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FMA
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Die protestantische Ethik
Die protestantische Ethik
von Max Weber
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 6,95

4.0 von 5 Sternen Ethik als Wirtschaftsfaktor, 4. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Die protestantische Ethik (Gebundene Ausgabe)
Seine Untersuchung leitet Max Weber mit folgender Fragestellung ein: Montesquieu sagt (Esprit des lois Buch XX cap. 7) von den Engländern, sie hätten es "in drei wichtigen Dingen von allen Völkern der Welt am weitesten gebracht: in der Frömmigkeit, im Handel und in der Freiheit". Sollte ihre Überlegenheit auf dem Gebiet des Erwerbs - und, was in einen anderen Zusammenhang gehört, ihre Eignung für freiheitliche politische Institutionen - vielleicht mit jenem Frömmigkeitsrekord, den Montesquieu ihnen zuerkennt, zusammenhängen?"

Weber sieht die Ursache des wirtschaftlichen Aufschwungs vom 17. Jahrhundert an in Mitteleuropa und Amerika in der dort vorherrschenden protestantischen Ethik. Dem Calvinismus räumt er hierbei eine besonders herausragende Stellung ein, da er mit seiner Prädestinationslehre eine Heilsunsicherheit geschaffen hätte, die den Einzelnen nach Wegen der Selbstvergewisserung suchen ließ. Als eine Möglichkeit hätte sich hier der berufliche Erfolg als Ausdruck des göttlichen Segens angeboten.
Dem kann man sicherlich nur bedingt folgen. Calvin hätte eine solche Sichtweise entschieden verworfen und calvinistische Theologen wohl mehrheitlich ebenso. Wenngleich ein solches Denken sicher existiert hat, scheint es doch, dass Weber hier Randerscheinungen einen zu hohen Stellenwert eingeräumt hat. Die Reformationsbewegungen hatten ja nicht zuletzt deshalb einen so tiefen und weiten gesellschaftlichen Widerhall, weil sie mit einer psychologischen Befreiung einhergingen, nachdem die mittelalterliche Theologie den christlichen Glauben in weiten Teilen zur Forderung moralischen Verhaltens bei Androhung ewiger Höllenstrafen reduziert bzw. entstellt hatte.

Liest man verschiedene Texte Webers zum Thema wird allerdings deutlich, dass er die Akzente in immer wieder unterschiedlich setzte. Er lag sicherlich richtiger, wenn er eine in der Reformation neu erwachte Tugendhaftigkeit als ursächlich für eine Steigerung des Arbeits- bzw. Unternehmerethos, sowie auch eine Perfektionierung der Herstellungs- bzw. Geschäftsabläufe ansah. Dass der Hang zur Sparsamkeit und eines sorgsamen Umgangs mit finanziellen Mitteln insgesamt ebenfalls ein wichtiges Kriterium darstellten, indem so ein hohes Maß an Kapitalakkumulation möglich wurde, ist sicher ebenfalls richtig. Etwas überzeichnet hat Weber aber wohl auch hierin - das Marktvolumen einer asketischen Gesellschaft dürfte einer konjunkturellen Entwicklung wohl eher hinderlich sein. Interessant ist, dass das Kreditwesen trotz fortbestehender Zinsbeschränkungen florierte. Tugenden wie Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit waren dafür entscheidende Voraussetzungen.

Doch nicht in der Reformation an sich oder auch nur in nachfolgenden Aufbrüche, wie dem
Puritanismus, der Täuferbewegung, dem Pietismus oder Methodismus sieht Weber den Geist des modernen Kapitalismus" erstehen. Vielmehr fand hier sozusagen als Nebenprodukt einer ethisch-moralischen Erneuerung auch ein Wirtschaftsaufschwung, eine neue Dynamisierung des ökonomischen Geschehens statt. Unternehmerischen Ehrgeiz gab es in diesem Sinne nicht, kein unmittelbares Streben nach Erfolg, weltlicher Anerkennung oder Wohlstand war die eigentliche Triebfeder. Diese Motive wurden erst bestimmend als das geistliche Leben aus der Bewegung schwand, sie in weiten Teilen in bürgerlichem Moralismus erstarrte und sich in den Strömungen der Säkularisierung verlor. Das geistliche Vakuum wurde nun gefüllt mit rastlosem unternehmerischem Aktionismus. Äußerlich betrachtet blieben die entscheidenden Tugenden bestehen, jedoch die Antriebe veränderten sich in beschriebenem Sinne.

Nun entstand ein Denken, das Weber prototypisch bei Benjamin Franklin ausmacht, wenn dieser sich u. a. wie folgt äußert: Für 6 £ jährlich kannst du den Gebrauch von 100 £ haben, vorausgesetzt, daß du ein Mann von bekannter Klugheit und Ehrlichkeit bist. Wer täglich einen Groschen nutzlos ausgibt, gibt an 6 £ jährlich nutzlos aus, und das ist der Preis für den Gebrauch von 100 £. Wer täglich einen Teil seiner Zeit zum Werte eines Groschen verschwendet (und das mögen nur ein paar Minuten sein), verliert, einen Tag in den andern gerechnet, das Vorrecht 100 £ jährlich zu gebrauchen. Wer nutzlos Zeit im Wert von 5 Schillingen vergeudet, verliert 5 Schillinge und könnte ebensogut 5 Schillinge ins Meer werfen. Wer 5 Schillinge verliert, verliert nicht nur die Summe, sondern alles, was damit bei Verwendung im Gewerbe hätte verdient werden können, - was, wenn ein junger Mann ein höheres Alter erreicht, zu einer ganz bedeutenden Summe aufläuft."

Freilich gesteht Weber Franklin zu, dass es diesem durchaus noch um das Allgemeinwohl, die Prosperität und das Erblühen der jungen amerikanischen Nation ging. Erst mit der Zeit sollten sich so geartete Lebensphilosophien mehr und mehr ideell so entleeren, dass man zu Recht von Krämerseelentum" reden konnte. Dennoch konstatiert Weber: Eine Gesinnung wie sie in den zitierten Ausführungen Benjamin Franklins zum Ausdruck kam und den Beifall eines ganzen Volkes fand, wäre im Altertum wie im Mittelalter ebenso als Ausdruck des schmutzigsten Geizes und einer schlechthin würdelosen Gesinnung proskripiert worden"
Zum ersten Mal in der Geschichte begann eine Ethik sich zu etablieren, die nicht mehr auf ein lebendiges und harmonisches Miteinander oder gar so etwas wie menschliche Tugendhaftigkeit und Größe im antiken Sinne hinzielte, sondern vom utilitaristischen Geist kühler Zweckrationalität bestimmt war. Das der Newtonschen Physik entlehnte Bild vom wie ein Uhrwerk funktionierenden Universum, das einst von Gott erschaffen und aufgezogen nun dem Selbstlauf überlassen war und mit mechanischer Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Durchschaubarkeit tickte, wurde auch auf Individuum und Gesellschaft übertragen. Es galt die Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftsgeschehens zu erkennen und alles ihnen entsprechend zu ordnen. Dies war der Auftakt zur Ökonomisierung der gesamten zunächst westlichen und viel später auch außerwestlichen Welt.

Die Dynamik die so in Gang gesetzt wurde, führte zu einer Entwicklung ungeahnten Ausmaßes. Nicht zu übersehen waren und sind aber auch die Nebenwirkungen und Kollateralschäden. Weber interessierte v.a., was das Ganze mit dem Menschen an sich machen würde und fürchtete - und hegte diesbezüglich - ebenso wie bpsw. Goethe - große Befürchtungen. Die ein knappes Jahrhundert alten Analysen Webers wirken jedenfalls verblüffend aktuell und seine Warnungen sind es wert, neu gehört zu werden:

"Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, wir müssen es sein. Denn indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben übertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie an ihrem Teile mit daran, jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanischmaschineller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden - nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen -, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist. Nur wie "ein dünner Mantel, den man jederzeit abwerfen könnte", sollte nach Baxters Ansicht die Sorge um die äußeren Güter um die Schultern seiner Heiligen liegen. Aber aus dem Mantel ließ das Verhängnis ein stahlhartes Gehäuse werden. Indem die Askese die Welt umzubauen und in der Welt sich auszuwirken unternahm, gewannen die äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über den Menschen, wie niemals zuvor in der Geschichte.

Heute ist ihr Geist - ob endgültig, wer weiß es? - aus diesem Gehäuse entwichen. Der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf, seit er auf mechanischer Grundlage ruht, dieser Stütze nicht mehr. Auch die rosige Stimmung ihrer lachenden Erbin: der Aufklärung, scheint endgültig im Verbleichen und als ein Gespenst ehemals religiöser Glaubensinhalte geht der Gedanke der "Berufspflicht" in unserm Leben um. Wo die "Berufserfüllung" nicht direkt zu den höchsten geistigen Kulturwerten in Beziehung gesetzt werden kann - oder wo nicht umgekehrt sie auch subjektiv einfach als ökonomischer Zwang empfunden werden muss -, da verzichtet der einzelne heute meist auf ihre Ausdeutung überhaupt. Auf dem Gebiet seiner höchsten Entfesselung, in den Vereinigten Staaten, neigt das seines religiös - ethischen Sinnes entkleidete Erwerbsstreben heute dazu, sich mit rein agonalen Leidenschaften zu assoziieren, die ihm nicht selten geradezu den Charakter des Sports aufprägen. Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden, oder aber - wenn keins von beiden - mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaftem Sich - wichtig - nehmen verbrämt. Dann allerdings könnte für die "letzten Menschen" dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: "Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben."


Therapeut und Klient
Therapeut und Klient
von Carl R. Rogers
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,95

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Selbstorganisation im psychosozialen Optimum, 4. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Therapeut und Klient (Taschenbuch)
Carl R. Rogers leistete einen maßgeblichen Beitrag zum modernen Selbstverständnis. Er ist der Begründer der Gesprächspsychotherapie, deren kommunikatives Konzept in light-Version inzwischen wohl nahezu in jeder Berufsschule, die auf Tätigkeiten vorbereitet, bei denen es auch in zentraler Weise um den Umgang mit Menschen geht, gelehrt wird. Sein Praxisfeld war zunächst eine Erziehungsberatungsstelle. Er machte hier, wie er es schilderte, die Erfahrung, dass die individuell passendste und optimalste Lösung für die Problematik des Hilfesuchenden nur von diesem selbst gefunden werden konnte. Nicht das Expertenwissen" des Therapeuten war gefragt; der Klient erwies sich vielmehr kontinuierlich als Experte in eigener Sache. Es bedurfte einzig einer annehmenden zwischenmenschlichen Beziehung, in der dieser zu sich selbst fand, zum Vertrauen in die eigene Fähigkeit seine Konflikte zu erfassen und kompetent zu lösen.

Rogers nannte dieses Vorgehen zunächst non-direktive Beratung". Später arbeitete er vermehrt auch mit Menschen mit einer neurotischen Problematik explizit therapeutisch. Die grundlegenden Prinzipien wurden so beibehalten, wie sie sich so aus der praktischen Erfahrung ergeben hatten. Als das Zentrum des therapeutischen Geschehens erwies sich die Therapeut-Klient-Beziehung, die auf Seiten des Therapeuten von einer Haltung der Wärme, Annahme, Wertschätzung, Empathie und Echtheit gekennzeichnet sein musste.

Rogers beschreibt das wie folgt: "Die als empathisch-einfühlend bezeichnete Möglichkeit, mit einem anderen Menschen zusammen zu sein, hat verschiedene Aspekte. Es bedeutet, die persönliche Wahrnehmungswelt eines anderen zu betreten und völlig in ihr zu Hause zu sein. Es umfasst jeden Augenblick Empfindsamkeit für die wechselnden Gefühlsbedeutungen, die in diesem anderen Menschen strömen, für Angst oder Wut, Zärtlichkeit oder Verwirrung oder was auch immer er oder sie gerade an Erlebnis erfährt. Es bedeutet, zeitweise in seinem/ihrem Leben zu leben, sich darin vorsichtig und ohne Urteile zu fällen zu bewegen und die Gefühlsbedeutungen, deren er/sie sich kaum bewusst ist, zu erfühlen - dabei nicht zu versuchen, Gefühle aufzudecken, deren sich der andere völlig unbewusst ist, denn das wäre bedrohlich."

Es musste darum gehen, dem Hilfesuchenden kontinuierlich das Vertrauen in dessen eigene Kompetenz zu vermitteln. Im Gespräch hört der Therapeut aktiv, interessiert, einfühlend und Anteil nehmend zu. Rogers sieht sicherlich richtig, wenn er feststellt: "Es ist im Leben sehr selten, dass uns jemand zuhört und wirklich versteht, ohne gleich zu urteilen. Dies ist eine sehr eindringliche Erfahrung." Der Therapeut spiegelt dem Klienten den emotionalen Gehalt dessen, was er mitteilt. So erschließt sich diesem in wachsendem Maße der Kern seines Konfliktes, was er zuvor verdrängte, wird ihm nun zugänglich, und es ergeben sich Möglichkeiten eines konstruktiven Umgangs mit der bedrängenden Problematik.

Rogers sieht beim Patienten eine Inkongruenz zwischen Selbstbild und seinem Ist-Zustand. Er ist gefangen in seinen Vorstellungen, wie er zu sein hätte. Die Therapie hat somit auch das Ziel, das Selbstkonzept des Patienten zu erweitern, so dass dieser sich in seinem So-Sein und seiner individuellen Entwicklung annehmen kann, statt sich selbst zu blockieren.
Rogers beschreibt die Kurskorrektur hin zu einer Entwicklungsrichtung, die Persönlichkeitswachstum und -reifung in optimaler Weise ermöglicht wie folgt: "Weg von den Fassaden, Weg vom ,Eigentlich-sollte-ich', Weg vom Erfüllen kultureller Erwartungen, Weg davon, anderen zu gefallen, hin zu einer Entwicklung zur Selbstbestimmung, zum Prozess-Sein, zur Komplexität, zur Erfahrungsoffenheit, zum Akzeptieren der anderen und zum Selbstvertrauen."

Was sich in der therapeutischen Zweierbeziehung bewährt hatte, übertrug man bald auch auf die Gruppentherapie. Die so genannten Encounter-Gruppen erlebten so in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts einen regelrechten Boom. Sie galten bald als ideale Plattform der Selbsterfahrung und Selbstfindung. Hier begegnete man sich mit völliger Offenheit, konnte Schwächen und Schattenseiten zeigen und Annahme und Verständnis oder auch aufrichtige und doch wohlmeinende Konfrontation erleben bzw. leben. Freilich bemerkte man bald, dass das in der Gruppe erlebte nur bedingt in die reale, raue Wirklichkeit zu übertragen war. Diese Erkenntnis führte schließlich zu Ernüchterung und einem Abflauen der Psychoeuphorie.

Das Problematische ist bei Rogers die letztlich einseitig organismisch-biologistische Deutung des Menschen. Die innere Achse des Lebens ist die Wahrnehmung und Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Gemeint ist dies freilich nicht im Sinne platter Egozentrik, die auch im humanistischen Konzept als pathologisch angesehen wird. Doch auch die Gestaltung des Sozialen erfolgt aus der eigenen sozialen Bedürftigkeit bzw. psychophysischen Motiviertheit heraus. Die geistige Dimension des Menschseins entleert sich dabei. Wirkliche Menschlichkeit - so in etwa würde es wohl der Vater der Logotherapie, Viktor Frankl sagen - entwickelt sich nicht ohne das Vermögen aus einer konsequenten Wertorientierung heraus auch von den eigenen Bedürftigkeiten wegsehen zu können.


1913: Der Sommer des Jahrhunderts
1913: Der Sommer des Jahrhunderts
von Florian Illies
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4.0 von 5 Sternen Intellectual Gossip, 29. Januar 2013
Louis Armstrong schießt zum Jahreswechsel 1912/13 wild mit einer Pistole umher und wird von der Polizei mit aufs Revier genommen. Auch dort ist der aufgedrehte Knabe kaum in Schach zu halten. Heute hätte man ihm Ritalin verpasst, damals gab es zur Ablenkung eine Trompete - wie sich herausstellen sollte, für ihn das perfekte Instrument um die überschießende Energie und Kreativität zu kanalisieren.

Alma Mahler, Tochter des großen Komponisten, verzaubert Kokoschka, der sie ungestüm malt und liebt, wird am Ende aber doch die Frau dessen, den die Bildnisse des Expressionisten fast in den Eifersuchtswahn treiben: Franz Werfel. Bevor er und die als Femme Fatale geltende Alma sich finden, vergehen jedoch noch einige Ehejahre mit Bauhausarchitekt Walter Gropius.

Thomas Mann konkurriert mit dem Journalisten und Theaterkritiker Alfred Kerr - Förderer von Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann, enger Freund von Walther Rathenau - um Katja. Der hat das Nachsehen und verreißt dafür ein Anfang 1913 aufgeführtes Stück Manns, indem er dieses u.a. als unmännlich" verspottet. Das traf den sensiblen Schriftsteller so tief, dass es ihn das ganze Jahr über beschäftigte.

Lou Andreas Salomon hatte bereits eine leidenschaftliche - wenn auch platonische - Beziehung zu Nietzsche und dessen Freund Paul Ree, sowie eine Affäre mit dem ihr emotional völlig verfallenen Rilke hinter sich, als sie 1913 zum engen Kreis um Freud gefunden hatte. Die in - nie vollzogener - Ehe mit dem Orientalisten F.C. Andreas lebende Lou spendete dem Übervater der Tiefenpsychologie Trost in dessen Ärger über den abtrünnigen Kronprinzen C.G. Jung, besucht seine Vorlesungen und nimmt an seinen "Mittwochssitzungen" und "Samstags-Kollegs" teil. Freud seinerseits ist fasziniert von Charme, Geist und Seelenkenntnis der Schriftstellerin und Essayistin, nennt sie die "Dichterin der Psychoanalyse" und rät ihr, selbst eine therapeutische Praxis zu eröffnen, was sie dann auch tut.

In dieser Weise reiht sich in Illies unterhaltsamem Buch Anekdote an Anekdote, Monat an Monat. Ein Feuerwerk an wohlbekannten Namen und blitzlichtartigen Einblicken in deren persönliches Leben, wechselseitige Bezüge und Beziehungsgeflechte, die den meisten Lesern in dieser Form doch noch nicht bekannt sein dürften. Sicher - eher eine Fleißarbeit, kein intellektuelles Meisterwerk. Wer Tiefgang und Substanz sucht, statt Skandälchen und Tändeleien, wird sich bspw. von Philipp Bloms "Der taumelnde Kontinent" oder Wolfgang Martynkewiczs "Salon Deutschland" - nur zwei von mehreren jüngeren Veröffentlichungen zu dieser hochinteressanten Epoche - mehr angesprochen fühlen. Trotzdem trägt das Buch auf seine Weise dazu bei, das Bild zu vervollständigen, das man vom Geist dieser Zeit der gesellschaftlichen, geistigen, sittlichen und weltanschaulichen Umbrüche hat.

Bezüglich der historischen Einordnung stößt der Autor allerdings an Grenzen. Vom "Sommer des Jahrhunderts" zu reden, ist eine kaum nachvollziehbare Verklärung. Viele der Protagonisten in Illies Buch erscheinen ein Jahrhundert später als schillernde, faszinierende Charaktere. Aus eigener Perspektive waren sie jedoch nicht selten gescheiterte, zerrissene Existenzen; Kinder einer Zeit, die mit allen Konventionen und Gewissheiten brach, ohne sich auch nur annähernd neu gefunden zu haben. Mit dem tabulosen Denken ging auch die Gefahr des tabulosen Handelns einher. Man diskutierte Gesellschaftstheorien und -entwürfe, bei denen es nicht auf Opferzahlen ankam, wenn es um die Verwirklichung hoher Ideale ging. Sozialdarwinismus, revolutionärer Marxismus, Antisemitismus, Anarchismus, Obskurantismus - das alles stand in voller Blüte.

Bezeichnend auch die Reaktionen innerhalb der künstlerischen und intellektuellen Avantgarde bei Ausbruch des Krieges im folgenden Jahr. "Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung", so Thomas Mann. Voller Pathos sprach er von einem Radikalismus der Entschlossenheit, wie die Geschichte der Völker sie vielleicht bisher nicht kannte". Der "innere Haß" sei augenblicklich verschwunden gewesen. Franz Marc, der 1913 noch im Liebesrausch selbst gefertigte Kunstpostkarten mit Pferdemotiven an Else Lasker-Schüler sendet, meldete sich ein Jahr später gemeinsam mit August Macke begeistert als Freiwilliger. "Das Volk hat Instinkt.", schrieb er, Es weiß, dass der Krieg es reinigen wird. Um Reinigung wird der Krieg geführt und das kranke Blut vergossen." Auch Freud, der später in einem Briefwechsel mit Einstein zum Thema "Warum Krieg?" pessimistisch festhielt, dass die Menschheit - angesichts von Thanatos und Destrudo - wohl nur die Wahl zwischen gelegentlichen Massentötungen und epidemischer Depression habe, verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass "der Sturm des Krieges die ärgsten Miasmen" aus dem Vaterland wegwehte und das Leben wieder rein werde."

Das Bild, dass eine wahnwitzige Kriegspolitik eine Zeit kultureller Blüte praktisch von außen her beendete, passt so jedenfalls nicht. Immerhin bescheinigt Illies Oswald Spengler, der 1913 an seinem Werk "Untergang des Abendlandes" arbeitete, eine fast schon seherische Begabung. Für Spengler war Weltgeschichte eine immer wiederkehrende Abfolge von Aufstieg und Niedergang der Kulturen und Zivilisationen. Auch er benutzte die Jahreszeiten zur Charakterisierung verschiedener Epochen. Die Zuordnung seiner Zeit erscheint denn auch sehr viel treffender: Spätherbst.


Der Begriff der Angst: Philosophische Schriften 2
Der Begriff der Angst: Philosophische Schriften 2
von Sören Kierkegaard
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schwindel der Freiheit, 29. Januar 2013
Angst ist für Kierkegaard aus der menschlichen Existenz nicht wegzudenken. Angst als Schwindel der Freiheit" ist die Reaktion auf die Möglichkeit zu fallen. Adam - für Kierkegaard Prototyp des Menschen - weiß nichts von gut und böse, bis er das Böse tut. Er kennt Angst nur als Angst vor dem Nichts - bis er aus der Sphäre paradiesischer Unschuld heraustritt. Das Schuld- bzw. Sündenbewusstsein erwacht und damit die Angst vor dem erneuten Fall. Aber auch die Angst vor dem Guten oder besser die Angst - angesichts des Bewusstseins der Sünde - dem Guten nicht würdig zu sein. Damit hat Kierkegaard den Grundkonflikt menschlicher Existenz - der sich , so seine Interpretation der Erbsünde - in jeder individuellen Biografie neu manifestiert - umrissen. Aus ihm ergeben sich alle weiteren Dilemmata. Er skizziert auf dieser Basis ein breites Spektrum seelischer Zustände und (Ver-)Prägungen.

Kierkegaard nimmt Bezug auf das Märchen vom furchtlosen Jüngling. Hier wird deutlich, dass Angst wohl verdrängt werden kann, jedoch nur um den Preis der Selbstentfremdung und eingeschränkter Beziehungsfähigkeit. Bezüge zur Spaß-, Event- und Konsumkultur werden deutlich, die sich bereits in der zeitgenössischen Kopenhagener Gesellschaft andeuten. Auch die Kirche seiner Zeit hat für Kierkegaard längst jede erweckliche Kraft verloren und wirkt eher als Sedativ. Dabei sei der Sinn der christlichen Botschaft, dass der Mensch ganz er selbst werde. Angst - gerade auch die mit permanenter Reizzufuhr verdrängte - hält ihn gefangen und hindert ihn, sein Potenzial zu entfalten.

Befreiung aus dem Gefängnis der Angst, Schuld und Sünde kann es für Kierkegaard nur durch den Glauben geben. Angst ist für ihn ursächlicher für die einzelne Sünde als die Verlockung, die von ihr ausgeht. Denn der Mensch erahnt das Destruktive hinter dem schönen Schein. Doch die seine Existenz durchdringende Angst raubt ihm die Widerstandskraft. Glaube und Vertrauen aber müssen - so sie mehr sein Wollen als Vogelstraußpolitik - auf die Möglichkeit einer transzendenten Einbindung setzen, die Halt vermittelt und tragfähig ist. Nur indem der Mensch sich der Realität seines Daseins stellt, vermag er ein authentisches Selbst zu werden. Nur die Anbindung an die Transzendenz vermag auch, ihn von der Angst vor dem Guten zu befreien, die eine Versöhnung mit dem eigenen Scheitern voraussetzt.

Somit gelingt Kierkegaard in faszinierender Weise, den Kerngehalt der christlichen Botschaft - fast ohne religiöse Semantik - zu vermitteln. In seiner Deutung ist alles enthalten: der Heilsplan Gottes erscheint wenn man so will - in dialektischer Weise - als Weg, auf dem dem Menschen die Möglichkeit gegeben ist, zur vollkommenen Freiheit zu finden. Ganz ähnlich wie bei Kierkegaards Zeitgenossen Hegel - und doch ganz anders. Freiheit bedeutet immer auch, die Freiheit, dem Guten zuwider zu handeln. (Prototyp Adam im Paradies). Dies setzt voraus, unterscheiden zu können (Sündenfall, Erbsünde). Freiheit ohne Allmacht, die nur dem Absoluten (Kierkegaards Synonym für Gott) eignet, ist aber ohne Angst nicht denkbar. Die Verwirklichung der Freiheit - Selbstwerdung (in biblischer Begrifflichkeit Heiligung) - setzt die Überwindung von Schuld und Angst voraus (Vergebung, Glaube, Vertrauen). Verdrängt der Mensch Schuld, folgt daraus, dass er sich unbewusst selbst bestraft, sich das Gute nicht gönnt (psychologischer Terminus: die Neurose). Verdrängt er die Angst, bleibt er hinter seinen Möglichkeiten weit zurück und muss sich in Aktivismus und Konsumismus flüchten. Es kommt zur Deformation menschlicher Existenz. Die Alternative zum Verdrängen ist die vertrauensvolle Hingabe. Im eigenen Scheitern wird der Mensch seiner Verwiesenheit auf das Absolute gewahr (in biblischer Begrifflichkeit : Buße). Aus diesen Grundgebenheiten erwächst die Freude über die Frohe Botschaft, für Kierkegaard die einzige Neuigkeit des Erdentages", der Einbruch der Ewigkeit in die Zeitlichkeit".

Kierkegaard zu lesen war damals wie heute anstrengend. Nicht nur weil er nicht einfach zu verstehen ist. Versteht man ihn, geht es überhaupt erst richtig los, denn er fordert heraus, zerreißt so manche Selbsttäuschung, ruft neu ins Gedächtnis, wie weit man hinter den Möglichkeiten des eigenen Lebens zurückbleibt, sich einschüchtern lässt, durch die eigenen Ängste das, was man" tut oder nicht tut usw. Von der Kirche seiner Zeit, der er vorwarf, die christliche Botschaft eher zu vernebeln als zu vermitteln, erfuhr er massiven Gegenwind. Doch die erweckliche, unglaublich herausfordernde und ermutigende Kraft seiner Schriften blieb gerade in den eher intellektuellen Kreisen des Christentums nicht ohne Wirkung.

Im eher säkularen Bereich wurde Kierkegaard - man darf sicher sagen wider Willen - zum Urvater der existenzialistischen Philosophie. Heidegger, Sartre, Camus, Jaspers - sie alle bezogen sich ganz maßgeblich auf ihn. Gemeinsam mit Dostojewski, Schopenhauer, Nietzsche, Lichtenberg, Ibsen gilt er außerdem als einer der Vorläufer der modernen Tiefenpsychologie.


Sklaverei: Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel
Sklaverei: Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel
von Lydia Cacho
  Gebundene Ausgabe

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ware Mensch, 29. Januar 2013
Die Autorin des Buches ist eine Frau, vor der man nur den Hut ziehen kann. Mit ihrem Buch Demonios del Edén" deckte sie 2005 einen Kinderpornoring in Cancún, Mexiko auf, wobei Verquickungen bis in hohe Kreise von Wirtschaft und Politik sichtbar wurden. Seit dem konnte sich Cacho ihres Lebens nicht mehr sicher sein. Doch unverdrossen und couragiert ging und geht sie ihren Weg des investigativen Journalismus weiter.

Wertvoll ist ihr Buch Sklaverei" schon allein deshalb, weil es auf eine viel zu wenig beachtete Problematik aufmerksam macht. Deshalb möchte man eigentlich keine Kritik üben, doch beim Lesen erheben sich an den verschiedensten Stellen kaum zu unterdrückende Einwände.

An vielen Stellen wirkt das Buch unverhältnismäßig reißerisch. Ständig ist die Autorin bedroht, verfolgt, gezwungen auf Risiko zu spielen. Der Grenzübergang zu Burma - täglich für zahlreiche Backpacker ein Kinderspiel - wird zum nervenzerreißenden Vabanquespiel. Der Besuch in der thailändischen Barszene - für Abertausende Männer und Frauen aus aller Welt - leider - millionenfach mit Handyfilmchen und Fotos dokumentiertes Urlaubsvergnügen - in Cachos Darstellung der reinste Recherchethriller.

Bei Cacho werden Mädchen und Frauen in der Prostitutiertenszene regelmäßig zum Sex gezwungen, (massen-)vergewaltigt, geschlagen und mit dem Tode bedroht. All das gibt es zweifellos und die Aufdeckung verdient alle Achtung und Anerkennung; die Bekämpfung alle Förderung. In der Breite läuft das Ganze jedoch zumeist viel unspektakulärer ab. Der Druck ergibt sich sehr häufig aus dem Ineinander von zunehmend fragilen sozialen Strukturen, der Armut, dem Mangel an Arbeit, den Verlockungen der modernen Konsumwelt. Auch die Traumata und Schäden, die es hinterlässt sind oft viel subtiler. Dies herauszuarbeiten, wäre sehr wichtig gewesen.

Touristen, die ihre Abende und Nächte in der dominikanischen, thailändischen oder kenianischen Barszene verbringen, wissen, dass Schlagzeilen, wie die von Cacho an der Realität vorbei gehen. Zugang zur Psyche der Mädchen finden die Kunden kaum. Wäre ihnen bewusst, welch ein Bruch in der Selbstachtung, welcher nur schwer zu überwindende Schaden für das Identitätsgefühl mit der Prostitution verbunden ist, würde manch ein Freier sicher ins Nachdenken darüber kommen, was er dort tut.

Es ist eben nicht so, wie Cacho schreibt, dass es etwa für eine ganze Generation philippinischer Mädchen normal wäre, sexuell ausgenutzt zu werden, weil kulturelle Muster, das Geschlechterverhältnis usw. entsprechend prägen würden. Fakt ist, dass diese Gesellschaften oft weit konservativer sind als der Westen, auch wenn der kontinuierliche Wandel unübersehbar ist.

Wenig praxisnah auch die Strategien, die Cacho zur Bekämpfung der Problematik vorschlägt. Die Kunden im Gegensatz zu den Mädchen zu kriminalisieren, da erst sie ja den Markt schaffen würden, kommt der moralischen Empörung, die verständlicherweise erwacht, entgegen. Ohne Frage muss im Bereich der Kinderprostitution so vorgegangen werden.

Doch zeigt die Erfahrung, dass im Bereich der Erwachsenenprostitution das Problem so nicht in den Griff zu bekommen ist. Ohnehin läuft Prostitution in Burma oder Brasilien nicht so geschäftsmäßig ab, wie etwa in Europa. Die Anbahnung läuft über den Drink in der Bar, den Plausch am Strand, den Tanz in der Disco etc.

Die Problematik ist ein Symptom der Armut und Rückständigkeit wie auch der Auflösung herkömmlicher Wert- und Sozialstrukturen. Das Phänomen ist auch in unserer Geschichte wohlbekannt. Um 1900 gingen in Berlin nach polizeilichen Schätzungen 20.000 Frauen anschaffen", ein signifikant hoher Anteil der vom Alter her infrage kommenden weiblichen Bevölkerung. Auch damals bedurfte es dazu nicht der Dominanz mafioser Strukturen.

Im Umkehrschluss heißt das: Der Boden entzogen wird der Prostitution und damit auch dem Frauen- und Mädchenhandel in erster Linie dadurch, dass Menschen Werte vermittelt werden, mit denen sie sich identifizieren können, dass belastende Armut abgebaut und ein gesundes Maß an gesellschaftlicher Solidarität verwirklicht wird.

Nach dem Fall der Mauer kam es zu einem epidemischen Ausbruch der Prostitution in vielen ehemals sozialistischen Ländern, die sich besonders an den Grenzen zum reichen Westen und großen Städten mit vielen westlichen Besuchern manifestierte. Desorientierung, Entsolidarisierung und materielle Not bildeten auch hier den Hintergrund. Natürlich mischte das organisierte Verbrechen mit und natürlich ist eine effektive Kriminalitätsbekämpfung und die öffentliche Aufmerksamkeit hier von großer Bedeutung. Doch dass die gesamte Problematik relativ schnell abebbte (wenngleich - Cacho weist zurecht darauf hin - natürlich nicht verschwand) hatte v.a. mit der Neustrukturierung, Neuausrichtung und dem wirtschaftlichen Aufschwung in den betreffenden Ländern zu tun.

Die Fokussierung der Prostitution führt außerdem dazu, das andere Phänomene, die teilweise im Grunde weit eher die Kriterien moderner Sklaverei erfüllen, unterbelichtet bleiben. Cacho redet zu Recht von einer explosionsartige Ausbreitung der Sklaverei." Laut UN" - so die Autorin - leben zurzeit 27 Millionen Menschen in sklavenähnlichen Verhältnissen. Das sind mehr als zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert, als zwölf Millionen Afrikaner verschleppt wurden."

Fast 80 Prozent der neuen Sklaven, so Cacho, seien Prostituierte, während der kleinere Teil als Hausangestellte, auf Zuckerrohrplantagen oder auf dem Bau arbeite. Da melden sich - über das oben erwähnte hinaus - Zweifel an der Darstellung der Relationen und Gewichtung der Probleme. Nur einige Beispiele seien genannt:

- In Afrika werden seit jeher Zwangsarbeiter aus anderen ethnischen oder religiösen Gruppen rekrutiert. In Mauretanien, wo die Sklaverei erst 1981 per Gesetz abgeschafft wurde, befinden sich nach wie vor um die 90.000 Menschen in einem von der traditionellen Sklaverei kaum zu unterscheidenden Abhängigkeitsverhältnis. Im Sudan besteht nach wie vor die Problematik der Versklavung von Schwarzafrikanern durch hellhäutigere, muslimische Nordsudanesen.

- In Ländern wie dem Kongo werden Kinder als Soldaten versklavt, sowie Kinder und Erwachsene - nicht selten ganz offen vor den Gewehrmündungen ihrer Bewacher - zur Arbeit in Minen gezwungen. Was gefördert wird kommt dem westlichen Konsumismus zugute: Gold, Diamanten, Coltan...

- In Ghana verkaufen Eltern ihre Jungs für 50 USD an sog. Fishing Masters. Von diesen werden sie dann skrupellos ausgebeutet.

- Katastrophal auch, was sich in Haiti abspielt: Über 100.000 Kinder schuften unter z.T. sklavenähnlichen Bedingungen in Haushalten, Anwesen, auf Plantagen usw. - auch in der benachbarten DomRep.

- Die arabischen Staaten des mittleren Ostens mit z.T. Durchschnittslöhnen, die über denen westlicher Industrienationen liegen, bedienen sich fast für alle Formen schwerer Arbeit der Immigranten aus den armen Ländern Süd- und Südostasiens. Hier arbeiten diese v.a. im Bau- und Dienstleistungsgewerbe zu Niedrigstlöhnen, wobei in der ersten Zeit vom Lohn kaum etwas übrig bleibt, weil die Forderungen der Vermittlungsagenturen bedient werden müssen. Israel, das die Autorin diesbezüglich mit der für die politische Linke typischen überkritischen Haltung aufs Korn nimmt, geht da mit seinen Arbeitsmigranten in Wirklichkeit noch vergleichsweise fair um.

- Jemenitische Kinder werden nach Saudi-Arabien verkauft, wo sie dann organisiert für ihre Gangleader betteln müssen.

- In Indien werden Hunderttausende von Kindern gezwungen, unter unmenschlichen Bedingungen Teppiche zu knüpfen, Zigaretten zu rollen, in Textilfabriken oder auf Teeplantagen zu arbeiten. Etwa eine Million Kinder wurden von Familien aufgrund von Verschuldung weggegeben.

- Schuldknechtschaft ist auch für Millionen erwachsene Inder der Grund für den Einstieg in die Prostitution - öfter aber noch in die Quasi-Zwangsarbeit in Gewerbebetrieben, Landwirtschaft, Hausarbeit. Mitunter müssen Familien gemeinsam einen Kredit über Generationen hinweg abarbeiten.

- AI berichtet über ein Heer von ca. 200 Millionen, unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeitenden Wanderarbeitern in China. Arbeitstage von 12-14 Stunden sind die Regel - bei nur einem freien Tag im Monat, notdürftige Unterkünften, Versorgung, ohne Versicherungsschutz oder irgendwie geartete soziale Absicherung.

Es wäre wichtig gewesen, dass Cacho sehr viel deutlicher macht, dass ihr Buch nur einen Ausschnitt der Problematik moderner Sklaverei behandelt und innerhalb dieses von ihr fokussierten Ausschnitts die Dinge differenzierter darstellt.


Geld macht doch glücklich: Wo die ökonomische Glücksforschung irrt
Geld macht doch glücklich: Wo die ökonomische Glücksforschung irrt
von Joachim Weimann
  Broschiert
Preis: EUR 29,95

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3.0 von 5 Sternen Reich wird man durch Dinge, die man nicht begehrt (Gandhi), 29. Januar 2013
Es ist kein schönes Menschenbild, auf dem die Wirtschaftswissenschaften aufbauen. Der Homo Oeconomicus handelt rational, aber stets im Dienste des eigenen Vorteils, er ist egoistisch, materiell orientiert, auf Gewinn bedacht. In short, so Weimann, jemand, den wir uns nicht zum Nachbarn wünschen würden. Doch auch wenn die Charakteristik idealtypisch ist und so eine Mathematisierung der VWL ermöglicht, im Großen und Ganzen entspräche sie tatsächlich dem Menschen, wie er nun einmal ist. Das Gute sei jedoch, dass die unsichtbare Hand des Marktes das eigennützige Streben der Einzelnen in wachsenden Wohlstand für alle verwandelt.

Aber wo verläuft die Grenze zwischen destruktiver Gier und nutzbringendem Gewinnstreben?
Kooperation, so die Autoren, sei zweifellos auch wichtig. Das Gefangenendilemma aus der Spieltheorie zeigt, wie Eigennutzorientierung allen Beteiligten zum Nachteil gereichen kann. Weimann bringt ein weiteres Bsp.: In einem Versuchsaufbau verdoppelt eine Einzelinvestition den finanziellen Einsatz, während die kooperative Anlage der fünf Probanden den Gewinn verfünffacht - so denn alle mitmachen. Allein der Fakt, dass sich keiner der anderen sicher ist, bewirkt schließlich, dass die gemeinsame Investition misslingt. Es kommt also alles in allem auf eine gesunde Mischung von Eigennutzorientierung und Kooperationsfähigkeit an, wenn Wohlstand maximiert werden soll.

Doch macht Wohlstand überhaupt glücklich? Das Buch erwähnt den World Value Survey, einer der besten langfristig (über zwei Jahrzehnte) erhobenen Datensätze der Welt, sowie das Easterlin-Paradox. Beide Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass es nur einen bedingten Zusammenhang von Wohlstand und Zufriedenheit gibt. Zwar leiden Menschen ohne Zweifel darunter, wenn Grundbedürfnisse nicht oder nicht ausreichend befriedigt werden können. Doch trägt ab einem bestimmten Punkt steigender Wohlstand kaum noch zum Anwachsen der Lebenszufriedenheit bei. Entscheidend sei dann zunehmend die Relation zum Wohlstand anderer. Es fällt leichter sich mit wenigem zufrieden zu geben, wenn die Menschen im Umfeld auch nicht über mehr verfügen und umgekehrt.

Würden die Ergebnisse die Realität widerspiegeln, so die Autoren, wäre Wachstumspolitik nicht nur ökologisch fragwürdig, sondern ganz grundsätzlich etwas äußerst sinnloses. Doch tun sie das? Neuere Untersuchungen würden hier zunehmend Fragen aufwerfen und gäben Grund zum Zweifel.
Subjektive Aussagen zur Lebenszufriedenheit seien bereits durch Zufälligkeiten im Gegenwärtigen Umfeld beeinflussbar (Ankereffekt). So wurden Probanden im sog. Dime-Experiment zweimal - mit gewissem Abstand - zu ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Beim zweiten Mal wurden sie vor der Befragung zum Kopieren belangloser Materialien geschickt, wobei auf dem Kopierer jeweils wie zufällig ein Dime lag. Ausnahmslos wurde dieser eingesteckt - und siehe da: die Zufriedenheitswerte waren bereits signifikant höher.

Es gäbe zudem eine mehr kognitive Einschätzung, die die Lebensumstände anhand bestimmter Kriterien und Perspektiven analysiert und eine eher emotionale, die einfach den gegenwärtigen Gefühlszustand wiedergibt. Das wichtigste sei aber, dass sich gezeigt habe, dass Lebenszufriedenheit in Relation zum Wohlstand nicht linear sondern logarithmisch ansteige - es gäbe keine Abflachung der Glückskurve, es seien nur immer größere Zuwächse nötig. Summa Summarum: Geld mache eben doch glücklich.

Im Zuge der kritischen Reflexion bestimmter Studien werden auch Bedenken bezüglich anderer aus einseitig westlicher Perspektive erhobener Indizes angemeldet. So würde etwa ein neuerer Index durchschnittliche Zufriedenheit und ökologischen Fußabdruck einer Gesellschaft in Relation setzen. Dabei würde bspw. Ägypten - im Gegensatz zu Deutschland - ganz weit vorn rangieren. Die Frage stelle sich, was wohl die auf dem Tahrir- Platz unter Lebensgefahr protestierende Bevölkerung Ägyptens dazu gesagt hätte.

Das Buch entwickelt interessante Gedankengänge und vermittelt dabei hochinteressante Einblicke in die Arbeit der Verhaltensökonomie bzw. ökonomischen Glücksforschung. Insgesamt wundert man sich aber einmal mehr über die verarmte Sicht der Ökonomen auf die menschliche Existenz. Ist das Materielle wirklich so zentral für die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben? Ökonomen begründen ihr Ja dazu mit der Feststellung, dass ihre Untersuchungen einen Querschnitt umfassen, der alle möglichen sonstigen Lebensumstände einschließt. Doch was sagt das wirklich aus? Sicherlich nicht viel darüber, dass es vieles gibt, dass einen weit größeren Einfluss darauf hat, wie erfüllt man das eigene Leben empfindet.

Wie sagte doch George Bernard Shaw so treffend: "Geld: ein Mittel, um alles zu haben bis auf einen aufrichtigen Freund, eine uneigennützige Geliebte und eine gute Gesundheit."


Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung: Das Beispiel Summerhill
Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung: Das Beispiel Summerhill
von Alexander Sutherland Neill
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Konsequenzen der paedagogischen Rezeption Freuds, 12. Januar 2013
Die Einsichten, die durch die Persönlichkeitspsychologie des zwanzigsten Jahrhunderts vermittelt wurden, fanden ihren Niederschlag auch in der Pädagogik. Ähnlich wie viele Ansätze der humanistischen Psychologie wurden hier viele alternative Konzepte bereits vor dem zweiten Weltkrieg praktiziert, erlangten dann aber zu voller Popularität erst im Zuge der 68er Bewegung, zu deren libertinärem Geist sie sich oftmals äußerst kompatibel zu verhalten schienen bzw. kompatibel gemacht wurden. So auch die antiautoritäre Erziehung, die sich am klassisch psychoanalytischen Menschenbild orientierte und sich als Theorie ansatzweise u. a. bei W. Reich, S. Bernfeld, E. Fromm, T. W. Adorno und A. S. Neill fand.

Letzterer wurde wohl zu ihrem populärsten Vertreter, nicht zuletzt deshalb, weil er das Konzept in einer englischen Internatsschule recht überzeugend praktizierte. Neill, der seine Erfahrungen im vorliegenden Buch publizierte, nahm mit Vorliebe schwer erziehbare Kinder auf, an denen sich Eltern, Lehrer und Erzieher bereits die Zähne ausgebissen hatten. Unter seiner Obhut entwickelten sie sich fast durchweg erstaunlich positiv. Neill und Kollegen widmeten sich ihrer Arbeit mit sehr beachtlichem Engagement. Sie waren für die Kinder stets gesprächsbereit und versuchten einfühlsam in einer Art Psychoanalyse light" bestehende Traumatisierungen und Neurotisierungen aufzuarbeiten.

Dies geschah jedoch stets spontan, wenn die Kinder von sich aus das Gespräch suchten. Neill erkannte den Kindern ein Höchstmaß an Autonomie zu, vertraute in deren - möglicher Weise unter allerlei Schutz- und Abwehrmechanismen, die nach außen hin ein entsprechendes Bild vermitteln mochten - doch im Inneren bestehenden guten Willen und glaubte, dass der Heranwachsende intuitiv am besten wisse, was wann für seine optimale Entwicklung dran bzw. förderlich wäre. Neill vermittelte keinerlei Moral. Aufrichtigkeit, Offenheit, Fairness und Freundschaftlichkeit waren nichts desto trotz für ihn Werte von hohem Stellenwert. Er versuchte diese so zu vermitteln, dass er sie vorlebte, was natürlich auch von anderen Erziehern und Lehrkräften erwartet wurde.

Ansonsten ergaben sich Verhaltensbeschränkungen, einzig aus den Freiheitsrechten" der anderen. Es gab (bzw. gibt) also in Summerhill durchaus klare Regeln und Verhaltensvorschriften, ebenso wie Sanktionen bei Verstößen. Diese wurden jedoch demokratisch ermittelt. Die gesamte Belegschaft der Schule, also Schüler und Angestellte, kamen regelmäßig zusammen, besprachen auftauchende Probleme, auch problematisches Verhalten einzelner Kinder und stimmten über Lösungen und Regelungen ab. Der Sechsjährige hatte dabei dasselbe Mitsprache- und Stimmrecht, wie der Sechzigjährige.

Es bestand keine Schulpflicht. Wer jedoch am Unterricht teilnahm, hatte sich diszipliniert zu verhalten. Auch Neill selbst war keineswegs zimperlich, wenn ihm ein Kind durch sein Auftreten störte oder nervte. Von allen Angestellten wurde jedoch ein gesundes Selbstwertgefühl erwartet, dass sich nicht durch Ausfälligkeiten oder Provokationen kränken ließ. Die meisten Kinder nahmen von sich aus am Unterricht teil. Manche taten dies jedoch über Jahre nicht. Wenn sie sich dann aber dazu entschlossen, waren sie fast durchweg mit großem Interesse dabei und entsprechend aufnahmebereit bzw. -fähig. Sie holten oft binnen kurzer Zeit nach, was sie zuvor durch Nicht-Teilnahme versäumt hatten.

Auch schwierigste Kinder normalisierten sich in der Atmosphäre gegenseitiger Annahme, Achtung und Ehrlichkeit. Langzeitstudien zeigten, dass sich in der Schule sehr normale Menschen entwickelten. Sie fanden einen guten Stand im Leben, waren gemeinschaftsfähig und im Großen und Ganzen mit sich selbst und der Welt zufrieden. Sie hatten eine gute berufliche Qualifizierung, waren jedoch nie ehrgeizige Carrieretypen. Nach den ersten Studien gab es unter den erfassten Absolventen keine Kriminellen oder Drogenabhängigen und alle führten ein ziemlich gesundes und normales Sexual- bzw. Familienleben.

Dem Leser wird schnell deutlich, dass das, was in Summerhill, der Modelleinrichtung und Pilgerstätte der antiautoritären Erziehungsbewegung, geschah, sich in vielerlei Hinsicht von dem unterscheidet, was später von den 68er Weltverbesserern in Kommunen und Kinderläden daraus gemacht wurde. Aus dem eigentlich eher radikal-demokratisch zu nennenden Erziehungsstil im englischen Internat wurde eine Lassezfair-Methode; der Begriff Erziehung wurde in einschlägigen Kreisen geradezu zum Unwort.

An dieser Entwicklung ist freilich nicht zuletzt auch Neills Theoriebildung schuld. Er übersah sich dabei gewissermaßen selbst und leitete aus seinen Erfahrungen - ähnlich wie die humanistische Psychologie - eine Anthropologie ab, die eine individuelle Selbstorganisations- und Entwicklungsfähigkeit des Menschen postuliert, die als zu eigenständig gegenüber den sozialen Bezügen, in denen sich der Mensch befindet, gedeutet wird. Was in der täglichen Beziehung mit gestandenen Persönlichkeiten, wie Neill und Kollegen es waren, funktionierte, musste aber unter der Elternschaft selbst nach Orientierung suchender Studenten und Jungakademiker oftmals misslingen. Erziehung ohne Autorität ist ebenso schwierig, wie antiautoritäre Erziehung wünschenswert.


Wir lassen sie verhungern: Die Massenvernichtung in der Dritten Welt
Wir lassen sie verhungern: Die Massenvernichtung in der Dritten Welt
von Jean Ziegler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

8 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Raubgesindel, Spekulations-Banditen, Bank-Halunken, 23. November 2012
Ziegler macht zunächst auf verhältnismäßig unscheinbare Probleme aufmerksam. Oft könne mit relativ geringem Aufwand Ursachen für Hungerkatastrophen beseitigt werden. Einfache Bewässerungssysteme beenden das Ausgeliefertsein an Witterungsextreme. Wanderheuschrecken, die immer wieder Ernten vernichten, könne man kostengünstig mit Insektiziden entgegengewirken. Ebenso würden solide Lagersysteme verhindern, dass Getreidereserven verderben oder durch Tiere angegriffen werden. Die nötige Infrastruktur kann bei Dürren die Versorgung sichern. Etc. Ein ausreichender politischer Wille könne hier viel bewirken.

Des Weiteren greift Ziegler das Thema Korruption auf. Er führt als Beispiel Indien an, wo regionale Verantwortungsträger immer wieder in Notzeiten Auslieferungen blockieren, um so die Preise nach oben zu treiben.

In einem interessanten geistesgeschichtlichen Exkurs geht Ziegler auf die Suche nach der Wurzel der modernen Gleichgültigkeit des Westens gegenüber der Not der armen Teile der eigenen sowie der Weltbevölkerung insgesamt. Er sieht die Wurzeln in der unkritischen Übertragung naturalistischer Denkansätze auf gesellschaftliche Fragen. So sei in Malthus Theorie vom Bevölkerungswachstum Unterernährung nicht mehr etwas, gegen das sich Menschen, die die Mittel dazu haben, engagieren müssen, sondern im Gegenteil ein notwendiges Übel, wenn Überbevölkerung nicht zu einer Hungerkatastrophe für die ganze Menschheit führen soll. Ganz ähnliche Denkansätze gab es u.a. seitens Adam Smith, D. Ricardo, E. Haeckel, H. Spencer, Ch. Darwin. Diese Art zu denken- so Ziegler - hätte schließlich zu den Exzessen des Sozialdarwinismus, Raubtierkapitalismus, skrupelloser kolonialer Ausbeutung geführt. Erst nach der Katastrophe des 2. WK hätte nach und nach ein Umdenken eingesetzt. Doch bis heute gibt es weitverbreitete Vorstellungen, dass bspw. die Zahlung von Hungerlöhnen in armen Ländern unter ökonomischen Gesichtspunkten alternativlos wäre.

Besonders harsche Kritik erfahren schließlich die Nahrungsmittelkonzerne. Diese hätten oft die gesamte Produktions- und Logistikkette unter Kontrolle - von der Saatgutproduktion über die Herstellung von Pestiziden, Fungiziden, Düngemitteln usw. bis hin zur Auslieferung - und könnten so Marktmengen nach belieben beeinflussen. Hier würden Oligopole ihre Marktmacht zur Preistreiberei und Schaffung fast schon irreversibler Abhängigkeiten benutzen. "Lediglich zehn Unternehmen - darunter Aventis, Monsanto, Pioneer, Syngenta - beherrschen ein Drittel des Saatgutmarktes, dessen Umsatz mit 23 Mrd. Dollar im Jahr beziffert wird, und 80 Prozent des Pestizidmarktes, den man auf 28 Mrd. Dollar schätzt. Zehn weitere Konzerne, darunter Cargill, kontrollieren 57 Prozent des Absatzes der dreißig größten Einzelhandelsketten der Welt und kommen auf 37 Prozent der Einnahmen, die die hundert größten Lebensmittel- und Getränkekonzerne erwirtschaften."

Ebenso problematisch seien Hedgefonds, die sich auf Agrarprodukte spezialisiert haben. Auch sie arbeiten nach dem Prinzip "Gewinnerzielung durch Erhöhung des Nachfragedrucks" - sei es durch die Initiierung von Spekulationsspiralen oder künstliche Verknappung. "Landgrabbing" sei eine Problematik, die oft damit im Zusammenhang steht. Angesichts des Bevölkerungswachstums sieht man einen kontinuierlichen Anstieg der Preise für Grund und Boden voraus. Dieser wird somit zum begehrten Objekt für Investitionen. Doch dies treibt die Preise zusätzlich nach oben.

Als wäre all dies nicht schon schlimm genug, nutzt der Westen einen Großteil der Landwirtschaft neuerdings zur Herstellung von Bio-Kraftstoffen. Hier gerät auch Obama ins Visier des Autors, da dieser in den USA mit seiner Politik den großflächigen Maisanbau vorbehaltlos unterstützt.

FAO und WFP bescheinigt Ziegler guten Willen, aber - da durch das Agieren von IWF, Weltbank und WTO oft konterkariert - wenig Effektivität. Das WFP müsse sich außerdem zum Grundsatz machen, Nahrungsmittel, etwa Getreide, am Markt zu kaufen und ggf. zu verkaufen, statt einfach Produktionsüberschüsse zu verteilen und so einheimische Märkte zu gefährden.

IWF, WTO und in geringerem Maße die Weltbank bezeichnet Ziegler als die "drei apokalyptischen Reiter". Mit ihrem überzogenen Druck zur Konsolidierung der Staatshaushalte würden sie den Abbau notwendiger Verwaltungskapazitäten erzwingen, sowie eine Privatisierung in Bereichen wie Bildung, Gesundheitsfürsorge, Wasserversorgung, was dann zu einem Ausschluss der armen Bevölkerungsschichten führen würde. Die Durchsetzung der Freihandelsdoktrin - Abbau von Subventionen, Privatisierung staatlicher Produktionsbetriebe, Abbau von Zöllen - führe dazu, dass die zarten Pflänzchen einheimischer Industrialisierung unter dem internationalen Konkurrenzdruck zerstört würden. Besonders fatal ist, dass die reichen Länder gerade in dem Marktsegment, in dem ärmere Länder die Chance der Konkurrenzfähigkeit hätten - in der Landwirtschaft - massiv die einheimische Produktion subventionieren.

Ziegler, der sich selbst als Kommunist bezeichnet und jüngst für seine allzu unkritischen, freundschaftlichen Kontakte zu Leuten wie Gaddafi oder Mugabe in der Kritik stand, ist ein kantiger Zeitgenosse, der kein Blatt vor den Mund nimmt und keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass er sie nicht mag: die "Spekulations-Banditen", "Tigerhaie" und "Bank-Halunken" -"Raubgesindel", das zur Aufrechterhaltung der "kanibalischen Weltordnung" beiträgt. "Wir benötigen ein Nürnberger Tribunal für diejenigen, die Verantwortlich dafür sind, dass alle 5 Sekunden ein Kind an Unterernährung stirbt", so Ziegler.

Der ehem. UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung war befreundet mit Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Che Guevara, lehrte als Professor in Genf und Paris Soziologie. Oft überspannt er den Bogen und ist zu einseitig.

Die "Grüne Revolution" bspw. hat besonders in Asien sicher dazu beigetragen, dass Hunger reduziert werden konnte. Die Reiserträge pro Hektar konnten in Ländern wie Indien, Indonesien, Philippinen, Vietnam nach Einführung neu entwickelter Sorten im Schnitt verdoppelt werden. Es käme wie so oft darauf an, die guten Effekte zu nutzen und die negativen - Abhängigkeit von Konzernen durch steriles Saatgut, hoher Pestizid und Insektizideinsatz, Zerstörung der Existenz von Kleinbauern usw. - abzustellen.

Auch der auf Konsolidierung gerichtete Kurs des IWF ist nicht nur schlecht, um nicht zu sagen alternativlos. Er darf nur nicht so rigide verfolgt werden, dass die sozial Schwachen über Gebühr darunter zu leiden haben. Etc. Etc.

Das viele wichtige Ansätze in Zieglers Büchern kontinuierlich unterbelichtet bleiben, ist ein weiterer Punkt. Doch dies muss man ihm nicht vorwerfen. Sachs, Sen, Stiglitz, Diamond, Collier, Yunus, Duflo und Banerjee oder auch Polman, Kämpchen, Seitz - sie alle gehen das Thema Entwicklungshilfe in ihren jüngsten Publikationen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen an. Sie alle haben wichtiges zu sagen. In erster Linie liegt die Verantwortung für Entwicklung bei den armen Ländern selber. Und es ist auch nicht zu übersehen, wie Intelligenz und Engagement unzähliger Menschen - allen widrigen Umständen zum Trotz - hier gerade in den letzten Jahren signifikante Fortschritte bewirkt haben.

Dennoch hat Ziegler vom Grundsatz her recht und sein Furor und seine Leidenschaft sind der Sache durchaus angemessen. Das allzu oft skrupellose Geschäftsgebaren westlicher Unternehmen und Regierungen ist ein Skandal. Nicht weniger die Gleichgültigkeit und der Mangel an intelligenter, gezielter, konzertierter und nachhaltiger Unterstützung. Mit Schaudern verfolgt man, wie viel Zeit, Engagement und Energie die Gutmenschen in unseren Breiten in Proteste gegen Stuttgart 21 oder Berlin Schönefeld investieren, während sie für die eigentlichen Probleme dieser Welt weitgehend blind zu sein scheinen. Die Wut der Weltverbesserer und Moralisten entlädt sich an den Doktorarbeiten unliebsamer Politiker. Die Piratenpartei kanalisiert einen erstaunlich verbreiteten, neuen Willen, politisch aktiv zu werden .... doch wofür?

Schon 1970 formulierten die reichen Industrieländer im Rahmen der UNO das Ziel, 0,7 Prozent Ihres BIP für Entwicklungshilfe einzusetzen. 2010 brachte es Deutschland gerade mal auf 0,4 Prozent. Wer protestiert dagegen? Welche Summen konnten im Kontext der Finanzkrise aufgebracht werden. Die Organisation Greenpeace hat völlig recht, wenn sie den Regierungen der reichen Länder ins Stammbuch schreibt: Wäre die Welt eine Bank, Ihr hättet sie schon gerettet.


Die Neuen Evangelikalen in den USA: Freiheitsgewinne durch fromme Politik
Die Neuen Evangelikalen in den USA: Freiheitsgewinne durch fromme Politik
von Marcia Pally
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

5.0 von 5 Sternen Freiheitsgewinne durch fromme Politik, 23. November 2012
"Freiheitsgewinne durch fromme Politik" - man reibt sich fast die Augen beim Untertitel des Buches. Sind Evangelikale in den USA nicht diejenigen, die Homosexuelle diskriminieren, die Evolutionstheorie aus den Schulen verbannen möchten und G.W. Bushs Kriegspolitik unterstützten?

Wenn man manchen europäischen Medienberichten folgt, könnte dies so scheinen. Nur wenige gesellschaftliche Strömungen sind so fehlbelichtet, wie die der Evangelikalen. Dies hat wohl unterschiedliche Gründe - den besonders in Europa grasierenden religiös-theologischen Analphabetismus, oft zu findendes Unverständnis für die amerikanische Mentalität und Politik, das Bedürfnis, sich gegenüber dem in der Kritik stehenden Islam demütig zu zeigen, indem man beflissen eingesteht, natürlich auch im Christentum extreme Strömungen zu haben - aber natürlich auch schlagzeilenträchtige Entgleisungen am Rand der Bewegung selbst. Umso wichtiger, dass Marcia Pally, der man beim Lesen die persönliche Distanz zum Evangelikalismus durchaus deutlich anmerkt, als Professorin für Multilingual Multicultural Studies an der New York University und für ihre Seriosität und Kompetenz bekannte Publizistin eine Studie veröffentlicht, die hier vieles gerade rückt.

Die Autorin zeigt, dass der Evangelikalismus im Kern stets nicht nur weit davon entfernt war, Freiheit und Demokratie irgendwie infrage stellen zu wollen, sondern mit seinem Eintreten für die Trennung von Kirche und Staat, Gewaltenteilung, Religionsfreiheit, soziale Gerechtigkeit usw. vielmehr stets ein Stützpfeiler derselben war.

Pally macht deutlich, dass eine Politisierung evangelikaler Kreise in erster Linie Gegenreaktionen auf eine forcierte Säkularisierung darstellte - Legalisierung der Abtreibung, Homoehe, Streichung von Geldern für konfessionelle Einrichtungen, Verbot konfessionsgebundener Einstellungen usw. Religionsfreiheit war traditionell positiv - als Freiheit zu einem wie auch immer geartetem religiösen oder weltanschaulichem Bekenntnis - gewertet worden. In den letzten Jahrzehnte entwickelte sich jedoch eine Tendenz zur Ausgrenzung der Religion aus dem öffentlichen Raum. Dies betrifft bspw. auch das Schulgebet, Andachten, religiöse Symbole usw.

Da sich die Republikaner der entsprechenden Gegenpositionen annahmen, hielten sich viele Evangelikale auch längere Zeit an diese politische Richtung. Unter G. W. Bush trat jedoch mehr und mehr Ernüchterung ein. Eine im christlichen Sinne wertorientierte Politik sah man nur stellenweise verwirklicht. Mit der Vernachlässigung sozialer Probleme sowie der aggressiven Kriegspolitik ging man weithin nicht konform. Auch mit Stil und Strategie der Religious Right tut man sich schwer. Überhaupt sei es ein Irrweg, eine Nation über politische Machtausübung auf den christlichen Pfad bringen zu wollen. Dies sei nie der Weg Jesu gewesen.

"In vielerlei Hinsicht", so Pally, "respektieren die New Evangelicals, was die religiöse Rechte erreicht hat - ihre Hingabe für soziales Engagement, ihre Bereitschaft, auf die Langzeitfolgen von Klonen, Euthanasie und Abtreibung hinzuweisen; und ihr Protest gegen den Missbrauch von Menschen durch Pornographie, Prostitution und Sklaverei. Doch die New Evangelicals stimmen auch mit vielen Werten der Religiösen Rechten nicht überein. Zugespitzt werfen sie der Religiösen Rechten vor, verurteilend, scheinheilig, militärisch, sich Geld und Macht anbiedernd, aggressiv in der Taktik, verstrickt in die republikanische Partei, besessen von dem Thema Homosexualität und von der lang gepflegten Tradition der Trennung von Staat und Kirche und der pluralistischen Gewissensfreiheit abgefallen zu sein."

Die New Evangelicals, so Pally, sind mehrheitlich gegen gemeindliche Wahlempfehlungen, gegen die Definition der USA als "christliche Nation". Auch was Themen wie Schulgebete, Andachten, Symbole, Schulgutscheine für christliche Schulen, Unterricht kreationistischer Positionen neben der Evolutionstheorie betrifft, tendieren sie - im Gegensatz zur Religiösen Rechten - mehrheitlich dazu, Neutralität zu wahren bzw. diesen Fragen keine große Bedeutung beizumessen. (Das Ziel Evolutionstheorie durch Kreationismus zu ersetzen, verfolgt im Übrigen auch nicht die Religious Right.)

Schwerpunkte der Evangelikalen seien dagegen Engagement für sozial Schwache, Solidarität mit Ausgegrenzten, Bewahrung der Schöpfung, Entwicklungshilfe. Dies bringt auch das Evangelical Manifesto aus dem Jahre 2008 zum Ausdruck.

Hoch interessant ist auch Pallys geschichtlicher Exkurs. Sie macht deutlich, wie sehr die theologischen Wurzeln des Evangelikalismus in der Reformation liegen und wie eng die demokratische Entwicklung des Westen mit den damaligen Aufbrüchen verwoben ist.

Um 1600 gründeten sich in England die ersten von der Staatskirche unabhängige Gemeinden - puritanischen Kongregationalisten, Baptisten. Diese Gemeinden vereinigten Christen, die sich von Gott zu dieser Gemeinschaft gerufen sahen. In ihrem Verständnis konnte ein Mensch nicht als Christ oder Kirchenmitglied im neutestamentlichen Sinne geboren werden. Dies setzt vielmehr eine freie Entscheidung als Antwort auf den Ruf Gottes voraus. Auf der anderen Seite wurde aus dieser Sicht heraus auch ernst gemacht mit dem Priestertum aller Gläubigen. Entscheidungen wurden deshalb nach Mehrheitsprinzip innerhalb der Gemeindeversammlung gefällt; Amtsträger wurden in dieser Weise demokratisch gewählt. Dies bedeutete jedoch in erster Linie Dienerschaft (ministry) nicht hierarchische Überordnung. Jedes Gemeindemitglied hatte z. B. weiterhin das Recht zu predigen.

Die beiden kongregationalistischen Gründergestalten Robert Brown und Henry Jakob artikulierten sich bald auch politisch. Ihr Gemeindemodell schien auch in Bezug auf die Verfassung des Staates anwendbar zu sein. Beide mahnten außerdem eine Trennung von Kirche und Staat an. Zunächst ging man noch von der Möglichkeit eines allgemeinen gesellschaftlichen Konsens in Bezug auf eine christliche Verfasstheit der Gesellschaft aus. Später dachte man angesichts wachsender Pluralität um. Unter der Regierung Cromwells setzte sich der freikirchliche Kongregationalist und Politiker John Milton für Rede- und Meinungsfreiheit sowie den Abbau der Zensur ein. Seine Staatstheorie war angelehnt an die puritanische Sozialtheologie und die Covenant-Idee.

Die Vordenker einer umfassenden Glaubens- und Gewissensfreiheit stammten offenbar überwiegend aus dem freikirchlichen Lager. Die Levellers, ebenfalls freikirchliche Kongregationalisten und wohl ihr progressivster Flügel forderten bereits ein allgemeines Wahlrecht. Samuel Richardson, Baptist und Mitarbeiter Cromwells, plädierte entschieden für Religions- und Gewissensfreiheit auch für die "Irrgläubigen der falschen Religionen". Falsche religiöse Überzeugungen, so sein Argument, könnte keine Macht der Welt korrigieren, sondern nur der Heilige Geist, dessen Wirken aber nicht erzwungen werden kann.

Ganz erheblichen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung im Großbritannien des 17. Jahrhunderts hatten auch die puritanischen Pilger bzw. Siedler, die zunächst - oftmals aufgrund der Verfolgung, der sie ausgesetzt waren - nach Nordamerika ausgewanderten und ihre Gemeinwesen dort entsprechend der Covenant-Idee organisierten bzw. verfassten. 1620 wurde von Kongregationalisten die Plymouth Colony gegründet und demokratisch verwaltet; ebenso die Massachusetts Bay Colony und die 1636 von dem Baptisten Roger Williams gründete Rhode Islands Colony. Die Führenden Köpfe dieser Kolonien publizierten ihre Ideen bald auch in England. Als das Klima auf der Insel umschlug, wanderten viele Kolonisten zurück und setzten sich dort für das politisch erfolgreich erprobte Modell "Neuengland" ein.

Auch John Locke, der als einer der wirkmächtigsten Vertreter der frühen Aufklärung gilt, wuchs in puritanischem Umfeld auf und war von den neuen Idee der unabhängigen Gemeinden beeinflusst. Bei aller philosophischen Reflexion hielt er an die Verbalinspiration der Bibel fest. Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung der USA, der französischen Verfassungsentwurf von 1791 sowie die gesamte Entwicklung des bürgerlich-liberalen Staatstheorie bis in die Gegenwart fußen maßgeblich auf Lockes Gesellschaftsphilosophie.

Ansonsten fand und findet man den Evangelikalismus im weitesten Sinne - als die Strömung des Christentums, welche sich konsequent am Neuen Testament zu orientieren versuchte - am Auftakt vieler nachhaltig positiver gesellschaftlicher Entwicklungen und in Opposition zu den destruktiven Gesellschaftsexperimenten der letzten Jahrhunderte; in Opposition auch oft genug zur institutionellen Kirche. Beispielhaft sei ein engagiertes, sozialverantwortliches Unternehmertum, das den Westen endgültig in wirtschaftlicher Hinsicht auf die Überholspur gegenüber dem Rest der Welt brachte (Vgl. Max Weber), Initiativen gegen Hexenverfolgung, Abschaffung der Sklaverei (W. Wilberforce), Gründung der ersten Genossenschaften (Raiffeisen), erster Tierschutzinitiativen (A. Kanpp), unzähliger karitativer Organisationen (Rotes Kreuz, Blaues Kreuz, Diakonie, Worldvision usw.), gewaltlose Pädagogik (Zinzendorf), gewaltlose Psychiatrie (Quäker), rechtliche Gleichstellung der Juden (Pietismus), Widerstand gegen Eugenik, Euthanasie, Nationalsozialismus, Kommunismus, des Weiteren Bürgerechtsbewegungen u.a. zur Abschaffung der Apartheid in den USA, weltweit heute in Entwicklungs- und Schwellenländern Initiativen für Bildung, Umweltschutz, Korruptionsbekämpfung, Demokratie und soziale Gerechtigkeit genannt.

Auch bezüglich der Idee einer konstruktiv und friedlich organisierten Weltgemeinschaft - historisch gesehen alles andere als eine Selbstverständlichkeit - sieht Pally wesentliche Wurzeln im entschieden am Gebot der Nächstenliebe orientierten Christentum: "Es ist bemerkenswert, dass die Idee des Nächsten" alle Nationen umfasst. Die Einbeziehung aller Nationen hat weitreichende Auswirkungen auf verschiedene politische Bereiche - von internationalem Handel bis zu Diskriminierung und Gewalt."


Friede mit Gott
Friede mit Gott
von Billy Graham
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Ein evangelikaler Klassiker: "Friede mit Gott", 23. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Friede mit Gott (Gebundene Ausgabe)
Billy Grahams Buch ist deshalb so gut und hilfreich, weil hier jemand schreibt, der wahrscheinlich die meisten Menschen überhaupt zu Gott - und damit in ein befreites, glückliches und kraftvolles Leben - geführt hat. Graham zeichnet sich dabei durch Weite, Wärme, Empathie und Nüchternheit aus. Schwärmertum und fromme Gefühlsduselei haben bei ihm keinen Platz. Er kennt seinen Gott und weiß, dass sich alles in einem Menschen von Grund auf ins Positive wandelt, wenn Christus wirklich in sein Leben tritt. Er weiß aber auch darum, wie viel Halbheit, Fake und Selbsttäuschung es auf frommem Gebiet gibt.

"Es gibt jedoch tausend Leute, die irgendeine Form rein gefühlsmäßiger Erfahrung gemacht haben, die sie als Bekehrung deuten, aber in Wirklichkeit sind sie niemals zu Christus bekehrt worden. Christus verlangt eine Veränderung in deiner Lebensweise und wenn keine Veränderung eintritt, dann hast du allen Grund, an deinen Erfahrungen zu zweifeln."

Dabei ginge es bei der Umkehr zu Gott nicht um moralische Klimmzüge, fromme Übungen oder Bekenntnisse. Schon gar nicht geht es um Dogmen, Riten, Vorschriften, Zugehörigkeiten. Der wahre, verändernde Glaube ist nichts, was ein Mensch zu erbringen hätte oder könnte. Glaube ist Geschenk der Gnade Gottes, die sich im Leben eines Menschen so offenbaren will, dass der Zweifel tiefer Gewissheit weicht. "Die Bekehrung ist kein schwieriger oder komplizierter Prozess.", so Graham. Es geht darum, sich in Jesus Christus ganz Gott anzuvertrauen. Doch auch diesen Schritt wird ein Mensch nur tun, wenn Gottes Geist ihn dazu bewegt.

Auch die Heiligung seiner Existenz ist kein Werk, dass der Mensch selbst vollbringen könnte. Gute Vorsätze bringen uns nicht wirklich weiter, verändern uns nicht wirklich, selbst wenn uns die Umsetzung gelingt. "Jesus sagte uns, wir müssen neugeboren werden. Das Verb steht im Passiv. Das bedeutet, dass etwas an uns geschieht. Kein Mensch kann von selbst entstehen.", so Graham. "Die Erlösung bedeutet nicht eine Verbesserung des ursprünglichen Selbst. Ein neues Selbst wird von Gott geschaffen in Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit."

Die Frucht des Geistes wird dann sichtbar: innerer Frieden, Freude, Gerechtigkeit, Kraft. Wer dies erfährt, kann gar nicht anders, als der Welt und seinen Mitmenschen mit Herz und Engagement, unerschütterlicher Zuversicht und viel Geduld mit dem Fehlverhalten und Irrtümer anderer zu begegnen. Der Wille ist befreit, das Gute, das vorher schwer fiel, tut man nun mit Antrieb und Lust; das Destruktive, von dem man vorher nicht loskam, verliert seine Anziehungskraft. Das Denken wird befreit und geerdet, man wird unabhängig vom Beifall der anderen.

Natürlich weiß Graham aus vielfältigster seelsorgerlicher Erfahrung, dass auch die Existenz als Christ nicht immer ein fortwährender "Wandel auf sonnigen Höhen" ist. Der Christ kann Anfechtungen erfahren, Niederlagen, geistige Kämpfe und Krisen. Doch auch hier rät Graham:

"Dir ist es unmöglich, in deinem Christenleben zu bestehen - aber er kann dich darin erhalten. Doch ist es sehr schwer für ihn, dich darin zu erhalten und zu festigen, solange du noch selber kämpfst und streitest und strebst. [...] Sorge dich nicht um die Bedürfnisse des Lebens - er ist da, der dir hilft und dich versorgt. Ein wirklich sieghafter Christ kann trotz aller Sorgen, inneren Nöte und Spannungen zuversichtlich sein, weil er weiß, dass Gott alles in der Hand hat und am Ende siegen wird."

Graham hat ein bewegtes Leben hinter sich. Einst als Vertreter tätig wurde er nach seiner eigenen Bekehrung zu einem der wirkungsvollsten Verkündiger der Guten Nachricht aller Zeiten. Er veranstaltete Evangelisationen überall auf der Welt, stand in der Bürgerrechtsbewegung als Freund neben Martin Luther-King und hatte mehr oder weniger engen Kontakt zu allen US-Präsidenten seiner Wirkungszeit.

Schon früh machte Billy Graham sich am gesetzlich-frommen Rand der US-Traditionschristen unbeliebt. In den letzten Jahren hat sich das noch verstärkt, da Graham sich für so manchen Hardliner" der Katholischen Kirche gegenüber zu versöhnlich zeigte, sich hartnäckig weigert, Homosexuelle zu verurteilen oder die Ansicht vertritt, Gott würde auch Gläubige anderer Religionen retten (womit er selbstverständlich nicht meint DURCH andere Religionen). Doch genau an diesen Stellen zeigt sich, dass Gott für Graham lebendig und wirksam ist, während andere eine erstarrte Rechtgläubigkeit verteidigen. Graham weiß, dass es nicht moralische Verurteilung ist, die Lebensweisen verändert, sondern Gottes Liebe. Er weiß, dass letztlich nicht kluge Argumente und Diskussionen falsche religiöse Ansichten korrigieren, sondern nur Christus selber.


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