende hinauslaufen muss - eben weil Gott Logos und Liebe ist.

Tatsächlich gibt es unzählige Berichte von Menschen, die darstellen, wie Leid zu einer am Ende doch segensreichen Erfahrung wurde. Und aus heilsgeschichtlicher Perspektive - sowohl bezogen auf den Einzelnen, wie auf Israel als Gottes auserwähltes Volk, wie auf die Menschheit an sich - ist - unvermeidbares - Leid eben immer auch das: Teil eines Lernprozesses, in dem der Mensch dessen inne wird, was in seinem Leben wirklich zählt, trägt und hält.

Die von Yad Vashem mit dem Titel "Gerechte unter den Völkern" geehrte Holländerin Corrie ten Boom, die aus einer Uhrmacherfamilie stammte, die in der Zeit des NS Juden bei sich versteckte, dann aufflog, zum Teil hingerichtet, zum Teil deportiert wurde, schildert es in ihrem Buch "Die Zuflucht" so: "Das Leben in Ravensbrück spielte sich auf zwei getrennten, einander ausschließenden Ebenen ab. Die eine, das sichtbare äußere Leben, wurde Tag für Tag furchtbarer. Die andere, das Leben, das wir mit Gott lebten, wurde täglich beglückender, Wahrheit um Wahrheit, Lichtglanz um Lichtglanz."

Weniger tief religiös verwurzelt, jedoch ohne den religiösen Hintergrund kaum denkbar, geht Viktor Frankl, einer der Väter der modernen Psychotherapie in seinem Buch "Trotzdem Ja zum Leben sagen - Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager", der Frage nach, wie es möglich war, dass sich die einen Menschen unter den zutiefst leidvollen Umstände des Lagerlebens eine konstruktive und für andere Menschen segensreiche, aufrechte Haltung bewahren konnten, während andere sich in Hass, Bitterkeit und Verzweiflung verzehrten.

Die dem eigentlichen Spezialgebiet des Autors zugehörige Auseinandersetzung mit den insbesondere für die kirchliche Dogmatik prägend gewordenen Theologen wie Augustinus oder Thomas von Aquin ist dann interessant zu lesen. Flasch bringt hier durchaus interessante Aspekte zur Sprache. So macht er etwa deutlich, dass gerade durch die Synthese mit der platonischen Philosophie ein rationaler, auf die intersubjektive Vernunft und Einsicht abstellender, allgemeiner Geltungsanspruch entstand, der dem Christentum ursprünglich nicht eigen ist, da es für die Erkenntnis der Wahrheit die göttliche Offenbarung im Leben des einzelnen Menschen für unerlässlich hielt. Auch räumt Flasch auf mit der Mär vom sexualitätsfeindlichen Christentum. Die Bibel bejahe Sexualität – Einschränkungen gäbe es lediglich zuweilen im rituell-geistlichen Kontext. M. Foucault und Norbert Elias wiesen darauf hin; renommierte Historiker wie Nipperdey oder Angenendt ebenso: Prüderie tauchte eigentlich erst im Jahrhundert der Aufklärung auf, als das Christentum – mehr und mehr seiner geistlichen Kraft und Lebendigkeit beraubt - zum moralischen System erstarrte. Wollust, so Flasch, hätte zuvor als die geringste aller Sünden gegolten.

Bei Augustinus freilich klingt da manches anders – auch wenn dies nicht für den christlichen Alltag prägend geworden sein mag. Wo dieser über Sexualität schreibt, scheint sich seine neuplatonische Vorprägung bemerkbar zu machen. Von der sprühenden Leidenschaft und Freude am Liebesleben, wie sie noch im Hohelied Salomons Ausdruck findet, ist hier nichts mehr zu spüren.

Weiteres kommt zur Sprache. Die scholastischen Gottesbeweise etwa. Sie überzeugen den Autor ebenso wenig, wie die mancherlei Versuche, theologische Aussagen durch ihren philosophischen Kerngehalt zu legitimieren.

Natürlich lässt sich vieles im die Jahrhunderte hindurch entstandenen kirchlichen Lehrgebäude zurecht hinterfragen – Mariendogmen, Heiligenkult, katholische Abendmalstheologie... Das dgl. nicht wesentlich zum Christentum gehöre, will Flasch nicht gelten lassen. Für ihn gibt es nur das historisch konkret gewordene, real existierende Christentum, da das NT zu unkonkret und widersprüchlich sei, um aus ihm die ursprüngliche Grundidee, den heißen Kern des Christseins zu entnehmen. Auch dieser Verweis auf das angeblich Vage und Uneindeutige des Christentums fehlt in keiner kritischen Ausführung.

Die entscheidende Aussage des Buches findet sich wohl letztlich in dem Satz, mit dem sich der Autor der wohlmeinenden Vereinnahmung als Gottsucher widersetzt. Flasch sieht sich am Ende eines solchen Prozesses und nicht mittendrin: „Ich habe Gott gesucht und ihn nicht gefunden“. - Warum hat der Autor niemals wirklichen Zugang zu Gott gefunden? Warum gab er sich, wie so viele andere solange mit einem entleerten Traditions-Christentum zufrieden? Hat er Gott überhaupt je wirklich gesucht oder bestand seine Suche nur in der philosophisch-theologischen Auseinandersetzung mit der katholischen Lehre? Der Leser weiß es nicht.

Deutlich wird jedoch, dass der hoch dekorierte Geisteswissenschaftler über Jahrzehnte seines Intellektuellen-Daseins hinweg die christlichen Wahrheiten als zumindest denkmöglich ansah. Er sah sich letztlich jedoch mit der Einsicht konfrontiert, dass sie nicht überzeugend genug seien, um ein Leben als Christ zu führen. Doch zäumt er damit das Pferd von hinten auf. Denn natürlich haben Glaubenssätze, die nicht durch persönliche Erfahrung gedeckt sind, keine solche Überzeugungskraft. Hätte der Autor aber – wie Millionen anderer Menschen – Gott in seinem Leben gefunden, ergäbe auch für ihn die Bibel in ihrem geistlichen und anthropologischem Gehalt ein sinnvolles Ganzes und die zentralen christlichen Glaubensaussagen wären ihm nicht mehr dogmatische Anmaßung oder religiöse Poesie, sondern erlebte, alles verändernde Wirklichkeit. Und mit all den offenen Fragen und Problemen am Rande – Jungfrauengeburt ja oder nein, Bethlehem oder Nazareth, Parusieverzögerung, vermeintliche oder tatsächliche Widersprüche in der Bibel, skurril anmutende Dogmen und Konzilsentscheide usw. - könnte er gut leben.
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Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert
Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert
von Heinrich August Winkler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das normative Projekt des Westens, 14. Oktober 2013
Am Anfang der Geschichte des Westens sieht Heinrich August Winkler, emer. Prof. für Geschichte der Humboldt-Universität Berlin den judeo-christlichen Monotheismus (zu dem er selbst – betrachtet man seine an Freud angelehnte Deutung desselben – offenbar keinen persönlichen Bezug hat), der das antike Erbe auch der Griechen und Römer aufgriff und ihm eine besondere Prägung verlieh. Letztere kannten – von einzelnen Philosophen abgesehen – keinen dieser Welt übergeordneten Gott. Erst mit dem Monotheismus transzendiert die göttliche Ordnung jede menschliche Herrschaft, „entsakralisiert“ diese. Das Gottkaisertum fällt der Geschichte anheim.

Dazu kam, dass das Christentum - im Gegensatz bspw. zum späteren Islam, aber auch zum Konfuzianismus oder Hinduismus – von Anfang an in Bezug auf Fragen der gesellschaftlichen Organisation Enthaltsamkeit übte. Das Christentum denkt vom Individuum her. Veränderung zum Positiven beginnen dort, wo der einzelne Mensch eine innere Umkehr und Befreiung von schuldhaften Verstrickungen erfährt. Die christlichen Ideale beanspruchten Geltung unabhängig von der jeweiligen Gesellschaftsform. Darauf konnten sich benachteiligte Gruppen immer wieder berufen - der Adel gegenüber König, Papst und Kaiser; die Bauern und Bürger gegenüber dem Adel. Vor diesem Hintergrund ist aber auch das Wort Jesus „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist“ zu sehen.

Monotheismus bedeutet auch: alle Menschen sind Geschöpfe Gottes. Auch hier verdeutlicht ein Vergleich mit der paganen Antike das weltgeschichtlich Neue. Die Übergänge zwischen Menschen und Götterwelt waren dort fließend. Menschen beanspruchten göttliche Abstammung oder es wurde Ihnen eine Divinisierung bzw. Apotheose zugesprochen. Noch bei Aristoteles waren die einen Menschen zum Herrschen, die anderen zum Sklavendasein bestimmt. Anklänge an ein modernes Verständnis der Menschenwürde finden sich auch in der Stoa; diese wird hier jedoch – wo nicht wie bei Epiktet ebenfalls von einer personalen Gottheit abgeleitet – eher als mit der Vernunft verliehenes Potenzial, also nicht als unveräußerliche Gegebenheit verstanden. Im Judentum und Christentum leiten sich Gleichheit und Menschenwürde – die „Sakralisierung der Person“ (Hans Joas) - von der Gottesebenbildlichkeit ab.

Darüber hinaus wird dem einzelnen Menschen auch durch das Erlösungswerk Christi eine nicht mehr zu überbietende Wertschätzung und Würdigung zuteil. Auch hierin gab es keine Unterschiede zwischen Rasse, Geschlecht, Alter oder sozialer Herkunft. Der renommierte Althistoriker Peter Brown schreibt dazu: „Und in dieser Hinsicht erwies sich das Christentum als ungewöhnlich demokratische und zukunftsträchtige Bewegung. Es fällt uns heutzutage (da unsere Vorstellungen von Jahrhunderten christlicher Sprache geprägt sind) nicht mehr leicht zu begreifen, wie neu einst die Anschauung war, dass jeder Mensch dem gleichen universalen Gottesgesetz untergeben und zur Erlösung durch die triumphierende oder bemühte Überwindung der Sünde kraft der dauernden und exklusiven Mitgliedschaft in einer einzigartigen religiösen Gruppe gleichermaßen befähigt sei.“

Mit dem Missionsbefehl sei dem Christentum dann eine universalistische Dimension zuteil geworden - dies auch in der Erweiterung des Nächstenliebegebotes über die eigenen ethnischen und religiösen Grenzen hinaus. Aus all dem konstituiert sich, wie Winkler schreibt, das „normative Projekt“ des Westens: Unveräußerliche Würde – Universelle Mitmenschlichkeit – Gewaltenteilung und Emanzipation. Diese „kulturrevolutionären“ Ideen verwirklichten sich nun aber bekanntlich alles andere als geradlinig, sondern durch viele Irrwege, Umwege, verheerende Entgleisungen und Rückschläge hindurch.

Die Kirche, nachdem sie in der nachkonstantinischen Zeit eine Allianz mit dem Kaisertum eingegangen war, ließ sich in ihrer Theologie und in ihrem Wirken immer öfter von realpolitischen Erfordernissen prägen und erlag an vielen Stellen den Versuchungen von Macht und Reichtum. Auch erschwerte sie nicht selten den wissenschaftlichen Fortschritt. Der Zusammenbruch des römischen Bildungssystems, Bibliothekswesens etc. war jedoch v.a. bedingt durch den Zusammenbruch der politischen und ökonomischen Infrastruktur. Noch lange Zeit nach dem Untergang Westroms sah sich Europa mit enormen Herausforderungen konfrontiert: Völkerwanderung, Integration der Germanen und Slawen, zermürbende Konflikte mit Nordmänner, Sarazenen, Magyaren. Man hatte auch keine städtischen Ballungszentren und keine ausreichend ausgebaute bzw. intakte Infrastruktur - eine unerlässliche Basis für eine umfängliche Wissenschaftskultur.

Bildung wurde in der christlichen Urgemeinde hoch geschätzt. Die Patristik führte die geistige Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philosophie auf höchstem Niveau. Gerade dies fand in den vielen anderen Kulten jener Zeit kaum statt und war einer der Gründe dafür, dass das Christentum so viel Zuspruch in den gebildeten Eliten fand. Sowohl die ursprünglichen christlichen Ideen wie auch das antike Bildungserbe lebte dann nach Konstantin zunächst v.a. in den oft in Opposition zur institutionellen Kirche gegründeten Klöstern fort. Bibliotheken waren häufig jedoch auch an ganz normale Kirchen angeschlossen. Die Kloster- und Domschulen wurden dann zur Plattform der Wissensvermittlung. Aus ihnen ging schließlich die Universität als organisierte Hochschule hervor. Sie stellt ein weltgeschichtliches Novum dar, gilt als „europäische Institution par excellence“

Dies hatte jedoch eine gesellschaftliche Konsolidierung zur Voraussetzung. Von etwa 990 an breitete sich von Cluny ausgehend eine monastische Reformbewegung aus, die zur Basis eine allgemeinen Aufschwungs in sowohl geistlicher wie auch kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht wurde – Winkler nennt sie die „Cluniazensische Friedensbewegung“. Sie kritisierte Macht- und Besitzstreben im kirchlichen Raum ebenso, wie die endlosen Rivalitäten der weltlichen Herrscher. Eine vertiefte Laienfrömmigkeit zog immer weitere Kreise. Adelige beeideten, Klerus, Händler und Bauern nicht mehr in ihre Fehden einbeziehen zu wollen. Kirchen wurden neu instandgesetzt. Wallfahrten boomten, insbesondere auch nach Jerusalem. Diese Pilgerbewegung verbreitete zusätzlich die Reformideen.

Der Autor dazu in einem Essay zum Thema: „Gleich von welchem Ausgangspunkt her gehörte die Mitarbeit am Frieden und geordneten Rechtsverhältnissen immer zur Aufgabenstellung der Kirche. Die Idee des Gottesfriedens wurde danach von staatlichen Instanzen aufgenommen. Die weltliche Macht erließ entsprechende Richtlinien und setzte sich für deren Durchführung ein, wobei man in Deutschland auf besser funktionierende Behörden zurückgreifen konnte. Dadurch begann ein wirtschaftlicher Aufstieg. Die Bevölkerung wuchs. Es entstand ein vermehrter Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten, Kleinwirtschaft und die unfreien Schichten gewannen an sozialer Geltung. Dem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg entsprach auch ein künstlerischer und geistiger Aufstieg. Dieser zeigte sich in der Baukunst, der Literatur und der Theologie.“

Die Reformideen fanden sowohl bei kirchlichen wie auch bei weltlichen Machthabern Anklang und bedingten zunächst ein neues Maß an Kooperation. Papst Gregor VII. war beseelt von den Cluniazensischen Idealen. Nicht zuletzt um Ämterschacherei und Intrigen zu entgegen, aber auch aus dem Verständnis der Kirche als jeder weltlichen Macht gegenüber autonom drang er auf die Investitur. Im „Dictatus Papae“ von 1075 erhob er den Anspruch, Bischöfe einzusetzen und darüber hinaus weltliche Herrscher notfalls abzusetzen. Aus dem nun einsetzenden Streit ging die Kirche gestärkt hervor. Die Weichen zur Klerikerkirche waren gestellt. Aber auch für die Trennung von Kirche und Staat wurde der entscheidende Impuls gesetzt. Kirchliches und weltliches Recht entwickelten sich nun auseinander.

Mit der, wie Winkler es in Anlehnung an den Rechtshistoriker Harold J. Berman nennt - „Papstrevolution“ war gewissermaßen der Bann gebrochen und das emanzipatorische Potenzial des Christentums konnte sich in wachsendem Maße Durchbruch verschaffen. Der Autor spricht von einer „welthistorische Bedeutung dieser Urform der Gewaltenteilung“.

„Im Bereich der Ostkirche, also von Byzanz, hat es eine dem Westen vergleichbare Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt nicht gegeben, und ebensowenig eine andere frühe Form von Gewaltenteilung: die Trennung von fürstlicher und ständischer Gewalt. Die britische Magna Charta Libertatum von 1215 ist das bekannteste Dokument dieser Trennung weltlicher Gewalten. Von den mittelalterlichen Gewaltenteilungen zur modernen Gewaltenteilung im Sinne von Montesquieu, der Trennung von gesetzgebender, ausübender und rechtsprechender Gewalt, war es noch ein weiter, konfliktreicher Weg. Aber die historische Kontinuität zwischen den verschiedenen Stufen der Gewaltenteilung ist doch offenkundig: Die moderne Form der Gewaltenteilung verbreitete sich dort, wo es zuvor die mittelalterlichen Gewaltenteilungen gegeben hatte: im Westen.“

Mit ganz anders geartetem emanzipatorischem Anspruch traten dann Humanismus, Reformation und Aufklärung auf. Der Renaissance-Humanismus machte sich frei von der geistigen Bevormundung der Kirchen, der für seine Vertreter gerade aus christlicher Sicht jede Legitimation fehlte und sah in der vormittelalterlichen geistigen Weite und Freiheit ihr Ideal. Ebenso die Reformation mit dem Fokus auf das Geistliche und die Bibel. „Der Humanismus der Renaissancezeit, so der Autor, „setzte einer erstarrten Scholastik eine freie, aus dem antiken Erbe gespeiste Geistigkeit entgegen. Die Reformation und die Aufklärung stellten die zeitgenössische katholische Kirche im Namen des Evangeliums, also durch Rückgriff auf das ursprüngliche Christentum, in Frage und spaltete damit den Okzident. Die Aufklärung rief alle Kirchen und weltlichen Ordnungen vor den Richterstuhl der Vernunft. Auf das Evangelium beriefen sich die meisten Aufklärer nicht, aber sie konnten aufbauen auf dem, was es an Selbstaufklärung oder, um den deutschen Philosophen Oswald Schwemmer zu zitieren, an „geistiger Selbst-Säkularisierung avant la lettre“ im Christentum seit dem 11. Jahrhundert gab.“

Wenn von der progressiven Dynamik, die das Christentum entfaltete die Rede ist, dürfen nicht die großen Verwerfungen übersehen werden, die so gar nicht in das Bild des „normativen Projekts des Westens“ passen wollen: Kreuzzüge und Inquisition. Eroberung der Neuen Welt mit ihren ungezählten Opfern in der indigenen Bevölkerung und 30-jähriger Krieg. Dennoch – die Schlüsselideen der neutestamentlichen Botschaft waren nicht mehr aus der Welt zu schaffen und immer aufs Neue standen Menschen wirkungsvoll gegen solche verheerenden Entwicklungen auf und beriefen sich auf diese.

So etwa der spanische Dominikaner Francisco de Vitoria, in dem der Autor den Begründer des Völkerrechts sieht. Basierend auf Berichten seines Ordensbruders Las Casas kritisiert er die spanische Eroberungspraxis im südlichen Amerika: „Die Spanier sind die Nächsten der Barbaren, wie aus dem Gleichnis des Samariters im Evangelium hervorgeht. Sie sind daher verpflichtet, die Nächsten wie sich selbst zu lieben.“ Balthasar Ayala, ebenfalls spanischer Spätscholastiker knüpft bei Vitoria an, desgl. dann Alberica Gentili , der Jesuit Francisco Suarez, schließlich der Niederländer Hugo Grotius.

Ganz erheblichen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung im Großbritannien des 17. Jahrhunderts hatten die puritanischen Pilger bzw. Siedler, die zunächst - oftmals aufgrund der Verfolgung, der sie ausgesetzt waren - nach Nordamerika ausgewanderten und ihre Gemeinwesen dort entsprechend der Covenant-Idee organisierten bzw. verfassten. 1620 wurde von Kongregationalisten die Plymouth Colony gegründet und demokratisch verwaltet; ebenso die Massachusetts Bay Colony und die 1636 von dem Baptisten Roger Williams gründete Rhode Islands Colony. William Penn gründete die Kolonie Pennsylvania, ein - wie er es zu nennen pflegte - „heiliges Experiment“. Das Regierungssystem sollte auf christlicher Brüderlichkeit und Freiheit beruhen und zeichnete sich durch integrative Offenheit für Siedler aller religiösen Colleur und gegenüber den Indianern aus. Mit seinem ungewöhnlich liberalen Wahlrecht und der vollen Religionsfreiheit setzte der Quäker Penn neue Maßstäbe.

Die Führenden Köpfe dieser Kolonien publizierten ihre Ideen bald auch in England. Als das Klima auf der Insel umschlug, wanderten viele Kolonisten zurück und setzten sich dort für das politisch erfolgreich erprobte Modell "Neuengland" ein.

Auch John Locke, der als einer der wirkmächtigsten Vertreter der frühen Aufklärung gilt, wuchs in puritanischem Umfeld auf und war von den neuen Idee der unabhängigen Gemeinden beeinflusst. Bei aller philosophischen Reflexion hielt er an die Verbalinspiration der Bibel fest. Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung der USA, der französischen Verfassungsentwurf von 1791 sowie die gesamte Entwicklung des bürgerlich-liberalen Staatstheorie bis in die Gegenwart fußen maßgeblich auf Lockes Gesellschaftsphilosophie.

„Der Kampf der Aufklärung gegen die Kirche verstellt nur zu leicht den Blick auf das,was die Aufklärung mit dem Christentum verbindet. Ohne Aufklärung keine Erklärung der Menschenrechte, kein Rechtsstaat, keine Demokratie, kein Liberalismus: Dieser historische Zusammenhang ist unbestritten. Aber wenn die Aufklärung ohne ihre christliche Vorgeschichte nicht zu erklären ist, dann trifft das auch für die politischen Folgerungen zu, die Ende des 19. Jahrhunderts aus der Aufklärung gezogen wurden – erst in den nordamerikanischen Kolonien der britischen Krone und dann in Frankreich. Die Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 waren sich dessen bewußt, als sie die „selbstverständlichen“ Wahrheiten verkündeten, „daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“.

Auch das „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution, so der Autor, speiste sich aus dem „revolutionären Potential der christlichen Botschaft“. Wie selbst der russische Anarchist Pjotr Alexejewitsch Kropotkin in seinem Werk "Die französische Revolution" konzediert, war das französische Volk alles andere als dem "katholischen Kult" und der gängigen christlichen Lehre abholt, trotzdem der Zorn auf den bigotten Klerus groß war. Eher schon sieht er dies im elitären Bürgertum, jener Zeit, das allerdings zu weiten Teilen weit eher von der Aussicht auf eine liberale Wirtschaftsordnung motiviert gewesen sei, als von heeren Menschenrechtsideen. Dies zeigte sich schon bald in der Gesetzgebung der Nationalversammlung, die den Einbezug der Massen verweigerte und deren Belange und Interessen weitgehend ignorierte.

Dass sich Kontinentaleuropa, insbesondere Deutschland mit der Etablierung demokratischer Strukturen so schwer tat, hatte viel mit der „aufgeklärten“ Erstarrung der evangelischen Theologie und des evangelischen Christentums zu tun. Wie Thomas Nipperdey in seinem monumentalen Werk zur deutschen Geschichte äußerst detailreich herausarbeitet, sah sich die Kirche hier immer weniger in ihrer klassischen Funktion als Heilsvermittlerin zunehmend als Hort und Bastion einer überlegenen Kultur und Moral. Dies verschmolz mit dem sich im Anschluss an die Französische Revolution ausbreitenden Nationalismus (Selbstbestimmung der Völker in Abgrenzung zur nationenübergreifenden Herrschaft der Monarchen). Deutsch sein hieß protestantisch sein, hieß völkische Einheit und Verbundenheit statt Parteiengezänk, hieß sittliche Reinheit und kulturelle Größe, statt amerikanischer oder französischer Dekadenz. Hier liegt eine jener interessanten historischen Paradoxien: im katholischen Raum hatte man sich im 19. Jh. weit eher mit weltanschaulichem und gesellschaftlischem Pluralismus ausgesöhnt und brachte sich dann mit der Zentrumspartei in den politischen Wettstreit ein.

„Die Demokratie“, so der Autor, „ist eine westliche Errungenschaft. Aber es dauerte lange, bis sie sich im Westen durchsetzte. Nehmen wir das Beispiel Deutschland. Es war nicht nur ein Teil des Okzidents, sondern hatte ihn entscheidend mitgeprägt. Dennoch wehrten sich die deutschen Führungsschichten lange gegen die volle Anerkennung der politischen Ideen des Westens, der Ideen vor allem der amerikanischen und der französischen Revolution. Auf die Revolution von unten antwortete Deutschland mit dem Leitbild der „Revolution von oben“, der durchgreifenden Reformen durch den Staat und nicht durch das Volk. Der Erste Weltkrieg wurde auf ideologischer Ebene von deutscher Seite als Kampf der „Ideen von 1914“ gegen die „Ideen von 1789“ geführt, wobei „1914“ für einen starken Staat stand, der die deutsche Kultur der Innerlichkeit vor der angeblich materialistischen Zivilisation des Westens schützen sollte. Der Höhepunkt der deutschen Auflehnung gegen den Westen war die Herrschaft des Nationalsozialismus. Offenbar bedurfte es dieser Erfahrung, um den tiefsitzenden Ressentiments der deutschen intellektuellen Eliten endgültig den Boden zu entziehen.“

Das Werk des linksliberalen Historikers setzt ohne Zweifel Maßstäbe. Geschichtsschreibung überwältigt oft mit Detailkenntnis und Faktenreichtum. Winkler liefert jedoch mehr als das - er versteht es meisterhaft, große Zusammenhänge und Entwicklungsstränge herauszuarbeiten. Zu Recht lobt ihn die ZEIT in einer Rezension: „Winklers monumentale Geschichte des Westens ist ein Produkt reifer Gelehrsamkeit – souverän in der Darstellung, umsichtig im Urteil, zupackend in den Formulierungen. Kein Zweifel: Das Werk wird, wenn der abschließende dritte Band vorliegt, zu den wichtigsten zählen, welche die transnationale Geschichtsschreibung seit 1945 hervorgebracht hat.“


Das Zeitalter der Erkenntnis: Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute
Das Zeitalter der Erkenntnis: Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute
Preis: EUR 15,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Neuroaesthetik in Aktion, 7. Oktober 2013
Für Kandel nimmt die moderne Erforschung von Gehirn, Psyche und Geist ihren Anfang im Wien des Fin de siècle. Nach recht eindimensionalen naturalistischen Tendenzen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts sei ein ganz neues Bewusstsein für die Komplexität der psychischen und kognitiven Ausstattung des Menschen sowie im Bereich der Wissenschaft erste Ahnungen die Vielschichtigkeit neurophysiologischer Abläufe betreffend erwacht. Dies schlug sich nieder in der Psychologie Breuers und der Psychoanalyse Freuds, dem literarischen Werk Schnitzlers und Musils, der Malerei des Impressionismus und noch stärker des Expressionismus. Drei Künstler faszinieren Kandel besonders:

„Ich habe mich auf Klimt, Schiele, Kokoschka konzentriert, weil ihre Arbeit so offensichtlich unter dem Einfluss der Naturwissenschaften stand; weil ihre Bilder die Erkenntnis reflektieren, dass der menschliche Verstand nicht rational funktioniert, sondern von tiefer liegenden sexuellen, aggressiven Trieben gesteuert wird. Unabhängig voneinander entdeckten Sigmund Freud , Arthur Schnitzler und die drei Maler die Bedeutung des Unterbewussten. Ich vermute, Carl von Rokitansky hatte sie beeinflusst, der brillante Präsident der Wiener Universität. Schriftsteller, Ärzte, Künstler, Wissenschaftler saßen damals in Kaffeehäusern zusammen und erfanden so die interdisziplinäre Forschung, die unsere Wissenschaft seitdem prägt.“

Die Interdisziplinarität fand dabei auch auf beeindruckende Weise Niederschlag in einzelnen Persönlichkeiten; so etwa beim erwähnten Rokitansky, der Pathologe, Anatomie-Professor, Politiker und Philosoph war, oder bei Robert Musil, Maschinenbau-Ingenieur, Theaterkritiker und Schriftsteller.

Gustav Klimt , Oskar Kokoschka , Egon Schiele waren naturwissenschaftlich interessiert, beschäftigten sich mit Biologie, Medizin, Psychologie. Klimt verlässt mit seinen Gemälden bewusst den Realismus des 19. Jh. und setzt auf die Symbolkraft seiner Darstellungen. Dabei ist er inspiriert von der byzantinischen Kunst, wie sie ihm im italienischen Ravenna begegnet war, aber auch von den naturgegebenen Mustern des Lebens, welche die zeitgenössische Biologie, etwa in Form von Zellstrukturen zutage fördert.

Klimt und Schiele schaffen mitunter auf den ersten Blick obszön wirkende Darstellungen weiblicher Sexualität, vermitteln aber auf den zweiten Blick eine so dichte, psychologisch vieldeutige Atmosphärik, dass das vordergründig körperliche transparent wird, in den Hintergrund tritt. Die großen Themen - Liebe, Leidenschaft und Tod - werden holzschnittartig expressiv und doch nuanciert und facettenreich verarbeitet. Kokoschka wird zum Meister der Porträtkunst, in der er versucht, das Innenleben der Porträtierten durch Anklänge an die Karikatur auf die Leinwand zu bannen. Er prahlt damit, eine solche Fähigkeit zur seelischen Tiefenschau entwickelt zu haben, dass er imstande gewesen sei, seinen Modellen ihr Lebensschicksal vorherzusagen.

Dass die Kunst wissenschaftliche Einsichten rezipiert war dabei grundsätzlich nichts Neues. Sie tat dies bereits in der Renaissance – man denke nur an Leonardo da Vinci. Umgekehrt entdeckt nun aber auch die (Natur-)Wissenschaft in wachsendem Maße die Kunst und Kunstgeschichte als Forschungsfeld. In der Gegenwart geschieht dies in besonderer Weise durch die Neuroästhetik, der sich Kandel im weiteren Verlauf des Buches widmet.

Der Autor veranschaulicht die Abläufe bei der Verarbeitung visueller Bilder, schildert welche Hirnareale die Gesichtserkennung organisieren, gibt Einblick in zellulare und molekularen Gedächtnismechanismen, schildert die neuronalen Grundlagen des emotionalen Erlebens, beschreibt neurophysiologisch messbare Reaktion auf Schönheit und Hässlichkeit uvam.

Natürlich steckt die Neuroästhetik - mit ihren Teilgebieten Wahrnehmungspsychologie, Evolutionsbiologie, neurophysiologische Forschung im engeren Sinne - noch in den Kinderschuhen. Neuroästhetik vermag da und dort zu erklären, was optische oder akustische Reize auslösen und wie Künstler dies intuitiv nutzten. So fokussiert bspw. unsere Wahrnehmung gern den Bereich links vom Mittelpunkt eines Bildes. Genau dies findet sich in den Gemälden von Malern wie Miro, Goya, Ingres berücksichtigt. - Bereits seit Jahrhunderten gelingt es Malern, mithilfe der Zentralperspektive Dreidimensionalität auf eine zweidimensionale Leinwand zu zaubern. - Die meisten Objekte vermitteln sich problemlos auch in Seitenlage oder auf dem Kopf stehend - nicht jedoch Gesichter. - Das Phänomen der Kippfigur verdeutlicht plastisch das von Künstlern oft bewusst in subtilerer Weise eingesetzte Prinzip der Mehrdeutigkeit. Dabei wiederum wird überdeutlich, wie sehr die Rezeption von Kunst von den Dispositionen des Betrachters abhängt. Sehr grundsätzliche Fragen stellen sich hier: Arbeitet das Gehirn beim Erleben von Schönheit und Kunst eher rezeptiv oder konstruktiv?

Die Suche nach universellen Gesetzmäßigkeiten des Schönheitsempfinden sieht sich mit vielen weiteren ungelösten Fragestellungen konfrontiert. Warum ist das Gefühl für das Ästhetische in Kulturen und Epochen oft so verschieden? Wie ließe sich die Evolution des ästhetischen Empfindens erklären? Bisherige Ansätze wirken hier nicht sehr überzeugend. Bei menschlicher Schönheit etwa sei die Nähe zum Durchschnitt der Maße entscheidend, weil dies Gesundheit signalisiere und so den Nachkommen selektive Vorteile sichern würde. Doch lässt sich unsere Sensibilität für oft feinste Nuancen tatsächlich mit so groben Schemata erklären?

Bei Landschaftssujets falle auf, dass Flussläufe und Seen besonders schön empfunden werden, da sich hier in der realen Welt die für das Leben zuträglichsten Bedingungen finden. Klingt plausible. Doch woher rührt dann unsere Faszination für die lebensfeindlichen, kargen Bergwelten der Hochgebirge, für Wüsten, Unterwasserwelten, gar für den Blick in intergalaktische Weiten? - Bildgebende Verfahren machen deutlich, dass es beim Betrachten der oft geschmähten abstrakten Kunst zu weit stärkeren neuronale Aktivitäten kommt, als beim Betrachten klassischer, gegenständlicher Werke. Doch was sagt uns das über die Rezeption der Aussage, der Inhalte eines Kunstwerkes durch den Betrachter?

Wirklich überzeugend ist Kandel bei seinem Versuch, den Leser von Wert und Nutzen seines Forschungsgebietes für die Arbeit des Künstlers zu überzeugen nicht. Malern rät er zur Farben- und Formenvielfalt. Dies würde die neuronalen Aktivitäten ebenso befeuern, wie die Arbeit mit Gesichtern. Nun ja... Wie so oft verkennt die naturwissenschaftliche Perspektive auch hier, dass sich im menschlichen Geistesleben eine völlig neue Welt auftut, die zwar biophysikalische Abläufe zur Grundlage haben mag, die aber letztlich doch ganz anderen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Ein wesentliches Charakteristikum von Kunst ist das Unintendierte und Ursprüngliche. Natürlich ist Kunst immer auch Handwerk doch durch ein Zuviel an Effekthascherei verliert sie eher. Es gibt allerdings auch Bereiche, wo neuroästhetische Erkenntnisse durchaus Beachtung finden: Bei der Gestaltung musealer Räumlichkeiten, der Ausrichtung von Ausstellungen usw.

Eine Synthese von Kunstwissenschaft, Psychologie und Hirnforschung zeichnet sich bei der Lektüre des Buches nicht ab. Doch zweifellos vermag ein gegenseitiger Austausch zu bereichern und zu inspirieren. Die Wiener Boheme des angehenden 20. Jh. kann hier neu als Modell entdeckt werden. Die gegenwärtige arrogante Abgrenzung der Naturwissenschaften von den Geistes- und Humanwissenschaften, sowie die entsprechenden Gegenreaktionen seitens der Letzteren, die sich einer kontinuierlichen Vernachlässigung ausgesetzt sehen, ist kontraproduktiv.


Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist
Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist
von Thomas Nagel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

98 von 119 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "A Darwinist Mob Goes After a Serious Philosopher", 7. Oktober 2013
... so titelte die "New Republic" über einer Rezension zu Nagels "Mind and Cosmos" von Leon Wieseltier. Selten schlug ein wissenschaftstheoretisches Werk in jüngerer Vergangenheit solch hohe Wellen. Thomas Nagel, ein atheistischer, linksliberaler Philosoph, noch dazu einer der renommiertesten und populärsten der USA, sagt das Ende des Materialismus und des Darwinismus in heute gängiger Form voraus. Naturalisten, Materialisten, besonders ostentative Atheisten, toben und ergehen sich z.T. in wütenden Beschimpfungen. "Schäbig" seien Nagels Gedanken, "Mitglied einer reaktionären Bande" sei er.

Dabei wäre es ganz und gar nichts Neues, dass sich ein eindimensionaler Naturalismus bzw. Materialismus als Blockade erweist. Zuletzt konnte man das am Anfang des letzten Jahrhunderts beobachten. Die entscheidende Frage war, ob es eine Grundordnung des Seins gibt, die noch bestimmender für das Geschehen in der materielle Welt ist, als die sich aus der physikalisch-chemischen Eigenschaftlichkeit der Dinge ergebenden Wechselwirkungen. Genau diese Sicht der Dinge, sei es in Form eines spinozistischen Weltbildes wie bspw. bei Einstein oder in der eines theistischen wie bspw. bei Planck, war Voraussetzung für die wissenschaftlichen Einsichten, die der festgefahrenen Physik des auslaufenden 19. Jh. zu einem neuen Durchbruch verhalfen.

Ein ähnliches Bild in der Mathematik jener Epoche. Die Konstruktivisten bzw. Positivisten - Hilbert, Russell, Frege - hatten sich mit ihrer Suche nach rein konstruktivistischer Konsistenz festgefahren. Wieder war es jemand, der imstande war, sich eine ebenso unser unmittelbares Denken wie auch die empirischen Muster über- oder hintergreifende Ordnung vorzustellen, der den gordischen Knoten durchschlug: der religiös geprägte Mathematiker Kurt Gödel (Stichwort Unvollständigkeitssätze).

Nagel macht deutlich: Von Antworten in Bezug auf die großen Fragezeichen der Naturwissenschaft - Universum aus dem Nichts, Naturgesetze, Feinabstimmung der Naturkonstanten, Entstehung von Leben aus toter Materie, Entstehung von Bewusstsein - sind wir nach wie vor meilenweit entfernt und es ist auch nicht vorstellbar, wie im materialistischen Paradigma Auswege aus dieser Sackgasse zu finden sind.

Ist Leben, ist gar Bewusstsein reduzierbar auf physikalische Abläufe? Das behaupte ja niemand, sagen einige der Gegner Nagels. Leben sei gegenüber den zugrunde liegenden physikalisch-chemischen Prozessen "emergent"; Bewusstsein gegenüber der zugrunde liegenden Bio- bzw. Neurochemie. So gibt es also keine Rückführbarkeit? - fragt Nagel zurück. Und sofort wird das Dilemma deutlich. Der Begriff der "Emergenz" kaschiert nur klaffende Erklärungslücken in den Theoriegebäuden - zur Klärung beitragen kann er so gut wie nichts.

Doch nicht nur um die Frage, wie Bewusstsein entsteht, geht es. Im Evolutionsprozess ist die treibende Kraft der Druck zur bestmöglichen Anpassung einer Spezies an die Umwelt. Mutation und Selektion - erweitert durch den Horizont, den die moderne Molekularbiologie eröffnet - sind die Mechanismen, durch die sich diese Entwicklung vollzieht. Dass Evolution menschliches Bewusstsein mit einem Denkapparat, der eine cleverere Gefahrenabwehr, Nahrungsversorgung u.ä. ermöglicht hervorbringt, wäre rein formallogisch noch nachvollziehbar. Wie aber erklärt sich eine neurophysiologische Ausstattung, mit der es möglich ist, so etwas wie die Brandenburgischen Konzerte zu komponieren, die Infinitesimalrechnung oder Hegels Phänomenologie des Geistes" zu entwickeln?

Wie, so fragt Nagel, kann die Evolutionstheorie erklären, dass der Mensch eine Vorstellung von objektiver Wahrheit und moralischen Absoluta entwickelt? Bezeichnenderweise wird beides nicht selten von naturalistischer Seite bestritten. Es gäbe keine Objektivität, sondern nur subjektiv konstruktivistische Sichtweisen. Dass Paradoxon, das im objektiven Geltungsanspruch einer solchen Aussage liegt, übersieht man. Ebenso kann keine auf Selbst- oder Gruppenerhalt abstellende Theorie des Altruismus - der sich so, wie fast alles, das menschlichen Leben Sinn und Wert verleiht, als listig verkappter Egoismus darstellt - erklären, warum die Selbstlosigkeit bspw. eines Maximilian Kolbe, Menschen zeit- und kulturübergreifend Respekt abnötigt.

Oft ist im Zusammenhang mit Nagel von einer aristotelischen Renaissance die Rede. Viel eher erinnern Nagels Gedanken jedoch an Hegel oder Schelling. Geist bzw. eine geistige Ordnung als der Materie gegenüber ursprünglicher anzusehen, macht durchaus Sinn. Noch einmal zum Bsp. Relativitätstheorie: Bewegte Objekte schrumpfen, bewegte Uhren gehen langsamer, mit zunehmender Geschwindigkeit vergrößert sich die Masse - physikalische Eigenschaften verändern sich also einzig um des Erhalts einer universellen Ordnung willen. Im Paradigma des damaligen Materialismus hätte man auf derartiges wohl kaum kommen können und die ersten Reaktionen waren dementsprechend.

Nagel bleibt bezüglich der Alternativen zum reduktionistischen Naturalismus im Vagen. Wenn er von Teleologie redet, denkt er offenbar an eine Art Tendenz zur Komplexitätssteigerung, die sich im Rahmen sonstiger Naturgesetzlichkeit im Kontext des jeweils Möglichen verwirklicht. Solche "Tendenzen" gibt es in der Physik auch andernorts. In der Thermodynamik ist, wie der Physiker Ludwig Boltzmann es einst ausdrückte, der zweite Hauptsatz vom molekulartheoretischen Standpunkte ein bloßer Wahrscheinlichkeitssatz" In der Quantenmechanik sind die Positionen der Elektronen unbestimmt; es gibt lediglich eine größere Aufenthaltswahrscheinlichkeit im Bereich der sog. Orbitale. An anderen Stellen im Buch deutet Nagel die Idee einer noch darüber hinaus gehende Zielorientierung und Sinnrealisierung an, etwa wenn er von einer "kosmischen Prädisposition der Entstehung von Leben, Bewusstsein und den Werten, die sich davon nicht trennen lassen" redet.

H. Allen Orr, einer der renommiertesten Evolutionstheoretiker unserer Tage, geht in seiner Rezension in der New York Review of Books" mit Nagel insgesamt nicht konform, gesteht aber zu: "It could turn out that teleological laws affect how the universe unfolds through time. While I suspect some might regard such heterodoxy as a crime against science, Nagel is right that there's nothing intrinsically unscientific about teleology. If that's the way nature is, that's the way it is, and we scientists would need to get on with the business of characterizing these surprising laws. Teleological science is, in fact, more than imaginable."

Dgl. ist für naturalistische Dogmatiker ein Sakrileg. Der Atheist Nagel kann noch so oft betonen, dass er keinen theistischen Standpunkt vertritt, dass er nicht Intentionalität" meint, wenn er Teleologie" sagt - es nützt nichts. Zu sehr scheinen seine Argumente den Theisten, dem Intelligent Design gar, in die Hände zu spielen. Und Nagel, als Freidenker nur der Wahrheit verpflichtet und nicht bereit, sich irgendwelchen PC-Geboten zu beugen, macht i.d.T. deutlich, dass er zwar den Design-Ansatz nicht teilt, ihn aber für legitim und das pauschale ID-Bashing für unseriös hält.

Die Stärke von Nagels Buch liegt in der Herausarbeitung der Fragestellungen, die sich einer Beantwortung im Paradigma eines eindimensionalen Naturalismus entziehen. Dass er selbst keine ausgearbeiteten Antworten zur Hand hat, macht der Autor von vornherein deutlich. Er skizziert in welche Richtung diese aus seiner Sicht gehen müssten. Wirklich überzeugend ist er diesbezüglich nicht. Dennoch - ein revolutionäres Buch, welches das oft allzu selbstgefällige wissenschaftliche Establishment gehörig aufmischt und dem Leser viel Stoff zum Nachdenken bietet.
Kommentar Kommentare (29) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 5, 2014 4:46 AM MEST


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