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Rezensionen verfasst von
Wolfgang "Kiplagat" (Saarbrücken)

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Aleph
Aleph
von Paulo Coelho
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Kaufen Sie sich ein anderes Buch, 18. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Aleph (Gebundene Ausgabe)
Aleph ist für mich eine große Enttäuschung. Dafür gibt es mehrere Gründe:

1. Schlecht verarbeitete Kernidee
Ich würde sie übertiteln mit „Compostela reloaded.“ Ähnlich wie im „Pilger nach Compostela“ findet wieder eine Stationenreise statt. Diesmal geht es mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok. Auch mit Karte im Buch. Zum Handlungskern: Der schreibmüde Superstar Coelho will durch die Bahnreise wieder zu sich selbst finden. Er trifft eine jungen Frau, der gegenüber er in einem vorherigen Leben Schuld auf sich geladen hat. Damit hätte man etwas machen können, doch hier läuft es ab wie bei Freud: Trauma wiedererlebt, Schuld verziehen, Geschichte geschrieben.

2. Starkult um sich selbst
Der Superstar ist in „Aleph“ auf Büchertour von Nordafrika bis Europa. Startet dann eine Tour durch Russland. Wir erleben, wie hingebungsvoll ihm seine weiblichen Fans zu Füßen liegen. So geht es im Buch einigen Frauen, nicht nur der Hauptfigur, der jungen Türkin Hilal: Sie liest Coelhos Bücher, lässt danach alles liegen, sucht seine Nähe und schmachtet nach Sex mit ihm. Es erinnert an Krishna: Die Suche des sterblichen Menschen nach Vereinigung mit dem Göttlichen. Und zum Schluss wird der Literaturstar von Putin nach Moskau eingeladen. Ob Putin sich auch mit ihm vereinigen will, lässt die Geschichte offen. Der Literaturzar schildert uns übrigens auch seine originelle Technik, körperlicher Gelüste Herr zu werden: Mache Aikido und Dir vergeht die Lust auf Sex. Matte statt Matratze und anschließend eine warme Dusche. Ich werde es mir merken.

3. Das Feuer der Erkenntnis
Coelho trifft einen Seher in Marokko, unterhält sich mit Schamanen am Baikalsee und schildert uns dabei, welche weltweiten Gemeinsamkeiten die Schamanen haben. Er entwirft sich als Experte, dem alle Techniken des Kontakts zum Überirdischen vertraut sind. Höhepunkt ist sein eigenes Rückversetzen in das vorangegangene Leben: Es läuft ganz alttestamentarisch ab mit einem Feuer. Filmisch würde die Szene sehr viel hergeben: Der Star liegt umschlungen neben der knapp bekleideten, in einer anderen Szene nackten, Türkin und hüllt sich in einen Feuerring. Das stelle ich mir vor wie in „Die nackte Kanone:“ Nur, dass diesmal Leslie Nielsen nicht in einem Kondom liegt, sondern in der Feuerhülle. Dort ergießt sich ihm der göttliche Atem, der ihm einem Rückblick in ein früheres Leben gewährt. Macho lässt grüßen: Hilal wird nicht zum Höhepunkt mitgenommen, der ist nur dem Superautoren reserviert. Nein, nicht nur einmal: Er teilt uns gleich mehrmals mit, dass er auch schon einmal französischer Schriftsteller war, im 19. Jahrhundert. Gerade dieses frühere Leben lässt mich mit einem Kopfschütteln auf der frankophilen Seite der Erde zurück.

4. Die inhaltlich flachen Beschreibungen
Französische Literatur des 19. Jahrhunderts, das sind genaue Personen- und Ortsbeschreibungen, deren Details Sinnbilder für Handlungsprozesse in der Geschichte sind. Und bei Coelho? Warum musste es die transsibirische Eisenbahn sein? Über die Orte erfahren wir kaum etwas, außer dass es in Sibirien kalt ist und die schönsten Frauen in Novosibirsk leben. Die klischeetriefenden Gemeinplätzchen sind keinen Vergleich mit Stendhal, Balzac, Flaubert, Zola oder Hugo wert. Selbst die Beschreibung der Romanheldin Hilal fällt bitter dürftig aus. Sie wurde als Kind missbraucht und kompensiert dieses Trauma mit fanatischem Geigenspiel. Was wir ebenfalls mitnehmen können: Sie hat kleine Brüste und rasiert sich das Schamhaar. Das wird sie nach der Geschichte nicht mehr tun, verspricht sie Coelho. Der war im früheren Leben Inquisitor und trug Mitschuld an der Verbrennung des Mädchens in Cordobà. Im neuen Leben ist sie Türkin. Sieht Coelho den Islam als religiösen Antipol zum Christentum? Ich habe es nicht im Buch erfahren können.

5. Fazit: Kaufen Sie sich ein anderes Buch
Ich war immer ein Fan von Coelho, finde viele seiner Bücher stark und intensiv. Aber „Aleph“ ist für mich wegen seiner Oberflächlichkeit und vieler postpubertärer Phantasien der literarische Tiefpunkt in seinem Werk. Schade, denn Sie konnten es besser, Herr Coelho.


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