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Rezensionen verfasst von
M. Knoblach
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Wie viel ist genug?: Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens
Wie viel ist genug?: Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens
von Robert Skidelsky
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Guter, aber noch unvollständiger Ansatz, 13. Dezember 2013
Das Buch startet mit der Betrachtung Keynes Essay "Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder" in welchem er eine Lösung des öknomischen Problems in etwa 100 Jahren in Aussicht stellt. Durch Zuhilfenahme eines durch technischen Fortschritt angetriebenen Kapitalismus sollte es möglich sein, die wöchentliche Arbeitszeit auf lediglich 3 Stunden abzusenken. Das diese Prophezeiung nicht eintrat, liegt nicht zuletzt an Keynes fehlerhafter Annahme einer begrenzten Zahl materieller Bedürfnisse. Er übersah vielmehr, dass mit dem Kapitalismus eine “neue Dynamik der Begierdenerzeugung” einsetzte.

Was die Annahme eines "stationären Zustands" der Entwicklung angeht, so steht Keynes in Tradition klassischer Ökonomen wie Smith, Ricardo und Mill. Angelehnt an das Wertesystem der Renaissance empfand auch er den Zweck der Regierung, die Begierden des Menschen zu nutzen, statt sie als sündig zu verdammen. So müssten im Sinne eines faustischen Handels "Geiz, Wucher und Vorsorge für eine kleine Weile noch unsere Götter sein". Kennzeichnend war der Gedanke, man könne schlechte Motive aufgrund ihrer guten Auswirkungen instrumentalisieren, sie ob ihrer positiven Auswirkungen gutheißen. Viel früher als es Keynes prognostizierte, konstatierte Galbraith mit "Gesellschaft im Überfluss", dass es bereits 1956 an der Zeit sei, das Wachstum abebben zu lassen und sich verstärkt dem guten Leben zu widmen. Die Furcht vor einer kapitalistischen Krise wie sie Marx prophezeite war verschwunden. Jedoch wischt der Kapitalismus den größten Vorzug des Wohlstands hinfort: das Bewusstsein, genug zu haben und verwehrt sich dadurch selbst die Möglichkeit, sich zu etwas Edlerem, Höheren zu entwickeln.

Eine Antwort auf die Frage, was das "gute Leben" denn nun sei, findet sich konkret weder bei Aristoteles, der von einer Lebensweise die "durch ihre Reinheit und Dauer großartige Lust gewährt ist" spricht, noch bei Thomas von Aquin sowie den Philosophen des alten Indiens oder Chinas. Gemeinsam ist ihnen jedoch, die Erkenntnis, dass ein gutes Leben existiert und dass Geld nichts weiter als ein Mittel ist, dieses führen zu können. Einen abrupten Wechsel hin zum plutophilen Menschenbild führte schließlich der Zweiklang aus moderner liberaler Theorie auf der einen und das Vorherrschen eines neoklassischen Paradigmas in der Wirtschaftswissenschaft auf der anderen Seite herbei. Auf der Basis, dem Menschen völlige Entscheidungsfreiheit einzuräumen, lies er beliebig viele Entwürfe des guten Lebens zu, verödete jedoch gänzlich eine entsprechend gastfreundliche Umwelt ein solches jemals zu erreichen.

Noch im 19. Jhd. glaubte man, ganz im Sinne Benthams, erhöhter Reichtum führe zu mehr Glück. Ob jedoch Glücksmaximierung mit reiner Nutzenmaximierung einhergeht, mag die moderne Ökonomie nicht beantworten. Jüngste Entwicklungen innerhalb der Glücksforschung zweifeln diesen Zusammenhang zumindest an und liefern mögliche Erklärungen, warum es trotz Einkommensanstiegs nicht zu einer Erhöhung des Glückslevels kommt. Die Autoren legen jedoch Nahe, die Ergebnisse der Glücksforschung zumindest kritisch zu hinterfragen, da sie durch methodische sowie ethische Probleme beeinflusst sein könnten. Weiter versuchen sie zu zeigen, dass Glück nicht nur eine Abfolge angenehmer Bewusstseinszustände ist, sondern ein Leben, das bestimmte grundlegende menschliche Dinge wie Liebe beinhaltet. Es sei daher falsch, vom Wachstumsstreben zum Streben nach Glück überzugehen.

Wenn schon die Eigenschaft grenzenloser Bedürfnisbefriedigung es nicht schaffe, das Wirtschaftswachstum einzudämmen, so könnten natürliche Grenzen, wie von Malthus oder dem Club of Rome dargelegt dies bewerkstelligen. Das Argument, weniger Wachstum mit der Erderwärmung zu begründen, scheidet nach Ansicht der Autoren jedoch aus. Da die Umweltschutzbewegung eine Glaubenslehre, jedoch kein Wissenschaft sei, werden anschließend die ethischen Wurzeln der Bewegung gesucht. Spätestens mit Lovelocks Werk “Gaias Rache” triumphiere die Wahrsagerei jedoch endgültig über die Naturwissenschaft. Da Harmonie mit der Natur jedoch ein essentieller Bestandteil guten menschlichen Lebens ist, wird abschließend ein alternatives Modell des Umweltschutzes propagiert.

Nachfolgendes Kapitel widmet sich der Beantwortung der Frage, was nun zu einem guten Leben gehört. Obwohl moralische Ansichten grundsätzlich verschieden sein können, gibt es eine Kategorie von Basisgütern oder Grundgütern (im Sinne von Rawls), die universell gelten. Um sich gegen den Vorwurf der Willkür zu wehren, stellen die Autoren zunächst vier Kriterien für die Bestimmung von Basisgütern dar um anschließend eine Liste von sieben dieser basalen Güter aufzuzeigen. Ein Leben, in welchem diese Basisgüter verwirklicht sind, so stellen es die Autoren in Aussicht, sei ein gutes Leben. Die Pluralität der basalen Güter bringt jedoch auch eine gegenläufige Abhängigkeit mit sich. Einseitige Fokussierung auf einzelne Ziele sei demnach zu vermeiden. Abschließend wird dargestellt inwieweit sich die Verwirklichung der Basisgüter innerhalb der letzten Jahrzehnte entwickelte.

Nach der Erfüllung des, durch den Kapitalismus ermöglichten, wirtschaftspolitischen Ziels der Vollbeschäftigung blieb Wirtschaftswachstum in den 1960er-Jahren die einzig verbleibende Perspektive. Das dieses jedoch keinen “stationären Zustand” kennt, wurde bereits in den vorhergehenden Kapiteln dargelegt. Die Autoren stellen sich nun die Frage, welche geistigen, moralischen und politischen Ressourcen noch vorhanden sind, um sich gegen die “Plage der Unersättlichkeit” zu wehren. Als letzte Bastion zur Bewahrung moralischer Grundvorstellungen sehen die Autoren (ausgerechnet) die katholische Kirche an, aber auch den Wirtschaftswissenschaften selbst sprechen sie den Verbleib, wenn auch spärlicher Fragmente alter Moralvorstellungen zu. Das Werk schließt mit der Ausarbeitung politischer Maßnahmen, wie einem Grundeinkommen oder der Einführung einer allgemeinen Konsumsteuer.

Abschließend betrachtet legen die Autoren ein interessantes Werk vor, wenngleich mir die politischen Implikationen zu kurz gegriffen erscheinen. Da ich die Einführung eines (bedingungslosen) Grundeinkommens sowie der anderen vorgeschlagenen politischen Reformen grundsätzlich für interessante Gedankenexperimente halte (abgesehen von der grundsätzlichen Möglichkeit einer Finanzierung), jedoch nicht denke, dass es zumindest in Deutschland in absehbarer Zukunft zu einer Verwirklichung kommt, hätte ich es begrüßt, wenn die Autoren in einem abschließenden Kapitel darauf eingehen, wie man es als Individuum schafft, trotz der Vorherrschaft des “ungezügelten Kapitalismus”, die Versorgung mit Basisgütern besser zu bewerkstelligen. So stellte schon Adam Smith fest, dass “Genügsamkeit” vordergründig von Eigeninteresse getrieben sein sollte.


Der geplünderte Planet: Die Zukunft des Menschen im Zeitalter schwindender Ressourcen
Der geplünderte Planet: Die Zukunft des Menschen im Zeitalter schwindender Ressourcen
von Ugo Bardi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zur Problematik schwindender Ressourcenbestände, 20. September 2013
Bardis Buch "Der geplünderte Planet" stellt den 33. "Bericht an den Club of Rome" dar. Dieser 1968 gegründete Zusammenschluss von Denkern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, verfolgt das Ziel die "gemeinsame Sorge und Verantwortung um bzw. für die Zukunft der Menschheit" sowie die Formung einer Global Society voranzutreiben. Ugo Bardi ist Professor für physikalische Chemie an der Universität in Florenz, Präsident der Association for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO) Italien, sowie Mitglied dessen wissenschaftlichen Komitees.

Einführend zieht Bardi Parallelen zum 1972 von Meadows veröffentlichen Buch "Grenzen des Wachstums". So konstatierte jenes Werk bereits damals, dass eine fortschreitende Verknappung natürlicher Ressourcen unweigerlich zu einer Erhöhung ihrer Förderkosten führt und damit einhergehend einen Begrenzungsfaktor für das Wachstum der Wirtschaft darstellt. In der heutigen Zeit sehen wir uns zudem vor der doppelten Herausforderung von Ressourcenverknappung und Klimawandel.

Im ersten Kapitel geht der Autor zunächst auf die Entstehungsgeschichte der Erde ein. Vorgestellt werden die einzelnen Zeitalter der Erde welche mit dem Anthropozän, also dem Zeitalter, in dem der Mensch als geologischer Faktor eine Rolle spielt schließen. Weiter wird die Entstehung von Erzen als Gaias (Erde als lebender Planet) Gaben beschrieben. Hydrothermale Prozesse als wichtigste Quelle des Mineralvorkommens werden vorgestellt, sowie ein detaillierter Blick auf Erdöl gelegt. Die Darstellung der erdgeschichtlichen Phasen unterstreicht schließlich die faktische Endlichkeit natürlicher Ressourcen.

Im folgenden Kapitel erzählt Bardi die Geschichte des Bergbaus. Beginnend mit der Epoche der Steinzeit, in welcher die Sammlung von durch die Natur an die Oberfläche getragenen Materialien beschränkt ist, führt der Autor auf, wie im Laufe der Zeit die verschiedensten Metalle erschlossen wurden. So führte der Weg der Erschließung über Gold, Kupfer, Bronze, Blei und Quecksilber bis hin zu Eisen, das bis heute am meisten gebrauchte Metall. Im Mittelalter brachte zum einen die Entdeckung des Schwarzpulvers, die Entdeckung Amerikas, sowie Erkenntnisse im Bereich der Chemie neue Impulse für den Bergbau. Diese erfolgten in Form einer Ausbeutung unberührter Regionen, als auch die Entdeckung neuer Elemente. Um die Mitte des 19. Jhd. folgte schließlich die Entdeckung und Erschließung fossiler Brennstoffe, welche Großbritannien zur ersten Industriellen Revolution verhalf. In den 1960er Jahren überflügelte schließlich Erdöl die Kohle als tragende Energiequelle der Wirtschaft. Erste Einwände bezüglich der Endlichkeit des Erdöls (Hubbert-Modell, Peak Oil) folgten. Abschließend wirft der Autor einen Blick auf Erdgas als auch Uran.

Das dritte Kapitel beschreibt den Verlauf der Geschichte als einen Übergang von auf Bodenschätzen gegründeter Weltreiche. So benötigte der Übergang einer Gesellschaft von Jägern und Sammlern hin zur Agrargesellschaft ein System zur Erfassung von Kredit und Schuld. Metalle etablierten sich ab dem 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zunehmend als Währungen. Damit einhergehend kam es zwischen unterschiedlichen Zivilisationen erstmals zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Entstehung und Ausbreitung der meisten historischen Reiche ist laut Bardi eng mit der Verfügungsgewalt über Edelmetallbergwerke verbunden. Exemplarisch setzt er den Aufstieg und Niedergang des Römischen Reiches in Beziehung zum verfügbaren Goldbestand. Ab dem Mittelalter waren erstmals bedeutende Reiche nicht auf militärische Gewalt, sondern auf wirtschaftliche Macht gebaut. Die Weltmachtstellung Großbritanniens (auf Kohle basierend) und der USA (auf Erdöl basierend) wird aufgezeigt. Jüngste Entwicklungen (Golfkrieg, Irakkrieg, etc.) gelten laut Bardi als Beleg für das Bedürfnis der USA, ihre auf Erdölressourcen aufgebaute Vormachtstellung zu erhalten bzw. zu sichern.

Kapitel 4 beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Mineralgewinnung und der dafür benötigten Energiebereitstellung. Der Autor stellt exemplarisch den Sektor der Stahlproduktion vor, welcher bereits 5 Prozent der globalen Energieerzeugung beansprucht. Allgemein ist der Trend zu beobachten, dass hochgradige Erze zunehmend erschöpft sind und demnach auf geringhaltige zurückgegriffen werden muss. Dies führt, so Bardi zu einem zunehmenden Energiebedarf um zumindest aktuelle Abbaumengen konstant zu halten. Weiter werden als alternative Energiequellen der Mineralabbau in Ozeanen (Meeresboden und im Wasser gelöste Ionen), die Herstellung mittels atomarer Reaktionen sowie der Mineralabbau im Sonnensystem beschrieben. Als grundlegenden Fehler in der Diskussion schwindender Ressourcen sieht Bardi die Tatsache an, dass Fragen der Verfügbarkeit in den Vordergrund der Betrachtung gestellt werden. Damit verbundene Fragen der Energiekosten werden jedoch fälschlicherweise vernachlässigt.

Anhand des Beispiels des Walfangs ab dem Jahre 1810 zeigt Bardi im nachfolgenden Kapitel, dass die Ausbeutung durch den Menschen auch zur Zerstörung erneuerbarer Ressourcen führen kann. In vielen Fällen weist die Produktionskurve eine glockenförmige und symmetrische Gestalt auf. Weiter gibt Bardi einen kurzen Überblick über ökonomische Theorien, die sich mit dem Thema der Ressourcenknappheit beschäftigen. Betrachtet werden Stanley Jevons "The Coal Question" sowie die Hottelling-Regel und Solows Modell der Totalen Faktorproduktivität. Allen diesen Modellen ist gemein, dass sie oft nicht den beobachteten glockenförmigen Produktionsverlauf erzeugen. Besser geeignet sei in manchen Fällen eine Adaption solcher Modelle, die zur Beschreibung biologischer Populationen entwickelt wurden, wie beispielsweise das Modell von Garrett Hardin. Das Lotka-Volterra-Modell biologischer Systeme wird hierbei auf den Ressourcenabbau angewandt. Zum Abschluss des Kapitels werden nochmals kurz die Auswirkungen der Ressourcenverknappung auf die Gesamtwirtschaft angerissen, sowie eine mögliche Abschwächung durch Backstop-Technologien am Beispiel der Ölkrise (1973) diskutiert.

Im sechsten Kapitel befasst sich der Autor zunächst mit einigen schädlichen Auswirkungen des Ressourcenabbaus. Exemplarisch stellt er das Schicksal der Bergleute in den Schwefelminen auf Sizilien dar. Weiter beschreibt er das Problem des Abraums, welcher häufig zusätzlich mit Chemikalien verschmutzt ist, sowie das "Mountaintop Removal", also das Abtragen ganzer Bergkuppen. Weiter beschreibt Bardi das Problem des Abfalls, der aus mit den Ressourcen produzierten Gütern und der damit einhergehenden Umweltverschmutzung, also der aktiv schädigenden Wirkung, die bestimmte Stoffe für die Natur haben, entsteht. Das Problem der Verschmutzung durch Schwermetalle wird am Beispiel Quecksilber diskutiert. Auch wird die Problematik einer zunehmenden Emission von Treibhausgasen aus der Verbrennung fossiler Energieträger angesprochen.

Im letzten Kapitel stellt der Autor die sogenannte Red-Queen-Hypothese. Aufgezeigt werden weiter drei Vorgehensweisen, um die Abhängigkeit vom Bergbau zu verringern und Auswirkungen auf das Ökosystem zu reduzieren, gleichzeitig jedoch eine funktionierende Industriegesellschaft aufrechtzuerhalten. So bietet sich die Substitution von zur Neige gehenden Ressourcen an, die Wiederverwertung und Wiederverwendung sowie Möglichkeiten zur Anpassung an die Ressourcenknappheit oder Effizienzsteigerungen. Abschließend wagt Bardi einen Ausblick, wie die zukünftige Welt im Klammergriff zwischen Klimawandel und Ressourcenerschöpfung" aussehen könnte.
Langer Rede kurzer Sinn: Mit seinem Buch Der geplünderte Planet" gibt Bardi einen umfassenden, realistischen, sowie auch für den Laien verständlichen Einblick in die Problematik einer zunehmenden Ressourcenerschöpfung.


Der Hinduismus: Eine kleine Einführung
Der Hinduismus: Eine kleine Einführung
von Kim Knott
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lesenswerte Einführung zum Hinduismus, 30. Juni 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Trotz seiner Kürze von knapp 170 Seiten gibt das Werk von Kim Knott einen durchaus umfassenden Einblick in den Hinduismus. Behandelt werden die wichtigsten und vor allem für westliche Leser interessanten Aspekte und Themen des Hinduismus. Lediglich die im dritten Kapitel aufgeführten Fragen über das Selbst scheinen mir etwas zu kurz gehalten, was jedoch durch die Tatsache einer „kleinen Einführung“ gerechtfertigt ist. Hierfür erhoffe ich mir durch Stephan Schlensogs Werk (Der Hinduismus) weitere Klärung.

Das erste Kapitel geht der Frage nach, inwieweit sich die Motive und Schlussfolgerungen von gläubigen, praktizierenden Hindus und Wissenschaftlern unterscheiden. Hierbei wird sowohl auf die grundsätzliche Intention dieser beiden Gruppen eingegangen, als auch auf die Frage in welchem Ausmaß unterschiedliche persönliche Grundhaltungen einen Einfluss auf die Forschungsarbeit haben. Diese nicht nur in der Indologie anzutreffenden Differenzen werden nachfolgend anhand von drei Beispielen dargestellt. Hierbei wird auf die frühe indische Geschichte (beispielsweise die Vorstellung einer großen arischen Rasse durch Hindu-Nationalisten gegenüber der Anschauung von Buddhisten, Sikhs oder Jainas), die Interpretation der heiligen Schriften sowie die Debatte über Hindu-Praktiken hingewiesen.

Im zweiten Kapitel wird zunächst die Rolle mündlicher Überlieferungen zur Weitergabe der Hindu-Lehren beschrieben, sowie auf Schankara-achraya, die religiösen Führer (Brahmanen und Gurus) eingegangen. Die grundlegenden heiligen Schriften des Hinduismus können in zwei Gruppen eingeteilt werden. Veden und Upanischaden bilden die Schruti-Literatur, von der es heißt, sie sei göttlich offenbart. Die Epen, Puranas und Sutras hingegen werden von Weisen gelehrt und von ihren Schülern erinnert (smriti). Die Brahmanen dienen weiter als Sprachrohr der in obigen Texten verkündeten Wahrheiten und der Überlieferung des rituellen Wissens. Demgegenüber dienen die Gurus der Überlieferung des spirituellen Wissens. Hierbei liegt der Schlüssel zur Autorität des Gurus eher in seinem Charisma, denn in der formalen Schulung oder der Tugend. Vielmehr geht es um das Wissen, das in eigener spiritueller Erfahrung erworben wurde.

Nachfolgend wird auf die Anschauung über das Göttliche und dessen Beziehung zum menschlichen Selbst eingegangen. Eine mögliche Antwort auf die Frage "Was ist das Selbst" wird anhand der Vorstellungen dreier Philosophen-Theologen (Schankara, Ramanuja und Madhva) geliefert. Deren Ansichten beziehen sich auf unterschiedliche Interpretationen der vedanta, einem philosophischen System, in dessen Mittelpunkt das Studium der vedischen Texte über das höchste Sein oder die Allseele (brahman) steht. Das höchste Sein war für Schankara identisch mit dem Selbst. Jedoch entgegnet Ramanuja, dass unsere feste Überzeugung, voneinander und von Gott verschieden zu sein nicht falsch sein kann. Madhvas Interpretation schließlich fordert eine vollständige Trennung zwischen Gott und dem Selbst. Entgegen dieser noch heute vorhandenen Unterschiede über die Auffassung der Dualität bzw. Nicht-Dualität des Seins spiegelt der Glaube an das karma eine Gemeinsamkeit aller Hindus wieder. So beeinflusst die Qualität unseres Handelns (karma) durch eine Kette von Ursachen und Wirkungen den Kreislauf der Wiedergeburten. Weiter solle man sich jedoch nicht im Selbst begnügen, sondern alle Handlungen und ihre Früchte Gott als Opfer darbringen (karma yoga).

Im vierten Kapitel wird auf eine von Valmikis Version der Ramayana eingegangen - ein indisches Nationalepos um Prinz Rama. Als Gemeinsamkeit der unterschiedlichen Interpretationen nennt der Autor das zentrale Element des dharma. Unter diesem versteht man die Welt- und gesellschaftliche Ordnung, das Gesetz, die Pflicht und die Wahrheit. Unter diesen Gesichtspunkten erscheint das Ramayana mehr als eine Studie über das Königtum aber auch über menschliche Rollen und Beziehungen, die auf Wahrhaftigkeit und Gehorsam beruhen. Dies wiederum spiegelt die in der Hindu-Nation vorherrschenden Meinung dass die Notwendigkeit der richtigen gesellschaftlichen Ordnung über dem Wunsch des Individuums stehe. Eine alternative Interpretation der gesellschaftlichen Rolle der Frau verkörpert durch Durga wird in der Schrift des Devi-Mahatmya vorgestellt.

Weiter wird auf die Gegenwart des Göttlichen im alltäglichen Leben eingegangen. Hierbei wird zunächst zwischen Statuen und Ikonen (murtis) unterschieden. So glauben Hindus, dass sich der entsprechende Gott oder die Göttin in der Ikone manifestiert haben und daher versorgt und wie ein Gast bedient und liebevoll umsorgt werden soll. Auch geht der Autor auf die Frage ein, ob es sich beim Hinduismus ob der Vielzahl an unterschiedlichen Göttern um eine polytheistische oder monotheistische Religion handelt. Eine mögliche Antwort hierauf liefern die Upanischaden. Diese lassen erkennen, dass zwischen der Vielheit und der einen Gottheit eine Verbindung existiert. Abschließend wird sowohl die Verehrung der Gottheit im Tempel als auch auf den Gottesdienst im religiösen Leben der Gemeinschaft (am Beispiel der ISKCON, einer Gemeinschaft von Krischna-Jüngern) eingegangen.

Das sechste Kapitel geht der Frage nach, wie sich die Präsenz anderer Kulturen auf die Religion der Hindus auswirkte, insbesondere der britische Kolonialismus. So wird aufgezeigt, inwieweit sich das Bild des Westens über den Hinduismus mit der Zeit wandelte, aber auch welchen Einfluss Christentum als auch Islam nahmen. Viele der Hindu-Initiativen des 19. Jhd. waren demnach in der einen oder anderen Form von westlicher Kultur und christlichen Werten geprägt. Der "Pizza-Effekt" beschreibt weiter, wie im Westen gereifte Vorstellungen über den Hinduismus nach Indien zurückkehrten und dort wiederum die Hindus beeinflusste.

Nachfolgendes Kapitel geht auf die soziale Rolle der Frauen und dalits (Unberührbare) im Hinduismus ein, sowie auf den Wandel innerhalb der vergangenen 200 Jahre. Frauen aus der Mittelschicht nahmen bereits seit den 1880er Jahren zunehmend sowohl am Erwerbsleben wie der Reformbewegung teil. Als "Mütter der Nation" forderten sie vor allem einen besseren Zugang zum Bildungssystem. Doch obwohl im Zuge der indischen Unabhängigkeit eine Rechtsgleichheit in der Verfassung garantiert wurde, erwies es sich als schwierig, diese gegenüber religiöser und sozialer Tradition und der Macht eingewurzelter Interessen durchzusetzen. Dies gilt ebenso bezüglich der Kaste(n) der Unberührbaren. Für dalits kam es vielfach zu einer Abkehr vom Hinduismus und die Annahme einer neuen Religion, welche rechtliche Gleichstellung und Befreiung von sozialer Unterdrückung versprach.

Das achte Kapitel beschäftigt sich mit der Verbreitung des Hinduismus außerhalb Indiens. Verbunden ist dies mit der Frage, ob es sich beim Hinduismus um eine ethnische Religion handelt, also als Religion eines besonderen Volkes, die mit dessen Land und Ort verknüpft ist. Ursachen der Ausbreitung waren zum einen die von Geschäftsleuten unternommenen Reisen jenseits des "schwarzen Wassers" oder die Reisen von Brahmanen auf Einladung ausländischer Herrscher. Aber auch die Interessen des Westens an Aspekten der hinduistischen Spiritualität führten zu einer Verbreitung des Hinduismus über die Landesgrenzen hinweg. Letzters entfacht bis heute unter Hindus Debatten über das Wesen des Hinduismus und seine Grenzen, wobei der Autor versucht einige dieser Aspekte zu behandeln.

Abschließend geht Knott auf die Problematik ein, eine einfache, pauschale Definition des Hinduismus zu geben. So bestehen einige Gemeinsamkeiten bezüglich zentraler Elemente des Christentums (als Messlatte, ob sich andere „Erscheinungen“ als Religion bezeichnen dürfen), wie heilige Schriften oder Institutionen. Falls der Hinduismus überhaupt eine Religion ist, so ist er jedoch von der christlichen sehr verschieden. Vielmehr sei der Hinduismus eine Art "Lebensform", eine Vernetzung mit allen anderen Aspekten menschlichen Lebens. Bei der Vielzahl an Bewegungen, Strömungen und Praktiken lässt sich jedoch sinnvoller von einem Plural "Hinduismen" sprechen. So wie die Rolle und Symbolik der Kuh als "Mutter der Nation" unterlag und unterliegt auch der Hinduismus einem stetigen Wandel. Der religiöse Wandel ist demgemäß ebenso ein Teil des Hinduismus, wie die Kontinuität von Traditionen.


Gerechtigkeit: Wie wir das Richtige tun
Gerechtigkeit: Wie wir das Richtige tun
von Michael J. Sandel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Einführung in unterschiedliche Theorien der Gerechtigkeit, 10. Juni 2013
In vielerlei Hinsicht werden Gerechtigkeitsfragen in volkswirtschaftlichen Vorlesungen lediglich mit der Krümmung der sozialen Wohlfahrtsfunktion beantwortet. Ich habe mir Sandels Buch über Gerechtigkeit aus dem Grunde besorgt, ein wenig mehr Substanz hinter die zentralen Begriffe und Theorien der Gerechtigkeit zu verschaffen.

Das Buch beginnt mit einer Debatte über Preistreiberei, ausgelöst durch den Hurrikan Charley im Sommer 2004. Anhand dieses Beispiels versucht der Autor, sich dem Begriff der Gerechtigkeit zu nähern, wobei ein staatlicher Eingriff diskutiert wird, mit dessen Hilfe die Tugenden der Bürger gefördert werden sollen. Um einen Einstieg in die Thematik zu erhalten, wird weiterhin das Problem der Bankenrettung als auch die Verleihung des Purple Heart diskutiert. Das erste Kapitel stellt zudem drei mögliche Annäherungen an Gerechtigkeit vor, die nachfolgend eingehend behandelt werden: das allgemeine Wohl, die Freiheit sowie die Tugend.

Kapitel 2 stellt die Idee John Benthams vor: den Utilitarismus. Dieser verfolgt, verbunden mit dem Glauben, materieller Wohlstand würde unser Leben entscheidend verbessern, als oberstes Prinzip der Moral, das Glück der Bürger zu maximieren. Behandelt werden weiterhin zwei nahe liegende Einwände gegenüber dem Utilitarismus: Die Verletzung der Rechte des Einzelnen, sowie die pauschale Bewertung von Lust und Unlust anhand des Nutzens. Die bestehenden Einwände versucht später John Stuart Mill zu beseitigen, indem er aufzeigt, dass Utilitaristen höhere Freuden von niedrigeren Freuden unterscheiden können.

Liese sich mit Hilfe des Utilitarismus eine radikale Umverteilung des Reichtums zur Nutzenmaximierung begründen, so richten sich die Libertarianer im Namen der Freiheit gegen eine solche Umverteilung. Weiter verwerfen sie den Paternalismus als auch die Vorstellung, durch gesetzlichen Zwang Tugendvorstellungen zu fördern. Libertarianische Ideen fanden vor allem durch Hayek und Friedman Verbreitung und wurden während der Reagan-Thatcher-Ära angewandt. Weiter wird die Rolle des Selbsteigentums an mehreren Beispielen behandelt. Der damit verbundene Freiheitsgedanke mache den Libertarianismus auch für jene Menschen interessant, die den Wohlfahrtsstaat schätzen.
Gegenüber der im Kapitel 3 eingeführten Marktfreiheit, argumentieren Marktskeptiker im vierten Kapitel, Marktentscheidungen seien nicht immer so frei, wie sie zunächst scheinen. Das Problem eines Militärs wird nachfolgend anhand dreier möglicher Systeme diskutiert. Der Einstimmigkeit des Utilitarismus als auch des Libertarianismus bezüglich einer Freiwilligenarmee begegnet Sandel mit einigen Einwänden wie Fairness und Freiheit als auch der staatsbürgerlichen Tugend. Weiter wird das Thema der Leihmutterschaft behandelt und mit dem Gerechtigkeitsgedanken in Beziehung gesetzt.

Der Autor versucht im fünften Kapitel eine Antwort auf die Frage zu finden: Falls Rechte nicht auf dem Nutzen beruhen, was ist dann ihre moralische Grundlage? Hierzu gibt Immanuel Kant in seiner "Kritik der reinen Vernunft" eine alternative Erklärung für unsere Rechte und Pflichten. Kants "Grundlegung" lieferte hierbei eine vernichtende Kritik an den eingangs vorgestellten Utilitarismus: "Wenn wir wie die Tiere nach Lust streben und Unlust vermeiden, handeln wir nicht wirklich frei, sondern als Sklaven unserer Begierden und Wünsche." Aufbauend auf diese Kritik stellt der Autor Kants Prinzip der Selbstbestimmung vor, sowie den bekannten kategorischen Imperativ. Erst dieser komme als Grundlage der Moral in Frage. Auch Kants Gedanken werden zum Abschluss des Kapitels in mehreren Beispielen angewandt.

Weiter führt der Autor im sechsten Kapitel John Rawls Überlegungen über einen Gesellschaftsvertrag ein, welcher unter einem Schleier des Nichtwissens abgeschlossen wird. Da niemand über eine überlegene Verhandlungsposition verfüge, so Rawls Argumentation, wären die Grundsätze auf die wir uns einigen gerecht. Aus diesem hypothetischen Vertrag würden zwei Prinzipien der Gerechtigkeit hervorgehen: gleiche Grundfreiheiten für alle Bürger, sowie soziale und wirtschaftliche Gleichheit. Unter dem Schleier des Nichtwissens abgeschlossene Verträge seien die reine Form eines perfekten Vertrages und damit moralisch am stärksten. Abschließend führt Sandel fehlende Anreize sowie Anstrengungen als Einwände auf.

Kapitel 7 geht der Frage nach, ob es ungerecht ist, Rasse und Ethnie als Faktoren bei der Einstellung oder der Universitätszulassung heranzuziehen. Diese Grundfrage sowie damit verbundene Vorteile werden anhand zahlreicher Beispiele diskutiert. Bereits in diesem Kapitel wird exemplarisch eine Bestimmung des Zwecks (Thelos) einer Universität versucht.

Diese Bestimmung des Zweckes einer Bildungseinrichtung dient als Einleitung für die Gerechtigkeitsvorstellung Aristoteles. Im Zentrum seiner Gerechtigkeitstheorie stehen die beiden Ideen, dass Gerechtigkeit teleologisch ist, also an einen Zweck gebunden sein soll, sowie dass Gerechtigkeit mit Ehre in Verbindung stehe. Für eine gerechte Verteilung eines Gutes ist es demnach notwendig, nach dem Zweck des Gutes zu fragen. Auch wird Aristoteles Vorstellung über die Politik eingeführt, deren höchstes Ziel es sein solle, die Tugend der Bürger zu fördern. Jene moralische Erziehung befasse sich jedoch weniger damit Regeln zu erlassen, sondern den Charakter zu bilden und Gewohnheiten zu formen (entgegen Rawls als auch dem Utilitarismus).

Das neunte Kapitel behandelt eingangs die Frage, ob sich ein Land für eine historische Ungerechtigkeit entschuldigen solle. Sandel führt hierbei die Idee des "moralischen Individualismus" ein, wonach wir nur Verpflichtungen unterworfen sind, die wir freiwillig eingehen. Auf Grundlage obiger Ausgangsfrage werden die bereits vorgestellten Ideologien gegeneinander abgewogen. Laut MacIntyre lässt sich jedoch das Selbst nicht von seinen sozialen und historischen Rollen lösen. Dies widerspricht einem frei entscheidenden, unbefangenem Individuum. Vielmehr ergeben sich drei Kategorien moralischer Verantwortlichkeit: natürliche Pflichten, freiwillige Verpflichtungen und Verpflichtungen aus Solidarität. Diese Kategorien versucht der Autor wieder anhand mehrerer Beispiele zu erklären.

Das abschließende Kapitel geht schließlich der Frage nach, warum unsere persönlichen moralischen und religiösen Überzeugungen in der öffentlichen Erörterung von Gerechtigkeit und Rechten nicht zum Tragen kommen sollten. Gemäß Rawls stelle dies einen "vernünftigen Pluralismus" dar bzw. entspräche dem "Ideal liberaler Neutralität".

Der Autor führt anhand vieler Beispiele auf interessante und kurzweilige Art und Weise in verschiedene Theorien der Gerechtigkeit ein. Sandel selbst vertritt hierbei den Ansatz, es gehöre zur Gerechtigkeit, Tugend zu kultivieren und über das Gemeinwohl nachzudenken. Die verschiedenen Denkschulen wie Utilitarismus, Rawls Gedanken über einen hypothetischen Gesellschaftsvertrag als auch die Argumentationen des Libertarianismus werden ausführlich behandelt und gegeneinander abgewogen. Was bleibt ist die Gewissheit, dass es eine allgemeingültige Aussage darüber, was Gerechtigkeit bedeute nicht gibt. Vielmehr liefert das Buch Gedanken und Anregungen, die es gilt zu einer eigenen Beantwortung heranzuziehen.


Der Kurier des Zaren
Der Kurier des Zaren
von Jules Verne
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

5.0 von 5 Sternen Gen Osten ins ferne Sibieren, 3. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Kurier des Zaren (Taschenbuch)
Das kaiserliche Russland des 19. Jahrhunderts: Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, am einzigen Abfluss des fernen Baikalsees - der Angara - gelegen, ist telegraphisch nicht mehr zu erreichen. Über die Stadt Tomsk hinaus sind alle Drahtleitungen durchschnitten. Wichtige Ereignisse bahnen sich jenseits des Urals an. Eine furchtbare Invasion droht die sibirischen Provinzen der russischen Autonomie zu entziehen. Tataren reiten mordend und plündernd durch die sibirische Steppe. Der Verräter Iwan Ogareff, ehemaliger Offizier am Hof des Zaren und nun Verbündeter der Tataren, sinnt Rache dem Großfürsten - welcher der Bruder des Zaren ist - gegenüber. Auch heckt er einen Plan aus, den Tataren die Stadt Irkutsk auszuliefern.

Im 5000 Kilometer entfernten Moskau beschließt der Zar zusammen mit seinem getreuen General Kissoff, einen Boten mit einer Warnung in das ferne Sibirien auszusenden. Die Wahl fällt auf Michael Strogoff, Kapitän bei den Kurieren des Zaren. Dieser soll inkognito, in der Rolle eines einfachen Kaufmanns verkleidet, dem Großfürsten eine Botschaft überbringen. Nur mit Hilfe dieser kann Irkutsk noch vor der sich ausstreckenden, greifenden Hand der Tataren bewahrt werden.

So macht der Held sich auf gen Osten - auf Gleißen, zu Wasser, zu Fuß oder mit dem Teleg oder Tarantaß. Es treibt ihn über die wetterumtobten Gipfel des Ural, lässt ihn mit wilden Bären kämpfen, führt ihn durch die wildesten Gewässer, durch mückenverseuchte Sümpfe bis zu den Ufern des Baikalsees. Wird es der Kurier des Zaren auf seiner gefahrvollen Reise schaffen, den Fängen seiner Häscher, den Tataren auszuweichen? Doch welche Rolle spielt hierbei das junge Mädchen Nadia, welches im Bahnhofe zu Wladimir den Weg des Abgesandten kreuzt? Was hat es mit den beiden Reportern auf sich, einer aus England, einer aus Frankreich stammend? Wird die scheinbar zufällige Begegnung mit der tückischen Zigeunerin Sangarre eine Rolle für den weiteren Verlauf der Reise spielen? Oh, wird die zaristische Nachricht jemals nach Irkutsk gelangen?

Das 1876 erstmals erschienene Werk kann man meiner Meinung nach, als eines der besten Werke Jules Vernes bezeichnen. Wie auch schon beispielsweise in seinem Werk "Reise um die Erde in 80 Tagen" schafft es Jules Verne auch hier, einen fast bis zur letzen Seite ansteigenden Spannungsbogen zu erzeugen. Anders als viele seiner weiteren Bücher, ist der "Kurier des Zaren" jedoch weitaus lebendiger, ausgeschmückter oder verspielter und weniger technisch, schemenhaft ausgestaltet. So folgt man Michael Strogoff beim Lesen als stiller Begleiter, schippert mit ihm zusammen auf den Wogen der Wolga stromabwärts, marschiert durch die endlosen Weiten der sibirischen Steppen und lässt sich an Strogoffs statt von vertrauter Hand gen Osten führen.


Maisbier & Buttertee - Leben und Überleben in China
Maisbier & Buttertee - Leben und Überleben in China
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen China kreuz und quer, 30. März 2013
Das Buch handelt von Tanja sowie ihrem Reisebegleiter Geralf, die zusammen eine zweijährige Weltreise unternahmen und ihre Erlebnisse aus dem Reich der Mitte schildern. Gleich zu Beginn verweisen sie auf die Besonderheit des individuellen Reisens, die damit verbundene Langsamkeit sowie die vielen Begegnungen auf ihrem Weg, welche ihnen besonders in Erinnerung blieben.

Es werden die sprachlichen Barrieren beschrieben, die eine Reise nach China mit sich bringt. Ein Land in dem Englisch sprechende Menschen noch eher die Ausnahme sind und Schriftzeichen als auch Sprache von Europäern quasi überhaupt nicht gedeutet werden können. In Peking können die beiden Reisenden einem Punkkonzert beiwohnen und Kontakte mit der dortigen Szene knüpfen. Wohl jeder Individualreisende kann die Strapazen einer Reise durch China mit Bus und Bahn nachempfinden, den Lärm und Gestank in Schlafbussen und -bahnen beim Lesen nacherleben. Natürlich darf eine Beschreibung der kulinarischen "Köstlichkeiten" welche das Land zu bieten hat nicht zu kurz kommen. Zahlreiche Bilder vermitteln dem Leser zusätzlich einen Einblick in die teilweise gewöhnungsbedürftige chinesische Kochkunst. Zwischen den Beschreibungen alltäglicher Probleme einer Chinareise fließen jedoch auch mehrere Beschreibungen der von den Autoren besuchten Reiseziele in das Buch mit ein. Besucht haben die beiden unter anderem die Hakku-Rundhäuser im Örtchen Gaotou, sie wohnten dem Eislaternenfest im Zhaolin-Park in Harbin bei oder statteten dem "Großem Buddha" in der Millionenstadt Leshan einen Besuch ab.

Die Auffassung der Autoren, dass gerade die Begegnung mit den Menschen eines Landes zu den erinnerungswertesten Dingen einer Asienreise gehören, teile ich gerne. Auch auf meiner Reise nach China waren es genau jene gesellige Zusammenkommen, die mir bleibend im Gedächtnis haften. Über die Punk und Oi Szene in China hätte ich gerne mehr gelesen. Hier war es schade, dass sich dieser Teil des Buches lediglich über ein kurzes Kapitel erstreckte. Aber auch bei den anderen Passagen der Reise hätte ich gerne eine etwas ausführlichere Beschreibung gelesen. Alles in allem bildet das Büchlein eine kurze, aber nichtsdestotrotz lesenswerte Beschreibung einer individuellen China-Erkundung.


Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt
Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt
von Richard H. Thaler
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

3.0 von 5 Sternen Ein Schubs in die richtige Richtung?, 19. März 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
In einem einleitenden Kapitel wird zunächst anhand eines Beispiels das Prinzip des "Nudge" beschrieben. Ein Nudge ist demnach ein kleiner unmerklicher Schubser in die richtige Richtung. Weiter stellen die Autoren ihr Konzept eines "libertären Paternalismus" vor, welches zum einen auf konsequenter Entscheidungsfreiheit beruht, andererseits versucht, das Verhalten der Menschen (Humans) bestmöglich zu beeinflussen.

Teil 1 des Buches handelt von den rationalen Econs und den Humans. Ein Begriffssystem, welches auch Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken aufgegriffen hat. Die Autoren beschreiben zwei Arten des Denkens. Zum einen das intuitiv-automatische, als auch das reflektierend-rationale System. Anhand etlicher Beispiele (z. B. Verankerungen, Verfügbarkeit von Informationen, Trägheit und Framing-Effekte) werden die systematischen Verzerrungen verdeutlicht, mit denen das erste System behaftet ist. Jene Verzerrungen erlauben schließlich die Empfänglichkeit für Nudges. Weiter stellen die Autoren Methoden vor, wie der langfristige Planer den kurzfristigen Macher überlisten kann, beispielsweise durch die Einrichtung mentaler (oder tatsächlicher) Konten. Auch wird gezeigt, welchen Einfluss sozialer Druck auf die Entscheidungsfindung (angeblich rationaler) Individuen haben kann. Darauf aufbauend werden Möglichkeiten sozialer Einflussnahme aufgezeigt. Situationen in denen Menschen besonders empfänglich für Nudges sind wären beispielsweise Entscheidungen, die schwierig und selten zu treffen sind.

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit dem Themengebiet Geld und speziell mit dem Rentensystem, Investmententscheidungen sowie Krediten. Hier verdeutlichen die Autoren wie sinnvoll es ist, die Einzahlungen in Rentenversicherungen für neue und junge Angestellte zu automatisieren, damit sie früh genug für ihre Pension vorsorgen. Weiter verdeutlichen sie das Versagen von erzieherischen Maßnahmen wenn es um Sparen geht. Mit dem "Save more Tomorrow" System stellen sie ein Programm vor, das eine dynamische Beitragssteigerung enthält. Im Abschnitt über Investmententscheidungen geht es weniger um das Anstubsen an sich, sondern vielmehr um die grundsätzliche Frage, welche Asset Allocation, also Aufteilung in verschiedene Asset-Klassen die Autoren für sinnvoll halten.Schließlich werden zwei (besonders für die USA) wichtige Kreditmärkte beleuchtet: Hypotheken sowie Kreditkarten.

Teil 3 des Buches beinhaltet gesellschaftliche Entscheidungen, beginnend mit einer Betrachtung der Teilprivatisierung der schwedischen Sozialversicherungssysteme. Die schwedische Regierung als Entscheidungsarchitekt hätte unter Berücksichtigung der grundsätzlichen Schwächen der nicht immer rational handelnden Humans die Wahl durch einen Schubs in Richtung eines (deutlich besser abgeschnittenen) staatlichen Default-Fonds verbessern können. Ein weiterer Abschnitt geht auf Medicare ein - eine während der Busch-Ära eingeführte Reform des Gesundheitssystems, sowie auf die hier gemachten Fehler. Mögliche Nudges mit denen dieses System verbessert werden könnte z. B. mit einer intelligenten Zuteilung werden vorgestellt. Nachfolgend wird der Bereich Umweltschutz behandelt, sowie aufgezeigt wie geeignete Nudges dazu beitragen könnten, den Energieverbrauch zu senken und den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Ein letzter Abschnitt stellt einen Vorschlag zur Privatisierung der Ehe vor.

Im vierten und letzten Teil des Buches werden zunächst zwölf weitere Nudges vorgestellt, wie beispielsweise das Give more tomorrow-Programm, eine automatische Steuererklärung sowie Sperrlisten für Spielsüchtige. Weiter werden verschiedene Einwände gegen Nudges aufgeführt, wie jener, dass die Regierung beginnend mit einem Nudge immer stärkeren Einfluss nehmen könnte. Das Verfolgen von Eigeninteressen gewisser (politischer und privatwirtschaftlicher) Entscheidungsarchitekten könne durch höhere Transparenz im Sinne "Sonnenlicht ist das beste Desinfektionsmittel" vorgebeugt werden. Weiter werden die Grundsätze der Öffentlichkeit und Neutralität für Nudges behandelt. Im Nachwort wird auf die Frage eingegangen, inwieweit Nudges dabei helfen können, Situationen wie die Finanzkrise von 2008 zu verhindern.

Die Idee eines Nudges, also eines unmerklichen Anstoßens in die richtige Richtung welches die beiden Autoren in ihrem Buch behandeln ist sicherlich nicht neu. Vielmehr wurden jene Nudges auch vor ihrer „Entdeckung“ von jenen eingesetzt die Anstubser oder Anreize gezielt genutzt haben um Eigeninteressen zu befriedigen. Das Grundproblem eines am Gemeinwohl interessierten Entscheidungsarchitekten der Nudges in altruistischer Gesinnung einsetzt bleibt ungelöst. Als Individuum oder Konsument sollte man daher kritisch bleiben und sich vielmehr zusätzlich fragen: „Welchen Anreiz hat der Entscheidungsarchitekt mir eben jenen Stubser zu geben?“


Der Preis der Ungleichheit: Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht
Der Preis der Ungleichheit: Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht
von Joseph Stiglitz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Keynesianischer Ansatz zur Beseitigung von Ungleichheit, 17. März 2013
Stiglitz startet mit der Betrachtung des Ein-Prozent Problems und beschreibt das hohe Maß an Ungleichheit welches in der USA zu beobachten ist. Er legt nahe, dass dieses Problem nicht erst durch die Finanzkrise verursacht wurde, sondern seinen Anfang schon vor 30 Jahren nahm. Betrachtet wird unter anderem, welche Auswirkungen diese zu beobachtende Ungleichheit auf das Leben vieler Amerikaner hat, beispielsweise in Form geringer sozialer Aufstiegschancen. Letztendlich hatte die US-amerikanische Immobilienkrise aufgrund fehlender Krankenversicherung sowie einer mangelnden Arbeitslosenversicherung den Effekt einer Armutsfalle. Das Maß der sozialen Ungleichheit wird besonders deutlich bei Betrachtung des Gini-Koeffizienten welcher für die USA bei 0,47 liegt, in Deutschland hingegen "lediglich" bei einen Wert kleiner 0,3.

Diente das erste Kapitel als Beschreibung des Ausmaßes an Ungleichheit, so geht Stiglitz folgend auf dessen Entstehung als "typisch amerikanische Leistung" ein. Als Triebfeder prangert er den Finanzsektor sowie dessen erheblichen politischen Einfluss an, der dazu führte, dass Marktversagen (beispielsweise in Form von Intransparenz bei Derivaten oder ausbeuterischer Kreditvergabe) nicht korrigiert wurde. Durch unterschiedliche Formen des rent-seekings entstand ein hohes Maß an Ungleichheit, welches sich durch ein regressives Steuersystem noch verstärkte. Das obere 1 Prozent (inkl. CEOs und Spitzenanwälten) häufte demnach Reichtümer an, jene die echte ökonomische Werte schufen, gingen häufig leer aus. Bedingt wurde diese Entwicklung nicht zuletzt durch das vorherrschende Paradigma einer liberalen Chicagoer Schule.

Aber auch der sektorale Strukturwandel zählt laut Stiglitz zu den Schlüsselfaktoren, welche die Ungleichheit in den USA vorangetrieben haben. Auf der einen Seite sinkt die Nachfrage nach ungelernten Arbeitern (z. B. durch steigende Automatisierung der Produktion oder Verlagerung ins Ausland), auf der anderen Seite wird der Wechsel freigesetzter Arbeitskräfte in andere Sektoren beispielsweise aufgrund steigernder Bildungskosten erschwert. Der Autor greift des weiteren gesellschaftliche Veränderungen auf, wie den Niedergang der Gewerkschaften oder die Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Als größten steuerpolitischen Skandal sieht er sie Senkung der Steuern auf Veräußerungsgewinne, "vergisst" jedoch auf das Problem der Doppelbesteuerung von Arbeitseinkommen- und Kapitaleinkommensteuer hinzuweisen.

Im nachfolgenden Kapitel werden zunächst die Auswirkungen der Ungleichheit auf das Sozialprodukt und die ökonomische Stabilität betrachtet. Ein niedriges BIP wird vor allem durch eine ungenügende gesamtwirtschaftliche Nachfrage armer Bevölkerungsschichten herbeigeführt. Durch eine Umverteilungspolitik könne, aufgrund einer höheren marginalen Konsumquote armer Menschen, ein Anstieg des Realeinkommens erzeugt werden. Die Folgen unzureichender Investitionen in die Infrastruktur, die Grundlagenforschung und des Bildungswesens werden beschrieben, sowie die Auswirkungen des Lobbyismus auf die Allokationseffizienz. Allgemein geht ein höheres Maß an Ungleichheit mit einem niedrigerem Wachstum einher.

Weiter führt Stiglitz auf, inwieweit das Misstrauen gegenüber der Politik in den USA ständig zunimmt. Dieser Vertrauensschwund (in Bezug auf Banken, die Politik oder im Berufsleben) führt zum Verlust sogenannten Sozialkapitals, welches als Bindemittel von Gesellschaften fungiert. Mangelndes Vertrauen in den politischen Prozess führe wiederum zu Politikverdrossenheit, welche aber beispielsweise durch eine ausgewogenere Medienberichterstattung abgeschwächt werden könnte. Aktuell herrsche jedoch eine Wählerschaft vor, die statistisch zugunsten der höheren Einkommensgruppen verzerrt ist.
In einem weiteren Abschnitt legt Stiglitz dar, inwieweit die Kapitalmärkte im Zuge einer zunehmenden Globalisierung demokratische Prozesse zu ihren Gunsten beeinflussen (Bsp. umfangreiche Eingeständnisse Griechenlands als Gegenleistung für die Inanspruchnahme des Rettungspaketes der EU).

Das sechste Kapitel beschäftigt sich damit, wie das obere Prozent die Ansichten der darunter liegenden 99 geprägt hat. Stiglitz verdeutlicht die Wahrnehmungsverzerrung über das Ausmaß der Ungleichheit innerhalb der amerikanischen Bevölkerung. Es wird verdeutlicht mit welchen Mitteln eine obere Elite gezielt versucht, die gesellschaftliche Wahrnehmung zu beeinflussen. Nach Betrachtung einiger US-spezifischer Probleme wie Erbschaftsteuern sowie die Restrukturierung von Hypotheken geht der Verfasser auf den alten Disput der Rollenverteilung zwischen Markt versus Staat ein.

In Kapitel 7 geht Stiglitz auf grundsätzliche Fragen wie dem Zweck von Gesetzen und Regulierungen ein, sowie auf deren Bedeutung für die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft. Negative externe Effekte würden nicht in ausreichendem Maße kompensiert. Er prangert die asymmetrische Rechtsprechung zugunsten der Finanzbranche an, explizit eine ausbeuterische Kreditvergabe, das (private) Insolvenzrecht sowie das Zwangsversteigerungsverfahren.

Nach nahezu sieben Kapiteln der Situationsanalyse nennt Stiglitz nun haushalts-, steuer- und ausgabenpolitische Maßnahmen zur Verringerung von Ungleichheit und Staatsdefizit. Zuvor wird jedoch auf die Entwicklung des Staatsdefizits eingegangen, welches durch Steuersenkungen der Bush-Ära, den Kosten des Irak & Afghanistan-Konfliktes, Reformen im Gesundheitswesens sowie die gegenwärtige Rezession zurückzuführen ist. Der darauf folgende Maßnahmenkatalog ist durchaus komplex und umfangreich und beschränkt sich keineswegs auf klassische, Multiplikatoreffekt-erzeugende Fiskalpolitik. Des weiteren spricht sich der Autor gegen eine Sparpolitik nach europäischem Vorbild aus und bemängelt die zu geringe Größe des US-amerikanischen Konjunkturpaketes.

Weiter beschäftigt sich Stiglitz mit den Auswirkungen makroökonomischer Politik auf die Einkommensverteilung. Er kritisiert die einseitige Fokussierung der FED auf die Inflationsbekämpfung anstelle einer Senkung der Arbeitslosenquote. Jene Fokussierung begünstigte vor allem reiche Anleihegläubiger, führte jedoch nicht den gewünschten Nachfrageeffekt herbei. Stiglitz beschreibt in diesem Zusammenhang eine Vereinnahmung der Zentralbanken durch den Finanzsektor. Diese verfehlten makroökonomische Strategien trugen zu einer starken Verteilungsungerechtigkeit bei.

Die vielfach bereits angesprochenen Reformschritte werden im letzten Kapitel ausführlich dargestellt und beinhalten umfangreiche Maßnahmen zur Verringerung von rent-seeking als auch eine Steuerreform. Stiglitz wichtigstes Anliegen um die Ungleichheiten zu beseitigen, ist jedoch den Zugang zum Bildungssystem zu erleichtern. Ein Ausbau sozialer Sicherungssystem inklusive allgemeiner Krankenversicherung sollte die Reformen flankieren. Hinzukommend beschreibt er eine politische Reformagenda.

Viele der von Stiglitz beschriebenen Beobachtungen sind nicht direkt auf Deutschland übertragbar. Dies betrifft beispielsweise die Reformen des Gesundheitswesens, das (private) Insolvenzrecht oder die hohen Bildungskosten. Dennoch geht die deutsche Diskussion bezüglich der zu beobachteten Ungleichheit teilweise in die gleiche Richtung wie von Stiglitz beschrieben (z.B. Reichensteuer). Weiter gehen Stiglitz Forderungen weit über die seines Kollegen Krugman (vgl. Vergesst die Krise!: Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen) hinaus, der ideologisch in die gleiche keynesianische Kerbe schlägt.


Poor Economics: Plädoyer für ein neues Verständnis von Armut
Poor Economics: Plädoyer für ein neues Verständnis von Armut
von Abhijit Banerjee
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

4.0 von 5 Sternen Ein Buch über die unterschiedlichen Aspekte der Armut, 12. März 2013
Das Buch setzt sich zum Ziel, eine umfassende Beschreibung des Lebens der Armen zu liefern. Nach einem einleitenden Kapitel wird sowohl das private Leben als auch das institutionelle und gesellschaftliche Umfeld der Armen betrachtet, wobei jeweils die zugrunde liegenden Probleme identifiziert als auch Lösungsvorschläge erarbeitet werden.

Einleitend gehen die Autoren auf die beiden gegensätzlichen Strömungen der Notwendigkeit von Entwicklungshilfe ein. Zum einen eine Befürwortung von Entwicklungshilfe, da diese als Schlüssel zur Überwindung der Armutsfalle angesehen wird (vgl. Sachs) als auch deren Verneinung (vgl. Eastery, Moyo). Der Grundgedanke einer Armutsfalle, auf dem beide obigen Argumente basieren, wird hierbei ansprechend und verständlich dargestellt.

Das private Leben:

Entgegen der weitläufigen Meinung, Hunger spiele das zentrale Problem der Armut, gehen die Autoren exemplarisch auf Fälle ein, in denen eine Erhöhung des verfügbaren Haushaltseinkommens nicht zu einer Verbesserung der Ernährungssituation führt. Hierzu zählen v. a. hohe Arbeitslosigkeit, ein Bedürfnis für Luxusartikel, der fehlende Glaube an eine Verbesserung der Lebenssituation als auch die Rolle von religiösen als auch gesellschaftlichen Konventionen. Das Vorliegen einer ernährungsbedingten Armutsfalle wird im Allgemeinen verneint, pauschalisierte Subventionen von Grundnahrungsmitteln als wenig zielführend deklariert.

Die Bekämpfung von Durchfallerkrankungen oder Malaria werden als Beispiele für hocheffiziente Gesundheitsinvestitionen genannt. Jedoch auch hier liegt in vielen Fällen keine gesundheitsbedingte Armutsfalle vor, was durchaus hohe Gesundheitsausgaben zeigen. Vielmehr werden aufgrund mangelnden Interesses, institutioneller Probleme etc. private (bengali doctors) den staatlichen Einrichtungen vorgezogen. Teilweise konnte dieses Problem gelöst werden, in dem man die Armen mit kleinen Geschenken "anstupste".

Die Autoren räumen mit dem Vorurteil auf, Bildung sei in Entwicklungsländern nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Vielmehr trägt eine Kombination aus unrealistischen Zielen, ungerechtfertigten pessimistischen Erwartungen und falschen Anreizen für Lehrpersonal dazu bei, dass die Bildungssysteme in Entwicklungsländern ihre Aufgaben nicht erfüllen. Verbesserungsvorschläge richten sich primär auf einen Umbau des Bildungssystems in Form ständiger Kontrollen, dem Einsatz unterstützender Nachhilfelehrer sowie angepasstem Lerntempo.

Im letzten Kapitel des ersten Abschnittes wird zunächst auf die (vermeintlichen) Vor- und Nachteile kinderreicher Familien eingegangen, sowie auf die Rolle von Aufklärung, sozialen und religiösen Normen auf die Familienplanung. Es wird weiter auf das Problem sowie die Ursachen selektiver Abtreibung - v. a. in China anzutreffen - hingewiesen. Als wirksamste Bevölkerungspolitik werden effiziente soziale Sicherungssysteme (wie Kranken- und Rentenversicherung) genannt.

Das institutionelle und gesellschaftliche Umfeld:

Zunächst wird auf die besondere Bedeutung von Unsicherheit für arme Menschen wie Gelegenheitsarbeit, Wetter oder Dürre eingegangen. Diese haben aufgrund des niedrigeren Grundeinkommens weitaus stärkere Auswirkungen als in entwickelten Ländern und können eine Armutsfalle herbeiführen. Lösungen über Versicherungen scheitern zumeist aufgrund von moral hazard, adverse selection sowie mangelnder Akzeptanz in der Bevölkerung.

Des weiteren wird auf die Probleme der Kreditbeschaffung wie hohe Zins- und Transaktionskosten in Entwicklungsländern eingegangen, sowie auf die Rolle privater Geldverleiher. Die Vor- und Nachteile von Mikrokreditinstituten werden ausführlich dargestellt, sowie ein nüchternes, jedoch positives Resümee gezogen.

Wenn auch nicht im institutionellen Bereich verankert, so verfügen arme Menschen doch über ein ausgeklügeltes System an Finanzinstrumenten. Alternative Sparformen wie das M-Pesa-System oder der Bank Correspondent Act werden beschreiben. Weiter stellen die Autoren Schwierigkeiten und Lösungsansätze zum Aufbau einer Spardisziplin vor, um eine durch mangelnde Sparneigung verursachte Armutsfalle zu beheben.

Exemplarisch wird im vorletzten Kapitel die Innovationsfähigkeit und der Unternehmergeist dargestellt, den Arme an den Tag legen. Später wird dieser jedoch deutlich relativiert, wobei auf die spezifischen Probleme kleiner Unternehmungen eingegangen wird. Speziell die mangelnde Möglichkeit zur Überwindung einer kritischen Unternehmensgröße wird als weitere potentielle Armutsfalle angesehen. Die Autoren fordern demgegenüber den stärkeren Ausbau "sicherer" Festanstellungen z. B. durch staatliche Fördermaßnahmen.

Im letzen Kapitel wird auf die Rolle der (großen) Institutionen eingegangen, sowie die Funktion die sie für den Erfolg oder Misserfolg einer Gesellschaft einnehmen. Die Autoren beschäftigen sich mit der Frage, ob äußerer Einfluss auf jene Institutionen ausgeübt werden sollte. Es werden Möglichkeiten aufgezeigt, bei denen es nicht notwendig ist jenen Einfluss auszuüben, um positive Veränderungen herbeizuführen. Armut konnte selbst in einem schlechten institutionellen Umfeld erfolgreich bekämpft werden, die Durchführung einer "endogenen" Reform wird daher befürwortet.

Das Buch gibt einen allgemeinen Überblick über die Probleme und Fragestellungen mit denen sich die Entwicklungspolitik (-ökonomie) auseinandersetzen muss. Entgegen anderer Werke über Entwicklungshilfe führt dies zu einer differenzierten Aussage über die Notwendigkeit standardisierter Hilfsmaßnahmen. Gefallen hat mir der von den Autoren konsequent betriebene Bottom-up-Ansatz. Auf Grund des Unterschiedes zwischen Wunsch und Wirklichkeit gilt es zunächst die kleinen Ziele und Verbesserungen anzugehen, ehe man sich den großen Problemen zuwenden kann.


Graphic Design (Icons)
Graphic Design (Icons)
von Charlotte Fiell
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Graphic Design for the 21st Century, 9. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Graphic Design (Icons) (Taschenbuch)
Graphic Design for the 21th Century bietet einen groben Überblick über den aktuellen Stand modernen Grafik Designs. Insgesamt 45 führende Grafikdesigner von den Niederlanden, der Schweiz, Island, Deutschland und Amerika, bis nach Japan und Australien geben in einem Kurzportrait Einblick in ihr kreatives Portfolio.

Durch ein kurzes Statement haben sie die Möglichkeit sich selbst vorzustellen und Auskunft darüber zu geben wie sie persönlich die Zukunft des Grafikdesigns sehen. Wahrscheinlich muss man jedoch mehrere Semester Grafikdesign studiert haben um hinter die Aussage so manchen Designs zu kommen. So sei hier z. B. Fernando Gutierrez genannt, der zwar einige Regeln der Visualität ganz einfach ignoriert aber dafür vor Selbstbewusstsein geradezu strotzt. "Gutes Design wird sich durchsetzen, aber die Menge von schlechtem Design ist überwältigend. Wir sollten uns nicht in die Irre führen lassen. Der Kampf geht weiter." Weitaus kreativeren Output liefert da z. B. Philippe Apeloig mit "Celebrating the Poster" oder auch Mirco Pasqualini mit seinem Beitrag zum "Japanese Web Design Annual 1999." Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. ;-)

Zu jedem einzelnen Designer sind Kontaktinformationen vorhanden um z. B. auf deren Homepage einen tieferen Einblick in ihr Schaffen zu erlangen, oder einfach direkt Kontakt aufzunehmen.

Eine so schmal gehaltene Publikation kann selbstverständlich nur an der Oberfläche des Grafikdesigns kratzen, dennnoch ist das Buch sehr empfehlenswert für all diejenigen, die ihren Horizont diesbezüglich ein wenig erweitern wollen oder einfach nur neue Ideen suchen.


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