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Rezensionen verfasst von
Christian Johann (Berlin)

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Darwin's Blade
Darwin's Blade
von Dan Simmons
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

3.0 von 5 Sternen Gutachter Dar tut sich schwar, 13. März 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Darwin's Blade (Taschenbuch)
Darwin "Dar" Minor ist Gutachter. Sobald ein Unfall geschieht, dessen Hergang nicht ohne weiteres rekonstruiert werden kann, wird er aus seinem kalifornischen Bett geklingelt. Jet-Turbinen am aufgemotzten Teenager-Flitzer oder erstickte Zoowärter: Dar ist der Sherlock Holmes der Unfallstelle.
Die analytischen Fähigkeiten des brillanten Mannes werden unterstrichen durch seinen guten Autogeschmack, seine schöne Inneneinrichtung und seinen Atombunker unter seiner im Wald versteckten Hütte. Daneben ist der Mann, der seine Familie bei einem tragischen Unfall verlor, auch noch Vietnamveteran und ehemaliger Scharfschütze. Fehlte nur noch, dass er auch wortgewandt und an der griechischen Philosophie der Stoiker interessiert wäre. Was? Ist er auch? Na, dann kann die hübsche Ermittlerin ja kommen, um mit ihm gemeinsam Verbrechen auf- und Betten abzudecken.

Die Machenschaften der klassischen Versicherungsbetrüger und Unfallartisten, die auf Kosten anderer kleine Unfälle verursachen, werden seit einigen Jahren durch organisierte Verbrecherbanden übernommen. Hinter der Fassade des erfolgreichen Anwalts hält ein skrupelloser Möchtegern-Cowboy die Fäden in der Hand. Auch der Tod der Verursacher der fingierten Karambolagen ficht den schlimmen Finger nicht an. Doch es gibt immer einen der besser oder, besser gesagt, schlechter ist. Denn des Schurken Geschäfte werden nun von russischen Killern übernommen, die als erstes gerne Dar um die Ecke bringen würden. Doch der entkommt ihnen mehrmals. Eine Task Force wird installiert, ihre Undercover-Leute massakriert. Maulwürfe werden ent- und Dar getarnt. Und schon steht der ehemalige Scharfschütze wieder im Feld. Die finale Schießerei erinnert an die Höhepunkte in den Reacher-Romanen. Auch Jack schießt schließlich sehr gut, muss sich meist alleine durchschlagen (war wenigstens nicht mehr in Vietnam dabei, wirkt trotzdem alt). Das ist auch bei Simmons alles sehr berechenbar.

Dan Simmons kann Science-Fiction, Grusel, Literaturwissenschaft und auch Thriller, weil er ein Großer unter den Bibliophilen ist. Leider ist das auch der Störfaktor in "Darwin’s Blade". Dar ist zu belesen, der Erzähler streut zu viele zu gescheite, ja selbstverliebte, Nebenkommentare ein. Die Story ist zu schematisch. Die Belehrungen und Erkenntnisse des Protagonisten wirken steril und unpassend. Dars Beruf, die schrulligen seiner Anlagen (wie etwa sein Grammatik-Asperger) und die Charaktere, die im Roman auftauchen – Larry (Verzeihung, Lawrence) und Trudy – sind unverwechselbar und sorgen für Highlights. Das Kapitel mit dem Dschungelrückblick zur Schlacht um Dalat und den vietnamesischen Kernreaktor erinnert, auch wegen ihrer Vergeblichkeit – an die Schlacht bei den Thermopylen (Simmons erwähnt im Nachwort explizit Steven Pressfield, der den maßgeblichen Roman dazu verfasst hat). Mehr davon und eine stärkere Fokussierung auf weniger Charaktere und Nebenschauplätze hätten aus den Komponenten, die für sich genommen stark sind, einen Topthriller gemacht. So bleibt der Eindruck, dass die Komposition nicht stimmt.


Gun Machine
Gun Machine
von Warren Ellis
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,80

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Durchwachsen, 9. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gun Machine (Taschenbuch)
In "Die merkwürdige Geschichte von Davidsons Augen" (zu finden in: Meistererzählungen oder frei im Internet) befindet sich der Körper von Sidney Davidson an einem Ort, während er gleichzeitig mit seinen Augen einen Ort am anderen Ende der Welt sieht. Die grundlegende Idee von "Gun Machine" erinnert an diese Kurzgeschichte von H. G. Wells von 1895.

Allerdings sieht der Mann, der bei Ellis unter ähnlichen Symptomen wie besagter Davidson leidet nicht einen anderen Ort, sondern gleich in eine andere Zeit. Er wähnt sich in der Zeit vor der Eroberung New Yorks durch die Niederländer. Als Ureinwohner vermischen sich für den offenbar Geistesgestörten immer wieder die Bilder des heutigen Manhattan und mit denen seines „Manahatta“. So schwer hat es ihn getroffen, dass er in den vergangenen 20 Jahren unerkannt mehr als 200 Menschen ermordete, dabei einer Clique von machthungrigen Männern half und eine bizarre Waffensammlung anlegte. Letztere findet wiederum der New Yorker Detective John Tallow. Zufällig. Nachdem seinem Partner der Kopf weggeschossen wurde. Von einem benachbarten Wahnsinnigen des eigentlichen Mörders, der seit 20 Jahren das Kriegsbeil in Form berühmter Waffen schwingt.

Nun ist Tallow auf sich allein gestellt, bevor er doch Hilfe von einem autistisch-Big-Bang-Theory-mäßigem Duo aus der Forensikabteilung erhält. Gemeinsam bauen sie clevere Gadgets, führen coole Wortduelle und lassen locker private Sicherheitsdienste kraft ihrer NYPD-Blues-Power erblassen.

Viele Zufälle (Tallow trifft die Frau eines Verschwörers zufällig im Sandwichladen und bleibt mir ihr in Kontakt? Come on!), ein bisschen Glück (der Jäger lässt Tallow mindestens zweimal am Leben) und Cop Voodoo greifen den drei lustigen Zwei dann doch immer im richtigen Moment unter die Arme. Ihr Gegner, den sie lieblos CTS, also Crazier Than S***, taufen, ist zwar so knallhart und unentdeckbar, dass ihn alle fürchten – aber dann im entscheidenden Moment doch nicht zäh genug. Obwohl man das schon nach zwei Dritteln weiß, liest man weiter, weil die Sprüche gut und die Actionsequenzen manierlich sind. Und auch wenn es am Ende nochmal ordentlich wummst, fehlt der große Knall, der den Thriller am Ende auf ein noch höheres Level gehoben hätte.


Gun Machine: Thrilller
Gun Machine: Thrilller
von Warren Ellis
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Durchwachsen, 9. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gun Machine: Thrilller (Taschenbuch)
In „The Remarkable Case of Davidson’s Eyes“ [...] befindet sich der Körper von Sidney Davidson an einem Ort, während er gleichzeitig mit seinen Augen einen Ort am anderen Ende der Welt sieht. Die grundlegende Idee von „The Gun Machine“ erinnert an diese Kurzgeschichte von H. G. Wells von 1895.

Allerdings sieht der Mann, der bei Ellis unter ähnlichen Symptomen wie besagter Davidson leidet nicht einen anderen Ort, sondern gleich in eine andere Zeit. Er wähnt sich in der Zeit vor der Eroberung New Yorks durch die Niederländer. Hier ist die Insel noch von ihrer Natur durchdrungen und nicht zum Großstadtmoloch mutiert. Als Ureinwohner vermischen sich für diesen Geistesgestörten immer wieder die Bilder des heutigen Manhattan und mit denen seines „Manahatta“. So schwer hat es ihn getroffen, dass er in den vergangenen 20 Jahren unerkannt mehr als 200 Menschen ermordete, dabei einer Clique von machthungrigen Männern half und eine bizarre Waffensammlung anlegte. Letztere findet wiederum der New Yorker Detective John Tallow. Zufällig. Nachdem seinem Partner der Kopf weggeschossen wurde. Von einem benachbarten Wahnsinnigen des eigentlichen Mörders, der seit 20 Jahren das Kriegsbeil in Form berühmter Waffen schwingt.

Nun ist Tallow auf sich allein gestellt, bevor er doch Hilfe von einem autistisch-Big-Bang-Theory-mäßigem Duo aus der Forensikabteilung erhält. Gemeinsam bauen sie clevere Gadgets, führen coole Wortduelle und lassen locker private Sicherheitsdienste kraft ihrer NYPD-Blues-Power erblassen.

Viele Zufälle (Tallow trifft die Frau eines Verschwörers zufällig im Sandwichladen und bleibt mir ihr in Kontakt? Come on!), ein bisschen Glück (der Jäger lässt Tallow mindestens zweimal am Leben) und Cop Voodoo greifen den drei lustigen Zwei dann doch immer im richtigen Moment unter die Arme. Ihr Gegner, den sie lieblos CTS, also Crazier Than S*** taufen, ist zwar so knallhart und unentdeckbar, dass ihn alle fürchten – aber dann im entscheidenden Moment doch nicht zäh genug. Obwohl man das schon nach zwei Dritteln weiß, liest man weiter, weil die Sprüche gut und die Actionsequenzen manierlich sind. Und auch wenn es am Ende nochmal ordentlich wummst, fehlt der große Knall, der den Thriller am Ende auf ein noch höheres Level gehoben hätte.


Manhattan: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Manhattan: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Don Winslow
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3.0 von 5 Sternen Reif für die Insel, 5. Februar 2014
Bevor Don Winslow in entlegene Sphären schriftstellerischen Könnens aufstieg, schrieb er handwerlich saubere und ausgefeilte Thriller. Dazu gehört Isle auf Joy.

Walter Withers, ehemaliger Agent der CIA, wohnt wieder in New York City, seiner Stadt. Als Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma wird Withers Ende 1958 vom Strudel aus Mord, Alkohol, FBI, Sex, Jazz, Heroin, Beatnik-Kultur, Lügen und noch mehr Alkohol beinahe in den Hudson gespült.

Als Leibwächter der Senatoren-Gattin Maddy Kenneally a.k.a. Jackie Kennedy gerät er in eine kennedyeske (Jack und Bobby sind unter merkwürdig schamhaft verfremdeten Namen genauso dabei wie Jack Kerouac) Spionage-Affäre. Withers Erlebnisse und Begegnungen wandern auf dem Grat, der Kalter-Krieg-Klischees und gute Thriller trennt. Nicht immer ist Winslow dabei trittfest. Das führt zu Momenten, in denen man nicht sicher sein kann, ob Isle of Joy Hommage, Karikatur oder etwas drittes sein möchte (dass Winslow Hommage im Repertoire hat, bewies er später mit Satori).

Eine Passage ist dem Hobbyzeithistoriker besonders gelungen. Das größte Spiel, das je im American Football gespielt wurde, glorifiziert Winslow in einer packenden Passage. Nur, um es am Ende der Schilderungen brutal zu entzaubern.

Der gute Schluss und die gelungene Auflösung runden einen spannenden Spionagethriller ab. Dieser Prä-Einwortkapitel-Winslow kann klassische Krimis.


Osama
Osama
von Lavie Tidhar
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

4.0 von 5 Sternen Viel Lärm um viel, 29. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Osama (Gebundene Ausgabe)
Joe ist der Protagonist in Lavie Tidhars Roman „Osama“. Er arbeitet als Privatdetektiv in der Hauptstadt von Laos und erhält eines Tages Besuch von einer verzweifelt wirkenden Dame. Wie klassisch. Sie bittet ihn, einen Mann zu finden. Der Mann heißt Mike Longshott und ist der Autor einer Reihe von Schundheftchen. Thema dieser Heftchen sind die Terroranschläge eines Mannes namens Osama bin Laden, dessen Name Joe kein Begriff ist. Und auch Kreditkarten (von der Dame erhält er eine schwarze für die Spesen), scheinen Joe nicht unbekannt aber ungewohnt.

Auch sonst ist in der Welt von Joe vieles anders. Deswegen scheint der Roman eher Science-Fiction als Thriller, aber auch eher eine Pulp noir-Story als eine Paralleluniversen-Geschichte zu sein. Und dann ist da auch noch die Sache mit dem Rauschgift. Verwirrt? Das ändert sich auch während der Lektüre nicht. Erst auf der letzten Seite wartet Tidhar mit einer, dann aber doch recht eindeutigen, Auflösung auf.

In der Welt des Privatdetektivs Joe ist manches anders. Zwar spielt die Geschichte im heute; diverse moderne Technologien sind jedoch nie erfunden worden. Das erfährt der Leser aber nur, weil Joe von iPods und modernen Computern im Delirium träumt. Kennt er sie doch von irgendwo? Außerdem haben mehrere markante Ereignisse und historische Entwicklungen nie stattgefunden. Der Zweite Weltkrieg beendete die Zeit der europäischen Kolonialherren. Der Krieg der Amerikaner in Vietnam brach nie aus. All das erfährt man sehr unaufdringlich und verteilt über den ganzen Roman. Der wiederum entfaltet sich langsam. Joe begibt sich auf die Suche nach dem Autor der Buchreihe über einen Terroristen, der in der Welt dieser Bücher Anschläge auf der ganzen Welt verübt. Denn Joes Welt kennt keinen bin Laden.

Paris, London, New York: Joes Weg führt zu den Schauplätzen der Anschläge von Al-Qaida (wenn sie denn stattgefunden hätten, haha) und damit quer durch die Welt. Die Suche nach dem Autor der Romanfigur wird immer wieder durch die Reise Joes in ein neues Land und durch Textpassagen aus den Büchern unterbrochen. In diesen Passagen werden die Anschläge so geschildert, wie sie in unserer Realität stattgefunden haben. Gleichzeitig trifft Joe, der zahlreiche Züge klassischer Privatschnüffler trägt, immer wieder auf Opiumhöhlen, Verbündete und Gegner. Diese Gegner bemühen sich, Joes Suche zu sabotieren und ihn davon abzuhalten, mehr über den Autor der Osama-Bücher zu erfahren.

Vielleicht muss Tidhars „Osama“ mehrmals gelesen werden. Ganz bestimmt braucht man nach der Lektüre ein bisschen Bedenkzeit um die vielen Aspekte arbeiten zu lassen. Viele kurze Kapitel und einige lange sorgen für Tempowechsel und Brüche. Oft fürchtet man, Details zu verpassen – denn merkwürdig ist die Jagd nach Osama. Die letzten drei Seiten machen aus einem Roman, der schwerer war als erwartet, einen Roman, der mehr zum Träumen einlädt als man erhoffte.


Black Water Transit
Black Water Transit
von Carsten Stroud
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 23,99

4.0 von 5 Sternen Nicht mit Spandau!, 27. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Black Water Transit (Gebundene Ausgabe)
Das schlechteste an Carsten Strouds Roman "Black Water Transit" ist der Nachname seiner Protagonistin. Wieso nennt man eine schwarze, toughe NYPD-Polizistin nach einem Berliner Bezirk, der nichts mit den Five Burroughs gemein hat? Aber von diesem Tiefpunkt geht es nur in eine Richtung. Nach oben.

Jack Vermillion ist Gründer und Besitzer der Transportfirma Black Water Transit. Als er von einem Waffensammler gebeten wird, dessen Sammlung nach Mexiko zu bringen, um sie vor dem Einschmelzen zu schützen, entscheidet sich Vermillion, dem Mann zu helfen. Wenig später trifft er jedoch eine neue Entscheidung, die die Pläne vieler Spieler durcheinander bringt. Das Spiel das im Hintergrund schon vorbereitet worden war, bringt Protagonisten der New Yorker Polizei, der Mafia, der Wall Street und der ATF zusammen. ATF? Ja, man lernt nicht aus. Diese Behörde kümmert sich um Alkohol, Tabak und Waffen. Wem das langsam zu viele Behörden werden, der sollte sich das Massaker zu Gemüte führen, das allein deshalb stattfindet, weil von den beteiligten Ordnungshütern auch kaum jemand den Überblick behalten kann.

Zurück zum Thema. Vermillion wird Opfer einer Intrige, muss fliehen, sich behaupten, sich reinwaschen. Carsten Stroud kannten wir bislang nur aus der Südstaaten-Semi-Horrorgeschichte "Niceville". Hier zeigt er, dass es auch mit handfesteren und realistischeren Themen zu spannenden, wenn auch nicht überragenden Geschichten reicht. Die überzeichneten Charaktere stehen sich meistens selbst im Weg und der Roman erzählt zwei bis drei Geschichten zu viel. Das führt dazu, dass das Ende diese Geschichten zwar auch wirklich abschließt – das jedoch nicht zufriedenstellend. Ein Seitenstrang und zwei Charaktere weniger hätten Wunder gewirkt.

Am Ende ist Stroud jedoch allen ans Herz zu legen, die Wert legen auf gute Action gepaart mit bunten und unterschiedlichen Figuren. Die Recherchen zu "Black Water Transit" brüllen einen an der einen oder anderen Ecke recht barsch an, was viel Spaß macht. Stroud kann man in dieser Hinsicht nichts vorwerfen. Die Verwicklungen sind intelligent, aber nicht zu herausfordernd. Und auch wenn die Spannungsbögen an vier bis fünf Stellen noch besser hätten gebaut werden können, ist "Black Water Transit" ein wirklicher Lesespaß für alle, die sich Doc Kimble gerne mal als cowboyesken und rennwagenfahrenden Transportunternehmer erleben möchten, ein Volltreffer.


The Scarlet Ruse
The Scarlet Ruse
von John D. MacDonald
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,68

4.0 von 5 Sternen Seltenheitswert, 1. November 2013
Rezension bezieht sich auf: The Scarlet Ruse (Taschenbuch)
Hausbootbewohner Travis McGee ist nach längerer Abstinenz wieder als "Sachensucher" in Florida im Einsatz. Sein Freund Meyer vermittelt ihm den Auftrag eines Briefmarkenmaklers. Der Philatelist Fedderman vermutet, dass er betrogen worden sein könnte. Rasch wie so oft gerät McGee tief in die Verwerfungen und Machenschaften verschiedener Interessentengruppen. Auf der Suche nach den verlorenen seltenen Marken Feddermans lernt der Besitzer der Busted Flush Mary Alice kennen.

Typisch für die 21-bändige Reihe mit Travis sind die gesellschaftskritischen Elemente (hier angebracht gegen Veränderung der Stadt, die sich negativ für Hausboote auswirken) und die philosophischen Häppchen ("Today, my friends we each have one day less, every one of us. And joy is the only thing that slows the clock."), die der Protagonist uns auf den Weg gibt. Außergewöhnlich sind das Thema und die Liebesgeschichte, vor denen McGee uns beides verabreicht.

Die Suche nach den verschwundenen Briefmarken ist an vielen Stellen mit zu vielen detaillierten Informationen versehen. Das Hobby ist ein langweiliges, auch wenn die Dinger scheinbar eine der besten Geldanlagen der Welt sind. Die außergewöhnliche Romanze zur außergewöhnlichen Mary Alice ist der zweite Aspekt, der neben den Briefmarken haften bleibt. Die Beziehung der beiden nimmt ernsthafte Züge an. Travis und Mary werden schließlich enger aneinander geschweißt, als man zunächst für möglich hielt.

"The Scarlet Ruse" ist der gute Thriller des sehr guten Autors John D. MacDonald. Er erreicht nicht die Spannung einiger seiner Vorgänger (allen voran The Green Ripper: Introduction by Lee Child: Travis McGee, No.18), schlägt die seiner Mitbewerber im Segment jedoch noch immer um Längen. Dazu trägt auch die Schilderung von Frank Sprenger bei. Jener Sprenger ist es auch dem McGee sich zu Ende einer nervenaufreibenden Flucht stellen muss. Das verflucht gute Ende der Geschichte entschädigt für jede Länge der philatelistischen Schilderungen zuvor.


Never Go Back: A Jack Reacher Novel
Never Go Back: A Jack Reacher Novel
von Lee Child
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Romeo und Julia und Reacher, 16. Oktober 2013
Herbst. Wie jeder weiß, hat diese Jahreszeit ungefähr 400 schöne Seiten. Denn immer im Herbst kommt Reacher. Und wenn Reacher kommt, fallen statt der Blätter Schurken. In „Never Go Back“ gelangt Reacher endlich, endlich, endlich ans Ziel seiner vier Romane dauernden Reise nach Virginia. Hier möchte er Major Susan Turner persönlich treffen. Weil seine Nachfolgerin als Kommandeurin der 110. ihm am Telefon so sympathisch war, hat Reacher keine Mühe gescheut, um den Weg von South Dakota nach Virginia zurückzulegen. Klingt wie die Überschrift nach Liebe, hat aber viel mehr zu bieten, gerade im Gewaltbereich.

Wäre Reachers Flirtmission nicht sowieso mit erheblichen Hindernissen verbunden und würde Reacher diese Hindernisse wie gewohnt mit dem Taktgefühl und der Sensibilität einer Herde Büffel begegnen, wäre Lee Child nicht der Boss im Thrillerbiz. Leider gehört es zu Childs Stärken, alle 30 Seiten eine neue Überraschung explodieren zu lassen. Das macht es schwer, nicht zu spoilern. Was gesagt werden kann, ist dies:

- keine Überraschung an der Kopfnussfront
- nichts Ungewohntes im Bettsportsegment
- große Verblüffung innerhalb der ersten drei Kapitel
- zahlreiche Hillbillys

„Never Go Back“ ist gewohnt gut konstruiert. Leider gehört dazu seit einigen Episoden auch, dass das Ende hinter dem zurückbleibt, was Child noch vor ein paar Jahren abgeliefert hat. Dafür treibt er Reachers Entwicklung hier ein gutes Stück voran und offenbart auch wieder etwas aus der Geschichte des Riesen.

Nach zwei Dritteln der Story war ich sicher, dass sie ein Auf innerhalb der Reihe darstellt. Die Zutaten sind alle da. Zwar ist die Enttäuschung, die das Ende birgt, nicht groß und weltbewegend. Aber sie ist da. Das eigentlich Große an der 2013er Version von Reachers Reise ist, dass Child sie schon zum x-ten Mal erzählt, sich kaum wiederholt (okay, ein Kniff war, dass Turner seine Akte bereits kannte) und immer wieder neue Bilder verwendet und der Geschichte jedes Mal eine neue Nuance gibt. Ein Motto, das sich diese Mal durch das Buch zieht, ist das der fünfzigprozentigen Chance. Seine Möglichkeiten vergleicht „no middle name“, wie Kenner ihn nennen, an mehreren Stellen mit der Chancenverteilung beim Münzwurf. Doch noch bevor man sich darafu einlassen kann, fällt einem ein: „Dies ist das mathematische Element, das in noch keinem Teil der Serie fehlte, ich hab’s durchschaut.“ Und das ist nur spaßfördernd, wenn es die Geheimnisse im Plot betrifft und nicht die Methoden des Autors.

Wenn Childs Romane irgendwann mal alle geschrieben sind und sich Forscher mit ihnen so pedantisch auseinandersetzen wie Reacher mit seinen Fällen, werden sie merken, dass es eigentlich immer nur ein Roman war. Nur eben immer anders erzählt.


Cryptonomicon: Roman
Cryptonomicon: Roman
von Neal Stephenson
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schlüsselroman, 21. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Cryptonomicon: Roman (Taschenbuch)
Neil Stephensons "Cryptonomicon" geht mit fast zwölhundert Seiten an die Grenzen der Fassbarkeit. Einmal, weil das Buch tatsächlich schwer zu halten ist. Andererseits, weil die geschilderten Szenen und Verstrickungen aus dem Zweiten Weltkrieg Abenteuer pur sind und Einblick in eine Welt gewähren, die sonst verborgen bleibt: die Welt der Ver- und vor allem der Entschlüsselung.

In zwei parallel zueinander erzählten Geschichten berichtet Stephenson von mehreren Kriegen, die Teile des Zweiten Weltkriegs waren. Der Krieg im Pazifik, der mit dem Angriff auf Pearl Harbor begann und dem Abwurf der Atombomben auf Japan endete, wird speziell mit Blick auf die Philippinen erzählt. Japaner gegen Amerikaner. Japaner gegen Zivilbevölkerung. Alle gegen die Grausamkeit des Dschungels. Der Krieg der U-Bootfahrer wird erzählt genauso wie der Krieg des Generals Douglas MacArthur. Am wichtigsten aber ist die Geschichte, die dem Roman das Gerüst bietet: Der Krieg der Verschlüsselungsexperten.

Die Geheimdienstleute der Alliierten rund um den, offensichtlich unter dem Asperger-Syndrom leidenden, Waterhouse konstruieren während ihres Krieges gegen die Achsenmächte die ersten Computer. Diese dienen keinem anderen Ziel als die Funksprüche der Feinde zu entschlüsseln. Erst sehr viel später gründen und verkaufen die Nachfahren von Waterhouse im Silicon Valley Soft- und Hardware Firmen wie andere Leute gebrauchte Kinderklamotten.

Die Verbindung zwischen den beiden Geschichten in den vierziger und neunziger Jahren ist das Gold, das die Japaner im Pazifik versteckten, bevor ihr Reich und ihre Herrschaftsansprüche atomisiert wurden.

Die mit Abstand besten Momente des Romans sind die Schilderungen der Erlebnisse des Soldaten Shaftoe. Er ist das Paradebeispiel des amerikanischen Marines. Wie in der Hymne der Marines war er von Guadalcanal bis Afrika und den weiteren Schlachten im Pazifik und der Nordsee an allem beteiligt, was ein Soldat nur sehen konnte. Besonders ein traumatisches Erlebnis vor einer Höhle auf Guadalcanal lässt Shaftoe, der ansonsten jedoch unendlich stoisch und leidensfähig ist, nie wieder los. Mit ihm zeichnnet Stephenson den Prototyp des Marine-Helden ohne dabei die Grenzen zu blindem Pathos und Lobhudelei auch nur zu streifen. Das glückt ihm, weil die lustigsten Episoden des Buches allesamt Shaftoe und dessen trockenem Heldentum zuzuschreiben sind. Ihm ähneln höchstens die Passagen zu Goto Dengo, einer Art japanischem Pendant zu ihm.

In vielen Verstrickungen und mit einem gerade noch so erträglichem Maß an Mathematik und Verschlüsselungstechnik erstehen die Probleme der Kryptographen hier wieder auf. Im Zusammenhang mit den aktuellen Enthüllungen zu den Spionageprogrammen der USA liest sich das Buch wie eine Einleitung. Natürlich will die NSA alles lesen können. Selbstverständlich stellt jedo Form der Codierung, die neu ist, eine Herausforderung dar: einerseits für Theoretiker und Entschlüsseler und andererseits für besorgte Politiker und Militärs.

Wenn an diesem kurzweiligen Roman irgendetwas abfällt, dann die Geschichte, die in den neunuziger Jahren spielt. Vielleicht hätte der Schinken so 400 Seiten schmaler werden können. Trotzdem, "Cryptonomicon" ist ein wunderbarer Roman für alle, die sich für eine neue Sicht auf den Zweiten Weltkrieg, die Frühgeschichte der Computer, die Philippinen und die Start-ups im Silicon Valley interessiert. Mit dem Protagonisten Waterhouse scheint Stephenson außerdem eine Vorlage für Sheldon Cooper aus der Fernsehserie Big Bang Theory geliefert zu haben.


Skinner
Skinner
von Charlie Huston
  Taschenbuch
Preis: EUR 20,32

2.0 von 5 Sternen Huston, Sie haben ein Problem, 18. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Skinner (Taschenbuch)
Charlie Huston ist für mich mit seiner Joe Pitt-Reihe (Already Dead (Joe Pitt)), der Hank Thompson-Trilogie (Caught Stealing: A Novel) und seinen alleinstehenden Romanen (v.a. The Mystic Arts of Erasing All Signs of Death: A Novel) einer der kreativsten Köpfe unter den aktuellen Action- und Thriller-Autoren. Mit seinem neuesten Roman "Skinner" bleibt er leider weit hinter meinen Erwartungen zurück. Die Geschichte ist nicht spannend. Und obwohl die Hintergründe von zwei der Protagonisten originell sind, bleiben die Charaktere erstaunlich flach. Doch gerade das war immer die Stärke von Huston.

In seiner Reise in aktuelle Geheimdienstverschwörungen und globale Verflechtungen von Cyberterroristen begegnet Skinner der "Roboterlady" Jae. Zusammen müssen sie auf der ganzen Welt Angreifern entkommen oder Räder in Bewegung setzen. Dabei werden sie natürlich verfolgt, haben Sex, werden verletzt und töten ihre Verfolger. Das erinnert in vielerlei Hinsicht an Dan Browns "Inferno: (Robert Langdon Book 4)". Dazu passt auch, dass das Thema des Buchs um das gleiche Motiv kreist: Überbevölkerung. Wie werden westliche Gesellschaften in Zukunft damit umgehen und welche "Lösungsvorschläge" kursieren in mysteriösen Zirkeln wie zum Beispiel bei der Bilderberg-Konferenz?

Leider ist die Geschichte vorhersehbar. Leider sind schrecklich viele Rechtschreibfehler (Jae wird mehrmals zu Joe) und Rechercheschwächen (der Imbissverkäufer in Köln fragt allen Ernstes: "Sie okay, fräulein?") zu finden. Was als aussichtsreiche Abrechnung mit der Ignoranz des Westens beginnt und die neuesten technischen Entwicklungen abzubilden scheint, endet als lauwarmer Aufguss von Klischees und einem überhaupt nicht überzeugenden Szenario in den Slums des Subkontinents.

Alles in allem scheint Huston hier wenig Zeit gehabt zu haben. Hoffentlich findet er in seinem nächsten Roman zurück zu seinen klasse Dialogen den vielen facettenreichen Charakteren und zu einer Handlung, die zumindest ein paar Wendungen hat. Skinner ist für mich leider eine Enttäuschung.


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