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F. Grossmann
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4.0 von 5 Sternen Vernunft versus Glaube? - Faszinierender Einblick in die mittelalterliche Geisteswelt, 19. Februar 2013
Pipers Buch gewährt einen faszinierenden, auch für den philosophischen bzw. theologischen Laien gut verständlichen Einblick in die mittelalterliche Geisteswelt. Dabei ergibt sich ein völlig anderes Bild als das gemeinhin in unseren Köpfen existierende. Keinen engen Kleingeistern begegnen wir hier, sondern dynamisch-imponierenden Persönlichkeiten, die eben genau die denkerischen Probleme aufgriffen, die die damalige Zeit bewegten und dabei avantgardistisch keineswegs vor Tabu-Brüchen zurückschreckten. Auch die biographischen Aspekte beeindrucken. Hier schrieben Menschen oft in einem Alter Geistesgeschichte, in dem wir noch unschlüssig in Bezug auf das eigene Lebenskonzept die Uni-Bänke drückten oder drücken. Es lohnt sich, sich den Gang der Dinge in dieser Zeit zu vergegenwärtigen, in der das Abendland mit der neuzeitlichen Wissenschaft schwanger ging.

Den Anfang der Scholastik sieht man im Allgemeinen in der Gestalt des Böthius (480-525). Dieser steht noch völlig in der griechisch-römischen Bildungstradition ist jedoch in seinem philosophischen Werk bereits eher den ehemaligen Heiden zugewandt. Die Machtposition des Christentums im Reich ist gefestigt. In Gefangenschaft schreibt Böthius seine Schrift Vom Trost der Philosophie". Der Titel dieses Werkes wirft die Frage auf, ob Böthius Christ war. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder unterschiedlich beantwortet. Leicht auszumachen ist die Antwort nicht: Die Philosophie wirft die Fragen und Gedanken auf, die Böthius bei Gott Zuflucht und Erklärung suchen und finden lassen. Böthius übersetzt zwei Werke des Aristoteles und kommentiert diese. Damit beginnt das christliche Abendland sich auch der Rezeption des zweiten großen griechischen Philosophen neben Platon zu öffnen. Allerdings lässt Justinian I. im Jahr 529, vier Jahre nach Böthius Tod, die kleine Nachfolgeeinrichtung der Platonischen Akademie schließen. Die Athener Platoniker lehnten das Christentum sehr eindeutig ab und ihre Schule war gewissermaßen ein Hort des geistigen Widerstandes. Dennoch ließ man sie immerhin erstaunlich lange gewähren.

Von großem Einfluss auf die abendländische Geistesgeschichte ist das Werk des Pseudo-Dyonisius Aeropagus (um 500). Aufgrund seiner Popularität und Autorität, die in großem Maße darauf gründet, dass er sich fälschlicherweise als derjenige Dyonisius ausgibt, von dessen Bekehrung durch Paulus in der Apostelgeschichte die Rede ist, wird er mit seiner negativen" Theologie und Mystik in gewisser Weise zum beständigen Korrektiv gegen eine Hybridisierung der Vernunft in der scholastischen Philosophie. Der Erkennbarkeit der Wirklichkeit sind für Dyonisius Grenzen gesetzt, dies gilt v. a. auch in Bezug auf die Erkennbarkeit Gottes. Gott ist der ganz andere, der alles menschliche Denken und Begreifen übersteigt. Gerade indem der Mensch sein Unvermögen erkenne, nahe er sich dem unerkennbaren Gott. Vom biblischen Ursprung entfernt sich Dyonisius jedoch klar mit seiner These, dass Gott dem Menschen im Zustand der Gnade gleichermaßen fremd bliebe wie dem von der natürlichen Vernunft aus nach Gotteserkenntnis strebenden, noch nicht begnadigten Menschen. Thomas von Aquin bspw. wird ihm darin später ausdrücklich widersprechen.

An einer Synthese von Philosophie und Theologie versucht sich auch Anselm von Canterbury (1033-1109). Es ist der groß angelegte Versuch, alle Inhalte des christlichen Glaubens, alles heilsgeschichtliche Geschehen als unter dem Aspekt der Vernunft zwingend notwendig zu erweisen. Gott kann nur vernünftig handeln, und dieses Handeln ist dem Vernunft begabten Menschen sehr weitgehend einsichtig. Auch die Existenz Gotte lässt sich beweisen. Nur Anselms berühmtester Gottesbeweis, oft der ontologische genannt, sei hier exemplarisch geschildert. Gott, so Anselm, ist das höchste und vollkommenste, was der Mensch denken kann. Würde Gott nicht existieren, wäre er eine bloße Illusion, ließe sich natürlich leicht etwas Höheres denken. Dies aber wäre ein Widerspruch, deshalb muss Gott existieren. Im Laufe der Geschichte wurde dieser Beweis, auch in der späteren Neuauflage durch Descartes, vielfältig kritisiert. Doch zielten viele Entgegnungen am Kern der Sache vorbei. Der Stil der Gegenbeweise war zumeist in etwa dieser: Das Vorhandensein der Idee einer vollkommenen Trauminsel beweist noch lange nicht, dass es diese auch gibt. So einfach ist es jedoch offenbar nicht, da in der Tat die Idee Gottes als einzige Existenz notwendig impliziert; wie Descartes es später in etwa darstellen wird, gerade so, wie die Idee des Dreiecks nicht ohne das Vorhandensein der Winkelsumme von 180 Grad gedacht werden kann.

Auch unter rein formellem Aspekt war bzw. ist die Kritik der Neuzeit an dieser Stelle oftmals etwas überheblich. Wenn Hume die Ursache dafür aufzuzeigen versucht, warum wir irrtümlicher Weise Kausalbezüge herstellen, wenn Kant meint, mit seinem kategorischen Imperativ eine Sozialethik von letzter rationaler Evidenz repräsentieren zu können, wenn Konstruktivisten, die axiomatische Erkenntnis formulieren, dass alle Erkenntnis konstruiert ist, wenn Hans Albert die Vorzüge der kritischen Methode gegenüber allen epistemologischen Letztbegründungsversuchen letztbegründet, dann ist all dies sicher nicht weniger verwunderlich, wie die mittelalterlichen Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen.

Aristoteles Siegeszug durch das Abendland setzt nach den in Boethius zaghaft gesetzten Anfängen v. a. ein durch den Einfluss der arabischen Geisteswelt, d.h. v. a. des maurischen Spanien. Averroes (um 1126-1198) übersetzt und kommentiert zahlreiche seiner Werke. Damit wird jedoch langsam auch das sichtbar, was im Werk des großen Griechen mit der christlichen Wahrheit schlicht unvereinbar ist. So verneint Aristoteles die Existenz einer individuellen unsterblichen Seele. Nur der Geist, gedacht als das allen Menschen Gemeine, würde ewig bestehen. Averroes folgt ihm darin, indem er den Intellekt als von der Seele des Menschen verschieden ansieht und mit dem Ganzen des Menschheits-Geistes" identifiziert. Körper und Seele des individuellen Menschen hingegen seien gleichermaßen zeitlich und vergänglich.

Auch wenn das wiedererblühende Geistesleben des christlichen Abendlandes von Averroes und der durch ihn umfassender möglich werdenden Aristoteles-Rezeption profitiert, fordert er natürlich eine Entgegnung von christlicher Seite heraus. Dies geschieht v. a. durch Albertus Magnus (1206-1280). Dieser hinterlässt Gewaltiges; u. a. kommentiert er das gesamte zugängliche Werk des Aristoteles. Bedeutsam ist auch Alberts Plädoyer für das eigenständige, autoritätsunabhängige Denken. Wahr kann jemandem nur sein, was sich ihm auf dem Prüfstand der Reflexion - auch der Gegenpositionen - als wahr erwiesen hat. Aus dieser Geisteshaltung heraus war Albertus nicht nur Theologe und Philosoph sondern auch von begeisterter Aufgeschlossenheit für empirische Naturerkenntnis.

Thomas von Aquin (1225-1274), der große Schüler des Albertus Magnus, teilt den Vernunftoptimismus des Anselm nur zum Teil. Der Glaube, soviel ist sicher, kann nicht widervernünftig sein. Doch ist der Mensch bei der Erkenntnis der Wahrheit auf die göttliche Offenbarung angewiesen. Die natürliche Vernunft kann unmöglich von sich aus zur gleichen Erkenntnis vordringen. Sie kann jedoch aufzeigen, dass der Glaube nicht unvernünftig ist und scheinbar rationale Argumente gegen die christlichen Wahrheiten entkräften. Die große Bedeutung des Thomas besteht darin, gezeigt zu haben, dass die wesentlichen Lehren des Aristoteles mit denen des Christentums kompatibel sind. Aber ganz allgemein verkörperte er die epistemologische Linie in der christlichen Theologiegeschichte, die am meisten überzeugen musste. Die theologischen Aussagen der Schrift konnten wohl übervernünftig, jedoch keinesfalls widervernünftig sein. Umgekehrt musste das, was die menschliche Wahrnehmung in der diesseitigen Wirklichkeit evident erfasste, mit der Offenbarung kompatibel sein. Denn der Schöpfer des Universums und des Menschen ist derselbe Gott, der diesem in der Heiligen Schrift begegnet.

Es gab also keinen Grund, sich der Wahrheitserkenntnis in irgendeiner Weise zu verschließen. Das biblische Gebot zur Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, die neutestamentl. Aufforderung alles zu prüfen" verbot sogar zementierte Vorentscheide. Angesichts der großen Autorität des Thomas, die diesem bis heute in der katholischen Kirche beigemessen wird, ist die Bedeutung der geschilderten Position kaum zu überschätzen. Auf dieses Fundament konnten auch die ersten Naturwissenschaftler der beginnenden Neuzeit sowie alle anderen im Macht- und Einflussbereich der katholischen Kirche aufbauen.

Den Kampf des Albert gegen den Averroismus setzt Thomas fort. Averroes Positionen nahe stand in der christlichen Welt Siger von Brabant (1240-1284). Dessen wirkliche Überzeugungen bleiben schwer auszumachen. Nach außen hin beugt er sich stets demütig unter die Lehre der Kirche. Wo seine Philosophie dieser widerspricht, rechtfertigt er sich damit, nur die Ansicht des Aristoteles zum Ausdruck zu bringen. Deutlich erkennbar ist in dieser Denkrichtung jedoch bereits eine gewisse Indifferenz gegenüber der christlichen Offenbarung. Die Möglichkeit, der rationalen Durchdringung, Erforschung und Erkenntnis des Wirklichkeitsganzen, wie sie sich mit Aristoteles aufzutun schien, faszinierte hingegen.

Ein - zumindest manche Aspekte betreffend - geistiger Gegner erwuchs der überragenden Gestalt des Thomas in der Person des Duns Scotus (1265-1308). Dieser besetzt gewissermaßen die Extremposition zum zu seiner Zeit philosophisch dominierten Averroismus aber eben auch zu Anselm. Die Möglichkeiten vernunftmäßiger Durchdringung des Glaubens sind bei Duns denkbar gering. Nichts was Gott tut, ist an Kriterien wie Vernünftigkeit" oder Gutheit" geknüpft. Bei Thomas tut Gott das Gute, weil es gut ist. Nach Duns ist das Gute gut, weil bzw. wenn es Gottes Wille ist. Gott ist in seinem Tun völlig frei. Von daher ist der Wissenschaftscharakter der Theologie in Frage gestellt.

Roger Bacon (1214 - 1292) repräsentierte zur gleichen Zeit eine akademische Tendenz, die auf eine Schwerpuntverlagerung zur Naturwissenschaft hinzielte. Er versuchte erkenntnistheoretische Voraussetzungen für eine fruchtbare wissenschaftliche Forschungsarbeit zu formulieren. Bacon nannte vier offendicula (Hindernisse), die den Weg zur differenzierten Seinserkenntnis versperren können: 1. Unangemessen hoher Respekt vor Autoritäten, 2. Gewohnheit, 3. Abhängigkeit von den marktgängigen Meinungen der Menge und 4. Unbelehrbarkeit unserer natürlichen Sinne.
Auf naturwissenschaftlichem Gebiet beschäftigt sich Bacon mit dem Licht bzw. der Optik, der mathematischen Erfassung von Abläufen in der Natur. Er plädiert für den Einsatz der experimentellen Methode als einer Art der Befragung der Natur.

Wilhelm von Ockham (1285 - 1349) knüpft an das Denken des Duns Scotus an. Was sich konsequent daraus ergibt ist klar und geht paradoxerweise in die Richtung der von Duns angefochtenen Gegenposition: die Abwendung vom Theologisch-Philosophischen und die Hinwendung zum Empirischen. Was geschieht ist natürlich in keiner Weise die Infragestellung der christlichen Wahrheit. Vielmehr vollzieht sich eine Verschiebung der Fokussierung in den Wissenschaften. Ockham lässt der Theologie ihr Recht im Bereich des Glaubens und der Ethik. Für den innerweltlichen Bereich fordert er jedoch ein empirisches Vorgehen ein. Hier müsse es darum gehen, von den Einzelheiten auf Abstrakta und ihre Bezüge zu schließen. Er vertritt damit eine nominalistische Position und zwar in einer für seine Zeitgenossen sehr überzeugenden Weise. Zudem fordert er, bei der Erklärung eines Sachverhaltes nicht mehr Entitäten einzubeziehen, als unbedingt notwendig (Ockhams Razor).

Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit kommt es zu einer Interessenverlagerung vom Theologischen zum Sozialphilosophischen und zur Naturwissenschaft. Die Autoritäten Platon und Aristoteles wurden überall gelehrt. Was man hier wissen konnte, wusste man, einschließlich der denkbaren reflektierten Standpunkte, die man in bestimmten strittigen Detailfragen beziehen konnte. Es war klar, dass auf diese Weise kein wirklicher Erkenntnisfortschritt mehr zu erlangen war. Es stellte sich die Frage nach dem Sinn von Wissenschaft. Zunehmend kam man zu der Auffassung: Wissenschaft sollte sich nutzbringend im Leben der Menschen auswirken. Der Bereich der Philosophie und Theologie schien hier weitgehend ausgeschöpft zu sein. Anders jedoch die Erforschung der Gesellschaft und v.a. der Natur. Hier musste in der Zukunft der Schwerpunkt liegen. Es musste darum gehen, die gesetzmäßigen Abläufe des Zusammenlebens und der natürlichen Welt zu erkennen und diese Erkenntnis praktisch so umzusetzen, dass dadurch eine Erhöhung der Lebensqualität der Menschen möglich wurde.

Gewissermaßen an der Pforte zur neuzeitlichen Wissenschaft erwächst in dem Philosophen Nikolaus von Kues (1401 - 1464) noch einmal eine Gestalt, deren grundsätzliche erkenntnistheoretische Kritik, hätte man ihr stärkere Beachtung geschenkt, zahlreiche Fehlentwicklungen, Blockaden, Umwege, Auswüchse und Entgleisungen in der weiteren Wissenschaftsgeschichte hätte verhindern können. Für Nikolaus kann am Ende aller Erkenntnis im abstrakt-philosophischen Sinne nur die Erkenntnis des Nichtwissens stehen. Systematisierte empirische Erkenntnis ist immer Verhältnisbestimmung zwischen Dingen, Abläufen, Sachverhalten. Cusanus` ausgewogene Erkenntnistheorie zeigt der menschlichen Vernunft ihre Schranken auf, ohne ihre Bedeutung und ihr Potential in Frage zu stellen.


Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Thomas S. Kuhn
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Evolution des Wissens, 19. Februar 2013
T. S. Kuhn fokussiert in seinem nach der ersten Publikation äußerst kontrovers diskutierten Buch
"Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" die Bedeutung von Basistheorien, so genannten Paradigmen, für die darauf aufbauende Forschung.

Paradigmen, so Kuhn, signalisieren dem Wissenschaftler, welche Entitäten es in der Natur gibt und welche nicht, und wie sie sich verhalten. Durch diese Informationen entsteht eine Landkarte, deren Einzelheiten durch reife wissenschaftliche Forschung aufgehellt werden. Und da die Natur viel zu komplex und vielfältig ist, um auf gut Glück erforscht zu werden, ist diese Landkarte genauso wichtig für die kontinuierliche Weiterentwicklung der Wissenschaft wie Beobachtung und Experiment." Im Gegensatz zu Popper vertritt Kuhn die Ansicht, dass Paradigmen nicht falsifiziert werden können.

Ein Paradigma wird erst dann aufgegeben, wenn es wissenschaftlichen Erkenntniszuwachs im Sinne der dominierenden Weltsicht nicht mehr konsistent integrieren kann, und ein alternativer Entwurf in Sicht ist. Auch dann geschieht es nicht widerstandslos, gewissermaßen infolge einer allgemeinen Einsicht in seine Ungültigkeit. Es wird vielmehr gewissermaßen überlebt". Dennoch kann man von einer Art wissenschaftlicher Revolution reden.

Wenn in der Entwicklung einer Naturwissenschaft ein einzelner oder eine Gruppe erstmalig eine Synthese hervorbringt, die in der Lage ist, die meisten Fachleute der nächsten Generation anzuziehen, verschwinden allmählich die alten Schulen. [...] Das neue Paradigma impliziert eine neue und strengere Definition des Gebietes."

Als Beispiele führt Kuhn u. a. den Übergang vom Ptolemäischen zum Kopernikanischen Weltbild, der Aristotelischen zur Newtonschen Mechanik oder von der mechanistischen Physik Newtons zur Physik Einsteins und Heisenbergs an.

Selbst auf der scheinbar deskriptiven Ebene hatten die Aristoteliker wenig mechanische Kenntnisse besessen, viele ihrer Aussagen waren einfach falsch. [...] Auf anderen Gebieten als der Physik war Aristoteles ein scharfer und naturnaher Beobachter gewesen, und auch seine Deutungen der Erscheinungen waren oft scharfsichtig und tief. Wie konnten ihn diese Fähigkeiten auf dem Gebiet der Mechanik so im Stich gelassen haben? Wie konnte er hier so viel anscheinend absurdes behaupten? Und vor allem, warum wurden seine Auffassungen so lange von so vielen seiner Nachfolger so ernst genommen?"

Entscheidend für die Übergänge ist dabei nicht ein Mehr an Evidenz, das diese zur Folge hätten, sondern an Konsistenz zu den aktuellen Forschungsergebnissen. Wissenschaft ist somit auch kein linearer Prozess fortschreitender Wissensakkumulation, sondern eher der zeitgeistigen Wissensintegration. Dennoch gesteht Kuhn zu, dass auf diesem Wege, oder genauer auf diesen Umwegen, eine Tendenz hin zu einem genaueren und differenzierteren Wirklichkeitsverständnis erkennbar ist.


Alles Leben ist Problemlösen: Über Erkenntnis, Geschichte und Politik
Alles Leben ist Problemlösen: Über Erkenntnis, Geschichte und Politik
von Karl R. Popper
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kritischer Rationalismus, 19. Februar 2013
Karl Popper (1902-1994) trat an, die wissenschaftstheoretischen Thesen der Neopositivisten des Wiener Kreises zu widerlegen. So ist für ihn die Methode der Verifikation kein Weg, sichere Erkenntnis zu gewinnen. Auch keine noch so häufige experimentelle Bestätigung einer Hypothese vermag auszuschließen, dass es nicht doch eine Widerlegung derselben gibt.

Vielmehr, so Popper, geschieht wissenschaftlicher Fortschritt dadurch, dass bestimmte Theorien durch Experimente widerlegt ("falsifiziert") werden, so dass sich in einem evolutionsartigen Selektionsprozess diejenigen Theorien durchsetzen, die "wahrheitsnäher" sind. Eine absolute Wahrheitserkenntnis ist dabei jedoch nicht möglich; alles Wissen hat letztlich provisorischen Charakter.

Analog verhält es sich mit der Methode der Induktion. Aus der Beobachtung von noch so vielen Einzelfällen lassen sich letztlich keine letztgültigen Gesetzmäßigkeiten erschließen. Demzufolge neigt Popper auch einer indeterministischen Position zu. Wohl aber ist die Deduktion ein gangbarer Weg der Falsifikation, denn erweist sich eine logisch zwingende Folgerung aus einer wissenschaftlichen Aussage als falsch, ist auch diese damit ungültig.

Wissenschaftliche Sätze können also letztlich nicht bewiesen, sondern nur widerlegt werden. Demzufolge, so Popper, kann das entscheidende Kriterium für die Wissenschaftlichkeit eines Satzes nur seine prinzipielle Falsifizierbarkeit sein. Wissenschaftler sollten deshalb versuchen, ihre Theorien experimentell gewissermassen auszusieben. Natürlich bedürfe es dazu zunächst auch kreativer hypothetischer Theorieentwürfe.

Poppers Ansatz soll rein methodologischer Natur sein; er möchte keine ontologischen bzw. metaphysischen oder antimetaphysischen Aussagen treffen. Selbst die Frage, ob es überhaupt "Naturgesetze" gibt, lässt er offen. Er wurde in philosophischen Kreisen vielfach und mit unterschiedlichen Argumenten kritisiert, insbesondere durch die relativistischen Positionen von Thomas Kuhn oder Paul Feyerabend. Letzterer zweifelte sogar den Nutzen eines Faches wie der Wissenschaftstheorie überhaupt an. Dennoch ist Popper wohl gegenwärtig der populärste Wissenschaftstheoretiker.

Fraglich ist, inwieweit gerade das vielgepriesene Falsifikationsprinzip tatsächlich praktiziert wird. Für den fachlichen Outsider macht es den Nachvollzug wissenschaftlicher Seriousität nicht eben einfacher. Induktivität bietet hier weit mehr Anhalspunkte zur Beurteilung. Falsifizierbar ist dagegen fast jede zumindest naturalistische Position bzw. Aussage.

Doch die Textauswahl des Buches beschränkt sich nicht nur auf den Themenkomplex Erkenntnistheorie bzw. Wissenschaftsphilosophie. In seinem Text zum Leib-Seele-Problem vertritt Popper eine Position jenseits des Körper-Geist-Dualismus und eines all zu simplen naturalistischen Reduktionismus. Er sieht die Welt dreidimensional: Welt 1 bezeichnet die physische Realität, Welt 2 die Welt der Wahrnehmung und des Bewusstseins, Welt 3 die Welt des Geistes und der Kultur. Welt drei muss man sich Welt 2 gegenüber ebenso emergent vorstellten, wie Welt 2 der Welt 1 gegenüber.

Besonders kritisiert wurde Poppers Versuch, seine Methode auch auf die Sozialwissenschaften zu übertragen. Dies geschah u. a. von Seiten der Kritischen Theorie im so genannten Positivismusstreit unter Hinweis auf den nicht-statischen, historisch bedingten Charakter alles gesellschaftlichen bzw. kulturellen Geschehens. Popper und Albert vertraten die Ansicht, dass das Anliegen einer fundamentalen Umgestaltung der Gesellschaft, wie es ihren Kontraenten Adorno und Habermas vor Augen stand, gefährlich sei. Vielmehr müsse es darum gehen, die jeweild im gesellschaftspolitischen Geschehen auftauchenden konkreten Probleme einer Lösung zuzuführen.

Im vorliegenden Buch nimmt sich Popper gesellschaftlichen bzw. politischen Themen in besonderer Weise an und hat hier ganz offensichtlich die Absicht, eine Art Vermächtnis zu hinterlassen. Er mahnt die Politik - zumal in Anbetracht der Existenz von Kernwaffen - ihre Verantwortung stärker wahrzunehmen. Er mahnt gesellschaftliche Entscheidungsträger überhaupt, Sinn und Ziel allen Fortschritts nicht aus den Augen zu verlieren. Es gehe um menschliche Vervollkommnung und um ein friedliches Miteinander in einer "offenen Gesellschaft", eine Vision, die er schon im Neuen Testament beschrieben sieht. Im Zusammenhang damit kritisiert Popper dialektische Geschichtstheorien, wie sie in der Folge von Hegel in ganz verschiedenen Ausprägungen entwickelt wurden, als zynisch. Leidverursachenden Entwicklungen kann keine Notwendigkeit für den evolutionären Fortschritt der Menschheit zuerkannt werden.
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Grundlagen der Gestalt-Therapie. Einführung und Sitzungsprotokolle (Leben Lernen 20)
Grundlagen der Gestalt-Therapie. Einführung und Sitzungsprotokolle (Leben Lernen 20)
von Fritz Perls
  Broschiert
Preis: EUR 24,95

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Harmonie oder Entropie?, 19. Februar 2013
Der deutschstämmige US-amerikanische Psychotherapeut Fritz Perls (1893-1970) ist der Begründer der Gestalttherapie. Erving Polster, gegenwärtig wohl der populärste Gestalttherapeut und ehemaliger Schüler von Perls berschreibt diesen in einem Interview wie folgt: "In seiner Arbeit spürte ich seine Kraft, eine Spannung zu erzeugen, die größer war als alles, was ich je zuvor gesehen hatte. Eine lebendige Spannung - die Welt konnte sich jeden Moment ändern. Er transportierte diese Schwingung, diesen Puls des Lebens. Und er strahlte den Mut aus, sich auf jede Unterschwelligkeit einzulassen. [...] Er hatte eine enorme Fähigkeit, das, was man zu ihm sagte, wirklich aufzunehmen, egal wieviel es auch sein mochte. Man sagte ihm etwas Bedeutsames, und er reagierte entsprechend bedeutsam. Man sagte ihm etwas Belangloses, und er machte sich klein, um es zu hören. Er hatte eine sehr große Bandbreite - und etwas Röntgenhaftes. Plötzlich entdeckte ich, daß man einen anderen Menschen für den Augenblick wirklich kennen konnte, auch wenn man ihn nicht ganz kannte."

Die Gestalttherapie sieht den Organismus als homöoastatisches System. Ein Bedürfnis zeigt ein Ungleichgewicht in diesem System an. Durch die Befriedigung dieses Bedürfnisses assimiliert der Organismus ein Stück Außenwelt und wächst. Das Gleichgewicht tritt wieder ein, doch vor diesem Hintergrund tritt bereits ein neues, nun in seiner Dringlichkeit dominierendes Bedürfnis in den Vordergrund. Der geistige bzw. soziokulturelle Bereich, der den Menschen vor dem Tier auszeichnet, ist hierbei mit berücksichtigt. Der Mensch kann und muss zuweilen Bedürfnisse zurückstellen bzw. auf ihre Befriedigung verzichten. Wichtig für seine gesunde Entwicklung und Entfaltung ist hierbei jedoch, dass er dies bewusst tut. Lässt er aufgrund verinnerlichter Normen bestimmte Triebwünsche gar nicht erst ins Bewusstsein, wirken sich diese im Unbewussten destruktiv, deformativ aus. Der menschliche Organismus ist zudem nicht einfach auf die Dynamik biochemischer Triebenergien zu reduzieren, sondern er strebt auch hin auf geistig-seelisches Wachstum und menschliche Vervollkommnung.

Im Wesentlichen stützt sich der Begründer der Gestalttherapie also auf die Persönlichkeitspsychologie Freuds. Er integriert aber auch Erkenntnisse und Terminologie der Gestaltpsychologie, die besagte, dass der psychische Apparat auf eine ganzheitliche Erfassung und Verfassung zielt. In der Wahrnehmung etwa geschieht keine Addition der verschiedenen Sinneseindrücke zu einer Summe, die dann das Bild darstellt. Vielmehr wird aus "Stichworten" die das Wahrgenommene vermittelt, die Ganzheit des Eindrucks gebildet. Das Ganze ist insofern mehr als die Summe seiner Teile.

Der Organismus arbeitet also prinzipiell holistisch, ist immer auf die Herstellung von "Ganzheit" ausgerichtet, wobei die physische, psychische, soziale und geistige Dimension des Menschen in Wechselwirkung und Vermittlung stehen. Eben das erweitert das mechanistische, reduktionistische Menschenbild Freuds in gewisser Weise in den geistigen Bereich hinein. Perls redet denn auch von dominierenden Bedürfnissen als von offenen Gestalten (oder Figuren), die danach streben, abgeschlossen zu werden. Es geht darum, die eigene Wahrnehmung für dieses Geschehen zu sensibilisieren; gewissermaßen in Kontakt mit sich selbst zu bleiben, um so einen authentischen Bezug zur Außenwelt herstellen zu können. Dieser Kontakt zur eigenen Bedürfniswahrnehmung und somit zur Umwelt kann je nach Lebensgeschichte unterschiedlich gestört sein.

Perls unterscheidet zwischen Introjektion, Projektion, Konfluenz und Retroflektion. "Der Introjektor tut, was andere von ihm erwarten könnten, der Projektor tut anderen das an, was er ihnen vorwirft, der pathologisch Konfluente weiß nicht, wer wem was tut, und der Retroflektor tut sich selbst an, was er am liebsten den anderen antäte." Später identifizieten Gestaltherapeuten noch zwei andere Mechanismen, den Egotismus (auf die eigene Person fixiert sein) und die Deflektion (Kontaktvermeidung, abgelenkt und abgewandt sein). Der Prozess der Bedürfniswahrnehmung bzw. -befriedigung, der Energie- bzw. Lebensfluss ist so also gestört. Es entstehen unabgeschlossene Gestalten" bzw. Geschäfte"; Teile der Persönlichkeit können nicht gelebt werden. Diese melden sich dann in Träumen, Phantasien oder Symptomen zu Wort. Die Persönlichkeit hat ein Defizit an Authentizität, was sich in Charakter, Verhaltensstereotypen, Sprache, Bewegung, Körperhaltung, Muskelverspannungen etc. niederschlägt.

Der Therapeut hilft dem Klienten dabei, die abgespaltene, unterdrückten, verdrängten Teile seines Selbst bzw. die Mechanismen zur Aufrechterhaltung von Verdrängungen sowie Kompensationsmechanismen zu entdecken. Er analysiert nicht, er integriert vielmehr. Er bringt verschiedene Seiten des Seelenlebens miteinander in Kontakt. Praktisch geschieht dies in Gruppensitzungen, bei denen der Therapeut jeweils mit einem Hilfesuchenden arbeitet. Dieser wird nun aufgefordert, sich mit den verschiedenen Elementen eines von ihm vorgetragenen inneren Konfliktes oder auch dessen verklausulierter Interpretation in Form eines Traumes, immer auch in Bezug nehmend auf das momentane Fühlen und Verhalten, Sprache und Körpersprache zu identifizieren. So wird der Klient seiner individuellen Selbstbehinderungsstrategien gewahr und gelangt zu einem wachsenden Maß an Selbstentfaltung. Die Kontaktfähigkeit mit seinem Umfeld, seine Fähigkeit wahrzunehmen, an sich heran zu lassen, sich zu öffnen, aufzunehmen soll so im Laufe der Therapie stetig erweitert werden.

Das vorliegende Buch besticht besonders durch die Kombination von theoretischem und praktischem Teil. Die Sitzungsprotokolle
tragen viel dazu bei, den in der Theorie anfangs für viele Interessierte nicht ganz leicht zu verstehenden Ansatz besser zu erfassen.


Schnelles Denken, langsames Denken
Schnelles Denken, langsames Denken
von Daniel Kahneman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,99

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Trügerische Evidenzen, 4. Februar 2013
Kahneman legt mit seinem Buch eine wissenschaftliche Biografie vor, die sowohl seinen Entwicklungsgang, wie auch Ergebnisse und Anwendungen seiner Forschertätigkeit darlegt. Berühmt wurde der Psychologe spätestens 2002 als er den "Wirtschaftsnobelpreis" für die gemeinsam mit seinem Kollegen Tversky entwickelte Prospect-Theory erhielt. Diese weist u.a. nach, dass das Menschenbild der klassischen Ökonomie - Menschen verhalten sich rational und eigennutzorientiert - so nicht haltbar ist. Die gute Nachricht: Der Sinn für Fairness und Gerechtigkeit dominiere viel öfter das blanke Eingeninteresse, als man meint. Die schlechte: Mit der Rationalität des Homo Oeconomicus ist es nicht weit her. So siege bspw. die Verlustangst im Zweifel oft über verheißungsvolle Gewinnaussichten.

Grundlegend für Kahnemans Forschungsansatz ist die idealtypische Unterscheidung zwischen zwei Denksystemen, von denen wir Gebrauch machen. System 1 ist schnell, intuitiv, assoziativ. Unser Wahrnehmen und Denken vermittelt hier oft eine trügerische Evidenz. In Wirklichkeit wird es durch Biases, heuristische Effekte, Emotionen, Vorerfahrungen, Stereotypisierungen und sogar scheinbare Belanglosigkeiten im gegenwärtigen Umfeld beeinflusst. System 2 bezeichnet das langsame, bewusste, logische, Fakten und Argumente abwägende Nachdenken.

Kahneman: "Wenn ich die Hauptstadt von Frankreich erwähne, denken Sie automatisch und ohne Mühe an Paris. Das ist das, was ich das schnelle Denken nenne: Wahrnehmung, Intuition, freie Assoziationen - das gehört alles dazu. Und dann gibt es das langsame Denken. Das benutzen wir, wenn wir sorgfältig argumentieren, oder ausrechnen wollen, was 17 mal 24 ist, oder unbekannte Zahlen schätzen - also Aufgaben für logisches Denken."

Doch auch System 2 funktioniert alles andere als fehlerfrei. Dies hat v.a. damit zu tun, dass System 1 nicht abgeschaltet werden kann und immer im Hintergrund mitläuft. Vielfältig sind dabei die Spielarten, mit denen uns dieses störanfällige System ein Schnippchen schlägt.

Wenn uns Informationen nur begrenzt zur Verfügung stehen, überschlagen wir den Sachverhalt (Heuristik). Hier unterliegen wir aber regelmäßig Wahrnehmungsverzerrungen. Die Verfügbarkeitsheuristik bspw. ist aus der Verkaufspsychologie bekannt. Wird Ware mit einem Verkaufslimit pro Käufer ausgezeichnet, greifen die Kunden besser zu.

Die Repräsentativitätsheuristik besagt, dass Menschen oft stereotyp urteilen. In einem Versuch sollten Personen anhand von Charaktereigenschaften und Lebensfeatures den Berufsgruppen Ingenieur oder Jurist zugeordnet werden. Trotz Vorab-Mitteilung über das anteilige Verhältnis der Vertreter (70:30) wurden mehr Personen als Juristen eingestuft, da die Beschreibung gängigen Klischees entsprach.

Beim Priming wird die kognitive Verarbeitung eines Reizes beeinflusst, indem zuvor durch einen anderen Reiz Gedächtnisinhalte aktiviert werden. Eine Art Grundierung wird so hergestellt. Beispiel: Wir handeln moralischer, wenn wir uns beobachtet fühlen. Schon das Augenpaar auf einem Bild über der Kaffeekasse bewirkt, dass mehr einbezahlt wird. Ein anderes Bsp.: Wenn Menschen auf das Thema "Altwerden" geprimt werden, bewegen sie sich langsamer.

Umgekehrt scheint Geld tatsächlich den Charakter zu verderben. In einem Versuch liefen vor Probanden Dollarzeichen als Bildschirmschoner auf Monitoren ab. Als einer Person im Raum scheinbar aus Versehen eine Menge Stifte zu Boden fielen, halfen signifikant weniger Leute beim aufheben, als beim Gegenversuch ohne die eingespielten Währungssymbole.

Ähnlichkeit mit diesem Mechanismus hat der Ankereffekt. Auch hier hängt die intuitive Einschätzungen vom sachfremden Informationsinput aus dem Umfeld ab. So sollten Probanden in einem Versuch zuerst ein Glücksrat drehen, dann die Zahl der afrikanischen Staaten schätzen, die Mitglied der UNO sind. Die Zahl fiel umso höher aus, je höher die gedrehte Nummer war.

Harmlos und unbedeutend? In einem anderen Versuch sollten Richter das Strafmaß für Ladendiebstähle bemessen. Zuvor ließ man sie würfeln. Warfen sie insges. eine "3", verhängten sie durchschnittlich 5 Monate, bei "9" waren es schon 8 Monate.

Von nicht zu unterschätzender Relevanz auch die Tendenz zur intuitiven Selbstüberschätzung. Erfolge schreiben wir gern unserem Können zu, Misserfolge den Umständen. Wer denkt da nicht an Wirtschaftsprognostiker und Börsenexperten, die - sich in scheinbar erfolgreichen bisherigen Prognosen sonnend - bezüglich ihrer Voraussagen zum Geschehen der letzten 5 Jahre überwiegend daneben lagen.

Kahneman dazu: "Die Prognosen von Börsenexperten etwa sind praktisch wertlos. Wer Geld anlegen will, sollte lieber Indexfonds wählen, die ohne Zutun begnadeter Spezialisten einfach nur einen Börsenindex nachbilden. Sie schneiden Jahr für Jahr besser ab als der durchschnittliche Anlagefonds, den ein hochbezahlter Experte verwaltet. Trotzdem wollen die Leute ihr Geld lieber dort anlegen, wo sie glauben, dass man etwas davon versteht - so unwahrscheinlich das der Statistik zufolge auch ist. Experten sind dort gut, wo es eher vorhersagbar zugeht. In der Börsenwelt ist das nicht der Fall."

Dabei ist ein weiterer Mechanismen von Bedeutung - der Halo-Effekt. In diesem Fall bewirkt er, dass Menschen, die die Aura des Erfolgs umgibt, von Mitmenschen unabhängig von ihrer tatsächlichen Analysefähigkeit als Autoritäten ihres Fachgebietes wahrgenommen werden.

Hier wird bereits etwas von der Praxisrelevanz und Anwendungsfeldern der Forschungsergebnisse Kahnemans sichtbar. Der Psychologe rät u.a., wo immer es sinnvoll und machbar ist, menschliche Einschätzungen durch Algorithmen, Scores, Check-Lists usw. zu ersetzen. Ein Anwendungsfeld sieht er bspw. in der Medizin. Computerprogramme würden exaktere Diagnosen stellen als Ärzte.

In den USA wurde und wird der "Vater des sanften Paternalismus" seit längerem an vielen Stellen zu Rate gezogen und antizipiert. Der bereits o.e. Faktors Verlustangst spielt dabei immer wieder eine große Rolle: Gewerkschaften fragen nicht mehr, ob Arbeiter bereit sind, auf einen Teil ihres Lohnes für die Alterssicherung zu verzichten, sondern ob sie an den Anlagegewinnen Interesse haben. Auch im Bereich Organspende stellte man fest: Fragt man die Bereitschaft dazu ab, ist die Zahl der positiven Reaktionen sehr begrenzt. Bittet man um Einspruch auf dem Hintergrund einer allgemein zulässigen Organentnahme liegt die Spendenbereitschaft fast bei 100%.

Nicht immer sind Fehlwahrnehmungen schädlich. Der Autor beschreibt die menschliche Tendenz, dem Geschehen des Lebens positiv voreingenommen zu begegnen als alles durchdringend. Optimismus, so der Autor, ist aber nachweislich einem gelingenden Leben zuträglich, wirkt sich positiv auf die physische und psychische Gesundheit aus, erhöht die Lebenserwartung, und ist ein gutes Gegengift gegen die Tendenz, Verluste mehr zu fürchten als Gewinne zu schätzen und zu begrüßen, schneidet also in puncto Zweckdienlichkeit weit besser ab, als eine stärker analytische, realitätsbezogenere Lebenshaltung.

Ähnlich verhält es sich mit dem Schmerzgedächtnis. Es mag ein Segen sein, dass wir schmerzhafte Erfahrungen nicht in dem Maß erinnern, das sie wirklich hatten. Die Länge des Erlebnisses etwa, fließt offenbar nicht mit ein. Und: sehr entscheidend dafür, wie wir etwas erinnern ist letztendlich der Ausgang. Wenn sich doch noch alles ins gute wendet dominiert dies die Gedächtnisinhalte über zuvor durchgemachte Qualen: Ende gut - alles gut.

Zu kurz kommt im Buch die Reflexion ethisch-moralischer Gesichtspunkte. Denn es kann kein Zweifel daran bestehen, dass eine gesunde Grundhaltung bestimmten Fehlwahrnehmungen von vornherein entgegenwirkt. Es sind alte Wahrheiten, dass Gier blind macht, die Angst zu kurz zu kommen, den Blick verzerrt, Verlustangst lähmt. Realitätsverleugnung und Denkfaulheit haben allzu oft mit einem Ausweichen vor der Verantwortung zu tun. Das Bequeme und Vertraute ziehen wir gern der möglicherweise schmerzhaften oder herausfordernden Wahrheit vor. Und je wertorientierter ein Mensch lebt, desto weniger Angriffsfläche wird er für Priming- oder Ankereffekte bieten, desto eher wird er dem Gruppendruck standhalten, desto weniger sich vom selbstgewissen Auftreten selbsternannter Experten beeindrucken lassen usw.

Auch bei Kahnemans Aussagen und Ratschlägen zu wirtschaftlichen Fragen werden Grenzen deutlich. Wirtschaftliche Prognosen können durchaus fundiert und sogar längerfristig zutreffend sein. Auch die gegenwärtige Krise wurde von einigen Ökonomen voraus gesehen. Wer 2007 Max Otte oder Lester Thurow las, erhielt genug Fakten und Material, um selbst als Laie nach der Lektüre bezüglich der großen Wahrscheinlichkeit nahender Turbulenzen überzeugt zu sein. Auch die derzeitige Euro-Krise wurde von einigen Experten praktisch von der Konstruktion der gemeinsamen Währung an voraus gesehen. Bedingung für die Einsichtsfähigkeit scheint zu sein, dass die eigene Interessenlage nicht zu sehr tangiert ist. Was das Investitions- bzw. Anlageverhalten im engeren Sinne betrifft, greifen Kahnemans Ideen ebenfalls zu kurz. Würden das Geld der Anleger plötzlich nur noch in Indexfonds fließen, täte dies Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt sicher nicht gut.

Insgesamt ist Kahnemans Buch aber sehr interessant zu lesen. V.a. spürt man, dass hier eine gestandene Forscherpersönlichkeit schreibt, die stets auch in größeren Zusammenhängen dachte und der es wirklich daran gelegen ist, sein Werk für Gesellschaften und Gemeinwohl insgesamt fruchtbar zu machen. Das hebt Kahneman von Dobelli ab, der aus dem gleichen Stoff seichte Yuppie-Handbücher über die "Kunst" des "klaren Denkens" und "klugen Handelns" fabrizierte.


Der Zauber der Wirklichkeit: Die faszinierende Wahrheit hinter den Rätseln der Natur
Der Zauber der Wirklichkeit: Die faszinierende Wahrheit hinter den Rätseln der Natur
von Richard Dawkins
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,99

15 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Schon der Mythos ist Aufklärung, und Aufklärung schlägt in Mythologie zurück (Adorno/Horkheimer), 4. Februar 2013
Ein schönes, fantastisch illustriertes Buch, das Dawkins hier vorlegt. Gewohnt virtuos und anschaulich legt er - wenn auch nicht unbedingt überall auf neuestem Stand - Forschungsergebnisse seiner Zunft dar. Urknall und Evolution des Lebens, aus dem Leben der Mikroorganismen und der ersten Menschen, aus der Mikro-Welt der Atome und der Makro-Welt des Alls, über Regenbogen, Sonne, Plattentektonik und Erdbeben... Hätte er es dabei belassen, könnte man von einer gekonnten Publikation reden, die jung und alt einlädt, altes Schulwissen aufzufrischen oder gar zu vertiefen.

Nun ist ein zentrales Anliegen des Autors aber auch, tatsächliche oder vermeintliche Mythen, die mit den genannten Themen in Zusammenhang stehen, zu entlarven. Was er dazu liefert, ist aber stellenweise fast schon kurios und lässt an Max Webers Charakterisierung des "Fachmenschen ohne Geist" denken.

In einem tasmanischen Mythos kämpft Gott Domerdeerer mit Gott Moinee. Letzter fällt tödlich verletzt vom Himmel und schafft als letzte gute Tat die ersten Menschen - allerdings mit Konstruktionsfehlern: ohne Knie und mit Känguruschwanz. Die Menschen jammern darob so sehr, dass Domerdeerer sich erbarmt und nachbessert. - Für Dawkins ist das eine primitive Theorie zur Entstehung des Menschen.

Wenn in den Mythen aus der sog. "Traumzeit" der Aborigines Riesenechse und kleiner Gecko auf die Sonnenfrau wütend werden, weil sie ihre Dingos auf Freunde von ihnen gehetzt hat, sie mit einem Bummerang gen Westen aus Versehen vom Himmel schießen und sie dann schließlich nach Stunden - bereits in Panik, dass es nun für immer Dunkel bliebe - von einem Bummerang retour aus dem Osten wieder mitbringen lassen, ist das für Dawkins ein Erklärungsversuch für Tag und Nacht.

Bei nordamerikanischen Indianerstämmen, bei Ethnologen aufgrund ihrer schlichten Weisheitslehren hoch im Kurs, glaubt er auf die Überzeugung zu stoßen, die Welt hätte sich im Takt eines von Spinnenfrau-Göttin und Sonnengott gemeinsam gesungenen Songs materialisiert oder den Rhythmus von Tag und Nacht hätten wir einem Deal zwischen Biber und Stachelschwein zu verdanken.

Dass Mythen eher Fragezeichen symbolisieren als Antworten darstellen sollten, kommt Dawkins nicht in den Sinn. Wie dgl. entsteht, kann man heute noch bei verschiedene indigenen Gruppierungen beobachten, etwa wenn die Tuareg abends am Lagerfeuer zusammensitzen. Da man weder Fernseher noch Kinos oder Theater hat, erzählt man sich Geschichten. Reine Phantasmen sind es dabei noch lange nicht. Sie enthalten Aussagen zu - wahren - Abläufen in der Natur, zu den Grundkonflikten menschlichen Daseins, zu Möglichkeiten, sich in einer rätselhaften Welt sinnvoll ein- und auszurichten. Damit entfalteten Mythen zivilisatorische Kraft und wirkten kulturbildend.

In den o.g. Beispielen sahen auch die Menschen frühere Zeiten nicht etwa fälschlicherweise Faktenwissen, dass sie als Kategorie sehr wohl kannten - sonst hätten sie keine Landwirtschaft betreiben, Werkzeuge herstellen, Pyramiden, Tempel und Paläste bauen können. Sie reden davon, dass sich der Mensch in dieser Welt willkommen fühlen darf, davon, dass der Mensch über die Widrigkeiten mancher Naturerscheinungen nicht das Schöne und Nutzbringende der Natur vergessen soll, über die Poesie einer wunderbaren Schöpfung..

Und wer könnte denn Homer oder Valmiki lesen, ohne ins Staunen zu geraten, über die Kraft und Größe der dort handelnden Gestalten, über die Intensität des Lebensgefühls, die sich in diesen Texten ausdrückt, ohne sich wiederzufinden in so manchem der dort geschilderten Konflikte.

Goethe sah im Mythos "Menschenkunde in höherem Sinne", die "abgespiegelte Wahrheit einer uralten Gegenwart". Thomas Mann charakterisiert das Wesen der Mythen als "zeitlose Immer-Gegenwart". Freud und C.G. Jung sahen in den Mythen der Menschheit eine wahre Schatzkammer, aus der sie sich zur Veranschaulichung innerpsychischer oder zwischenmenschlicher Konfliktkonstellationen gern bedienten.

Umberto Eco redet vom "Genuss am Mythos", sieht diesen charakterisiert durch die "intensive emotionale Teilhabe, die Freude an der Wiederholung der einzigen und beständigen Wahrheit, an den Tränen, am Lachen - und letztlich an der Katharsis." In unserer Zeit setze dies ein Publikum voraus, das auch "befähigt ist, die ästhetische Ebene zu erreichen, und das die Kunst der Variationen über ein mythisches Thema beurteilen kann".

In solchen Kategorien vermag Dawkins nicht zu denken. Für ihn zählt nur, was er unter dem Mikroskop oder im Teleskopfernrohr sehen kann. Alles andere ist für ihn primitiver Unfug. Warum in Heiligen Schriften nirgends vom Viertakt-Ottomotor oder Kernfusion die Rede ist, wenn sie denn von einem allwissenden Gott inspiriert seien, wundert er sich.

Über längere Perioden überlieferte Mythen haben sich in ihrem Kernbestand als Hintergrund eines kulturellen Koordinatensystems evolutionär bewährt. Sie sind nicht einfach durch die reine Ratio zu ersetzen. Wohin ein solcher Versuch führt, zeigte das 20. Jahrhundert überdeutlich und in anderer Form auch unsere Gegenwart mit all ihren grenzwertigen Konflikten. Immer mehr Wachstum zu generieren und Wissen zu akkumulieren macht eben die Welt noch längst nicht zu einem besseren Ort. Auch der Minimalkonsens der Menschenrechte ermöglicht bestenfalls ein halbwegs reibungsloses Nebeneinander, aber noch kein gutes gesellschaftliches Miteinander.

Adorno, Horkheimer, Gadamer, Bartes, Foucault ... bis hin zu Chomsky, Zizek oder Habermas - sie alle wiesen bzw. weisen ganz zu Recht darauf hin, dass die Bilderstürmerei gegen die Mythen der Vergangenheit nur neue, destruktive Mythen herauf beschwöre. Jede Epoche stehe vielmehr vor der Aufgabe, das Erbe der Vergangenheit in die Gegenwart zu übertragen und zu übersetzen. "Dem mythenlosen Menschen der Moderne fehlt die Kraft der Abbreviatur, der Horizontbegrenzung, die der Mythos leistet. Der Mythos ist die Matrix des Weltbildes - er stellt ein Bild von der Welt und umstellt die Welt mit Bildern", so Norbert Bolz. Wie weit ein solcher Übersetzungsprozess zu gehen habe, darüber gibt es natürlich unterschiedliche Ansichten.

Die Unkenntnis bzw. Halbbildung des Autors verrät sich auch an manch anderer entscheidender Stelle. So übersieht er bspw. völlig den tiefgreifenden Unterschied, zwischen Gottesbild und Schöpfungsbericht der Bibel gegenüber den Mythen der damalige Zeit. Während die Götter bis dahin stets immanent waren: Sonne, Mond, Saturn, Venus ... Bäume, Berge oder Tiere heilig waren, das mythologische Geschehen den Kreislauf der Natur widerspiegelt usw. ist der Gott der Bibel transzendente "Verkörperung" des Logos. Alles was ist, ist von Ihm vernünftig strukturiert geschaffen. Auf dieser Grundlage konnte später die neuzeitliche Wissenschaft aufbauen.
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Die Schöpfungslüge: Warum Darwin recht hat
Die Schöpfungslüge: Warum Darwin recht hat
von Richard Dawkins
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

11 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Atheistischer Einpeitscher bringt Schäfchen auf Kurs, 4. Februar 2013
Sie würden sich selbst als Atheist einstufen, fragen sich aber manchmal, ob Sie nicht vielleicht doch falschliegen? Vielleicht beten Sie sogar manchmal noch, wie Kirchenkritiker Nr. 1 K.-H. Deschner kürzlich eingestand? Sie möchten lieber neugierig und mit offenen Fragen und Augen durchs Leben gehen, als sich für alle Zeiten auf eine Sicht der Dinge festnageln zu lassen? Sie wollen sich das eigenständige Denken nicht verbieten lassen, und möchten Leerstellen und Fragezeichen im Theoriegebäude der Evolutionstheorie, Hirnforschung oder Astrophysik auch als solche benannt und diskutiert sehen? Sie können, wie der ehem. Giordano-Bruno-Stiftungsbeirat und Phil.-Prof. N. Hoerster nicht einsehen, warum Evolution und Schöpfung einander ausschließen sollten? Sie sind - wie der atheistische Philosoph und Aktivist J. Kahl - der Meinung, dass Wissenschaft und Religion prinzipiell sehr wohl produktiv koexistieren können?

Dann gehören Sie definitiv zur Zielgruppe des Buches Die Schöpfungslüge". Zum einen führt es viele der uns allen aus dem Schulunterricht seit Kindesbeinen an vertrauten Fakten der Evolutionstheorie - wenn auch nicht unbedingt up to date so doch in akzeptabler Weise und anschaulicher Sprache - aus. Was aber Fakten nun einmal nicht hergeben, wird im Buch mit giftiger Polemik gegen Andersdenkende und unterschwellige Seitenhieben gegen nicht 120%ige Atheisten zu kompensieren versucht.

Von einer objektiven Darstellung des derzeitigen Forschungsstandes kann dabei an so manch strittiger Stelle nicht die Rede sein. Sind Vögel wirklich Nachkommen der Dinosaurier? (E. Mayr bspw. - Altvater der synthetischen Evolutionstheorie - meint: Nein) Gibt die kambrische Explosion nicht immer noch gravierende Rätsel auf? Warum die andauernde Kontroverse zwischen Anhängern einer graduellen Evolution, zu denen auch Dawkins zählt, und einer nicht-graduellen (bspw. EvoDevo), wenn erstere so überzeugend darstellbar ist? Solche und ähnliche Fragen werden von Dawkins mehr oder weniger weg gebügelt. Offenbar steht dahinter die Angst, Kreationisten, Intelligent Design-Anhängern usw. auch nur einen Millimeter Land zu überlassen. In die sanfte Macht der Vernunft, die Überzeugungskraft der Fakten scheint der selbsternannte Aufklärer Dawkins nur wenig Vertrauen zu setzen. Dabei würde ein Buch, dass - so es sich denn der Auseinandersetzung zwischen Evolutionstheorie und Kreationismus oder ID widmet - strittige Punkte sachlich und die Faktenlage detailliert darstellt - also von beiden Lagern lesbar ist, sicher eine breite und interessierte Leserschaft finden.

Auch an seiner Selfish-Gen-Theorie hält Dawkins weiter fest, obwohl er hier von verschiedenster Seite - und zwar von Biologen, die anders als er nicht nur Bücher schrieben, sondern auch handfeste Forschungsergebnisse vorweisen können - S. J. Gould, E. Mayr, J. Diamond - um nur drei Namen zu nennen, Kritik hagelte. Evolution setzt eben beim Phänotyp an - bei Individuum oder Population - nicht beim Genotyp.

Völlig abstrus wird es , wenn sich der Biologe Dawkins aus den Gefilden seines Fachgebietes hinaus begibt, und sich mit dem ihm eigenen Laboranten-Mindset zum Welterklärer aufschwingt. Was er an selbst zusammen gezimmerten kulturgeschichtlichen Einlagen liefert, löst selbst bei vielen seiner Sympathisanten regelmäßig Kopfschütteln aus. Im Grunde aber findet sich hier dasselbe Muster wie in seinem Feld: zwanghaft muss er alles, was nicht seiner Sicht der Dinge entspricht, in Bausch und Bogen verdammen. Religion hat für ihn nur negative Aspekte, ist ein schädlicher Virus ohne den die Menschheit, bei weitem nicht perfekt wäre, aber sehr viel besser dastünde. Dass davon bei den atheistischen Feldversuchen in Vergangenheit und Gegenwart beileibe nicht viel zu sehen war und ist, vergisst er. Dass es noch keine Hochkultur gab, die nicht in Wechselwirkung mit einer Hochreligion entstanden ist, ebenso. Sich selbst und seinen Lesern scheint er weismachen zu wollen, dass sich die neuzeitliche Wissenschaft auf atheistischem Boden entwickelt hat und die Aufklärung eine rein atheistische Veranstaltung gewesen wäre. Das Gegenteil war der Fall - die geistige Grundlage bei Bacon, Descartes, Kopernikus, Galilei, Newton, Kepler usw. war die Überzeugung, dass ein Gott, der Verkörperung von Logos und Liebe ist, die Welt intelligent und gesetzmäßig strukturiert erschaffen haben muss und der Wunsch, Gottes Plan in der Schöpfung - soweit geboten und Menschen möglich zu enträtseln. Und selbst sehr kirchenkritische Aufklärer, wie Voltaire, Rousseau oder Paine hatten für die Atheisten ihrer Zeit bestenfalls Spott übrig.

Nicht nur bei den Anfängen der exakten Wissenschaften finden sich entschiedene Christen, sondern die gesamte Wissenschaftsgeschichte hindurch bis in die Gegenwart waren nicht selten gerade die herausragendsten Gestalten in ihrer Forschungstätigkeit tief durch ihren Glauben geprägt: C.F. Gauß, Blaise Pascal, Robert Boyle, Louis Pasteur, James Clerk Maxwell, der als einer der Begründer der modernen Geologie geltende Charles Lyell, der Vater der Genetik, Gregor Mendel etc. Auch die Evolutionstheorie selbst wurde von einem engagierten Christen entwickelt - Darwin ging seines Glaubens erst in späteren Jahren verlustig. Max Planck war ebenso tief religiös wie C.F. v. Weizsäcker oder Th. Dobzhansky. In der Gegenwart wären bspw. der renommierte Physiker Paul Davis, der Mathematiker und Oxford-Professor John Lennox oder der Genetiker Francis Collins, federführend bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und Direktor des National Institute of Health (US) zu nennen.

Einstein - seines Zeichens nicht gläubig an einen persönlichen Gott, doch mit deutlich zum Ausdruck gebrachter Aversion gegen atheistische Eiferer a la Dawkins - brachte immer wieder zum Ausdruck, dass man die Planmäßigkeit und Strukturiertheit des Universums fast zwangsläufig an einen Schöpfergott denken lässt. Es bleibt eben ein Fakt: Wir finden die größten Fragezeichen der Naturwissenschaften genau an den Stellen, wo wir sie unter der Voraussetzung eines Schöpfergottes mindestens erwarten würden: Am Anfang des Universums, bei der Entstehung des Lebens (erste replikationsfähige Zellen), bei der Erklärung des Bewusstseins. Die extreme Unwahrscheinlichkeit der Evolution des Menschen, setzt die bereits extrem unwahrscheinliche Entstehung von Leben voraus, die wiederum nicht ohne eine extrem unwahrscheinliche Feinabstimmung der Naturkonstanten im Universum denkbar ist. Was Dawkins tut, um dem etwas entgegenzusetzen, wirkt nicht sehr überzeugend: Spekulationen über außerirdische Zivilisationen, die Leben auf die Erde brachten, die Multiversen-Theorie.. Alles darf erwogen werden, nur eins nicht: Gott.

Bei der Darstellung gesellschaftlicher Gegenwartsprobleme finden sich ebenfalls viele Verzerrungen: Christen scheinen - zumindest unterhalb der bischöflichen Liga - aus Dawkins Sicht samt und sonders außerstande zu sein, zwischen zeitbedingten Aussagen in der Bibel und solchen mit geistlicher und ethischer Relevanz unterscheiden zu können. Wenn jemandem beim Thema Evangelikalismus nicht die Knie schlottern, kann es für Dawkins nur an der rosaroten Brille liegen, die derjenige trägt. Aus extremen Randerscheinungen fabriziert er Pauschalurteile: Alle Evangelikalen sind homophob, nehmen den Schöpfungsbericht wörtlich, wollen die Evolutionstheorie aus den Schulen verbannen usw. Mit der Wirklichkeit hat das nicht viel zu tun.

Trotz all der offensichtlichen Ungereimtheiten und Falschdarstellungen fischt Dawkins nun schon seit geraumer Zeit recht erfolgreich im Trüben, rekrutiert seine Anhänger unter Halbgebildeten, religiös Enttäuschten, weltanschaulich Desorientierten und anderweitig im Leben frustrierten, die sich von seiner Anti-Religionsmanie anstecken lassen und so etwas finden, was ihrem Leben Inhalt zu geben scheint. Andere sympathisieren mit ihm, weil sie ganz einfach vom Grundsatz her sein Weltbild teilen. Über seine Extrempositionen, sachlichen und fachlichen Ausrutscher schauen sie hinweg.

Fazit: Wer sich solide, seriös, fundiert und v.a. über das hinaus, was er ohnehin schon in der Schule gelernt hat zum Thema Evolution informieren möchte, sollte sich lieber an andere Literatur zu diesem Bereich halten, bspw.: "Das ist Evolution" von Ernst Mayr ... oder auch: "Darwins Erbe im Umbau: Die Säulen der Erweiterten Synthese in der Evolutionstheorie" von Axel Lange.
Kommentar Kommentare (22) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 24, 2016 10:20 PM CET


Die Bienenfabel oder Private Laster, öffentliche Vorteile (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Die Bienenfabel oder Private Laster, öffentliche Vorteile (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Bernard Mandeville
  Taschenbuch
Preis: EUR 21,00

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Genauso uns das Laster nutzt..., 4. Februar 2013
Wer nach den Wurzeln unseres modernen ökonomischen Denkens sucht, kommt um einen Gesellschaftstheoretiker nicht herum, der im Allgemeinen im Schatten des überragenden Adam Smith verschwindet, der ihn zwar gern kritisierte, unverkennbar aber auch von ihm inspiriert und beeinflusst war: Bernard Mandeville.

Im Jahr 1705 veröffentlicht Mandeville seine "Bienenfabel". Das Werk erschien dann 1714 als umfangreich entfaltete und erweiterte Neuauflage unter dem Titel Die Bienenfabel, oder Private Laster, öffentliche Vorteile" (The Fable of The Bees: or, Private Vices Publick Benefits). Die Wirkung ist kaum zu unterschätzen. Mandeville entwirft darin ein Katastrophenszenario: eine Gesellschaft wird ehrlich und tugendhaft! Die zwangsläufige Folge: der wirtschaftliche Niedergang:

"Da man auf Luxus jetzt verzichtet,
So ist der Handel bald vernichtet.
Manch Handwerk mehr und mehr verfällt,
Betriebe werden eingestellt.
Darnieder liegt Kunst und Gewerb;
Sie, aller Strebsamkeit Verderb,
Zufriedenheit, lässt sie genießen
Ihr Weniges und nichts vermissen."
Die Moral von der Geschicht:
So klagt denn nicht: für Tugend hats
In großen Staaten nicht viel Platz.
Mit möglichstem Komfort zu leben,
Im Krieg zu glänzen und doch zu streben,
Von Lastern frei zu sein, wird nie
Was andres sein als Utopie.
Stolz, Luxus und Betrügerei
Muss sein, damit ein Volk gedeih.
Quält uns der Hunger oft auch grässlich,
zum Leben ist er unerlässlich.
Stammt nicht des edlen Weines Saft
Von einem garstig dürren Schaft?
Der, wenn man ihn nicht sorgsam pflegt,
Bloß nutzlos wuchert und nichts trägt,
Doch dessen Frucht uns Lust bereitet,
Wenn man ihn bindet und beschneidet.
Genauso uns das Laster nutzt,
Wenn das Gesetz es kappt und stutzt,
Ja, ist so wenig aufzugeben
Für Völker, die nach Größe streben,
Wie Hunger ist, damit sie leben.
Mit Tugend bloß kommt man nicht weit;
Wer wünscht, dass eine goldene Zeit
Zurückkehrt, sollte nicht vergessen:
Man musste damals Eicheln essen."

Mandeville stieß auf eine begeisterte Leserschaft. Die Profitgierigen und skrupellosen Gewinnmaximierer sogen seine Schriften förmlich auf, konnten sie sich doch dadurch legitimiert und bestätigt sehen. Was Smith an Mandeville in der Hauptsache kritisiert, ist, dass dieser einen überzogenen Begriff des Lasters hätte, der sich von einem übermenschlichen moralischen Perfektionismus her bestimmt. Von da aus hätte Mandeville dann gewissermaßen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und das Laster generell für nutzbringend erklärt. Smith hält dem entgegen, dass es keinesfalls darum gehen kann, das gesamte Triebleben als lasterhaft zu disqualifizieren. Tugend bedeute nicht Verdrängung oder Ausschaltung der Triebe, sondern der vernünftige Umgang mit ihnen. Weder die Befriedigung der Grundbedürfnisse, wie Hunger oder Sexualität, noch der Eigennutz an sich oder auch nur das maßvolle Streben nach materiellem Wohlstand seien etwas Verwerfliches, sondern wo nicht schlicht zum Selbsterhalt erforderlich, so doch jedenfalls legitim.

Damit machte er Mandevilles Ansatz geschmeidiger und vollends salonfähig. Vom Gedanken des Berufs als Berufung als Feld, auf dem sich der Einzelne zum Wohle des Ganzen entsprechend seiner Fähigkeiten und Begabungen einbringt, bleibt nicht viel übrig. Das eigennützige Geschäftsgebaren der Einzelnen werde angeblich durch die unsichtbare Hand des Marktes" in wachsenden Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt verwandelt. Man beachte: nicht etwa Wohlstand für alle. Der Gedanke innergesellschaftlicher Solidarität wurde vollends entwertet. Am unteren Ende der Gesellschaft muss es sowohl bei Mandeville, als auch bei Smith, Ricardo, Malthus etc. Armut, Krankheit und frühen Tod geben, da nur angesichts des möglichen Totalabsturzes die Arbeitswilligkeit erhalten bleibe bzw. andernfalls eine das Arbeits- und Lebensmittelangebot überfordernde Überbevölkerung drohe.

Solche Extreme im Denken der Väter der Nationalökonomie sowie die sich daran anlehnende menschenverachtende gesellschaftliche Praxis, wurden unter blutigen Wehen und Kämpfen in unseren Breiten längst durch relativ gute sozialpolitische Rahmensetzungen korrigiert. Was unter nationalstaatlichen Bedingungen unter dem Druck der Arbeiterbewegung, sozialdemokratischer und christlicher Engagements, Proteste und Appelle durchsetzbar wurde, kommt im Zeitalter der Globalisierung jedoch längst wieder mehr und mehr ins Wanken. Jedoch auch in vielerlei anderer Hinsicht ist die Bilanz zwiespältig. Die Ansätze von Mandeville, Smith, Ricardo führten zur Etablierung einer Ökonomischen Theorie die zur Grundlage einer ungeahnten wirtschaftlichen Dynamik wurden. Doch die Nebenwirkungen waren und sind schwerwiegend - soziale Verwerfungen, Revolutionen und Kriege; Umweltzerstörung, Ressourcenübernutzung, Werteverlust und alles bestimmender Konsumismus, immer wiederkehrende Wirtschafts- und Finanzkrisen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 10, 2014 8:14 PM MEST


Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus: Vollständige Ausgabe (Beck'sche Reihe)
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus: Vollständige Ausgabe (Beck'sche Reihe)
von Dirk Kaesler
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,95

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ethik als Wirtschaftsfaktor, 4. Februar 2013
Seine Untersuchung leitet Max Weber mit folgender Fragestellung ein: Montesquieu sagt (Esprit des lois Buch XX cap. 7) von den Engländern, sie hätten es "in drei wichtigen Dingen von allen Völkern der Welt am weitesten gebracht: in der Frömmigkeit, im Handel und in der Freiheit". Sollte ihre Überlegenheit auf dem Gebiet des Erwerbs - und, was in einen anderen Zusammenhang gehört, ihre Eignung für freiheitliche politische Institutionen - vielleicht mit jenem Frömmigkeitsrekord, den Montesquieu ihnen zuerkennt, zusammenhängen?"

Weber sieht die Ursache des wirtschaftlichen Aufschwungs vom 17. Jahrhundert an in Mitteleuropa und Amerika in der dort vorherrschenden protestantischen Ethik. Dem Calvinismus räumt er hierbei eine besonders herausragende Stellung ein, da er mit seiner Prädestinationslehre eine Heilsunsicherheit geschaffen hätte, die den Einzelnen nach Wegen der Selbstvergewisserung suchen ließ. Als eine Möglichkeit hätte sich hier der berufliche Erfolg als Ausdruck des göttlichen Segens angeboten.
Dem kann man sicherlich nur bedingt folgen. Calvin hätte eine solche Sichtweise entschieden verworfen und calvinistische Theologen wohl mehrheitlich ebenso. Wenngleich ein solches Denken sicher existiert hat, scheint es doch, dass Weber hier Randerscheinungen einen zu hohen Stellenwert eingeräumt hat. Die Reformationsbewegungen hatten ja nicht zuletzt deshalb einen so tiefen und weiten gesellschaftlichen Widerhall, weil sie mit einer psychologischen Befreiung einhergingen, nachdem die mittelalterliche Theologie den christlichen Glauben in weiten Teilen zur Forderung moralischen Verhaltens bei Androhung ewiger Höllenstrafen reduziert bzw. entstellt hatte.

Liest man verschiedene Texte Webers zum Thema wird allerdings deutlich, dass er die Akzente in immer wieder unterschiedlich setzte. Er lag sicherlich richtiger, wenn er eine in der Reformation neu erwachte Tugendhaftigkeit als ursächlich für eine Steigerung des Arbeits- bzw. Unternehmerethos, sowie auch eine Perfektionierung der Herstellungs- bzw. Geschäftsabläufe ansah. Dass der Hang zur Sparsamkeit und eines sorgsamen Umgangs mit finanziellen Mitteln insgesamt ebenfalls ein wichtiges Kriterium darstellten, indem so ein hohes Maß an Kapitalakkumulation möglich wurde, ist sicher ebenfalls richtig. Etwas überzeichnet hat Weber aber wohl auch hierin - das Marktvolumen einer asketischen Gesellschaft dürfte einer konjunkturellen Entwicklung wohl eher hinderlich sein. Interessant ist, dass das Kreditwesen trotz fortbestehender Zinsbeschränkungen florierte. Tugenden wie Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit waren dafür entscheidende Voraussetzungen.

Doch nicht in der Reformation an sich oder auch nur in nachfolgenden Aufbrüche, wie dem
Puritanismus, der Täuferbewegung, dem Pietismus oder Methodismus sieht Weber den Geist des modernen Kapitalismus" erstehen. Vielmehr fand hier sozusagen als Nebenprodukt einer ethisch-moralischen Erneuerung auch ein Wirtschaftsaufschwung, eine neue Dynamisierung des ökonomischen Geschehens statt. Unternehmerischen Ehrgeiz gab es in diesem Sinne nicht, kein unmittelbares Streben nach Erfolg, weltlicher Anerkennung oder Wohlstand war die eigentliche Triebfeder. Diese Motive wurden erst bestimmend als das geistliche Leben aus der Bewegung schwand, sie in weiten Teilen in bürgerlichem Moralismus erstarrte und sich in den Strömungen der Säkularisierung verlor. Das geistliche Vakuum wurde nun gefüllt mit rastlosem unternehmerischem Aktionismus. Äußerlich betrachtet blieben die entscheidenden Tugenden bestehen, jedoch die Antriebe veränderten sich in beschriebenem Sinne.

Nun entstand ein Denken, das Weber prototypisch bei Benjamin Franklin ausmacht, wenn dieser sich u. a. wie folgt äußert: Für 6 £ jährlich kannst du den Gebrauch von 100 £ haben, vorausgesetzt, daß du ein Mann von bekannter Klugheit und Ehrlichkeit bist. Wer täglich einen Groschen nutzlos ausgibt, gibt an 6 £ jährlich nutzlos aus, und das ist der Preis für den Gebrauch von 100 £. Wer täglich einen Teil seiner Zeit zum Werte eines Groschen verschwendet (und das mögen nur ein paar Minuten sein), verliert, einen Tag in den andern gerechnet, das Vorrecht 100 £ jährlich zu gebrauchen. Wer nutzlos Zeit im Wert von 5 Schillingen vergeudet, verliert 5 Schillinge und könnte ebensogut 5 Schillinge ins Meer werfen. Wer 5 Schillinge verliert, verliert nicht nur die Summe, sondern alles, was damit bei Verwendung im Gewerbe hätte verdient werden können, - was, wenn ein junger Mann ein höheres Alter erreicht, zu einer ganz bedeutenden Summe aufläuft."

Freilich gesteht Weber Franklin zu, dass es diesem durchaus noch um das Allgemeinwohl, die Prosperität und das Erblühen der jungen amerikanischen Nation ging. Erst mit der Zeit sollten sich so geartete Lebensphilosophien mehr und mehr ideell so entleeren, dass man zu Recht von Krämerseelentum" reden konnte. Dennoch konstatiert Weber: Eine Gesinnung wie sie in den zitierten Ausführungen Benjamin Franklins zum Ausdruck kam und den Beifall eines ganzen Volkes fand, wäre im Altertum wie im Mittelalter ebenso als Ausdruck des schmutzigsten Geizes und einer schlechthin würdelosen Gesinnung proskripiert worden"
Zum ersten Mal in der Geschichte begann eine Ethik sich zu etablieren, die nicht mehr auf ein lebendiges und harmonisches Miteinander oder gar so etwas wie menschliche Tugendhaftigkeit und Größe im antiken Sinne hinzielte, sondern vom utilitaristischen Geist kühler Zweckrationalität bestimmt war. Das der Newtonschen Physik entlehnte Bild vom wie ein Uhrwerk funktionierenden Universum, das einst von Gott erschaffen und aufgezogen nun dem Selbstlauf überlassen war und mit mechanischer Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Durchschaubarkeit tickte, wurde auch auf Individuum und Gesellschaft übertragen. Es galt die Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftsgeschehens zu erkennen und alles ihnen entsprechend zu ordnen. Dies war der Auftakt zur Ökonomisierung der gesamten zunächst westlichen und viel später auch außerwestlichen Welt.

Die Dynamik die so in Gang gesetzt wurde, führte zu einer Entwicklung ungeahnten Ausmaßes. Nicht zu übersehen waren und sind aber auch die Nebenwirkungen und Kollateralschäden. Weber interessierte v.a., was das Ganze mit dem Menschen an sich machen würde und fürchtete - und hegte diesbezüglich - ebenso wie bpsw. Goethe - große Befürchtungen. Die ein knappes Jahrhundert alten Analysen Webers wirken jedenfalls verblüffend aktuell und seine Warnungen sind es wert, neu gehört zu werden:

"Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, wir müssen es sein. Denn indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben übertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie an ihrem Teile mit daran, jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanischmaschineller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden - nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen -, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist. Nur wie "ein dünner Mantel, den man jederzeit abwerfen könnte", sollte nach Baxters Ansicht die Sorge um die äußeren Güter um die Schultern seiner Heiligen liegen. Aber aus dem Mantel ließ das Verhängnis ein stahlhartes Gehäuse werden. Indem die Askese die Welt umzubauen und in der Welt sich auszuwirken unternahm, gewannen die äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über den Menschen, wie niemals zuvor in der Geschichte.

Heute ist ihr Geist - ob endgültig, wer weiß es? - aus diesem Gehäuse entwichen. Der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf, seit er auf mechanischer Grundlage ruht, dieser Stütze nicht mehr. Auch die rosige Stimmung ihrer lachenden Erbin: der Aufklärung, scheint endgültig im Verbleichen und als ein Gespenst ehemals religiöser Glaubensinhalte geht der Gedanke der "Berufspflicht" in unserm Leben um. Wo die "Berufserfüllung" nicht direkt zu den höchsten geistigen Kulturwerten in Beziehung gesetzt werden kann - oder wo nicht umgekehrt sie auch subjektiv einfach als ökonomischer Zwang empfunden werden muss -, da verzichtet der einzelne heute meist auf ihre Ausdeutung überhaupt. Auf dem Gebiet seiner höchsten Entfesselung, in den Vereinigten Staaten, neigt das seines religiös - ethischen Sinnes entkleidete Erwerbsstreben heute dazu, sich mit rein agonalen Leidenschaften zu assoziieren, die ihm nicht selten geradezu den Charakter des Sports aufprägen. Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden, oder aber - wenn keins von beiden - mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaftem Sich - wichtig - nehmen verbrämt. Dann allerdings könnte für die "letzten Menschen" dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: "Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben."


Die protestantische Ethik
Die protestantische Ethik
von Max Weber
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 6,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ethik als Wirtschaftsfaktor, 4. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Die protestantische Ethik (Gebundene Ausgabe)
Seine Untersuchung leitet Max Weber mit folgender Fragestellung ein: Montesquieu sagt (Esprit des lois Buch XX cap. 7) von den Engländern, sie hätten es "in drei wichtigen Dingen von allen Völkern der Welt am weitesten gebracht: in der Frömmigkeit, im Handel und in der Freiheit". Sollte ihre Überlegenheit auf dem Gebiet des Erwerbs - und, was in einen anderen Zusammenhang gehört, ihre Eignung für freiheitliche politische Institutionen - vielleicht mit jenem Frömmigkeitsrekord, den Montesquieu ihnen zuerkennt, zusammenhängen?"

Weber sieht die Ursache des wirtschaftlichen Aufschwungs vom 17. Jahrhundert an in Mitteleuropa und Amerika in der dort vorherrschenden protestantischen Ethik. Dem Calvinismus räumt er hierbei eine besonders herausragende Stellung ein, da er mit seiner Prädestinationslehre eine Heilsunsicherheit geschaffen hätte, die den Einzelnen nach Wegen der Selbstvergewisserung suchen ließ. Als eine Möglichkeit hätte sich hier der berufliche Erfolg als Ausdruck des göttlichen Segens angeboten.
Dem kann man sicherlich nur bedingt folgen. Calvin hätte eine solche Sichtweise entschieden verworfen und calvinistische Theologen wohl mehrheitlich ebenso. Wenngleich ein solches Denken sicher existiert hat, scheint es doch, dass Weber hier Randerscheinungen einen zu hohen Stellenwert eingeräumt hat. Die Reformationsbewegungen hatten ja nicht zuletzt deshalb einen so tiefen und weiten gesellschaftlichen Widerhall, weil sie mit einer psychologischen Befreiung einhergingen, nachdem die mittelalterliche Theologie den christlichen Glauben in weiten Teilen zur Forderung moralischen Verhaltens bei Androhung ewiger Höllenstrafen reduziert bzw. entstellt hatte.

Liest man verschiedene Texte Webers zum Thema wird allerdings deutlich, dass er die Akzente in immer wieder unterschiedlich setzte. Er lag sicherlich richtiger, wenn er eine in der Reformation neu erwachte Tugendhaftigkeit als ursächlich für eine Steigerung des Arbeits- bzw. Unternehmerethos, sowie auch eine Perfektionierung der Herstellungs- bzw. Geschäftsabläufe ansah. Dass der Hang zur Sparsamkeit und eines sorgsamen Umgangs mit finanziellen Mitteln insgesamt ebenfalls ein wichtiges Kriterium darstellten, indem so ein hohes Maß an Kapitalakkumulation möglich wurde, ist sicher ebenfalls richtig. Etwas überzeichnet hat Weber aber wohl auch hierin - das Marktvolumen einer asketischen Gesellschaft dürfte einer konjunkturellen Entwicklung wohl eher hinderlich sein. Interessant ist, dass das Kreditwesen trotz fortbestehender Zinsbeschränkungen florierte. Tugenden wie Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit waren dafür entscheidende Voraussetzungen.

Doch nicht in der Reformation an sich oder auch nur in nachfolgenden Aufbrüche, wie dem
Puritanismus, der Täuferbewegung, dem Pietismus oder Methodismus sieht Weber den Geist des modernen Kapitalismus" erstehen. Vielmehr fand hier sozusagen als Nebenprodukt einer ethisch-moralischen Erneuerung auch ein Wirtschaftsaufschwung, eine neue Dynamisierung des ökonomischen Geschehens statt. Unternehmerischen Ehrgeiz gab es in diesem Sinne nicht, kein unmittelbares Streben nach Erfolg, weltlicher Anerkennung oder Wohlstand war die eigentliche Triebfeder. Diese Motive wurden erst bestimmend als das geistliche Leben aus der Bewegung schwand, sie in weiten Teilen in bürgerlichem Moralismus erstarrte und sich in den Strömungen der Säkularisierung verlor. Das geistliche Vakuum wurde nun gefüllt mit rastlosem unternehmerischem Aktionismus. Äußerlich betrachtet blieben die entscheidenden Tugenden bestehen, jedoch die Antriebe veränderten sich in beschriebenem Sinne.

Nun entstand ein Denken, das Weber prototypisch bei Benjamin Franklin ausmacht, wenn dieser sich u. a. wie folgt äußert: Für 6 £ jährlich kannst du den Gebrauch von 100 £ haben, vorausgesetzt, daß du ein Mann von bekannter Klugheit und Ehrlichkeit bist. Wer täglich einen Groschen nutzlos ausgibt, gibt an 6 £ jährlich nutzlos aus, und das ist der Preis für den Gebrauch von 100 £. Wer täglich einen Teil seiner Zeit zum Werte eines Groschen verschwendet (und das mögen nur ein paar Minuten sein), verliert, einen Tag in den andern gerechnet, das Vorrecht 100 £ jährlich zu gebrauchen. Wer nutzlos Zeit im Wert von 5 Schillingen vergeudet, verliert 5 Schillinge und könnte ebensogut 5 Schillinge ins Meer werfen. Wer 5 Schillinge verliert, verliert nicht nur die Summe, sondern alles, was damit bei Verwendung im Gewerbe hätte verdient werden können, - was, wenn ein junger Mann ein höheres Alter erreicht, zu einer ganz bedeutenden Summe aufläuft."

Freilich gesteht Weber Franklin zu, dass es diesem durchaus noch um das Allgemeinwohl, die Prosperität und das Erblühen der jungen amerikanischen Nation ging. Erst mit der Zeit sollten sich so geartete Lebensphilosophien mehr und mehr ideell so entleeren, dass man zu Recht von Krämerseelentum" reden konnte. Dennoch konstatiert Weber: Eine Gesinnung wie sie in den zitierten Ausführungen Benjamin Franklins zum Ausdruck kam und den Beifall eines ganzen Volkes fand, wäre im Altertum wie im Mittelalter ebenso als Ausdruck des schmutzigsten Geizes und einer schlechthin würdelosen Gesinnung proskripiert worden"
Zum ersten Mal in der Geschichte begann eine Ethik sich zu etablieren, die nicht mehr auf ein lebendiges und harmonisches Miteinander oder gar so etwas wie menschliche Tugendhaftigkeit und Größe im antiken Sinne hinzielte, sondern vom utilitaristischen Geist kühler Zweckrationalität bestimmt war. Das der Newtonschen Physik entlehnte Bild vom wie ein Uhrwerk funktionierenden Universum, das einst von Gott erschaffen und aufgezogen nun dem Selbstlauf überlassen war und mit mechanischer Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Durchschaubarkeit tickte, wurde auch auf Individuum und Gesellschaft übertragen. Es galt die Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftsgeschehens zu erkennen und alles ihnen entsprechend zu ordnen. Dies war der Auftakt zur Ökonomisierung der gesamten zunächst westlichen und viel später auch außerwestlichen Welt.

Die Dynamik die so in Gang gesetzt wurde, führte zu einer Entwicklung ungeahnten Ausmaßes. Nicht zu übersehen waren und sind aber auch die Nebenwirkungen und Kollateralschäden. Weber interessierte v.a., was das Ganze mit dem Menschen an sich machen würde und fürchtete - und hegte diesbezüglich - ebenso wie bpsw. Goethe - große Befürchtungen. Die ein knappes Jahrhundert alten Analysen Webers wirken jedenfalls verblüffend aktuell und seine Warnungen sind es wert, neu gehört zu werden:

"Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, wir müssen es sein. Denn indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben übertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie an ihrem Teile mit daran, jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanischmaschineller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden - nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen -, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist. Nur wie "ein dünner Mantel, den man jederzeit abwerfen könnte", sollte nach Baxters Ansicht die Sorge um die äußeren Güter um die Schultern seiner Heiligen liegen. Aber aus dem Mantel ließ das Verhängnis ein stahlhartes Gehäuse werden. Indem die Askese die Welt umzubauen und in der Welt sich auszuwirken unternahm, gewannen die äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über den Menschen, wie niemals zuvor in der Geschichte.

Heute ist ihr Geist - ob endgültig, wer weiß es? - aus diesem Gehäuse entwichen. Der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf, seit er auf mechanischer Grundlage ruht, dieser Stütze nicht mehr. Auch die rosige Stimmung ihrer lachenden Erbin: der Aufklärung, scheint endgültig im Verbleichen und als ein Gespenst ehemals religiöser Glaubensinhalte geht der Gedanke der "Berufspflicht" in unserm Leben um. Wo die "Berufserfüllung" nicht direkt zu den höchsten geistigen Kulturwerten in Beziehung gesetzt werden kann - oder wo nicht umgekehrt sie auch subjektiv einfach als ökonomischer Zwang empfunden werden muss -, da verzichtet der einzelne heute meist auf ihre Ausdeutung überhaupt. Auf dem Gebiet seiner höchsten Entfesselung, in den Vereinigten Staaten, neigt das seines religiös - ethischen Sinnes entkleidete Erwerbsstreben heute dazu, sich mit rein agonalen Leidenschaften zu assoziieren, die ihm nicht selten geradezu den Charakter des Sports aufprägen. Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden, oder aber - wenn keins von beiden - mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaftem Sich - wichtig - nehmen verbrämt. Dann allerdings könnte für die "letzten Menschen" dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: "Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben."


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