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helmut seeger "liberaler" (karlsruhe)
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Die Gedichte: Ausgabe 1924
Die Gedichte: Ausgabe 1924
von Hugo von Hofmannsthal
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

2.0 von 5 Sternen missratene Metaphern, 30. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Gedichte: Ausgabe 1924 (Taschenbuch)
Einige der anfänglichen Gedichte Hofmanntsthals haben Einzug in den kulturellen Kanon der deutschen Lyrik gefunden. Metaphern wie die von den "alterslosen Seen" oder das Gedicht von den "Beiden" erinnern an Schulzeiten.
Aber wenn einer schreiben will wie Rilke, muss er auch über die sprachlichen Möglichkeiten verfügen, sonst rutscht das schnell ins Lächerliche ab.
Ein Beispiel: "Manche freilich müssen drunten sterben / Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen / Andre wohnen bei dem Steuer droben / Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne."
Ist das ein lyrischer Versuch oder eine Verhöhnung des Proletariats?
Auch eine erstaunlich freimütige Sicht auf die Liebe ist dem Dichter eigen: "Die Liebste sprach: Ich halt dich nicht ... / In vielen Betten ruh dich aus / Viel Frauen nimm bei der Hand".
Ob das auch der Liebste so sehen würde?
Erstaunlich bei Hofmannsthal ist die hier immer wieder auftretende Unbeholfenheit beim Versmaß. Dazu kommen häufig missratene Bilder wie in "Ein Knabe":
"Doch alle seine Tage waren so geöffnet wie ein leierförmig Tal / Darin er Herr zugleich und Knecht zugleich / Des weißen Lebens war und ohne Wahl."

Es findet sich in dieser Sammlung ein buntes Sammelsurium an Themen, z. B. Gedichte auf ein antikes Vasenbild oder Prologe zu Büchern, was ja prinzipiell nichts Schlechtes ist.
Hofmannsthal verleiht allen seine Stimme, lässt den gedungenen Schiffskoch singen wie den Kaiser von China sprechen, nur überhebt er sich damit merklich und trifft allzu selten den rechten Ton.
Was der Dichter hätte leisten können, kann man im Nachruf auf einen Schauspieler lesen:
"Er losch auf einmal aus so wie ein Licht / Wir trugen alle wie von einem Blitz den Widerschein der Blässe im Gesicht."
Da huscht auf einmal etwas Lebensnahes, uns Angehendes durch die Verse.
Aber gleich darauf stürzt Hofmannsthal wieder in missratene Metaphern ab. Schade.


Unpolitische Lieder: Erweiterte Ausgabe
Unpolitische Lieder: Erweiterte Ausgabe
Preis: EUR 2,99

4.0 von 5 Sternen Befreiter mitsingen, 29. Dezember 2013
Hoffmann ist im 19. Jahrhundert einer der wenigen deutschen Dichter der die Charaktereigenschaften Mut, Humor, Bildung und Verstand in einer Person vereinigt. Satiren auf die Ruhe als erste Bürgerpflicht, auf die Staatsinquisition oder ein Trinklied auf die Feinde sprechen für Originalität und Sinn für die feinen Nuancen des lyrischen Spottes.
Sein Eintreten für die deutsche Einheit und sein Spott auf Fürsten ("Der Fürst ist der Jäger / das Volk ist das Wild"), Adel ("Uns brächte weniger Gefahr / Bär, Löwe, Greif und Aar / Als jenes saubre Hofgeschmeiß / Wovon die Welt zuviel nur weiß") und Polizeisstaat kosteten ihn seine Professur, und er musste einen Gutteil seines Lebens zwar nicht wie Heine im französischen, aber im "deutschen" Exil verbringen.
Schon der Titel "Unpolitische Gedichte" ist satirisch zu verstehen, denn diese Gedichte sind exakt das Gegenteil von "unpolitisch".
Hoffmann von Fallersleben, der im Übrigen kein Adliger war, sonndern sich nach seinem Wohnort benannte ("So schrieben sich viel Biederleute / Nach ihrem Ort und tuns noch heute / Und keiner dachte je daran / Durch von würd er zum Edelmann") ist durch und durch Demokrat und engagierter Bürger. Er mag zwar als Verfasser des "Lieds der Deutschen" seinen Ruhm erworben haben, aber seine Bedeutung als Dichter reicht weit über dieses Werk hinaus.
Hoffmann war umfassend gebildet, kannte die antiken Schriftsteller, wahrt aber die kritische Distanz zur Antike ("O wäret Ihr nur Sklaven dort gewesen / Von Eurem Rühmen wärt Ihr längst genesen"), macht sich aber auch über die "gute alte Zeit" lustig, schreibt launige Lobeshymnen auf den deutschen Zollverein, in der er den freien Warenverkehr der eng begrenzten Freizügigkeit der Menschen gegenüberstellt.
Ein Dichter, der einiges mit Heine gemein hat, dessen sprachliche Verskunst nicht die elaborierteste sein mag, aber der es verdiente, in der öffentlichen Anerkennung einen Platz zu behalten und zu den bedeutenderen deutschen Dichtern des 19. Jahrhunderts zu zählen ist.
"Mit dem Wörterbuche lesen / Muss man jedes Maigedicht / Wer die Cypris ist gewesen / Weiß ich armer Deutscher nicht / Auch Pandora, Flora, Iris / Zeus, Aurora, Rhadamanth/ Midas, Isis und Osiris / Sind mir gänzlich unbekannt. / Sagt für wen doch wollt Ihr dichten / Für's gelehrte Häufelein / Nun, so müsst Ihr drauf verzichten / Deutschlands Dichter je zu sein."

Fallersleben verfügte darüber hinaus über eine moderne Strafrechtsauffassung ("Im Arbeitshaus erwachet / nicht Fleiß und Arbeitstrieb / Das Zwangs- und Zuchthaus machet / Nicht tugendhaft den Dieb") und hatte für die zeitgenössischen "Liebesdichter" nur Spott übrig, was ihn auch ein Stück weit sympathisch macht.
Leider schreckt der Dichter aber auch nicht vor Peinlichkeiten wie der sprachlich verunglückten Ballade auf den alten Germanenrecken Arminius zurück, deren völlig verkorkste Verse dieser Sammlung ein wenig von ihrer Seriosität nehmen.
Dennoch: Hoffmann ist ein Vertreter des Fortschritts und des Glaubens an eine bessere und freiere Zukunft ("Drum lasset doch den Geist der Zeiten / Ihn hemmt kein Wehr, kein Damm, kein Band / Er wird tagtäglich vorwärts schreiten / Frei wie der Fluss durch's ganze Land") und er trägt sein Scherflein bei, diese Realität werden zu lassen:
"Wir geben und der König nimmt / Wir sind zum Geben nur bestimmt / und statt des Stachels gab Natur / Uns eine stumpfe Zunge nur / Die dürfen wir nie unsertwegen / und nur im Dienst des Königs regen."

Stilistisch auffällig für einen Gelehrten wie Hoffmann ist der Volksliedcharakter vieler Lieder, noch dadurch bestärkt, dass die Reime auf Melodien zeitgenössischer oder älterer Lieder beruhen.

Unterm Strich: Ein großer Freiheitsdichter und Verspötter des Adels, den es sich wiederzuentdecken lohnt, wenngleich die lyrische Komplexität oft etwas zu wünschen übrig lässt.
Nach dem Lesen dieser Sammlung hört man das Deutschlandlied mit anderen Ohren - vielleicht kann man auch wieder etwas befreiter mitsingen.


Gedichte: Ausgabe letzter Hand
Gedichte: Ausgabe letzter Hand
von Friedrich Hebbel
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,80

3.0 von 5 Sternen tiefe Einsichten, 29. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Gedichte: Ausgabe letzter Hand (Taschenbuch)
Auch in dieser Gedichtsammlung wünscht man sich mal wieder das Weglassen als editorische Leistung. Unter den Texten sind allzu viele Niedlichkeiten und Nichtigkeiten, Banalitäten wie das Lied vom Vöglein ("Vöglein Vöglein vom Zweig gaukelt hernieder, Lustig sogleich / Schwingt es sich wieder" oder die "Schiffer"-Gedichte. Dass Hebbel auch als Lyriker taugt, zeigt er dagegen eher in den Scheide- und Abschiedsliedern.
Hebbel beherrscht zudem balladeske Stoffe, und das sind in der Regel die besseren Beiträge dieser Sammlung. Die Moral ist bisweilen weitsichtig wie in "Die Polen sollen leben": "Sie sahn das Schicksal winken / Und haben's wohl erkannt / Dass Polen bald den Toten gleicht / Doch keiner ahnt, wie bald vielleicht / Die Welt dem Polenland."
Dass der Autor über tiefe Einsichten verfügt, zeigt er auch an anderer Stelle: "Schilt nimmer mehr die Stunde hart / Die fort von Dir was Theures reißt / ... / Sie will dich vorbereiten ernst / Auf das, was unabwendbar droht / Damit du heut entbehren lernst / Was morgen sicher raubt der Tod."
Meist fehlen allerdings Kraft, Form und vor allem Individualität, um dieser Zusammenstellung Bedeutung zu verleihen. Zu oft handelt es sich bei den Gedichten um Beiträge von der Stange, die Inhalte sind sattsam bekannt: Die treuen Brüder, die schlafende Amme, während das Kind in Gefahr ist, die Affäre zwischen Ritter und Bettelmädchen und deren moralinsaures Ende.
Formal und inhaltlich gelungen sind dagegen die Sonette, wie man Hebbel überhaupt sprachliche und formale Souveränität unterstellen darf. Unter den Sonetten befindet sich dann auch einer der Höhepunkte dieser Sammlung, „Die Freiheit der Sünde", ein geradezu philosophisch-weltweiser Versuch, oder die inhaltlich überzeugenden Sonette „An den Künstler".
Bei diesen Sonetten handelt es sich insgesamt um teils vollendete Kunstwerke, die die Sammlung generell auf ein höheres Niveau hieven.
Dies gilt leider nicht für die darauffolgenden Epigramme (u.a. zu Kunst und Ethik), die merklich schwächeln, was ihre Ausdruckskraft anbetrifft:
„An einen Schriftsteller: Vogel möchtest du sein / Das muss ich dir leider bestreiten / Aber ein Tausendfuß bist du, das räume ich ein".
Die Lobeshymnen auf Goethe und Schiller (dessen Genius Hebbel interessanterweise auf den „großen französischen Kaiser" zurückführt, reichen nicht aus, um das eigene Werk mit emporzuheben.


Gedichte 1853 und 1854 / Nachlese
Gedichte 1853 und 1854 / Nachlese
von Heinrich Heine
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,80

4.0 von 5 Sternen Mieder geöffnet, 29. Dezember 2013
Dem englischsprachigen Wikipedia gilt Heine als einer der "bedeutendsten" deutschen Dichter. Ob das der Fall ist im "Lande der Dichter und Denker", das ja seit Martin Luther eine ganze Schar begnadeter Poeten hervorgebracht hat, kann ich schwer beurteilen. Zumindest war Heine aber wohl der begnadetste Spötter der deutschen Lyrik. Keinem war der Spott so zur zweiten Natur geworden wie ihm. Durchforstet man die deutsche Lyrik, so gilt im Allgemeinen wohl eher der Satz von Matthias Claudius "Sitze nicht da, wo die Spötter sitzen, denn sie sind die elendesten unter den Menschen". Und da Heine der erste große Spötter war, war er zugleich auch neu und originell, und das ist es wohl zuvorderst, was seine Bedeutung ausmacht. Seine Lyrik selber pendelt zwischen begnadeter Satire, herzerfrischender Selbstironie und sprachlichen Konstruktionen auf Discounter-Niveau. Fachleute würden wohl sagen, er habe die "Alltagssprache salonfähig gemacht". Karl Kraus nörgelte, Heine habe der "deutschen Sprache das Mieder geöffnet".
Dieser Band spiegelt all diese Widersprüche Heines auf engem Raum. Es finden sich Satiren auf höchsten Niveau wie die Karikatur des Sklavenhandels, tiefgründige und zugleich selbstironische Reflektionen über die eigene Situation, Krankheit und Tod neben Reimen, die so platt sind, dass es einen schaudert.
Heine eigen ist auch hier die Leichtigkeit, die nie, auch nicht bei ernstesten Themen, die Schwermut aufkommen lässt, welche der deutschen Lyrik bisweilen eigen ist. Vielleicht ist das der erfrischende jüdische Geist. Vielleicht hätte der preußische Obrigkeitsstaat einfach mehr Dichter vom Schlage Heines gebraucht. Aber er hat ja schon den einen nicht verkraftet und ins Exil getrieben.


Gedichte: Erweiterte Ausgabe
Gedichte: Erweiterte Ausgabe
Preis: EUR 3,99

2.0 von 5 Sternen drohendes Verzagen, 29. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Gedichte: Erweiterte Ausgabe (Kindle Edition)
Herder verfügt über die Abgehobenheit der Klassiker, über deren gepflegte, aber gefühlsferne und steife Sprache, an der Antike geschult und mit deren Personal als Pfund wuchernd: "Und siehe, da kam von Westen hergetragen / Pandoman auf Epimetheus Wagen."
Der Dichter bemüht eine erhabene Sprache, die sich hinaufschwingt zu Gott, die Erde und Sterne andichtet, dass es nur so eine Art hat:
"Ja heil'ge Mutter, oft lag ich auf Dir / und weinte."
Man könnte schmunzeln, aber es ist heiliger Ernst.
Gewiss, das alles hat die Größe und Anmut eines souveränen Klassikers, die sich dem Spötter verschließen mag, und die einen Hauch großer Lyrik ahnen lässt. Zugleich lässt einen Herder aber auch ziemlich kalt in seiner starren, ins klassische Sprachkorsett gezwängten Emotionslosigkeit.
Bisweilen schwemmen Schwelgerei und Pathos den Dichter mit sich fort: "Singt, ihr Hauche des Weltalls / Wandernde Stimmen, singt eure phantastischen Töne / Deren erwartend, meine künstliche Leyer schweigt."
Die Sammlung enthält viele "Übertragungen" aus mehreren europäischen Sprachen, deren Quellen unklar bleiben. Viele antike Frauengestalten geben sich ein Stelldichein, all die Daphnes und Philomelen, die uns aus den Schäfergedichten sattsam bekannt sind, und die uns hier auch nichts Neues mitzuteilen haben.
Unangenehm fallen die oft großsprecherisch anmutenden Gedichtüberschriften auf, wie etwa "Die Bestimmung des Menschen", Schwungkräfte der Menschheit" oder "Ursprung des Ideals", die ihre Versprechen keinesfalls einhalten können.
Am lebendigsten geblieben sind Herders Gedichte, die einzelnen Personen gewidmet sind. Dort wird ausnahmsweise auch mal Schaffen und Denken des Dichters transparent und muss sich nicht hinter einem tönernen Sprachgerüst verstecken.
Der Band unterteilt sich in sieben Bücher, wobei der Hintergrund der Einteilung nicht deutlich wird.
"Das Gesetz der Welten im Menschen" oder "Die Harmonie der Welt" versprechen so etwas wie Welterklärung, liefern diese aber nicht.
Herders Lyrik ist ein wenig vom pantheistischen Ansatz der Klassik durchdrungen, die alten griechischen Götter prägen die Lyrik, bisweilen entsteht der Eindruck, alles was gesagt wird, nehme den Umweg über die Mythologie.
Ein immerwährendes Motiv des Dichters: "Mühe folget der Mühe, doch kenn ich süßere Freuden / Als besigter Gefahr oder vollendeter Müh'?"
Herder schafft es im Grunde nicht, dem Leser einen Grund zu vermitteln, seine Gedichte zu lesen. Weder haben die ganzen antiken Analogien und Amor-Psyche-Spielereien etwas Überdauerndes, noch ergeben seine nach Welterklärung heischenden Gedichttitel einen Sinn, noch sind seine an bestimmte Personen gerichteten Gedichte so persönlich, dass Sie das Gefühl des Lesers wirklich erreichen.
Ein typisches Beispiel für Herders Lyrik ("Jupiter"):
"Liegt bergunter! Götter! Wie der Hyden Geifer / Durchbricht! Aeol, den du kaum beugst! / Seht wie die Hölle seines Bauchs felsichte Flutenfeuer / Ausheult!"
Allein schon die Ausrufezeichen disqualifizieren hier den Versuch.
Herders Lyrik bietet allzu oft sprachliche Leerformeln, sozusagen lyrische Knochen ohne Substanz, des Inhalts entkernt. Seine Gedichte erinnern an die Sprachakrobaten, die eine Sprache nachahmen, ohne sie wirklich zu sprechen. Diese Sprachkünstler können stundenlange Monologe führen, die zwar von Akzent und Sprachrhythmus her so klingen, als würden sie Sinn machen. Dennoch kann sie letztlich keiner verstehen.
Insbesondere der religiöse Teil der Sammlung erfordert viel Geduld vom Leser und Beharrungsvermögen aufgrund der lyrischen Schwerkraft, der fürstlichen Stiefelleckerreien (zur Geburt des Fürstennachwuchses: "Heil dir, dass du uns beglückt mit dem Freudensohne"), ständigen Wiederholungen von Gottesverherrlichung, Kantaten und biblischen Geschichten mit stetig gleichen Motiven. Er bietet aber auch eine zugegebenermaßen sehr beeindruckende Kreuzigungsszenerie im Gesang "Der Fremdling auf Golgatha").
Schwer auszuhalten sind aber insbesondere die Lobesarien auf den Fürstennachwuchs: "Ihr Sachsen, Katten, Guelfen / Erhabene noch im Glanz der andern Welt / Ihr kommt! Ihr kommt zu segnen den Knaben."
Wollte Herder den Hofdichter geben? Bei aller Ergebenheit, so schreiben Hofschranzen.
Der Band ist insgesamt immens zu lang geraten. Eine sorgfältige Editierung hätte vielleicht einiges retten können, so aber ist das Werk schwer verdaulich. Herder hat schon die Themen (Einsamkeit, Liebe, Glück, Schicksal), aber im Gegensatz zur Konkurrenz kommen Sie zu lebensfern daher.
Um das klar zu sagen: Es ist nicht das fehlende literarische Talent Herders das Problem, sondern die Kälte und Distanziertheit dieser Gedichte, die sie oft so unerträglich machen. Herders Talent war offenkundig immens. Aber hier wurde es vergeudet! Der großen Sprachmacht steht keinerlei Originalität und vor allem keine emotionale Ansprache gegenüber. Der fortdauernd klassisch-belehrende Ton wird durch keine Humanität gemildert. Dabei hat der Band schon einiges an Weisheit zu bieten wie in "Liebe und Gegenliebe" oder auch in Erkenntnissen "Neu und freier wird das Herz / durch das besiegte Leiden."
Zum Schluss noch das schönste Zitat aus dieser Sammlung: "Der du in dem Sturm des Unglücks / Mutlos und entsegelt fährst / Zage nicht! Noch ist zu hoffen / Plötzlich steht der Hafen / Wo du dich des Sturms entwehrst."
Verzagen droht dem Leser leider beim Lesen dieses Bandes allzu schnell. Ich glaube nicht, dass man ihm die Kraft zum Durchhalten wünschen muss.


Gedichte: Ausgabe letzter Hand 1827
Gedichte: Ausgabe letzter Hand 1827
von Johann Wolfgang Goethe
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,80

5.0 von 5 Sternen Goethe war gut, 29. Dezember 2013
"Goethe war gut", textete einst der selige Rudi Carrell, "Mann, der konnte reimen". Eine solch triviale Würdigung wird dem Großmeister der deutschen Lyrik zwar nicht gerecht, dennoch trifft die Würdigung einen Teil der Wahrheit.
Goethes Sprachmächtigkeit und einzigartiges Talent hinsichtlich der Beherrschung der deutschen Sprache führte eben auch zu den eleganten Reimen, die so selten gezwungen wirken, wie das bei manchen seiner Kollegen der Fall ist. Nicht nur, dass das Göttliche so oft in seinen Gedichten vorkommt und thematisiert wird, in seinen schönsten Werken hat man den Eindruck, der Dichter erhebe sich gleichsam über die Niederungen des Menschlichen tatsächlich in höhere Sphären, und man möchte weinen, so schön sind diese Sprachschöpfungen. Wer je am Sinn der Lyrik zweifelte, sollte mal einen längeren Blick in diesen Band tun.
Goethes Genie in der Dichtung ist dabei viererlei: Höchste Sprachbeherrschung und elaborierte Sprache verbindet sich mit immenser Intelligenz, welche Voraussetzung für die Strukturierung der Inhalte ist, entwaffnender Lebensweisheit und unvergleichlicher Beherrschung des formalen Handwerkszeugs.
Davor kann man sich nur in Ehrfurcht verneigen.
Natürlich gibt es auch in dieser Sammlung Gedichte, die man besser außen vor gelassen hätte, weil sie heutzutage allzu niedlich von "Liebchen" und "Blümelein" schwärmen, allzu verzärtelt und verweichlicht anmuten, was ja schon Heine am "Werther" kritisiert hat. Das eine oder andere Gelegenheitsgedicht ist überflüssig und ruft heutzutage eher ein Schmunzeln hervor.
Auch schwebt die Lyrik des Meisters gleichsam über der Erde, materielle Not, Hunger oder dergleichen hat der Poet nie gekannt. Das schlimmste, was ihm widerfahren ist, scheint Liebeskummer gewesen zu sein, und das penetrante Beklagen desselben wirkt daher bisweilen ein wenig gekünstelt. Und mit dem Thema Freiheit musste sich der Dichter wohl nie befassen, weil sein Geist ohnehin keine Grenzen kannte.
Aber was soll‘s: Außer vielleicht Brecht ist mir in der deutschen Lyrik kein solch umfassendes Talent und generell keine so umfassende und komplette Bildung mehr begegnet. Und das wird an seinen besten Gedichten - bei einigem Leerlauf dazwischen - unvermindert deutlich. Allein die römischen Elegien, in denen der Dichter das Verhältnis Liebe-Kunst in einzigartiger Weise auslotet, und die "Zahmen Xenien", die eine Lebensklugheit präsentieren, welche für zwanzig Lyriker ausgereicht hätte, weisen Goethe als nach wie vor bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache und bis heute unerreichten Leuchtturm der deutschen Dichtkunst aus.
Goethes Dichtung gehört zum Inbegriff dessen, was in Deutschland unter dem Begriff Lyrik erschienen ist. Diese Ausgabe ermöglicht es, sich einen Begriff davon zu machen, der weit über das aus den Schulbüchern Bekannte hinausgeht. Als Bonus findet man jede Menge Verse, die inzwischen sprichwörtlich geworden sind.
Allerdings bedarf es einer Menge Sitzfleisch und Geduld, um sich durch diese Ausgabe hindurch zu lesen.


Gedichte: Ausgabe 1898
Gedichte: Ausgabe 1898
von Theodor Fontane
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,90

3.0 von 5 Sternen überirdische Ruhe, 29. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Gedichte: Ausgabe 1898 (Taschenbuch)
Das kann man sich gut vorstellen: Die Liebenden, die sich im hinteren Zimmerwinkel gegenübersitzen, sich sinnend tief in die Augen sehen, das Kindchen, das im anderen Zimmereck süß in seinem Bettchen schlummert, während draußen in der milden Sommernacht der Mond sein goldenes Licht über den Birnbaum ergießt und der Schöpfer über all dem seine schützende Hand hält.
Fontanes Gedichte sind (meist) reinstes Biedermeier, reizen bisweilen fast schon zur Rebellion in all ihrer Betulichkeit und Verschnarchtheit.
Auf der anderen Seite strahlen sie auch eine fast schon überirdische Ruhe und Atmosphäre aus, die sich wie eine Schicht über den Leser lagert und ihm die Heimeligkeit sozusagen eingibt, ihn einlullt, bis er gar nichts mehr will, als sich in diese Harmonie hineinfressen.
Und das hinzukriegen ist ja irgendwo auch eine Leistung.


Gedichte 1844
Gedichte 1844
Preis: EUR 0,00

1.0 von 5 Sternen Betulichkeit und Harmlosigkeit, 29. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Gedichte 1844 (Kindle Edition)
Es ist etwas Merkwürdiges um diese Gedichte. Sie erinnern anfangs an jene Zeitgenossen, die endlos reden und doch nie zum Thema kommen. Die Titel passen darüber hinaus anfangs oft nicht recht zu den Inhalten, es gibt gelegentliche handwerkliche Mängel und die Inhalte sind seltsam nichtssagend.
Ich las und las und las und fragte mich zunehmend, was ich da eigentlich lese, worüber die Dichterin eigentlich schreibt. Das wird allerdings mit zunehmender Länge besser.
Die Naivität Droste-Hülshoffs ist gelegentlich schwer zu ertragen, etwa im Regengedicht: "Da, ein Fleck, ein Loch am Himmel, bist du endlich doch gebrochen / Alte Wassertonne, hab ich endlich dich entzwei gesprochen". Aber wahrscheinlich gibt es auch hier wieder Zeitgenossen, die das noch amüsant finden.
Wer Verse schreibt wie "Und jede Glocke ist frisiert so fein / wie unser Engelchen im Schrein" oder "Pah! Frösch und Hechte können mich nicht schrecken", der vermittelt in der Tat den Eindruck, als könne er auch sonst kein Wässerchen trüben. Das mag für den Menschen sprechen, für die Lyrik sicher nicht. Die Betulichkeit und Harmlosigkeit dieser Verse lösen fürwahr keine emotionalen Begeisterungsstürme aus.
Sicher, bedrohlich wird's auch: "Und immer näher krächzet / das Galgenvolk heran". Achtung, die Krähen kommen. Schlimmer wird's sogar noch, wenn der "Heidemann steigt", also der Nebel wallt.
Es sind solche kindisch-bäuerischen Sprachvergessenheiten wie "Galgenvolk" für einen Schwarm Krähen, die die Lyrik Drostes arglos erscheinen lassen und sie aus dem ernsthaften Wettbewerb ausschließen.
Was bleibt, ist das Mitgefühl für die Armen, Siechen und Elenden, das gelegentlich zu Herzen geht, warmherzige Klagegedichte anlässlich von Todesfällen, die ergreifen.
Daneben hat Droste auch den Alltag eines Pfarrers dichterisch über sieben Wochentage nachgezeichnet und malt damit ein plastisches Bild der Zeit, bleibt aber dabei psychologisch arg an der Oberfläche.
Wenige große Gedichte sind auch vertreten in diesem Band, die aber wie Fremdkörper wirken, weil man sie der Dichterin gar nicht zutrauen würde ("Die beste Politik").
Am Ende stören noch die vielen historische Balladen von begrenztem Interesse, oft banal und für heutige Leser unverständlichen Zusammenhangs.


Reliquien
Reliquien
Preis: EUR 0,00

1.0 von 5 Sternen Talentlosigkeit allerorten, 29. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Reliquien (Kindle Edition)
Zunächst zum Positiven: Dauthendeys Gedichte sind erfrischend kurz, ohne Überschriften, häufig mit erotischer Grundierung.
Das war’s dann aber auch schon. Mit dieser Zusammenstellung ist ein erstaunlich nichtssagendes und einfallsloses lyrisches Werk zu besichtigen.
Das liest sich, als habe jemand die gerade so zufällig vorbeiziehenden Gedankensplitter festgehalten. So etwas hat noch in den seltensten Fällen funktioniert und setzt voraus, dass der Festhaltende festzuhaltende Gedanken überhaupt hat.
Das darf hier getrost bezweifelt werden. Diese Zusammenstellung enthält nichts Bleibendes und Verwertbares trotz einiger weniger guter Ansätze wie dem über eine erloschene Liebe:
"Die Schwalben scheiden / Sie kommen wieder / Aber nie mehr uns beiden".
Die Liebe zu diesen Gedichten ist bei mir nicht erloschen, da sie erst gar nicht aufkam.
Das Fazit: Talentlosigkeit allerorten. Meine Empfehlung wäre, sich dieses lyrische Werk komplett zu ersparen.


Gedichte: Erweiterte Ausgabe
Gedichte: Erweiterte Ausgabe
Preis: EUR 3,99

2.0 von 5 Sternen sprachlich versiert, 29. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Gedichte: Erweiterte Ausgabe (Kindle Edition)
Adelbert von Chamisso, wie er sich später nannte, stammt aus dem französischen Adel. Seine Familie wurde durch die Französische Revolution vertrieben und Chamisso entwickelte sich zu einem Wanderer zwischen Deutschland und Frankreich. Er war ein gebildeter Mann und übersetzte Texte aus mehreren Sprachen, unter anderem aus dem Französischen wie aus dem Isländischen, hatte Kontakt zu den führenden deutschen Romantikern seiner Zeit, deren Einfluss auf seine Sprache unverkennbar ist.
Chamissos Gedichte sind sprachlich versiert und für einen Nicht-Muttersprachler von beeindruckender stilistischer Eleganz, atmen Intelligenz und Bildung. Allerdings kann man sie weder formal noch inhaltlich besonders innovativ oder aufregend nennen. Auffällig ist das häufige Thematisieren des Alters und das Jammern über die nachlassenden Fähigkeiten und Kräfte.
Gelegentlich hat der Autor ein paar Probleme mit dem Versmaß, was aber nicht weiter störend ins Gewicht fällt.
Man kann Chamissos Werke heute noch lesen, muss es aber nicht. Der Leser verpasst nicht unbedingt etwas, wenn er darauf verzichtet.


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