Fashion Sale Hier klicken Strandspielzeug calendarGirl Cloud Drive Photos Sony Learn More madamet designshop Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip NYNY
Profil für dadaxel > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von dadaxel
Top-Rezensenten Rang: 2.637
Hilfreiche Bewertungen: 345

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
dadaxel

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11
pixel
Erfolg: Drei Jahre Geschichte einer Provinz. Roman
Erfolg: Drei Jahre Geschichte einer Provinz. Roman
von Lion Feuchtwanger
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

5.0 von 5 Sternen Von den Sitten und Bräuchen der Ureinwohner der bayrischen Hochebene, 16. März 2016
Es beginnt mit einer rechten Provinzposse: In der Münchner Galerie moderner Meister wird eine Neuerwerbung des ansonsten unbekannten Malers Landholzer ausgestellt. Das große Gemälde "Josef und seine Brüder oder Gerechtigkeit" gibt sowohl durch die Wahl des Sujets als auch wegen seines fast dilettantischen Malstils bei Publikum und Kritik Anlass zur Diskussion. Für und Wider wird in den Zeitungen ausgetragen, die Betrachter sind gespalten. Nach ein paar Monaten wird das auf Staatskosten erworbene Bild kommentarlos wieder aus der Galerie entfernt. Besucher und Presse stellen Mutmaßungen an, haben aber das Bild und den darum gemachten Aufruhr bald vergessen. Nicht vergessen aber haben die bayrischen Politiker, wer diesen Skandal zu verantworten hat. Und so bekommt der missliebige Direktor der staatlichen Sammlungen Dr. Martin Krüger den langen Arm "volkstümlicher Justizpolitik" zu spüren, wird in einem abgekarteten Prozess des Meineides überführt und zu Fall gebracht.

Und schon sind wir angekommen in den bayrischen Verhältnissen der frühen 1920er Jahre, nach verlorenem Weltkrieg und gescheiterter Räterepublik, in einer Zeit großbürgerlicher Restauration und kleinbürgerlicher Krise, im Behauptungswettbewerb der Münchner Landesregierung gegen die Berliner Reichsführung, zwischen durch Inflation verarmten Massen und durch politisches Ränkespiel aufsteigenden nationalistischen Kräften. Feuchtwanger nimmt uns mit in die verrauchten Hinterzimmer typisch bayrischer Lokale, in denen am Biertisch kleine und große Politik ausgehakelt wird, in die Kabinettsstuben, in denen ständig wechselnde Minister eilig ihre Macht mehren, in die Varietees, in denen sich die feine Gesellschaft mit schriller Unterhaltung betäubt. Seine Helden sind dabei nur die Träger gesellschaftlicher Verhältnisse, die zeigen, wie sich konkret Politik, Wirtschaft und Kultur durchdringen und beeinflussen; erklärte Hauptfigur des Romans - so Feuchtwanger selbst - ist das Land Bayern.

Im Buch werden tatsächliche Ereignisse und reale Personen zu einem historisch allgemeingültigen Zeitporträt verarbeitet. So werden der Kunstskandal um Ludwig Giese auf der Deutschen Gewerbeschau (1922), der Fememord an Maria Sandmayer (1920) und der Hitlerputsch (1923) künstlerisch verarbeitet. Als Personen sind Hitler (Rupert Kutzner) und Karl Valentin (Balthasar Hierl) auch heute unschwer zu identifizieren. Dabei geht es Feuchtwanger jedoch nicht um eine wahrheitsgetreue Abbildung. Seine Figur Tüverlin lässt er erklären: "Ich möchte nicht Einzelheiten des Jahres 2 oder 3 fotografieren, sondern ein Bild malen von dem ganzen Jahrzehnt. Ich ändere Einzelheiten, die heute aktenmäßig wirklich sind, weil sie in der Distanz von fünfzig oder vielleicht schon von zwanzig Jahren unwahr werden. Es ist ein Unterschied zwischen gerichtsnotorischer Wirklichkeit und historischer Wahrheit." Mit dieser Methode wird Geschichte zum Roman, ohne dabei an Aussagekraft zu verlieren.

Um dieses Zeitporträt und die Durchdringung der unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen und Sphären plastisch machen zu können, musste sich Feuchtwanger eines großen Personals bedienen. Seine Meisterschaft in der Führung seiner Figuren zeigt sich darin, das auch Randfiguren aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden, eine Entwicklung durchlaufen und nie vorderhand schwarz oder weiß gezeichnet sind. Beispielhaft sei auf den Altmöbelhändler Cajetan Lechner verwiesen, dessen Erlebnisse beim Hitlerputsch eine eigene Geschichte darstellen. Mit dieser urwüchsigen Figur, die verstreut im Roman auftretend stets nur eine Nebenrolle einnimmt, gelingt es Feuchtwanger auf beeindruckende Weise zu erklären, woher sich die Anhängerschaft der "Wahrhaft Deutschen" (NSDAP) nährt und was sie zusammentreibt. Es ist ernüchternd, wenn man sich in einer Gegenwart von Pegida und AfD eingestehen muss, dass sich Geschichte zu wiederholen droht.

Lion Feuchtwanger kannte die Verhältnisse seiner Vaterstadt genau; erst 1925 zog er von München nach Berlin. "Erfolg" darf aus heutiger Sicht als bissige Realsatire bezeichnet werden, in der er - wie stets auf höchstem sprachlichem Niveau - seinen Landsleuten einen Spiegel vorhielt. Das blieb nicht folgenlos: Nach der faschistischen Machtübernahme wurde Feuchtwanger ausgebürgert, die Münchner Universität erkannte ihm die Doktorwürde ab. Offenbar hatte er die bayrischen Verhältnisse all zu treffend wiedergegeben. Ob sich die Art, in Bayern Politik zu machen, mittlerweile geändert hat, muss bezweifelt werden. Fernsehserien wie "Kir Royal" und "Unter Verdacht", der Fall Gustl Mollath oder das politische Auftreten des gegenwärtigen Ministerpräsidenten scheinen Feuchtwangers Schilderungen immer wieder zu bestätigen. Mit Laptop und Lederhose, hemdsärmelig und mit Bierschaum vor dem Mund tönt`s über die bayrische Hochebene: "Mia san Mia."


Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt
Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt
von Peter Wohlleben
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kamerad Baum und seine Kollegen, 9. Februar 2016
Eigentlich meinten wir doch, genau zu wissen, wie so ein Baum tickt: Energie durch Fotosynthese über die Blätter und Nadeln, Wasser und Nährstoffe durch Diffusion und Osmose über die Wurzeln, Vermehrung durch Samen, jahreszeitbedingter Biorhythmus, unterschieden nach Nadel- und Laubhölzern, Sauerstoffproduzent, Wasserspeicher, Zelluloselieferant. Das haben wir als Grundwissen zum Thema Baum schon in der Schule auf unserer Festplatte abgespeichert und nie mehr hinterfragt. Auch der Forstpraktiker Peter Wohlleben ist am Anfang seiner beruflichen Laufbahn im Umgang mit dem Rohstoff Holz kaum über diese Grundkenntnisse hinausgegangen. Erst als er seinen Wald nicht nur wirtschaftlich sondern auch touristisch zu erschließen begann und eine wissenschaftliche Forschungsarbeit in seinem Revier durchgeführt wurde, veränderte sich sein Blickwinkel auf die Natur des Waldes. Und nun begann sich Wohlleben zu den hölzernen Kameraden neue Fragen zu stellen…

Was Wohlleben uns aus dem geheimen Leben der Bäume berichtet, ist gar nicht so geheim. Es ist einfach nur unbekannt, weil wir ja ein vermeintlich gesichertes Wissen zu haben meinen, interessiert sich niemand dafür. Also hat er diese Halb-Geheimnisse zusammengetragen und in einem sehr unterhaltsamen und durchgängig gut lesbaren Buch veröffentlicht. Wir erfahren, dass Bäume perfekte Netzwerker sind, sich zu verständigen wissen, dass sie Familienplanung betreiben, geduldig ausharren können, langlebig und - in ihrem Tempo - anpassungsfähig sind. Er beschreibt, wie sich Bäume im natürlichen Wald ihre optimalen Lebensbedingungen selbst schaffen und wie sie mit Pilzen zusammenarbeiten. Er erklärt, wie Buchen Wasser aus den Kronen an die Wurzeln leiten und woher das Sprichwort rührt, man solle gerade sie bei Gewitter suchen. Und wenn er beispielsweise das Problem des Wassertransports im Baumstamm noch nicht schlüssig erklären kann, ist er darüber auch begeistert, denn man hat zwar eine Frage nicht beantwortet, hat aber ein Geheimnis gewonnen. "Ist das nicht mindestens ebenso schön?"

Wohlleben ist von seinem Thema beseelt und fasst dies in Worte. Anfangs schmunzelt man über seine bildhafte Sprache, die viele Begriffe, die eigentlich nur dem sozialen Dasein der Menschen zukommen, auf die Welt der Bäume überträgt. Dann aber merkt man, dass diese Ausdrucksweise nicht zufällig gewählt ist. Wenn von "Sprache" oder "Wanderung" der Bäume die Rede ist, kann man das noch als anschaulichen Vergleich werten. Wohlleben aber geht noch weiter, wenn er Bäume kämpferisch als "soziale Wesen" bezeichnet, die einander ernähren, versorgen und unterstützen. Aus der Beobachtung, dass sich Bäume gleicher Art am selben Ort darin unterscheiden, wo sie Äste bilden oder wann sie ihre Blätter abwerfen, leitet er gar einen "individuellen Charakter" seiner Protagonisten ab, was bei psychologisch richtigem Gebrauch des Ausdrucks eine Persönlichkeit voraussetzen würde. Hier wäre die stärkere Mitarbeit eines Naturwissenschaftlers hilfreich gewesen, der ein kritisches Auge auf die Begriffsentlehnungen aus Soziologie und Psychologie hätte werfen können.

Andererseits wollte Wohlleben eben keinen wissenschaftlichen Wälzer über Bäume, sondern ein gut verständliches Sachbuch über das Naturphänomen Baum schreiben, was ihm mit sichtbarem Erfolg auch geglückt ist. Er vertritt die Position des klassischen Empirikers, woraus er auch keinen Hehl macht: Er beobachtet, trägt zusammen, vergleicht, kombiniert und schlussfolgert schließlich. Neben der Wissensvermittlung liegt das große Verdienst dieses Buchs darin, uns Baum und Wälder wieder begreiflich zu machen. Auf charmante Weise sind wir eingeladen, bei einem Waldspaziergang unsere neuen Erkenntnisse über Bäume am Anschauungsobjekt in der freien Wildbahn zu überprüfen. Denn das Buch macht zwar Lust auf Natur, liefert uns aber kein Foto, kein Schema, keine einzige Zeichnung. Wollen wir uns also wirklich ein Bild vom Kamerad Baum und seinen Kollegen machen, müssen wir uns schon nach draußen begeben. Und mit Wohllebens Hilfe wird es uns dort gelingen, den Baum vor lauter Wäldern wieder zu sehen.


Das Feuer
Das Feuer
Preis: EUR 1,99

5.0 von 5 Sternen Ein Tagebuch gegen das Vergessen, 26. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Das Feuer (Kindle Edition)
Als französische Soldaten in den 1. Weltkrieg ziehen, sympathisiert der Verlagsangestellte und Schriftsteller Henri Barbusse eigentlich mit der pazifistischen Idee, internationale Konflikte durch das Wirken von Schiedsgerichten beizulegen, also eben jenem Gedanken, der nach Beendigung des Krieges zur Gründung des Völkerbundes führen sollte. Trotzdem meldet sich der über Vierzigjährige freiwillig vom Landsturm zur kämpfenden Truppe, weil er wie viele französische Bürger meint, damit einen Befreiungskrieg gegen den Militarismus preußischer Prägung entfachen zu können. Ab Dezember 1914 kämpft er selbst an der Front, erlebt den zermürbenden Stellungskrieg und ist mit seiner Einheit im September 1915 an der Rückeroberung der Höhe 119 bei Souchez beteiligt. Wegen einer Lungenerkrankung wird er später zum Stabsdienst versetzt und scheidet 1917 dienstuntauglich aus dem Heer aus. Bereits von August bis November 1916 wurde "Das Feuer" in einem Zeitungsfeuilleton als eines der ersten Bücher über den "Großen Krieg" veröffentlicht. Im Dezember 1916 wurde der Roman mit dem begehrten Goncourt-Literaturpreis ausgezeichnet.

"All die Männer um uns mit den Gesichtern von Leichen, die am Ende ihrer Kraft, sprach- und willenlos sind, all die erdbeladenen Männer, die sozusagen ihr Grab mit sich herumschleppen, ähneln sich, als wären sie nackt. Diese entsetzliche Nacht hat auf beiden Seiten etliche Gespenster hervorgebracht, die genau die gleiche Uniform des Elends und des Schmutzes tragen." Barbusse lässt keinen Zweifel aufkommen, dass seine Schilderungen auf eigenem Erleben basieren. Und so wie er sich als schreibenden Soldaten darstellt, sind die Figuren im Buch Porträts seiner Kameraden aus den Schützengräben. Barbusse legte aber stets großen Wert auf die Feststellung, keine Dokumentation der Kriegsereignisse, sondern einen Roman, also ein fiktionales Werk verfasst zu haben. Seine Erlebnisse, die Gespräche und Beobachtungen waren seine authentische Inspiration für eine realistische künstlerische Darstellung des Krieges als verzehrenden Brand, der auf beiden Seiten der Frontlinie entmenschlichte Kreaturen zurücklässt. Egal ob Sieger oder Verlierer, ob Franzosen oder Deutsche, nach der Schlacht bleiben nur Opfer zurück: Der Krieg hat alle gleichgemacht.

Es ist besonders anrührend, wenn Barbusse beschreibt, wie die Soldaten sich gegen die Entmenschlichung durch den Krieg wehren. Wenn sie etwa ihr Quartier mit einer alten Tür als Tisch herrichten und die Wirtin um billigen Wein anbetteln, zeigt sich darin eine tiefe Sehnsucht nach etwas Normalität und der Bewahrung eines Minimums Kultur. Die abstumpfende Militärmaschinerie lässt sie ihr Leben vor dem Krieg vergessen. Genauso aber drohen auch der Krieg und das Leiden der Soldaten wieder in Vergessenheit zu geraten, sobald sie überstanden scheinen. Barbusse hat gegen dieses Vergessen angeschrieben, wollte zum Nachdenken über die Sinnlosigkeit jeden Krieges anregen. Er war sich aber auch der relativen Aussichtslosigkeit seiner Bemühung bewusst: "Der Mensch denkt ein bisschen, aber vor allem vergisst er." Nicht einmal ein Vierteljahrhundert später schien tatsächlich all dieses Grauen schon wieder vergessen zu sein...


Anna Karenina. Roman
Anna Karenina. Roman
von Leo Tolstoi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,95

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein russisches Roulette der Gefühle, 19. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Anna Karenina. Roman (Gebundene Ausgabe)
Im Palais des Fürsten Oblonski hängt der Haussegen schief: Darja hat ihren Mann Stepan der Untreue mit einer ehemaligen Kinderfrau überführt und trägt sich nun gar mit Trennungsgedanken. Eine Scheidung aber kann sich der lebenslustige Fürst schon gar nicht leisten, weshalb er fest darauf hofft, bei dem Besuch seiner bei allen beliebten Schwester Anna könne diese für ihn ein Wort bei seiner Frau einlegen. Bereits in Moskau eingetroffen ist der Gutsherr Konstantin Lewin, ein Freund Oblonskis aus Jugendjahren, der seinerseits Eheabsichten gegenüber Darjas jüngerer Schwester Kitty hegt. Diese aber hofft auf einen Antrag von Fürst Alexej Wronski, einem schnittigen Offizier und Lebemann. Als Oblonski seine Schwester am Petersburger Bahnhof abholt, trifft er Wronski, der mit dem gleichen Zug seine Mutter erwartet. Die schöne Anna Karenina wird mit Wronski bekannt gemacht und was zwischen ihnen knistert ist nicht nur die frostige Winterluft.

Schon mit wenigen realistischen Schilderungen hat uns Tolstoi in seine große Geschichte und damit in das wirre Geflecht der menschlichen Gefühle und Beziehungen hineingezogen, in dieses alte, aber immer wieder neue Durcheinander von Sehnen und Eifersucht, Vernunft und Begehren, Stolz und Verschmähung, Liebe und Hass. Auch wenn die gesellschaftlichen Zwänge, denen Tolstois Figuren unterliegen, heute nicht mehr auf den Menschen lasten, an dem Gefühlschaos, dem sich Liebende ausgesetzt sehen, hat sich bis heute nicht geändert. Und weil Tolstoi dies auf so lebensnahe, bildhafte Weise schildert, hat auch sein grandioser Roman nichts von seiner Anziehungs- und Aussagekraft verloren.

Zwar spielt Annas zerstörerische Beziehung zu Wronski die zentrale Rolle im Roman, doch eigentlich schildert uns Tolstoi am Beispiel von drei korrespondierenden Liebesbeziehungen das ganze Spektrum der Beziehung zwischen Mann und Frau. Die parallele Erzählweise ermöglicht ihm zudem, den Blickwinkel auf die entstehenden Situationen zu verändern, das Handeln seiner Figuren aus anderer Perspektive zu reflektieren. In kunstvollen Übergängen leitet er die Handlung von einer Person zur anderen, führt den Leser praktisch im Kreis, so dass vor dessen innerem Auge ein Panorama entsteht, in welches sich jede Einzelgeschichte malerisch einfügt.

Aber Tolstoi wollte nicht nur über die Beziehung der Geschlechter schreiben, er wollte auch ein Zeitgemälde Russlands im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwerfen. Und so begleitet der Leser Tolstois Protagonisten nicht nur in den großen Städten durch Ballsäle, Theater, Clubs und Salons, sondern er reist auch mit ihnen aufs Land, über Felder und Wiesen, durch Wälder in abgelegene Flecken, wo die Menschen noch natürlich und urwüchsig sind. Es werden Gespräche zur Frauenfrage, zur Schulbildung oder zur Organisation der Landarbeit geführt, was Tolstoi Gelegenheit gibt, gegensätzliche Auffassungen darzulegen und Argumente zu messen. Das alles eröffnet sich im Roman als Bestandteil der Handlung, unmerklich und ungezwungen, so dass es nie störend oder unpassend wirkt. Diese Erzählkunst verlangt vom Leser natürlich auch eine gewisse Bereitschaft, jeder Schilderung in ihrer ganzen Breite zu folgen, denn dieses Buch ist nichts für ungeduldige Leser.

Es kann hilfreich sein, sich neben der Lektüre mit Tolstois Lebensdaten zu befassen. Das Leben, das er in "Anna Karenina" beschreibt, kannte er genau. Besonders in der Figur des Lewin finden sich Bezüge zum Schriftsteller selbst (Lewin und seine Frau sind zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit genau so alt, wie es Tolstoi und Sofia Behrs waren, als sie heirateten). Lewins sozialutopische Vorstellungen zur Organisation seines Gutes, seine Suche nach dem Sinn der Religion und die Frage nach dem privaten Glück des Individuums waren Probleme, die auch Tolstoi umtrieben. Und es ist nicht zufällig Lewin der im letzten Buch des Romans noch einmal breiten Raum einnimmt, dessen Vorstellungen seiner Zukunft und seines Platzes auf der Welt über den Rahmen der Handlung hinausweisen. In Lewin stellte Tolstoi den immer suchenden Geist dar, der er selbst war.


Das Versprechen: Requiem auf den Kriminalroman
Das Versprechen: Requiem auf den Kriminalroman
von Friedrich Dürrenmatt
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,90

5.0 von 5 Sternen Vom Fischen mit Köder, 17. November 2015
Eigentlich müsste sich Kommissär Matthäi an seinem letzten Tag bei der Kantonspolizei Zürich nicht mehr mit diesem Fall befassen. Aber einer seiner alten Kunden, der Hausierer von Gunten, hatte ausdrücklich nach ihm verlangt, hatte nur ihm offenbaren wollen, was er in einem Wald bei Mägendorf entdeckt hatte: die Leiche eines ermordeten kleinen Mädchens. Der Zorn der Dorfbewohner richtet sich unmittelbar gegen den Hausierer, und auch Matthäi gelingt es nur unter größten Mühen, von Gunten vor der Selbstjustiz der aufgebrachten Meute zu bewahren. Zudem hat er sich gegenüber den Eltern des toten Mädchens zu der Äußerung hinreißen lassen, er werde den Mörder herausfinden. Und so ist er schon zu sehr in diesen Fall verstrickt, um von dessen Aufklärung überhaupt noch lassen zu können…

Dürrenmatts schmales, aber brillantes Buch ist kein herkömmlicher Kriminalroman. Alle Attribute, die das Genre kennzeichnen, sind wohl vorhanden: ein Verbrechen, die Ermittlungen der Polizei bzw. eines Detektivs, die (wenn auch eher zufällige) Entlarvung des Täters. Aber mit diesen Komponenten lockt Dürrenmatt den Leser, um ihn dann mit für Kriminalliteratur untypischen moralischen Fragen zu konfrontieren: Wie weit darf man mit sich selbst gehen, um eine Wahrheit aufzudecken? Darf man unbeteiligte und unwissende Dritte für einen guten Zweck benutzen? Und schließlich: Wie weit bindet ein Versprechen? Diese Fragen schwingen aber nur im Hintergrund der Geschichte mit, werden nicht vordergründig abgehandelt; dem Leser stellen sie sich wie von selbst, so dass der Roman keinerlei moralisierende Attitüde annimmt.

Raffiniert auch, wie Dürrenmatt dem Leser die Geschichte offeriert: Er, der Schriftsteller, erzählt uns, den Lesern, von einer Unterhaltung mit dem ehemaligen Polizeikommandanten Dr. H., in der dieser vom Fall Gritli Moser berichtet. Diese Form der Rahmenhandlung ermöglicht es Dürrenmatt, einen selbstironischen Blick auf das Schreiben von Kriminalliteratur zu werfen, denn Dr. H. hält nicht viel von dieser. Grundsätzlich sei ein Krimi nach den Prinzipien der Logik aufgebaut. "Der Wirklichkeit ist mit Logik nur zum Teil beizukommen." Viel mehr als Logik entscheide der Zufall über die Auflösung eines Verbrechens. Die Schriftstellerei aber stelle nur eine Welt dar, die zu bewältigen sei. "Lasst die Vollkommenheit fahren, wollt ihr weiterkommen, zu den Dingen, zu der Wirklichkeit." Indem Dürrenmatt seinen Roman nach diesem Muster entwickelt, kann er nur noch ein "Requiem auf den Kriminalroman" verfassen.

Um einen räuberischen Fisch zu fangen, muss man vor allem zweierlei kennen: den richtigen Ort und den richtigen Köder. Nach diesen Grundsätzen organisiert auch Kommissär Matthäi seine Jagd auf den geheimnisvollen Riesen. Dürrenmatt hat mit dieser in schlichten Worten vorgetragenen Geschichte einen großen Klassiker der Kriminalliteratur geschaffen, vergleichbar mit einem besonderen Rotwein: Mit den Jahren wird er immer noch besser.


Der Untergang der Templer - Der größte Justizmord des Mittelalters
Der Untergang der Templer - Der größte Justizmord des Mittelalters
von Andreas Beck
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 6,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Politskandal im Mittelalter, 12. November 2015
Der Orden der Tempelritter hat auch heute, 800 Jahre nach seiner Auflösung durch Papst Clemens V., nichts von seiner mythischen Ausstrahlung verloren. Dazu hat in hohem Maße sein rasanter Untergang beigetragen, der fast zwangsläufig das Entstehen von Legenden und Verschwörungstheorien heraufbeschworen hat. Für den heutigen Betrachter stellen sich zahlreiche Fragen: Wie konnte ein solch bedeutsamer, wirtschaftlich starker, von vorherigen Päpsten mit großen Vorrechten ausgestatteter Ritterorden innerhalb von nicht einmal zehn Jahren völlig vernichtet werden? Wie konnte es Philipp dem Schönen und seinen Handlangern Nogaret und Imbert gelingen, den Orden in ein solch radikales Netz von Lügen und Intrigen einzuspinnen? Warum waren die furchtlosen Ritter mit den weißen Mänteln in den Fängen ihrer Gegner so wehrlos und manipulierbar?

Diesen Fragen ist Andreas Beck mit Akribie und historischem Verstand nachgegangen. Als Wissenschaftler hat er die Quellen ausgewertet, die zahllose Sekundärliteratur (die teilweise bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht) herangezogen und eine umfassende Bewertung der geschichtlichen Fakten vorgenommen. Dabei lässt er keinerlei Mystifizierung zu, was nicht verwundert, da das vorliegende Buch aus seiner Promotionsschrift hervorgegangen ist. Beck orientiert sich ausschließlich an belegten Tatsachen, kann aber dabei auch verdeutlichen, woher sich manche Legendenbildung herleiten lässt (z.B. die vermeintliche Verdammung von Papst und König durch den letzten Großmeister). Das Buch ist gut gegliedert und die Argumentation stets nachvollziehbar, so dass es sich durchgängig spannend liest. Ein paar historische Fußnoten, etwa zum Fall von Akkon und dem Attentat von Anagni, hätten den Text für den Leser noch abgerundet.

Beck arbeitet deutlich heraus, dass das Schicksal des Templerordens durch die bestehende historische Kräftekonstellation zwischen Philipp IV. und Clemens V. besiegelt wurde: Die Interessen eines gierigen, von den Templern gedemütigten Königs trafen auf einen schwachen, wegen seiner Vetternwirtschaft angreifbaren Papst. Statt den Orden zu verteidigen, stellte Clemens V. diesen durch eine voreingenommene Scheinuntersuchung in Frage. Beck ist es wichtig, zu verdeutlichen, das eine Verurteilung des Ordens dennoch scheiterte und sich der Papst eines Hintertürchens bedienen musste: Der Orden wurde im Verwaltungswege aufgelöst.

Dessen ungeachtet hatte sich der Templerorden nach fast zwei Jahrhunderten seines Bestehens auch selbst überdauert. Tendenzen der Dekadenz und des Verfalls waren unleugbar; zudem hatten die Templer im Unterschied zu anderen Ritterorden mit dem Verlust ihrer kriegerischen Funktion im Rahmen der Kreuzzüge ihre Daseinsberechtigung verloren. Beck zeigt, das der Templerorden aus einer elitären Haltung heraus eine Hinwendung zu caritativen Zwecken nicht vornahm. Die eigentliche Aufgabe des Ordens, Schutz und Verteidigung der Kreuzfahrer, war mit der Verjagung aus dem Heiligen Land abhanden gekommen. Der Templerorden war auch in sich am Ende.

Andreas Beck hat mit diesem Tatsachenbericht die Chronik eines fesselnden Politthrillers vorgelegt, der überraschend viel Gegenwärtiges in der Geschichte offenbart: sozusagen eine Art "House Of Cards" des Mittelalters.


Die Insel des vorigen Tages. Roman
Die Insel des vorigen Tages. Roman
von Umberto Eco
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wie göttlich ist die Welt gebaut? oder Das Problem der Längengrade, 14. Juli 2015
Der junge piemontesische Landadlige Roberto de La Grive, unfreiwillig zum Spion des mächtigen Kardinal Richelieu gemacht, soll als Passagier der "Amarilli" herausfinden, wie der englische Arzt Doktor Byrd mit Hilfe eines Hundes die genaue Lage des Schiffes nach dem Längengrade bestimmen kann. Denn entgegen der Bestimmung des Breitengrades, der sich aus dem Stand der Sonne oder des Polarsterns und der jeweiligen Winkelabweichung zum Äquator vergleichsweise einfach ermitteln ließ, konnten die Seeleute des 17. Jahrhunderts einen Längengrad nicht mit Sicherheit bestimmen. Dazu hätte es einer Uhr bedurft, die auch auf hoher See mit genügender Genauigkeit die Uhrzeit des Heimathafens angegeben hätte. Denn aus der Abweichung von Bordzeit zu Heimatzeit lassen sich die zurückgelegten Längengrade errechnen. Um souverän auf den Meeren navigieren zu können und die Vielzahl der neu entdeckten Inseln und Küsten wiederfinden zu können, musste das Problem der Längengrade dringend gelöst werden.

In bewährter Art und Weise baut Umberto Eco um historische Geschehnisse und Personen eine fiktive Romanhandlung, die die Details der Geschichte so perfekt umschließen, dass es einiger Mühe bedarf, das tatsächlich Vorgefallene vom Erfundenen zu unterscheiden. An der Seite von Roberto erleben wir die Eroberung von Casale im Mantuanischen Erbfolgekrieg, lassen uns von Emanuele Tesauro die Metapher-Maschine und von Kenelm Digby die Waffensalbe erklären, werden von Richelieus grauer Eminenz Jules Mazarin und dessen Finanzfachmann Jean-Baptiste Colbert auf die Lösung des Längengradproblems angesetzt. Ecos Protagonist stellt den Menschen des ausgehenden Frühbarocks dar, dessen Wissen, Urteil und Weltsicht sich uns in den geführten Gesprächen und Betrachtungen offenbart.

Besonders in Roberts Disputen mit dem Jesuitenpater Caspar kann Eco deutlich machen, in welchem Dilemma die gebildeten Menschen dieser Zeit steckten: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse und der damit einhergehende technische Fortschritt führten teilweise zu einer mechanistischen Auffassung der Welt. Um Gott in diesem System einer logisch erklärbaren Welt halten zu können, wurde dieser nun zum großen Rechner, dessen genialer Weltenplan sich im Funktionieren von Natur und Technik verstehen lässt. Das Bedürfnis, die Welt zu erkennen und die Natur beherrschbar zu machen, kollidierte mit der althergebrachten religiösen Welterklärung. Diese Spannung wird im Roman fühlbar.

Das Denken des Barocks breitet Eco mit beeindruckender Gelehrsamkeit und unter Verwendung der sprachlichen Darstellungsweisen des Zeitalters vor dem Leser aus. Was auf umfänglichen Kenntnissen beruht, kommt aber doch eher schwerfällig und ermüdend daher. Dem Roman fehlt ein durchgehender Handlungsstrang, an den man sich als Leser gern gefesselt sähe. Zudem muss sich Eco einiger umständlicher Konstruktionen bedienen, um das Geschehen in die gewünschte Richtung zu steuern. Dass dabei zwei Schiffe fast komplett entvölkert werden und ein Doppelgänger-Bruder durch die Geschichte geistert, überzeugt nicht wirklich. Am Ende entsteht immerhin ein geistiges Panorama des Frühbarocks, dessen Darstellung zu eigener Recherche anregt. Doch hinsichtlich des Unterhaltungswertes bleibt dieser Roman um Längen hinter seinen beiden Vorgängern zurück.


Das Schicksal des Universums: Eine Reise vom Anfang zum Ende
Das Schicksal des Universums: Eine Reise vom Anfang zum Ende
von Günther Hasinger
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Eine Vorstellung für das Unvorstellbare, 26. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wer sich schon einmal mit moderner Astrophysik auseinandergesetzt hat, weiß um deren unvorstellbare Dimensionen: Zuerst ist alles unvorstellbar leer, aber energiegeladen, dann dehnt es sich in unvorstellbarer Kürze unvorstellbar weit aus, um dann wieder für unvorstellbar lange Zeit in einem unvorstellbaren energetischen Zustand zu verharren, aus dem sich dann endlich nach 500 Millionen Jahren erste Sterne bilden (von denen wir Dank der Sonne wenigstens eine gewisse Vorstellung haben). Wer sich also mit Günther Hasinger auf diese Reise vom Anfang bis zum Ende begibt, legt seine gute alte Alltagserfahrung besser beiseite, denn was die Astrophysiker uns heute über die Geschichte und Zukunft des Universums sagen können, lässt sich kaum in unseren vier irdischen Dimensionen fassen.

Gerade hier findet Hasinger seine Herausforderung: Er möchte interessierten Laien eine nachvollziehbare Darstellung dieser schwer fassbaren Prozesse geben. Er bedient sich dazu einer klaren Sprache, anschaulicher Vergleiche und korrespondierender Bilder und Schemata. Dabei lässt er sich jedoch nicht dazu verleiten, mehr populär als wissenschaftlich in der Erklärung seines Gegenstands zu werden. So hat der ungeübte Leser schon die eine oder andere astrophysikalisch-bittere Pille zu schlucken, denn einige Phasen im Werden und Vergehen des Universums sind so komplex und kompliziert, dass sie nur auf Kosten der Genauigkeit vereinfacht dargestellt werden könnten. Und darauf kann sich Hasinger bei seiner Wissenschaftlerehre nicht einlassen. Das Gesamtverständnis der Vorgänge wird von diesen Ausführungen aber nicht beeinträchtigt. Letztlich ist diese Abhandlung kein Lehrbuch für Astrophysiker, sondern eine Überblicksdarstellung. Sie kann aber wohl Anregung für noch eingehendere Beschäftigung mit dem Thema sein (die passende Fachliteratur sollte zu finden sein).

Neben der Darstellung seines Gegenstands gewährt Hasinger auch Einblicke in die Wissenschaftsgeschichte und seinen eigenen Werdegang als Wissenschaftler. So ist es eine hübsche Anekdote, dass ausgerechnet Fred Hoyle als Gegner des Urknall-Modells zum Namensgeber der "Big-Bang"-Theorie wurde. Ebenso aufschlussreich ist die Geschichte um die Degradierung Plutos, der einen Planetenstatus verlor, den er nur einem Rechenfehler zu verdanken hatte. Hasinger liefert dem Leser aus seinen direkten Kontakten zu anderen Wissenschaftlern heraus interessantes Hintergrundwissen, insbesondere mit welchen Projekten in der Zukunft weitere Antworten gefunden werden sollen. Verzeihlich, wenn er dabei offenbar auch den letzten Kollegen, mit dem er irgendwann zusammengearbeitet hat, namentlich erwähnt.

Sehr erfreulich ist, dass Hasinger sich am Ende nicht um die Frage herumdrückt, die sich bei der eingehenderen Beschäftigung mit dem Universum fast zwangsläufig einstellen muss: Wo bleibt in der modernen Astrophysik noch Platz für Gott? Wenn eine Überspannung des Energiefeldes des Vakuums, also des "Nichts", einstmals zum Urknall und damit zur Entstehung des Universums geführt hat, scheint doch alles aus diesem Nichts entstanden zu sein. Hasinger schlussfolgert: "Ist Gott dann vielleicht das Nichts?" Unvorstellbar? Eigentlich nicht...


Der Hase mit den Bernsteinaugen: Schmuckausgabe
Der Hase mit den Bernsteinaugen: Schmuckausgabe
von Edmund de Waal
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die überschriebene Familiengeschichte, 9. April 2015
Nach dem Tod seines Großonkels Iggy erhält Edmund de Waal die seit über hundert Jahren im Familienbesitz befindliche Sammlung von Netsuke. Die mit größter handwerklicher Meisterschaft aus Holz, Elfenbein oder Horn gefertigten Miniaturen dienten im Japan des 17. und 18. Jahrhunderts der Befestigung eines Säckchens oder einer Schachtel am Gürtel des Kimonos, der selbst keine Taschen hatte. Die zierlichen Objekte wurden als Sinnbilder für die Eigenheiten ihrer Träger bald auch zu einer eigenen künstlerischen Gattung, in der die Meister Menschen, Tiere und Szenen des Alltags wiedergaben. Trotz der geringen Größe gelang es den Handwerkern erstaunliche Details in die winzigen Accessoirs einzuarbeiten. Mit der Verwestlichung der Bekleidung verloren Netsuke in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Japan ihre ursprüngliche Bedeutung. Der Gebrauchsgegenstand wurde zum Sammelobjekt.

Anfänglich möchte de Waal eigentlich nur die Geschichte der Sammlung nachzeichnen, möchte nachspüren, wo und wie seine Vorfahren die gediegenen Kleinodien verwahrten, wie sie mit ihnen umgingen, was sie für persönliche Bezüge zu ihnen hatten. Aber es ist ihm auch sofort klar, das diese Sammlung und die Stationen ihres Aufenthalts untrennbar mit der Geschichte und dem Schicksal seiner Familie verbunden sind. Und diese Familie Ephrussi war eine aufstrebende ostjüdische Dynastie, die durch das Weizengeschäft wohlhabend wurde, sich über Europa ausbreitete, ihren Reichtum durch Bank- und Börsengeschäfte mehrte. Während ein Teil der Söhne des Geschlechts den Geschäften nachging, wandten sich die anderen der Kultur und den Künsten zu, waren Sammler und Mäzene. Und so beginnt de Waals Spurensuche bei Charles Ephrussi, der Anfang der 1870er Jahre in Paris die Netsuke-Sammlung erwirbt.

De Waal gelingt es meisterhaft, die jeweilige Atmosphäre, in der sich die Sammlung in Paris, Wien und Tokio befand, spürbar zu machen und dabei die Lebenswelten seiner Ahnen nachzuzeichnen. Nicht immer stehen ihm dafür ausreichend Dokumente und Belege aus der Familienchronik zu Verfügung. Aber gerade aus dieser Not macht er mit erstaunlichem Fleiß eine Tugend, fügt Beschreibungen von bekannten Zeitgenossen ein, findet an versteckten Orten überraschende Beweise für die gesellschaftliche Stellung der Ephrussis. Die vorliegende Ausgabe mit ihrer großzügigen Bebilderung trägt neben de Waals gewählter Sprache dazu bei, dass vor den Augen des Lesers ein plastischer Eindruck vergangener Zeiten entsteht. Nie aber verliert der Autor die Netsuke-Sammlung aus den Augen, immer steht sie als Synonym für "geduldiges Zu-Ende-Bringen", so wie es sich de Waal selbst als Ziel gestzt hat.

Mit dem vermehrt zur Verfügung stehenden Quellenmaterial kann de Waal seine Beschreibungen noch verfeinern. Besonders beeindruckt dabei der Wiener Teil, der mit der Enteignung und Vertreibung der Familie Ephrussi aus dem faschistischen Österreich endet. Hier macht de Waal auch die resignierende Feststellung, die Geschichte der Ephrussis sei nicht ausgelöscht worden, sie sei viel mehr überschrieben worden. Der Besitz der Familie fiel in die Hände der Faschisten und wurde in alle Winde zerstreut. Allein die Netsuke wurden durch das beherzte Handeln des Dienstmädchens Anna gerettet und so der Familie erhalten. Und es ist ein bemerkenswertes Eingeständnis, wenn de Waal feststellen muss: "Ich weiß zu viel über die Spuren meiner privilegierten Familie, aber über Anna kann ich nichts mehr herausfinden."

Diese fesselnde Chronik einer Sammlung, die gleichzeitig Familien-, Zeit- und Kunstgeschichte wiedergibt, erlangt noch durch die Reflexionen des Autors zusätzliche Tiefe. So scheut sich de Waal nicht, kleine persönliche Missgeschicke bei seiner Suche einzuräumen. Gleichfalls lässt er uns daran teilhaben, dass sich das Gesamtbild dieser Geschichte erst nach und nach in mosaikartigen Einzelteilen erschließt. Damit liest sich dieses Buch häufig so, als würden wir dem Chronisten bei seiner Forschungsarbeit gerade über die Schulter schauen. Mit dieser liebevollen Beschreibung ist uns ein Text in die Hand gegeben, der Geschichte zu einem lebendigen Körper macht. Am Ende ist bewiesen, hinter allen historischen Ereignissen sind wirkliche Menschen und ihre Schicksale verborgen.


Die Jagd nach der Wahrheit: Die unendliche Geschichte der Welterforschung
Die Jagd nach der Wahrheit: Die unendliche Geschichte der Welterforschung
von Eirik Newth
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Einmal quer durch die Naturwissenschaften, 25. März 2015
Eirik Newth hat sich hier ein echt hartes Stück Arbeit gesucht: Er wollte in einem populärwissenschaftlichem Gesamtüberblick den Werdegang der Welterforschung durch den Menschen nachzeichnen. Damit diese Gesamtschau nicht auf ein mehrbändiges Kompendium anwächst, musste er sich von vorn herein einige Grenzen setzen, musste wesentliche Beispiele auswählen und Darstellung auf einen inhaltlichen Kern reduzieren. Die besondere Kunst bestand also im Weglassen und Reduzieren, ohne dabei entscheidende Entdeckungen und Erkenntnisse zu vergessen oder gar fehlerhaft zu vereinfachen. Wie gesagt: Keine leichte Aufgabe, dafür aber die Chance, das menschliche Streben nach Erkenntnis und Verständnis der Welt als ureigenen Antrieb menschlichen Daseins erkennbar zu machen.

Dabei ist Newths Einstieg ins Thema denkbar unglücklich gewählt: Niederen Lebensformen nur irgendeine Art von Neugier anzudichten ist schon eine äußerst fragliche These. Und das Bedürfnis nach Weltverständnis als "Jagd nach der Wahrheit" zu bezeichnen, ist eine Formulierung, die wohl eher dem Absatz des Buches dienlich sein sollte. Hat man diese groben Schnitzer hinter sich gelassen, folgt man dem Autor sehr gern in seinen Ausführungen. So zeigt er wie sich aus der frühen Naturbeobachtung die Philosophie entwickelt, in der die Frage "was die Welt im Innersten zusammenhält" zum Hauptthema wird. Die sich anhäufenden Erkenntnisse führten schließlich zur Entstehung der einzelnen Wissenschaften, die sich immer weiter in neue Spezialdisziplinen unterteilten und unterteilen. Newth zeigt sehr anschaulich wie natürlich die jeweilige gesellschaftliche Herrschaftsform und die materiellen Bedürfnisse der Mächtigen dem Gang der Welterforschung dienten oder gerade im Wege standen.

Vor allem jugendliche Leser sollen mit dieser Gesamtschau angesprochen werden. Um seine Darstellungen verständlich zu machen, bedient sich Newth anschaulicher Gedankenexperimente, die auch dem erwachsenen Leser einige komplexe Zusammenhänge plausibel machen. Dass dabei hin und wieder ein etwas kindlicher Ton aufkommt, ist zu verschmerzen, hilft aber andererseits, junge Leser bei der Stange zu halten. Sehr gute Arbeit leistet Newth auf dem Gebiet der Elementarphysik. Er erklärt Einsteins Relativitätstheorie, Heisenbergs Unschärferelation und den Welle-Teilchen-Dualismus, krümmt den Raum und dehnt das Universum ins Unendliche. Und das ist alles verständlich, spannend und auf einander aufbauend geschrieben, so dass man interessiert dabei bleibt.

"Die Jagd nach der Wahrheit" ist unbedingt empfehlenswert: Für jugendliche Warum-Frager genauso wie für Erwachsene, denen beim Voranschreiten der Wissenschaften vielleicht der Gesamtüberblick abhanden gekommen ist. Vor allem schafft dieses Buch ein Grundverständnis der Wissenschaften, auf dem man später je nach eigenem Interesse seine eigenen Nachforschungen betreiben kann. Auf jeden Fall erlangt man hier ein sehr gutes Allgemeinwissen, welches wieder beim Einordnen neuer Phänomene hilfreich ist. Allerdings bedarf ein solches Buch angesichts des weiteren Erkenntniszuwachses der regelmäßigen Überarbeitung, was der Verlag hoffentlich im Auge behält.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11