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helmut seeger "liberaler" (karlsruhe)
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Der rasende Roland (L'Orlando furioso)
Der rasende Roland (L'Orlando furioso)
Preis: EUR 1,44

5.0 von 5 Sternen Epos von mehr als homerischen Ausmaßen, 1. Mai 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Worum geht es in diesem Versepos? Ein paar Ritter und Amazonen, allesamt Helden aus dem Gefolge Karls des Großen, fechten Kämpfe mit Sarazenen und anderen Widersachern wie Zauberern oder Bestien aus, bei denen es oft darum geht, schöne Jungfern zu retten. Im Fortgang konzentriert sich diese Saga auf die Abenteuer der Helden Rinaldo und Roger. Da werden verleumdete Königstöchter in ihrer Ehre gerettet, auf Hippogreifen wie bei Harry Potter auch mal dreitausend Meilen zurückgelegt, Zauberinnen treten auf, deren Wurzeln bis in die Artussage reichen. Rolands Heldentaten, die der Schelm Ariosto immer mit einem Augenzwinkern erzählt, darunter auch jede Menge geretteter wunderschöner Jungfrauen, sind leider nie von erotischer Erfüllung gekrönt, obgleich dem Helden öfter mal die Lust ankommt.
Der Held Roger kämpft gegen die merkwürdigsten Ungetüme der europäischen Literatur. Da erweist sich Ariosto häufig als Satiriker. Homers Odyssee und Vergils Aeneis treten als Vorbilder zutage, aber auch das Nibelungenlied, Dante und Torquato Tasso sind offensichtlich Ahnherren dieser Erzählungen, einzelne erotische Einflechtungen verweisen auf das Dekamerone.
Der rasende Roland wird so zu einer Art Zusammenfassung der großen europäischen Epen und Geschichtensammlungen, welche Humor und Kurzweil mindestens so lesbar machen wie die Vorbilder.
Beide erwähnten Helden sind von einer eher gewalttätigen Art, die Köpfe und Gliedmaßen rollen, dass es eine Art hat. So heißt es über Roland an einer noch eher harmlosen Stelle: "Den Schlund durchbohrt er, hier und dort den Magen – im Nu sind 100 fort - geflohen, erschlagen." Nach einigen hundert Seiten kulminiert das Ganze dann im Kampfe Karls mit dem Sarazenen Agramant um Paris.

Der Autor verwendet die gleiche Technik wie sie heutzutage bei Fortsetzungsromanen verwendet wird, indem er den Erzählstrang in einzelne Gesänge unterteilt und mit einem erzählerischen Kniff jeweils zum nächsten überleitet und so den Spannungsbogen stetig aufrechterhält.
Zu jedem Gesang gibt es einleitende Kommentare, meist von der klugen Sorte. Auch um originelle Ideen ist die Geschichte nicht verlegen, wie der von den auf dem Mond in Gefäßen gefüllten und aufbewahrten Verstande, was dem Autor Gelegenheit gibt, über den Verstand seiner Zeitgenossen zu räsonieren.
Die verschmitzte Erzählweise zieht mehr und mehr in den Bann. unter anderem erklärt Ariosto auch den Sinn des Ritterstands, der unter anderem darin liegt, den Schwächeren beizustehen und vor allem die Jungfrauen zu schützen. Auch die Ritter streben nach Vereinigung mit Ihren Geliebten, aber andauernd kommt es zu Zwischenfällen, welche verhindern, dass die Helden mit diesen zusammenkommen. Unzählige eingeflochtene Geschichten, unzählige Personen schaffen dabei ein Epos von mehr als homerischen Ausmaßen.

Die Zusammenhänge zu verstehen ist meist nicht einfach, aber das merkwürdige ist, dass die Lektüre dennoch zunehmend Spaß macht. Das liegt zunächst am Autor, dem Humanisten Ludovico Ariosto, der in vielerlei Hinsicht geradezu moderne Gedankengänge aufweist, so etwa über die Strafbarkeit von Ehebruch (Wer solch Gesetz gab, mög er stracks verderben, verderben jeder Feige, der es duld! Gebührend stirbt wer grausam Liebe wehret; nicht, wer des Liebsten Wonn und Leben mehret"), Stellung der Frauen ("Nicht nur ein schlimm, ein unerhört Betragen, / mit Gott und der Natur im Widerstreit, / zeigt, wer das Antlitz einer Frau kann schlagen / oder nur tun, was Schmerz ihr bringt und Leid") und Tod ("Doch wie es geht: man ruft den Tod vom weiten, / willkommen scheint er uns in hohem Maß; sieht man ihn aber wirklich näher schreiten, / so hat man bald genug von solchem Spaß").
Daneben kommt ein großes Verdienst aber auch dem bedeutenden Romanisten und Anglisten Alfons Kissner zu, der für die frische und lebendige Übertragung der Verse verantwortlich zeichnet und auch vor schrägen Versen und Kalauern nicht zurückschreckt: "Nun eilt er nach, in Zornesflammen, brennenden; doch folgen wir Angelika, der Rennenden." Oder auch: "So ging es, nachdem genug sie schrien und schalten, zwischen den beiden jetzt ans Schädelspalten."

Nicht die oft äußerst brutalen Schlachtengemälde machen das eigentliche Vergnügen an diesem Werk aus, sondern die Originalität der Geschichten und die augenzwinkernde Erzählweise. Der tatsächliche Höhepunkt sind aber die Einleitungen zu den einzelnen Gesängen dieses Werkes, in denen Ariosto sozusagen eine philosophisch-humoristische Einführung in das Kapitel bietet, welche ihm Gelegenheit zu vor Geist und Intelligenz sprühenden Betrachtungen bietet.

So etwa über die Heuchelei: "Wohl ist's verwerflich meist, sich zu verstellen / wird oft ein Zeichen niedrer Seele sein / doch bietet Heuchelei in vielen Fällen / Unstreitig einen Nutzen, der nicht klein / Und kann vor Schaden, Tod sicherstellen / Verkehrt man doch mit Freunden nicht allein / Im Erdenleben, wo mehr Nacht als Licht ist / Und mancher, ach, auf Neid und Hass erpicht ist."

Oder in den Erkenntnissen über die Liebe: "Launischer Amor, sprich, warum fast nimmer / im schönen Einklang stehen Herz und Herz? / Warum geschieht es, dass so oft, du schlimmer, / der Seelenwiderstreit für dich ein Scherz? / Du gönnst mir nicht die Flut mit hellen Schimmer, / ziehst mich zu dunklen tief hinab, zum Schmerz; / die meine Lieb ersehnt, die soll ich lassen, / und lieben, die mir abgewandt voll hassen!".
Die ironische Distanz geht dabei keinesfalls verloren: "Der Liebe Wirkung freilich ist verschieden, doch rührt sie stets von gleicher Torheit her; sie ist ein Wald, drin niemand geht in Frieden; denn auf dem Wege bleibt man nimmermehr. Zu irren hier und dort ist uns beschieden. Kurzum, nach allem wird mein Schlusssatz der: wer bis zum Alter liebt, den soll man betten (wie sonst die Strafe sei) in Strick und Ketten."
Oder noch deutlicher: "Wer auf die Schlingen Amors setzt die Füße, zieh' sie zurück, dass frei die Flügel sein, denn Lieb' ist schließlich nichts als Tollheit, süße; da stimmen alle Weisen überein. Ob auch nicht jeder gleich wie Roland büße, so zeigt er sicher andre Narretein. Was kann vom Wahnsinn klarstes Zeugnis geben? Dass man um andre sich zerstört das Leben."

Ariosto äußert sich über die Heilkunst ("Ein guter Arzt muss ja zu heilen wissen / mit Eisen, Feuer, gift‘ger Medizin; ob er im Anfang quält den armen Kranken, er heilt ihn doch, und jener wird ihm danken" und über Impotenz, und nicht zuletzt über die launische Treue und Verlässlichkeit des männlichen Geschlechts: "Es tut nicht gut, bedenkt es wohl, ihr Frauen! / gläubig zu lauschen des Verliebten Lied! / Denn der, bedacht nur, sich am Ziel zuschauen, / vergisst, dass Gott doch alles hört und sieht, / und hat gar leicht zu Schwüren sich verstiegen, / die nachher bald in alle Winde fliegen. / Wenn die Männer bitten oder klagen, / Nehmt’s nicht für bare Münze zu geschwind! / Dies, werte Damen, ist der Weisheit Pfosten / Gewitzt zu werden auf der andern Kosten."

Dieses Buch quillt bisweilen über vor Weisheiten und Lebenserfahrung auf allen möglichen Gebieten, auch die Erkenntnisse über das menschliche Glück ("Es kann mit Fug kein Mensch geliebt sich meinen, / hält ihn noch oben auf dem Rad das Glück; weil wahr‘ und falsche Freunde sich vereinen, und jeder zeigt der Freundschaft gleiches Stück. Geht‘s aber erst vom Lachen hin zum Weinen, dann zieht das Schmeichlervolk sich bald zurück: nur, der von Herzen liebt, ist fest geblieben. Und wird im Tod noch seinen Herren lieben.") sind vom allerfeinsten. Wie auch in den folgenden Versen:
"Siehst du der armen Menschen einen gehen / recht hoch auf der Fortuna flüchtigem Rad, dann sei gefasst, die Füße bald zu sehen, wo er den Kopf jetzt hat, auf seinem Pfad.
Und umgekehrt, liegt einer auf dem Grunde, dass ihn das Rad recht tief im Staube hält, so naht am allerersten ihm die Stunde, da er sich aufschwingt, in die Höh‘ gestellt. Vom Todesurteil wurde manchem Kunde, der anderntags Gesetze gab der Welt. / Man sieht, gar manches Beispiel kann‘s belegen / aus der Historie alt‘ und neuer Zeit: / es folgt das gute nach den Schicksalsschlägen, und hinterm Ruhme steht der Schimpf bereit. Drum soll der Mensch kein blind Vertrauen hegen / auf Länder, Schätze, Sieg und Herrlichkeit, im Unglück nicht verzweifelt sich erweisen; denn immer muss das Rad Fortunas kreisen."

Der Autor hat darüber hinaus eine Analyse des Phänomens Freundschaft ("In niedern Hütten, wo sich Nöte finden/ Bekümmernis und schwerer Trübsal Last, / wird Freundschaft kräftiger die Herzen binden / als unter neidschen Reichtum und in Glast / und Üppigkeit des Hofs: gar oft entwinden / Sich Hinterlist und Argwohn dem Palast, / wo's mit der Liebe meist gar schlecht bestellt ist / und nur sich Freundschaft kundgibt, die verstellt ist") zu bieten, die beeindruckt.
Zu guter Letzt kann auch die politische Analyse nicht fehlen, wobei Ariosto eine frühe Variante der Ergebnisse massenpsychologischer Forschungen bietet: "Doch sie gehorchten wie die große Masse meist dem gehorcht, dem sie nur folgt mit Hasse. Denn keiner traut dem andern, und zu sagen, was jeder heimlich denkt, da fehlt der Mut. So lässt man den verbannen, den erschlagen, dem Ehre nehmen, jenem Hab und Gut."

Diese Beispiele zeigen, dass der "Rasende Roland" demjenigen, der die Geduld mitbringt, einiges zu bieten hat. Er ist wie die anderen großen Geschichtensammlungen ein Konglomerat an Abenteuern und Belehrungen, das zu den bedeutendsten literarischen Hervorbringungen im Europa der letzten zwei Jahrtausende gerechnet werden muss, wenn man denn das Glück hat, eine Übersetzung wie diese zu erwischen und das nötige Durchhaltevermögen aufbringt, welches die überwältigende Länge dieses Werkes erfordert.

Sony NEX-F3KB Systemkamera (16 Megapixel, 7,5 cm (3 Zoll) Display, 3D Schwenkpanorama, Live View, Full-HD) Inkl. SEL 18-55mm Zoom-Objektiv schwarz
Sony NEX-F3KB Systemkamera (16 Megapixel, 7,5 cm (3 Zoll) Display, 3D Schwenkpanorama, Live View, Full-HD) Inkl. SEL 18-55mm Zoom-Objektiv schwarz
Wird angeboten von foto-koester-muenster (Preise inkl. MwSt. Widerrufsbelehrung unter "Verkäuferinformationen")
Preis: EUR 419,00

5.0 von 5 Sternen Gelungener Zwitter aus DSLR und Kompakter, 1. Mai 2013
Die F3 ist keine Billigknipse, wie in einem Kommentar zu lesen war. Addiert man die Kosten für den elektronischen Sucher und die Zusatzausgaben für den - empfehlenswerten - Umstieg auf das SEL-P1650, kommt dieses Modell teurer als die NEX 6. (Am Rande bemerkt: Man sollte auch nicht vergessen, dass die Tasche zugekauft, das Handbuch gedruckt und in eine Displayschutzfolie investiert werden sollte. Externes Ladegerät und Zusatzakku sind ebenfalls kaum verzichtbar.)
Mit dem Kitobjektiv war mir die Kamera erheblich zu sperrig, und wer die Bildqualität der Kamera vernünftig ausreizen will, kommt auf die Dauer auch am Zusatzsucher nicht vorbei.
Damit erst wird die NEX F3 wirklich zu dem gelungenen Zwitter aus DSLR (Bildqualität) und Kompakter (Haptik).
Ich habe zu diesem Modell gegriffen, weil ich häufig nachts fotografiere und diese Kamera nicht nur unter den NEX-Modellen derzeit die beste ISO 3200 Performance hat.
Ich fotografiere parallel mit der Canon 1100D, die ich ebenfalls schon wegen der guten Leistung bei hohen ISO-Werten schätzte. Die NEX ist, was die Anzeige von Details bei wenig Licht angeht, nochmals merklich besser. Der Vergleich von Nachtaufnahmen in der Küche zeigte etwa, dass die NEX bei ISO 3200 (JPEG) noch Reflexionen von Gegenständen auf Armaturen recht deutlich nachzeichnete, was bei der Canon mit mehr Detailverlust verbunden war.
Wer's nicht glaubt, sollte sich die vorzüglichen NEX Tests auf den "Chip"-Seiten anschauen, wo sich die Performance bei verschiedenen ISO-Werten detailliert vergleichen lässt. Dieser Test führte auch bei mir letztlich zur Kaufentscheidung. Wer die ISO 3200-Performance und die längere Akkulaufzeit nicht benötigt, sollte wegen der besseren Ausstattung und des Metallgehäuses aber besser gleich zur NEX 6 greifen.
Negativ ist mir an der F3 vor allem der Ein-/Ausschaltknopf aufgefallen, der zu klein und umständlich zu bedienen ist. Außerdem ist trotz der Vielfalt der mittlerweile verfügbaren Adapter die Flexibilität immer noch kleiner und sind vor allem die Kosten für Objektive und Zubehör erheblich höher als bei der Canon-DSLR-Ausstattung. Das wird sich aber wohl noch ändern.

Schuld und Sühne
Schuld und Sühne
Preis: EUR 0,00

5.0 von 5 Sternen Das unendliche Leiden der Menschheit, 1. Mai 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Schuld und Sühne (Kindle Edition)
"Schuld und Sühne" ist nicht nur Dostojewskis Meisterwerk, sondern in mancherlei Hinsicht der faszinierendste Roman der Weltliteratur überhaupt. Wobei der ältere Titel gegenüber der neueren und wohl korrekteren Übersetzung "Verbrechen und Strafe" den Vorteil hat, dass er dem Kern der Intention dieses Romans näher kommt.
Es gibt ähnlich packende Romane im Fundus der großen Schriftsteller, es gibt ähnlich psychologisch versierte, ökonomisch aufschlussreiche und sozial bedrückende Studien mit zugleich philosophischer und religiöser Unterfütterung, aber es gibt kaum ein vergleichbares Werk, das über eine solche Distanz einen solch brillanten Erzählstil aufweist und zugleich auf allen genannten Wissensgebieten faszinierende Diskurse liefert. Die herausragende Fähigkeit Dostojewskis, was das Schreiben von Dialogen angeht, muss man gar nicht besonders hervorheben.

Zunächst ist "Schuld und Sühne" zwar ein Kriminalroman, in dem der gewesene Student Rodion Raskolnikov zum Doppelmörder an zwei älteren Frauen wird. Und schon in dieser Hinsicht hat Dostojewski außerordentliches geleistet.
"Erst seit Dostojewski", heißt es im Nachwort, "gibt es diese Verbindung packender Kriminalistik und eindringlicher psychologischer Betrachtung, dieses erbarmungslose Hineinleuchten in das düstere Doppeldasein eines Mörders, dieses Ergründen auch der letzten Ursachen und Motive der Bluttat, diese Beschreibung des ganzen Infernos von Gewissensqualen." Besser kann man es nicht formulieren. Thomas Mann nannte den Roman den “größten Kriminalroman aller Zeiten“. Aber "Schuld und Sühne" ist eben weit mehr als ein Kriminalroman, auch wenn die Kriminalgeschichte sozusagen die Klammer um die Ausführungen des Autors zu den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten bildet.

Da ist zunächst die Philosophie. Raskolnikov wird nicht in erster Linie aus Armut zum Mörder, sondern weil er eine krude Theorie vertritt, die Theorie nämlich, dass außergewöhnliche Menschen das Recht haben, Verbrechen zu begehen, um sich in einen Stand zu versetzen, in dem sie später so viel Gutes tun können, dass diese Verbrechen der Gesellschaft in vielfacher Hinsicht am Ende zum Nutzen gereichen:
"Sollte aber ein solcher Mensch im Interesse seiner Idee es als nötig erkennen, selbst über Leichen und durch Blut vorwärtszuschreiten, so kann er nach meiner Ansicht sich innerlich, in seinem Gewissen, selbst die Erlaubnis erteilen, auch durch Blut dahinzuschreiten, jedoch nur in dem Umfange, wie es zur Verwirklichung der Idee erforderlich ist."
Die Theorie der Existenz solcher Übermenschen hat Nietzsche ähnlich vertreten, quasi die Einteilung der Menschen in Herrscher und Beherrschte, von denen die Ersteren Freiheit zu allen, auch den ungesetzlichen Handlungen hätten, während den Letzteren ein ewiges Sklavendasein beschieden sei. Im Gegensatz zu Nietzsche aber erkennt Dostojewski am Ende, dass dieses Prinzip zum Scheitern verurteilt ist.
"Aber nun bitte, sagen Sie mir doch noch eins: wodurch soll man diese außerordentlichen Menschen von den gewöhnlichen unterscheiden?", fragt der ermittelnde Beamte Raskolnikov in der Diskussion über dieses Prinzip. Und am Ende erkennt der Verbrecher selber: "Durch [diesen Mord] wollte ich mir nur eine unabhängige Position schaffen, den ersten Schritt tun, die Mittel erlangen, und später wäre dann alles durch einen unverhältnismäßig viel größerem Nutzen aufgewogen worden. Aber meine Kraft hat nicht einmal für den ersten Schritt ausgereicht, weil ich eben nur so ein Lump bin." Der vermeintliche Übermensch hat sich einer Selbsttäuschung hingegeben, das Verbrechen ist am Ende sinnlos gewesen.

Da ist zum zweiten die Auseinandersetzung zwischen heraufziehendem modernen Kapitalismus und dem christlichen Prinzip. Dostojewski hat offensichtlich die zeitgenössischen nationalökonomischen Schriften gekannt und der Verehrer von Raskolnikovs Schwester, ein Petersburger Emporkömmling, argumentiert wie Adam Smith:
"Wenn man mir zum Beispiel bisher sagte: „Liebe deinen Nächsten!“ und ich ihn demgemäß liebte, was war dann die Folge? … Die Folge war, dass ich meinen Rock in zwei gleiche Teile zerriss, den einen Teil meinem nächsten gab und wir bald so beide halbnackt blieben, nach dem Sprichworte: 'Wer mehreren Hasen zugleich nachjagt, bekommt keinen.' Die Wissenschaft aber sagt: 'Liebe vor allen anderen dich selbst, denn alles in der Welt beruht auf dem persönlichen Interesse.' Wenn man also nur sich selbst liebt, so betreibt man seine Geschäfte mit der gehörigen Sorgfalt, und der Rock bleibt heil. Und die nationalökonomische Theorie fügt hinzu, dass, je mehr wohl geordnetes Privateigentum, sozusagen ganze Röcke, es im Staate gibt, umso mehr feste Grundlagen für ihn vorhanden sind und umso mehr das Wohl der Gesamtheit gesichert ist. Folglich, wenn ich einzig und allein für mich erwerbe, so erwerbe ich gerade dadurch gewissermaßen auch für alle und bringe es dahin, dass mein nächster etwas mehr als einem halben Rock erhält, und zwar nicht von der privaten Mildtätigkeit eines einzelnen, sondern infolge der allgemeinen gedeihlichen Entwicklung."
Demgegenüber setzt Raskolnikov die Auseinandersetzung mit dem, was der Ökonom für "Gemeinplätze" hält, dem überkommenen christlichen Prinzip der Nächstenliebe, dem Bedürfnis des Menschen, von irgendjemandem angenommen und in seiner Würde respektiert zu werden, auch wenn diese noch so gering sein mag wie beim Säufer Marmeladov. Dem Verlangen, das dieser in einer der elendesten und großartigsten Szene des Romans formuliert: "Es müsste doch jeder Mensch wenigstens irgendwo hingehen können." Und der Hoffnung darauf, dass es tatsächlich einen gibt, der am Ende sagt:
"Kommet her, ihr Säufer, kommet her, ihr Willensschwachen, kommet her, ihr Schamlosen. Und wir werden alle kommen, ohne Scheu, und vor ihn hin treten. Und er wird sagen: Schweine seid ihr, Ebenbilder des Viehes, aber kommet auch ihr zu mir!"

Und das führt zum dritten Element des Romans. "Schuld und Sühne" ist auch eine überwältigende Sozial- und Elendsstudie. Auch wenn Dostojewskis Anschauungsmaterial zum Teil aus dem London des Frühkapitalismus stammen mag, die Beschreibung des Petersburger Elends, im Detail nachgezeichnet an der Familie des Trinkers Marmeladov, sucht ihresgleichen. Selten ist so tief in das Leiden eingetaucht worden wie hier, selten hat eine Leidensgeschichte so nach Erlösung geschrien. Nicht umsonst sagt Raskolnikov zu Sonja, als er zu ihren Füßen niederfällt: "Nicht vor dir habe ich meine Knie gebeugt, sondern vor dem ganzen unendlichen Leiden der Menschheit."
Das Thema soziale Ausweglosigkeit beherrscht die Handlung.
Die Lösung, die aber Dostojewski am Ende für all das Leiden findet, ist durchaus zweifelhaft. Sie liegt im Leiden und Sich-Ergeben in sein Schicksal. Dostojewski hat somit die entscheidende Frage des Werks, ob nicht eine andere, bessere Lösung möglich sei als Leiden und Unterwerfung, selber mit "Nein" beantwortet. So wie es auch der ermittelnde Beamte Raskolnikov gegenüber formuliert: "Denn das Leid, Rodion Romanowitsch, ist etwas Großes und Heiliges."
Und in der Liebe: So heißt es über Raskolnikov und Sonja in der sibirischen Verbannung: "Auf diesen blassen, kranken Gesichtern strahlte schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, einer völligen Wiedergeburt zu neuem Leben. Die Liebe war es, die diese Wiedergeburt bewirkt hatte; dem Herzen des einen entsprangen unerschöpfliche Quellen des Lebens für das Herz des anderen."
Dass Dostojewski sich zur Zeit der Entstehung dieses Romans von demokratischen Idealen und utopischen Ideen distanziert hatte, wird im Abstand zu den sozialistischen Ideen der Zeit deutlich. Dem Glauben, dass "ein soziales System, das Produkt eines mathematischen Kopfes, .. sofort die ganze Menschheit in Ordnung bringen und sie im Nu gerecht und sündlos machen" wird, "ohne jede historische und organische Entwicklung", kann Dostojewski nicht mehr viel abgewinnen. Und das trotz seiner tiefen Einsicht in das Funktionieren von Macht: "Wer der Masse dreist entgegentritt, der gilt ihnen als Gesetzgeber, und wer mehr als alle anderen wagt, der hat auch das allergrößte Recht!
Die Macht wird nur dem zuteil, der es wagt, sich zu bücken und sie aufzuheben. Nur auf eines kommt es an, nur auf eines: wagen muss man!"

Dostojewski hat aber auch auf ein paar Nebenschauplätzen noch interessante Erkenntnisse zu bieten.
Beispielsweise in der Geschichte des Verführers Swidrigailow und seiner Ausführungen über die Verführungskunst und das Funktionieren von Schmeichelei (nicht nur) beim weiblichen Geschlecht. "Nichts auf der Welt ist schwerer als Aufrichtigkeit nichts leichter als Schmeichelei. Wenn bei der Aufrichtigkeit auch nur ein Hundertstel einer Note falsch ist, so entsteht sofort eine Dissonanz und in deren Gefolge ein Zerwürfnis. Wenn aber bei der Schmeichelei alles, von der ersten bis zur letzten Note, falsch ist, so bleibt sie trotz alledem angenehm und wird mit Vergnügen angehört."
Oder die Erkenntnis über die menschliche Freude am Leid anderer, wenn er das "eigentümlichen Gefühle innerer Befriedigung" beschreibt, "das stets, selbst bei den Nächststehenden, rege wird, sobald einem andern ein plötzliches Unglück zustößt, und von dem trotz des aufrichtigsten Mitleides und Bedauerns doch schlechterdings niemand frei ist".

Als Fazit bleibt, dass man mit Dostojewskis Konsequenz aus dem geschilderten Leid und Elend nicht konform gehen muss. Das ändert aber nichts an der überwältigenden Wirkung dieses Romans. Dessen überzeugende Kraft stammt vielmehr, wie im Nachwort treffend zusammengefasst, "aus der unverzichtbaren Tiefe eines echten humanen Gefühls, der Sympathie für die Erniedrigten und Beleidigten ..."

Rime of the ancient mariner
Rime of the ancient mariner
Preis: EUR 0,00

3.0 von 5 Sternen Love man and bird and beast, 1. Mai 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Rime of the ancient mariner (Kindle Edition)
Lesenswert an diesem Band ist zunächst die Einführung in Coleridges Poesie und die zeitgenössische englische Lyrik in den Jahren vor und nach Ausbruch der Französischen Revolution. Auch die Kommentare zu den Gedichten, wenngleich gelegentlich arg trocken geraten, sind empfehlenswert. Coleridges persönliche Entwicklung wird ebenfalls dargestellt, und das nicht zu knapp. Hier hätte man sich ein wenig Straffung gewünscht. Denn leider enthält der Band einen Haufen unnützer biografischer Notizen die für die Interpretation des Werkes eher belanglos sind. Das wichtigste was daraus hervorgeht, ist, dass Coleridge, der Dichter, offenbar ein halbes Leben vor dem Mann starb.

Der „Rime oft the ancient mariner“ macht nur einen Teil dieses Bandes aus. Die Ballade, die Coleridge als junger Mann geschrieben hat, klingt oft reif wie ein Alterswerk. Gewiss sind diese Verse formal und sprachlich beeindruckend, zumindest im englischen Original, vermutlich sogar nahe an der Perfektion. Inhaltlich geht es darum, dass ein alter Seemann einen Albatros mit dem Bogen abschießt - warum, bleibt unklar - und fortan unter den psychischen Folgen dieser Freveltat und dem Drang, diese der Welt mitzuteilen, leidet. Das Fazit dieser Ballade ist denn auch ein menschen- und tierfreundliches: „He prayeth well, who loveth well, Both man and bird and beast.“ Insofern kann man dem Werke nur zustimmen.

Das zweite Gedicht dieses Bandes ist die ziemlich verkorkste romantische Spukgeschichte "Christabel", an der Coleridge offenbar jahrelang herumexperimentierte. Jahre nach dem Entstehen schrieb er den zweiten Teil des Werks und fügte auch Kommentare hinzu, ohnehin seine Schwäche, die aus eigenen biografischen Daten abgeleitet waren. Diese beiden Teile passen indes nicht zusammen, der Inhalt ist konfus und anhand der Anmerkungen lässt sich vermuten, dass Coleridge schlicht nicht in der Lage war das Ganze zu einem vernünftigen Abschluss zu bringen. Wordsworth bestätigte, dass Coleridge ihm gegenüber niemals erwähnt habe, das Gedicht je zu Ende bringen zu wollen. Was bleibt, ist ein mehr oder weniger irritierendes Fragment. Es gehört schon einiges dazu, soviel Verwirrung in eine vergleichsweise kurze Ballade hineinzubringen. Vielleicht dachte der Autor auch daran, Sinn und Interpretation von vornherein dem Leser zu überlassen. Außer einem Hauch an romantischer Atmosphäre gibt es in diesem Gedicht leider nichts zu entdecken.
Vielleicht ist dieses Poem auch die eigentliche Verkörperung der Schaffenskrise des Dichters, die ihm immer wieder zu schaffen machte, und die er auch immer wieder thematisierte: „I may not hope from outward forms to win / The passion and the life, whose fountains are within”, schreibt Coleridge in “Dejection”, sich bewusst, dass diese inneren Quellen stets vom Versiegen bedroht waren.
„Work without hope“ enthält die bemerkenswerte Zeile „Work without hope draws nectar in a sieve / And Hope without an object cannot live.”
Und in “Youth and Age” heißt es: “Where no hope is, life’s a warning / That only serves to make us grieve.”
In “Love” findet der Dichter den bemerkenswerten Beginn: “All thoughts, all passions, all delights, / Whatever stirs this mortal frame, All are but ministers of Love, And feed his sacred flame." Dieser viel versprechende Beginn wird anschließend romantisierend leider verschenkt.
Von den übrigen Werken ist noch das hoffnungsvolle "France" bemerkenswert, in dem es heißt: "And, conquering by her happiness alone / Shall France compel the nations to be free". Auch mit diesen Versen hatte Coleridge aber wenig Glück, sind sie doch zum Zeitpunkt des französischen Überfalls auf die Schweiz entstanden.

Insgesamt muss man sagen, dass Coleridge, vergleicht man die Verse zumindest dieser Sammlung etwa mit Schillers Balladen, erstaunlich wenig aus seiner umfassenden klassischen Bildung gemacht hat. Schaffenskrisen und Alkoholeskapaden haben diesem Dichter wohl zu arg zugesetzt. Selbst sein Biograf tritt Coleridge gegenüber verblüffender Weise recht kritisch auf und verweist auf die kurzen kreativen Zeiten, unterbrochen von Krise und Depression. Was von Coleridges Dichtung bleibt, ist der Beginn der Romantik, chaotisch im Aufbau und strittig in der Deutung.

Dragon NaturallySpeaking Home 12.0
Dragon NaturallySpeaking Home 12.0
Preis: EUR 74,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wutanfälle wegstecken, 1. Mai 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Dragon NaturallySpeaking Home 12.0 (DVD-ROM)
Ich habe diese Software gekauft, um meine entzündeten Sehnen von der Tipparbeit zu entlasten. Betrieben wird Dragon 12 auf einen 2,4 GHz i5-Notebook mit 8 GB RAM SSE 4.2 Chipsatz.
Ich habe die Software installiert und mehrere Texte eingelesen, um die Genauigkeitsoptimierung anzupassen. Im aktiven Betrieb habe ich zusätzlich zeitweise alle nicht benötigten Prozesse deaktiviert, um den Prozessor und den Arbeitsspeicher zu entlasten. Nach einigen Wochen teils nervlich strapazierendem Einsatz nun meine Erfahrungen im Vergleich zu den Aussagen des Herstellers.

* "Erkennungsgenauigkeit von bis zu 99 %"
Die Betonung liegt auf "bis zu". In der Tat wurden ganze Satzteile nach kurzen Trainingseinheiten häufig richtig erkannt. Leider wurden andere immer wieder komplett verstümmelt, so dass die meisten Sätze grundlegend überarbeitet werden mussten.

* "Dragon 12 Premium funktioniert in fast allen Windows-Anwendungen."
Prinzipiell ja, aber leider bisweilen langsam und unzuverlässig. Häufig arbeitete Dragon erst mal eine Viertelminute im Hintergrund weiter, ehe überhaupt der Text in irgendeinem Fenster erschien. Oft funktionierte bei mir nicht mal das Abschalten des Mikrofons, weil das Programm blockierte. War es dann abgeschaltet, wurde dennoch weiter Text eingefügt, und das selbstredend ohne Vorwarnung. Zu keinem Zeitpunkt war ersichtlich, was die Software gerade tat und woran sie arbeitete. Manchmal dauerte es minutenlang, bis der zweite von zwei diktierten Sätzen tatsächlich eingefügt wurde.
Häufig wurde aus unersichtlichen Gründen völlig unsinniger Text eingefügt, möglicherweise durch Nebengeräusche verursacht. Auch der Tooltip "Bitte sagen Sie das noch einmal" ist bisweilen omnipräsent.

* Das Programm war sehr eifersüchtig. Die Idee, neben dem Betrieb von Dragon mit dem Rechner noch irgendetwas anderes arbeiten zu wollen, blieb Makulatur. Permanent blockierte die Software etwa das parallele Tippen von Text durch das Einfügen irgendwelcher zusammenhanglosen Worte.

* "Produktivität und Arbeitskomfort auf ganz neuem Niveau"
Anfangs war ich mit der Tastatur weit schneller als mit dem Diktieren, bedingt durch das versetzte und fehlerhafte Einfügen und den hohen Überarbeitungsbedarf. Ich war kurz davor, die Software wieder zu verkaufen.

Nach einer Reihe von Trainingseinheiten habe ich das Programm inzwischen so weit, dass ich seitenweise diktieren kann und tatsächlich ganze Sätze korrekt wiedergegeben werden, so dass ich vom diktierten Text nur noch 20-30 Prozent überarbeiten muss. Das klingt viel, aber damit wird einem immerhin viel Tipparbeit abgenommen. Außerdem kann der Anteil durch weiteres Lernen des Programms im Laufe der Zeit noch weiter reduziert werden.
Ich verwende inzwischen Word als Texteditor, nachdem ich mit Notepad++ immer wieder das Problem hatte, dass sich das Diktierfenster unerwünscht einschaltete.
Es empfiehlt sich unbedingt, die kompletten vorgeschlagenen Trainingseinheiten durchzugehen und auch eigene Texte aus den vorgesehenen Wissensgebieten zum Training zu verwenden, um die Software mit dem eigenen Vokabular vertraut zu machen. Auf dem Weg zum einfachen Diktieren sollte man Geduld haben und auch ein paar Wutanfälle wegstecken können.

Hetärengespräche
Hetärengespräche
Preis: EUR 0,00

4.0 von 5 Sternen zeitlose Liebeshändel, 21. April 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Hetärengespräche (Kindle Edition)
Diese Sammlung an Hetärengespräche ist ein wichtiges zeithistorisches Dokument, das unverhoffte Kenntnisse über das antike Athen vermittelt. Diese sind nicht nur den Gesprächen selber, sondern auch den kundigen Kommentaren des Übersetzers Wieland zu danken.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Die Geschlechter waren auch im alten Griechenland, zumindest soweit es das Bürgertum anbetraf, streng getrennt. Hetären genossen zwar keinen guten Ruf, waren aber zugelassen, um als Ventil für die zwangsweise entstehenden sexuellen Frustrationen zu fungieren.
Die hier dokumentierten Gespräche zwischen den Frauen, die sozusagen offizielle Geliebte waren, sind alles andere als schlüpfrig, wie man es vielleicht vermuten könnte, aber sie malen ein vorzügliches Sittengemälde der Antike.
Wieland versieht das ganze mit kenntnisreichen, oft sogar humorvollen, wenngleich manchmal gönnerhaft-spießigen Kommentaren. Die hier dokumentierten Liebeshändel sind zeitlos und klingen auch heute, als wären sie über Zeitgenossen geschrieben. Ein Beweis dafür, dass an der Psychologie der Liebe sich über die Jahrtausende nichts geändert hat.

Väter und Söhne
Väter und Söhne
Preis: EUR 2,81

4.0 von 5 Sternen Vielschichtig und komplex, 19. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Väter und Söhne (Kindle Edition)
Der Titel dieses Buches, "Väter und Söhne", weist wohl darauf hin, was Turgenjew hier beabsichtigte, nämlich eine Geschichte über die Veränderungen und Entwicklungen von der Generation der Väter zu der der Söhne: "Wir dürfen nicht daran denken, euch einzuholen. Ihr seid bestimmt, uns zu ersetzen", formuliert der Vater des Protagonisten. Und die Mutter: "Ein Sohn ist wie ein Lappen, der sich losreißt; er gleicht dem jungen Falken; es beliebt ihm zu kommen, und er kommt, es beliebt ihm zu gehen, und er fliegt davon."
Ähnliche Zitate in diesem Buch stellen die Söhne und Ihre Ideen den Vätern und den Idealen von deren Generation gegenüber. Diese Gegenüberstellung ist aber nicht das einzige Thema dieses Buches.
Er ist auch nicht nur die Geschichte des jungen Nihilisten Eugen Bazaroff, der Hauptperson dieses Werkes, dessen Leben am Ende genau so respektlos endet wie seine Philosophie jeglicher Autorität gegenübersteht.
Der Roman ist auch keine philosophische Abhandlung, auch wenn Bazaroff seinen Nihilismus durchaus philosophisch und politisch begründet und utopistische Ideen vertritt ("Reformieren Sie die Gesellschaft, und es gibt keine Krankheiten mehr").
Der Roman ist auch nicht die unglückliche Liebesgeschichte dieses Bazaroff, der kein Glück bei den Frauen hat, unter anderem deswegen, weil er seine philosophische Einstellung auf seine zwischenmenschlichen Kontakte anwendet und damit alle potentiellen Freunde ("Welche Verleumdungen man immer über einen Menschen verbreitet, er verdient noch zwanzig Mal mehr") und Geliebten ("In jeder Unterhaltung ... legte er stärkere Geringschätzung für jede Art von Romantik an dem Tag, und wenn er mit sich allein war, erkannte er mit Finstern nun, dass sich die Romantik seiner selbst bemächtigt hatte") vor den Kopf stößt.
Die durch seine eigene Haltung begründete Philosophie der elitären Einsamkeit wird bei ihm zur schicksalshaften Lebensgeschichte. Aber auch sie ist nicht das Hauptthema.
Turgenjew erzählt von allem zugleich, und er lässt all diese Ebenen nebeneinander stehen, was den Roman komplex und vielschichtig erscheinen lässt. Er erweist sich dabei als psychologisch beinahe ebenso versiert wie die großen russischen Zeitgenossen seiner Zunft.
"Väter und Söhne" leuchtet das Mann-Frau-Verhältnis ebenso aus wie das Verhältnis von Eltern und Kindern, außerdem bietet es Reflexionen über die Liebe und präsentiert eine der großartigen Sterbeszenen der Weltliteratur. Die Geschichte hat insgesamt keine wirkliche Fokussierung, sie schwankt zwischen Menschen und Themen hin und her und wirkt so bisweilen wie ein Ausschnitt aus dem Leben ihrer Protagonisten. Das gibt ihr etwas ungemein Biografisches.

Die schwarze Spinne
Die schwarze Spinne
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4.0 von 5 Sternen Fragwürdige Moral, 14. April 2013
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Rezension bezieht sich auf: Die schwarze Spinne (Kindle Edition)
Die Geschichte beginnt mit einer Kindstaufe und der entsprechenden Feier im Berner Oberland.
Dieser Dichter entwickelt bei der Beschreibung dieser Feier eine dermaßen sinnliche, gleichsam fette, Sprache, dass man ihm nicht nur alle Behäbigkeit und adjektivgesättigten Manierismen vergibt, sondern sich zu seinen behaglich blickenden Kühen und stattlichen Pferden hin wünscht, den stämmigen Mägden am Brunnen beim Gesicht waschen und den wohl genährten Hühnern beim Eierlegen zusehen möchte sowie hernach die Finger in den schönen blau geränderten Teller mit dem Weinwarm nach dem alten Berner Rezept tauchen, in der anderen Hand den Käse und im Mund ein Stück vom Zupfe, dem eigentümlichen Berner Backwerk. Und hinterher noch von den schönen weißen Brot kosten, das die Großmutter eingeschnitten und am "Voressen von Hirn, von Schaffleisch, saurer Leber" teilnehmen, danach noch das "Rindfleisch, grünes und dürres" verköstigen, "dünne Bohnen und Kannenbirenschnitze, breiten Speck dazu „und prächtige Rückenstücke von dreizentnerigen Schweinen".
Nach der Völlerei zur Kindstaufe zu Beginn erzählt der Großvater, der an der Feier teilnimmt, eine rechte Horrorstory. Diese Erzählung schildert in Form einer Sage eine angebliche historische Begebenheit, welche einen Brückenschlag in die Jetztzeit hat.
Einstmals, so die Sage, gingen die Bauern des Dorfes einen Pakt mit dem Teufel ein, um den Frondienst für einen gewalttätigen Schlossherrn rechtzeitig zu Ende zu bringen. Der Versuch der Bauern, den Teufel am Ende dabei zu betrügen, geht aber gewaltig schief, denn der Teufel schickt Ihnen die schwarze Spinne auf den Hals, die Viehbestände und Dorfbevölkerung gewaltig dezimiert.
In der Erzählung dieser historischen Geschichte erweist sich Gotthelf als versiert in vielen Bereichen: Notleidende Bauern, die Versuche der Gemeinschaft, zusammenzuhalten in Solidarität ebenso wie in dem Versuch, einen Sündenbock zu finden und auf diesen alle Schuld abzuladen. Der Autor hat hier psychologisch und soziologisch vorzüglich gearbeitet.
Vom Aufbau, der Strukturierung und dem erzählerischen Vermögen her ist dies ohnehin eine der eindrucksvollsten Erzählungen deutscher Sprache überhaupt.
Bedenklich lediglich: der religiöse Furor in dieser Erzählung ist der der "Heiligen Inquisition", der Ketzer verbrennt und die Folterer segnet. Es weht hier kein Geist der Aufklärung, sondern der des mittelalterlichen Aberglaubens.
Die Moral ist fragwürdig: hier wird die Angst vor dem Teufel zum einzigen Motiv, ein gutes und mitleidiges Leben zu führen. Letztlich handelt es sich hierbei um eine Sage, die stark von Pfarrer und Moralisten Gotthelf geformt wird. Die Lust daran, die gottlosen Reichen für fehlendes Mitleid zu strafen, tritt überdeutlich zutage.

Der Doppelmord in der Rue Morgue
Der Doppelmord in der Rue Morgue
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sherlock Holmes Ahne, 14. April 2013
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Der "Doppelmord in der Rue Morgue" ist die Geschichte eines brutalen Mordes an zwei Frauen, der unter solch merkwürdigen Umständen geschieht, dass, wieder einmal, die Polizei nicht in der Lage ist, den Fall zu klären. Statt dessen bedarf es dazu des Amateurdetektivs Dupin.
Es ist anzunehmen, dass Arthur Conan Doyle diese Erzählung gelesen hat, denn die Wortwahl des späteren Sherlock Holmes gleicht bis auf den Satzbau der des Vorläufers Dupin in Poes Erzählung.
Auch Dupin findet Einzelheiten, die der Polizei verborgen blieben und legt seinem Freund die Argumente über den Hergang des titelgebenden Verbrechens in stringenten logischen Analysen dar. Allerdings gerät diese bei Dupin im Vergleich zu seinem Nachfolger etwas zu langatmig.
Dennoch: Hier finden sich immerhin die Spuren der Geburt einer der folgenreichsten Figuren der kriminalistischen Moderne.
Poe stellt der Erzählung allerdings auch eine lesenswerte fast philosophische Erörterung über Klugheit und analytische Fähigkeiten voran, die vielleicht sogar interessanter ist als die eigentliche Geschichte, welche doch unter gewissen Plausibilitätsmängeln leidet.

Der Untergang des Hauses Usher
Der Untergang des Hauses Usher

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen wenig überzeugendes Finale, 14. April 2013
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In dieser Geschichte geht es um den Untergang des "Hauses" Usher, eines Geschlechts, dessen männliche Sprösslinge bereits über Jahrhunderte unter "nervlicher Anspannung" bzw. Zerrüttung litten und dessen Untergang nun endgültig in einer Unwetternacht erfolgt.
Die Geschichte ist gekonnt und routiniert erzählt und vermag von Anfang an in den Bann zu schlagen. Der Dichter macht die Natur zum Zeugen des Untergangs, indem dieser von einem fürchterlichen Unwetter choreografiert wird. Poe versucht aber einerseits fortwährend, die merkwürdigen Wahrnehmungen, die den Untergang symbolistisch begleiten, naturwissenschaftlich zu erklären, suggeriert aber dem Leser zugleich, da möge vielleicht doch etwas Übernatürliches im Schwange sein. Am Ende will er dann zu viel, die Analogie zwischen den Ereignissen in der Lektüre, die der Erzähler dem letzten Überlebenden der Linie zuteil werden lässt und den tatsächlichen Ereignissen wirkt arg gekünstelt und das Auseinanderbrechen des Landsitzes ist so unplausibel, als wäre Poe der Geschichte überdrüssig geworden und hätte sie schnell zu Ende bringen wollen. Vor allem wegen dieses wenig überzeugenden Finales würde ich diese Geschichte nicht zu den stärksten Erzählungen Poes rechnen.

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