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Die Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika
Die Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika
Preis: EUR 22,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der amerikanische (Alp-)Traum, 25. August 2014
In "The Unwinding" beschreibt und kritisiert der Journalist und Schriftsteller George Packer anhand der Biografien verschiedener US-Amerikaner innergesellschaftliche Entwicklungen der letzten 35 Jahre. Das Buch wird regelmäßig mit der in den 1930ern veröffentlichten U.S.A.-Trilogie von John Dos Passos verglichen. Das ist nur bedingt nachvollziehbar. Dos Passos war gewissermaßen die amerikanische Antwort auf James Joyce und Robert Musil. "Die Abwicklung" hingegen hat eher dokumentarischen bzw. Sachbuch-Charakter.

Im Mittelpunkt des Buches stehen drei reale, der Öffentlichkeit – bisher - kaum oder gar nicht bekannte Personen: Jeff Connaughton, Dean Price, Tammy Thomas.- Jeff Connaughton startete seine Karriere im Finanzbereich. Später war er ein Jahrzehnt lang Mitstreiter des Senators Joe Biden, den er bereits seit der Uni kannte und verehrte. Nach dem Job in dessen Wahlkampfteam wurde er Mitarbeiter im Rechtsausschuss des Senats. Danach wechselte er ins Rechtsberater-Team Bill Clintons. Connaughton der auch im Stab des Weißen Hauses ein Biden-Promoter blieb, setzte auf dessen Unterstützung, als sein Vorankommen ins Stocken geriet. Er musste schließlich aber enttäuscht feststellen, dass Biden seine Loyalität nicht erwiderte. Nach Ausscheiden aus dem Stab begann er, als Lobbyist Karriere zu machen, u.a. im Dienst von Quinn Gillespie & Associates, eine Agentur, die so zweifelhafte Klienten wie Laurent Gbagbo, Ex-den Präsidenten der Elfenbeinküste vertrat. Begann er desillusioniert vom Politikbetrieb seine eigenen Ideale zu verraten? - Nach Ausbruch der Finanzkrise entdeckte er diese jedenfalls neu. Im Stab Kaufmans, des Nachfolgers von Biden im Senatorenamt, arbeitete er in einer Kommission mit an Reformvorschlägern für den Finanzsektor. Doch nun musste er erleben, wie deren Umsetzung an der Macht der Wallstreet- und Industrie-Lobbyisten - in deren Reihen er zuvor selbst tätig war - scheiterte. Er beschloss entgültig aus der Politik auszusteigen und schrieb ein Buch mit dem Titel „The Payoff: Why Wall Street always Wins“.

Dean Price wuchs in North Carolina in einer Familie von Tabak-Farmern auf. In den 1990ern erlebte er den Niedergang der in der Region angesiedelten Industrie. Er versuchte sein Glück mit Fastfood, Shops und Tankstellen. Die Dieselknappheit infolge des Hurrikans Katrina brachte Price auf die Idee in Biodiesel zu investieren. Eine geniale Sache, wie er fand – im großen Maßstab umgesetzt, würde dies sowohl den einheimischen Landwirten nützen, als auch die Unabhängigkeit vom Erdöl vergrößern. Price und Partner starteten eine Diesel-Produktion aus lokal angebautem Raps. Den Verkauf erprobten sie an eigenen Tankstellen. Diese Pionierleistung machte ihn bis ins Weiße Haus bekannt. Die Politik begann schließlich die Produktion von Bio-Kraftstoff gezielt zu fördern. Price selbst war dann einer der vielen, die während der Finanzkrise geschäftlich ins Straucheln gerieten. Er musste Insolvenz anmelden und verlor sein Biodiesel-Unternehmen. Immerhin versuchte Price es schließlich mit einer Unternehmung, bei der Kraftstoff für Schulbusse aus Fritieröl gewonnen wird.

Tammy Thomas, Afroamerikanerin aus Youngstown, Ohio erlebte bereits von Ende der 1970er Jahre an den Niedergang ihrer von der dortigen, in die Krise geratenen Stahlindustrie abhängigen Region. Ihre Stadt verlor rapide an Einwohnern - 1970 waren es 140.000, 1980 95.000, 2010 nur noch 67.000. Nur eins boomte noch - die Kriminalität. Sie kämpfte dennoch. Trotzdem sie schon als Teenager ihr erstes Kind bekam, brachte sie die High-School zu Ende - als erste ihrer Familie. Sie qualifizierte sich für den Berufseinstieg, wollte auf keinen Fall von staatlicher Unterstützung abhängig sein. Sie gönnte sich keine Ruhe, bis sie 1988 beim GM-Zulieferer Packard Electric Arbeit fand. Doch nachdem Delphi Automotive ihre Firma übernahm, kam es bald zu Produktionsverlagerungen nach Mexiko. Dies bedeutete Schließung der meisten US-Standorte einschließlich Youngstown im Jahr 2006. Tammy Thomas wurde arbeitslos. Von ihrer Abfindung finanzierte sie eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin. Ihr Aufgabenfeld ist nun die Betreuung von Bürgerinitiativen, die versuchen, dem Verfall des städtischen Lebens in Youngstown etwas entgegenzusetzen.

Typisch amerikanische Lebensläufe – Menschen die einst mit Idealen, Kreativität und hoher Leistungsbereitschaft starteten und bereit waren, ihr Potenzial voll einzubringen. Doch irgendwie gestaltete sich das gesellschaftliche Umfeld mehr und mehr so, dass sie von Plan B, in Plan C und D gerieten oder gar mit absoluten Notlösungen ihr Überleben sichern müssen. Diese Geschichten illustrieren, so Packer in einem Interview, das Ende eines ungeschriebenen gesellschaftlichen Konsens; eines Vertrages, der besagte: „wenn du hart arbeitest, wenn du ein guter Bürger bist, wird immer ein Platz für dich da sein und zwar nicht nur im wirtschaftlichen Sinne: du wirst ein sicheres Leben haben, deine Kinder haben die Chance auf ein besseres Leben und du wirst immer als ein Bestandteil des nationalen Gefüges sein.“

Eingeflochten in die biografischen Erzählstränge sind ebenfalls Schilderungen des Werdegangs von Prominenten, u.a. Newt Gingrich, Oprah Winfrey, Sam Walton (WALMART), Colin Powel, Jay-Z. Sie alle stehen symbolisch für bestimmte charakteristische Entwicklungen in der US-amerikanischen Gesellschaft, so etwa Newt Gingrich für einen militanten und emotionsgeladenen Politikstil oder Oprah Winfrey für eine ins Absurde gesteigerte Selfmade-Mentalität. Walton repräsentiert eine nie zuvor dagewesene Wohlstandsspreizung. Die sechs Erben des Supermarktimperiums kontrollierten 2011 ein Vermögen von fast 70 Milliarden Dollar. Das ist so viel, wie die gesamten unteren dreißig Prozent der US-Gesellschaft an Vermögen besitzen.

Wo liegt die Ursache dieses Auseinanderdriftens der Gesellschaft? Der Autor sieht solche Zyklen in der gesamten US-amerikanischen Geschichte. Immer wieder müsse erst die Talsohle erreicht sein, bevor man sich auf einen Neuanfang besinnt. Den Ursprung des derzeitigen gesellschaftlichen Niedergangs verortet er in der neoliberalen Wende, betrieben nicht zuletzt durch die Politik Ronald Reagans. Den Menschen im Allgemeinen misst er wenig Verantwortung zu. Sie seien eben wie sie sind – vorteilsbedacht und nur bedingt sozial und moralisch. Deshalb bedürfe es starker Institutionen und genau die hätten im Verlauf des letzten viertel Jahrhunderts eine sukzessive Schwächung erfahren.

So manch einer wird hier freilich einwenden: Reagan verursachte den Niedergang nicht, er reagierte bereits darauf. Schon Carter hielt 1979 seine berühmte „malaise speech“, in der er den Verlust an sozialer Verantwortung und Gemeinsinn, den zunehmenden Materialismus und Konsumismus in der amerikanischen Bevölkerung beklagte.

Die Nachkriegszeit war gekennzeichnet durch eine neue - den Wirtschaftskrisen und Kriegen geschuldete - relative soziale Gleichheit, ein neues Gemeinschaftsgefühl in Anbetracht der gemeinsam durchgestandenen Nöte, eine moralische Neubesinnung und einen religiösen Neu-Aufbruch. Es gab eine neue Bereitschaft zu innergesellschaftlicher Solidarität, was in den US in der Fortsetzung des "New Deal" durch die Sozialstaatsprogramme in der Ära der "Great Society" Gestalt annahm. Es gab viel neu aufzubauen, die Wirtschaft boomte. Das sozialistische Konkurrenzmodell des Ostblocks stachelte das soziale Gewissen der Reichen und Mächtigen, aber natürlich auch den ökonomischen Ehrgeiz zusätzlich an. - Nun aber hatte man den Osten endgültig abgehängt, es ging allen gut genug, das soziale Netz war ausgespannt und man fühlte sich weniger aufeinander angewiesen. Der soziale Zusammenhalt begann zunehmend zu bröckeln, die unternehmerische Aufbruchsstimmung verflog. Die Wirtschaft war in immer schlechterer Verfassung, die Rate der von staatlicher Unterstützung Abhängigen wuchs beständig.

Reagan fuhr einen harten Kurs gegenüber den Gewerkschaften, wenn diese sich aus seiner Sicht als Blockierer erwiesen, begünstigte mit Steuersenkungen vor allem größere Unternehmer und kam dann nicht umhin, auch Sozialleistungen zu kürzen. Doch Reagan installierte auch den „Job Training Partnership Act“, der zur Schaffung von 16 Mio. neuen Jobs beitrug. Die "Poverty Rate" sank, das GDP zog bald wieder kräftig an. Die Arbeitslosenrate sank von 7,5% auf 5,4%, die Inflationsrate von 12,5% auf schließlich 4,4%. Reagan erhöhte die Verteidigungsausgaben um 40% und setzte so die Sowjets unter erheblichen Druck. Mit Pershing und Star-Wars zeigte er sich einerseits dem „Evil Empire“ gegenüber unerbittlich. Andererseits war ihm nukleare Abrüstung und die Überwindung der Blockspaltung langfristig ein echtes Anliegen, und er griff dies – als sich ihm mit Gorbatschow als Gegenüber die Chance dazu bot, beherzt und effektiv auf.

Das Laffer-Theorem allerdings versagte, wie Reagan schließlich schmerzlich einsehen musste. Die Staatsschulden verdreifachten sich unter seiner Regentschaft. Daraus konnte man Lehren ziehen: unter G. Bush sen. nahm die Staatsverschuldung immerhin nur noch um ein Drittel zu, unter B. Clinton um etwa 50%. Doch mit der Zeit gewannen andere weltpolitische Entwicklungen, die Packer zu wenig im Blick hat, an Brisanz. Mit dem Mauerfall bekam die Globalisierung eine ungeahnte Dynamik. Zum einen griff die gigantische Billigkonkurrenz im Osten überall im Westen die entsprechenden Produktionszweige an, zum anderen die Sozialstaatlichkeit. Im Jahr 2000 platzte die Dot.com-Blase, was ebenfalls erhebliche ökonomische Auswirkungen hatte. Im Jahr darauf versetzte 9/11 die Weltwirtschaft in Schockstarre und Alan Greenspan versuchte sie - zunächst durchaus erfolgreich - durch eine Politik des billigen Geldes daraus zu befreien. Dies wiederum befeuert den Kasino-Kapitalismus, der 2007 in Form der Finanzkrise eskalierte. Staatliche Hilfen in astronomischer Höhe rissen neue Krater in den schon durch den „War on Terror“ schwerstens gebeutelten Haushalt. Das alles setzte staatliche Institutionen und Maßnahmen mit sozialpolitischen Zielsetzungen selbstverständlich enorm unter Druck.

Aber trotz alle dem und auch wenn sich Packer dagegen wehrt – den Wertewandel der letzten Jahrzehnte für den gesellschaftlichen Wandel mit heranzuziehen, ist für ein Verständnis des letzteren unerlässlich. Was - nicht nur in den USA – mehr und mehr schwindet – ist ein Sinn für Verantwortung, der beides einschließt: das eigene Vorankommen auch unter widrigen Umständen einerseits und die Unterstützungsbereitschaft für den Nachbarn und die Mitbürger anderseits. So eben, wie es die alte Paulinische Formel zum Ausdruck bringt: beruflichen oder geschäftlichen Erfolg anstreben um die eigene Familie ernähren zu können und immer noch genug zu haben, um anderen helfen zu können. Dies fand traditionell in einer Spenden- und Stiftungsbereitschaft, einer nachbarschaftlichen Hilfsbereitschaft und einem bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagement seinen Ausdruck, von dem Europa nur träumen konnte.

Nun ist eine permanente Erosion des Sozialkapitals zu verzeichnen. Ob in Clubs oder Sportvereine, Elternarbeit an den Schulen, Kirchen, Kommunalpolitik, bürgerschaftlichen oder karitative Initiativen – überall gibt es in den USA einen Beteiligungsschwund zwischen 10 und 60%. Mit Reagonomics, Neo-Kons und Neo-Liberalism allein lassen sich solche Entwicklungen nicht erklären.

Es besteht eine immer größer werdende Kluft zwischen zwei großen konträren Lagern. Die Wählerschaft der Demokraten macht sich mehr und mehr die europäische Mentalität zu eigen: der Staat soll alles richten. Auf Republikaner-Seite hingegen kippt man mehr und mehr ins andere Extrem und favorisiert die absolute Autarkie des Einzelnen. Hat all dies auch mit der zunehmenden Säkularisierung (in beiden Lagern) zu tun?

Packer diskutiert all diese analytischen Fragen nicht im Buch selber, sondern in Talks und Interviews, die sich mit dem Buch befassen. Vielleicht verdankt sich dem auch der riesige Erfolg seines Werkes. Der Autor hält der US-amerikanischen Gesellschaft ganz einfach einen Spiegel vor, spricht somit Leser jeden Lagers an, und scheint damit in einer Weise einen Nerv zu treffen, die man wohl nur ganz nachvollziehen kann, wenn man selbst Amerikaner ist und die vielen feinsinnigen Nuancen und Anspielungen zu deuten weiß, die Rezensenten an seinem Buch loben.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 16, 2015 12:17 AM CET


Chicken Soup for the Soul: Billy Graham & Me: 101 Inspiring Personal Stories from Presidents, Pastors, Performers, and Other People Who Know Him Well (English Edition)
Chicken Soup for the Soul: Billy Graham & Me: 101 Inspiring Personal Stories from Presidents, Pastors, Performers, and Other People Who Know Him Well (English Edition)
Preis: EUR 18,44

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "A Man whose Faith had changed the World" (Barack Obama), 11. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Schaut man sich die Feedbacks aus dem Umfeld Billy Grahams an, löst das viel Überraschung aus – selbst dann, wenn man selbst ein Bewunderer dieses Mannes ist. Sicher – es ist bekannt, dass er seine Kontakte in Wirtschafts-, Wissenschafts-, Medien- und Entertainment-Kreise hat. Noch bekannter, dass er im White House alle Amtszeiten hindurch ein und aus ging.

Er repräsentiert einen großen Teil der amerikanischen Bevölkerung, ist DIE Symbolgestalt des amerikanischen Christentums. Wie sollte sich da jemand einem solchen „Zweckbündnis“ verweigern! - Wer dieses Buch liest und sich ev. auf dieser Grundlage auf die Suche nach Video-Material macht, bemerkt jedoch etwas völlig anderes. Hier geht es nicht um Aufmerksamkeit heischendes Händeschütteln vor Kameras. Dieser Mann ist den hier berichtenden Menschen zu einem der wichtigsten und authentischsten Freunde ihres Lebens geworden.

Für George Bush sen. gehört B. Graham praktisch mit zur Familie. Den Älteren sei er ein Bruder, den jüngeren ein zweiter Vater geworden. Man könne Billy Graham nicht begegnen, ohne dass dies positive Spuren oder Veränderungen hinterlasse. Wie tief die Verbundenheit ist, zeigte sich in besonderer Weise, als der sonst an sich eher etwas spröde wirkende Ex-Präsident bei einer Rede anlässlich der Einweihung der Billy Graham Library so bewegt war, dass er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. - Grahams weltweite Aktivitäten hätten auf einer ganz anderen als der politischen Ebene auch zur Überbrückung tiefer Gräben beigetragen. Ihm öffneten sich überall Türen. Er war zu Gast bei den Sowjets, bei den Regierungschefs Chinas und Nord-Koreas. Er nahm – so sinngem. Bush sen. - den „Wind of Change“wahr, als andere mahnten, endlich den „Status Quo“ als unveränderliche Gegebenheit zu akzeptieren.

Billy Graham kann auf sechs Jahrzehnte zurückblicken, in denen er Millionen Menschen das Evangelium nahe brachte und so unzähligen zu einem befreiten, glücklichen und kraftvollen Leben verhalf. Mittlerweile ist er 95 Jahre alt und es fällt ihm schwer, das Haus zu verlassen. Doch auch Barack Obama suchte ein Treffen mit ihm. Dieses sei ein Markstein für sein geistliches Leben gewesen: „this man who had prayed great prayers that inspired a nation, this man who seemed larger than life, greeted me and was as kind and as gentle as could be.“ Die wundervolle Konversation, das gemeinsame und gegenseitige Gebet, die warme Umarmung zum Abschied seien ihm zur bleibenden Erinnerung geworden. Seit dem gehe er in großer Regelmäßigkeit vor seinem Schöpfer auf die Knie, „asking God for guidance not just in my personal life and my Christian walk, but also in in the life of this nation and in the values that hold us together and keep us strong. I know that He will guide us", so der 44. Präsident der Vereinigten Staaten.

Bill Clinton blickt nicht weniger dankbar auf seine Begegnungen mit Billy Graham zurück, würdigt dessen politische Neutralität, Aufrichtigkeit, Authentizität und die Wärme und Freundschaftlichkeit mit der er ihm auch in Zeiten begegnet sei, in denen er unter öffentlichem Beschuss stand. Doch schon als Jugendlicher hätte ihn der Evangelist, den er auf einer seiner Großveranstaltungen erlebte, gepackt. Besonders tief beeindruckt hatte ihn, dass B. Graham dem Druck in seiner Veranstaltung die zu damaliger Zeit noch übliche Rassentrennung durchzusetzen, vehement widerstand. Dass das riesige Stadium schließlich mit Weißen und Schwarzen gefüllt war, dass als sie schließlich zu Tausenden dem Aufruf, ihr Leben Jesus Christus anzuvertrauen nachkamen, Hand in Hand gemeinsam beteten, sei ein unglaubliches Ereignis gewesen. Später unterstützte Graham Martin L. King, mit dem er ebenfalls befreundet war. Clinton war als Halbwüchsiger – gerade seit drei Jahren Christ - von all dem so beeindruckt, dass er begann, regelmäßig für die Arbeit von Graham zu spenden, trotzdem ihm selbst nicht allzu viel Geld zur Verfügung stand.

Auch Jimmy Carter würdigt in besonderer Weise den Beitrag, den die Arbeit Grahams zur Überwindung der Apartheid leistete. (Graham war es auch, der 1973 das erste integrierte Massenevent in Südafrika durchführte. Er geißelte dort Apartheit ganz offen als Sünde). Al Gore, Vizepräsident unter Bill Clinton und inzwischen Galionsfigur der Ökobewegung bewundert die Offenheit und das Interesse Grahams auch für den grünen Themenbereich. Für Tony Blair, Sohn eines - wie er schreibt - „militanten Atheisten“, ist Graham einer jener Menschen, an denen man ablesen kann wie Gott ist; jemand der die alles überwindende Liebe Gottes glaubwürdig lebt und verkörpert. Henry Kissinger würdigt u.a., dass Graham nie in irgendeiner Weise versuchte, direkt politisch Einfluss zu nehmen - eine Tatsache, die der religiösen Rechten in den US möglicherweise zu denken geben sollte. Doch die Gespräche mit ihm hätten den Horizont weit gemacht; ihn um eine Dimension erweitert. Er hätte keine Lösungsvorschläge für politische Problemstellungen unterbreitet, aber dazu verholfen in der richtigen Art und Weise über diese nachzudenken.

Larry King, weit davon entfernt Christ oder auch nur religiös zu sein, berichtet von der langjährigen Freundschaft, die ihn mit Billy Graham, den er wiederholt interviewt hat, verbindet. An jeder Einschnittstelle seines Lebens, sei sie positiv oder negativ gewesen, sei Graham mit einer irgendwie gearteten Form der Anteilnahme, Ermutigung oder Beglückwünschung präsent gewesen. King bewundert v.a. seine Auffassungsgabe und sein analytisches Denkvermögen. Graham sei außerdem einer der äußerst seltenen Menschen, die bei Eintritt in eine Räumlichkeit schlagartig die ganze Atmosphäre positiv transformieren. Er spart nicht aus, dass ihm Billy Grahams etwas uneindeutige Reaktion auf Äußerungen Nixons, die gewisse antisemit. Tendenzen aufwiesen und später durch einen Tonbandmitschnitt des Gesprächs der beiden publik wurden, ein wenig enttäuschte. Dennoch gäbe es für ihn keinen Zweifel an Grahams absoluter Integrität.

Eine andere prominente CNN-Mitarbeiterin, Kyra Phillips, berichtet von ihrer Aufregung vor einem Interview mit Graham. Als sie diesem Mann mit seiner raumgreifenden Aura schließlich gegenüberstand sei sie wie gelähmt gewesen. Schüchtern fragte sie ihn, ob er für sie beten könne. Der zu Interviewende kam dem gern nach und der innere Frieden, der sie dabei überkam, hätte ihre Hemmungen dahin schmelzen lassen. Beten mit Billy Graham, dies wird immer wieder berichtet, ist als würde sich in unerklärlicher Weise ein Tor zur Gegenwart Gottes öffnen. Er ging darüber hinaus so väterlich und freundlich auf sie ein, dass sie sich in seiner Gegenwart bald wie zu Hause fühlte.

Dieses Urvertrauen, dass Graham in der Begegnung in Menschen auslöst, selbst in denen die ihm zuvor eher skeptisch gegenüberstanden, bildet den in allen Berichten wieder zu findenden Grundtenor. So berichtet AOL-Gründer Steve Case von der leicht geladenen Atmosphäre auf einem TED-Event, zu dem Graham geladen worden war. Hier war das Publikum schließlich aufgeklärt und wissenschaftsorientiert. Was um alles in der Welt wollte hier ein Religionsvertreter. Doch je länger man dem damals bereits ergrauten und von der Parkinson-Erkrankung gezeichneten Prediger lauschte, desto mehr veränderte sich die Stimmung. Es endete schließlich mit langen Standing Ovations, der Talk gilt noch heute als einer der legendärsten in den TED-Annalen. Auch bei Case bewirkten diese und weitere Begegnungen tiefgreifende Veränderungen. Der Milliardär wirbt heute in einer Reihe mit Warren Buffet und Bill Gates für ein massives soziales Engagement von Seiten der Superreichen und geht selbst als leuchtendes Vorbild voran.

Ela Gandhi, Enkelin von Mahatma Gandhi, hat einen anderen religiösen Hintergrund als Billy Graham, sieht aber in ihm eine Symbolfigur für die Art von Toleranz und Liebe, ohne die diese Welt im Chaos zu versinken droht. Während religiöse und a-religiöse Fanatiker in der Geschichte der Menschheit immer wieder als Brandstifter gewirkt haben, gegenseitige Ablehnung, Ressentiments und Hass befördern, hätte Billy Graham vorgelebt, wie man sowohl einen klaren Standpunkt vertreten, wie auch Andersdenkende mit großem Respekt begegnen kann. Nicht nur an Grahams Worten, sondern auch an seinem Leben könne man ablesen, was Inhalt der christlichen Botschaft ist. Grahams "Charisma and Power" hätten dazu beigetragen, die Welt zu einem toleranteren und besseren Ort zu machen.

Graham begegnete begründeter Kritik stets mit Nachdenklichkeit und gesunder Demut. Er hatte keine Scheu, auch öffentlich zu Fehlern zu stehen und zu sagen, dass es ihm leid tat. Unbegründeten Feindseligkeiten begegnete er mit Souveränität und ohne sich in seiner authentisch-wohlwollenden Haltung gegenüber demjenigen, von dem sie ausging, beirren zu lassen. Seine Botschaft war ungemein „powerful“ und doch niemals aufdringlich. Ein Mann mit seinen Fähigkeiten – so Larry King – hätte überall erfolgreich sein können. Graham entschied sich sein Leben in den Dienst für Gott und Menschen zu stellen. Er hätte wie so manch pseudo-christlicher TV-Prediger in Luxus schwelgen können. Doch er behielt seinen bescheidenen Lebensstil bei und nutzte die Mittel, die ihm zu flossen dafür, das Leben anderer Menschen zu verbessern. „Tu Gutes und rede drüber“, ist ein zunehmend gern befolgter Slogan. Doch von Graham wurde immer wieder berichtet, dass er gerade dann Gutes tat, wenn kaum einer mehr hinsah. Wo andere seine Integrität rühmten, betonte er seine Fehlbarkeit. Wo andere seine Erfolge des Mannes bewunderten, der in öffentlichen Veranstaltungen zu mehr Menschen redete, wie jeder andere in der Geschichte der Menschheit, gab er allein Gott die Ehre. Den Mächtigen dieser Welt begegnete er furchtlos, den Erfolgreichen unbeeindruckt. Menschen am Rande der Gesellschaft widmete er seine Zeit und volle Präsenz. In Gescheiterten und Gestrandeten entfachte er das Vertrauen, dass sie einen Neuanfang schaffen würden.

Viele weitere interessante Beiträge wären zu nennen. John C. Cash, Sohn von Jonny Cash berichtet von gemeinsamen Nachmittagen der beiden Familien und der großen gegenseitigen Wertschätzung zwischen der Country-Legende und dem Evangelisten. Tony Dungy, NFL-Super Bowl Champion zollt Graham ebenso Tribut wie Wynonna Judd, Sängerin, Ricky Skaggs, 14times Grammy Award gekrönter Sänger, der Hollywood-Schauspieler Kevin Sorbo, Barbara Minty, Witwe von Steve McQueen uvam. Bernice A. King berichtet noch einmal vom Zusammenstehen Billy Grahams mit ihrem Vater M. L. King in Bürgerrechtsfragen. Darüber hinaus hätten beide die Leidenschaft dafür geteilt, die befreiende Botschaft von der Erlösung in Jesus Christus in einfachen Worten und ohne theologische Höhenflüge zu vermitteln; so eben, dass sie jeder verstehen konnte bzw. kann.

Viele andere, denen Graham zum Wegbegleiter geworden war, konnten ihre Beiträge nicht mehr beisteuern. Graham verstand sich bestens mit J.F. Kennedy; beide tourten in dessen weißem Lincoln durch Palm Beach und diskutierte die Sorgen des Präsidenten „about the moral and spiritual condition of the nation.“ Gerald Ford nannte ihn einen „alten Freund“ und für Lyndon Johnson war er derjenige, durch den er in den schwersten Stunden seiner Zeit im Oval Office die Kraft zum weitermachen bezog. Eisenhower bezeichnete ihn einmal als einen der besten Botschafter Amerikas. Und Ronald Reagan bekannte: “It was through Billy Graham that I found myself praying even more than on a daily basis […] and that in the position I held, that my prayers more and more were to give me the wisdom to make decisions that would serve God and be pleasing to Him.”

Billy Graham spricht längst nicht mehr auf Großveranstaltungen, zu sehr ist er von Alter und Krankheit gezeichnet. Sein Sohn Franklin setzt diese Arbeit fort. Doch wendet sich der „Ambassador of Heaven“ noch immer per Video-Botschaft an die Öffentlichkeit zuletzt mit der Kampagne MyHopeAmerica.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 11, 2014 11:47 AM MEST


Geld: Die neuen Spielregeln
Geld: Die neuen Spielregeln
Preis: EUR 14,99

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Finanzsystem in der Gemeinwohlökonomie, 11. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Geld: Die neuen Spielregeln (Kindle Edition)
Vorweg - Der Rezensent hegt große Sympathien für Christian Felber und seine Idee der Gemeinwohlökonomie. Sein so betiteltes Buch, dass seinerzeit auf dem Höhepunkt der Finanzkrise erschien, war in der Tat sehr inspirierend. Felber erwies sich als Vordenker im besten Sinne, als jemand der sich beherzt auf den Weg macht, konkrete Alternativen zum bisherigen zu entwerfen – auch auf die Gefahr hin, dass vieles dabei sich als längst nicht gründlich genug durchdacht erweisen würde. Er traf dabei auch den richtigen Tonfall – er griff niemanden an, sondern begeisterte. Er war nicht Oberlehrer, sondern lud zum Mitdenken ein. Dies bescherte ihm Zugang weit über die Szene der Globalisierungskritiker hinaus – in FAZ und NZZ, bei Unternehmern, Politikern und Finanzmarktakteuren.

Mit seinem jüngsten Buch widmet sich der Autor nun der nicht geringen Aufgabe, die Vision einer Gemeinwohlökonomie konkret theoretisch zu untermauern. Dabei wäre es sicher nicht von schaden gewesen, wenn er die von ihm ausgearbeiteten Positionen zunächst umfänglicher kritisch diskutiert hätte. Das Buch wirkt – vergleicht man es mit den Publikationen derzeit bejubelter Crash-Propheten – immer noch recht seriös, ist interessant zu lesen und enthält viel Sinnvolles. Es gibt jedoch kaum ein Thema, bei dem sich nicht auch erhebliche Fragen und Zweifel auftun.

Geldschöpfung

Die Giralgeldschöpfung der Banken wird vom Autor als geradezu rechtswidrig gebrandmarkt. Dabei teilt er den Denkfehler der Monetative-Bewegung: Sie ist eben keine Guthabens- oder Vermögenschöpfung. Weder bekommen Banken Geld geschenkt, noch verschenken sie Geld. Was sie an Krediten vergeben, muss auch wieder zurückgezahlt werden. Genau deshalb kommt es bei umfangreichen Kreditausfällen auch zu Bankenkrisen. In einem Vollgeldsystem, wie es ihm vorschwebt, würden die Zentralbanken das nötige Geld ausgeben. Das System würde zentralistischer und könnte weniger präzise an den tatsächlichen Liquiditätsbedarf adaptieren, bliebe aber nichts desto trotz von A-Z kreditbasiert. Geschäftsbanken könnten genauso ins Straucheln geraten, wie jetzt auch, denn sie müssen ja an die Notenbanken verzinst zurückzahlen. Kreditausfälle schlagen zu Buche – ob das Geld nun vor der Vergabe vorlag oder nicht. Von Bedeutung für die Stabilität einer Bank ist vielmehr die Eigenkapital-, insbesondere die Kernkapitalquote, d.h. der Anteil, der nicht durch ev. Fehlinvestitionen oder Kreditausfälle angreifbar ist. Mit Basel III gab es hier Veränderungen. Ob umfänglich genug steht freilich auf einem anderen Blatt.

Weltwährung und feste Wechselkurse

Ein System freier Wechselkurse hat den Vorteil, dass es ein hohes Maß an Flexibilität mit sich bringt, Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen austariert, den einzelnen Staaten viel Spielraum hinsichtlich einer autonomen Geldpolitik lässt. Es birgt jedoch auch Nachteile, bspw. Votalität der Kosten im Außenhandel, was wiederum den Derivatehandel ankurbelt. Ebenso ermöglicht es spekulative Angriffe auf Währungen. Der Dollar als Leitwährung verführt die USA dazu, dauerhaft horrende Handelsbilanzdefizite zu verursachen und sich hemmungslos zu verschulden. In Anlehnung an J.M. Keynes oder auch einen jüngsten unter Leitung von J. Stiglitz erarbeiteten, durch die UN beauftragten Plan zur Umgestaltung des globalen Finanzsystems schlägt Felber deshalb vor, als Alternative zum Dollar eine neue Weltreservewährung („Terra“) zu kreieren, sowie ein System fester Wechselkurse zu installieren, die entweder auf Basis der Handelsbilanzen oder Kaufkraftparitäten (seine Präferenz) regelmäßig angepasst werden. Dies wäre für die USA freilich verhängnisvoll und da es ohne deren Zustimmung nicht geht, ist die Umsetzung einer solchen Idee in absehbarer Zeit illusorisch.

Staatsanleihen

Felber ist nicht gegen Staatsverschuldung, doch sollte diese zinsfrei und bis zu demokratisch ermittelten und gesetzlich fixierten Obergrenzen allein von der Zentralbank finanziert werden. I.d.T. - wenn Unternehmen expandieren tun sie dies i.d.R. mithilfe von Krediten (in erweitertem Sinne). Aus ökonomischer Sicht macht das Sinn, ist dies profitabel, solange damit zukünftige Gewinne generiert werden, die laufende Kreditforderungen inkl. Zinsen übersteigen. Beides kann so – in vernünftigen Relationen - eine permanente Einheit bilden – ein wachsendes Kreditvolumen einerseits und wachsende Profite andererseits. Für Staaten gilt dies analog – ihr expandierendes Unternehmen ist die gesamte Volkswirtschaft, ihr Gewinn die Steuereinnahmen. Natürlich werden Unternehmen wie Staaten darauf achten, dass Zinsen nicht exponentiell ansteigen und sich ggf. rechtzeitig refinanzieren. Die staatliche Zinslastquote bewegt sich in D, US und Japan seit Jahren um die 3%, im Vgl. zum Stand 2000 ist sie in allen drei Staaten sogar leicht gesunken. Die These, dass Zinsen einen Wachstumszwang verursachen würden, ergibt mithin keinen Sinn. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wachstum ist kreditbasiert und Zinsen beteiligen den Kreditgeber daran.

Handelsbilanzen

Der Autor dringt auf ausgeglichene Handelsbilanzen. Das entspricht dem Vorwurf der europäischen Partner gegenüber Deutschland, das mit seinem Exportüberschuss auf Kosten anderer Länder leben würde. Schuld sei u.a. die aggressive Lohnpolitik. Die Deutschen sollten ihre Löhne aufstocken, was den Inlandskonsum ankurbeln und den Export verteuern würde. Das Argument der Bundesregierung, dass man sich im internationalen Wettbewerb nicht an europäischen Nachzüglern orientieren könne, ist an dieser Stelle allerdings nachvollziehbar. Dass – wie der Autor schreibt - ein dauerhafter Handelsbilanzüberschuss eines Landes gegenüber einem anderen Land dieses notwendigerweise in die Insolvenz treibt, ist zudem natürlich Unsinn. Viele Entwicklungsländer exportieren mehr in die reichen Industrienationen als umgekehrt.

Regionalisierung

Felber schlägt vor, dass Finanzierung von Unternehmen in erster Linie über regionale Banken erfolgen soll, die Kreditnehmer genau kennen. Auch die Versorgung solle in erster Linie durch ortsansässige Unternehmen erfolgen. Hier wird wie generell im Buch jedoch deutlich, dass der Autor Belange von Entwicklungs- und Schwellenländern ein wenig unterbelichtet lässt. Natürlich sind auch deren Probleme oft sehr viel effektiver vor Ort lösbar – Stärkung der kleinen einheimischen Farmer als Prophylaxe gegen Hungersnöte. Aber das muss nicht zu Lasten von Großbetrieben, des Außenhandels, ausländischer Investitionen usw. gehen, die eben auch – so in vernünftige Bahnen gelenkt - ganz erhebliche Beiträge zur Entwicklung eines Landes leisten können.

Die generelle Skepsis gegenüber dem Freihandel, die sich erwartungsgemäß auch in der Ablehnung von TTIP äußert, wirkt überzogen. Es trifft zu, dass eine zu rigorose Liberalisierung und Privatisierung viel zerstören kann. Es gibt Aufgaben, die in öffentlicher Hand besser aufgehoben sind. Die ideologische Verfestigung des Washington-Consensus, die viel zu lange die Politik von Weltbank und IWF bestimmte, hat zweifellos viel Schaden angerichtet. Der Druck zu bedingungsloser Öffnung der Wirtschaft für die ausländische Konkurrenz hat die kleinen Pflänzchen einheimischer Ökonomisierung in Entwicklungsländern nicht selten gnadenlos ersticken lassen. Doch auch hier gilt es eben, mit Augenmaß und unter Berücksichtigung der jeweils spezifischen Bedingungen vorzugehen (bspw. anfänglicher Schutz einheimischer Unternehmungen durch Einfuhrzölle bis diese stabil und konkurrenzfähig sind).

Derivate

So unglaublich es klingen mag: auch der Derivatehandel ist im Kern sinnhaltig und lässt sich nicht auf den Kasinobetrieb, in den er unbestritten an vielen Stellen ausartet, reduzieren. CDSs oder Long/Short-Kombinationen der Hedgefonds, Termingeschäfte können gute Absicherungen darstellen. Kreditausfälle und Kurseinbrüche könnten ohne diese Instrumente weniger gut abgepuffert werden. Als bspw. 2001/2002 eine Reihe von Mega-Pleiten (u.a. Firmenpleiten Enron, Swissair; Staatsbankrott Argentinien) das Finanzsystem bedrohte, wurden Verluste durch CDS kompensiert.- Das regelmäßig in Bausch und Boden verdammte Private Equity kann Unternehmen i.d.T. ausweiden und zerstören. Es kann diese aber auch retten. - CDOs können Risiken auf mehrere Schultern verteilen und so Investitionsbereitschaften erhöhen usw. Auf diese Art und Weise fließt bspw. Kapital in relativ unsichere Unternehmungen in Entwicklungs- und Schwellenländern, um die es sonst einen Bogen machen würde.

Einschränkungen gibt es mittlerweile bereits im Bereich der Leerverkäufe und ungedeckter CDS. Das Augenmerk der Aufsichtsbehörden im Bereich der Derivate gilt insbesondere der Frage, ob eine Verbindung zu einem konkreten Risiko besteht, sodass die Transaktion als Besicherung Sinn ergibt, also mehr als reine Zockerei ist. Generell behält man sich Eingriffsmöglichkeiten bei kritischen Entwicklungen auf dem Finanzmarkt vor (siehe z.B. vorübergehendes vollständiges Verbot ungedeckter Leerverkäufe). Im Detail sind die Regelungen die getroffen wurden, kompliziert und uneinheitlich. Es stimmt jedoch nicht, dass Probleme überhaupt nicht erkannt worden wären und man einfach so weiter macht, wie bisher.

Felber vertritt die Ansicht, dass es für alle Derivate, die einen positiven ökonomischen Effekt haben, auch Alternativen gäbe. Statt CDS zu handeln, könnte man bspw. ganz normale Versicherungen einrichten. Das mag so sein und ist an vielen Stellen sicherlich eine Überlegung wert. Doch ob der zu erwartende Nutzen so große Einschnitte und Umwälzungen rechtfertigen würde? Wie hoch würden bspw. Versicherungsprämien für riskantere Unternehmungen - bspw. in politisch instabilen Drittwelt-Staaten - oder für Anleihen, die Staaten gerade dann tätigen, wenn sie sie am dringendsten benötigen, ausfallen?

Aktien, Anlagen, Renditen- und Verzinsungswettstreit

Wenn es keinen Renditen- und Verzinsungswettstreit mehr gibt, bliebe als Kriterium für Anleger nur die Frage, wie sinnvoll, ethisch und ökologisch nachhaltig eine Investition ist, meint der Autor. Doch wer jetzt bewusst keine ethischen Kriterien berücksichtigt, würde dann wohl eher gar nichts mehr in fremde Projekte investieren. Es ist aber auch ethisch-moralisch nicht wirklich nachvollziehbar, warum Eigentümer eines Unternehmens nicht fair und maßvoll am Gewinn beteiligt werden sollten, zumal sie von Verlusten oder gar einem Scheitern ja auch – eventuell sogar existenziell – betroffen sind. Oder warum sie Aktien und Wertpapiere – ihr ureigenster Besitz - nicht an Dritte verkaufen können sollten.

Man kann Zinsen verbieten, im islamischen Raum ist das ja z.T. Realität. Doch muss man dann eben anderweitig Gebühren erheben oder aber genug ehrenamtliche Bankmitarbeiter finden. Die vom Autor geforderten intensiveren Erhebungen vor Ausgabe von Krediten, die Doppelung des Verfahrens (jede Kreditvergabe setzt Kreditantrag der Geschäftsbank bei der Zentralbank voraus) würde den Bankensektor möglicherweise sogar noch aufblähen. Auch das heutige Investmentbanking ist ja kein reiner Zockerbetrieb. Einige Bereiche würden gem. Felberts Konzept wegfallen – etwa der Hochfrequenz-Handel – andere würden transformiert oder auch intensiviert werden.

Feste Preise für Nahrungsmittel und Rohstoffe

Der Autor plädiert für gesetzliche festgelegte Preise für Nahrungsmittel und Rohstoffe. Auch dies hört sich zunächst gut an. Doch wie sollte man bspw. gegen Anbieter vorgehen, die Ware billiger auf den Markt bringen? Wie würde es sich auf die Existenzbedingungen von Farmern auswirken, wenn sie schlechte Ernten genauso billig verkaufen müssten, wie gute, reichhaltige?
Warum sollten ärmere Länder nicht mehr am Export bestimmter Rohstoffe verdienen, wenn diese bspw. aufgrund des Bedarfs, der durch neue Technologien entsteht, in Industrieländern stärker nachgefragt werden? Und spornen proportional zur Verknappung ansteigende Ressourcen-Preise nicht dazu an, über Alternativen nachzudenken? Es würde den CO2-Ausstoß sicher nicht gerade verringern und die Forschung am Elektro-Auto nicht beflügeln, wenn der Erdölpreis noch immer bei 20 USD pro Barrel liegen würde.

Natürlich ist es in einer Welt, in der eine Mrd. Menschen an Unterernährung leiden nicht hinnehmbar, wenn Wetten auf steigende Nahrungsmittelpreise abgeschlossen werden. Spekulation in diesem Bereich muss unterbunden werden. Mit der Festschreibung von Positionslimits bei Lebensmittel- und anderen Warenderivaten ist man hier bereits auf dem richtigen Weg. Doch die Problematik ist zu brisant, als dass man ihr nicht noch weit mehr Augenmerk widmen sollte.

Einkommensdeckelung und Vermögensbesteuerung

Felber möchte den gesellschaftlichen Einkommensspread reduzieren, nicht nur den der Managergehälter gegenüber Belegschaftsverdienst, sondern auch zwischen unteren und oberen Einkommensklassen generell. Kapitaleinkommen soll dabei genauso besteuert werden wie Einkommen aus Arbeit. Zusätzlich soll aber auch Vermögen besteuert werden (was steuertechnisch natürlich keinen Sinn ergibt) und zwar nicht zu knapp: ab 750.000 Euro mit 0,5%, dann progressiv ansteigend auf 100% bei „zehn, zwanzig, dreißig oder hundert Millionen Euro“. Doch wer würde überhaupt ein Vermögen aufbauen, das dann zunächst bis zu einem bestimmten Betrag ganz eingezogen, dann bis zur jeweils nächst niedrigeren Stufe um 80, 70, 60% gekürzt, halbiert, gedrittelt und geviertelt wird (oder wie immer der Autor sich das in der konkreten Umsetzung vorstellt)? Kapitalakkumulation – eine Grundvoraussetzung für die Finanzierung größerer Unternehmungen – wäre so jedenfalls nicht möglich.

Einen weitaus bodenständigeren Vorschlag macht hier Thomas Piketty („Capital in the Twenty-first Century“): Vermögen unter 200.000 Euro bleiben steuerfrei, bei 500.000 - eine Million Euro wird ein Prozent erhoben, darüber zwei Prozent. Eine zu hohe Vermögensumverteilung käme einem ökonomischen Selbstmord gleich, mahnt der linke Star-Ökonom sicher nicht zu Unrecht.

Renten

Sarkastisch ergeht sich Christian Felber über die vermeintliche Idiotie bzw. Bauernfängerei hinter der Werbung für Eigenvorsorge bei der Rente. Was in Eigenverantwortung in eine Kapitalrente investiert würde, könne genauso gut zusätzlich ins Umlageverfahren eingezahlt werden. Dabei spare man zu dem die Verluste, die sich ergeben, weil die Finanzbranche, deren übermächtigen Einfluss er wiederum hinter all dem wittert, ja nicht zu knapp dabei verdienen will. Es werde zudem demografischer Alarmismus betrieben, wenn es heißt, dass immer weniger Berufstätige für immer mehr Rentner aufkommen müssten. Denn mit der Zahl der Nachwachsenden verringere sich ja auch die der Erwerbslosen sowie der Kinder, deren Unterstützung, Schul- und Ausbildung ja auch zu Buche schlägt. Was ist von dieser Argumentation zu halten?

Zunächst: Die Kosten, die wir im Alter verursachen, überragen die der Kinderzeit ganz erheblich. Einen enormen Posten bildet die med. Versorgung. Bei 60-jährigen fallen im Schnitt 2,5 mal höhere Behandlungskosten an als bei 15-jährigen. Bei 80-jährigen haben sich die Ausgaben dann noch einmal verdoppelt. Für Renten wird schon heute das 2,5fache dessen ausgegeben, was in Bildung, Forschung und Wissenschaft (Schul- und Berufsbildung ist hier nur ein Unterposten) investiert wird. Der Anteil der U20 liegt heute bei nur etwa 18%. Bis 2050 wird er sich – bei optimistischem Szenario - um etwa ein Sechstel verringern. Der Anteil der 20-60-jährigen ein wenig mehr. Der Anteil der Ü60 wird hingegen um satte 50% steigen auf knapp 40% der Bevölkerung.

Bei der Rente im Umlageverfahren wird Geld von jüngerer zur älteren Generation umgeleitet. Durch private Vorsorge wird über den Kapitalmarkt über Jahre hinweg Wirtschaftswachstum finanziert, woran der Rentner dann partizipiert. Lässt man einmal Anpassungen an Inflation und Lohnerhöhungen außer Acht hat man es bei einer mit 5% verzinsten Anlage von 500,-Euro monatl. über 45 Jahre fast zum Millionär gebracht. Wird direkt umgelegt fließen hingegen nur 270.000,-Euro in den Rententopf.

Fazit

Wirklich überzeugend sind die Vorschläge des Autors also an vielen Stellen nicht. An anderen wären zunächst umfangreiche Analysen und Untersuchungen nötig, um die Effekte abschätzen zu können. Grundsätzlich gilt es immer zu bedenken: das Wünschenswerte ist das eine und das Machbare das andere. Wenn Menschen in solcher Breite zu sinnorientiertem und selbstlosem Handeln zu bewegen wären, wie es ihm vorschwebt, hätten auch sozialistische Ansätze funktionieren sollen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass all die Hasardeure, Spieler und Goldsucher, die im jetzigen System zumindest einigermaßen integriert und kontrolliert sind, in einem wie im Buch strukturierten Gemeinwohl-Utopia einen riesigen Schatten-Kapitalmarkt und eine gigantische Parallel-Ökonomie bilden würden.

An vielen Stellen würden Felbers Vorschläge zudem an den Grundfesten einer liberalen Gesellschaftsordnung rütteln, Eigentumsrechte und ökonomische Gestaltungsspielräume über Gebühr einschränken. Ob dafür außerhalb von Europa demokratische Mehrheiten zu gewinnen wären, ist ohnehin fraglich. Grundsätzlich kann man leider das eine nicht ohne das andere haben: keine freie, offene Gesellschaft ohne das Risiko, dass Freiheiten bis zu einem gewissen Grad missbraucht werden.

Statt auf zu rigide Gesetzgebungen sollte man besser auf einen allmählichen kulturellen Wandel setzen. Auch für einen solchen, sanfteren Weg enthält Felbers Buch allerdings durchaus gute Anregungen. Das Gute an der Marktwirtschaft ist, dass eine kritische Konsumentenmasse bereits viel bewirken kann. Käuferboykotte bewegten Nike dazu, den Zuständen in seinen Zulieferbetrieben ein weit größeres Augenmerk zu widmen. Ein Atomkonzern wie Areva produziert mittlerweile auch Windkraftanlagen. Coca-Cola wirbt damit, Flusswasser in Ghana und Liberia zu säubern. Die Discounter haben längst auch Fairtrade-Produkte im Sortiment. Hätte man dgl. politisch erwirken, mit Gesetzen erzwingen können?

Der Münchner Soziologe Ulrich Beck sagte bereits vor Jahren, es müsse darum gehen, "den schlafenden Riesen" - den bewussten Verbraucher - zu wecken. Colin Crouch ("Postdemokratie") meint, dass dem Entscheid am Warenregal oder im Anlegerberatungsgespräch längst größere Bedeutung zukommt, wie dem an der Wahlurne: "Der Konsument“, so der renommierte britische Politologe, „hat über den Staatsbürger gesiegt."

Überall wo der Einzelne mit dem System in Berührung kommt, hat er die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen: Wo und wie legt meine Lebens- oder Rentenzusatzversicherung an? Welche Unternehmen unterstütze ich mit meinem Aktien- oder Wertpapierkauf? Bei welcher Bank eröffne ich ein Konto? Welche Politik befördere ich mit meinem Kauf von Staatsanleihen? - Um hier vernünftig und wie selbstverständlich Entscheidungen treffen zu können, bedarf es der Offenheit in Bezug auf die geschäftlichen Engagements eines Unternehmens. Auch dies gilt es als Kriterium in den Wettbewerb zu implementieren und Christian Felbers Idee der Gemeinwohlbilanz (über 500 Unternehmen erstellen diese bereits freiwillig) ist hierfür ein großartiger Beitrag.

Tatsächlich - mit ethischem Investment, Transparenz, sozialverantwortlichem Unternehmertum, Nachhaltigkeit lassen sich schon heute gute Geschäfte machen, eben weil eine ständig wachsende Gruppe von Anlegern bzw. Konsumenten dies nachfragt. Hier sollte man anknüpfen, dies sollte - auch mit staatlichen Mitteln – gefördert werden – sei es durch Steuerbegünstigungen oder -aufschläge, sei es durch ein anspruchsvolles Zertifizierungssystem oder durch Aufklärungskampagnen in der Bevölkerung, sei es durch Anleihen oder Anlagen, die Bund, Länder und Kommunen tätigen oder durch Aufträge, die diese zu vergeben haben. Hieraus ergeben sich konkrete Ziele für ein politisches Engagement, wie es Attac, Occupy, Grünen, NGOs, Kirchen, Gemeinwohlökonomie-Bewegung uva. bereits betreiben. Diese Ziele sind realistisch und selbst in Unternehmerkreisen, ja selbst in der Finanzwelt kann man hierfür viele Unterstützer finden. Man sollte die Kraftanstrengungen bündeln und darauf richten, statt Energien an unrealistische und in ihrer Wirkung zweifelhafte Visionen zu verschwenden. So wäre eine organische Umgestaltung der gesamten Wirtschaft ohne größere Verwerfungen – quasi von unten her - tatsächlich denkbar.


Der Crash ist die Lösung: Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten
Der Crash ist die Lösung: Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten
Preis: EUR 15,99

215 von 239 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Größte Insolvenzverschleppung der Geschichte, 28. Juli 2014
Amüsiert wunderte sich die NZZ vor einiger Zeit in einer kurzen Rezension, wie "Der größte Raubzug der Geschichte" es im Nachbarland auf die Bestsellerlisten schaffen konnte. Dies hänge wohl "mit der mangelnden Bildung der deutschen Bundesbürger in Finanzfragen zusammen."

Natürlich weiß niemand, welche Crashs und Krisen die Zukunft noch für uns bereit hält. Doch eins ist sicher: Würden nur genügend Leute den Empfehlungen der Autoren dieses Buches folgen, ihr Geld von Banken abheben, aus dem Aktien- und Wertpapiermarkt abziehen und in Gold, Silber und Scotch Whisky anlegen; würde die Politik zudem das Geldsystem den Vorstellungen der Autoren gemäß umgestalten: den Banken die Giralgeldschöpfung untersagen, Vollgeld und Goldstandard einführen usw. wäre das Chaos tatsächlich perfekt.

Was die Investmenttipps betrifft wundert man sich zunächst: Wenn die Autoren so sicher sind, dass der Crash auf allen Ebenen kommt, wäre der einzig konsequente Tipp, alles was man hat zu verkaufen, auf fallende Aktienkurse, Kreditausfälle etc. zu wetten, und der Stunde zu harren, in der man mit mathematischer Sicherheit in die Millionärsriege einrückt! Bis einem klar wird, dass sie bei Crashs nicht etwa an Black Friday 1927, Black Thursday 1929, nicht an 1987, 9/11 oder 2007 dachten – Kurseinbrüche von 10-30% - und bei Staatsbankrotts nicht an Kreditschnitte von 10-50%, nicht an 40 Mrd. USD wie im Fall Russland 1998, oder 100 Mrd. USD wie in Argentinien 2002 – in ihrem Szenario findet der Super Gau statt, bei dem so gut wie jeder Sparer und Anleger in die Röhre gucken wird. Neun von zehn Menschen würden wohl 90% ihrer Rücklagen verlieren, sofern sie nicht früh genug auf Sachwerte umstellen.

Die Folgen die dgl. in weltpolitischer Hinsicht hätte, so es dazu überhaupt auch nur theoretisch kommen könnte, bereiten ihnen dabei kein Kopfzerbrechen. Im Gegenteil – gut vorversorgt durch Obstwiese mit Kaninchenzucht, einem Fass Rum im Keller und einer im Vorgarten vergrabenen Schatztruhe lässt sich gut abwarten, bis die Welt durch die Katastrophenerfahrung geläutert endlich zur Besinnung kommt, denn der Crash ist ja die Lösung.

Würde man den Banken die Giralgeldschöpfung verbieten würde logischerweise die gesamte kreditbasierte Wirtschaft einbrechen. Die Giralgeldschöpfung ist keine Guthabens- oder Vermögenschöpfung. Weder bekommen Banken Geld geschenkt, noch verschenken sie Geld. Was sie an Krediten vergeben, muss auch wieder zurückgezahlt werden. Genau deshalb kommt es bei umfangreichen Kreditausfällen auch zu Bankenkrisen. Würden wir in der von den Autoren geschilderten Märchenwelt leben („auf Knopfdruck aus einem Euro hundert Euro machen“), hätte es die Turbulenzen seit 2008 nicht gegeben, statt dessen aber eine galoppierende Inflation.

Im von den Autoren favorisierte Vollgeldsystem würden die Zentralbanken das nötige Geld ausgeben. Das System würde zentralistischer und könnte weniger präzise an den tatsächlichen Liquiditätsbedarf adaptieren, bliebe aber nichts desto trotz von A-Z kreditbasiert. Geschäftsbanken könnten genauso ins Straucheln geraten, wie jetzt auch, denn sie müssen ja an die Notenbanken verzinst zurückzahlen. Kreditausfälle schlagen zu Buche – ob das Geld nun vor der Vergabe vorlag oder nicht. Von Bedeutung für die Stabilität einer Bank ist vielmehr die Eigenkapital-, insbesondere die Kernkapitalquote, d.h. der Anteil, der nicht durch ev. Fehlinvestitionen oder Kreditausfälle angreifbar ist. Dass hier seit der Krise nichts geschehen sei – wie im Buch beklagt – ist so nicht richtig. Mit Basel III gab es sehr wohl Veränderungen. Ob umfänglich genug steht freilich auf einem anderen Blatt.

Vollgeld-Befürworter gehen i.d.R. davon aus, dass die Zentralbank die Geldmenge im Nachhinein an das Wirtschaftswachstum anpassen würde. Doch Wirtschaftswachstum setzt ausreichende Liquidität voraus, nicht umgekehrt. Die reale Geldmenge wird letztlich immer durch die Nachfrage bestimmt, egal wer das Geld generiert. Um auf dem schmalen Pfad zwischen zu hoher Inflation und Liquiditätsengpässen zu bleiben, bedarf es deshalb beidem – einer klugen Geldpolitik und einer große Nähe zum Markt.

Nicht totzukriegen und auch in diesem Buch transferiert: die Idee der Wiedereinführung des Goldstandards. So könne man dem Geld einen „intrinsischen Wert“ verleihen und die angebliche Geldmengenexplosion vermeiden. Davon abgesehen, dass auch Gold nur einen kulturell bedingten Wert besitzt - die Goldreserven des gesamten Euro-Systems liegen bei etwa 11.000 Tonnen - Ende 2013 rund 350 Mrd. Euro oder 6,5 % der Geldmenge M1 (Bargeld plus Sichteinlagen). Bestenfalls wäre also ein Proportionalsystem denkbar. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass in einem Währungssystem mit Goldstandard eine kontra-zyklische Geldpolitik nicht mehr möglich wäre.

Muss denn aber ein durch rückhaltlose Liquiditätszufuhr aufgeblasener Kapitalmarkt nicht zwangsläufig in einer Katastrophe enden? Wie verhält es sich denn mit den astronomischen Zahlen, die immer wieder ins Spiel gebracht werden, wenn die Rede vom Aktien- oder gar Derivatehandel ist? Wie kommt es überhaupt, dass wir noch nicht einer gigantischen Geldentwertung gegenüberstehen, wo doch allein der Derivatemarkt mit 700 Bio. USD zu Buche schlägt?

Wenn der weltweite CDS-Volumen 50% des Welt-BIP umfasst oder der Börsenwert von SAP den gemeinsamen Wert von Lufthansa, Daimler und BASF überragt, handelt es sich um rein fiktive Größen, die sich schnell in Luft auflösen würde, wenn – theoretisches Szenario - die Versicherungen fällig würden bzw. sich nur genügen Halter der entsprechenden Papiere auszahlen lassen wollten. Deshalb halten sich die realwirtschaftlichen Auswirkungen platzender Blasen auch in Grenzen. Die immer wieder diskutierte Frage, wo die in der Krise verlustig gegangenen Milliarden denn nun eigentlich abgeblieben seien, ist leicht zu beantworten: Nirgends! Es stellt sich nur heraus, dass es sie nie gegeben hat.

Probleme ergeben sich dann, wenn die Akteure der Finanzindustrie Papiere nach gegenwärtigem Marktwert ohne angemessene Risikobewertung in ihre Geschäftsbilanzen einpreisen. Hier setzen die immer wieder zu Recht vorgebrachten Forderungen nach mehr Transparenz, Verbesserung der Bankenaufsicht, die Risiken isolierenden Bilanzregeln, Größenbegrenzung der Institute, Trennung von Investment- und Publikumsbanking, Neuaufstellung der Ratingagenturen, eine konsequente Personalisierung bzw. Institutionalisierung der Risiken auf Seiten der Finanzmarktakteure, weitere Erhöhung der Eigenkapitalquote der Banken usw. an.

Und die Hals über Kopf verschuldeten OECD-Staaten? In den letzten 5 Jahren ist in Deutschland die Staatsschuldenquote um 4% gefallen. Der IWF prognostiziert, dass sie bereits 2020 wieder Maastricht-gerecht unter 60% liegen wird. In den US ist die Lage weniger rosig, doch auch dort liegt die Staatsschuldenquote noch immer ca. 15% unter der der Nachkriegszeit. Etwa die Hälfte der US-Staatschuld entfällt auf die FED. Würde es je einen US-Schuldenschnitt geben, dann sicher zuerst hier. Das würde den Dollarkurs vorübergehend signifikant drücken, vielmehr aber sicherlich nicht. - Und das von den Autoren als hoffnungslosester Fall überhaupt gebrandmarkte Japan? Führt es denn mit seinen gigantischen 8 Bio. Euro (Schuldenquote rd. 240%) nicht die Weltrangliste an? Doch – nur hat der japanische Staat fast ausschließlich bei denen geliehen, an die er auch austeilt – den inländischen Sparern. Deshalb hat Japan auch nicht wie Griechenland Probleme, seine Anleihen abzusetzen. Deren Verzinsung lag 2013 bei lächerlichen 1,26%.

Das eigentliche Problem wird auch an dieser Stelle nicht herausgearbeitet – es ist ganz unfiskalischer Natur und betrifft die Bevölkerungsentwicklung. Die Autoren, die so gern an allen Ecken exponentielle Entwicklungen ausmachen, übersehen die vielleicht brisanteste überhaupt: Von 1982-92 alterte die Bevölkerung in D um 1 Jahr, im darauf folgenden Jahrzehnt um 3 Jahre, von 2002-2012 bereits um 4 Jahre (Durchschnittsalter 2012 45 Jahre). Derzeit kumuliert so auch viel Vermögen, doch früher oder später ist auch hier abgeschöpft, was abzuschöpfen ist. Dann wird sich das Schrumpfen des gebärfähigen, erwerbstätigen, steuerzahlenden Teils der Bevölkerung bei gleichzeitiger Zunahme des unterstützungs- und pflegebedürftigen Teils immer bedrohlicher bemerkbar machen. Derzeit kompensieren Migranten noch den demografischen Schwund, doch ist weltweit mit der derzeitigen durchschnittl. Fertilitätsrate (2,0 - Tendenz fallend) der „Peak Child“ (Hans Rosling) bereits überschritten. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung aufgrund weiter steigender Lebenserwartung noch zu-, dann jedoch kontinuierlich abnehmen. Insofern könnte die These von der größten Insolvenzverschleppung der Geschichte tatsächlich Gestalt annehmen. Doch dies wäre eher ein kulturell zu bearbeitendes Thema.

Die staatliche Zinslastquote bewegt sich in D, US und Japan seit Jahren um die 3%, im Vgl. zum Stand 2000 ist sie in allen drei Staaten sogar leicht gesunken. Man kann – wie von den Autoren vorgeschlagen – den Zinseszins abschaffen. Doch auch Kreditinstitute müssen sich irgendwie finanzieren und zudem die jährliche Geldentwertung berücksichtigen. Bei den von Staaten gehaltenen Krediten kommt ein weiterer Aspekt dazu. Auch Wirtschaftswachstum ist kumulativ und somit ebenso die Steuereinnahmen. Last but not least: In einer Marktwirtschaft wird der Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt, auch der Preis von Krediten. Würden per Gesetz der Zinseszins abgeschafft, würden mit Sicherheit die Zinsen ansteigen. Belohnt würde damit eine verzögerte Kreditrückzahlung, bestraft eine schnelle.

Würden die USA tatsächlich pleite gehen, würde der Dollarkurs in den Boden rauschen. Die Sozialsysteme und das Gesundheitssystem würden kollabieren. Der Inlandskonsum würde einbrechen, was fatal für die Länder – auch Schwellen- und Entwicklungsländer – wäre, deren Wirtschaft stark vom Export in die Staaten abhängig ist. Ein Gigant wie die USA würde insbesondere viele ärmere Länder mit in den Strudel reißen. Politische Unruhen, Hungerkrisen und -aufstände wie 2008 wären die Folge. In Europa wären die Auswirkungen besonders für sehr exportorientierte Länder wie D auch deshalb fatal, weil der Euro stark aufwerten würde. Ähnliche Kettenwirkungen würde ein Staatsbankrott großer EU-Länder nach sich ziehen, nur in entsprechend geringerem Umfang. Niemand, der halbwegs verantwortlich denkt, kann dgl. also wollen oder gar herbeisehnen, weil es angeblich „die Lösung“ wäre. Sowohl die Zentralbanken als auch die Regierungen werden alles tun, um dem entgegenzuwirken. Würde die Situation sich zuspitzen, würde zudem der Druck hinsichtlich international konzertierter Maßnahmen steigen. Möglicherweise würde man sich endlich einigen, Steueroasen auszutrocknen, den Finanzsektor – wie oben angedeutet - stärker zu regulieren, Spekulationsgewinne abzuschöpfen, Superreiche angemessen zu besteuern etc.

So unglaublich es klingen mag: es gibt kaum etwas im gegenwärtigen System, dass nicht irgendwie auch Sinn macht und kaum Alternativen, die – so schön sie auch im ersten Moment klingen mögen – nicht wiederum anders geartete Nachteile und Risiken bergen. Das gilt selbst für den Derivatehandel. CDSs oder Long/Short-Kombinationen der Hedgefonds können gute Absicherungen darstellen, Termingeschäfte ebenso. Kreditausfälle und Kurseinbrüche könnten ohne diese Instrumente weniger gut abgepuffert werden. - Das regelmäßig in Bausch und Boden verdammte Private Equity kann Unternehmen i.d.T. ausweiden und zerstören. Es kann diese aber auch retten. - CDOs können Risiken auf mehrere Schultern verteilen und so Investitionsbereitschaften erhöhen usw.

Die Exzesse und Fehlentwicklungen, welche die Autoren zu recht kritisieren, rühren eher von Missbräuchen innerhalb des Systems her, als vom System selber. Nun gilt es genau hinzuschauen, und solchen Missbrauch politisch einzugrenzen, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Lobenswert ist, dass die Autoren auf die grundlegenden Fragen hinweisen, die sich im Zusammenhang mit dem Krisengeschehen der letzten Jahre eben auch ganz neu stellen. Fragen die u.a. Wirtschaftsnobelpreisträger J. Stiglitz nicht müde wird, ins öffentliche Bewusstsein zu rufen. Welche Ethik und Moral wird im Wirtschafts- und Finanzsektor kultiviert? Was tragen die Wirtschaftswissenschaften dazu bei, dass Verantwortungsbewusstsein ausgehöhlt wird? Was macht eigentlich ein erfülltes Leben aus? Woran bemisst sich der Entwicklungsstand einer Gesellschaft? Gleicht das gegenwärtige fieberhafte Höher-Schneller-Besser-Weiter nicht der Jagd nach einer Fata Morgana, die immer weiter in die Wüste führt?

Fazit: Sicherlich enthält das Buch viele richtige Hinweise, Analysen und Kritikpunkte. Vieles ist jedoch unausgegoren und nicht zu Ende gedacht. Vieles wird übertrieben reißerisch und völlig unausgewogen dargestellt. Natürlich - mit ein wenig Weltuntergangs- und Verschwörungsthrill lassen sich Bestsellerlisten eher erobern als mit nüchternen, sauber recherchierten Sachbüchern. Wer sich solide zu den angeschnittenen Themen informieren möchte, sollte sich aber besser an Autoren wie Sinn, Otte, Sarrazin (sein Euro-Buch) oder auch Stiglitz, Krugman, Piketty halten. Wer über Alternativen zu unserer gegenwärtigen Wirtschaftsweise und unseren Konsummustern nachdenkt, kann dies möglicherweise besser mit Welzer, Skidelsky oder auch Felber tun.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 4, 2015 7:45 PM CET


Die schrecklichen Kinder der Neuzeit (suhrkamp taschenbuch)
Die schrecklichen Kinder der Neuzeit (suhrkamp taschenbuch)
Preis: EUR 11,99

41 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Drift ins Bodenlose, 25. Juli 2014
Wir befinden uns zivilisationsgeschichtlich gesehen im Delta, so der Autor; dort wo Zivilisationsströme, die sich einst aus – jeder nach seiner Art - quicklebendig dahin sprudelnden Bächen und Flüssen speisten, zu behäbig auslaufenden Gewässern werden, Sumpflandschaften entstehen lassen, bevor sie ganz im konturlosen ozeanischen Einerlei aufgehen - eine „Vermassung“ der Menschheit, die schon Goethe, Max Weber, Gustav Le Bon voraussagten.

Es hätte „anti-genealogische“ Ansätze bereits in der griech.-röm. Antike gegeben. Den ersten entscheidenden Kultur- und traditionsübergreifenden Input lieferte aus Sicht des Autors jedoch das Christentum. Es stellte zum Einen alles Althergebrachte radikal auf den ethisch-moralischen Prüfstand und war zum Anderen universalistisch ausgerichtet. Jeder war eingeladen zu einem neuen Leben - frei von den Ansprüchen und Erwartungen der Herkunftsgesellschaft bzw. -kultur, einzig Gott und dem eigenen Gewissen verpflichtet. Doch erstarrte dieser Aufbruch bald wiederum in Traditionalismus und durch die konkrete religiöse Ausformung waren dem Vermögen, immer größere Teile der Menschheit einzubinden, Grenzen gesetzt. Das änderte sich erst mit der Aufklärung, die schließlich in der Französischen Revolution gipfelte.

Diese sieht Sloterdijk merkwürdiger Weise weniger als Folge untragbarer sozialer Verhältnisse an, als – wenn auch in vielem sehr fragwürdigen - Versuch, eine menschenwürdigere Gesellschaft zu erschaffen, denn als eine Art geistig-kultureller Intifada; vorrangig motiviert von dem Verlangen, sich von allen althergebrachten Bindungen befreien zu wollen. Die katholische Kirche, so der Autor, hätte die Jahrhunderte hindurch die Erbsündenlehre des Augustinus transferierte. In dieser käme zwar unzweifelhaft Richtiges zum Ausdruck (Wir sind immer auch Fortsetzung unserer Vorfahren und zu deren Erbe gehört, dass wir „nicht nicht sündigen können“), doch bewährt durch Himmel und Hölle, eine Erlösung, die nur ganz wenigen Auserwählten vorbehalten sei und einer der vielen harrende Verdammnis, sei diese existenzielle Wahrheit so negativ überfrachtet wurden, dass man schließlich das Kind mit dem Bade ausschüttete und den radikalen Neuanfang, unbelastet von allem Überkommenen suchte.

Sloterdijks Wiedergabe bzw. Deutung des Augustinus ist natürlich Unsinn und schon gar nicht findet dergleichen Rückhalt in neutestamentlicher Lehre. „Gott will, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden.“, heißt es dort. Doch kann man nicht leugnen, dass Missverständnisse dieser Art phasenweise tatsächlich weite Verbreitung fanden und sicherlich auch zu Triebfedern der Aufklärung wurden.

Ganz so radikal war der Bruch denn aber doch nicht. Die wenigsten Aufklärer kehrten der Religion ihrer Vorväter vollständig den Rücken, das Volk schon gar nicht. Doch hinterfragte, relativierte und selektierte man nun stärker. Vieles, was ursprünglich christlich war, so auch Sloterdijk, lebte fortan in säkularisierter Fassung fort. Aus der Gottesebenbildlichkeit leitete man die unveräußerliche Menschenwürde ab, die es durch grundlegende Rechte abzusichern galt. Der missionarische Impetus, der Anspruch auf universelle Gültigkeit blieb dabei erhalten.

Doch wohnt einem Minimalkonsens, wie ihn die Menschenrechte darstellen, keinerlei kulturstiftende Kraft inne. Sie schützen das Individuum vor den Übergriffen anderer Individuen; sagen ihm, was er um der anderen willen zu lassen, nicht aber, was er ihnen zu Gute zu tun habe. Dass dies ein Dasein legitimieren würde, das nichts anderem als den eigenen Bedürfnissen verpflichtet ist, was letztlich nur in einen immer weiter um sich greifenden Verfallsprozess münden könne, war ein Kritikpunkt, den die letzten großen Bastionen des Traditionalismus stets äußerten. Die katholische Kirche konnte sich letztlich nur zu einer Versöhnung mit der Menschenrechtsidee durchringen, weil sie ihr nach wie vor wirkungsvoll die MenschenPFLICHTsidee zur Seite stellen kann.

Mit der Französischen Revolution greift die Entropie vor der Zeit auf das Menschentum über. Analog zur Thermodynamik formuliert Sloterdijk seinen „zivilisationsdynamische Hauptsatz“, der da lautet: „Im Weltprozess nach dem Hiatus werden ständig mehr Energien freigesetzt, als unter Formen überlieferungsfähiger Zivilisierung wieder gebunden werden können.“

Was er dann an „Untersätzen“ auflistet, überzeugt freilich nur teilweise. Dass die Summe erotischer Triebwünsche die Möglichkeiten ihrer Befriedigung übersteigt, die Aufstiegshoffnungen und -erwartungen die Zugänglichkeit zu den gesellschaftlichen Eliten, das Warenangebot die Kaufkraft der meisten Menschen, die Krankheiten, die Mittel diese zu lindern oder zu heilen etc. sind sicher nicht unbedingt Alleinstellungsmerkmale von Moderne oder Postmoderne. Eher schon das Faktum, dass mehr Schulden aufgetürmt werden, als jemals getilgt werden können, oder dass beständig mehr Müll geschaffen wird, als jemals recycelt werden kann.

Es lässt sich kaum leugnen – unter dem Schutzschirm aufgeklärter Humanität kann sich auch all das bestens ausbreiten, was zivilisationszersetzendes Potenzial hat: kapitalistische Gier, Raubbau an den natürlichen Ressourcen, (a-)soziales Monaden- und Nomadentum, ein übersättigender Konsumismus uvam. Kulturelle Strukturen, die geeignet sind, die degenerativen Kräfte im Menschen einzuhegen oder gar zu transformieren, werden immer brüchiger. Solidarische Netzwerke, die Menschen in Strukturen wechselseitiger Fürsorge, Verantwortung, Unterstützung einbinden, lösten sich mehr und mehr auf. Die Staaten, die dies ersetzen sollen, sind damit zunehmend überfordert. Familien werden immer instabiler, nicht zuletzt zulasten der Kinder. So man denn noch Kinder hat – die demografischen Schwergewichtsverschiebungen und Einbrüche, die die Menschheit spätestens zum Ende diesen Jahrhunderts hin erwarten, stellen wahrscheinlich die größte Herausforderung überhaupt dar.

Sloterdijk schildert verschiedene Stationen der „Geschichte dieser Drift ins Bodenlose“ und zieht hier verschiedene historische Ereignisse, Figuren oder geistige Größen heran. Von Jeanne-Antoinette Poisson alias Madame de Pompadour, die mit ihrem „Après nous le déluge“ in einem launischen Moment dem Wesensgehalt des Neuen Zeitalters bis heute gültigen Ausdruck verliehen hätte, bis zu Maria-Letizia Ramolino, der Mutter Napoleons, deren "Pourvu que ça dure!" auch Untertitel von Sloterdijks Buch hätte werden können.

Vom Marquis de Sade, dessen Dolmancé in „Philosophie im Boudoir“ in der Gegenwart der 15-jährigen Eugénie, deren Mutter mit sadistischer Wollust die Vagina zunäht bis zu Samuel Beckets „Warten auf Godot“, in dem man vom Pferde herab geradewegs in die Grube gebärt. Für Sloterdijk beides literarische Träume in denen sich die Verachtung gegenüber der Idee generationenübergreifender Verbundenheit und Kontinuität, die sich zu dieser Zeit bereits tief ins kollektive Unbewusste eingefressen hatte, Ausdruck verschaffen. Von Max Stirners Solipsismus bis zu Nietzsches armseligen „letzten Menschen“. Von der französischen, über die russische zur angloamerikanisch-neoliberalen Revolution.

Man kann vieles an Sloterdijks Buch kritisieren. Als Christ wird man sich an seinen unbeholfenen theologischen Einlassungen stoßen, als Ökonom an seinen stümperhaften Wirtschaftsanalysen, humanistische Kreise an seinem mangelhaften Sinn für humanitäre Errungenschaften, Linke an seiner fehlenden Sensibilität für Fragen sozialer Gerechtigkeit, Historiker an seinem einseitigen Geschichtsbild, Kollegen aus seiner eigenen Zunft an seiner lässigen Deutung mancher Philosophen, Politiker über seine Unkenntnis all dessen, was bereits längst erkannt, bedacht und in Programmen und Maßnahmen berücksichtigt ist. Wer ihn allerdings wie TAZ und SPIEGEL als ewig gestrigen Kulturpessimisten, als „Reaktionär“ und „Ultra-Konservativen“ in Bausch und Bogen verdammt und inhaltlich weg bügelt, hat ihn höchstwahrscheinlich nicht verstanden.

Sloterdijk geht es nicht um (konservative) Werte, sondern um Formen; nicht um Inhalte, sondern um Strukturen. Nachhaltige Entwicklung – das ist sein unterschwelliges Diktum – vollzieht sich als Evolution, nicht in Form immer neuer Revolutionen. Die Natur, zu der auch der Mensch gehört, kennt keine Entwicklungssprünge. Wo immer Sprünge auftauchen – zer-springt etwas. Destruktion und Disfunktion - Hiatūs, Beben, schreckliche Mutanten sind die Folge.

Sloterdijk plädiert für einen Blick auf das Dauerhafte, auf das, was sich im Laufe der Menscheitsentwicklung bewährt hat. Es bildet den Rahmen, für das, was als Fortschritt in einer nachhaltigen und konstruktiven Weise verwirklicht werden kann. Mag sein, dass man auch den Rahmen da und dort umgestalten und erweitern kann, doch dann nur in einem solchen Maße, dass auch eventuelle negative Konsequenzen reversibel bleiben. Bei all dem setzt er nicht auf neue Diktate und traditionelle Zwänge, sondern auf die sanfte Macht der Vernunft, auf die Einsicht der Frei-willigen. Das ist nicht der schlechteste Ansatz für jemanden, der selbst „nach Hegel und Deleuze existiert“, der selbst vom Scheitel bis zur Sohle ein „schreckliches Kind der Neuzeit“ ist.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 10, 2014 8:04 PM MEST


Capital in the Twenty-First Century
Capital in the Twenty-First Century
Preis: EUR 23,61

29 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Feudalismus reloaded, 21. Juli 2014
Thomas Piketty ist ein Star-Ökonom, der an der Paris School of Economics lehrt. Seinem "Capital in the 21st Century" wird ein Maß an Beachtung und Lob zuteil, das wohl niemand erwartet hätte. Dass Nobelpreisträger Paul Krugman es zum "wichtigsten Wirtschaftsbuch des Jahres - und vielleicht des Jahrzehnts" erklärt, verwundert nicht, dass es von vielen seiner eher wirtschaftsliberalen Kollegen – zumal in den USA – so positiv aufgenommen wurde, schon.

Das Buch ist ein Wälzer, der mit einer Fülle von Statistiken die Entwicklung von Wirtschaftskraft und Vermögenskonzentration von der Antike bis in die Gegenwart illustriert. Als Kernthese kristallisiert sich dabei heraus, dass die Kapitalerträge kontinuierlich und signifikant das Wirtschaftswachstum überstiegen. Erst im 20. Jahrhundert schien es diesbezüglich eine Trendwende zu geben, da die Wirtschaft - nach weltweiten Krisen und Kriegen - einen enormen Aufschwung erlebte sowie Kapitalerträge und Erbschaften massiv besteuert wurden. So entstand in den Ländern des Westens eine starke Mittelschicht. Doch in den 1970er Jahren ließ das Wachstum nach. Die neoliberale Wende, so der Autor, sei dann mit einer drastischen Reduzierung der Besteuerung von Kapitalerträgen und Vermögen einher gegangen. Die forcierte Globalisierung nach dem Fall des Ostblocks verlieh einer solchen Politik noch mehr Vorschub.

In den vergangenen drei Jahrhunderten sei die Weltwirtschaft inflationsbereinigt pro Jahr im Schnitt um gut 1,5 Prozent gewachsen. Dies verdanke sich zur einen Hälfte dem Bevölkerungswachstum, zur anderen der Produktivitätssteigerung durch technischen Fortschritt. Das Wachstum der Vermögen liegt kontinuierlich bei im Schnitt etwa vier Prozent vor Abzug der Steuern. Für Immobilien und Grundstücke, so Piketty, läge sie meist bei etwas über drei Prozent, für Finanzprodukte sogar bei sechs - sieben Prozent. Die hohen Kapitalerträge erzielt v.a. derjenige, der entsprechend breit gewinnbringend anlegen kann. Mit 50.000 Euro werde man kaum dauerhaft fünf Prozent Return erreichen.

Besonders in den USA konnte sich die beschriebene Dynamik in den letzten Jahrzehnten weitgehend ungebremst entfalten. In den Jahren von 1945 - 1970 entfielen auf die reichsten zehn Prozent der Amerikaner dreißig Prozent des Gesamteinkommens, 2007 war es schon fast die Hälfte. Anders als man vermuten könnte, hat die Finanzkrise die Einkommens- und Vermögensspreizung noch vergrößert. Das Gros der Bevölkerung hat rund zwölf Prozent weniger zur Verfügung als vor der Krise. Das reichste Prozent hingegen verbucht noch einmal einen Einkommenszuwachs von elf Prozent.

In den USA besitzt das „obere“ eine Prozent rund vierzig Prozent des Vermögens; ebenso die in der Vermögensrangordnung folgenden neun Prozent. Etwa acht Prozent des Gesamtvermögens entfallen auf das folgende Zehntel; die ärmeren achtzig Prozent besitzen hingegen nur nur etwa zwölf Prozent. Allein die sechs Erben des Supermarktimperiums Wal-Mart kontrollierten 2011 ein Vermögen von fast 70 Milliarden Dollar. Das ist so viel, wie die gesamten unteren dreißig Prozent der US-Gesellschaft an Vermögen besitzen.

Soviel zu den Verhältnissen im von deutschen Medien so gern als unsozial gescholtenen Amerika. Doch soviel anders sind die Zahlen auch hierzulande nicht. Auf die reichsten zehn Prozent entfallen rund sechzig Prozent des Gesamtvermögens; auf die reichsten zwanzig Prozent bezogen sind es achtzig Prozent. Die „unteren“ achtzig Prozent besitzen folglich nur zwanzig Prozent.

Natürlich, so der Autor, sei Kapitalakkumulation zunächst einmal nichts Schlechtes. Im Gegenteil – diese sei die Grundlage einer sich ständig erweiternden Produktionsbasis, des technischen Fortschritts, steigender Produktivität. Eine zu rigorose Umverteilung liefe deshalb auf ökonomischen Selbstmord hinaus. Piketty plädiert für eine progressive Vermögensteuer, die Kapital von einem relativ hohen Level an umso mehr besteuert, je reicher jemand ist. Vermögensaufbau solle hingegen begünstigt, sprich nicht nur untere, sondern auch mittlere Einkommensklassen steuerlich entlastet werden.

Eine solche progressive Vermögensteuer, so Piketty, entspräche einer zivilisierte Form der Inflation. Die übliche Inflation sei eher eine regressive Vermögensteuer; entlaste verschuldete Staaten, vernichte aber privaten Wohlstand, besonders den der einfachen Sparer. Immobilieneigentümer hingegen, verlören bspw. gar nichts. Eine gerechte und maßvolle Umverteilung könne bspw. so erfolgen: Vermögen unter 200.000 Euro bleiben steuerfrei, bei 500.000 - eine Million Euro wird ein Prozent erhoben, darüber zwei Prozent.

Natürlich bedürfte es hier auch internationaler Regelungen, denn in einer globalisierten Welt verflüchtigt sich das Kapital bekanntlich schnell, wenn es sich irgendwo zu „unwohl fühlt“. Sich innerhalb der EU zu einigen, so Piketty, wäre ein erster Schritt: „Wir brauchen eine Fiskalunion, aber die Europäer sollten nicht alle Steuern und staatlichen Ausgaben zusammenlegen. Dennoch sollten wir die Steuerpolitik, die grenzübergreifende Geschäfte betrifft, eng koordinieren. Es ist sehr schwierig, sich darauf zu einigen, welche Unternehmensgewinne von der Körperschaftsteuer eigentlich betroffen sein sollen - wir haben gerade 17 verschiedene Regeln dazu in der Euro-Zone. Als Konsequenz finden multinationale Konzerne immer einen Weg, weniger Steuern zu zahlen als die kleineren Firmen, indem sie ihre Gewinne verschieben und geringe Unterschiede in den Steuergesetzen ausspielen.“

Piketty sieht in der Ungleichverteilung eine enorme Gefahr für die Demokratie. Wenn sich in den Händen einzelner Leute oder auch nichtstaatlicher Institutionen ein Reichtum befindet, der das BSP ganzer Staaten übersteigt, wird es für Regierungen immer schwerer, die Interessen solcher Wirtschaftsakteure zu übergehen. Dass Superreiche schon heute über ihre Beteiligung in Finanzkonglomeraten erheblichen politischen Einfluss ausüben, steht außer Frage. Aber sie machen längst mit von ihnen finanzierten NGOs auch Weltpolitik – finanzieren Umstürze und in gewissem Umfang Nationbuilding – bisher in einer Art und Weise, die vielerlei Hinsicht durchaus lobenswert ist, doch nichts desto trotz in keiner Weise demokratisch legitimiert. Natürlich wird mit einer hohen Konzentration von Reichtum auch die Gefahr von Korruption in großem Maßstab virulent, ebenso wie die Möglichkeiten der Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Eigentümerschaft im Bereich der Medien. Ganz allgemein büßt ein politisches System, dass eine so ungleiche Verteilung der Güter dieser Welt befördert, und die keinerlei Wertschöpfung erbringenden Geschäftsaktivitäten im Rahmen einer immer stärker aufgeblähten Finanzindustrie mehr belohnt als ehrliche, engagierte Leistung, in den Augen vieler Menschen seine moralische Legitimität ein. Sie steigen innerlich aus und identifizieren sich nicht mehr mit dem Ganzen – für jede Demokratie ein unguter Trend. Und natürlich wird irgendwann am Horizont auch die Gefahr sozialrevolutionärer Erhebungen herauf dämmern.

Im internationalen Kontext - im hinteren Teil des Buches nimmt der Autor Bezug darauf - bekommt die Akkumulation von Reichtum noch einmal in anderer Weise ein ganz besonderes politisches Gewicht. Wenn nationale Politik in autoritär regierten Ländern die Anhäufung großer Vermögen noch zusätzlich begünstigt oder gar unter staatlicher Ägide in Form gigantischer Fonds betreibt, siehe etwa Qatar oder China, könnte daraus eine erhebliche Herausforderung für die Länder des Westens erwachsen. „Wird China die Welt besitzen?“, fragt der Autor gar. Schon jetzt reguliert die kommunistische Regierung Auslandsinvestitionen ebenso wie die Wechselkurse. Rein theoretisch, so Piketty, könnte sie auch Sparquoten durchsetzen. So ergäbe sich ein gewaltiges Potenzial, sich in die Schlüsselbereiche der westlichen Wirtschaft einzukaufen. Für sehr wahrscheinlich hält er ein solches Szenario allerdings nicht. Wenn er die EU-Bürger damit tröstet, dass sie letztlich immer noch ungleich vermögender seien als die Chinesen, überzeugt das freilich nicht. Die Lohn- und Preisniveaus werden sich – zumal in den Städten - in Zukunft mehr und mehr angleichen, und somit auch der Immobilienwert, der sich in der Gegenüberstellung des Autors - 70 Bio. EU-Vermögen - 3 Bio. auf chinesischer Seite, verbirgt.

Ob mit staatlich verordneter Umverteilung allein die im Buch geschilderte Problematik in den Griff zu bekommen ist, erscheint fraglich. Will man das Problem an der Wurzel packen, kommt man nicht umhin, die Grundprämissen ökonomischen Denkens, die inzwischen weltweit an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten vermittelt werden, zu hinterfragen. Wenn der heiße Kern aller Wirtschaftsdynamik im freien Spiel der auf eigennützige Gewinnmaximierung gerichteten Marktakteure gesehen wird, darf man sich nicht wundern, wenn sich mehr und mehr Vermögen in den Händen derjenigen konzentriert, die dieses Spiel am besten beherrschen. Hier muss ein Umdenken stattfinden, denn der heiße Kern jeder positiven gesellschaftlichen Dynamik ist das Engagement verantwortlicher, mit möglichst hohem ethisch-moralischem Anspruch agierender Menschen. Für alle Bereiche der Gesellschaft setzen wird auch ganz selbstverständlich am Gemeinwohl orientierte Standards. Ausgerechnet den Bereich von vielleicht zentralster Bedeutung – die Ökonomie – glauben wir, ungestraft davon ausnehmen zu können. Mehr noch, wir kultivieren geradezu Verantwortungslosigkeit, indem ein primär wertorientiertes Agieren in der Wirtschaft als Ausdruck von Naivität und Inkompetenz angesehen wird.

J. Stiglitz, Nobelpreisträger und ehem. Chefvolkswirt der Weltbank, bringt es auf den Punkt, wenn er in seinem Buch "Im freien Fall" schreibt: "..wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der der Materialismus über moralische Bindungen obsiegte, in der das Wachstum, das wir erreicht haben, weder ökologisch nachhaltig noch langfristig gesellschaftlich tragfähig ist, in der wir nicht als Gemeinschaft handeln, um unsere gemeinsamen Bedürfnisse zu befriedigen - unter anderem weil ein radikaler Individualismus und Marktfundamentalismus jeglichen Gemeinschaftssinn unterhöhlt, zu einer rücksichtslosen Ausbeutung unvorsichtiger und ungeschützter Menschen und zu einer stetig wachsenden sozialen Spaltung geführt haben. […] Noch ist es nicht zu spät, um diese Spaltungen zu überwinden."

„Die Wirtschaftswissenschaft“, so Stiglitz an anderer Stelle, „hat diesem mangelnden moralischen Verantwortungsbewusstsein unabsichtlich Vorschub geleistet. Eine unbedarfte Lektüre von Adam Smith könnte einen zu der Annahme verleiten, er habe die Marktteilnehmer der Bürde ethischer Reflexion enthoben. Schließlich führe die Verfolgung eigennütziger Interessen wie von unsichtbarer Hand zum Gemeinwohl; man müsse mithin nichts weiter tun - sollte nichts weiter tun -, als konsequent seine eigennützigen Ziele zu verfolgen. Und die Akteure im Finanzsektor haben scheinbar genau dies getan. Die Verfolgung eigennütziger Interessen - Gier - beförderte nun aber gerade nicht das Gemeinwohl“. Sein Fazit: "Wenn die Vereinigten Staaten [und nicht nur diese] ihre Wirtschaft erfolgreich reformieren wollen, müssen sie möglicherweise mit einer Reform der Wirtschaftswissenschaften beginnen."
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3.0 von 5 Sternen Gehört die Zukunft den Religionen?, 21. Juli 2014
Eric Kaufmann untersucht in seinem Buch den Zusammenhang zwischen Religion und Demografie und kommt – ähnlich wie in Deutschland Michael Blume in seiner jüngst erschienenen Publikation zu diesem Thema - zu dem Ergebnis, dass säkulare Bevölkerungsgruppen regelmäßig einem demografischen Niedergang entgegensteuern, während mit dem Grad der Religiosität – soweit diese pronatal geprägt ist – die Fertilität steigt. Der im atheistischen Lager zu verortende Autor sieht hier einen weltweiten Wettlauf im Gange, bei dem sich der Säkularismus auf verlorenem Posten befände. Religiöse hätten in demografischer Hinsicht die deutlich besseren Karten, da ihr Wertesystem Familie und Kindern weitaus zuträglicher ist als das mehr oder weniger hedonistisch geprägte Lebenskonzept der Säkularen.

Generell versucht Kaufmann deutlich zu machen, dass der demografische Faktor in der Geschichtsschreibung regelmäßig unterbelichtet bleibt. Auch in der Gegenwart werde übersehen, auf welch enorme Herausforderungen die Menschheit zusteuert. Den demografischen Problemen Ost-Asiens (Überalterung bei wenig ausgebauten Sozialsystemen, wachsendes Ungleichgewicht durch ein erschreckendes Ausmaß an geschlechtsspezifischer Abtreibung) widmet er dabei wenig Aufmerksamkeit. Der allgemeine Geburtenrückgang im islamischen Raum, in Europa und Amerika bei konstant hoher Geburtenrate unter den intensiv Religiösen bereitet ihm v.a. insofern Kopfzerbrechen, dass er die säkular-liberale Prägung der westlichen Gesellschaften gefährdet sieht bzw. einen beständigen Radikalisierungstrend im Islam befürchtet.

„Ultra-Orthodox Jews, whether in Israel, Europe or North America, have a two or threefold fertility advantage over their liberal-Jewish counterparts. Their eventual achievement of majority status within worldwide Jewry in the twenty-first century seems certain. Evangelical and neotraditional Christians in the United States and, increasingly, in Europe will follow suit. Islamist Muslims and traditionalists of other faiths are not far behind. Their expansion will eventually be sufficient to counter worldwide population decline.“

Kaufmanns Untersuchung sowie seine Ergebnisse sind zunächst einmal sehr interessant. Die daraus abgeleitete These von einem sich breit machenden intolerantem Puritanismus wirkt jedoch überzogen alarmistisch. Feindselige, antireligiöse Töne, wie im militanten Neo-Atheismus en vogue, finden sich bei ihm nicht. Er mahnt die säkularen Gesellschaften vielmehr an, sich intelligenter, integrativer, gewinnender der Herausforderung zu stellen.

Was gegen Kaufmanns Thesen spricht, liegt jedoch im Prinzip auf der Hand: Wenn Geburtenraten der entscheidende Faktor für die Verbreitung intensiv gelebter Religiosität wären, würden wir längst in einer dadurch geprägten Welt leben. Die Ausgangsbedingungen für Religionen waren in der Vergangenheit sehr viel günstiger als in unserer doch relativ breit säkularisierten Gegenwart. Doch erweckte Religiosität war noch nie an Vererbungslinien gebunden. Sie tritt in Wellen
auf, erfasst dann viele, die zuvor eher moderat oder gar nicht religiös waren, erstarrt dann früher oder später in Orthodoxie bzw. Traditionalismus, wobei sie an Intensität wieder verliert, gewissermaßen "abkühlt". Keine der regelmäßig sehr viel Gutes hervorbringenden christlichen Erweckungsbewegung (Vgl. hierzu Wikipedia: Erweckungbewegung, Great Awakening, Social Gospel) hat sich durch Fertilität auch nur auf Dauer erhalten, geschweige denn ausweiten können. Dies gilt aber auch für die – nicht immer, aber leider oft - mit Militanz einhergehenden islamisch-“fundamentalistischen“ Aufbrüche.

Kaufmann hält solchen Einwänden entgegen, dass der religiöse Fundamentalismus, ein junges Phänomen sei. Diese Strömungen würden sich als Gegenbewegungen zur Moderne verstehen und auch die Art und Weise des bewussten „demografischen Aufrüstens“ – durch die Unterstützung einer entwickelten medizinischen Versorgung doppelt effektiv – sei ein Novum.

Doch auch das muss man hinterfragen. Für den christlichen Bereich entspricht Kaufmanns Gleichsetzung von Evangelikalismus und Fundamentalismus nicht der Realität. Und selbst in den Teilen der Bewegung, für die das zutrifft ist die Einstufung als „Gegenbewegung zur Moderne“ irreführend. Es mag skurril anmutende Erscheinungen geben, doch selbst der fundamentalistischste amerikanische Christ ist i.d.R. noch ein vehementer Verfechter der Demokratie; er mag die Evolutionstheorie ablehnen, nicht jedoch die moderne Wissenschaft an sich. Er mag Abtreibung und die Gleichgeschlechtliche Ehe ablehnen, aber er wird sich ebenso vehement gegen Übergriffe und Diskriminierungen aussprechen. Er mag den Islam verteufeln, aber längst nicht die unter Bush jr. initiierte Kriegstreiberei gutheißen. Kurzum – er bewegt sich im normalen politischen Meinungsspektrum. Ein Blick auf die Teaparty Bewegung (nur etwa 40% Evangelikale) zeigt das ebenso, wie ein Blick auf die letzten US-Wahlen (etwa 30% der weißen Protestanten /Evangelikalen wählten Obama, 75% der lateinamer. Katholiken, 95% der schwarzen Protestanten/Evangelikalen; 30% der „Religiously unaffiliated“ wählten ihn nicht). Evangelikale Pastoren begleiteten Obamas Amtseinführung, das Wahlprogramm der Demokraten wurde von Evangelikalen geschrieben. Evangelikale sind mit enormem Engagement vornan bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen; es gibt evangelikale Initiativen für Umweltschutz, Entwicklungshilfe, gegen Menschenhandel, zur Unterstützung von Arbeitslosen, Obdachlosen, Suchtkranken uvam.

Auch bei den ultra-orthodoxen Juden dramatisiert der Autor die Situation. Es ist wohl den jüngst in den Medien kursierenden Meldungen über die in Israel neu eingeführte Wehrpflicht für die Haredim zu verdanken, dass vielen Menschen überhaupt klar wurde, wie unsinnig die immer wieder unterschwellig lancierte Gleichsetzung von gewaltbereiten Islamisten und pazifistisch geprägter, jüdischer Orthodoxie ist. Lange Zeit waren es sogar diese Extrem-Religiösen, die sich vehement gegen eine religiöse Begründung der Wiedererrichtung des Staates Israel – ein Projekt, dass in ihrer Sicht vielmehr durch eigenmächtig menschliches Handeln, ohne göttliche Legitimation voran getrieben wurde - aussprachen. Dass die Integration der anschwellenden Bewegung in das säkulare Staatswesen eine Herausforderung darstellt, ist natürlich trotzdem richtig.

Ultra-orthodoxe Juden gab es bei der Gründung des Staates Israel nur einige hundert. Mit einer Geburtenrate von nun 7,6 Kindern pro Frau liegt ihr Anteil heute bei 14% der israelischen Juden, bei den Erstklässlern sind es bereits ein Drittel. Die Haredim beteiligen sich von Anfang an am demokratisch-politischen Geschehen. Selbst die i.A. rechts außen verortete, regelm. das Zünglein an der polit. Waage bildende Schas-Partei ist jedoch alles andere als militant. Sie unterstützt vielmehr traditionell den Friedensprozess deutlicher, als bspw. Likud das tut. Man mag in territorialen Fragen eigenwillig sein, jedoch nur solange dies nicht bedeutet, dass Menschen sterben müssen. Man engagiert sich mit großem Einsatz in sozialen Fragen und ist – was natürlich der liberaleren Gesellschaft ein Dorn im Auge ist – sehr konservativ geprägt. Auch das israel. Oberrabbinat ist mit zwei ultra-orthodoxe Oberrabbiner besetzt - einem aschkenasischer und einem sephardischen. Dass dieses für viele zivilrechtliche Fragen zuständig ist – da ist dem Autor recht zu geben - drückt der israelischen Gesellschaft an vielen Stellen einen wertkonservativen Stempel auf. Doch mit all dem tun die Haredim nur das, was in einer pluralistischen Gesellschaft legitimes Recht eines jeden ist – Sie nutzen Spielräume und Möglichkeiten, um ihre Standpunkte durchzusetzen, ohne dabei jemals individuelle Freiheitsrechte infrage zu stellen.

Und der Islam? In der islamischen Welt fallen die Geburtenraten mittlerweile schneller als im Weltdurchschnitt. Im Iran und der Türkei bspw. liegen sie längst unter der Reproduktionsgrenze von 2,1 Kindern je Frau. Die kommenden zwei Jahrzehnte bleiben heikel, da die Fertilität im islamischen Raum in der Vergangenheit hoch war und aktuell noch relativ hoch ist. Die Populationen weisen sog. „Youth Bulges“ auf. Sehr geburtenstarke Jahrgänge treten in das Erwachsenenalter ein - in fragilen Saaten, deren Weg zur Demokratie trotz den Aufbrüchen des „Arabischen Frühlings“ (ihrerseits bereits durch die sich langsam ausprägende Entwicklung mitbedingt) noch auf lange Zeit ungewiss sein wird; in Volkswirtschaften, die unterentwickelt sind und keine ausreichenden Einkommensmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Eine perspektivlose Jugend als Rekrutierungsreservoir für Extremisten.

In den dann folgenden Jahrzehnten wird sich auch der islamische Raum der demografischen Situation des Westens annähern. Dies gilt auch für die muslimischen Minoritäten in den Einwanderungsländern des Westens, deren Geburtenrate insgesamt sich tendenziell der der aufnehmenden Länder angleicht (Musliminen 2,2 ; Nicht-Musliminen 1,5 - Prognose für 2030 Musliminen 2, Nicht-Musliminen 1,6 Kinder). Ohne signifikante Veränderungen in der Zuwanderungspolitik werden 2030 etwa 8% (58 Mio.) der europäischen Bevölkerung Muslime sein (2011 6% - 44 Mio.). In den USA steigt der muslimische Anteil von 2,6 auf 6,2 Mio.

Die Zahl der Staaten im islamischen Kulturkreis, deren Rechtssystem sich an der Schariah orientiert, hat einen neuen Höchststand erreicht. Frauen, die ein Sharia-geprägtes Rechtssystem für sehr begrüßenswert halten, haben im Schnitt doppelt soviel Kinder wie Frauen, die dies als am wenigsten wünschenswert ansehen. - Besonders durch die Entwicklungen in Folge der „Arabellion“, erreicht auch die Zahl der Gewaltkonflikte, in die der Islam involviert ist, gegenwärtig einen neuen Höchststand. Laut Pew Research gibt es insgesamt in der muslimischen Welt aber auch einen deutlichen Entradikalisierungstrend: Nach 9/11 hielten angesichts von amerikanischer Interventions- und israelischer Besatzungspolitik im Libanon noch 74% der Befragten Selbstmordanschläge für gerechtfertigt, 2008 waren es noch 32%. In Nigeria fiel die Quote von 47 auf 32, in Jordanien von 43 auf 25, in Indonesien von 26 auf 11, in Pakistan von 33 auf 5, in der Türkei von 13 auf 3. Die Bewertung von Al Quaida folgt einer ähnlichen Tendenz. Es gibt also verschiedene, gegenläufige Entwicklungen und welcher Trend sich schließlich durchsetzen wird, bleibt offen. Ein beträchtliches Konfliktpotenzial, das im Auge behalten werden muss, birgt der Islam ohne Zweifel.


America's Blessings: How Religion Benefits Everyone, Including Atheists
America's Blessings: How Religion Benefits Everyone, Including Atheists
Preis: EUR 8,81

5.0 von 5 Sternen Salz der Erde, 21. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wie wirkt sich Religion im Leben von Menschen aus? Welchen Einfluss hat es auf eine Gesellschaft, wenn Menschen keinen transzendenten Bezug mehr haben? Solche und ähnliche Fragen sind ein Dauerbrenner, und dies umso mehr, je stärker Säkularisierung fortschreitet, je präsenter Religionskonflikte auf der weltpolitischen Tagesordnung sind, je mehr Politik auch in den westlichen Ländern wieder vom religiösen bzw. areligiösen Hintergrund bestimmt wird, je militanter sich ein sog. „Neuer Atheismus“ gebärdet. Umso mehr wundert es, wie undifferenziert diese Thematik weithin behandelt wird. Dabei sollte jedem auf Anhieb klar sein, dass die Diskrepanzen und Unterschiede sowohl auf Seiten der Religion, wie auch auf Seiten des Säkularismus viel zu groß sind, als dass man mit diesen Überbegriffen die o.g. Fragestellungen sinnvoll erörtern könnte. Dass Islam und Christentum kaum vergleichbar sind, dringt mehr und mehr ins öffentliche Bewusstsein. Wie groß allerdings das Spektrum auch innerhalb des Christentums, ja selbst der einzelnen Denominationen ist, bleibt noch viel zu oft unberücksichtigt. Dabei ist so manch einer, der noch in Kirchenregistern eingetragen ist seiner Religion längst stärker entfremdet, als der eine oder andere die Verbindlichkeit scheuende Konfessionslose es möglicherweise ist. Immerhin gibt es auch hier in den letzten Jahren einen Trend dahingehend, die Dinge auch an dieser Stelle differenzierter zu behandeln. So werden in Erhebungen immer öfter nicht nur Kategorien wie evangelisch oder katholisch abgefragt, sondern der Grad tatsächlich gelebter Religiosität erfasst.

Der renommierte amerikanische Soziologe Rodney Stark greift in seinem Buch die Ergebnisse solcher Erhebungen auf und geht dabei sämtliche gesellschaftliche Bereiche durch. In dieser Rezension sollen nur die beiden entgegengesetzten Pole (intensiv gelebter „Glaube“ versus hohe religiöse Indifferenz) Erwähnung finden. Die Tabellen im Buch geben eine differenziertere Skalierung wieder, wobei die linearen Veränderungen in den Zwischenbereichen i.d.R. die Gesamtaussage bestätigen.

Kriminalität

Im vorderen Teil des Buches räumt Stark zunächst mit dem Mythos von den hohen Kriminalitätsraten im religiösen Amerika im Vergleich zur niedrigen Kriminalität im säkularen Europa auf. Natürlich stellt man hier zwei sehr unterschiedliche Kulturen gegenüber und so würde es bspw. angesichts der amerikanischen Aversion gegen staatliche Kontrolle und Reglementierung und der typisch europäischen Staatsgläubigkeit nicht wundern, wenn eine effektivere Exekutive tatsächlich zu entsprechenden Resultaten führen würde. Die Statistiken sagen jedoch etwas anderes.

Einbrüche gab es gem. UN Office on Drugs and Crime 2009 in Dänemark 1715 per 100.000 Einwohner, in Schweden 1024, in den USA 713. Bei Diebstählen kamen Schweden auf 4255 Fälle, Dänemark auf 3482, die USA auf 2114. Es gab in Schweden 918 Überfälle je 100.000 Einwohner, in Deutschland 630, in Frankreich 303, in den USA 268. Manche Zahlen decken sich hier nicht exakt, möglicherweise gab es Nachberechnungen. Auch ist die Zuordnung zu Deliktklassen von Land zu Land nicht immer gleich. Die Verhältnisse werden davon unbeschadet deutlich.

Wahr ist, dass es in den USA signifikant mehr Tötungsdelikte gibt. Stark führt das sicherlich zu Recht auf das europäische Schusswaffenverbot zurück. Angesichts der Vielzahl der Überfälle würden sich die Raten andernfalls wohl schnell angleichen.

Innerhalb der US ergibt sich dann unter Einbezug des Kriteriums Religiosität das folgende Bild: Der Prozentsatz derjenigen, die jemals von der Polizei aufgegriffen wurden, beträgt bei US-Bürgern mit wöchentlichem Gottesdienstbesuch 6%, bei gelegentlichem 13%, bei keinem 21%. ( General Social Survey)

Ehe, Familie, Kinder, Sexualität, Lebenszufriedenheit

Dass ein enger Zusammenhang zwischen Säkularismus und den demografischen Einbrüchen in den Ländern des Westens besteht, ist längst bekannt. Die Geburtenrate in Familien mit Gemeindebesuch mehr als einmal wöchentlich beträgt 2,34 in US; 2,74 in Europa. Besteht keine Gemeindeanbindung liegt man bei 1,7 in den US, bei 1,79 in Europa.

In der Altersgruppe 30-45 waren US-Bürger mit wöchentlichem Gemeindebesuch zu 12% nie verheiratet, gegenüber 23% bei denen ohne Gemeindebezug. Die Scheidungsrate liegt bei 14% in der ersten Gruppierung gegenüber 28% beim anderen Pol. Verheiratet sind 73% gegenüber 48%. Ihre Ehe erleben als „sehr glücklich“ 67% der aktiven Christen, gegenüber 58% der Areligiösen (General Social Survey).

Nicht viel anders sind die Ergebnisse in Europa – die Scheidungsrate in Schweden liegt bei wöchentlichem Kirchbesuch bei 9% gegenüber 26% bei Kirchenferne. In den Niederlanden ist das Verhältnis 6% zu 20%, in Deutschland 5% zu 26% (General Social Survey 2008).

Entschiedene Protestanten sind mit ihrem Sexualleben am häufigsten „sehr zufrieden“, die areligiöse Gruppe hingegen am wenigsten. Dies bezieht sowohl die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs wie weibliche Orgasmushäufigkeit mit ein. Einzig bei „kreativeren“ Sexualtechniken, liegen die Areligiösen vorn. (National Health and Social Life Survey, US)

Sehr zufrieden mit ihrem Leben insgesamt sind 40% der wöchentlichen Gemeindebesucher gegenüber gegenüber 25% der Gemeindefernen. Bei den einigermaßen Zufriedenen ist das Verhältnis 51% zu 57%, bei denen, die „nicht besonders glücklich“ sind 9% zu 18% ( General Social Survey).

Psychische Probleme kommen gemäß einer von Stark selbst durchgeführten Erhebung, bei den Kirchenfernsten etwa doppelt so häufig vor, wie bei denen, die der Gemeinde am stärksten verbunden sind.

Ehrenamt, soziales und politisches Engagement

Interessant auch der Generosity Index, Gallup World Poll - Auch hier in Relation gesetzt Menschen mit Gemeindeanschluss gegenüber solchen ohne. Für US kommt man auf Scores von 55 zu 39, in Dänemark 41 zu 35, in Schweden 41 zu 27, in Deutschland 37 zu 25, in Spanien 24 zu 13, in Frankreich 25 zu 14. Geld für karitative Zwecke im letzten Jahr gaben lauf General Social Survey 87% der religiösen Amerikaner, gegenüber – 60% der Nichtreligiösen. Ehrenamtliche Arbeit leisteten im Monat vor der Erhebung 57% der Amerikaner mit Gemeindebezug, 31% derjenigen ohne. In Deutschland ist das Verhältnis 38% zu 19%, in Dänemark 37% zu 21%, in Frankreich 36% zu 24%, in Schweden 25% gegenüber 12%, in Spanien 20% gegenüber 13% (Gallup World Poll 2006-2011).

Nicht weniger interessant die Erhebungen zum politischen Engagement im demokratischen Spektrum. In den vergleichsweise stark christlich geprägten US sind rund 16% der Bürger in politischen Parteien organisiert, in Frankreich und Schweden rund 3%, in Deutsch 2%, in Spanien 1%. (World Value Survey 2002-2004)

Bildung, Berufsleben

Wie sieht es im Bereich Bildung/Berufsleben aus? Stark hat im Jahr 2007 eine Erhebung durchgeführt, die öffentliche mit katholischen Schulen in den USA vergleicht. Bei den weißen Schulabbrecher ist das Verhältnis hier 17% zu 1%, bei Afroamerikanern 22% zu 2%, bei Hispanics 23% zu 6%. Diese Zahlen sagen auch viel zum Thema Integration aus und entsprechen hierin den deutschen Erfahrungen.

Einen College -Abschluß haben 22% der white Americans with weekly church attendance gegenüber 17% bei den Gottesdienst-Schwänzern. Bei den Afroamerikanern ist das Verhältnis 11% zu 6%. (General Social Survey)

Beim Scoring zum beruflichen Prestige liegen die weißen, wöchentlichen Gottesdienstbesucher zu 18% im Bereich „hoch“, die religiös uninteressierten nur bei 12%; im Bereich „niedrig“ ist das Verhältnis 28% zu 37%. Bei den Afroamerikanern ist das Verhältnis bei „hoch“ 11% zu 6%, bei „niedrig“ 54% zu 64%. ( General Social Survey). Beim Punkt „jemals arbeitslos gewesen“ ist die Zahlenrelation für weiße Amerikaner 20% zu 37%, für Afroamerikaner 31% zu 47%. Jemals Sozialhilfe (nur bedingt vergleichbar mit deutscher Sozialhilfe) bezogen haben 28% der weißen US-amerikanischen Kirchgänger, gegenüber 43% bei den Kirchendistanzierten. Bei den Black Americans ist das Verhältnis hier 37% zu 55%.

Hausbesitzer sind 75% der weißen engagierten Christen, gegenüber 56% der weißen areligiösen Amerikaner. Bei den schwarzen stehen 51% 31% gegenüber. Finanziell gut genug ausgestattet, um Investments tätigen zu können, sind 32% der entschiedenen Christen gegenüber 22% bei den Nicht-Christen. (General Social Survey)

Kunst und Kultur

Zu guter Letzt räumt Stark noch mit der Mär auf, Areligiöse hätten eine größere Affinität zu Kunst und Kultur. Der Arts and Religion Survey (1999) zeigt etwas anderes: Christen lesen mehr, hören mehr Klassik, gehen öfter in Oper und Theater und interessieren sich stärker für bildende Kunst als ihre religiös indifferenten Mitbürger. Nur im Bereich Pop sind die Relationen etwa spiegelverkehrt.

Starks Buch ist hoch interessant zu lesen. Beim innergesellschaftlichen Vergleich könnte der Verdacht aufkommen, dass sich hier v.a. amerikanische Verhältnisse widerspiegeln. Dem ist jedoch nicht so. Auch der Blick auf Deutschland zeigt, dass die noch vergleichsweise stark christlich geprägten südlichen Bundesländer mit sehr guten Ergebnissen in nahezu allen Bereichen aufwarten: Wirtschaftskraft, Steueraufkommen, Bildung, Integration etc.

Ebenso verhält es sich im Bereich Religiosität und Kriminalität. "Für deutsche Jugendliche aus Westdeutschland zeigt sich dann, dass die nicht religiösen Jugendlichen, die lediglich formal der katholischen oder evangelischen Kirche angehören, im Jahr vor der Befragung zu 16,3 % Gewalttaten begangen haben. Von den sehr religiösen katholischen Jugendlichen waren dies dagegen nur 6,6 % und von den evangelischen nur 6,4 %. Die Verhaltensunterschiede fallen noch größer aus, wenn wir die Mehrfachtäterrate betrachten. Nicht religiöse Katholiken haben danach zu 5,4 % mindestens fünf Gewalttaten begangen, bei den evangelischen sind es 5,1 %. Sehr religiöse Katholiken sind dagegen nur zu 2,4 % Mehrfachtäter und sehr religiöse evangelische Jugendliche gar nur zu 1,1 %. Die Gruppe der deutschen Jugendlichen ohne Religionszugehörigkeit liegt mit Werten von 14,2 % Gewalttätern und 4,1 % Mehrfachtätern jeweils dicht bei den nicht religiösen Jugendlichen."

"Das was sich zu jungen Gewalttätern in Westdeutschland ergeben hat, bestätigt sich dort auch im Hinblick auf andere Formen abweichenden Verhaltens. Je stärker sich katholische und evangelische deutsche Jugendliche an ihren Glauben gebunden fühlen, umso seltener begehen sie Ladendiebstähle bzw. Sachbeschädigungen und umso seltener gehören sie zu den häufigen Alkoholkonsumenten."

(Quelle: Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum - Zweiter Bericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V. 2010, S.125 f.)

Sowohl evangelische als auch katholische Schüler aus deutschen Familien erfahren ferner seltener elterliche Gewalt als Jugendliche aus nichtchristlichen, Familien. (ebenda)

Zum Themenkomplex Religiosität und Gesundheit gibt es eine Fülle internationaler Studien, die Starks an dieser Stelle relativ knapp gehaltene Darstellungen untermauern. Das „Handbook of Religion and Health“ (H. Koenig, M. McCullough, D.Larson, New York 2001) spricht von ca. 1200 amerikanischen Studien, die einen kausalen Zusammenhang zwischen persönlichem Glauben und psychischer und physischer Gesundheit belegen. Wer glaubt ist gesundheitlich stabiler, Krisensituationen besser gewachsen, genießt mehr Lebenszufriedenheit und lebt länger.

In einer Studie wurden 2616 Zwillinge zu Religiosität und psychischen Störungen befragt. Dabei zeigte sich, dass eine positive, sozial gelebte, dankbare Religiosität das Risiko für Angst- und Panikstörungen sowie Suchtkrankheiten deutlich verringert. (Vgl. K.S. Kendler et al. Dimensions of religiosity and their relationship to lifetime psychiatric and substance disorders, American Journal of Psychiatry 160 (2003) No. 3, 496-503)

Eine Meta-Analyse von 147 Studien mit ca. 100.000 Personen belegt, dass religiöse Menschen im Schnitt signifikant weniger depressionsanfällig sind. Besonders akuten Stresssituationen zeigten sie sich – im Durchschnitt - besser gewachsen. (T.B. Smith, M.E. McCullough, J. Poll: Religiousness and Depression, Psychological Bulletin129 (2003), No. 4, 614-636

Die vielleicht umfangreichste Studie zum Thema stellt die Heidelberger Prospektive Interventionsstudie dar (35.000 interviewte und 750 behandelte Menschen, Dauer der Beobachtung bis 25 Jahre) Die Teilnehmer wurden über viele Jahre regelmäßig zu verschiedenen Kriterien befragt und ihr gesundheitlicher Zustand erfasst. Der Punkt „Gottesbeziehung“ war dabei eigentlich nur einer unter vielen (genetische Disposition, Nikotin- und Alkoholkonsum, Essverhalten, körperliche Aktivität, Autonomie und Selbstregulation u.a.m.). Erstaunt war man aber am Ende, welche herausragende Relevanz diesem Punkt zukam. Mit dem Wirkfaktor 12 überragte er alle anderen.


Wie das Christentum die Welt veränderte: Menschen - Gesellschaft - Politik - Kunst
Wie das Christentum die Welt veränderte: Menschen - Gesellschaft - Politik - Kunst
von Alvin J. Schmidt
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1 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie christlich ist das Abendland?, 6. Juni 2014
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Gemäß Evolutionstheorie blicken wir auf ca. 200.000 Jahren Menschheitsgeschichte zurück. Über Jahrtausende hinweg entstanden immer neue beeindruckende Hochkulturen. Der Zivilisationsgrad, an dem wir uns gegenwärtig erfreuen, ist jedoch einmalig. Ist es Zufall, dass die Entwicklung hin zu einer freiheitlichen, rechtsstaatlichen, von beständigem wissenschaftlichem Fortschritt getragenen Gesellschaft gerade im christlichen Kulturkreis einsetzte und zwar zu einer Zeit, die infolge der Reformation so christlich geprägt war, wie keine je zuvor? Alvin J. Schmidt geht in seinem absolut faszinierendem Buch dieser Frage nach. Er findet dabei den renommierten Sozialhistoriker Fernand Braudel bestätigt, wenn dieser sagt: "Die ganze abendländische Geschichte hindurch stand das Christentum im Herzen der Gesellschaft, die es inspirierte, auch dann, wenn es sich von dieser Gesellschaft gefangen nehmen oder verbiegen ließ".

Universalismus

Mit dem Christentum kam in historisch einmaliger Art und Weise der Gedanke der Gleichheit aller Menschen in die Welt. Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person (Jak. 2, 1-9). Für Christen „gibt es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau“ (Gal 3,27f). Jesus nennt die seine "Mutter und Brüder", „die den Willen des himmlischen Vaters erfüllen“ (Mt 12,50). Gott ist aus jedem Volk „willkommen, wer ihn fürchtet und ehrt“ (Apg 10,35). Mit dem Missionsbefehl wurde dem Christentum ebenso eine universalistische Dimension zuteil, wie mit der Erweiterung des Nächstenliebegebotes über die eigenen ethnischen und religiösen Grenzen hinaus. "An die Stelle Roms trat der Begriff der Menschheit, damit an die Stelle des Begriffs der Herrschaft der Begriff der Liebe.", schreibt der Hegelianer und Urvater des modernen Atheismus Ludwig Feuerbach in "Das Wesen des Christentums".

Auch Europas gemeinsame kulturelle Identität ist "das Ergebnis geistiger und kultureller Prozesse, die über nahezu zwei Jahrtausende hier ihr Zentrum überwiegend in der Religion besaßen; tonangebend war das Christentum“, so der Historiker Heinz Schilling. Nachdem europäische Regentschaft über Jahrhunderte nationale und ethnische Grenzen überschritt, ging der moderne Nationalismus aus der Französischen Revolution hervor. Die zwischenstaatlichen Konflikte die sich in der Folge dessen ergaben, kosteten Millionen Menschen das Leben. Während man heute wieder stärker dazu tendiert, europäische Identität nicht aus den christlichen Wurzeln zu begründen, war dies für die Väter der Europäischen Einigung nach dem 2. WK nicht nur in der historischen Perspektive ein sehr zentrales Moment. Die Europa-Idee nach 1945, so auch H.A. Winkler im zweiten Band seines Werks „Die Geschichte des Westens“ war eine speziell „katholische Utopie“, vorangetrieben von katholischen Politikern wie Alcide de Gasperi, Robert Schuman und Konrad Adenauer.

Menschenwürde

Naturalistisches Denken hatte von jeher Schwierigkeiten damit, sich mit einer herausgehobenen Stellung des Menschen, seiner speziellen Würde anzufreunden. In der griechischen Antike machten Platon und Aristoteles den Adel des Menschen an der "Geistseele", dem göttlichen Element in dessen Existenz, sowie seiner Fähigkeit zur Gotteserkenntnis fest. Ähnlich stellt die Stoa (Epiktet, Cicero) auf Vernunftbegabung und Gottesebenbildlichkeit ab. In der Bibel sieht F. J. Wetz, atheistischer Philosoph und Sozialethiker, in seinen "Texte[n] zur Menschenwürde"„eine Reihe von Bestimmungen des Menschen aufgezählt, auf die anschließend die Kirchenväter den Begriff der Menschenwürde beziehen werden. Allen voran ist die menschliche Gottebenbildlichkeit zu nennen, außerdem die herausgehobene Stellung des Menschen unter allen sonstigen Lebewesen sowie der göttliche Auftrag an den Menschen, über die Kreaturen der Erde zu herrschen. Im Neuen Testament kommt die Menschwerdung Gottes hinzu, durch die der Mensch vor allen übrigen Kreaturen geadelt und von der Sünde, die ihn um seine Unsterblichkeit und Herrlichkeit gebracht habe, befreit werde."

Auch Jürgen Habermas sieht in der Religion einen Glutkern, der neben aller Aufklärung normative Gehalte hervorgebracht habe, so die Idee der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Eine säkulare Gesellschaft dürfe sich davon nicht abschneiden, mahnt er in „Glauben und Wissen“. Der Religionssoziologe Hans Joas sieht in „Glaube als Option“ die Menschenrechte erst dort gesichert, wo das Individuum mit Sakralität umkleidet und dadurch unantastbar gemacht ist.

Bildung

Jesus gab dem zentralen jüdischen Gebot "Liebe Gott...." eine "griechische Zutat": nicht nur soll diese Liebe mit "ganzem Herzen" geschehen, sondern auch mit "allem Verstand". (A. Angenendt) Auf dieser Basis entwickelte sich die christliche Theologie.. I.d.T. wurde Bildung bereits in der Urgemeinde hoch geschätzt. Die Patristik führte die geistige Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philosophie auf höchstem Niveau. Gerade dies fand in den vielen anderen Kulten jener Zeit kaum statt und war einer der Gründe dafür, dass das Christentum so viel Zuspruch in den gebildeten Eliten fand. Sowohl die ursprünglichen christlichen Ideen wie auch das antike Bildungserbe lebte dann nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches und den darauf folgenden Wirren zunächst v.a. in den oft in Opposition zur institutionellen Kirche gegründeten Klöstern fort. Bibliotheken waren häufig jedoch auch an ganz normale Kirchen angeschlossen.

Die Kloster- und Domschulen wurden dann zur Plattform der Wissensvermittlung. Aus ihnen ging schließlich die Universität als organisierte Hochschule hervor. Sie stellt ein weltgeschichtliches Novum dar, gilt als „europäische Institution par excellence“. Den Historiker Michael Borgolte schreibt dazu: „Im Vergleich mit den Byzantinern, die an ihrem überkommenen Stoffkanon und ihren traditionellen Lehrmethoden festhielten, mit den Muslimen, die die Herausforderung der griechischen Hinterlassenschaft vom Kern ihres Schulwesens fernhielten, und auch mit den Juden, die sich wie eh und je auf die Auslegung von Bibel und Talmud konzentrierten, erscheinen die Innovationen des okzidentalen Bildungswesens geradezu revolutionär“

Soziale Gerechtigkeit

Der Ägyptologe Jan Assmann setzt mittlerweile in seiner zuvor eher kritischen Bewertung des Monotheismus neue Akzente („Die Mosaische Unterscheidung oder ihr Preis des Monotheismus“). Judentum und Christentum hätten Gott zum Repräsentanten von Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Liebe erhoben. Dies habe eine psycho-historische Entfaltung ausgelöst, da Menschen danach streben, sich der Eigenschaftlichkeit des verehrten Gottes anzunähern.

Jesus antwortete einst auf Frage nach dem Willen Gottes für das menschliche Handeln, mit dem Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben (Mk 12,30f). Der französische Althistoriker Paul Veyne schildert, wie sich dies im sozialen Kontext konkretisierte: „Die jüdische Pflicht der Almosen gelangt auch in die alte Kirche, die mit Hospitälern, Hospiz- und Armenhäusern die organisierte Wohltätigkeit erfand, welche in säkularisierter Form im heutigen Sozialstaat weiterlebt“.

Humanitas hatte in der griech.-röm. Antike keinen großen Stellenwert. Die Idee sozialer Gerechtigkeit, einer gesellschaftlichen bzw. persönlichen Verantwortung für Menschen die weniger besitzen als man selbst; für Arme, Heimatlose, Kranke, Ausgestoßene – sowohl im AT wie im NT sehr ausgeprägt – findet sich bei den Denkern der Griechen und Römer, wie auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit dieser Zeit kaum. Ein Netz von Herbergen für Fremde und Kranke wurde bspw. erst im 4. Jahrhundert n. Chr. durch die dem Kirchenvater Hieronymus nahe stehende Römerin Fabiola im Römischen Reich eingeführt. Im alten Rom kümmerte man sich bestenfalls um die Soldaten.

Würde der Arbeit

Eine allgemeine, positive Einstellung zur Arbeit hat für die Entwicklung eine Gesellschaft einen kaum zu unterschätzenden Stellenwert. Es ist kein Zufall, dass der Fortschritt erst dann wirklich Fahrt aufnahm, als das Bürgertum dominierend wurde. Leistung wurde, anstelle der Herkunft, zum entscheidenden Aufstiegskriterium. Doch nicht nur unternehmerisches oder intellektuelles Engagement fand zunehmend Würdigung, sondern auch die körperliche Arbeit, Handel- und Dienstleistungen; kurz – alles , was zur gesellschaftlichen Wertschöpfung beitrug. Wie wenig selbstverständlich dies ist, macht wiederum ein Blick in die Antike deutlich. Zumal körperliche Arbeit wurde hier regelmäßig als erniedrigend empfunden, etwas, das Sklaven und Unfreien vorbehalten bleibt; der freie Bürger – so meinte man - arbeitete nicht.

Schon am Anfang der Bibel hingegen, wird der Mensch mit einem Arbeits- und Kultivierungsauftrag versehen: "Macht euch die Erde untertan!" (Genesis 1,28). "Schafft das Eure und arbeitet mit euren eigenen Händen, damit ihr ehrbar lebt vor denen, die draußen sind, und auf niemanden angewiesen seid.", heißt es in 1. Thessaloniker 4,11-12; "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen." in 2. Thessaloniker 3, 10.

Abschaffung der Sklaverei

Sklaverei gibt es, soweit man historisch zurückschauen kann. Beseitig wurde sie schließlich vom Christentum. "Die Aura des Gottessohnes, der selber bis zur Sklavenstufe herabgestiegen war (Phil 2,7), sollte auch die Allerniedrigsten zu Söhnen und Töchtern Gottes erheben. Nachdem der Sklave im Mittelalter bereits zur Person geworden und nicht mehr Sache war, erfolgte im 18. und 19. Jahrhundert die Abschaffung der Sklaverei."(A. Angenendt)

Die Vorkämpfer kamen dabei nicht aus den Reihen säkularer Aufklärer. Bekannt sind die rassistischen Entgleisungen von Hume, Kant, Voltaire oder Hegel. Eine besondere Rolle spielte dabei das bereits längere Zeit vor Darwin aufkommende evolutionistische Denken. Hume und Voltaire waren Anhänger des Polygenismus, der davon ausging, dass es innerhalb der Menschheit verschiedene Abstammungslinien gäbe. Während "aufgeklärte" Geister wie Washington oder Jefferson selbst Sklaven hielten , erkämpfte der Evangelikale W. Wilberforce im britischen Parlament die Abschaffung des Sklavenhandels. Die Abschaffung der Sklaverei war, so auch der renommierte Historiker Jürgen Osterhammel, „religiös motiviert“ und „nicht in der Sprache der Menschen- und Bürgerrechte vorgetragen“.

Wissenschaft

Wer sich mit den Biografien von Kepler oder Newton, Pascal oder Leibnitz befasst, merkt deutlich, wie eng hier Frömmigkeit und Forscherdrang, theologischer Hintergrund und wissenschaftliche Praxis verzahnt sind. Die geistigen Grundlage bei Bacon, Descartes, Kopernikus, Galilei usw. war die Überzeugung, dass ein Gott, der Verkörperung von Logos und Liebe ist, die Welt intelligent und gesetzmäßig strukturiert erschaffen haben muss und der Wunsch, Gottes Plan in der Schöpfung - soweit geboten und Menschen möglich zu enträtseln.

Nicht nur bei den Anfängen der exakten Wissenschaften findet man entschiedene Christen; die gesamte Wissenschaftsgeschichte hindurch bis in die Gegenwart waren nicht selten gerade die herausragendsten Gestalten in ihrer Forschungstätigkeit tief durch ihren Glauben geprägt: C.F. Gauß, G.W. Leibniz, Blaise Pascal, Robert Boyle, Louis Pasteur, James Clerk Maxwell, Alessandro Volta, André Marie Ampère, Georg Siegfried Ohm, Michael Faraday, der als einer der Begründer der modernen Geologie geltende Charles Lyell etc. Auch die Evolutionstheorie – viele vergessen das - wurde von einem engagierten Christen entwickelt - Darwin ging seines Glaubens erst in späteren Jahren verlustig. Max Planck war ebenso tief religiös wie C.F. v. Weizsäcker oder Th. Dobzhansky. Die Urknalltheorie des Theologen und Physikers Georges Lemaître wurde anfangs von Einstein als reichlich biblisch inspiriert belächelt. In der Gegenwart wären bspw. der renommierte Physiker Paul Davis, der Mathematiker und Oxford-Professor John Lennox oder der Genetiker Francis Collins, federführend bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und Direktor des National Institute of Health (US) zu nennen.

Auch in der Mathematik fanden die großen Durchbrüche auffällig oft durch die „Metaphysiker“ unter den Mathematikern statt. Descartes, Newton, Leibniz, Pascal, Gauß wurden bereits genannt. Aber auch Fermat, Euler, Cantor, Riemann waren fromme Christen, Kurt Gödel (Unvollständigkeitssätze) zumind. Tief religiös.

Wirtschaft

Trotz neuzeitlicher Wissenschaft blieb der Westen in ökonomischer Hinsicht noch über längere Zeit auf dem Niveau anderer Kulturkreise – etwa dem islamischen oder chinesischen – wenn nicht gar darunter. Auf die Überholspur geriet er dann jedoch, als infolge der Reformation ein neuer Typus des – zunächst durchaus noch sehr sozialverantwortlich agierenden – Unternehmers entstand. Für Max Weber bewirkte das calvinistisch-protestantische Ethos die strikte Verpflichtung auf das Gemeinwohl. Dies implizierte u.a. ein Verständnis der übernommenen Arbeit als Berufung, die eigenen Begabungen zum Wohl des Ganzen einzusetzen ("Beruf"), Integrität im geschäftlichen Umgang, Unzugänglichkeit für Korruption.

Letztere erweist sich heute in vielen Ländern als ein Haupthinternis für eine gute Entwicklung. Auch im derzeit krisengeschüttelten Europa, so der Kirchenhistoriker A. Angenendt, spiegele sich der Wert "calvinistische Widerständigkeit" wieder. Ganz grundsätzlich ist noch heute unübersehbar, wie sich die protestantisch geprägten Länder ökonomisch substanziell vom Rest der Welt abheben.

Ehe, Familie, Frau, Kind

Auch im Bereich Ehe und Familie ist dem öffentlichen Bewusstsein kaum noch präsent, wie tiefgreifend die kulturellen Veränderungen waren, die das Christentum bewirkte. Noch heute ist es in Indien, Japan, China, Afrika oder der arabischen Welt üblich, dass zumindest die Töchter von den Eltern verheiratet werden. Die Idee des Ehe-Konsenses wurde bereits durch die antike Stoa propagiert, in besonderer Weise dann jedoch durch das Christentum. Der Wiener Sozialhistoriker Michael Mitterauer schreibt in „Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs“: „Dieser Konsensgedanke ist ein wesentliches Grundprinzip der ‚gattenzentrierten Familie‘, in der [...] die Paarbeziehung im Mittelpunkt steht. Auf dem christlichen Konsensprinzip beruht [...] das Ideal der Liebesehe"

Zwar gibt es in der Bibel durchaus unterschiedliche Rollenzuweisungen. Die Art und Weise wie Jesus mit Frauen umgeht oder wie bspw. Paulus in Eph. 5 den Mann der Frau gegenüber verpflichtet, ist jedoch revolutionär. In der frühen Gemeinde gibt es bereits Frauen in Leitungspositionen, Paulus bspw. Nimmt in seinen Episteln wiederholt Bezug auf diese (bspw. Phoebe). Die lange Liste von Regentinnen im Mittelalter spricht dann für sich.

Weitere Aspekte kommen hinzu: Die Frauen sind im Christentum vollständig in den religiösen Vollzug, in sämtliche Sakramente mit einbezogen. In Rom etwa waren die Kulthandlungen zumeist Sache des männlichen Familienoberhaupts, Frauen kamen eher randständige Verrichtungen zu. Das gleiche gilt für den Alltag im häuslichen Bereich und außerhalb. Die römische Separierung fällt im Christentum weg.

Kinder profitierten enorm vom Christentum. Bereits im Neuen Testament wird der liebevollen und verantwortungsbewussten Zuwendung zu den Kindern ein herausragener Stellenwert beigemessen – man denke an die Datstellung der Kindersegnung durch Jesus (Mk 10,15ff; Lk 18,15ff). Auch Paulus mahnt, mit Liebe zu erziehen und nicht mit Härte. Natürlich gab es auch in der außerchristlichen Welt Kinderliebe. Doch in der Antike gab es keinerlei Rechtsmittel dagegen, dass Kinder ausgesetzt, versklavt, verkauft, missbraucht oder getötet wurden. Jungs wurden zum Objekt des streckenweise allgegenwärtigen Päderastentums.

Dagegen gebietet die „Zwölf-Apostel-Lehre“ bereits im ersten Jahrhundert n. Chr. Kinder nicht abzutreiben und Kleinkinder nicht zu töten und keine Knaben zu schänden. Von hier aus könne man eine Linie bis zu den modernen Kinderschutz-Erklärungen der UN ziehen, so der Kulturhistoriker Hubertus Lutterbach in „Kinder und Christentum". (Vgl. Auch Arnold Angenendt "Toleranz und Gewalt")

Toleranz

Mit dem Christentum den Begriff der Toleranz zu verbinden, erscheint beim Blick auf die Kirchengeschichte nicht unbedingt naheliegend. Und doch muss zunächst verwundern, dass die toleranteste Gesellschaftsform, die die Welt je kannte, gerade im christlichen Kulturkreis zur Ausprägung kam; in Ländern, in denen sich noch heute im Schnitt zwei Drittel der Bevölkerungen zum Christentum bekennen. Tatsächlich verbindet sich im christlichen Glauben beides – eine konsequente Haltung zu Recht und Unrecht, Wahrheit und Unwahrheit einerseits und das Vermögen, andere, selbst konträre Sichtweisen auszuhalten, andererseits.

Dies hat damit zu tun, dass das Christentum Wahrheitserkenntnis als Wirkung der Gnade Gottes und somit menschlicher Machbarkeit entzogen ansieht. Gleichzeitig verwirft es ein Handeln, dass nicht innerer Überzeugung entspringt. Vor diesem theologischen Hintergrund war das Christentum nicht nur tolerant, bevor es im 4. Jh. von den polit. Machthabern vereinnahmt wurde bzw. sich korrumpieren ließ. Die Reihe der mahnenden Stimmen, gegen eine zwangsweise Durchsetzung von Glaubensinhalten brach praktisch nie ab. Zentral für diese Diskussion war stets das Gleichnis vom "Weizen und vom Unkraut". Jesus mahnt dort: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte“ (Mt 13,24-30). Der Habermas-Schüler Rainer Forst verortet hier den Kern der christlichen Toleranz, denn „auf Erden soll sich kein Mensch ein Urteil anmaßen, das allein Gott zusteht“.

Freiheit, Demokratie

Es galt also eine Gesellschaftsform zu finden, die Menschen autentische Lernprozesse in Freiheit ermöglicht. Diese Sichtweise bildete auch die Matrix für die Organisation des gesellschaftlichen Lebens in großer religiöser und areligiöser Vielfalt durch die Siedler Nordamerikas. Die ersten wirkmächtigen Vordenker einer freiheitlich, demokratischen Gesellschaftsordnung waren von der Art und Weise inspiriert, wie die englischen Freikirchen und ersten nordamerikanischen Kolonien ihre Gemeinschaften gestalteten. Unter der Regierung Cromwells setzte sich erstmals der freikirchliche Kongregationalist und Politiker John Milton für Rede- und Meinungsfreiheit sowie den Abbau der Zensur ein. John Locke, der als einer der wirkmächtigsten Vertreter der frühen Aufklärung gilt, wuchs in puritanischem Umfeld auf und war von den neuen Idee der unabhängigen Gemeinden beeinflusst. Bei aller philosophischen Reflexion hielt er an die Verbalinspiration der Bibel fest. Locke schuf schließlich die Grundlagen unseres westlichen Gesellschaftsmodell: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung. Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung der USA, der französischen Verfassungsentwurf von 1791 sowie die gesamte Entwicklung des bürgerlich-liberalen Staatstheorie bis in die Gegenwart fußen maßgeblich auf Lockes Gesellschaftsphilosophie. Montesquieu, Rousseau, Kant - sie alle bezogen sich maßgeblich auf ihn.

Kunst und Kultur

Unsere Kultur ist bis ins Mark christlich geprägt. Das gilt nicht nur für unsere Vorstellungen von Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, sozialer Verantwortung. Architektur, Malerei, Musik, Dichtung – das alles ist in dieser Fülle und diesem Facettenreichtum in der Menschheitsgeschichte einmalig. Die Erhabenheit und Verspieltheit einer gotischen Kathedrale, der Fresken Michelangelos, eines Bachschen Oratoriums oder eines Gemäldes von der Hand Rembrandts sind ohne den inneren Reichtum und das Gefühl transzendenter Glorie und Herrlichkeit kaum denkbar.

Norbert Bolz weist zurecht daraufhin, dass man an nahezu allen Stellen unserer Kultur, an denen man tiefer zu schürfen beginnt, früher oder später auf die Verwobenheit mit und Verwurzelung in theologischen Inhalten stoßen. Das soll nicht heißen, dass mit dem Christentum erst die Geschichte begann, doch die Prägung ist da, selbst dort wo kulturelles und geistiges Schaffen dann mehr und mehr säkulare Formen fand. Shakespeares Werk ist ohne seine Wurzeln in Mysterienspielen und Moralitäten nicht denkbar, mag die Inspiration durch die griechischen Dramen auch unverkennbar sein. Goethe – sicherlich kein Christ im neutestamentlichen Sinne - hat nie ein Hehl daraus gemacht, welche Bedeutung die Bibel als Inspirationsquelle für sein dichterisches Werk hatte: "Die derbe Natürlichkeit des Alten Testaments und die zarte Naivität des Neuen hatte mich im Einzelnen angezogen..ich hatte überhaupt zu viel Gemüt an dieses Buch verwandt, als dass ich es jemals wieder hätte entbehren sollen."

Wohin man auch schaut: weder Rabelais noch Lessing, weder Leibnitz, noch Kant, noch Hegel, weder Hugo, noch Balzac, noch Dostojewski, weder Husserl noch Heidegger, weder Joyce, noch Kafka oder Hesse sind ohne die Auseinandersetzung mit dem Christentum denkbar.

Unser kollektives Unterbewusstsein, unsere Sprache, unser Denken, sind durch und durch mit christlichen bzw. biblischen Motiven, Bildern und Denkfiguren durchsetzt. Nietzsche klagte gar, dass wir Gott nicht los würden, weil wir noch an die Grammatik glaubten und meint damit, dass unsere Sprache von Kategorien und Nuancierungen des Vernünftigen, Wahren, Moralischen durchsetzt ist, die ohne den absoluten Bezugspunkt Gott nicht denkbar sind.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 2, 2014 1:01 PM CET


Religion und Demografie: Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt
Religion und Demografie: Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt
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2 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leert sich der Himmel, leert sich die Erde, 3. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Während im öffentlichen Bewusstsein noch immer das Schreckgespenst katastrophaler Überbevölkerung seine Runden macht, steht für Demografie-Experten längst ein ganz anderes Thema im Vordergrund: der Bevölkerungsrückgang. Bislang schien dies ein spezielles Problem der weißen Population zu sein. Mittlerweile zeichnet sich jedoch ab, dass die „Caucasians“ auch hierin nur Vorreiter für den Rest der Welt sind. - Im Jahr 2000 war mit einer durchschnittlichen weltweiten Geburtenrate von 2,0 bereits der „Peak Child“ (Hans Rosling) erreicht. Die Weltbevölkerung wird voraussichtlich bis 2050 noch auf 10-11 Mrd. Menschen anwachsen, doch dann wird sie kontinuierlich abnehmen. Das Bevölkerungswachstum verdankt sich also längst nicht mehr den Geburtenraten, sondern der ständig steigenden Lebenserwartung.

Was das bedeutet, wird bisher in seltener Eintracht unterbelichtet bzw. ausgeblendet. Selbst Institute wie das MPI für Demografische Forschung oder das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung greift die eigentlichen brisanten Fragen nicht wirklich auf. Von Politikern werden die Langzeitprognosen gern schön geredet. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt? - Wie schön, wir werden alle älter! - Die Bevölkerungszahl nimmt ab? - Nur gut – die Arbeitslosigkeit wird sinken, die Sozialsysteme entlastet! - Wenn in Mitteldeutschland die Bevölkerung um jährlich etwa 1 % abnimmt, erscheint das auf die kommenden Jahrzehnte hochgerechnet auch zunächst gar nicht so dramatisch. Man übersieht jedoch, dass sich ab einem bestimmten Punkt die Schwierigkeiten potenzieren. Mit steigendem Durchschnittsalter nimmt der Geburtenrückgang weiter zu, die berufstätige Bevölkerung ab, die Kosten für Gesundheit, Rente und Pflege steigen bedrohlich.

Bisher kompensiert Deutschland seine Nachwuchsdefizite noch erfolgreich durch Zuwanderung. Diese speist sich zunehmend aus Ost- und Südeuropa, ferner auch Ostasien, Afrika und Flüchtlingen aus dem arabischen Raum. Bei der Türkei ist der Saldo mittlerweile negativ – es wandern mehr Türken ab als zu.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich Michael Blumes faszinierendes Buch mit dem Zusammenhang von Demografie und Religion. - Was bewirkt überhaupt, dass Gesellschaften sich nicht mehrt reproduzieren? - In der traditionellen Gesellschaft bringen Kinder den Eltern einen ökonomischen Vorteil. Sie helfen mit, die Familie zu versorgen - in der täglichen Haushaltung, bei der landwirtschaftlichen Arbeit. Sie sind Versorger der Eltern, wenn diese alt sind. Urbanisierung, Modernisierung des Alltags, Technisierung der Wirtschaft, Sozial- und Rentensysteme bewirken, dass Kinder eher zum Kostenfaktor werden. Weibliche Bildung geht i.d.R. mit einem Mehr an Selbstbewusstsein gegenüber den Männern einher; motiviert Frauen, eher das Berufs- als das Familienleben zu fokussieren, sowie Geburtenplanung zu praktizieren. - Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Steigerung der Lebenserwartung durch bessere Ernährung, medizinische Versorgung, Trinkwasserversorgung usw. Ist die Kindersterblichkeit sehr hoch, wissen Eltern nicht, wie viele ihrer Nachkommen das Erwachsenenalter erreichen werden. „Vorsichtshalber“ schenkt man deshalb mehr Kindern das Leben.

In den Geburtenrückgänge begründenen Entwicklungen liegt also sehr viel Positives und Begrüßenswertes und all das genannte allein bewirkt noch längst nicht, dass Populationen kollabieren. Der entscheidende Faktor ist letztlich, von welchen Werten Menschen sich bestimmen lassen.

In einer säkularen Weltsicht, wird das diesseitige Leben zum einmaligen, kurzen Event, dass man möglichst vielseitig auskosten möchte. Kinder schränken hier die Möglichkeiten - gerade in der entscheidenden Lebensperiode - sehr ein. Sie bringen Freude, aber auch Probleme. In jedem Fall bedeuten sie Verzicht - auf Geld, Zeit, persönlichen Gestaltungsspielraum, berufliche Chancen. - Religionen hingegen haben das Potenzial, ein kinderfreundliches soziales Umfeld zu kreieren. Kinder werden als "Geschenk Gottes" dankbar begrüßt. Religionen fördern Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit in den gemeinschaftlichen und partnerschaftlichen Bezügen. Lebensmittelpunkt und -sinn werden eher in einem guten Miteinander mit Gott und Menschen gesehen und weniger im beruflichen Vorankommen oder materieller Bedürfnisbefriedigung.

„Wir kennen heute Dutzende religiöse Traditionen wie die orthodoxen Juden, Amish, Hutterer, Mormonen usw., die über Generationen hinweg kinderreich geblieben sind; aber keine einzige nicht-religiöse Population, Gruppe oder Gemeinschaft, die auch nur ein Jahrhundert lang die Bestandserhaltungsgrenze von wenigstens zwei Kindern pro Frau hätte halten können. Religiöse Traditionen können demografisch scheitern (z.B. auch durch allzu starren Familien- Traditionalismus); aber nichtreligiöse Populationen scheiterten bislang demografisch immer.“

Dabei hätte es – wie der historische Rückblick zeige - nicht an Anläufen gemangelt. In Indien, so der Autor, habe es schon im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung nicht-theistische Traditionen wie den Buddhismus, Jainismus oder die atheistisch-religionskritische Philosophenschule des Charvaka gegeben. Buddhismus, Jainismus, Taoismus hätten schließlich dadurch überlebt bzw. gesunde demografische Entwicklungen ermöglicht, dass sich ihr anfänglich eher philosophischer Charakter in einen ausgesprochen religiösen mit Verehrung zahlreicher überirdischer Wesenheiten, Geister-Appeasement usw. wandelte.

Auch in der griech.-röm. Antike gab es bedrohlich geburtenschwache Perioden, deren Zeitgeist an den gegenwärtigen erinnert. So äußerte sich der im 2. Jh. v. Chr. lebende Historiker Polybios wie folgt: „In unserer Zeit ist die Zahl der Kinder in ganz Griechenland auf ein besonders tiefes Niveau gefallen und die Bevölkerung hat so sehr abgenommen, dass die Städte sich leeren und das Land unbearbeitet bleibt, obwohl wir weder lange Kriege noch Seuchen erlebt haben.[...] Die Bürger dieses Landes haben der Eitelkeit und der Liebe für materielle Güter nachgegeben. Sie haben sich dem leichten Leben hingegeben, wollen nicht mehr heiraten, oder wenn sie es tun, wollen sie die ihnen geborenen Kinder nicht behalten, höchstens eins oder zwei, um sie im Kindesalter verwöhnen zu können und ihnen später große Reichtümer zu hinterlassen“. - Das römische Reich erlebte bis ins 3. Jh. hinein einen kontinuierlichen Populationsschwund. Erst mit dem Aufstieg des Christentums stabilisierte sich dann die demografische Situation wieder.

Weitere Beispiele, so der Autor, bietet die Geschichte der USA. Diese boten ab dem 18. Jh. auch vielen areligiösen Gruppierungen die Möglichkeit, Gemeinwesen und Organisationen aufzubauen. Diese säkularen Gründungen gingen ausnahmslos binnen weniger Jahre ein.

Doch warum nahm in den vergangenen Jahren das Bevölkerungswachstum in sehr religiös geprägten Ländern wie der Türkei oder dem Iran; Spanien, Portugal oder Italien stärker ab als in den stärker säkular geprägten Ländern Nordwesteuropas? - Wie bereits o.e. spielt Religion offensichtlich für eine gesunde Bevölkerungsentwicklung eine herausragende Rolle, sie ist jedoch nicht in jedem Fall und jeder Ausprägung Garant dafür. Es hängt viel davon ab, wie flexibel und konstruktiv Religionen sich auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen einzustellen vermögen. Wenn etwa Menschen katholischen Glaubens zu starr an traditionellen Rollenbildern festhalten (Frau sollte nicht arbeiten, Kinder sollten nicht außerfamiliär betreut werden usw.), kann der ökonomische Druck groß werden. Auch Regierungen nutzen solche kulturellen Prägungen aus – das an sich sehr kinderfreundliche Italien ist mittlerweile Sinnbild notorisch vernachlässigter Familienpolitik.

In Spanien, Portugal oder Griechenland trägt sicherlich auch die allgemein schlechte wirtschaftliche Situation – bei unverändert hohen Erwartungen an Lebensstandards - ihren Teil bei. Außerdem gilt es wiederum genau hinzuschauen. Das im öffentlichen Bewusstsein erzkathol. Spanien hatte in der jüngeren Vergangenheit im europäischen Vergleich den größten Glaubensschwund zu verzeichnen und wird in puncto Säkularität inzwischen nur noch von den Franzosen übertroffen. Das demografische Musterland Frankreich hingegen profitiert von einer finanziell enorm aufwendigen Familienpolitik und der großen Zahl geburtenstarker Immigranten. Ohne letztere, so Blume, würden auch hier alle Förderprogramme keinen Bestandserhalt sichern. Und trotz alle dem - auch in Italien und Frankreich haben engagierte katholische Christen im Schnitt 0,5 Kinder mehr als säkular geprägte Frauen bzw. Paare - unabhängig von Einkommen und Bildung.

Der Autor führt eine Auswertung der in 84 Gesellschaften erhobenen World Value Daten von 1981 bis 2004 durch den Ökonomen Dominik Enste an, die aufzeigt, dass weltweit die durchschnittliche Familiengröße mit der Häufigkeit von Gottesdienstbesuchen steigt. Entscheidend ist also die Lebendigkeit der Religiosität, bspw. ablesbar an Gemeindeengagement, Gebetshäufigkeit usw. Wenn man dieses Kriterium berücksichtigt, schneiden – zumind. im christlichen Kulturkreis - „Religiöse“ nicht nur demografisch, sondern auch in vielen anderen Bereichen signifikant besser ab – bei psychischer und physischer Gesundheit, Arbeit und Beruf, Kriminalität, sozialem Engagement usw. (für die USA wurde dies sehr gut herausgearbeitet von Rodney Stark, „Americas Blessings“).

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen erstaunlichen Befunden? Wird die Welt immer religiöser werden und wenn ja, ist das positiv oder negativ zu bewerten?

Gemäß einer Untersuchung des Pew Forum on Religion & Public Life (2008) bleiben Methodisten zu 46% der religiösen Ausrichtung ihres Elternhauses treu, Baptisten zu 60%, Pfingstler zu 50%, Lutheraner zu 58%, Katholiken zu 68%, Orthodoxe zu 73%, Muslime und Juden je zu 76%, Buddhisten zu 49%, und Hindus zu 84%. Natürlich bedeutet dies nicht, dass ein sehr hoher Prozentsatz ins säkulare Lager wechselt, oft betrifft der Wechsel nur die Denomination. Dennoch vererbt sich Religiosität nicht automatisch und Säkularismus, entschiedener Atheismus oder weit öfter noch religiöse Indifferenz dürften auch in Zukunft eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Religionen bleiben. Laut einer Anfang 2014 publizierten Studie (ebenfalls Pew Research) hat sich selbst in den frommen USA der areligiöse Anteil mit 29% in der Millennium-Generation gegenüber dem der Nachkriegsgeneration (Ü65) verdreifacht. - Andererseits gibt es auch in die Gegenrichtung kontinuierlich Bewegung - atheistisch erzogene Kinder bleiben als Erwachsene nur zu 30% bei ihrer starr contra-religiösen Haltung.

Dass lange Generationenfolgen einer intensiven Religiosität verbunden bleiben, sodass es einen Multiplikationseffekt gibt, ist also nicht übermäßig häufig der Fall. Amish People, Mormonen oder Haredim sind Ausnahmeerscheinungen mit (sub-)kulturellem Charakter. Doch selbst in diesen Strömungen gibt es mit wachsendem Umfang Diversifizierungen, Liberalisierungs- und Öffnungstendenzen. Bewegungen wie die Quiverfull dürften ohnehin beständig Zu- und Abgang erleben.

Trotz allem wird sich das Schwergewicht auf lange Sicht wohl zugunsten der Religionen verlagern. Die Frage, ob dies positiv oder negativ zu bewerten ist, lässt sich so pauschal nicht beantworten. Religionen können – genau wie säkulare Weltanschauungen; bekanntlich gerade auch solche, die für sich in Anspruch nehmen, sehr wissenschaftlich und wahrhaft humanistisch zu sein - sehr unterschiedliche Ausprägungen annehmen. Religion mit einem positiven Gottesbild kann – wie oben bereits aufgezeigt – einen enorm positiven gesellschaftlichen Input darstellen. Vertreter eines konsequent am Neuen Testament orientierten Christentums standen in der gesamten Geschichte des Westens mit an vorderster Front, wenn es darum ging, progressive gesellschaftliche Entwicklungen durchzusetzen und ein Mehr an Humanität zu verwirklichen. Die Kirche als Institution hingegen ist ein anderes Kapitel; sie erwies sich über weite Strecken leider eher als Bremsklotz und hatte mitunter auch schlimme Fehlentwicklungen zu verantworten. Sie hat jedoch im Großen und Ganzen ihre historischen Hausaufgaben gemacht und nutzt heute in allen Teilen der Welt ihren Einfluss, um auf Demokratisierung, soziale Gerechtigkeit und die Achtung der Menschenrechte hinzuwirken und zwar – der Trubel um die Heiligsprechung Johannes Paul II. erinnerte daran – nicht selten außerordentlich effektiv.

Michael Blume macht u.a. darauf aufmerksam, wie sehr sich die Bildungs- und Wissenschaftselite einst aus der Nachkommenschaft evangelischer Pfarrhäuser rekrutierte. Eine Auswertung des Juristen Friedrich von Schulte ergab kurz vor dem 1. WK, dass 803 von 1600 Geistegrößen der "Allgemeinen Deutschen Biographie"- damals eine Art "Who is Who" - aus Pastorenfamilien stammte. Heute sind die frömmeren Kreise eher weniger wissenschaftsaffin. Hier liegt ein Aufgabenfeld, das allerdings längst nicht mehr unbearbeitet ist. Wer bspw. Marcia Pallys Buch über „Die neuen Evangelikalen“ liest, wird erstaunt sein, welche Vielfalt des Engagements es innerhalb des hierzulande medial notorisch einseitig behandelten amerikanischen Protestantismus gibt.

Und der Islam? Wie bereits o.e. fallen in der islamischen Welt – Nordwestafrika ausgenommen - die Geburtenraten mittlerweile schneller als im Weltdurchschnitt. Im Iran und der Türkei bspw. liegen sie längst unter der Reproduktionsgrenze von 2,1 Kindern je Frau. Die kommenden zwei Jahrzehnte bleiben heikel, da die Populationen im islamischen Raum sog. „Youth Bulges“ aufweisen. Sehr geburtenstarke Jahrgänge treten in das Erwachsenenalter ein - in fragilen Saaten, deren Weg zur Demokratie trotz der Aufbrüche des „Arabischen Frühlings“ (ihrerseits bereits durch die sich langsam ausprägende Entwicklung mitbedingt) noch auf lange Zeit ungewiss sein wird; in Volkswirtschaften, die unterentwickelt sind und keine ausreichenden Einkommensmöglichkeiten bieten. Eine perspektivlose Jugend als Rekrutierungsreservoir für Extremisten.

In den dann folgenden Jahrzehnten wird sich auch der islamische Raum der demografischen Situation des Westens annähern. Dies gilt auch für die muslimischen Minoritäten in den Einwanderungsländern des Westens, deren Geburtenrate insgesamt sich tendenziell der der aufnehmenden Länder angleicht (Musliminnen 2,2 ; Nicht-Musliminnen 1,5 - Prognose für 2030 Musliminnen 2, Nicht-Musliminnen 1,6 Kinder). Ohne signifikante Veränderungen in der Zuwanderungspolitik werden 2030 etwa 8% (58 Mio.) der europäischen Bevölkerung Muslime sein (2011 6% - 44 Mio.). In den USA steigt der muslimische Anteil von 2,6 auf 6,2 Mio.

Besonders durch die Entwicklungen in Folge der „Arabellion“, erreicht die Zahl der Gewaltkonflikte, in die der Islam involviert ist, gegenwärtig einen neuen Höchststand. Laut Pew Research gibt es insgesamt in der muslimischen Welt aber auch einen deutlichen Entradikalisierungstrend: Nach 9/11 hielten angesichts von amerikanischer Interventions- und israelischer Besatzungspolitik im Libanon noch 74% der Befragten Selbstmordanschläge für gerechtfertigt, 2008 waren es noch 32%. In Nigeria fiel die Quote von 47 auf 32, in Jordanien von 43 auf 25, in Indonesien von 26 auf 11, in Pakistan von 33 auf 5, in der Türkei von 13 auf 3. Die Bewertung von Al Quaida folgt einer ähnlichen Tendenz.

Es gibt also verschiedene, gegenläufige Entwicklungen und welcher Trend sich schließlich durchsetzen wird, bleibt offen. Auch die Zahl der Staaten im islamischen Kulturkreis, deren Rechtssystem sich an der Schariah orientiert, hat einen neuen Höchststand erreicht. Frauen, die ein Sharia-geprägtes Rechtssystem für sehr begrüßenswert halten, haben im Schnitt doppelt soviel Kinder wie Frauen, die dies als am wenigsten wünschenswert ansehen. Der Islam birgt – vom Autor möglicherweise ein wenig unterbelichtet - ohne Zweifel ein beträchtliches Konfliktpotenzial, das im Auge behalten werden muss.

Das absolut empfehlenswerte, mit Graphiken, Statistiken und vielen Beispielen illustrierte Buch wird - wie auch die in eine ähnliche Richtung weisenden Publikationen von Eric Kaufmann, David P. Goldman („Spengler“) u.a. - in säkularen Kreisen kontrovers diskutiert. Natürlich kann man weder erwarten, dass sich Säkulare von den Ergebnissen zu einer neuen Offenheit gegenüber den Religionen bewegen lassen (Funktionalität ist hier kein stichhaltiges Argument), noch dazu, mehr Kinder zu zeugen. Eine neue Familien- und Kinderfreundlichkeit zu kultivieren, wäre eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und schließt – das betont der Autor – ein stärkeres Problembewusstsein seitens der Politik auf jeden Fall mit ein. Bezüglich der Einordnung des Phänomens „Religion“ aus evolutionstheoretischer Perspektive scheint es allerdings Bewegung zu geben.

So veranlasste ein Vortrag des Autors selbst eine Frontfrau des Neuen Atheismus zu öffentlichem Umdenken. Die Ergebnisse, so schreibt Susan Blackmore („The Meme Machine“) im The Guardian, würden nahelegen, „that religious memes are adaptive rather than viral from the point of view of human genes“ Aber, so fragt sie: „could they still be viral from our individual or societal point of view?“ Ihre Antwort: „Apparently not, given data suggesting that religious people are happier and possibly even healthier than secularists. And at the conference, Ryan McKay presented experimental data showing that religious people can be more generous, cheat less and co-operate more […] So it seems I was wrong and the idea of religions as "viruses of the mind" may have had its day.“


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