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Rezensionen verfasst von
eule 52
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Ein Abend mit der Hundeflüsterin: Lesung & Konzert
Ein Abend mit der Hundeflüsterin: Lesung & Konzert
von Maike Maja Nowak
  Audio CD
Preis: EUR 12,99

5.0 von 5 Sternen "Wie Träumende auf einem schlafenden Löwen", 21. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Maike Maja Nowak, aufgewachsen in der ehemaligen DDR, lebte nach der Wende etliche Jahre in dem russischen Dorf Lipowka. Dort, in freier Wildbahn sozusagen, sammelte sie ihre Erfahrungen mit wilden Hunden. Dort in diesem fernen Dorf leben die Tiere, seien es Kühe, Pferde, Ziegen, Katzen oder eben Hunde autonom, ohne die vordergründig erzieherischen Einflussnahmen des Menschen. Sie leben in ihrer eigenen 'Zivilisation', ihren eigenen hierarchischen Systemen, von denen wir im wohlorganisierten Westen keine Ahnung haben. Oder haben Sie vor Maike Maja Nowak schon einmal etwas von einem "hinteren Wächter" gehört?

Wenn diese sympathische "Hundeflüsterin" anfängt zu erzählen, könnte ich ihr stundenlang zuhören. Aus ihrem Vortrag spricht die Liebe zu allem Lebendigen, zu Tieren wie zu Menschen. Und das tiefe Verständnis für die Seele eines jeden einzigen Wesens. Und die gerüttelte Portion Humor, mit der sie sich auch selber auf die Schippe nimmt. Sie macht sich zum Anwalt der Hunde, die unter ihren Menschen leiden, genauso wie sie einen undisziplinierten vierbeinigen Fellträger in seine Grenzen verweist.
Die Geschichte um Henry, dem vermeintlich rettungsbedürftigen Straßenhund, trieb mir aufs Neue die Tränen in die Augen, obwohl ich sie aus ihrem Buch "Wie viel Mensch braucht der Hund" schon gekannt hatte. Was muß dieser Hund gelitten haben, bevor sich Frau Nowak seiner erbarmte! Doch die Hundefrau verurteilt nicht, sie versetzt sich in die Lage der Menschen und hinterfragt die Gründe für ihre falschen Einschätzungen. Das imponiert mir ungemein. Ihr würde ich sofort vertrauen, hätte ich ein ernsthaftes Problem mit meinem Hund. Mir sind jene suspekt, die Macht demonstrieren und Unterwerfung erzwingen. Das sind diejenigen, die genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie bewirken sollen.

Mit dem zweiten Teil ihrer abendfüllenden Veranstaltung in Berlin, deren Live-Mitschnitt wir die CDs verdanken, macht sie uns Zuhörern ein großes Geschenk: sie singt die Lieder aus ihrem früheren Leben. Wie sie selber auf Nachfrage einräumt, haben sich für sie die Zeiten geändert. Ihre Texte, die in Zeiten der Unterdrückung durch ein menschenverachtendes totalitäres System den Menschen Hoffnung, Seelennahrung, Lebensperspektive gespendet, Mut gemacht haben, bewirken bei dem nunmehr satten, angepassten, bequem gewordenen Publikum nicht mehr dieselben Reaktionen wie damals. Deshalb ist sie heute nicht mehr als Liedermacherin unterwegs. Nur exklusiv für uns taucht sie noch einmal ein in den Fundus der russischen Dichterin Marina Zwetajewa und ihrer eigenen Texte, die sie teilweise vor über 30 Jahren schon geschrieben hat. Mit beachtlichem Stimmvolumen und dem ihr eigenen wandelbaren gutturalen Sound verkörpert sie das typisch Russische, dem ihr Herz gehört. Wir sehen vor uns die weiten Steppen, empfinden die Einsamkeit in der grenzenlosen Landschaft und verspüren die Sehnsucht nach dem fernen Ort des Geborgenseins. Hier singt eine alte Seele, die überall und nirgends zuhause ist.
Heiner Knapp am Piano ist ihr der kongeniale Partner, der mit ihr zu dem "gemeinsamen Atem" gefunden hat.

Und als wäre dies alles noch nicht genug, stellt sie sich live, ohne Netz und doppelten Boden, den Fragen des Publikums, das reichlich Gebrauch macht von der Chance, dieser über Monate ausgebuchten Hundesachverständigen Fragen zu den 'Abarten' vierbeinigen Verhaltens zu stellen. Ich fand es absolut in Ordnung, daß sie nicht zu allen Fragen die ultimativen Antworten präsentieren kann. Keinem Arzt würde man zutrauen, per Ferndiagnose zu heilen. Schlagfertig und stets aus der Sicht des Hundes hat sie aber auch so manches scheinbare Problem ad absurdum geführt. Und das mitzuerleben war ganz große Klasse.

Applaus! und Dank! und rote Rosen!


Das Lebensrad
Das Lebensrad
von Dieter Heß
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Der Suchenden langer Weg, 21. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Lebensrad (Gebundene Ausgabe)
Dieter Heß verfügt über profunde Kenntnisse über Nepal, den Tibet und die buddhistische Religion. Neben "Yeshe-Ö, König in Tibet" hat er "Das Lebensrad" verfasst, um die Grundlagen des Buddhismus anhand zweier populärwissenschaftlicher Romane einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist ihm eindeutig gelungen, und dafür gebührt ihm Dank.

"Yeshe-Ö, König in Tibet" ist mein erklärter Favorit, nach dessen Lektüre ich mich ausgiebig in die Schriften von Sogyal Rinpoche und Lama Anagarika Govinda vertieft habe. Das Lebensrad ist ein wichtiger Bestandteil der buddhistischen Religion. Man hat sich darunter vorzustellen, daß die Grundübel des Menschseins, Unwissenheit, Gier und Hass, schuld daran sind, daß wir nicht zur Erleuchtung aufsteigen können. Solange wir diese negativen Emotionen nicht bezwingen, indem wir uns von ihnen befreien, müssen wir leiden in unendlicher Wiedergeburt, und es wird uns nicht gelingen, unser Karma zu reinigen. Das ist das Symbol des Rades, das sich immer weiter dreht, angetrieben durch Unwissenheit, Gier und Hass.

Dieter Heß hat dies zum Thema in seinem Roman "Das Lebensrad" gemacht. Eine Reisegruppe ist unterwegs in Tibet. Ihr Trecking verläuft abenteuerlich, denn sie gerät zwischen die Fronten von buddhistischer Tradition und Rachegelüsten der unterdrückten Tibeter. Keinem der Teilnehmer, auch nicht Derek, dem Leiter der Truppe, mit dem sich der Autor vermutlich identifiziert hat, vermochte ich mit Sympathie zu begegnen. Die Handlung verirrt sich im zwischenmenschlichen Bereich innerhalb der Gruppe und im übergeordneten kulturhistorischen Aspekt.
Nichtsdestotrotz erfahren wir eine Menge an Grundlagentheorie zum tibetischen Buddhismus. Das macht die Lektüre wertvoll. Die Rahmenhandlung kann getrost ausgeblendet werden. Sie ist zum Verständnis des Wesentlichen gar nicht erforderlich. Und im folgenden Zitat liegt wenigstens ein Splitter der Weisheit verborgen:
"...vor diesem Lebensrad lässt sich fordern: Menschen, die nicht als Heilige über allem schweben,
sondern tief in den drei Grundübeln befangen sind, aber sie damit sich selbst zu überwinden lernen.
Das stelle ich mir viel schwerer vor! Solche Menschen wären der beste Beweis für ein wirklich gelebtes Vajrayana..." (S.229)

Wahrlich, was wäre die Welt für ein Ort, wenn...


Die kurzen und die langen Jahre: Roman
Die kurzen und die langen Jahre: Roman
von Thommie Bayer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,99

5.0 von 5 Sternen Ein Mörder, zwei Opfer - und doch kein Krimi, 20. Oktober 2014
"Es gibt Anblicke, von denen ich nicht weiß, ob sie mir gut- oder wehtun,
ob ich hinsehen darf oder den Blick abwenden soll, und irgendwann habe ich den Blick abgewandt
und bin beschäftigt damit, mir selbst zu erklären, dass das eben Gesehene kein Zeichen war,
keine Botschaft an mich, sondern einfach das Leben, an dem jeder zumindest mal vorbeikommt,
falls er, wie ich, nicht mehr daran beteiligt ist." (S.7)

Simon Stiller und Sylvie Spengler lernen sich am Tatort kennen. Er (der Ich-Erzähler) ist 22 Jahre alt und der Sohn des einen Ermordeten. Sie ist 8 Jahre älter und die Ehefrau des zweiten Opfers. Die zwei Männer waren ein Liebespaar.
Für Simon macht das Sinn. Jetzt kann er nachvollziehen, wieso die Ehe seiner Eltern so war, wie er sie im hintersten Winkel seines Erinnerungsvermögens gespeichert hat. Für Sylvie bricht eine Welt zusammen. Sie, die attraktive, rassige Rothaarige, "Traum eines jeden Mannes", trieb ihren Ehemann in die Arme eines Schwulen.
Die beiden ungleichen Hinterbliebenen freunden sich an, sie schreiben einander Briefe, verlieren sich aus den Augen und treffen doch irgendwann auch wieder aufeinander. Jeder trauert auf seine Weise, jeder versucht, sein Leben irgendwie auf die Reihe zu bekommen. Und doch kämpft jeder gegen seinen eigenen Fluch, der ihn wie ein Schatten verfolgt.

Der Roman Thommie Bayers spannt einen Bogen über 50 Jahre, und das auf etwas mehr als 200 Seiten. Er spielt zwischen 1964 und 2014, kurze und lange Jahre, je nachdem, was passiert, je nachdem, wie intensiv Begegnungen und gemeinsame Geschichten sich gestalten. Thommie Bayer versteht sich auf die leisen Töne. Es sind seine Herztöne, die er in Worte kleidet. Als Autor legt er Wert auf den Hinweis, daß Autobiografisches keinen Eingang in seine Bücher findet. Doch die Geschöpfe seiner Fantasie sind ihm sehr nahe, auch wenn sie im Verlauf des schriftstellerischen Schöpfungsakts gelegentlich einer unvorhergesehenen Eigendynamik anheimfallen. Ihre Interaktionen und Alleingänge sind psychologisch ausbalanciert, nachvollziehbar und jederzeit plausibel. Und so kommt es schließlich, wie es kommen muß:
"Als ich dann in einer E-Mail, die ich schon hatte wegknipsen wollen, weil ich sie für Spam hielt,
den Betreff 'Von Sylvie' las, passte das zu dem gedämpften Knall des Tabs in der Spülmaschine,
zur frühlingshaften Wärme, die durch die geöffneten Fenster hereinströmte,
den vereinzelten nächtlichen Geräuschen von draußen,
es war, als tippe mir jemand auf die Schulter, und zwar der richtige Mensch.
Der, auf den ich gewartet hatte." (S.201)

Ich hatte das Vergnügen, die Person Thommie Bayer während einer Lesung zu studieren, und ich habe festgestellt: Person und Bild (oder Text) sind kongruent. Also freue ich mich schon jetzt auf sein neues Buch, das der sympathische Autor für das Frühjahr 2015 angekündigt hat.


Ein Geschenk von Bob: Ein Wintermärchen mit dem Streuner
Ein Geschenk von Bob: Ein Wintermärchen mit dem Streuner
von James Bowen
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der goldene Stempel, 20. Oktober 2014
Seit August stapeln sich die Lebkuchen in den Supermarktregalen, und die Weihnachtsangebote der Versandhäuser flattern ungerufen ins Haus. Da lacht mich das Buchcover des Opus 3 von James Bowen von ferne an - Bob mit rotem Schal und weißen Schnurrhaaren, der aufmerksame Bob, ein rotpelziges Wesen, irgendetwas zwischen Katze und Mensch, sternchenumkränzt und schleifchengeschmückt - und meinen Vorsatz, alles Weihnachtliche bis mindestens Mitte November zu ignorieren, breche ich in einem einzigen spontanen Augenblick.
"Ein Geschenk von Bob", Ein Wintermärchen mit dem Streuner. Im Hintergrund des Coverbildes der Straßenmusikant unter einer Laterne im Schnee, in Sichtweite der Big Ben, Kitsch hoch drei!, aber für Bob und James ertrage ich auch dieses. Ich muß dieses Buch sofort haben, nicht erst zu Weihnachten! Und schon geht es los, wie es mir bewusst wird, wie gut, wie unverdient gut ich es doch habe im Gegensatz zu unseren beiden Helden.

Und 2 Stunden lang tauche ich ein in die Vorstellung des kalten Winters 2010 und begleite meine beiden Freunde, die dem Kampf ums Überleben ausgeliefert sind. Was ist wichtiger, Strom und Gas übers Wochenende oder lieber was zu essen? Es heißt 'oder', nicht 'und'! Wann hat sich James das letzte Mal etwas Warmes zum Anziehen gekauft? Oder ein Geschenk für Belle, seine Freundin? Ist es für Geld überhaupt zu haben, was das Wichtigste zum Überleben ist?
Welche Prioritäten würden Sie setzen, hätten Sie die Wahl? Was heißt hier Wahl, es ist der Kampf ums Überleben neben der allgegenwärtigen Verführung, in die Drogenabhängigkeit zurückzufallen. Noch ist das erste Buch nicht geschrieben, noch fließen keine Tantiemen. Der einzige Reichtum des Zeitungsverkäufers und Straßenmusikanten ist sein Kater Bob, sein Seelenfreund, sein Krafttier, sein Schutzgeist. Für ihn ist er clean geworden, für ihn lohnt sich das morgendliche Aufbrechen, für ihn hat sein Leben Sinn, für ihn macht es auch Sinn, die schlimmsten Strapazen auf sich zu nehmen, um das für die Erfüllung der bescheidensten Wünsche nötige Kleingeld zu verdienen.

James Bowens Geschenk an uns ist die nach Charles Dickens schönste englische Weihnachtsgeschichte. Kein Wintermärchen zum Träumen, aber ein modernes Märchen ganz ohne Magie und Illusion. Nur deshalb wurde dieses Märchen wahr und lässt seine Fangemeinde dankbar und glücklich zurück.
Neu an Opus 3 und unbedingt erwähnenswert sind die hinreißenden kleinen Federzeichnungen zwischen den Kapiteln. Wer sie geschaffen hat, konnte ich nicht ermitteln, aber wen sie darstellen ist natürlich ganz klar. Vielleicht hat die Kinderbuchautorin Jacqueline Wilson etwas damit zu tun, wer weiß.
Wie war doch gleich das Zauberwort? DANKE! Nur danke, sonst nichts.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 24, 2014 1:03 AM MEST


Die Bücherdiebin
Die Bücherdiebin
von Markus Zusak
  Audio CD
Preis: EUR 7,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Tod als Freund..., 14. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Bücherdiebin (Audio CD)
..., der Erlöser, der die Seelen einsammelt und sie liebevoll in seine Arme nimmt. Das ist der Ich-Erzähler im Roman, Vollstrecker dessen, wozu er bestimmt ist, der von sich sagt:
"Bitte glaubt mir: Ich kann wirklich fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig.
Und das sind nur die Eigenschaften mit dem Buchstaben <A>. Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein.
Nett zu sein ist mir völlig fremd." (S.9)
Er tritt nur dann und wann in Erscheinung. Dann spricht er von sich und seinen Beobachtungen, die er macht, wenn er sich "ablenken" muß:
"...ist Ablenkung meine einzige Rettung. Sie allein hilft mir, bei Verstand zu bleiben.
Sie hilft mir, mit meiner Arbeit klarzukommen, was nicht so einfach ist, wenn man bedenkt,
wie lange ich diese Tätigkeit schon ausübe.
Das Problem ist: wer könnte mich ersetzen?
Wer könnte für mich einspringen, während ich in einem Vier-Sterne-Hotel irgendwo am Meer Urlaub mache
oder in den Bergen Ski fahre? Die Antwort ist: Niemand.
Genau dieser Umstand hat mich dazu veranlasst, die Ablenkung zu meiner Erholung zu machen, mich damit zu zerstreuen.
Also mache ich Urlaub in Farben, in Schattierungen.
...Ihr wollt wissen, wovon ich mich ablenken muß?
...Es sind die übrig gebliebenen Menschen.
Die Überlebenden.
Sie sind es, deren Anblick ich nicht ertrage, und in meinem Bemühen, sie nicht anzusehen, versage ich häufig." (S.11)
Deshalb gehört er zu denen, die alles sehen und alles wissen.

Liesel Meminger, das blonde Mädchen mit den braunen Augen, hat es ihm besonders angetan. Sie ist die Protagonistin dieser unglaublichen Geschichte, die sich zur Zeit des braunen Regimes, in den Jahren des Zweiten Weltkriegs zugetragen hat. Sie ist die "Expertin im Zurückbleiben" (S.12).

Wenn Markus Zusak den Tod in Szene setzt und ihn erzählen lässt, so tut er das mit einer Sprache, die so unmittelbar zu Herzen geht, leise und eindringlich, die den Leser derart 'hypnotisiert', daß er im Bann des Geschehens alles um sich her vergisst. So wird es wohl sein, wenn er uns dereinst besuchen kommt. Und in der letzten Konsequenz zeigt er sich nicht als der klappernde Sensenmann, sondern als das gnädige, erlösende, tröstende Geistwesen, das Schmerzen und Leiden beendet und die tausende in sinnlosen Schlachten gefallenen Seelen nach Hause trägt.

Ein rätselhafter Zauber geht aus von diesem Buch. Es thematisiert zwar das uns Nachgeborenen unvorstellbare Grauen des Weltkriegs, des ideologischen Terrors und der menschlichen Katastrophen des Pogroms und des Holocaust, aber die Menschen, um die es hier geht, sind uns trotz oder gerade wegen ihrer speziellen Ecken und Kanten im Herzen ganz nah. Wie Zusak Charaktere zeichnet, wie der Mikrokosmos des Dorfes Molching in Bayern zum Welttheater werden kann, zeigt dieser Roman in bewegender und eindrücklicher Weise auf.

Die Geschichte ist (nach mithin 706 Rezensionen!) sattsam bekannt - die Geschichte des Mädchens Liesel Meminger, die im Januar 1939 neun Jahre alt ist, als sie dem Tod zum ersten Mal begegnet und "mit einem wachen und einem noch träumenden Auge" zusieht, wie er ihrem 6jährigen Bruder die "Hand auf den Mund" (S.26) gelegt hat - die Geschichte von Hans und Rosa Hubermann, von Papa und Mama, von Rudi Steiner, Liesels Freund und Kamerad, dem Juden Max Vandenberg, dem eigentlichen Helden der Geschichte, und den Holzingers, den Hermanns, den Lindners und den Fiedlers. Und die Geschichte eines Akkordeons und die des Buches im Buch "Die Bücherdiebin".

Dies ist ein Buch, das man lesen und hören muß. Wer die Geschichte nur hört - überzeugend und glaubwürdig vorgetragen von Boris Aljinovic - dem entgehen wichtige Details. Er bringt sich um das Abenteuer des Lesens, des eigenwilligen Wechsels von 'Drehbuchnotizen', 'Regieanweisungen' (ich habe den Film nicht gesehen, könnte mir aber vorstellen, daß Buch und Drehbuch identisch sind) und Geschichten. Dem Vorleser Boris Aljinovic gelingt dieser Wechsel in seinen Ausdrucksweisen sehr gut, und er vermag den Hörer bis zum Schluss in spannender Erwartung zu halten. Doch zu schnell verfliegt das Atmosphärische, das die Dichtersprache Zusaks ausmacht, mit dem gesprochenen Wort. Man kann das Buch an einer x-beliebigen Stelle aufschlagen und sich sofort mitten im Geschehen befinden, das so dicht komponiert, so bildhaft ausgeschmückt und emotional so authentisch ist, daß ich Mitgefühl, Entsetzen und Traurigkeit, Scham, auch Schuld, empfinde und mich diese Gefühle noch Wochen, nachdem ich die Lektüre abgeschlossen habe, nicht verlassen. Wenn ich sage, dieses Buch hat mein Leben verändert, so ist das keine pathetische Übertreibung, sondern Folge des Versuchs einer Identifikation am Vorabend eines neuen Weltenbrandes, an dem ich zu Gott bete, daß uns das Erwachen danach erspart bleiben möge.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 19, 2014 8:25 AM MEST


Babylon
Babylon
von Frido Mann
  Taschenbuch

3.0 von 5 Sternen Gut gemeint, 7. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Babylon (Taschenbuch)
Die Geschichte spielt in einem östlichen Bundesland. Die Themen sind brisant: Ausländerfeindlichkeit und unterbliebene interreligiöse Verständigung.
Wie hartnäckig sich diese Themen in der öffentlichen Wahrnehmung gestalten und wie schwierig es ist, diese Probleme zu bewältigen, können wir jederzeit in der Tagespresse verfolgen. Lessings Ringparabel ist auch im 21. Jahrhundert noch nicht in den Köpfen angekommen. Das braune Gedankengut spukt noch heute in den Köpfen von gewaltbereiten Nationalisten im deutschen Osten statistisch dominanter als im Westen.

Wenn sich nun ausgerechnet Frido Mann, der vielzitierte Lieblingsenkel des großen Thomas Mann, dieser Themen annimmt, so tut er das nicht in erster Linie als Erbe des 'Zauberers', sondern in seiner eigenen Verantwortung als aufgeklärter Bürger unserer Zeit.
Er hätte das in einem Essay abhandeln und in allen überregionalen Wochenzeitungen abdrucken lassen können, sich in Talkshows einladen lassen und dort leidenschaftliche Plädoyers für Toleranz, Humanität und Achtung der Menschenwürde halten können. Er hätte eine Stiftung gründen und einen Preis der interkulturellen Integration ausloben können - aber bitte keinen Roman schreiben, nicht diesen! Er kann das nicht.
Diese unsägliche Love-Story zwischen dem schillernden jüdischen Kapellmeister Aurelio de Monti und der blutleeren Pastorin Hendrike Hönig aus Dregkwitz in Sachsen ist nicht auszuhalten. Sie ist auch seiner hehren Absicht nicht hilfreich, im Gegenteil, sie beschleunigt die Katastrophe sogar noch. 'Nicht gleich alles kaputtgehen lassen!' möchte ich rufen und die Hände vor das Gesicht schlagen, um das Peinliche nicht mitansehen zu müssen.

Frido Mann hat sich sehr viel Mühe gegeben, die unterschiedlichen Sichtweisen der Weltreligionen herauszuarbeiten, was auch Hans Küng lobend erwähnt hat, doch geriet nicht nur für ihn der ernsthafte Wille zu Erneuerung und Verständigung zum kakofonischen Tumult, zum intellektuellen Bankrott:
" 'Die Unterschiede unserer Religionen dürfen auf keinen Fall wegdiskutiert werden', schloss der Abt mit streng erhobenem Zeigefinger." (S.169) "Aurelio wollte sich das nicht mehr ansehen und ergriff, sich durch die Menschenmassen kämpfend, die Flucht." (S.175)
Auch ich ergreife symbolisch die Flucht und halte mich an Hans Küng et al, die es nicht nötig haben, ihre Wahrheiten in eine seichte Soap verpacken zu müssen.


Heile die Wunden Deiner Seele - Mit der Weisheit des Körpers tiefe emotionale Verletzungen heilen
Heile die Wunden Deiner Seele - Mit der Weisheit des Körpers tiefe emotionale Verletzungen heilen
von Lise Bourbeau
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

3.0 von 5 Sternen "Liebe ist die Erfahrung, du selbst zu sein" (S.165), 30. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Die Behauptungen dieses Buches sind zwar wissenschaftlich (noch) nicht nachweisbar,
doch will ich dich von ganzem Herzen dazu einladen, sie am eigenen Leibe zu überprüfen,
bevor du sie ablehnst.
Diese Zusammenfassung sollte dir helfen, dein Leben zu verbessern." (S.10)

Lise Bourbeau hat Erfahrungen und Beobachtungen zusammengetragen, die sie offenbar aus ihrer praktischen Arbeit als spirituelle Psychologin gewonnen hat.
Sie typisiert ihre Patienten im wesentlichen in 5 Gruppen: in solche, die am Anfang ihres Lebens abgelehnt worden sind, in andere, die man verlassen oder gedemütigt hat, in wieder andere, deren Vertrauen gebrochen wurde oder denen Ungerechtigkeit widerfahren ist. Ihre Theorie, daß solcherart Urerfahrungen einen Menschen dauerhaft prägen können, untermauert sie mit Beschreibungen, wie die jeweiligen Kreaturen mit ihrem Ur-Trauma durchs Leben gehen, welche Masken der Verdrängung oder des Schutzverhaltens sie sich zugelegt haben und nicht zuletzt wie man aus ihrem äußeren Habitus Rückschlüsse ziehen kann auf das, was ihre Seele verwundet hat.
Ich möchte auf die detaillierten Typisierungen nicht eingehen, scheinen sie mir doch nicht durchgängig schlüssig und nachvollziehbar und fördern sie doch ein gefährliches Schubladendenken. Der Gefahr, Psychologie zum Gesellschaftsspiel verkommen zu lassen, will ich mich nicht aussetzen. Und die besteht, wenn man die Ausführungen der Autorin allzu wörtlich nimmt. Das wäre nicht seriös und würde überdies auch keinem helfen, der in irgendeiner Weise betroffen ist.

Vielmehr möchte ich auf das letzte Kapitel hinweisen, das in dürren 25 Seiten endlich darauf eingeht, was der Titel des Buches eigentlich suggeriert, auf "die Heilung der Seelenwunden und das Ablegen der Masken".
Wenn wir davon ausgehen, daß die karmischen Lasten aus unseren früheren Existenzen in diesem Leben abgearbeitet und bereinigt werden sollen, erkennen wir das durch uns selbst bestimmte Schicksal. Nicht andere sind es, die uns Böses tun. Auch nicht, um den Dalai Lama zu bemühen, die falsche Sorte Grießbrei, die man uns einst verabreichte, hat daran Schuld, daß wir mit unserem Dasein Probleme haben. Wir bringen das Unerledigte, Unfertige, Unerlöste mit auf diese Welt als Auftrag und Aufgabe, an unserer Seelenvervollkommnung zu arbeiten und unser Karma zu bereinigen. Dieses Erkennen führt uns zur Akzeptanz - und so sind wir wieder einmal an der Selbstliebe angelangt. Das Ur-Thema, die Ur-Lösung, der Sinn alles Seins!
Hat es dazu dieses Buches bedurft? Meinetwegen. Weil man es der Menschheit nicht oft genug sagen kann. Hatten wir es nicht eben erst schlüssig und nachvollziehbar bei Louise Hay und David Kessler ("Heile dein Herz: Wege zur Liebe und Kraft...")? Wenn wir uns mit unserem Leben aussöhnen, wenn wir erkennen und akzeptieren können, was unsere Aufgabe in diesem Hier und Jetzt sein soll, wenn wir schließlich zu der positiven Affirmation gelangen, daß alles im Leben unserem höheren Selbst zur Entfaltung dienen wird, aktivieren wir das Göttliche, das uns allen immanent ist.
Nein, Madame Bourbeau, wir sind nicht Gott. Sonst wären wir ja unverwundbar. Aber wir kommen ihm immer näher, und wenn es ihm gefällt, werden wir ihm gleich - irgendwann, wenn wir die Lasten unseres Karmas loslassen können.
Erwarten Sie aber bitte nicht, daß damit Ihr Heuschnupfen oder Ihre chronischen Rückenschmerzen verschwinden. Deren Ätiologie hat eigene Gründe. Und die stehen auf einem ganz anderen Blatt.


Der Krankenflüsterer: Ein Diagnostiker erzählt von seinen interessantesten Fällen
Der Krankenflüsterer: Ein Diagnostiker erzählt von seinen interessantesten Fällen
von Walter Möbius
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Ecce homo, 28. September 2014
"Der Krankenflüsterer", "Dr.House", "Ein Diagnostiker" - was wird von den Verlagen nicht alles aufgeboten, um potenzielle Leser zum Kauf eines Buches zu animieren!
Sind nicht alle Ärzte irgendwie Diagnostiker? Der eine mehr, das ist dann der Intuitive. Der andere weniger, das ist dann der, an den man als Patient nach Möglichkeit nicht geraten will.
Walter Möbius ist der Meister der Intuition. Es reicht schon aus, sich den auf dem Cover abgebildeten Menschen anzusehen, um augenblicklich zu wissen, daß dieser, Walter Möbius, wild entschlossen ist, der destruktiven Kraft im Körper des Menschen, der Krankheit, die Stirn zu bieten. Diesem suggestiven Blick bleibt nichts verborgen. Diese Augen sehen auch das Unsichtbare. Hinter diesen buschigen Augenbrauen arbeitet, präzise wie ein Uhrwerk, unbestechlicher analytischer Verstand. Der hinter dem dezenten Bart kaschierte weiche Zug um den Mund signalisiert Leidenschaft und Empathie.

Wie ein roter Faden zieht es sich durch die Episoden der vom Arzt und Autor selbst erzählten Fälle, daß es der ganzheitlichen Erfassung des Patienten bedarf, um die Krankheit hinter der Erkrankung zu erkennen. Oder wie es Elke Heidenreich in ihrem Nachwort formuliert "...wie sehr Antworten von der Formulierung der Fragen abhängen" (S.249).
Heidenreichs Nachwort macht eine Rezension des Buches überflüssig. Trotzdem - lesen Sie dieses Buch!
Es gab und gibt zu allen Zeiten Mediziner, die sich den Eid des Hippokrates verinnerlichen und sich weder von einem menschenverachtenden Gesundheitssystem noch von der allmächtigen Pharma-Lobby instrumentalisieren lassen. Was diese Menschen auszeichnet, ist unerschrockener Mut und kompromisslose Wahrhaftigkeit. Man würde Möbius missverstehen, würde man ihm unterstellen, sich als Exoten dargestellt zu haben. Sein Buch ist ein Plädoyer für die Selbstverständlichkeit, Heiler zu sein, gegen alle Widerstände und zur Not um jeden Preis.


Denn das Glück ist eine Reise (ungekürzte Lesung)
Denn das Glück ist eine Reise (ungekürzte Lesung)
von Caroline Vermalle
  Audio CD
Preis: EUR 16,95

3.0 von 5 Sternen Die letzte Chance, 25. September 2014
Meine Rezension bezieht sich auf das Hörbuch. Tobias Dutschkes Vortrag hat viel zur Verbreitung französischen Flairs beigetragen und damit der etwas flachen Handlung zu einem veritablen Unterhaltungswert verholfen. Das ist dankenswert und im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, mich zugunsten der Hörfassung für unterwegs entschieden zu haben. Lesen hätte ich das Buch nicht mögen, denn für meinen Geschmack kommt das eigentliche Thema, um das es hier wirklich hätte gehen sollen, viel zu kurz.

Worum geht es?
Georges (83) und Charles (76), die unzertrennlichen Nachbarn, wollen sich einen Lebenstraum erfüllen: die Tour de France per Auto, eine Strecke von immerhin 3.500 Kilometern. Der sportliche Aspekt ist von untergeordneter Bedeutung. Die Gründe liegen tiefer und haben mit dem fortgeschrittenen Alter der Protagonisten zu tun, mit ihrer wahren Befindlichkeit, damit, noch etwas Großes leisten zu wollen, Wind um die Nase, anstatt im Sessel vor dem Fernseher dahinzuvegetieren und womöglich zu sterben, ohne wirklich gelebt zu haben. Monatelang haben die beiden kauzigen Helden ihre Reise vorbereitet, Routen recherchiert, Übernachtungen organisiert, alles logistisch bis ins Kleinste geplant und ihr eintöniges, ereignisarmes Leben schon dadurch mit so viel Sinn erfüllt, daß die Vorfreude auf dieses wahrscheinlich letzte Abenteuer ihres Lebens ihnen den entscheidenden energetischen Schub verpasst hat, aus der fragwürdigen Sicherheit ihres in Routine erstarrten Alltags auszusteigen und das Wagnis einzugehen. Viel kann passieren bei solch einer Unternehmung, die eine Abwesenheit von mehreren Wochen notwendig macht. Aber das Risiko müssen sie eingehen, und das tun sie ohne Wenn und Aber.

Da ist der Anruf von Adèle, Georges' Enkelin, die jahrelang nichts hat von sich hören lassen, ein Schlag ins Kontor. Ihre Mutter Francoise befindet sich im Ausland, unerreichbar, und nun soll sich Adèle an ihrer Stelle um den Opa kümmern, ihn regelmäßig anrufen und gelegentlich besuchen. Damit hat Georges nun überhaupt nicht gerechnet. Die pflichtgemäße Fürsorglichkeit der Enkelin würde womöglich dazu führen, daß die beiden Freunde ihre Reise niemals antreten könnten. Das geht ja gar nicht! Doch im Zeitalter der ständigen Erreichbarkeit ist dieses Problem schnell gelöst, wozu gibt es die Rufumleitung! Die Reise ist also gerettet. Wir ahnen es: das Gespräch aus dem fahrenden Auto hört sich anders an als ein Telefonat nach dem Nickerchen vor dem laufenden Fernseher, besonders dann, wenn es zeitgleich auch noch zu einem Blechschaden kommt! Nun muß der Opa Farbe bekennen. Und so kommt es zu der Abmachung des täglichen SMS-Austauschs.

Jetzt müssen wir als Zuhörer sehr tapfer sein, denn nun folgt die langatmige, zeitraubende, langwierige und, schlimmer noch, langweilige Einweisung des alten Herrn in die Geheimnisse der Handysprache. Die mühsam aufgebaute Spannung ist dahin, verflogen, zunichte gemacht. Kostbare Zeit verrinnt ungenutzt. Nun, so dumm ist Opa nicht, seine Auffassungsgabe ist zum Glück noch ungebrochen. Die Reise kann langsam wieder an Fahrt gewinnen. Ausgestattet mit dem erforderlichen Know-how kommunizieren Großvater und Enkelin nun täglich miteinander. Dumm nur, daß wir alles schon vorher wissen, was in den SMS ausgetauscht wird. Und zu allem ärgerlichen Überfluss müssen wir es in Kurz- und in Langsprache anhören. So dumm sind wir nun wiederum nicht, daß wir nicht hätten ohne Not auf die Langsprache verzichten können.
Für so wichtige Nebenschauplätze der Handlung, wie Georges' angedeutetes amouröses Intermezzo oder Charles' verblüffendes Geheimnis bleibt kaum Zeit, und ehe wir es uns versehen, nimmt die Geschichte ihre schicksalhafte Wendung. Jetzt kann die Autorin doch noch ein wenig auf das eigentliche Thema kommen. Das tut sie, aber es gerät viel zu oberflächlich.

Es sei Caroline Vermalles erstes Buch gewesen, hat einer meiner Vorredner geschrieben. Das entschuldigt einiges. Sie kann es besser. Das hat sie bewiesen in "Als das Leben überraschend zu Besuch kam" und "Und wenn es die Chance deines Lebens ist". Zum Glück habe ich diese beiden Titel zuerst kennengelernt. Ich hätte sie niemals missen wollen. Deshalb werde ich den eben beschriebenen jetzt getrost ganz einfach vergessen.


Ich schenke euch mein Leben. Die Lebensgeschichte einer deutschen Buddhistin
Ich schenke euch mein Leben. Die Lebensgeschichte einer deutschen Buddhistin
von Ayya Khema
  Broschiert
Preis: EUR 14,00

5.0 von 5 Sternen Die vier großen Anstrengungen (S.149), 17. September 2014
"Ich war fünfundfünfzig Jahre alt und hatte die Welt gesehen.
Ich hatte Kinder und Enkelkinder, ich war verheiratet gewesen. Geld hatte ich.
Arm war ich gewesen und zeitweise auch reich.
Ich hatte eine Farm und Shetland Ponys gehabt.
Ich kannte das Vorortsleben in Amerika und das Leben im Wohnmobil mit Kocher und Klappbett.
Ich war Sekretärin in einer Bank und Privatlehrerin für meinen Sohn gewesen.
Ich hatte so ziemlich alles gehabt und ausprobiert.
Was hatte die Welt mir noch zu bieten?" (S.159)

Die Lebensgeschichte von Ilse Kussel (*1923) ist bewegt und spannend.
Mit 15 Jahren entkommt sie der Judenverfolgung in Deutschland. 40 Jahre lang führte sie ihr Weg auf abenteuerliche Weise kreuz und quer durch die Welt.
Als sie schließlich mit 34 Jahren in San Diego ein recht bürgerliches Leben führte - sie war inzwischen verheiratet, hatte zwei Kinder, ein eigenes Häuschen mit Garten, war im Elternbeirat an der High School ihrer Tochter - kurzum, als sie sesshaft geworden, alles hatte, was zu einem materiell abgesicherten Leben gehörte, verspürte sie ganz allmählich "ein vages Gefühl der Unvollkommenheit, eine innere Unruhe, eine Sehnsucht, die immer stärker wurde" (S.53). Es musste doch noch etwas anderes geben, einen Lebenssinn, etwas, das über das tägliche Einerlei und die Alltagsroutine (Camus würde das später als 'das Absurde' bezeichnen) hinausführte: "eine neue Art von Menschsein, ein Erleben auf der inneren Ebene meines Herzens" (S.54). Sie löste sich aus ihrer Ehe und begab sich in ein spirituelles Zentrum der Essener nach Mexico. Dort heiratete sie ihren seelenverwandten Jugendfreund, mit dem sie dann jahrelang unterwegs war, über Mittel- und Südamerika nach Australien, Israel, Thailand und Indien zu reisen - immer auf der Suche nach dem fernen Ziel des inneren Friedens in der Rückverbindung zu einem höheren Bewusstsein.
"Religion beschränkt sich nicht auf irgendwelche traditionelle, kulturelle, soziale Gebräuche.
Diese sind den Menschen manchmal hilfreich, aber sie sind nicht das Wesen der Religion.
Religion ist eine innere Offenbarung, eine Antwort auf das Bedürfnis nach Vollkommenheit, das wir in uns tragen." (S.209)

Sie wurde fündig, wie wir wissen. Aus Ilse geb. Kussel wurde die Buddhistin Ayya Khema. Ayya, die "Ehrwürdige Dame". Khema, "die Nonne mit der größten Weisheit" (S.164). Sie sog die Worte des Buddha in sich auf wie ein trockener Schwamm. Das war es, was sie suchte. Endlich war sie an ihrem Seelenziel angekommen:
"Wir müssen loslassen, wenn wir frei leben und lieben wollen.
Noch nicht einmal der eigene Körper ist 'mein', sagt der Buddha, wie können dann andere Menschen 'mein' sein.
Jeder macht sein eigenes Karma.
...
Die reine Liebe ist eine Liebe, die nicht behalten und nicht festhalten will, sondern sich einfach verschenkt.
Das habe ich über die Jahre immer mehr und mehr gelernt.
1979 entschied ich mich dafür, Nonne zu werden.
Ich hatte bis dahin vieles ausprobiert und gesehen, daß die Welt einen nicht beglücken kann.
Auf unseren Reisen war mir klar geworden, daß Ruhe und Frieden nichts mit den schönsten Plätzen der Erde
oder den interessantesten Erlebnissen zu tun haben. Sie sind nur im eigenen Herzen zu finden.
Ich war jetzt bereit, mich dem höchsten Ideal hinzugeben." (S.152)

Den spirituellen Weg kann man in letzter Konsequenz nur alleine gehen. Also befreite sie sich wieder einmal aus ihrer Ehe.
Kurz war ihr Weg von der Lernenden zur Lehrenden, denn aus ihren eigenen, ganz bewusst erlebten Erfahrungen der Leidenschaft, des Anhaftens und der Angst hat sie die Lebensweisheit zum Verständnis der Worte des Buddha gewonnen. Was ist das Dasein anderes als "Leid, Vergänglichkeit und Substanzlosigkeit":
"Sieh her auf dieses Wasserglas. Es ist sehr nützlich für mich. Ich kann daraus trinken.
Wenn die Sonne darauf scheint, wirft es hübsche Farbenspiele.
Wenn ich einen Löffel daran schlage, gibt es einen schönen Ton von sich.
Wenn es allerdings herunterfällt, ist es kaputt.
Für mich ist es jetzt schon kaputt.
Für mich ist alles, was ist und sein wird, schon geschehen." (S.217)

Ihre lebenslange Suche nach geistiger Substanz war ja selbst schon Ausdruck einer höheren Weisheit, des Wunsches nach Erleuchtung, nach Vereinigung mit dem Universum. Ihre absolute Bereitschaft zur Hingabe, zur Selbstentäußerung und bedingungsloser Liebe hat sie schließlich in die Lage versetzt, ihren spirituellen Reichtum mit den Suchenden in der ganzen Welt zu teilen.

Mit ihrer Rückkehr nach Deutschland schließt sich der Kreis. Eine Krebserkrankung konfrontiert sie ganz konkret mit ihrer eigenen Endlichkeit und dem daraus resultierenden "Bewusstsein der Dringlichkeit" (S.207), die Projekte voranzutreiben, die die Kontinuität ihrer Arbeit gewährleisten.
"Es liegt mir viel daran, diesen ökumenischen Dialog auszubauen und wach zu halten.
Ich will nicht verkünden, daß der Buddhismus allein seligmachend sei;
ich will den Menschen in Deutschland zeigen, daß der spirituelle Weg in jeder Religion gegangen werden kann,
und ihnen helfen, den Zugang zu einer tiefen Verinnerlichung zu finden.
Ich fühle die Verpflichtung, den Weg, den mir meine Lehrer gewiesen haben, den westlichen Menschen zu erschließen." (S.206)

Im November 1997 macht sich Ayya Khema auf in ihre "letzte große Vertiefung" - ohne Angst, in absolutem Frieden.

"Ich schenke euch mein Leben" ist Geschenk und Vermächtnis. Ein großes Buch. Ein weises Buch. Ich verneige mich in Dankbarkeit.


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