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Rezensionen verfasst von
Pstudio

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Die Stille: Roman
Die Stille: Roman
von Reinhard Jirgl
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Literarische Blendgranate, 12. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Stille: Roman (Taschenbuch)
Grandios - das ist das einzige Wort, das ich für diesen Roman habe. Dabei kommt er zunächst, wenn man ihn zu lesen beginnt, einem Schlag ins Gesicht gleich; denn deutsche Rechtschreibung und Zeichensetzung sind für Jirgl allenfalls ein Ausgangs-, aber kein Endpunkt. Ich zitiere an dieser Stelle bewusst keine Beispiele, da man jeden von Jirgls Sätzen innerhalb einer solchen Rezension ausschließlich aus dem Zusammenhang reissen kann und ihn dadurch vorführt. Für denjenigen, der sich in dieses Buch hinein begibt (und ich würde das unbedingt eine bewusste Entscheidung nennen), heisst es, dass das Lesen ein Stück weit neu gelernt werden muss; ähnlich einer neuen Brille, die zunächst eine Weile getragen werden muss, ehe man alles scharf mit ihr sieht - dann aber umso schärfer. Das ist zu schaffen, und irgendwann steckt man im Fluss der Erzählung. Die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre, die der Roman abschreitet, wird dabei selbst zum Ausgangspunkt um diejenigen Verwerfungen auszuleuchten, die - bevor sie im großen Maßstab sichtbar werden - sich immer erst im Privaten bzw. auf "mikroskopischer" Ebene anbahnen. Die Wucht, die sich daraus entfaltet, ist enorm und bringt einen (innerlich) zum Schweigen: Alles kommt bei Jirgl so gnadenlos wie folgerichtig, kein Ausweichen möglich. Solle keiner je auf die Idee kommen, sich aus irgendwas herauszureden - und damit ist beileibe nicht allein der Nationalsozialimus gemeint, sondern die gesamte menschliche Existenz, die Kreise zieht.

Die Form geschriebener Sprache, die der Autor benutzt, verschmilzt mit dem Inhalt untrennbar. Sie erhellt ihn schlaglichtartig. Was durch eine einzige von Jirgls verqueren Schreibweisen an Assoziationsmöglichkeiten aufgeht und einen scheinbar banalen Satz in mehreren Lichtern zugleich erscheinen lässt, sucht für mich ihresgleichen. Noch während man liest, läuft plötzlich ein paralleler Film ab, vielleicht mehrere; eine Wirkung, die über herkömmliche Schreibweise nicht herzustellen ist und die man begrenzt damit vergleichen könnte, wenn jemand in einer Unterhaltung etwas "mit einem Unterton" sagt - oder einfach nur vom Hundertsten ins Tausendste kommt. All das und wahrscheinlich noch mehr schafft Jirgl mit einem Satz. Die Gefühle und Bilder, die er beschreibt, werden dadurch vor dem geistigen Auge immer wieder vollplastisch und sehr nachvollziehbar - bis hin zu Punkten, an denen man aus der Reihung der Worte eine ganz bestimmte Situation oder Befindlichkeit herausdestillieren kann, die man exakt zu kennen meint.

Sprache ist etwas Gesetztes; eine Übereinkunft zwischen verschiedenen Menschen, wie Dinge verstanden werden sollen - und dieses Sollen wiegt v.a. im Deutschen schwer, insbesondere im "objektivierten" Amtsdeutsch, wie der Roman unmissverständlich bloßlegt. Jirgl sprengt das "etwas auf bestimmte Weise verstehen oder verstehen sollen" rücksichtslos, und gut, dass er es tut. Denn er zeigt damit u.a., dass bestimmten Taten zunächst immer bestimmte Sprache zugrundeliegt, Sprache also ein Instrument ist - und dass man dieses Instrument so oder so benutzen kann. Das ist wahre Kreativität, nicht mehr und nicht weniger.


Die Späten Klavierstücke Op.116-119
Die Späten Klavierstücke Op.116-119
Preis: EUR 13,97

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Instrument spricht, 16. Februar 2012
Ohne ein ausgesprochener Fan von Brahms oder im Hinblick auf ihn sonderlich beleckt gewesen zu sein, hat diese Aufnahme (die mir zum Geschenk gemacht wurde) einen profunden Eindruck hinterlassen. Die späten Klavierstücke sind zum überwiegenden Teil sehr melancholisch und dabei beschaulich; andere haben in dem Zusammenhang von Abschied und Lebensabend gesprochen, und ich denke, daran ist nicht großartig herumzudeuteln. Man lauscht dem Klavierspiel... und ist davon angefasst.
In manchen Augenblicken wird es plötzlich wieder aufbrausend, so als ob jemand noch einmal seine Kräfte zusammennimmt, noch mal wissen möchte, was das Leben ist. Darin, so denke ich, liegt die große Stärke, die diese Interpretation hat - wie das Schwere und das Leichte nahtlos ineinander gehen, wie dicht sie beieinander sind.
Anna Gourari spielt das nicht nur mühelos und virtuos. Sie wird förmlich zu dieser Musik. Man wird nicht oft Zeuge einer solchen Verschmelzung. Am Ende hört man das Instrument buchstäblich sprechen, und das im doppelten Sinn ohne jeden falschen Zwischenton. Alles, was der vorige Kommentator zu klanglicher Vielfalt, Emotionalität und innerer Stringenz geschrieben hat, kann ich bloß uneingeschränkt bejahen.

Unbegreiflich hingegen erscheint mir der der Rezension des Vorgängers angehängte Kommentar bzw. die darin bemühte Argumentation, die glaubt, das gute Aussehen der Pianistin und die "wichtigen Kritiker" ins Feld führen zu sollen. Ist das nötig? - Ich habe selbst Ohren zum Hören, für die ich weder Bilder von Frau Gourari, noch vermeintlich wichtige Kritiker benötige.


Die Kunst, kein Egoist zu sein: Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält
Die Kunst, kein Egoist zu sein: Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält
von Richard David Precht
  Audio CD
Preis: EUR 19,99

11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Treffende Analyse und potentielle Schullektüre, 3. Juli 2011
Precht ist einer der verschwindend wenigen Protagonisten im medialen Zirkus, bei denen das Zuhören wirklich lohnt. Er denkt in großen Zusammenhängen, enthält sich auf angenehme Art jeglicher nutzlosen Polemik und besitzt das Riesentalent, seine Gedanken in glasklare - und nicht vernebelnde - Worte und Sätze fassen zu können.

All diese Eigenschaften zeichnen auch das Buch "Die Kunst kein Egoist zu sein" aus. Es ist ein großer Bogen respektive Rundumschlag, den der Autor vornimmt, und der Natur der Sache gemäß kann er einige Teilbereiche, die in seine Gesellschaftsanalyse fallen, nur streifen (wie er selbst auch zugibt). Aber das große Bild ist jederzeit vorhanden und darauf kommt es an. Das Buch ist noch nicht alt (es datiert auf 2010), und doch müsste man im Lichte dessen, was allein die erste Hälfte des Jahres 2011 an Nachrichten gezeitigt hat, hinter seine Erkenntnisse zeilenweise Ausrufezeichen setzen - so zielsicher trifft Precht mit all dem, was er beschreibt. Die Analyse liegt auf dem Tablett. Es hängt de facto an jedem einzelnen, was daraus entstehen kann oder eben nicht, denn wie der Autor richtig sagt: Dass irgendetwas mit unserem System nicht (mehr) stimmt, spüren längst viele.

Meines Erachtens nach eine vorzügliche Lektüre für den Schulunterricht, die Heranwachsenden dabei helfen könnte, den Blick hinaus über den Tellerrand vermeintlicher Sachzwänge zu weiten - und tatsächlich mal das Ganze zu betrachten.


Die Fürsten der Dunkelheit
Die Fürsten der Dunkelheit
DVD ~ Donald Pleasence
Wird angeboten von Multi-Media-Trade GmbH - Alle Preisangaben inkl. MwSt.
Preis: EUR 18,44

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zu Unrecht unterschätzt, 29. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Fürsten der Dunkelheit (DVD)
In dem Sinne der erste "No Nonsense-Horrorfilm", den ich als Teenager im Frühsommer '88 im Kino gesehen habe - und bis heute einer meiner liebsten. Es ist ausgesprochen schade, dass ein Mann vom Talent Carpenters in der Bedeutungslosigkeit versacken musste; man kann bloß hoffen, dass ihm irgendwann eine Art später Gerechtigkeit widerfahren wird. Dass er allerdings - wie die damaligen Kritiken zu diesem Film überwiegend suggeriert haben - mit "Die Fürsten der Dunkelheit" bereits auf dem absteigenden Ast gewesen sei, vermag ich weder zu teilen, noch auch nur nachzuvollziehen. Es ist ein Irrtum der Kritik.

Natürlich sieht man dem Film heutzutage die Zeit an, in der er entstand, bzw. die zweite Hälfte der 80er. Auch erscheinen die wissenschaftlich-quantenphysikalischen Implikationen etwas verquast und nicht wirklich zuende gedacht; immerhin sind sie interessant genug präsentiert, dass man sie zumindest als Unterhaltung akzeptiert, und Carpenters Sendungsbewusstsein dringt allemal durch.

In Erinnerung bleibt "Die Fürsten der Dunkelheit" aber vor allem durch seine überzeugende Darstellung der bedrohlichen und dabei ungreifbaren Präsenz des absoluten Bösen - und er ist als Film schlau genug, es niemals vollständig zu enthüllen. Den Ausschlag gibt die dräuende, unheilsschwangere Atmosphäre, die über die Laufzeit kontinuierlich aufgebaut wird und die man so in nur wenigen Horrorfilmen hat (in heutigen, um das festzuhalten, gar nicht mehr). Carpenter erreicht sie über das solide, absolut nüchterne Spiel seiner Darsteller (erinnert sei in diesem Zusammenhang an die damals rothaarige Lisa Blount, die 2010 leider viel zu früh verstorben ist), seine phantastische, enorm effektive Filmmusik und das Setting der alten Kirche und ihrer unmittelbaren Umgebung. Irgendwelche Ausschmückungen braucht es nicht; stattdessen ahnt man vom bloßen Hinsehen, in welch gottverlassenem, dreckigen Viertel von L.A. die Location gefunden wurde. Hin und wieder rollt ein Fahrzeug durchs Bild; ansonsten sind die Straßen seltsam menschenleer und die Bürofassaden reflektieren dämmriges, mattes Licht. Es ist nicht zuletzt diese kaputte Urbanität, die einen Teil des Films ausmacht und etwas sehr Menetekelhaftes hat.


Touch Yello (6-Panel-Digi mit 16 Seiten Booklet)
Touch Yello (6-Panel-Digi mit 16 Seiten Booklet)
Preis: EUR 25,99

47 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein bisschen mehr sollte es dann schon sein, 7. Oktober 2009
Vorneweg: Ich höre Yello seit einem Vierteljahrhundert - und werde sie wahrscheinlich hören, bis es sie nicht mehr gibt. Zu genial waren die ersten Alben, und zu eigen sind die beiden Herren noch immer, als dass man ihnen einfach so den Rücken zukehren könnte. Dafür höchsten Respekt.

Nur sollte man sich über eine Sache im klaren sein: Den Nimbus, den Yello heute noch - 30 Jahre nach ihrer Gründung - genießen, baut sich praktisch komplett auf den ersten vier, fünf Platten auf, die sie gemacht haben, und die sind lange her. War bis einschließlich "One Second" tatsächlich keine Platte wie die vorige, passierte dann bei "Flag" zum ersten mal ein musikalischer Gerinnungsprozess; sprich, eine Wiederholung von bereits erfolgreich Erprobtem. Dieses Konzept (Meier als "Schauspieler" in wechselnden Szenerien, monotoner Sprechgesang, Saxophonsamples, Ethno-Einsprengsel) ist seither beibehalten und für Yello sowohl in musikalischer als auch PR-Hinsicht zum Klischee geworden. Wie sonst käme es zustande, dass der Schaffensprozess seit Jahren und von Platte zu Platte immer wieder gleichlautend beschrieben wird: Boris Blank als Klangmaler, Dieter Meier als Geschichtenerzähler usw. usf. Es ist eine self-fulfilling prophecy, wenn man so will. Nur: Das Irre, Aberwitzige, Unberechenbare ist schon ziemlich lange nicht mehr da - und man sollte sich da in keinen Selbsttäuschungen ergehen.

Recht verstanden: Yello haben auch in den letzten 20 Jahren noch gute und absolut hörenswerte Platten gemacht. Die letzten drei würde ich da auf jeden Fall hinzurechnen. Mit denen bewegten sie sich auf der Höhe der Zeit.

Was soll man jetzt von "Touch Yello" halten? - Es gibt eine Reihe guter Ansätze: ein paar ganz schöne Melodien, toll und geschmackvoll produziert ist das ganze ohnehin, die Gastmusiker (Heidi Happy, Till Brönner) machen ihre Sache gut, und ganz am Ende gibt es mit "Takla Makan" ein regelrecht rituelles afrikanisches Flötenspiel, das für Yello-Verhältnisse bemerkenswert un-effekthascherisch daherkommt. Ich halte dieses letzte Stück für das beste, weil interessanteste.

Ansonsten allerdings gibt es kaum etwas, was man nicht schon mal gehört hätte - und zwar sowohl von den Herren Blank und Meier selbst als auch von ganz anderen (die sich dafür dann aber nicht sechs Jahre in Klausur begeben). Und: Das Album ist in der Summe leider unglaublich behäbig. Was da fehlt wie das Salz in der Suppe, ist der Höhepunkt - irgendein Track, der das sehr zurückgenommene Tempo auch mal gegenzeichnen, einen Tick mehr Drama in die ganze Geschichte bringen würde. So wartet man praktisch über die gesamte Lauflänge von "Touch Yello", dass irgendetwas passiert - dass der Knoten platzt. Aber er platzt nicht. Ich komme somit nicht umhin zu sagen, dass ich enttäuscht bin.

Meier und Blank, Ihr könnt mehr. Was ich vermisse, ist echter Wagemut - und nicht einer, der immer wieder nur behauptet und quasi als Plakette vor sich hergetragen wird. Einfach mal ins eiskalte Schweizer Bergwasser springen - und schauen, was passiert!! Dass Ihr dafür schon zu alt seid, möchte ich lieber nicht glauben.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 18, 2012 2:52 PM CET


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