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Landshövding Wibelius

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Amerikaner in Heidelberg 1945-2013
Amerikaner in Heidelberg 1945-2013
von Walter F. Elkins
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,80

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein spannendes und wichtiges Stück Heidelberger Stadtgeschichte, 4. November 2014
Fast 70 Jahre, von 1945 bis 2013, waren US-amerikanische Truppen in Heidelberg stationiert - erst als Besatzer, doch schon bald als Freunde und Verbündete. Die Präsenz amerikanischen Militärs prägte nicht gerade das Stadtbild, war aber doch unübersehbar. Dabei war Heidelberg nicht ein Standort unter vielen, sondern ein besonders herausgehobener: Bis 1952 war hier das europäische Hauptquartier der gesamten amerikanischen Streitkräfte, von 1952 bis 2013 das Hauptquartier der gesamten amerikanischen Landstreitkräfte in Europa (USAREUR) sowie weiterer nachgeordneter Truppenteile. Außerdem war hier bis 1960 und wieder ab 1983 das Hauptquartier der von den USA geführten NATO-Heeresgruppe Mitte (CENTAG). Der endgültige Abzug der amerikanischen Soldaten aus Heidelberg im Herbst 2013 gibt nun willkommenen Anlass, auf ein ebenso spannendes wie wichtiges, dabei aber erstaunlicherweise fast unbekanntes Kapitel Heidelberger Stadtgeschichte zurückzuschauen.

Dieses rundum gelungene und reich bebilderte Buch eines deutsch-amerikanischen Autorenteams lädt alle Interessierten zu einem solchen Rückblick ein. Es erzählt die Geschichte des amerikanischen Militärs in Heidelberg vom Einmarsch am 30. März 1945 an (der Besonnenheit des US-amerikanisches Brigadegenerals William Beiderlinden ist zu verdanken, dass Heidelberg hierbei nicht zerstört wurde), berichtet von den in Heidelberg stationierten US-amerikanischen Verbänden und den hier anwesenden Institutionen der NATO, handelt von der herausragendes Rolle des amerikanischen (in der ehemaligen Nachrichten-Kaserne der Wehrmacht untergebrachten) Militärhospitals für das amerikanische Sanitätswesen - 120 Kinder wurden hier im Schnitt jeden Monat geboren, viele mit einem deutschen Elternteil -, behandelt die Geschichte der amerikanischen Heidelberger Garnison und geht nicht zuletzt ausführlich auf das Alltags- und Freizeitleben der amerikanischen Soldaten in Heidelberg ein. Besonders wichtig und interessant gerade auch für Leser ohne spezifischen Bezug zu Heidelberg ist das Kapitel über die Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen in Heidelberg. Nach anfänglichem Unmut vieler Heidelberger über zahlreiche Beschlagnahmungen von Gebäuden in der Heidelberger Innenstadt normalisierte das Verhältnis schnell, als die Amerikaner eigene Quartiere bauten und sich aus der Innenstadt zurückzogen. Bald entwickelte sich ungetrübte Freundschaft, die erst etwas litt, als im Zuge der 68er-Demonstrationen, insbesondere gegen den Vietnam-Krieg, ein starker Antiamerikanismus zu Tage trat. Den Tiefpunkt markiert der menschenverachtende und brutale Terroranschlag der (damals noch Baader-Meinhof-Bande genannten) RAF vom 24. Mai 1972, bei welchem drei amerikanische Soldaten ums Leben kamen und mehrere andere schwer verletzt wurden. Ein weiterer Terroranschlag der RAF vom Herbst 1981 galt dem amerikanischen CINCUSAREUR (Commander-in-Chief United States Army, Europe, also Oberbefehlshaber) Frederick J. Kroesen. Dass glücklicherweise weder dessen Gesundheit noch dessen Liebe zu Heidelberg hierbei dauerhaft Schaden genommen haben, stellt der Heidelberger Oberbürgermeister zu Recht in seinem Geleitwort zu dem Buch fest. Eine nach dem 11. September 2011 verständlicherweise weiter gestiegene Terrorangst führte dazu, dass sich die Amerikaner noch mehr als zuvor in ihren Anlagen und Wohnvierteln einigelten.

Das Buch ist konsequent aus US-amerikanischer Perspektive geschrieben. Dies wirkt zunächst etwas überraschend, ist aber außerordentlich fruchtbar, weil sich letztlich nur auf diese Weise die Geschichte der "Amerikaner in Heidelberg" - so der etwas irreführende Titel des Buchs - zufriedenstellend darstellen lässt. Dass die Militärgeschichte teilweise etwas zu detailverliebt abgehandelt wird, lässt sich verschmerzen. Die, wahrscheinlich militärtypischen, zahlreichen Abkürzungen sind alle in einem Abkürzungsverzeichnis erläutert.

Für mich war es äußerst erregend zu lesen, wie wichtig der Standort Heidelberg für die Amerikaner war und welch vielfältiges amerikanisches Leben sich hier abspielte (ihr Abzug aus Heidelberg und der Umzug nach Wiesbaden hat, wie man aus dem Buch erfährt, keine militärischen, sondern politische Gründe, Hessen sollte nicht ganz ohne amerikanisches Militär sein, während in Baden-Württemberg noch Standorte bestehen bleiben). Sehr anschaulich wird auch gezeigt, wie die Amerikaner den Heidelbergern den "american way of life" vorlebten und dadurch dazu beitrugen, dass Heidelberg zu der liberalen und weltoffenen Stadt wurde, die es heute ist. Es ist eine Schande, wie wenig man bislang darüber wusste. Deshalb ist dieses äußerst ansprechende und geglückte Buch überfällig.

Vielleicht mag das Buch auch einen kleinen Beitrag dazu leisten, dem in Deutschland leider weit verbreiteten und von realen Kritikpunkten (Irak-Krieg, Praxis der Todesstrafe, NSA-Affäre) längst losgelösten Antiamerikanismus, der sich unheilvoll mit einem erschreckenden Verständnis für Putins autoritäre, Menschen- und Völkerrecht verhöhnende, Politik paart, entgegenzuwirken.


Einspruch!: Wider die Willkür an deutschen Gerichten. Eine Polemik
Einspruch!: Wider die Willkür an deutschen Gerichten. Eine Polemik
von Norbert Blüm
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

28 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Populistisch und ressentimentgeladen, 23. Oktober 2014
Norbert Blüm, Helmut Kohls langjähriger Arbeitsminister, hat seine bleibenden Verdienste: Als "soziales Gewissen" der Kohl-Regierung, als streitbarer Vertreter des Arbeitnehmer-Flügels der CDU, als schlagfertiger und humorvoller Vollblut-Politiker. Doch welcher Teufel hat ihn geritten, dieses Buch zu schreiben?

Eine Tatsache, die der Leser dieser Rezension wissen muss: Der Rezensent ist beruflich als Richter am Amtsgericht tätig, früher in Strafsachen, dann fast 12 Jahre in Zivilsachen, seit diesem Jahr wieder in Strafsachen. Man kann mich also verdächtigen, dass ich aus gekränkter Eitelkeit oder persönlicher Betroffenheit schreibe ("getroffene Hunde bellen"), man mag mir aber auch abnehmen, dass ich ungefähr weiß, worum es geht.

Eine Tatsache, die der Leser von Norbert Blüms Buch und darüber hinaus jeder, der sich mit der deutschen Justiz und ihren angeblichen oder tatsächlichen Missständen beschäftigt, wissen muss: Dem deutschen Rechtssystem ist kürzlich in einer breitangelegten internationalen Studie (The World Justice Project, Rule of Law Index(tm), 2011) bescheinigt worden, sowohl im Zivilrecht als auch im Strafrecht über ein exzellentes Niveau zu verfügen.

Und nun zu Blüms Buch:

Jura habe ihn nie sonderlich interessiert, bekennt Blüm gleich zu Anfang. Da kann ich nur sagen: Das merkt man. Über populistische Juristenschelte und ressentimentgeladene Stammtischparolen kommt Blüm nicht hinaus. Da fehlt kein, aber wirklich kein abgedroschenes Klischee: Richter sind abgehoben, arrogant, bürgerfern, inkompetent und faul, sie verschanzen sich hinter ihrer Unabhängigkeit, die sie natürlich ständig missbrauchen, sie reagieren beleidigt auf jede Kritik, entscheiden willkürlich und begehen dauernd Rechtsbeugung. Berechtigte Strafanzeigen gegen Richter wegen Rechtsbeugung werden ohne sachliche Prüfung abgeschmettert, denn "eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus".

Belege? Fehlanzeige. Kein einziger Nachweis in Form von Fundstellen oder Literaturzitaten, dafür nicht nachprüfbare Anekdoten und subjektive Meinungen. Ein fundamentaler juristischer Grundsatz lautet: Man muss beide Seiten hören, ehe man ein Urteil fällt. Doch das missachtet Blüm. Er verabsolutiert die Sicht einzelner "Betroffener", mit denen er gesprochen hat. (Er bekennt freimütig, dass Anstoß für dieses Buchprojekt die Erfahrung einer Person aus seinem Umfeld mit einem familiengerichtlichen Verfahren war.) Fest steht: In jedem Rechtsstreit gibt es Verlierer (sonst würde man sich nicht streiten). Und wer einen Prozess verliert, sucht allzu oft die Schuld nicht bei sich, sondern schreit "Willkür!", "Fehlurteil!" und "Rechtsbeugung!". Auf diese Weise hat Blüm dann aus Frauen, die in familiengerichtlichen Verfahren unterlegen sind, jene "vor den Familiengerichten gedemütigten Frauen" gemacht, denen er in demagogischer Manier sein Buch widmet.

Oft hat Blüm schlicht keine Ahnung. So beklagt er, dass sich Revisionsgerichte nicht für den wahren Sachverhalt interessieren. Doch das liegt ganz einfach daran, dass das im Gesetz so geregelt ist. In der Revision können nur Rechtsfehler, nicht aber eine falsche Sachverhaltsfeststellung, gerügt werden. Anders könnten die Revisionsgerichte ihrer Aufgabe (Sicherung der Einheitlichkeit der Rechtsprechung und Rechtsfortbildung) nicht erfüllen. Ein anderes Beispiel: Jedes dritte Urteil werde "korrigiert", behauptet Blüm (woher weiß er das?). Daraus schließt er, dass Fehlurteile "nicht selten" seien. Ein klassischer Fehlschluss: Wenn ein Rechtsmittelgericht ein Urteil erster Instanz aufhebt, kann das viele Gründe haben: Vielleicht war das erste Urteil wirklich falsch. Oder das Rechtsmittelgericht legt das Recht anders aus als das erste Gericht, wobei vielleicht beide Auslegungen vertretbar sind. Oder das Rechtsmittelgericht nutzt einen Beurteilungs- oder Ermessensspielraum anders als das erste Gericht: Ob man einen Zeugen für glaubwürdig hält oder nicht ist eine Beurteilungsfrage. Welche Strafe man für angemessen hält, ist eine Ermessensfrage. Mit richtig oder falsch hat das nichts zu tun. Oder die Beweislage hat sich geändert: Eine neue Urkunde wurde aufgefunden, ein wichtiger Zeuge ist nicht mehr erreichbar. Vieles ist denkbar. Vielleicht hat ja auch das Rechtsmittelgericht einen Fehler gemacht?

Natürlich reitet Norbert Blüm ausgiebig auf den aus den Medien bekannten Wiederaufnahmeverfahren der letzten Jahre herum: Harry Wörz, Ulvi K., Rudolf Rupp, Horst Arnold, Gustl Mollath. Eines ist klar: Jedes Fehlurteil ist eine Katastrophe, für den Rechtsstaat, aber vor allem für die Betroffenen. Gerade der Fall Horst Arnold geht auch mir unter die Haut und lässt einen schon nachdenklich werden. Klar ist aber auch: Kein Mensch ist vor Irrtümern gefeit, kein Richter, aber auch kein "Justizkritiker". Und wenn man die Anforderungen an die richterliche Überzeugungsbildung höher ansetzen würde als sie heute sind, könnte man keinen bestreitenden Angeklagten, keinen Vergewaltiger, keinen Mörder, keinen "Kinderschänder", mehr verurteilen. Ob das im Sinne der "Justizkritiker" wäre?

Kleiner Exkurs: Populistische Justizkritik ist in gewissem Maße beliebig: Da wird einerseits die lange Verfahrensdauer beklagt, andererseits wird gejammert, dass die Gerichte ohne sorgfältige Aufklärung "kurzen Prozess" machen. Da schreit man einerseits "Wegsperren für immer", und regt sich andererseits darüber auf, dass zu viele Menschen in der Psychiatrie sitzen. Da empört man sich über Verurteilungen ("leichtfertig eine Existenz vernichtet"), aber wenn das Gericht Zweifel hat und freispricht, ist es auch nicht recht ("ein Schlag in das Gesicht des Opfers").

Doch zurück zu Blüm: Neben Richtern bekommen auch Staatsanwälte (mediengeil, betreiben Vorverurteilungen) und Rechtsanwälte (geldgierig, verdrehen das Recht und scheren sich "einen Dreck" um die Wahrheit) ihr Fett weg. Gerade mit Rechtsanwälten befasst sich Blüm geradezu obsessiv. Anwaltsbashing liegt ja im Trend der Zeit, Joachim Wagner hat es vorgemacht. Ausführlich und schwerpunktmäßig geht Blüm auf das Familienrecht ein. Doch da verfehlt er sein Thema. Das sattsam bekannte konservative Lamento über den Bedeutungsverlust der Ehe, die moderne Unverbindlichkeit von Beziehungen und die von Blüm offenbar verabscheute rechtliche Anerkennung von homosexuellen Lebenspartnerschaften kann man teilen oder nicht, mit der Justiz hat das nichts zu tun.

Nichts gegen Justizkritik. In einem freiheitlichen Rechtsstaat ist diese nicht nur legitim, sondern notwendig. Aber bitte nicht auf Blüms Niveau. Thomas Fischer etwa, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof und Autor des Standardkommentars zum Strafgesetzbuch, schreibt in Fachzeitschriften, aber auch in Publikumsblättern wie der "Zeit" immer wieder Bedenkenswertes. Von mir immer noch sehr geschätzt ist auch Heinrich Hannover, der in seinen besten Zeiten nicht davor zurückschreckte, die (west)deutsche Justiz als Klassenjustiz zu bezeichnen und den für die Haftbedingungen von RAF-Mitgliedern verantwortlichen Richtern "Folter" vorzuwerfen. Aber Heinrich Hannover verfolgte bei alledem ein aufklärerisches und gesellschaftskritisches Anliegen, und vor allem wusste er als Rechtsanwalt und Strafverteidiger, wovon er sprach. Nobert Blüms Buch hingegen ist einfach nur ärgerlich.

Warum dann überhaupt zwei Sterne für Blüms Buch? Weil es erstens flott und gekonnt geschrieben ist (das lässt sich nicht leugnen) und weil ja in dem einen oder anderen auch ein Körnchen Wahrheit steckt.
Kommentar Kommentare (46) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 6, 2014 1:51 PM CET


Einführung in Rechtsphilosophie und Rechtstheorie der Gegenwart (Schwerpunktbereich)
Einführung in Rechtsphilosophie und Rechtstheorie der Gegenwart (Schwerpunktbereich)
von Arthur Kaufmann
  Broschiert
Preis: EUR 27,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein anregendes Studienbuch, 17. Oktober 2014
Rechtsphilosophie und Rechtstheorie - spröde Materien, könnte man meinen. Aber dem ist nicht so. Wer sich (etwa im Rahmen eines Studiums) mit dieser Thematik beschäftigen muss oder aus reinem Interesse sich hiermit beschäftigen will, wird in dem hier vorgestellten Band ein ungemein anregendes Studienbuch findet. Es nähert sich dem Problemkreis, indem es - in verschiedenen Kapiteln, die von verschiedenen Autoren betreut werden - die verschiedensten allgemeinen und speziellen Diskussionen, die etwa ab der Mitte des 20. Jahrhunderts in der Rechtsphilosophie und der Rechtstheorie (die Grenze zwischen beiden ist fließend) geführt werden, vorstellt.

Das für mich persönlich Beste am ganzen Buch sind allerdings die beiden einleitenden Kapitel, die der inzwischen verstorbene Radbruch-Schüler Arthur Kaufmann verfasst hat: Das erste Kapitel gibt einen grundsätzlichen Überblick über Wesen und Aufgaben der Rechtsphilosophie. Diese, so Kaufmann, ist ein Teilgebiet der Philosophie, nicht der Rechtswissenschaft. In einem weiteren Kapitel gibt Arthur Kaufmann eine außerordentlich informative und gehaltvolle Einführung in die Geschichte der Rechtsphilosophie von der Antike bis zur Gegenwart. Wenig überraschend stellt für ihn Gustav Radbruch die Krönung der Geschichte der Rechtsphilosophie dar, weil es diesem gelungen sei, den uralten Gegensatz zwischen Naturrechtslehre und Rechtspositivismus aufzulösen. Ich persönlich meine allerdings, dass der Autor Gustav Radbruch verkennt, wenn er dessen Relativismus kritisiert und ihn als "Preis" dafür bezeichnet, dass Radbruch von einer rein formalen Betrachtung des Rechts wieder zu einer inhaltlichen übergegangen sei. Für mich ist der Relativismus gerade der Herzstück von Radbruchs Rechtsphilosophie. Doch das nur am Rande.

Wenn ich das Buch als Studienbuch charakterisiere, sage ich damit auch, dass man es wirklich gründlich studieren muss. Jeder Jurist und jeder Nichtjurist kann es ohne Vorkenntnisse lesen, aber es erfordert Konzentration und gedankliche Arbeit - eben ein "Studium". Für die schnelle Lektüre zwischendurch ist es nichts, und auch nicht als kurzgefasstes Repetitorium etwa vor einer Rechtsphilosophie-Klausur. Doch wer das Buch wirklich durcharbeitet, ist intellektuell ungemein bereichert und ist auf dem neuesten Stand, was die Diskussionen in den Disziplinen Rechtsphilosophie und Rechtstheorie angeht.


Doktor Faustus: Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde. Roman
Doktor Faustus: Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde. Roman
von Thomas Mann
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der große Roman über die deutsche Tragödie, 2. Oktober 2014
Mit "Doktor Faustus" hat Thomas Mann, der große Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger von 1929, sein ehrgeizigstes und anspruchsvollstes Romanprojekt in Angriff genommen. Anders als bei "Buddenbrooks", "Zauberberg" und den Joseph-Romanen, die ursprünglich nur als kleine Erzählungen geplant waren und sich erst während des Schreibens, gleichsam unter der Hand, zu großen Romanen entwickelten, wusste Thomas Mann bei seinem von 1945 bis 1947 entstandenen Alterswerk von Anfang an, was er wollte: Den großen Roman über die deutsche Tragödie schreiben. Und diese Aufgabe hat Thomas Mann bravourös gemeistert.

Die deutsche Tragödie - das ist das große Thema des Romans. Wie konnte es in Deutschland, einer alten Kulturnation mit glanzvoller Geschichte, zu Hitler und zu den Schrecken des "Dritten Reichs" kommen? Thomas Mann hatte bereits 1945 in dem berühmten Vortrag "Deutschland und die Deutschen" versucht, hierauf eine Antwort zu geben, und hier wird das Thema nun eingehend in Romanform abgehandelt. Thomas Manns These, dies vorweg, ist, dass bestimmte Eigenheiten der deutschen Kultur und der deutschen Tradition, insbesondere der Irrationalismus und die Musik, verkörpert in der deutschen Romantik, an sich zum Besten und Edelsten der geistigen Welt gehören, aber dann gewissmaßen durch "Teufelslist" zum Bösen ausgeschlagen sind.

Thomas Mann liebte, das ist bekannt, die Musik über alles, insbesondere die Musik Richard Wagners. Schon in "Buddenbrooks" und im "Zauberberg" steht die Musik für das Irrationale, das Verführerische, die Flucht vor der Welt und den Kontrast zum platten bürgerlichen Leben. Was lag daher für Thomas Mann näher, als seinen Roman über die die "deutsche Tragödie" zugleich als Musikerroman zu gestalten? Und was lag näher, als für den großen, exemplarischen Roman über Deutschland an die alte und urtümlich deutsche Sage vom Dr. Faust anzuknüpfen?

Doktor Faustus ist in dem vorliegenden Roman der Komponist Adrian Leverkühn, welche 1885 geboren ist. Aus der geistigen Erstarrung der Zeit um 1900, als eine schöpferische kompositorische Tätigkeit nicht mehr möglich erscheint, weil alle Mittel schon aufgebraucht sind und Leverkühns überscharfer und kritischer Intellekt ihm die Unmöglichkeit zeigt, noch auf die altgebrachte tonale Weise zu komponieren (also in Dur- und Molltonarten), flieht Adrian Leverkühn in einen Teufelspakt der eigenen Art: Er infiziert sich bewusst mit Syphillis, um sich zu begeistern, zu enthemmen und eine ganz neuartige, geniale Musik zu schaffen. (So wird gewissermaßen Adrian Leverkühn zum Schöpfer der Zwölftonmusik, was deren wirklichen Erfinder Arnold Schönberg dazu veranlasste, die Einfügung eines klarstellenden Vermerks in Thomas Manns Roman zu verlangen.)

Das gesamte Leben Adrian Leverkühns von der Kindheit, seinem Studium und seiner Karriere als großer Komponist bis zum Zusammenbruch 1930, als er in Geisteskrankheit verfällt, wird von seinem Freund, dem Gymnasiallehrer Serenus Zeitblom, in der Rückschau erzählt. Serenus Zeitblom schreibt, das ist die Grundidee des Buchs, seine Biographie über Adrian Leverkühn in den Jahren 1943 bis 1947. Dies ermöglicht dem Autor, nicht nur seine eigenen, Serenus Zeitblom zugeschriebenen, Gedanken in das Buch einzufügen, sondern als Parallelhandlung zum Leben Adrian Leverkühns auch zeitgeschichtliche Ereignisse vom Kaiserreich bis zum zweiten Weltkrieg zu verarbeiten. (Auch der Bombenkrieg kommt vor, was zeigt, wie absurd die Behauptung ist, dass der Bombenkrieg in Deutschland bis in die jüngste Zeit "tabuisiert" worden sei.) Die geistige Situation der Zeit wird charakterisiert durch die Werke Adrian Leverkühns, der in seinen Kompositionen zivilisatorische Errungenschaft bewusst verleugnet und schließlich in seinem letzten Werk, dem Oratorium "Doktor Fausti Weheklag" , Beethovens 9. Sinfonie mit ihrem Hymnus auf die Humanität demonstrativ "zurücknimmt". Es ist eine inhumane, das Zivilisatorische bewusste verleugende, Zeit, die immer deutlicher hervortritt - in den Diskussionsabenden, an denen Serenus Zeitblom ab 1918 in München teilnimmt und in denen die geistigen Grundlagen des Faschismus und des heraufziehenden Nationalsozialismus artikuliert werden, aber auch in den furchtbaren Handlungssträngen, in denen Adrian Leverkühn, so wird insinuiert, erst einen jungen Mann und dann ein Kind in den Tod schickt - weil er beide liebt, aber der Teufel hat ihm die Liebe verboten. Um ihn herum muss Kälte sein - die Kälte ist eines der zentralen Motive des Buchs.

Adrian Leverkühn ist, das muss klargestellt werden, kein Bösewicht, kein Schurke. sondern eine hochbegabter, ein hoch bedeutender, ein einsamer und zutiefst gefährdeter Mann, ein Mann, der nur eben einen furchtbar falschen Weg gegangen ist. Serenus Zeitblom, der Altphilologe, der Bewunderer der klassischen antiken Kulter und Gegner alles Irrationalen und Dämonischen (was ihn veranlasst hat, 1933 vorzeitig aus dem Schuldienst zu scheiden), liebt seinen Freund Adrian Leverkühn abgöttisch, so wie Thomas Mann Deutschland liebt, das ihn doch vertrieben und ausgebürgert hat. Ja, das Buch ist "trotz allem" ein Bekenntnis zu Deutschland. Im letzten Satz des Buchs fasst Serenus Zeitblom das Schicksal seines Freundes und das Schicksal Deutschlands ausdrücklich zusammen: "Gott sei Eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland".

Das Buch ist ungeheuer vielschichtig angelegt. Es hat tausend Bezüge zur Philosophie, zur Musiktheorie (wo sich Thomas Mann teilweise der Hilfe Theodor W. Adornos bedient hat, dessen "Philosophie der neuen Musik" wertvolle Anregungen für "Doktor Faustus" lieferte), zur Theologie, zur deutschen Gesichte und vielem anderen mehr. In der Figur des Hallenser Theologieprofessors Ehrenfried Kumpf - wie der klassische Faust studiert auch Thomas Manns Leverkühn zunächst Theologie - liefert Thomas Mann ein famoses Luther-Porträt. Luther spielte in Thomas Manns Verständnis eine wichtige Rolle in der deutschen Geistesgeschichte.

Thomas Mann, das hat er selbst bezeugt, hat das Buch mit großer Leidenschaft geschrieben. Das Bekenntnis zur deutschen Kultur zu verbinden mit einem klaren Bekenntnis zur westlichen Demokratie und mit einem klaren, unzweideutigen Nein zum Nationalsozialismus, war ihm wichtig. Zumal ihm das Bekenntnis zur Demokratie und zur westlichen Zivilisation nicht in die Wiege worden gelegt war, sondern er sich dies über längere Zeit erarbeitet hat. Bis zum Ersten Weltkrieg (vor allem in den "Betrachtungen eines Unpolitischen") feierte er die Überlegenheit des - vor allem durch Luther verkörperten - deutschen Sonderweges, der deutschen "Kultur" mit ihrer Liebe zur Musik und ihrer "Sympathie mit dem Tod" gegenüber der vermeintlich oberflächlichen westlichen, "römischen" (also vom antiken Erbe und dem Katholizismus geprägten) "Zivilisation", deren abstoßende Verkörperung für ihn der "Zivilisationsliterat" in Gestalt seines Bruders Heinrich Mann war. (Ganz ähnlich argumentieren heute Putin und seine Paladine.) Um diese geistige Tradition geht es auch in Doktor Faustus, nur wird sie hier nicht mehr positiv, sondern als geistesgeschichtliche Grundlage des Nationalsozialismus verstanden. Der Teufel ist im ganzen Buch präsent - im Leben Adrian Leverkühns, damit aber auch in der deutschen Geschichte. Der persönliche Auftritt des Teufels - Thomas Mann hat hier eine eigentümliche Vision verarbeitet, die er als junger Mann in Italien hatte und die auch schon in den "Buddenbrooks" erwähnt wird - ist der literarische Höhepunkt des Buchs. Nicht nur Adrian Leverkühn, sondern auch Deutschland ist einen Teufelspakt eingegangen - darum geht es letztlich.

Natürlich enthält "Doktor Faustus", wie bei Thomas Mann nicht anders zu erwarten, auch zahlreiche autobiografische Bezüge, bis hin zur Verarbeitung des tragischen Lebensschicksals seiner Schwestern. Mitunter hat das Buch, vor allem, wenn Serenus Zeitblom selbst spricht, aber auch einen leicht parodistischen Einschlag. Man könnte sogar sagen, dass die Einführung des biederen, langweiligen, pedantischen Serenus Zeitblom das Stilmittel ist, mit dem Thomas Mann den düsteren Stoff in einer für den Leser erträglichen Weise aufbereitet. Entgegen weitverbreiteten Gerüchten liest sich das Buch gut: Es ist mit durchgehender feiner Ironie und unbeschreiblicher Eleganz und Präszision geschrieben. Seine Neigung zu langen Schachtelsätzen parodiert Thomas Mann in der Gestalt des Serenus Zeitblom selbst auf liebenswürdige Weise.

Fazit: Einer der große Romane des 20. Jahrhunderts und eine der großen Auseinandersetzungen mit den geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus.


Die lange Reise: Geschichte eines Ostindienfahrers
Die lange Reise: Geschichte eines Ostindienfahrers
von Mats Wahl
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Jugendbuch vom Feinsten, 16. September 2014
Am 12. September 1745 kehrte der Dreimaster "Götheborg" der schwedischen Ostindienkompanie nach einer zweieinhalbjährigen Reise von China in die Heimat zurück. Die "Götheborg" wurde sehnsüchtig erwartet, denn sie hatte wegen widriger Winde fast ein Jahr Verspätung und war, wie ihre Schwesterschiffe, reich beladen mit allen Schätzen des Orients: Porzellan, Seide, Tee... Doch dann passierte das Unerklärliche: Wenige hundert Meter vor dem Erreichen des Heimathafens Göteborg, bei herrlichem Wetter, lief das Schiff auf eine Untiefe und sank. Zwar konnte die Besatzung gerettet und Teile der Fracht geborgen werden, aber wie es zu dem Unglück kommen konnte, ist bis heute unklar.

Der Autor Mats Wahl hat mit dem Illustrator Sven Nordquist, dem Schöpfer der "Petterson und Findus"-Bücher, ein phänomenales Jugendbuch über das Schickal der "Götheborg" geschaffen. Es erzählt eine Geschichte, die fiktiv ist, die die sich aber so zugetragen haben könnte: Der 14jährige Anders Fågel begibt sich nach dem Tod seines Vaters, eines Fischers, nach Göteborg zu seiner Tante, weil seine arme Mutter ihn nicht ernähren kann. Doch bei seiner Tante hält er es nicht lange aus, und bei einem Streifzug durch Göteborg lernt er den gleichaltrigen Jonas Örn kennen, der ihm einen verwegenen Plan vorschlägt. Gemeinsam schmuggeln sie sich auf den abfahrbereiten Ostindienfahrer "Götheborg". Kaum ist das Schiff auf hoher See, werden sie entdeckt. Wie sie gehofft haben, dürfen sie tatsächlich an Bord bleiben. Sie bekommen zwar kein Geld, aber Kost und Logis, sammeln Erfahrungen und erleben Abenteuer - Abenteuer vor allem: Schon bei einem Zwischenaufenthalt im spanischen Cadiz, wo die mitgeführten Waren aus Schweden gegen Silber eingetauscht werden - nur dieses wird in China als Zahlungsmittel akzptiert - bekommt Anders Fågel zufällig mit, dass eine große Verschwörung im Gange ist...

Das Buch bietet in erster Linie die ungeheuer farbige und fesselnde Schilderung einer Seereise unter den Bedingungen des 18. Jahrhunderts. Da fehlt es an nichts, was zu einer solchen Geschichte gehört: Der Sturm in der Nordsee, die erste Begegnung mit der südlichen Welt in Spanien, die Hitze der Tropen, die Äquatortaufe, fremdartige Tiere und Pflanzen, das exotische und faszinierende China, schließlich der Schiffbruch, daneben die Widrigkeiten des Lebens an Bord wie Seekrankheit, Skorbut, Unglücksfälle und Schlägereien. Zugleich entwickelt sich ein dramatischer Krimi, der Plan eines ungeheuerlichen Verbrechens, in dessen Mittelpunkt der Erste Superkargo - Superkargos, auch das lernt man in dem Buch, waren die Repräsentanten der Reederei, waren für die gesamte Abwicklung des Handels verantwortlich und standen in der Hierarchie noch über dem Kapitän - steht, in das aber letztlich mehr oder weniger alle verwickelt werden. Atemberaubende Spannung ist garantiert.

Das Buch stellt ein wahres Gesamtkunstwerk dar, denn die Texte und die üppigen Illustrationen ergänzend sich perfekt. Die farbigen Bilder sind geradezu genial, teilweise eher skizzenhaft, dann wieder äußert detailreich, anschaulich, manchmal schon fast karikaturhaft. Kennzeichend für Text und Bilder ist ein schonungsloser Realismus. Wie die Gesichter der Menschen, aus denen allenthalben Dummheit, Bösartigkeit, Verschlagenheit und Gier hervorleuchtet, gezeichnet sind, daneben aber auch die (wenigen) anständigen und sympathischen Menschen glaubhaft dargestellt sind, dass ist meisterhaft - ganz zu schweigen von den tausend Details etwa an Bord des Schiffs, aber auch bei den Stadtpanoramen. Das Buch erzählt ohne Umschweife, schonungslos, unsentimental, mit einfache Worten - wie sie wirklich ein am Ende der Reise 16jähriger schreiben könnte - ungeheuer eindrucksvoll von dem harten Leben in der damaligen Zeit. Hart war das Leben auf See, hart aber auch das Leben am Land. Dem Leser wird nichts geschenkt, es gibt in der ganzen Handlung eigentlich keinen Ruhepunkt, keinen Moment, in dem der Erzähler sich einmal entspannt und das Leben genießt. In einem Satz: Eine farbenfrächtige und fesselnde Abenteuergeschichte, die den Vergleich mit Klassikern wie der "Meuterei auf der Bounty" nicht zu scheuen braucht. Ein Buch, das - hier reicht es schon in den Bereich ernsthafter Literatur - ein durch und durch pessimistisches (oder soll man sagen: realistisches?) Menschenbild zeichnet: Alle sind nur auf den eigenen Vorteil bedacht, grausam, tückisch, gierig, und bösartig. "Gute" Menschen gibt es kaum.

Am Schluss des Buchs findet sich ein, ebenfalls gut illustrierter, Sachteil (von Sven Nordquist verfasst) mit vielen Informationen über die schwedische Ostindienkompanie, den Handel mit China, die damaligen Schiffe, das Leben an Bord usw. Dies rundet das Buch gewissermaßen ab und macht es noch einzigartiger. Ein Jugendbuch vom Feinsten.

Etwas mäkeln muss ich nur an der Übersetzung, die sich manche Pointe des schwedischen Originals entgehen lässt. So steht im Original, von der Mutter des Anders Fågel heiße es, sie die Tochter von "självaste Gathenhielm, kungens kapare" (von Gathenhielm, dem Freibeuter des Königs, höchstpersönlich). Im Deutschen ist daraus völlig sinnwidrig die Behauptung geworden, Anders Fågels Mutter sei die Tochter vom "Narren des Königs". Was sich der Übersetzer dabei gedacht hat, ist unerfindlich, denn die Erwähnung des legendären Freibeuters, der als Lars Gathe geboren und vom König Karl XII. geadelt wurde, verstärkt noch den Hauch von rauer Seefahrerromantik, der das Buch durchweht. Auch das Wortspiel, dass sich der Autor mt den Namen Fågel ( = Vogel) und Örn ( = Adler) erlaubt, verschenkt die deutsche Übersetzung. Doch gleichwohl ist auch in deutscher Übersetzung das Buch einzigartig.


Was ist Gerechtigkeit?
Was ist Gerechtigkeit?

5.0 von 5 Sternen Gerechtigkeit - ein irrationales Ideal, 11. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Was ist Gerechtigkeit? (Taschenbuch)
Gerechtigkeit - ein vielzitiertes, ein vielstrapaziertes Wort. "Wo bleibt die Gerechtigkeit?" Immer wieder, zumeist in anklagendem Ton, wird diese Frage aufgeworfen, wenn die Öffentlichkeit mit gerichtlichen Entscheidungen nicht einverstanden ist oder einzelne Personen der Meinung sind, sie seien vor Gericht nicht zu ihrem Recht gekommen. Doch was ist das eigentlich - Gerechtigkeit?

Der österreichische Staatsrechtler und Rechtstheoretiker Hans Kelsen (1881-1973), einer der ganz großen Rechtsdenker des 20. Jahrhunderts, gibt in dieser kleinen Schrift aus dem Jahr 1953 eine ebenso verblüffende wie einleuchtende Antwort: "Ich weiß nicht, was Gerechtigkeit ist." Gerechtigkeit lässt sich nicht definieren. Hinter dem Ideal der Gerechtigkeit steht immer das Streben nach dem Ausgleich von Interessen, und welche Interessen wie zu bewerten sind, ist immer subjektiv. Kelsen zeigt mit einfachen Worten und unwiderleglicher Logik auf, dass alle Versuche, eine verallgemeinerungsfähige Definition von "Gerechtigkeit" zu geben, von Plato und Aristoteles über Jesus ("goldene Regel") bis Kant ("kategorischer Imperativ"), immer untauglich, da tautologisch, geblieben sind. Was man für Gerechtigkeit hält, ist immer abhängig von persönlichen Werten, deren Richtigkeit sich nicht beweisen lässt. Der dahinterstehende Gedanke, zu dem sich Kelsen auch offen bekennt, ist der philosophische Relativismus, Ausgangspunkt seines Denkens die Trennung von Sein und Sollen. Der Gedanke, dass aus dem Sein kein Sollen folgt - ein Grundgedanke des Rechtspositivismus -, ist nirgends so stringent und so bezwingend begründet wie in diesem kleinen Werk, und wenn aus dem Sein kein bestimmtes Sollen folgt, ist auch jeder Versuch, eine allgemeingültige, verbindliche Definition von "Gerechtigkeit" zu geben, zum Scheitern verurteilt. Dass Kelsens Ansatz radikal aufklärerisch, gegen jedes irrationale Denken und gegen jede Ideologie gerichtet ist, wird in jeder Zeile deutlich (in politischer Hinsicht war Kelsen demokratischer Sozialist und wurde deshalb sowie wegen seiner jüdischen Abstammung 1930 erst aus Österreich und dann 1933 aus Deutschland vertrieben.)

In seinem grundlegenden Standardwerk "Reine Rechtslehre: Einleitung in die rechtswissenschaftliche Problematik" hat Kelsen die Gerechtigkeit kurz und bündig als "irrationales Ideal" bezeichnet, ein Begriff, den er auch hier verwendet. Im vorliegenden kleinen Text, deutlich eingängiger und leichter zu lesen als die "Reine Rechtslehre", findet Kelsen die treffende Formulierung von der Gerechtigkeit als ein "schöner Traum der Menschheit". Mit resignativer Fröhlichkeit bekennt Kelsen: Eine absolute Gerechtigkeit gibt es nicht, somit bleibt für ihn nur eine relative Gerechtigkeit: "Eine Gerechtigkeit der Freiheit, ein Gerechtigkeit des Friedens, eine Gerechtigkeit der Demokratie, eine Gerechtigkeit der Toleranz". Und das ist doch eigentlich eine ganze Menge.


Richter ohne Gesetz: Islamische Paralleljustiz gefährdet unseren Rechtsstaat - Wie Imame in Deutschland die Scharia anwenden
Richter ohne Gesetz: Islamische Paralleljustiz gefährdet unseren Rechtsstaat - Wie Imame in Deutschland die Scharia anwenden
von Joachim Wagner
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wichtig und spannend, doch mitunter polemisch, 4. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Parallelgesellschaft" - dieser Begriff, gemünzt auf die Lebensweilt vieler (muslimischer) Migranten, ist in aller Munde. Joachim Wagner, promovierter Jurist und Kriminologe, den meisten Menschen jedoch bekannt als profilierter Fernsehjournalist, zeigt in diesem Buch, dass es in der muslimischen "Parallgesellschaft" auch eine "Paralleljustiz" gibt - islamische "Friedensrichter" ohne juristische Ausbildung vermitteln, an der deutschen Justiz vorbei und meist ohne deren Kenntnis, bei Streitigkeiten innerhalb von Einwanderern aus islamischen Ländern, oft bei familiären Konflikten, oft aber auch bei Gewaltdelilkten. Diese auf Jahrtausende alte Traditionen zurückgehende und durch Koran-Stellen legitmierte Praxis des Streitschlichtens nimmt Joachim Wagner kritisch unter die Lupe.

Joachim Wagner zeigt auf - und das kommt bei vielen Besprechungen dieses Buches zu kurz -, dass Vermittlungen, Schlichtungen, Einigungsbemühungen, Vergleiche durchaus eine den Rechtsfrieden wiederherstellende Wirkung haben können und insbesondere neuen, gewaltsamen, Konflikten vorbeugen können. Dies gilt gerade auch bei Konflikten innerhalb der muslimischen Community. Auch das deutsche Recht kennt im Zivilprozess den Vergleich und neuerdings auch die Mediation, im Strafprozess sieht das deutsche Recht die strafmildernde Wirkung eines durchgeführten Täter-Opfer-Ausgleichs oder einer Schadenswiedergutmachung, die Möglichkeit der Verfahrenseinstellung gegen die Auflage der Schadenswiedergutmachung oder auch die Strafaussetzung zur Bewährung gegen die Auflage, den Schaden wiedergutzumachen, vor. Es ist also interessant zu sehen, dass traditionelles islamisches Recht ("Scharia") und deutsches Recht trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte Gemeinsamkeiten und ähnliche Rechtsgedanken kennen und sich nicht immer unversöhnlich gegenüberstehen.

Wo liegt also das Problem? Joachim Wagner weist nach, dass zum einen bei islamischen Streitschlichtungen selten zwei Partner auf Augenhöhe verhandeln, sondern dass oft der mächtigere und einflussreichere Familienclan einseitig seine Wünsche durchsetzt. Manche "Friedensrichter" sind sogar in die Organisierte Krimininalität verstrickt. Zum anderen haben dann, wenn Gegenstand der "Schlichtung", wie häufig, eine nach deutschem Recht strafbare Gewalttat ist, die islamischen "Schlichtungen" nicht selten einen rechtswidrigen Inhalt: Oft verpflichten sich die Opfer, als Gegenleistung für eine ihnen gewährte Geldzahlung die Strafanzeige zurückzunehmen (was bei schwereren Straftaten wie gefährlicher Körperverletzung, räuberischer Erpressung, Raub etc. nicht möglich ist) und den Täter nicht mehr zu belasten, sprich: eine Falschaussage zu machen. Joachim Wagner, der gründlich und sorgfältig recherchiert hat, bringt eine Fülle von Beispielen, in denen durch - im Hintergrund und meist ohne Wissen der deutschen Justiz ablaufende - Streitschlichtungen Gerichtsverfahren massiv manipuliert wurden: Mutmaßliche Tatopfer können sich als Zeugen plötzlich an nichts mehr erinnern oder schwächen ihre Aussagen erheblich ab, plötzlich nimmt ein zuvor nicht in Erscheinung getretenes jüngeres Familienmitglied des Täters die Schuld auf sich, um dem, bereits erheblich vorbestraften, wirklichen Täter eine Haftstrafe zu ersparen. Umgekehrt bauschen in ersten polizeilichen Vernehmungen Tatopfer mitunter die Tat gewaltig auf, um den Täter zur Zahlung eines erheblichen Schmerzensgeldes zu nötigen. Ist dies dann gezahlt, wird die belastende Aussage zurückgenommen oder erheblich abgeschwächt. Da man aber eine einmal gemachte Aussage nicht einfach "zurücknehmen" kann, hat sich mittlerweise der Trick herumgesprochen, bei einer neuen Vernehmung einfach die Auskunft gemäß § 55 StPO zu verweigern (nach dieser Vorschrift muss man sich durch eine Aussage nicht selbst belasten, und wenn im Ergebnis einer Streitschlichtung das Opfer seine belastende Aussage widerruft, könnte es sich ja damit der falschen Verdächtigung durch die erste Aussage bezichtigen). Auch kommt es vor, dass Zeugen und sogar Richter bedroht und eingeschüchtert werden.

Es ist klar, dass derartige Vorgänge die Autorität der deutschen Rechtsordnung gefährden. Und da die Rechtsordnung eine Friedensordnung ist, steht letztlich der innere Frieden auf dem Spiel. Joachim Wagners wichtiges Buch gewährt spannende und erschütternde Einblicke in eine bislang unzugängliche Parallelwelt, die eine große Herausforderung für den deutschen Rechtsstaat darstellt. Joachim Wagner berichtet von Fällen, in denen deutsche Gerichte seiner Meinung nach vor der islamischen Paralleljustiz kapituliert haben. Er zeigt aber auch Gegenstrategien auf (etwa frühe richterliche Vernehmung von Tatopfern, Einführung der Erstaussage durch Verlesung von Protokollen und Anhörung der Vernehmungsbeamten im Falle von plötzlichem Gedächtnisverlust in Folge einer "Streitschlichtung" in die Hauptverhandlung, Ernstnahme der gesetzlichen Regelung, dass § 55 StPO kein globales Zeugnisverweigerungsrecht, sondern nur ein punktuelles Auskunftsverweigerungsrecht vorsieht etc.), und er berichtet auch von Fällen, in denen deutsche Gerichte mustergültig den Versuch von muslimischen "Friedensrichtern", das Verfahrensergebnis zu manipulieren, vereitelt haben. Zugleich porträtiert Joachim Wagner auch islamische Streitschlichter, die mit Polizei und Justiz kooperieren, statt gegen sie zu arbeiten, und damit wirklich einen Beitrag zum Rechtsfrieden leisten.

Das Buch überzeugt durch gründliche Recherche und eine Vielzahl von Fakten, ist allerdings teilweise etwas unstrukturiert. Letztlich geht es um die Autorität des demokratischen Rechtsstaats, was ein zutiefst liberales Anliegen ist. Leider verzichtet Joachim Wagner nicht ganz auf Totschlagsbegriffe wie "Multikulti-Anhänger" und "Political-correctness-Apostel", Begriffe, die eine ungute Nähe zu rechtspopulistischem Gedankengut haben. Dankenswerterweise erspart uns Joachim Wagner wenigstens den bösartigen und denunzierenden Kampfbegriff "Gutmensch". Dafür kann man Joachim Wagner leider auch den Vorwurf mangelnder journalistischer Sorgfalt nicht ganz ersparen: So beschäftigt sich sein Buch ausführlich und sehr kritisch mit dem in Berlin ansässigen und aus dem Libanon stammenden "Friedensrichter" Hassan Allouche. Doch dieser hat im Interview mit einer Fachzeitschrift (Betrifft Justiz, Heft 108, Dezember 2011) angegeben, dass Joachim Wagner nie mit ihm gesprochen habe. Im übrigen kann auch Joachim Wagner nicht belegen, wie repräsentativ die von ihm geschilderten Fälle sind und wie verbreitet die von ihm angeprangerte islamische Paralleljustiz wirklich ist.

Zudem stört mich etwas, dass Joachim Wagner, obgleich promovierter Jurist, teilweise nicht über die nötige Sachkenntnis verfügt oder diese durch polemische Zuspitzungen überdeckt. Das fängt schon damit an, dass er eine zivilrechtliche Herangehensweise und eine Missachtung des staatlichen Strafanspruchs als Spezifikum islamischen Denkens ansieht. Dabei gibt es diese Verwechslung von Strafrecht und Zivilrecht bei vielen rechtsunkundigen Deutschen genauso. "Ich habe mich mit dem Täter geeinigt", "ich will die Anzeige zurücknehmen", "ich habe kein Interesse mehr an der Strafverfolgung", "ich will gegen ihn nicht mehr aussagen" - solche Sätze hört man auch von deutschen Zeugen sehr oft, und zwar nicht nur in solchen Fällen, in denen Täter und Opfer einem gemeinsamen Milieu wie etwa Rockerszene, Strafvollzug etc. angehören. Auch dass Anzeigen nur deshalb erstattet werden, um die Zahlungsbereitschaft des Angezeigten zu erhöhen (wie oft erstatten Versandhändler, nicht bezahlte Handwerker etc. Anzeigen wegen Betruges), ist alltäglich.

Unzutreffend ist auch Joachim Wagners Behauptung, dass die nach deutschem Recht zulässige Mediation sich von islamischen Streitschlichtungen daduch unterscheide, dass ein deutscher Mediator rechtskundig sei und nach Recht und Gesetz entscheide. Das Gegenteil ist richtig: Mediatoren können auch Nichtjuristen sein, etwa Theologen, Psychologen etc., und diese sollen gerade nicht einen Rechtsstreit an Hand des Gesetzes entscheiden (wie es ein Richter tut), sondern - durchaus ähnlich den muslimischen Friedensrichtern - einen Konflikt befrieden, indem sie die hinter dem akuten Streit stehenden Interessen ermitteln und zum Ausgleich bringen. Das entscheidende Moment ist vielmehr, dass Mediation nur auf freiwilliger Basis möglich ist, dass keinerlei Druck ausgeübt werden darf und dass natürlich keine rechtswidrigen Vereinbarungen getroffen werden dürfen.

Der dritte Fehler von Joachim Wagner, und da wird es wirklch ärgerlich, ist sein Unverständnis für die Funktion von Strafverteidigern. So kritisiert er Strafverteidiger, die ihre Rechtskenntnisse einseitig im Interesse der Beschuldigten einsetzen. Aber genau das ist die Aufgabe der Strafverteidiger. Auch wirft er ihnen wiederholt vor, dass sie sich als einseitige Interessensvertreter der Beschuldigten ansehen. Aber das ist nun mal ihr Auftrag. Ominös deutet er an, dass Strafverteidiger mitunter höhere als die gesetzlichen Gebühren kassieren. Doch das ist völlig legal und völlig üblich. Jeder einigermaßen renommierte Strafverteidiger schließt mit seinen Mandanten Honorarvereinbarungen, nach denen die Verteidiger wesentlich höhere Gebühren erhalten als die nach dem Rechtsanwaltsgebührengesetz vorgesehenen (glaubt Joachim Wagner etwa, Christian Wulffs Anwälte hätten ihn zur gesetzlichen Regelgebühr verteidigt?) Immer wieder insistiert Joachim Wagner darauf, dass Strafverteidiger als "Organe der Rechtspflege" auch der Wahrheit verpflichtet seien. Doch was genau will er damit sagen? Zwar legt die Bundesrechtsanwaltsordnung fest, dass der Rechtsanwalt ein Organ der Rechtspflege ist, aber weitergehende Pflichten, die über die gesetzlich ausdrücklich geregelten hinausgehen, sind damit nicht verbunden. Auch besteht für den Anwalt insoweit eine Wahrheitspflicht, als er selbst nicht lügen darf, weder seinen Mandanten noch Dritte zum Lügen anstiften darf und keine Beweismittel verfälschen darf. Eine darüber hinausgehende Pflicht, der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen, besteht für den Rechtsanwalt aber nicht. Er darf - das alles ist längst entschieden, auch vom Bundesgerichtshof - auch dann, wenn er seinen Mandanten für schuldig hält, seinem Mandanten raten zu schweigen, Entlastendes vorbringen (sich etwa auf Verfahrensfehler oder Beweisverwertungsverbote berufen, Zweifel an den Aussagen von Belastungszeugen formulieren, Entlastungszeugen benennen, solange er nicht positiv weiß, dass diese lügen werden) und Freispruch beantragen. Joachim Wagner empört sich über einen Rechtsanwalt, der ihm gesagt hat, dass ihn nur die "formelle Wahrheit" interessiere. Aber genau das macht den Rechtsstaat, den Joachim Wagner doch verteidigen will, aus: Dass die "Wahrheit" nicht um jeden Preis ermittelt wird, sondern dass als Wahrheit nur das gilt, was das Gericht in einem prozessordnungsgemäßen Verfahren festgestellt hat. In diesem Sinne kann kein Jurist, auch kein Richter, mehr anstreben als die "formelle Wahrheit".

Dieses Buch stellt eine erweiterte Ausgabe der ursprünglichen Version dar. Es enthält neben Berichten über die Reaktionen auf die Erstausgabe einen neuen Teil, in welchem der Autor auf das teilweise bedenkliche Wirken von islamischen Streitschlichtern bei familiären Konflikten eingeht: Zwar werden Frauen oft gewisse Zugeständnisse gemacht, ein Familienkonflikt wird oft zunächst bereinigt. Doch agieren die Streitschlichter auf der Grundlage des islamischen Frauenbildes, nach welchem Frauen weniger wert als Männer sind. Die Folge ist, dass bei derartigen Streitschlichtungen oft patriarchalische, frauenfeindliche Strukturen zementiert werden und den Frauen wesentliche Rechte, die ihnen nach der deutschen Rechtsordnung zustehen, vorenthalten werden.

Fazit: Ein spannendes und wichtiges, teilweise geradezu alarmierendes Buch, dass allerdings in seiner Kritik an der deutschen Justiz und insbesondere an deutschen Strafverteidigern sowie in seiner Wortwahl oft zu polemisch ist.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 20, 2014 12:48 PM CET


Ein ganzes halbes Jahr
Ein ganzes halbes Jahr
von Jojo Moyes
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Es ist schon erstaunlich..., 11. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Ein ganzes halbes Jahr (Broschiert)
Es ist schon erstaunlich, dass dieses sowohl von der Thematik als auch vom Schreibstil her nur mäßig originelle Werk derart erfolgreich ist. Aber irgendwas muss es an sich haben, denn auch mich hat es gefesselt und nicht mehr losgelassen, obwohl ich solchen sentimentalen Unterhaltungsschmökern an sich wenig abgewinnen kann und auch sicher nicht zur Zielgruppe dieses primär für Frauen mittleren Alters geschriebenen Werkes gehöre. Woran also liegt es?

Im Grunde ist das Buch, und das ist zumindest eine Ursache für seinen Erfolg, eine moderne Aschenputtel-Geschichte. Es spielt in einer englischen Kleinstadt und folgt letztlich dem klassischen "boy meets girl"-Plot. Die 26jähige Lou, eine - bis auf ihren extravaganten Kleidungsstil - unscheinbare "graue Maus" hat nichts aus ihrem Leben gemacht, nichts von der Welt gesehen, lebt noch bei ihren Eltern und fristet ein recht trostloses Dasein. Die Handlung setzt ein, als sie ihren schlecht bezahlten Job in einem Café verliert. Der acht Jahre ältere Will hingegen lebt auf der Sonnenseite des Lebens: Aus großbürgerlichem Haus stammend, ist er beruflich erfolgreich, wohlhabend, sportlich, attraktiv, unternimmt dauernd aufregende Urlaubsreisen - bis er durch einen unverschuldeten Unfall zum "Tetraplegiker", zum an Armen und Beinen Querschnittsgelähmten, wird. Lou, vom Arbeitsamt dazu gedrängt, nimmt die ihr angebotene Stelle als Wills Pflegerin, oder besser: Gesellschafterin, an.

So weit, so klischeebehaftet, und natürlich erwartet der Leser (oder besser die Leserin) ein rührseliges Happy-End. Mit dieser Erwartung spielt die Autorin recht raffiniert. Denn nun entwickelt sich parallel zur Aschenputtel-Geschichte das Motiv eines faustischen Paktes, der sich aber erst langsam entschleiert: Will, der seinen Zustand nicht erträgt, will seinem Leben ein Ende setzen, hat mit seinen Eltern aber eine Abmachung getroffen: Nur dann, wenn es diesen binnen sechs Monaten - das im deutschen Titel angesprochene halbe Jahr - nicht gelingt, ihn von seinem Plan abzubringen, wird er sein Vorhaben in die Tat umsetzen und in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Lou wird, was sie aber eigentlich nicht erfahren soll, dazu angestellt, Will vom Selbstmord abzuhalten.

Doch wer sich im Lauf der Handlung entwickelt, ist nicht Will - der bleibt für den Leser eigentlich rätselhaft und nicht recht greifbar. Wer sich entwickelt, ist Lou, die durch ihre Bekanntschaft mit Will reift, mit seiner Hilfe ein traumatisches Erlebnis verarbeitet und zum Schluss endlich sogar studieren und sich zu einer echten Persönlichkeit entwickeln kann.

Das Ganze ist, man kann es nicht leugnen, flott, gekonnt, teilweise witzig, teilweise mit schwarzen Humor und teilweise auch recht kitschig geschrieben. Dass das Buch dann doch etwas mehr ist als eine billige Schnulze, liegt allein darin begründet, dass sich die Autorin dem scheinbar so nahe liegenden Happy-End verweigert. Aber eine große, tiefgreifende oder gar berührende Auseinandersetzung mit dem elementaren Thema Tod bzw. Sterbehilfe ist das Buch nicht, auch wenn die Autorin dies vielleicht angestrebt hat. Eine wirkliche Beschäftigung mit der schwierigen Sterbehilfe/Selbstmord-Thematik misslingt ihr schon deshalb, weil das Buch konsequent aus Lous Perspektive (ganz überwiegend in der Ich-Form) geschrieben ist. Wills Beweggründe, seine Gedanken, seine Gefühle, seine Motive bleiben letztlich im Dunkeln. Noch kurz bevor der Vorhang fällt, verbringen Lou und Will einen schönen Urlaub auf Mauritius, sodass Wills bis zum Schluss unbeirrbarer Wunsch zu sterben eher apodiktisch behauptet als plausibel dargestellt wird.

Was mich an diesem Buch am meisten gestört hat: Wenn man zynisch ist, kann man die Botschaft dieses Buches so verstehen, dass der Mann beseitigt werden muss, damit die Frau sich endlich entfalten kann (das Titelbild stützt diese Lesart). Macht dieser Subtext das Buch gerade bei weiblichen Lesern so erfolgreich?
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 14, 2014 9:47 AM MEST


Heidelberg in Mittelalter und Renaisssance
Heidelberg in Mittelalter und Renaisssance
von Christoph Mauntel
  Broschiert
Preis: EUR 14,95

5.0 von 5 Sternen Stadtführer für Geschichtsinteressierte, 11. Juni 2014
Heidelberg ist bekanntlich eine barocke Stadt auf mittelalterlichem Grundriss. Auf Grund der Zerstörungen im Pfälzischen Erbfolgekrieg in den Jahren 1689 und, schlimmer noch, 1693 ist von der mittelalterlichen Stadt und ihren vielen. teils bedeutenden, Renaissance-Bauwerken so gut wie nichts mehr vorhanden (abgesehen von einigen prominenten Großbauten wie Schloss, Heiliggeistkirche und Haus zum Ritter). Doch natürlich sind die Spuren der früheren Epochen in Heidelberg auf Schritt und Tritt zu finden, wenn man nur sucht. Dieses Buch begibt sich also auf Spurensuche nach - wie der Titel schon sagt - Heidelberg in Mittelalter und Renaissance.

Nach einer Einleitung bietet das Buch zehn Führungen, an deren Beginn jeweils eine Karte mit Markierungen der einzelnen Stationen steht. Sodann werden die einzelnen Orte vorgestellt, wobei das Buch gut mit farbigen Fotos illustiert ist. Am Anfang steht ein Rundgang durch Handschuhsheim - einerseits etwas überraschend, wurde doch dieses ehemals selbstständige Dorf erst 1903 nach Heidelberg eingemeindet, andererseits aber konsequent, weil die Handschuhsheimer Vituskirche, im Kern noch frühromanisch, das ältsteste Bauwerk im heutigen Heidelberger Stadtgebiet ist. Es folgt eine Führung über den Heiligenberg mit seinen mittelalterlichen Klosterruinen und ein Besuch auf der Molkenkur, wo nach den Überresten der früheren, im 16. Jahrhundert bei einer Explosion vernichteten, oberen Burg gefahndet wird. Sodann steigt der Autor hinab zum Schloss, wo einmal nicht die berühmten Renaissance-Paläste (Gläserner Saalbau, Ottheinrichsbau, Friedrichsbau), sondern die spätmittelalterlichen Wehranlagen und die Bauten Ludwigs V. im Blickpunkt stehen, bevor sich der Autor nunmehr der Altstadt zuwendet. Den Überresten der Stadtmauer mit ihren Stadttoren wird ebenso nachgespürt wie der spätmittelalterlichen Stadterweiterung unter Ruprecht II., der Autor begibt auf die Suche nach den früheren Klöstern und Adelsgütern in der Stadt, Heiliggeistkirche und Peterskirche werden ebenso abgehandelt wie das (in der Reformation aufgelöste) Heiliggeiststift und die mittelalterlichen Spitäler sowie das Leben der Kaufleute und Handwerker im Mittelalter. Am Ende steht ein Kapitel über die Anfänge der Universität und das Ende der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Heidelberg - beides hing bekanntlich zusammen, denn Kurfürst Ruprecht II. vertrieb 1392 die Juden aus Heidelberg, unter anderem um Räumlichkeiten zu gewinnen für die von seinem Onkel Ruprecht I. im Jahr 1386 gegründete Universität. So wurde die Synagoge zur Marienkapelle, in welcher Vorlesungen gehalten wurden.

Es gibt also viel zu entdecken, und dieses Buch lädt in einer ansprechenden Weise mit Text und vielen guten Bilder dazu ein. Natürlich ist vieles bekannt (Heiliggeistkirche, Peterskirche, Haus zum Ritter, Harmoniegebäude etc.), doch schon der Rodensteiner Pavillon ist wahrscheinlich nur den etwas intimeren Kennern geläufig, und vieles dürfte den meisten neu sein (etwa die Lage der mittelalterlichen Klöster, von denen praktisch nichts mehr vorhanden ist). Immer wieder wartet das Buch mit spannenden Details auf - wer weiß etwa, dass in den modernen Bau der Hochschule für jüdische Studien Überreste des alten Herrengartens integriert und dort zu sehen sind?

Das Buch ist also eine Fundgrube und zeigt, wie präsent im Grunde die Spuren von Mittelalter und früherer Neuzeit in Heidelberg noch sind, wenn man nur richtig hinschaut. Für den geschichtsinterressierten Heidelberg-Liebhaber oder Heidelberg-Besucher stellt das Buch also eine echte Bereicherung dar - ein Stadtführer für Geschichtsinteressierte.

Das schließt freilich nicht aus, dass auch das ein oder andere fehlt: Das prächtigen und qualitätsvolle Renaissance-Portal in der Gartenmauer am Haus Buhl. das keiner übersehen kann, der vom Kornmarkt die Hauptstraße weiter bis zum Karlstor entlanggeht, vermisse ich ebenso wie die kleine, aber eindrucksvolle Gutleuthofkapelle in Schlierbach aus dem frühen 14. Jahrhundert. Selbst in der Rohrbacher Melanchtonkirche, die überwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammt, findet man im Alterraum noch eindrucksvolle gotische Überreste, wie überhaupt Rohrbach noch manche Spuren aus der Zeit vor den Zerstörungen von 1689/1693 bietet. Aber auch mit dem, was das Buch enthält, entwirft es schon ein reiches Panorama eines untergegangenen und doch noch sehr präsenten Heidelberg.


Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung
Böse Philosophen: Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung
von Philipp Blom
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nimm und lies - es ist ein Genuss, 22. Mai 2014
Religion und Aufklärung - ein spannendes, ein hochaktuelles Thema. Islamistische Terroranschläge, der Einfluss fundamentalistischer Gruppen in den USA, aber auch der Hype um den aktuellen Papst zeigen, dass die Religion immer noch eine Macht ist, mit der man rechnen muss. Der Begriff "Religion" hat für die meisten Menschen einen guten Klang. Für den Begriff "Aufklärung" gilt das weniger. Wenn von Aufklärung überhaupt die Rede ist, dann meist als Kampfbegriff gegen den vermeintlich oder tatsächlich unaufgeklärten Islam. Natürlich ist es richtig, dass die islamische Welt (und ebenso die russisch-orthodoxe) im Gegensatz zum westlichen Abendland nie eine Aufklärung erlebt hat, was die Überlegenheit und Attraktivität des westlichen Gesellschaftsentwurfs gegenüber den autoritären Gesellschaften im islamischen Raum, aber auch in Putins Russland erklärt. Wenn aber "christliche" Politiker sich gegenüber dem bösen Islam auf die Werte der Aufklärung berufen, zu Hause jedoch für Kruzifixe im Klassenzimmer und Verschärfung des Gotteslästerungsparagraphen streiten, ist das in hohem Maße intellektuell unredlich. Höchste Zeit also, sich damit zu beschäftigen, was es mit Religion und Aufklärung eigentlich auf sich hat.

Das Buch "Böse Philosophen" nähert sich der Thematik "Religion und Aufklärung" aus einem originellen Blickwinkel. Es handelt von dem radikalen französischen Aufklärungsphilosophen Paul-Henri Thiry d`Holbach (1723-1789). Obwohl der deutschstämmige Baron auch selbst einige konsequent atheistische Bücher schrieb, liegt seine eigentliche Bedeutung darin, dass er über Jahrzehnte hinweg Gastgeber eines einflussreichen Salons in Paris war, in dem sich die gesamte intellektuelle Elite der Aufklärung traf. Die Geschichte dieses Salons, seine Gäste und insbesondere auch Holbachs Freund, der bekannte Philosoph und Herausgeber der Encyclopédie, Denis Diderot (1713-1784), sind die eigentlichen Themen des Buchs. Die Gespräche im Salon, aber auch die Werke von Holbachs Gästen kreisten immer wieder um das Thema "Religion und Aufklärung". Der Leser erhält ein faszinierendes, eine spannendes, ein höchst lebendiges Panorama des damaligen Denkens. Insbesondere die Philosophen Descartes, Spinoza, Hume und Rousseau werden eingehend vorgestellt. Dabei ist es geradezu atemberaubend, wie modern, wie radikal, wie progressiv und wie konsequent naturwissenschaftlich-atheistisch schon damals gedacht wurde! Vieles, was die damaligen Aufklärer dachten und formulierten, wirkt heute noch provozierend und aktuell. Wie klar, wie vorurteilsfrei, wie offen, wie freimütig und wie unerschrocken damals über Gott und die Welt nachgedacht wurde! Unerschrocken vor allem - jede Form von Religionskritik, schon der Besitz eines atheistischen Buchs, konnte damals in Frankreich mit grausamsten Strafen geahndet werden. (Das Buch bringt erschütternde Beispiele.) Hut ab vor Holbach und seinen radikalen Freunden! Alle, die heute für Demokratie, Freiheit, Aufklärung und Menschenrechte kämpfen (und diese Begriffe ernst meinen und sie nicht nur als Parteiparolen missbrauchen), sind ihre intellektuellen Erben.

Zugleich propagierten Holbach und seine Freunde auch Lust, Erotik und Lebensfreude - ein Frontalangriff auf die muffige Sexualmoral der Kirche. Es war, auch das darf man nicht vergessen, die Zeit des Rokkoko. Die "Tugendherrschaft" der Jakobiner war noch weit, in Holbachs Sinne wäre sie kaum gewesen. Mit dem religösen Menschen und Rousseau-Anhänger Robbespierre, der beim "Fest des höchsten Wesens" den Atheismus als Puppe symbolisch verbrennen ließ, hätte Holbach nichts anfangen können.

Das Buch, und deshalb liebe ich es so, ergreift klar Partei. Holbach, der radikalste aller Aufklärer, Anhänger eines mechanistisch-atheistischen Weltbildes, ist nicht nur Hauptperson des Buchs, sondern auch der erklärte Liebling des Autors. Das ganze Buch ist eine einzige Breitseite gegen die Religion, ein permanentes intellektuelles Feuerwerk atheistischer und aufklärerischer Gedanken. Die These des Autors ist: Holbach ist heute weitgehend vergessen, weil er radikaler war als die meisten anderen, radikaler als die gemäßigten, milden Aufklärer Voltaire und Kant, radikaler insbesondere als der Intimfeind des Autors, Jean Jaques Rousseau, dessen unglückliche Veranlagung ihn zu einem menschenfeindlichen, totalitären und letztlich wieder religiösen Weltbild führte. Nach der französischen Revolution war die hohe Zeit von Romantik und Idealismus, aus denen - so die These des Autors - ein bis heute wirksames im Grunde christlich-religiös geprägtes Weltbild entstand. Einem solchen Weltbild kamen die gemäßigten Aufklärer Voltaire und Kant ebenso zupass wie der Vordenker des Totalitarismus Rousseau, während die radikalen Aufklärer wie Holbach ihrer Wiederentdeckung harren.

Doch das Buch sollte man auch deshalb lesen, weil es einfach brillant geschrieben ist. Ich denke, der Stil des Buchs ist eine große Huldigung an die französischen Aufklärer, die ebenso dachten und schrieben: Intellektuell, elegant, witzig, nie trocken und belehrend, sondern immer spannend und fesselnd, dabei auch Klatsch und Tratsch nicht aussparend, nie vergessend, dass auch die größten Geisteshelden Menschen waren. Nimm und lies, es ist ein Genuss!


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