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Rezensionen verfasst von
helmut seeger "liberaler" (karlsruhe)
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Gedichte: Erweiterte Ausgabe
Gedichte: Erweiterte Ausgabe
Preis: EUR 0,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen starker Abgang, 3. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gedichte: Erweiterte Ausgabe (Kindle Edition)
Georg Herwegh ist ein Freiheitsdichter, aber keiner, der über Freiheit philosophiert oder sich tiefgründige Gedanken darüber macht, sondern einer, der auf die Barrikaden und zu den Waffen ruft, um für die Freiheit und die Demokratie zu kämpfen. Das macht ihn prinzipiell erst mal sympathisch.
Auch sein Fluchgedicht auf den Papst ist religionskritischer als heutzutage der Mainstream.
Aber diese Sammlung ist ziemlich lang und enthält (leider) nicht nur Freiheitsgedichte, sondern Gedichte, bei denen mir meist nicht recht klar geworden ist, was der Dichter uns da sagen will.
Selbst wenn es thematisch um Dichterkollegen wie Uhland, Freiligrath oder Hölderlin geht, die Aussage bleibt oft im Dunkeln. Viele Gedichte und Sonette tragen dazu keine Titel, was die Interpretation noch schwieriger macht.
Das macht die Lektüre streckenweise zäh und auch langweilig. Das ist umso erstaunlicher für einen Dichter, der wegen seiner revolutionären Gesinnung einen Großteil seines Lebens im Schweizer Exil verbrachte, Marx und Bakunin kannte und sogar in den bewaffneten Kampf der Märzrevolution eingriff.
Von Herweghs Engagement ist in vielen Gedichten zunächst wenig zu spüren, der Titel "Lieder eines Lebendigen" relativiert sich da etwas.
Erst etwa im letzten Drittel des Bandes wird es wieder etwas lebhafter, und es ist auch dieser Teil, der den Band insgesamt empfehlenswert macht. Herweghs Eintreten für die deutsche Einheit, die Sehnsucht nach dem "Held ... der unsres Vaterlands versprengte Teile / Zusammenzaubern kann zu neuem Bunde" machen ihn zu einem dezidiert politischen Dichter, der nicht auf überirdische Mächte rechnet ("Doch deine Heiligen, die wirf ins Feuer").
Seine Hymne auf das "Heidenpack" (gemeint sind die alten Griechen) "Drum lebe hoch das Heidenpack / ... / und ihre Republik" verrät die Sehnsucht des Dichters nach Demokratie am stärksten. An den besten Stellen lässt Herwegh ein satirisches Feuer leuchten wie Heine: "Die Löwen lieben die Freiheit, aber die Freiheit liebt leider die Löwen nicht."
In diese Richtung weist auch eine Satire auf zwei Dichter in Paris ("Wohlgeboren" und "Hochwohlgeboren"), in denen die Arrangements mit den herrschenden Verhältnissen auf die Schippe genommen werden: "Du sollst, verdammte Freiheit! Mir die Ruhe fürder nicht gefährden."
Eines der stärksten Gedichte ist der "Amnestie" politischer Gefangener gewidmet: "Das Recht vor Gott braucht keines Königs Gnade / Die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht."
Wer rebellische republikanische Gedichte mit Herzblut lesen will, ist vielleicht bei Freiligrath besser aufgehoben, wer sich mit dem Elend der proletarischen Klassen befassen will, bei Weerth. Herwegh als aufrechter Demokrat und Kämpfer bietet sich aber zumindest als lyrische Ergänzung an.
Einen starken Abgang kann man dieser Gedichtzusammenstellung jedenfalls nicht abstreiten.


Gedichte
Gedichte
von Christiana Mariana von Ziegler
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,79

3.0 von 5 Sternen Was seufzet ihr, verzagte Seelen, 3. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gedichte (Taschenbuch)
Wir müssen für jede Frau, die es in die deutsche Dichtergilde geschafft hat, dankbar sein. Christiana von Zieglers Werk ist zwar anfangs ein wenig arg brav geraten, steigert sich dann aber enorm. Da lohnt das Durchhalten. Die Frau hat ihren Seneca gelesen und erweist sich nicht nur angesichts des Preislieds auf eine italienische Doktorin als frühe Feministin, indem sie einerseits Frauen und Männer hinsichtlich ihrer Fähigkeiten gleichstellt, andererseits in anderen Werken die Männer der Zeit ob ihres präpotenten Gehabes mächtig hernimmt: "Mich dünkt, es schmeckt der Höllen Fluss / Weit süßer als ein Männerkuss."
Die Ode an das männliche Geschlecht, welche die Schwächen der Männer gnadenlos bilanziert, mutet modern an. Es handelt sich um eine quasi-psychologische Analyse der männlichen Natur, die für die Zeit, in der sie entstand, zu verblüffen vermag. Das psychologische Einfühlungsvermögen der Dichterin zeigt sich am Beispiel der Gedichte über Männer, die sich für unwiderstehlich halten oder der Werke, die sich mit der Verstellung der Menschen befassen. Sie erweist sich als profunde Kennerin des männlichen Geschlechts: "[Die Männer] kennen sich noch nicht / Ihr Trotzen, Prahlen, Trügen, Heucheln / Verführen und mit Worten schmeicheln / Führt oft die Klügste hinters Licht." Oder auch: "Ihr Näscher denkt nur nach, was könnt ihr nicht ersinnen / Der Frauenzimmer Gunst leicht zu gewinnen." Und zum Schluss: "Ihr könnt euch zwar wie Engel stellen / Allein ihr reines Wesen fehlt / So bald ihr uns das Herze stehlt / Sucht ihr uns auch zugleich zu fällen." Die Dichterin liest aber auch ihren Schwestern die Leviten: "Was nutzt ein schönes Angesicht / Wo man von nichts als Thorheit spricht."
Dennoch sind ihr auch die Qualen der Liebe vertraut: "Was Liebes täglich sprechen können / Und doch aber vergebens brennen / Schnitzt uns die härtste Folterbank / So nahe bei dem Quell zu stehen / Und voller Durst zugrunde gehen / Macht Seel und Herz vor Sehnsucht krank."
Einige ihrer Gedichte sind überlang geraten, kommen vom hundertsten ins Tausendste und wimmeln von Personen, die man heute weder mehr kennen wird noch muss.
Und in diesem Werk finden sich auch endlos die zeittypischen Schäfer- und Scherzgedichte sowie die ellenlangen Elogen auf König August, insgesamt aber bleibt unterm Strich der Eindruck einer bemerkenswerten Lyrikerin unter einer Vielzahl von Männern. Die Themen der Ziegler sind recht modern: Neid, Verschwendung, Spielsucht.
Ziegler war eine Dichterin der Aufklärung, die damit geliebäugelt hat, ihren Platz anderen zu überlassen, aber sich dennoch immer wieder von den Musen genug geküsst fühlte, um sich erneut ins literarische Getümmel zu stürzen. Ihre Größe zeigt sich in der Lebensauffassung ("Bei aufgeklärter Luft und sanfter Winde Wehn / Vergnügt und aufgeräumt im Schiff herumzugehen / Ist keine Kunst und gar nicht rühmlich / Doch in der Wellen Grab beherzt und lachend sehn / Wann ein Orkan entsteht und Schiffbruch soll geschehn / Ist großen Geistern eigentümlich") wie auch in ihrer Haltung zu Kritikern: "Wer schleppt ein Maultier, das uns tritt / gleich vor das Halsgerichte mit?"
Lesetipps sind Zieglers Oden, die inmitten der distanzierten ichfernen Lyrik der Zeit das eigene Erleben und das Subjektive in den Mittelpunkt stellen, und das Ganze auch noch auf sprachlich beeindruckende Weise.
Auch die Kantaten sind der Dichterin großartig gelungen: "Was seufzet ihr, verzagte Seelen / Was girrt und ächzt ihr Tag und Nacht? / Durch Heulen, Winseln, Schreien, Klagen / Wird ja die Last, so muss man tragen / Noch weit beschwerlicher gemacht.“


Gedichte
Gedichte
von Philipp von Zesen
  Taschenbuch
Preis: EUR 29,90

3.0 von 5 Sternen den römischen Vorbildern überlegen, 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gedichte (Taschenbuch)
Die Sammlung beginnt mit einem gewaltigen Trauer- und Preisgedicht auf Kreuzigung und Auferstehung, das auch Ungläubige nicht kalt lassen dürfte, vielleicht das sprachmächtigste Werk dieser Art in Alexandrinern, das ich kenne.
"Fast ohne ein Nachsinnen" und "eylends" niedergeschrieben sind diese Gedichte, so der Autor entschuldigend in der Vorbemerkung. Das merkt man ihnen aber kaum an. Die schwungvolle und melodiöse Sprache lässt auch vergleichsweise Plattheiten verzeihen.
Neben Fleming ist von Zesen einer der bedeutenden Liederdichter seiner Zeit, insbesondere seine französischen Übertragungen sprechen von bemerkenswertem Talent, wenngleich das Gesamtwerk nicht den Einfallsreichtum eines Lohenstein und nicht die Modernität und Flüssigkeit der Verse eines Fleming oder Simon Dach erreichen mag.
Formal lehnt sich von Zesen stärker als seine Zeitgenossen an antiken Vorbildern (Pindar, Sappho) an, insbesondere was Versmaß und Strophenforma angeht. Öfter greift er auch zum lyrischen Dialog und verwendet antikes Personal, wie in den Schäfergedichten. Das mag an einigen Stellen heute antiquiert wirken, vermag aber in der Moral meist auch heute noch zu beeindrucken.
An Selbstbewusstsein fehlt es dieser Generation von Dichtern zu Recht nicht. Von Zesen postuliert in einem Gedicht, dass die Lyrik der Zeitgenossen wie Opitz oder Fleming der der antiken griechischen und römischen Vorbilder gar überlegen sei. Nach meinem Dafürhalten ist diese Behauptung gar nicht so abwegig.
Im Gedicht "Lustinne" gibt der Autor nebenbei einen Überblick über das Werk der zeitgenössischen Dichter, in dem er alle relevanten Namen aufführt, erstaunlicherweise sowohl Männer als auch Frauen.
Allein das - formal und inhaltlich - herausragende "dritte Lied auf das adliche Zimmer der Poeten", indem er den antiken Dichtern ein Denkmal setzt, beweist die poetische Potenz von Zesens.
Verblüffend auch ein sehr langes Loblied auf die Buchdruckkunst und auf deren Erfinder Gutenberg, welches nicht nur diesem und seinen Nachfolgern ein Denkmal setzt, sondern auch eine Reihe der damals verfügbaren (und teils heute noch existierenden) Schrifttypen im Detail vorstellt. Ein eindrucksvolles Beispiel für das Dichterhandwerk einerseits und für die Ehrung des Handwerks durch die Dichtkunst andererseits, wie man es in späteren Jahrhunderten nicht mehr findet, und Beispiel für eine ausgestorbene Tradition.
Auch von Zesen versteht sich auf das Preisen der Liebe, kann aber hier einem Lohenstein oder Neukirch nicht das Wasser reichen: "Wer hat der Venus solche Macht gegeben? Es muss ja alles ihr zu Willen leben / Wirft nicht Cupido über alle Lande / Ketten und Bande?"
Neben dem Griechischen beherrscht von Zesen auch das Niederländische, ein Gedicht zumindest ist in dieser Sprache verfasst.
Bemerkenswert auch an dieser Sammlung sind die Liebesgedichte, die von Zesens lyrisches Talent demonstrieren. Allein die Namen der angedichteten Frauen wie Klugemunde und Hildegunde sind einen Blick wert.


Gedichte (TREDITION CLASSICS)
Gedichte (TREDITION CLASSICS)
von Sigmund von Birken
  Taschenbuch

3.0 von 5 Sternen des Leibes Knochenwagen, 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gedichte (TREDITION CLASSICS) (Taschenbuch)
Was mir bei Birken wie bei allen Barockdichtern des 17. Jahrhunderts gefällt, ist die Nähe zum Tod, das stete Erkennen, dass das (körperliche) Leben immerfort bedroht ist und nur die Hoffnung auf eine seelische Weiterexistenz bleibt: "Von des Leibes Knochenwagen / wird die Seele fortgetragen."
Birken und viele Zeitgenossen haben den Ausweg im Überleben der Seele und in Gott gesehen, was man ihnen beim Elend dieser Zeit kaum verdenken kann. Der moderne Atheismus dürfte zu einem Teil auch dem gestiegenen Wohlstand zu danken sein.
Birken ist ein solch begabter Verseschmied, dass die religiösen Themen über weite Strecken nicht nur nicht stören, sondern sogar lebensnah und pragmatisch rüberkommen. Das selbsterniedrigende und masochistische späterer religiöser Lyrik ist ihm zwar nicht fremd, es gewinnt aber erst im letzten Drittel der Sammlung größeres Gewicht.
Negativ schlägt allenfalls zu Buche, dass hier die "göttliche Ordnung" vertreten wird, jeder also sein Leben und Elend durch Gottes Ratschluss als gottgewollt empfinden und akzeptieren soll.
Außerdem regiert in Birkens Lyrik Gott bis in die kleinsten Details des täglichen Lebens hinein, was im heutigen Verständnis etwas befremdlich scheint.


Gedichte: 1789-1805
Gedichte: 1789-1805
von Friedrich Schiller
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,80

4.0 von 5 Sternen Dichter der geistigen Elite, 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gedichte: 1789-1805 (Taschenbuch)
Ja wenn der Mann nur nicht eine bisweilen so aufgeblasene Sprache hätte. Er hat ja schon Grundlegendes zu sagen: "Des Gesetzes strenge Fessel bindet / Nur den Sklavensinn, der es verschmäht; / Mit des Menschen Widerstand verschwindet / Auch des Gottes Majestät."
Schiller ist aber kein Volksdichter, sondern ein Dichter der geistigen Elite. Seine Sprache versperrt den einfachen Zugang zu ihm. Seine Gedichte und Balladen sind nicht vordergründig belehrend wie bei Hans Sachs, sondern verstecken die Moral hinter klugen Konstruktionen: "Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld / Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein."
Wie im "Weltverbesserer" zeigt Schiller große Erkenntnis über den Umgang mit dem Menschen.
Über das Frauenbild Schillers mag man sich ja streiten, aber wer Verse schreibt wie die folgenden, dem wird auch die resolute Frau gern die Dichterhand geküsst haben: "Ehret die Frauen, sie flechten und weben / Himmlische Rosen ins irdische Leben / Flechten der Liebe beglückendes Band / Und in der Grazie züchtigen Schleier / Nähren sie wachsam das ewige Feuer / Schöner Gefühle mit heiliger Hand."
Und der Mann? "Feindlich ist des Mannes Streben / Mit zermalmender Gewalt / Geht der wilde durch das Leben / Ohne Rast und Aufenthalt / Was er schuf, zerstört er wieder / Nimmer ruht der Wünsche Streit / Nimmer, wie das Haupt der Hyder / Ewig fällt und sich erneut."
Schillers Sprache ist die des klassischen Bildungsbürgertums. Sie wirkt gelegentlich etwas steif und antiquiert, belehrend, weg vom Menschen. Der Dichter spricht meist eher den Verstand an und nicht das Herz, will von seiner Intention her belehren und bilden, nicht mitfühlen lassen.
Schiller ist der unbestrittene Meister unter den Balladendichtern der Deutschen. Seine Balladen haben klassischen Anspruch, inhaltlichen Tiefgang und häufig sprachlichen Schliff bis hin zur Perfektion.
"Der Ring des Polykrates", "Die Kraniche des Ibykus", "Das verschleierte Bild zu Sais", "Der Handschuh", "Der Taucher", "Die Bürgschaft", "Der Kampf mit dem Drachen" sind unvergängliche Meisterwerke deutscher Dichtkunst. "Die Glocke", vielleicht bis heute die bekannteste Schöpfung Schillers, weist zunächst einige handwerkliche Auffälligkeiten auf, liefert aber dem deutschen Volksmund jede Menge Munition: "O dass sie ewig grünen bliebe / die schöne Zeit der jungen Liebe", "Drum prüfe, wer sich ewig bindet / ob sich das Herz zum Herzen findet" oder auch "Doch mit des Geschickes Mächten / Ist kein ew'ger Bund zu flechten".
Vergleichbares hat auf diesem Gebiet kein anderer deutscher Dichter geleistet. Die Gedichte fallen demgegenüber naturgemäß ab, auch wenn gelegentlich Beeindruckendes gelingt (wie in "Die Worte des Glaubens").
Dazwischen finden sich viele kurze, epigrammartige Lehrgedichte, deren Weisheit nicht immer dem Rang ihres Schöpfers angemessen scheint.


Gedichte: Erweiterte Ausgabe
Gedichte: Erweiterte Ausgabe
Preis: EUR 0,99

3.0 von 5 Sternen von der Festungshaft geprägt, 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gedichte: Erweiterte Ausgabe (Kindle Edition)
Gleich in den ersten Versen, die Schubart an seinen Schwager im Schuldienst sandte, springt einem das nackteste Elend entgegen: Materielle Not, Hunger, Verlust des Kindes - und das alles in einer Eindringlichkeit, die einem die Brust abschnürt. Danach findet Schubart Trost in Gott. Das alles abwechselnd in bebenden, den Leser packenden Versen. Auch hat Schubart einen neuen Blickwinkel aus Sicht der Lyrik beizusteuern - 10 Jahre seines Lebens hat der Poet in Kerkern verbracht, was die Themen seiner Gedichte merklich beeinflusst und ihnen eine stärkere Eindringlichkeit verleiht. Es ist prinzipiell schwer, einen Dichter zu kritisieren, der für einen freisinnigen Scherz 10 Jahre im Karzer saß. Das macht ihn fast unangreifbar.
Die lange Festungshaft hat das Leben des Dichters sichtlich geprägt. Viele Gedichte sind aus dieser Perspektive entstanden und zu verstehen.
Schubarts Dichtung ist insgesamt als recht vielfältig zu bezeichnen: Lieder zur Türkenschlacht, großartige Balladen, Bettelsoldatenlieder und Warnungen vor dem Soldatenschicksal mit dem Ende als verstoßener Invalide, Friedenslieder und Hurra-Gedichte auf Preußen und den "Alten Fritz", viel Zeitgenössisches. Als immerwährende und sich durchweg wiederholende Themen finden sich Deutschland, Frieden und Krieg.
Auch ein etwas merkwürdiges Frauenbild deutet sich gelegentlich an, das Tugend bis zum Tode predigt: "O dass die faule Sinnlichkeit / nie diese reine Seel entweiht".
Schubart war aber auch ein Dichter der Freiheit: Bei ihm verbinden sich weitsichtige Kommentare zur französischen Revolution ("Ein Volk, bespritzt mit Blut, verdient nicht, frei zu sein / In bittre Sklaverei stürzt es sich selbst hinein") mit Lobliedern auf die amerikanischen Unabhängigkeitskämpfer und Franklin oder Sympathie für die englische Demokratie mit Spott auf deutsche Fürsten und französische Gecken. Damit ist Schubart progressiv, auch wenn immer wieder reaktionäre Töne durchschlagen: "Lass die Welt, so wie sie ist." Auf der anderen Seite finden sich in dieser Sammlung nämlich auch ellenlange Lob- und Preisgedichte in Form von gereimten Theaterstücken zu Ehren des Landesherrn. Das waren wohl Versuche, denselben gnädig zu stimmen. Oder auch - wohl ernstgemeinte - Gebete um Kaiser Josephs Genesung.
Die rechte Gesinnung hat der Mann insgesamt sicher, die Sehnsucht nach Freiheit und Hoffnung, dass auch die Fürsten dereinst gerichtet werden, aber das ganze bei begrenztem lyrischen Talent. Am bewegensten und lyrisch gelungensten sind die geistlichen Gedichte. In diesen zeigt sich Schubart auf der Höhe seiner Kunst.
Insgesamt enthält dieses Buch eine wilde Mischung an Themen und ein Werk voller scheinbarer Widersprüche, das aber allemal einen Blick wert ist.


Gedichte: (Ausgabe 1885)
Gedichte: (Ausgabe 1885)
von Theodor Storm
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,80

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Klarheit und Wahrheit, 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gedichte: (Ausgabe 1885) (Taschenbuch)
"Vergessen und Vergessen werden / wer lange lebt auf Erden / der hat wohl diese beiden / zu lernen und zu leiden."
Oder: "So komme, was da kommen mag / so lang du lebest ist es Tag. / Und geht es in die Welt hinaus / wo du nur bist, bin ich zu Haus. / Ich seh dein liebes Angesicht / Ich seh die Schatten der Zukunft nicht."
Kann man einfacher, würdevoller und prägnanter über Alter und Liebe schreiben?
Storm ist ein Dichter, der oft nicht zu viele Worte machen muss und doch etwas zu sagen hat, der auf jeglichen Schwulst und jegliches Pathos verzichtet. Gerade das macht ihn menschlich so anrührend und vertraut.
Storms Werk zeichnet sich weder durch übliche sprachliche Mätzchen noch durch formale Innovationen aus, noch sind seine Themen sonderlich originell oder neu.
Seine Stärke liegt in seiner Klarheit und Wahrheit, seiner Ruhe und seiner beeindruckenden menschlichen Reife und der tiefen Humanität, die seine Gedichte ausstrahlen.
Herausragend die schlichten, aber anrührenden Liebesgedichte an die Partnerin, die Gedichte zu Einsamkeit und Tod, frei von jeglicher Rührseligkeit.
Der letzte (zweite) Teil des Bandes umfasst leider einige merklich schwächere Frühwerke Storms, die aber nur ca. 10 Prozent der Sammlung ausmachen.


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Preis: EUR 33,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Halten, was sie versprechen, 2. Januar 2014
Diese Zwischenringe gibt es auch in einer "edleren" Version mit Metallbajonett. Für den Normalanwender dürfte die vorliegende Variante aber ausreichen. Die Ringe halten, was sie versprechen.
Optisch tadellos, lassen sie sich sowohl aneinander wie am Objektiv befestigen und entfernen. Auch der Sitz ist nahezu ohne Spiel. Die Übertragung der Kamerafunktionen bei Autofocus-Aufnahmen klappt auch weitgehend, auch wenn sie nicht immer Sinn macht oder in der Praxis umsetzbar ist. Abhängig von der Kombination der Ringe geht es in vielen Fällen wegen der extrem geringen Tiefenschärfe ohnehin nicht ohne Stativ.
Die einzige Einschränkung bei der Nutzung ist eine gewisse Schwergängigkeit, die sich aber möglicherweise noch gibt.
Die Qualität der Aufnahmen hängt hier natürlich ausschließlich von der Qualität des Objektivs (und des Fotografen) ab, weswegen ich sie - zusammen mit der einfachen Kombinierbarkeit - Nahlinsen vorziehe.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 22, 2014 5:58 PM CET


Gedichte: Erweiterte Ausgabe
Gedichte: Erweiterte Ausgabe
Preis: EUR 0,99

4.0 von 5 Sternen feiner Mensch und verwundete Seele, 1. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gedichte: Erweiterte Ausgabe (Kindle Edition)
Das Adjektiv, das einem zu von Saars Versen am ehesten einfällt, ist "gepflegt". Gepflegte Verse, gepflegter Stil, gepflegte Manieren, usw.
Sprachlich zart, feinsinnig und einfühlsam, an die tiefsten Schichten der Seele rührend, dennoch klassisch und formal perfekt.
Am schönsten sind Ferdinand von Saar die traurigen Gedichte und Sonette gelungen. Da offenbart sich ein feiner und bedrückter Mensch und eine verwundete Seele, mit der man gerne in einem Wiener Kaffeehaus eine Wiener Melange getrunken und eine gepflegte Unterhaltung geführt hätte.
Der Dichter erweist sich im ersten Teil der Sammlung als beeindruckender Seelen- und Menschenkundler, quasi ein formal ausgefeilter Dörmann, mit imponierendem Glanz noch in der tiefsten Depression.
Im zweiten Teil des Bandes wird’s dann erst mal etwas lendenlahm und die Gedichte kriegen einen etwas weichlichen Unterton.
Wenn der Dichter etwa den Mond besingt ("du alter, treuer Begleiter der Erde"), möchte man dann und wann etwas mehr Pep angeraten haben, so betulich und bisweilen naiv kommen einige Gedichte rüber.
Gelegentlich versucht sich von Saar als Goethe, so etwa in "Die Starken", wo er appelliert, die Schwächeren nicht auszugrenzen, "mit hinaufzuziehen". Dies ist ein politisch korrektes Werk, das den Duktus des Meisters verblüffend gut trifft.
In diesem Zusammenhang gelingen dem Dichter Gedichte über Arme und Reiche, deren tiefgründige Deutung der materiellen Situation und ihrer psychologischen Implikationen gefallen kann.
Von Saar analysiert die Konsequenzen materiellen Wohlstands so präzise, als hätte er diese auf der Basis aktueller zeitgenössischer Umfragen geschrieben.
Die Fähigkeit zur psychologischen Zeichnung in Porträts, über die von Saar in reichem Maße verfügt, ist bei seinen Dichterkollegen der Zeit nicht unbedingt üblich, seine Sensibilität erlaubt es ihm, seelische Nuancen bloßzulegen, was nicht allzu vielen deutschen Lyrikern in dieser Weise vergönnt war.
Es sind manchmal fast psychologische Studien, die nur durch die enorme Sensibilität des Dichters erklärt werden können.
Ein weiterer Teil des Bandes beschäftigt sich mit dem Alter: "Die Ruhe kommt erfüllten Strebens / Es schwindet des verfehlten Pein / Und also wird der Rest des Lebens / Ein sanftes Rückerinnern sein."
Aber auch Trauer und Ärger ob der Missachtung durch die Zeitgenossen sind diesem Poeten nicht fremd: "Taub bleibt dem Dichter / Ein Volk von "Denkern" / Das Todte feiert, um Lebendige einzusargen."
Generell scheint der Lyriker von Saar eine skeptische Meinung gegenüber dem Leben gehabt zu haben, wenn er etwa in einem Gedicht die früh Verstorbenen beglückwünscht: "Unablässig lauert Unheil / Lauert der Enttäuschung Schmerz / Und die Gefahr, schuldig zu werden."
Unterm Strich bleibt ein trauriger, sensibler Dichter, der selbst unter Lyrikern über ein überdurchschnittliches Maß an Einfühlungsvermögen und Sensibilität verfügte.


Gedichte
Gedichte
von Robert Eduard Prutz
  Taschenbuch
Preis: EUR 4,80

3.0 von 5 Sternen Die Freiheit zur Liebsten erkoren, 1. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gedichte (Taschenbuch)
Robert Eduard Prutz ist ein Freiheitsdichter für ein einiges Deutschland, gegen die Zollschranken, gegen Zensur und Unterdrückung durch die Fürsten, Sänger des "freien deutschen Rheins": "Ich sah sie schleichen, die goldene Flut / wie eine Bettlerin / Als klagte sie, dass noch mit Zoll und Banden / sie ungestraft der Fremdling knechten darf."
Ein Sänger in bisweilen pathetischen, nicht fein ziselierten Versen, der sich statt der Reime der Freiheit verschrieben hat. Seine Gedichte lesen sich oft wie das politische Manifest der 48er.
"Sei deutsch mein Volk! Verlern den krummen Rücken ... / Es kann den Fürsten selber nicht gefallen / Dies schmeichleriche demütige Geschlecht."
Oder: "Das Vaterland soll fest zusammenhalten. / Vom Rhein bis an den Ostseestrand, selbständig, unzerspalten."
Die Kritik an den herrschenden Zuständen ist allgegenwärtig: "Wir wolln Gesetze, kurz und rund / Die klar und deutlich sprechen / Und die auch keines Königs Mund / Darf biegen oder brechen" (so in "Was wir wollen", einem der empfehlenswertesten Gedichte der Sammlung).
Prutz ist klarer und eindeutiger als Herwegh oder Freiligrath in der Thematisierung der politischen Unmündigkeit des Vormärz, seine Sprache ist präzise und fordernd, die des mündigen Bürgers. Das Elend der Zeit fasst er zusammen im Abschiedslied an einen Auswanderer, der sich vor der Unfreiheit in die USA flüchtet.
Sein Motto demgegenüber bleibt: "Sich fügen lerne, wem Fügsamkeit genügen kann / ... / Ich aber folge meinem Sterne."
Karnevalsverächtern sei gesagt, dass Prutz das 1848 erfolgte Verbot des Düsseldorfer Karnevals in 6 Liedern sarkastisch kommentierte. Die Narretei muss damals tatsächlich noch subversiv gewesen sein.
Seine These gegen die unpolitischen Strömungen seiner Zeit: "Doch wenn ein Mann zur Liebsten sich die Freiheit hat erkoren / Da dünkt das Lied euch kümmerlich. / Da schmerzen euch die Ohren?"
In "Lügenmärchen" bringt er das ganze Elend der zeitgenössischen Gesellschaft auf den Punkt: Adelsherrschaft, Militarismus, Passkontrollen, Denunziantentum, fehlendes freies Parlament, Zensur, religiöse Kriecherei. Politischere Gedichte als dieses sind wohl kaum je geschrieben worden.
Fazit: Prutz ist ein Dichter, der für Freiheit und Demokratie kämpfte. Es all denen empfohlen, mal einen Blick in dieses Werk zu tun, für die diese Werte heute etwas an Glanz eingebüßt haben.


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