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roccapendice (Stuttgart)

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Hippokrates for sale: Von der schleichenden Zerstörung des solidarischen Gesundheitswesens
Hippokrates for sale: Von der schleichenden Zerstörung des solidarischen Gesundheitswesens
von Bernd Hontschik
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,99

5.0 von 5 Sternen Ein notwendiger Weckruf in 35 brillanten Essays, 14. September 2014
Sagt man uns nicht oft, wir hätten das beste Gesundheitssystem der Welt? Geht es uns nicht immer besser mit all den Vorsorgekampagnen, der ständig wachsenden Lebenserwartung, den innovativen Medikamenten und bestens versicherten Gesundheitsrisiken? Wie kann man da „die schleichende Zerstörung des solidarischen Gesundheitswesens“ an die Wand malen, die der Untertitel des Buches brandmarkt?
Hontschik macht deutlich, dass die Errungenschaften und Leistungen eines in der Tat beachtlichen Solidarsystems in höchster Gefahr sind.
Der Kernsatz des Buches lautet „ Nicht mehr der Kranke ist der Gegenstand der Medizin, der Heilkunst, sondern die Krankheit wird zum Gegenstand eines profitablen Wirtschaftsprogramms“. Und es ist dieses Verdikt, das Hontschik in den 35 Schlaglichtern seines Buches mit Beispielen untermauert, mit Anekdoten aus einer eigenen Praxis illustriert und mit wissenschaftlichen Studien belegt: Ob es die Leistungsvereinbarungen in den zunehmend privatisierten Kliniken sind, die dazu anreizen, ohne belastbare Indikation möglichst viel zu operieren und die Patienten „blutig“ zu entlassen. Ob es die Panikmache der Pharmaindustrie angesichts scheinbar drohender Seuchen ist, für die schleunigst ein Impfstoff entwickelt, der von Regierungsstellen eilfertig zu Millionenchargen aufgekauft und dann mangels Ausbruchs der Seuche gegen weitere Kosten umweltschonend verbrannt werden muss. Ob es die Leistungskürzungen der Krankenkassen sind, die beispielsweise vorsehen, dass Kinder, die operiert werden müssen, nicht etwa vor dem Eingriff zur psychologischen Eingewöhnung und sorgfältigen präoperativen Vorbereitung am Vortag der OP bereits stationär aufgenommen werden können, sondern gewissermaßen „von der Straße weg“ auf den OP-Tisch gelegt werden sollen. Auch die eigene Zunft, in der nicht Wenige mit wissenschaftlich vollkommen unbestätigten IGeL („individuelle Gesundheits-“)-Leistungen schamlos gutgläubige Patienten abzocken, wird von Hontschiks Zorn nicht verschont –ein weiteres Element eines „profitablen Wirtschaftsprogramms“ auf Kosten einer Heilkunst, wie wir Ärzte sie eigentlich in unserem Eid des Hippokrates gelobt haben. Dessen humane Orientierung stehet nun wohl zur Disposition: Hippokrates for sale...
Nach einer solchen niederschmetternden Diagnose der degenerativen Krankheit unseres Gesundheitswesens mag man sich fragen, ob es dagegen überhaupt eine Therapie gibt. Es ist nicht das Anliegen dieses Buches, große und globale Rezepte zu entwickeln, wie der schleichenden Erosion des solidarischen Gesundheitswesens entgegen gewirkt werden kann. Hontschik will zunächst einmal warnen und aufrütteln, sein Buch enthält aber auch erste Gedanken zu einer „Therapie“: Etwa der Hinweis auf ein interessantes, aber totgeschwiegenes Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das feststellt, dass gemeinwohlorientierte Handlungspielräume nicht zugunsten einer „materiellen Privatisierung“ aufgegeben werden dürfen, was im Klartext heißt dass private, profitorientierte Privatisierungsentscheidungen von einer Gemeinde, also von uns Bürgern selbst, gerichtlich angegriffen und womöglich ganz verhindert werden könnten, was der Sprengsatz dieses Urteils ist. Lösungen sind nicht „von oben“ zu erwarten. Es kommt auf uns Bürger selber an, ob als Ärzte oder Patienten, die wir entweder bereits sind oder die wir ja alle einmal werden. Dazu muss aber erst einmal der Finger auf die Wunde gelegt werden, und das tut der praktizierende Chirurg und zornige Publizist Hontschik überzeugend und mit Nachdruck.
Die Essays sind eine Sammlung der Kolumnen, die Hontschik für die Frankfurter Rundschau geschrieben hat, bevor dort an allen Stellen der Rotstift angesetzt wurde. Insofern ist dem Weissbooks-Verlag unbedingt zu danken, dass er diese Kollektion in Buchform herausgegeben und so vor dem Schicksal noch so brillanter Zeitungsartikel bewahrt hat, die schließlich leider beim Altpapier landen und bald dem Vergessen anheim fallen. Um so befremdlicher ist es da, in einer Rezension über eine „Zweitverwertung“ zu meckern. Aber vielleicht hat sich der Kollege Dr. E. ja Hontschiks Kolumnen immer fein säuberlich ausgeschnitten und in ein Album geklebt. Dann bräuchte er das Buch nicht. Alle anderen am Zustand unseres Gesundheitswesen werden es kaum mit Vergnügen, aber mit Gewinn lesen.


Bleiben Sie neugierig!: Macht sauer lustig? Darf man gelben Schnee essen? Und andere Fragen aus der Wissenschaft
Bleiben Sie neugierig!: Macht sauer lustig? Darf man gelben Schnee essen? Und andere Fragen aus der Wissenschaft
von Vince Ebert
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Vergnügte Hirne lernen besser - sogar Naturwissenschaft und Technik!, 10. Februar 2014
Wenn unsere „Weiterführenden Schulen“ Vince Eberts Buch „Bleiben Sie neugierig“ im Fach Naturwissenschaft und Technik zur Pflichtlektüre machen würden, müssten wir in ein paar Jahren keine Ingenieure aus Indien mehr anheuern. Denn statt trockene Formeln, Grundregeln und Konstanten büffeln zu müssen, würden unsere Kids mit ebenso unterhaltsamen wie wissenschaftlich fundierten Erklärungen aus Physik, Chemie, Biologie und Elektronik konfrontiert, hätten oft genug Grund zum Schmunzeln wenn nicht gar zum Lachen und würden schließlich Zusammenhänge verstehen, ohne dass sie das Gefühl haben, mühevoll Dinge zu lernen, die, seien wir ehrlich, manchmal doch ganz schön kompliziert sind. Vince Ebert berücksichtigt konsequent die Tatsache, dass vergnügte Hirne so viel besser lernen als angestrengte, deshalb erzählt er Geschichten, würzt sie mit Jokes und Kalauern statt zu dozieren. Dabei bleibt vermutlich viel mehr hängen als bei hochmodernen Unterrichtsveranstaltungen mit Powerpoints und Whiteboards. Scheinbar banale Themen wie „ Warum wird es nachts dunkel“ oder „Warum ist Eis glatt“ beleuchten physikalische Grundregeln auf verblüffend anregende Weise. Technologien, die wir inzwischen in Allerweltsgeräten wie Druckern oder DVD-Playern vorfinden, von denen wir aber wie beim Laser kaum wissen, wie sie tatsächlich funktionieren, werden überraschend verständlich erklärt. Nebenbei räumt Ebert mit einigen irrationalen Lieblingsmythen phobischer Zeitgenossen auf („Ist Elektrosmog gefährlich?“).
Aber es wäre jammerschade, „Bleiben Sie neugierig“ lediglich als Fortbildungslektüre für weiterführende Schulen zu betrachten: Es ist ein durch und durch amüsantes, aufschlussreiches und instruktives Buch, mit dem es auch dem erwachsenen Lesern Spaß machen wird, ihre Welt besser zu verstehen. Ideale Darreichungsform dieser gut verdaulichen Informationsmedizin wäre ein Kapitel täglich kurz vor dem Einschlafen, denn wie man weiß, kann unser Gehirn solche anregenden Stimuli während der Nacht besonders gut in die Langzeitspeicher prozessieren, in denen Vince Eberts scharfsinnige Etüden unbedingt ihren Platz finden sollten. Mein Buch lag zu diesem Zweck lange auf meinem Nachttisch, bis mir dummerweise mein Wasserglas darüber kippte. Ich habe die Seiten liebevoll getrocknet, wie es sich für Bücher gehört, die man schätzen gelernt hat. Dabei stellte sich mir allerdings gleich eine neue Frage, die Vince Ebert in seiner nächsten Kollektion unbedingt beantworten sollte: Warum zum Teufel wellt sich Papier so hässlich, wenn es geflutet wurde?


Herzenssachen: So schön kann Medizin sein
Herzenssachen: So schön kann Medizin sein
von Bernd Hontschik
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,00

21 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Messerscharfe medizinisch-literarische Miniaturen, 7. Oktober 2009
Der Verfasser ist ein erfahrener Chirurg, der es gewohnt ist, am OP-Tisch präzise Schnitte zu setzen und klare Diagnosen zu stellen. Manchmal tauscht er das Skalpell gegen den Laptop aus, aber die Fähigkeit zum gründlichen Beobachten und scharfen Sezieren bleibt ihm eigen: Ob es um die Entlarvung aufgeblasener Propaganda im Gesundheitswesen geht (wie z.B. der Mythos der so genannten "Kostenexplosion"), um die Problematik der "Vorsorge"(die keine ist, sonder bestenfalls Früherkennung mit fraglichen Konsequenzen), um medizinischen Aberglauben (wie die Heilung von Erkältungen durch Vitamin C), um den sündhaft teuren Unsinn einer elektronischen Gesundheitskarte oder um "Blutige Entlassungen". Der Untertitel "So schön kann Medizin sein" kann angesichts der kritischen Sektionen à la Hontschik schon als Ironie ausgelegt werden, man ahnt, was der Autor meint und was er will: Es gibt an unserem Gesundheitssystem eine Menge zu operieren, zu sanieren, richtig zu stellen, zu kurieren und manches gar zu amputieren, damit es kein Krankheitssystem bleibt - und es wäre möglich! Ein Leitsatz aus dieser lesenswerten Anthologie messerscharfer medizinisch-literarischer Miniaturen: "Der Unterschied zwischen einem kranken Menschen beim Arzt und einer defekten Maschine in der Werkstatt ist fundamental. Wenn die Medizin das vergisst, ist sie keine mehr." Voilà!


Langenscheidt Arzt-Deutsch/Deutsch-Arzt
Langenscheidt Arzt-Deutsch/Deutsch-Arzt
von Eckart von Hirschhausen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,99

16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geistreich und erfrischend - nicht nur für Hypochonder, 4. Juli 2007
Es ist ein schillerndes Buch mit ebenso vielen Facetten wie die Live-Auftritte seines Autors, des Kabarettisten und Ex-Neurologen Dr. med. Eckhart von Hirschhausen. Natürlich lebt es auch ein wenig von Kalauern, die eher stammtischreif sind. Aber wer meint, damit sei es getan,erlebt spätestens auf der nächsten Seite eine Überraschung: Das Buch liefert immer wieder sehr solide, seriöse medizinische Informationen, über Blutdruck, Risikofaktoren, medizinische Terminologie und Krankheitslehre, augenzwinkernd stets, humorvoll und geistreich verpackt. Einige Kommentare zu den Stichwörtern lassen laut auflachen, was Hirschhausen im Übrigen in seinem Nachwort als immer noch die beste Medizin anpreist, und da ein solcherart amüsiertes Hirn entschieden besser lernt als ein angestrengtes, dürfte beim Nachschlagen in diesem erfrischenden Büchlein eine ganze Menge hängen bleiben. Und das ist gut so: Eine seiner erfreulichen Eigenarten sind unversehens eingestreute kritische Statements, die einem sehr menschlichen Anspruch an die Medizin verpflichtet sind. Etwa wenn Hirschhausen das Verschleiern ärztlichen Unwissens oder medizinischer Ratlosigkeit durch nichts sagende terminologische Pirouetten aufs Korn nimmt, die unreflektierte Gabe von Beruhigungsmitteln an Patienten ohne fassbaren Befund anprangert oder eine Checkliste zusammenstellt, die das Auffinden des guten Arztes" ermöglicht. Fazit: Ein rundum sympathisches Büchlein zum Selberlesen und Verschenken, und gewiss nicht nur für Hypochonder, die Jürgen von der Lippe im Klappentext als obligate Zielgruppe des Buches ausweist.


Körper, Seele, Mensch: Versuch über die Kunst des Heilens (suhrkamp taschenbuch)
Körper, Seele, Mensch: Versuch über die Kunst des Heilens (suhrkamp taschenbuch)
von Bernd Hontschik
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

33 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fesselnd, verständlich, konkret und erfrischend unakademisch, 16. Januar 2007
Chirurgen gelten im Allgemeinen nicht als die großen Dichter, Denker und Schriftsteller in der ärztlichen Zunft. Eher schätzt man ihre zupackenden oder sezierenden Qualitäten. Paaren sich letztere freilich mit literarischem Talent und Wortgewandtheit, darf man ebenso spannende wie eingängige und scharfsinnige Texte erwarten. Bernd Hontschik ist ein erfolgreicher Chirurg und ein vortrefflicher Autor, und in seinem Buch Körper, Seele, Mensch" seziert er und er packt zu, mit Worten und Gedanken statt mit Skalpell und Zange. Er prangert die zunehmende Bürokratisierung in der ärztlichen Versorgung an, geißelt die kalte Ökonomisierung der Medizin und das Auseinanderdriften von zwei Medizinen": eine, die sich - wie kompetent auch immer - um kranke Körper kümmert, ohne sich für die Seelen zu interessieren (die so genannte somatische" Medizin), und eine zweite, die sich auf leidende Seelen konzentriert, ohne den dazu gehörenden Körper zu beachten (die so genannte psychotherapeutische Medizin). Der vor zwei Jahren verstorbene Thure von Uexküll, Nestor der deutschen Psychosomatik, hat die Überwindung dieses Dualismus wie kein zweiter zu seinem Lebenswerk gemacht, und so ist Bernd Hontschiks Buch gleichzeitig eine Hommage an diesen großen Arzt und Naturphilosophen (mit dem gemeinsam er bereits vor Jahren das großartige Buch Psychosomatik in der Chirurgie" herausgegeben hatte). Kritische Bestandsaufnahmen unseres Gesundheitswesens und der Bedingungen, unter denen Ärzte arbeiten und Patienten gesund werden sollen, sind zu Zeiten des politischen Herumdokterns an einer Gesundheitsreform" nicht gerade selten, und mancher potentielle Leser mag bei den von Hontschik fokussierten Themen denken nicht noch so ein Buch...". Es wäre schade, wenn er es beiseite legen würde, denn von der ersten Seite an fesselt Hontschik mit seiner klaren, kräftigen Sprache, seinen plastischen Fallbeispielen, und selbst da, wo es um die (unerlässlichen) theoretischen Grundlagen einer humanen Medizin wie Semiotik und Konstruktivismus geht, bleibt er verständlich, konkret und erfrischend unakademisch. Bereits vor vielen Jahren verblüffte Hontschik mit einer (vom Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin preisgekrönten) Arbeit, in der er nachwies, dass viele Blinddarmoperationen bei jungen Mädchen nicht etwa in Folge echter krankhafter Veränderungen am Wurmfortsatz durchgeführt wurden, sondern als Ergebnis einer bizarren Interaktion zwischen den Patientinnen, ihren fordernden Müttern und nachgiebigen meist jungen Ärzten (in dem neuen Buch schildert er diese Dynamik in einem Kapitel mit dem aparten Titel Mein Blinddarm, mein Motorrad und ich"). Spätestens seit dieser Erfahrung ist für Hontschik die Einheit von Körper, Seele und sozialem Ökosystem zum beherrschenden Thema geworden. Sowohl in seinen Publikationen, als auch in seiner Arbeit im Vorstand der von Thure von Uexküll gegründeten Akademie für Integrierte Medizin", als auch in seiner (chirurgischen!) Arbeit bei seinen Patienten - wie einige von ihnen berichten. Ich selbst gehörte bisher nicht dazu zu, und wenn man das Buch liest, ist man fast versucht zu sagen: leider...!).

"Körper, Seele, Mensch" ist das erste Buch der neuen Suhrkamp-Reihe medizinHuman", die von Bernd Hontschik konzipiert wurde und die er kuratiert und deren bisherige Bände sämtlich aufhorchen lassen, weil sie dem Anspruch, den das Logo der Kollektion erhebt, gerecht werden: zu zeigen, dass auch in diesen Zeiten kalter Kalkulationen mit Humankapital" und Leistungserbringern" eine Medizin mit menschlichem Gesicht möglich ist.

Wulf Bertram


Urknaller
Urknaller

19 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Physik mit Sexappeal!, 11. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: Urknaller (Audio CD)
"Physik ist sexy" lautet der Untertitel der CD von Vince Ebert. Wenn ich mir den Physiklehrer aus meiner Gymnasialzeit und dessen traurige Demonstrationen meist missglückender Experimente wachrufe, fällt mir keine Behauptung ein, die absurder wäre. Lediglich bei den anschließenden theoretischen Erklärungen der Ergebnisse, die eigentlich hätten herauskommen sollen, lief der Schulmeister zu einer gewissen Form, wenn er kryptische Buchstaben, Formeln, Wurzeln und Integralen an die Tafel malte. Aber sexy? Physik und Sexappeal verhielt sich bis gestern für mich wie ein Tofu-Ökobrätling zu einem knusprigen Canard à l'Orange. Bis gestern, denn da habe ich die CD "Urknaller" von Vince Ebert angehört. Abgesehen davon, dass der diplomierte Physiker und Kabarettist seinen Vortrag mit einer ganzen Reihe von subtilen bis deftigen Witze aus dem Bereich des zwischenmenschlichen Verkehrsaufkommens würzt, erschließt sich beim Hören tatsächlich die Faszination handfester physikalischer Gesetze und Phänomene. Hätte mein Physiklehrer bei seinem Sermon über Quanten ein Quentchen davon besessen, säße ich jetzt vielleicht an der Steuerkonsole eines Teilchenbeschleunigers im Max-Planck-Institut. Überraschend trotz alledem, was offenbar im Physikunterricht trotz kontraproduktiver Vermittlung doch noch hängen geblieben und durch die Show von Vince Ebert in neue Schwingungen versetzt wird: Die allgemeine und spezielle Relativitätstheorie wird dank eines guten Kalauers plötzlich zumindest ansatzweise verständlich, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und die Chaostheorie illustriert Ebert plastisch an dem Zustand der Küche seiner ehemaligen WG. Sie hören die CD, schmunzeln, lachen, und ehe Sie sich versehen, haben Sie ein physikalisches Phänomen verstanden oder Ihre verschütteten physikalischen Vorkenntnissen haben ein Update verpasst bekommen. Aus der modernen Hirnforschung wissen wir, dass ein vergnügter Kopf um Längen besser lernt, als ein angestrengtes, gelangweiltes oder gar verängstigtes Hirn ("Ihr könnt jetzt in der Stunde ruhig pennen, aber beim nächsten Leitungstest kriegt Ihr die Quittung ...", pflegte unser Physiklehrer zu sagen). Vince Ebert bietet gute Unterhaltung in virtuoser Kombination mit wissenschaftlichen Fakten, die überhaupt nicht mehr langweilig sind, wenn sie mit so viel Humor und Augenzwinkern präsentiert werden.

Ein Tipp zum Abschluss: Machen Sie es wie ich und hören die CD im Zug. Da gleich nach Einlegen der Scheibe ein Dauergrinsen Ihre Mimik beherrscht, Sie es nicht schaffen werden, sich 75 Minuten lang ein Lachen zu verkneifen und gelegentlich für Ihre Mitreisenden unnachvollziehbar losprusten werden, dürften Sie zunehmend misstrauische Blicke ernten. Mütter rufen ihre Kinder zu sich und ältere Herrschaften schauen ängstlich nach dem Schaffner. Und irgendwann haben sie dann ein Abteil für sich allein.


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