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Rezensionen verfasst von
Hans-Walter Scheffler

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Geflügelte Gaumenfreuden: Gänse, Enten, Hühner
Geflügelte Gaumenfreuden: Gänse, Enten, Hühner
von Claudia Daiber
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

5.0 von 5 Sternen „Gans und gar“ auf Seiten des Geflügels, 30. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Gans ist mein Lieblingstier – sowohl in der Natur als auch auf dem Teller. Diese Einstellung teile ich zum Glück mit der Autorin Uschi Dämmrich von Luttitz. Sie betreibt in dritter Familiengeneration eine Enten- und Gänsezucht sowie einen Federwarenbetrieb im bayerischen Niederaltenburg. Ihre Erlebnisse im Umgang mit dem heimischen Geflügel, die Erfahrungen bei der Aufzucht, aber auch Tipps für die Verwendbarkeit bei Tisch und Bett hat sie nun in einem lesenswerten Buch niedergeschrieben.

Gemeinsam mit ihrer Co-Autorin Claudia Daiber entstand auf 208 Seiten ein gut komponiertes Menü aus Tier- und Warenkunde, Familiengeschichte, Tipps für die Küchenpraxis und Rezepten nicht nur für den Weihnachtsabend. Das Buch ist üppig illustriert, wobei ich mir für das Titelbild eher das persönliche Foto der Gutsbesitzerin inmitten ihrer Gänseschar (von Seite 7) gewünscht hätte. Schnell nimmt der Leser der Verfasserin ab, dass sie „gans und gar“ auf Seiten ihrer Gänse, Enten, Hühner und Puten steht – wovon auch die Homepage des Landgutes zeugt. Nach der Lektüre dürften wohl alle Leser ihre Ratschläge befolgen: „Bei Geflügel sollten Sie sich genau erkundigen, woher es kommt. Mit regionalen Produkten unterstützen Sie die heimische Landwirtschaft und können sichergehen, dass die Auflagen zum Schutz der Tiere und Verbraucher eingehalten werden. Je näher Sie den Produzenten kennen, umso besser!“ Wir können das zum Glück beherzigen, weil unser Weg zu elsässischen Züchtern nicht weit ist und auch ein Stubenküken auf unserem badischen Speisezettel steht.

Die Gänse werden den Lesern als friedliche und genügsame Wesen ebenso wie als beliebte Haustiere präsentiert: „Die Tiere heiraten, werden bis zu 30 Jahre alt und älter, verteidigen Haus und Hof und schlagen jeden ungebetenen Besucher in die Flucht.“ Aber geschildert wird auch, wie ihr „Kleid“ zu wärmenden Decken verarbeitet wird. Wenn die Federn und Daunen mit biologischer Seife gewaschen, getrocknet und maschinell mit Luft sortiert werden, dann sei dies „ein Schauspiel wie bei Frau Holle im Himmel, bei dem Kunden interessiert zuschauen.“ Auch Hühner seien beliebt wie eh und je. Unlängst las ich die Einschätzung, dass „das Huhn insgesamt in die Zukunft weist. Ökonomische, biologische und theologische Argumente sind auf seiner Seite.“ Wenn die Autorin allerdings beklagt, dass gerade in Deutschland das Image der Hühnerhaltung durch die industrielle Massenerzeugung mit ihren für die Verbraucher schwer verdaulichen Begleiterscheinungen stark angekratzt sei, hätte ich mir über diese vielen „schwarzen Schafe“ ein paar deutlichere Worte gewünscht.

Der Rezeptteil singt nicht nur ein hohes Lied auf die Vorzüge von Hühnersuppe bei Erkältungen, sondern beweist auch, dass es nicht immer Ente mit Orange sein muss. Für unseren Speiseplan vorgemerkt haben wir uns nicht nur Gänsebrustfilets auf Lebkuchensoße, sondern auch die Vorliebe der Autorinnen für herzhafte Gerichte wie das mediterrane Backofenhähnchen und scharfe Hähnchenbrust mit Tortillachips. Und beim Coq au Vin, mit dem in seiner burgundischen Heimat leider viel Schindluder getrieben wird, bevorzugen auch wir ohnehin die Rotwein-Variante.


Verdi: Macbeth (Ga)
Verdi: Macbeth (Ga)
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Die „unsterbliche“ Lady Macbeth, 24. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Verdi: Macbeth (Ga) (Audio CD)
Maria Callas ist wieder einmal in aller Munde – und das liegt an der bei Warner Classics erschienen Remastered Edition. Diese „Macbeth“-Wiederveröffentlichung zählt nicht zu den dort zu hörenden Studioaufnahmen, sondern ist der Live-Mitschnitt vom Dezember 1952 aus der Scala.

„Viele historische und legendäre Aufnahmen und vor allem unautorisierte Live-Schnitte, die von der unwidersprochen großen Kunst einzelner Interpreten wie etwa der Maria Callas leben, taugen leider kaum zu einer Begegnung mit dem Werk an sich. Meistens sind die übrige Besetzung mangelhaft, Chor und Orchester unbefriedigend, das Werk gekürzt, oder die Tonqualität fordert äußerste Toleranz bei Nebengeräuschen oder musikalischen Pannen, deren Konservierung kaum ein Mitwirkender zugelassen hätte“, schrieb Christoph Schwandt in seinen diskografischen Anmerkungen zu Verdis Opern. Diese Einschätzung muss für die vorliegende „Macbeth“-Aufnahme mit ihren technischen Unzulänglichkeiten relativiert werden. Denn mit ihrer Darstellung der Lady hat Maria Callas nicht nur eine „unsterbliche“ Rolle abgeliefert, sondern dieser Oper jenen besonderen Stellenwert verliehen, der ihm in Verdis Gesamtwerk gebührt. Dabei erlebte die Scala insgesamt nur fünf dieser Aufführungen.

„Verdi hätte die Oper nach ihr benennen sollen“, merkte Attila Csampai zur Lady Macbeth an. „Ich möchte, dass die Lady hässlich und böse aussieht, dass die Stimme der Lady teuflisch klingt“, schrieb Verdi an seinen Librettisten Salvatore Cammarano. „Wecken Sie die Aufmerksamkeit dafür, dass es zwei zentrale Stücke in dieser Oper gibt: das Duett zwischen der Lady und ihrem Gatten und die scena del sonnambulismo. Wenn diese Szenen misslingen, ist es um die ganze Oper geschehen. Diese Stücke dürfen absolut nicht gesungen werden. Sie müssen ausagiert und deklamiert werden – mit einer sehr hohlen und verschleierten Stimme.“ Die damals 29-jährige Maria Callas schaffte das beinahe Unmögliche, Wahnsinn und Dämonie mit den Mitteln des Schöngesangs zu transportieren. Ihre Interpretation riss auch den Dirigenten Victor de Sabata und den Bariton Enzo Mascherini mit.

Tullio Serafin bezeichnete die Stimme der Sängerin als „groß und hässlich“. Weil ihre Bühnen-Leistung unerreicht blieb, vor allem in der „großen Nachtwandelszene“, gibt es nur wenige andere „Macbeth“-Referenzaufnahmen – am ehesten wohl noch die mit Leonie Rysanek und Shirley Verrett.

Leider gibt es einen Fauxpas auf dem Cover des Booklets: Dort wird irrtümlich Tullio Serafin als Dirigent genannt.


Slow Food Italien:  Osterie d'Italia - 100 Originalrezepte aus den besten Restaurants des offiziellen Gastro-Führers von SLOW FOOD. Ein italienisches Kochbuch mit saisonaler Küche vom Feinsten!
Slow Food Italien: Osterie d'Italia - 100 Originalrezepte aus den besten Restaurants des offiziellen Gastro-Führers von SLOW FOOD. Ein italienisches Kochbuch mit saisonaler Küche vom Feinsten!
von Food Editore, Slow
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,99

5.0 von 5 Sternen Wer in den Slow Food-Töpfen rührt, 23. Oktober 2014
Mit der Schnecke als Wappentier befindet sich Slow Food auch hierzulande längst nicht mehr auf der Kriechspur. Zum zweiten Mal ist ein eigener deutscher Restaurantführer erschienen, und den Dokumentarfilm von Stefano Sardo über die Wiege der Bewegung im norditalienischen Städtchen Bra gibt es endlich auch auf Deutsch. Nicht wenige werden sich aber gefragt haben, was aus Slow Food wird, wenn ihr allgegenwärtiger Vordenker Carlo Petrini nicht mehr an der Spitze steht. Antworten darauf liefert das nun übersetzte Buch „Osterie d’Italia“.

Marco Bolasco und Nicola Ferrero betonen in ihrem Vorwort, die Wirte der Osterien und Trattorien seien die wichtigsten Botschafter der italienischen Küche. Hinter ihnen stehe all das, was sie auszeichne: Das Terroir, die Familien, kleine Erzeuger und Stil. Es geht um Verbundenheit mit der Region, Kochen mit saisonalen Produkten und einen engen Kontakt mit den Herstellern. Auf 384 Seiten wird gezeigt, wer in den italienischen Slow Food-Töpfen rührt, porträtiert werden 22 empfohlene Gasthäuser mit insgesamt 100 Rezepten. Spanferkelrücken mit Äpfeln und Polenta, mit Zwiebeln marinierte Sardinen, Lammkarree in Frascati mit Kartoffeln sowie Spaghetti mit Nüssen und Tomaten – da dürfte dem Leser bei der Lektüre das Wasser im Mund zusammenlaufen. Aber er wird daheim längst nicht alle Rezepte nachkochen können. Nachvollziehen wird man aber die Philosophie von Salvatore Toscano aus Greve in Chianti: „Für mich bedeutet heute Koch zu sein, dass ein großer Teil meines Herzens in das Land hier verliebt ist.“ Er vergleicht seine Küche mit dem Fußballspiel: „Ich bin die Sturmspitze, der Vollstrecker. Aber wenn ich kein Mittelfeld hinter mir hätte, das die Bälle holt, oder keine Links- oder Rechtsaußen, die sie mir zuspielen oder Torgelegenheiten herausarbeiten, würde ich nie treffen. Mein Laden läuft nur dank der Leute, die mir ihre Produkte verkaufen.“ Dazu gehören der Metzger, der Olivenöl-Erzeuger und der Nudelhersteller aus der Region.

In einer anderen Osteria liest man den Wandspruch: „Hinter unseren Gerichten stehen keine Marken, sondern Menschen.“ Und Maurizio Rosso, in dessen Lokal „allein die Kutteln und Frikadellen schon eine Reise wert sind“, erzählt: „Für mich sind die Tradition und die Osteria eine Familienangelegenheit. Schon als kleines Kind war die Osteria sozusagen ein Teil von mir, hier bin ich geboren. Und es geht hier auf jeden Fall anders zu als in einem Restaurant: Es gibt keine festen Einteilungen, wer kocht, wer bedient oder als Sommelier die Gäste berät, jeder macht von allem etwas. Und es ist ein Ort, an dem man sich in jeder Hinsicht wohl fühlt.“

Carlo Petrini selbst hat das erste Porträt beigesteuert, im „Boccondivino“ in Bra hat er damals im Service mit gearbeitet. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre setzte er hier mit Freunden seine Vorstellungen einer modernen Osteria um. Das Tatar (carne cruda), das Distelgemüse „Cari Gobbi di Nizza Montferrato“, die Tajarin aus 40 Eigelb pro Kilo Mehl (!), der Klassiker Gunncia di vitello Brasate und das legendäre Panna cotta bereiteten auch meiner Frau und mir bei unserem letzten Besuch Hochgenuss.

Zu jeder Osteria wird eine eigene, sehr persönliche (Familien-) Geschichte erzählt, aber es sind die beeindruckenden Fotos, die die unnachahmliche Atmosphäre dieser Gasthäuser meisterhaft einfangen. Deshalb ist diese Lektüre vorrangig eigentlich ein Reisebuch: Man möchte sofort die Koffer packen und ins gelobte Slow Food-Land aufbrechen.


Die schöne Stille: Venedig, Stadt der Musik
Die schöne Stille: Venedig, Stadt der Musik
von Elke Heidenreich
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

5.0 von 5 Sternen Venedig – Die Ruhe vor dem Untergang?, 11. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
„Kaum jemand steht Venedig gleichgültig gegenüber. Man liebt es oder nicht, aber wenn, dann für immer“, hat die Wiener Kunsthistorikerin Barbara Sternthal geschrieben. Elke Heidenreich ist bekennende Venezianerin, ihr Buch über die „Stadt der Musik“ ist 2011 erschienen. Dabei wirkt dessen Titel „Die schöne Stille“ wie eine Provokation – spätestens, seit 2013 der Dokumentarfilm „Das Venedig-Prinzip“ des Südtirolers Andreas Pichler eine breitere Öffentlichkeit wachrüttelte.

Kann es sein, dass man Venedig als Stille erfahren kann, wenn man weiß, dass sich die meisten Touristen gerade einmal vier Stunden (!) in der Stadt aufhalten, es also hetzende Kurzzeitbesucher, nicht umweltbewusste Kreuzfahrt-Touristen und Motorboote gibt, die nicht nur an der städtebaulichen Substanz nagen, sondern manchmal auch Menschen platt machen? Die Autorin weiß darauf eine Antwort: „Wie oft bin ich in Venedig stehen geblieben, um zu lauschen - einem Klavier, einem Gesang, Geigentönen. In lauteren Städten würde man das nicht hören. In Venedig ist alles Musik, wird alles zu Musik. Und man hat Zeit, zuzuhören. Da fährt keine letzte Bahn, da gibt es keine Ampel, die ,Gehen!‘ signalisiert, die Brücken spannen sich still und ewig über die Kanäle und fordern nie zur Eile auf. Man geht langsam.“

Etliche von Elke Heidenreichs persönlichen Erfahrungen können wir nachvollziehen: „Am schönsten ist es, wenn man mit dem Zug kommt“ – das empfinden wir auch so. Auch wir haben schon im Hotel „La Fenice et des Artistes“ gleich neben der Oper gewohnt und dort nachmittags den Proben der Sänger gelauscht. Am wohlsten fühlt sich die Autorin in ihrer Rolle als Opern-Enthusiastin: Mit „San Cassiano“ wurde 1637 in Venedig das erste Opernhaus der Welt gegründet. Natürlich spricht sie den Verdi-Fans aus dem Herzen, wenn sie von dessen missglückter „Traviata“-Uraufführung im La Fenice und von der imaginären Begegnung zwischen Verdi und Wagner in Franz Werfels Roman berichtet. Ganz spannend wird ihr Reisebericht, wenn sie von einem Konzert im Palazo Barberigo Minotto, einem Palst aus dem 15. Jahrhundert, gleich am Canal Grande gelegen, erzählt : „Da sitzen dann 30, 50 auch schon mal 80 Zuhörer auf alten Stühlen im Vorzimmer …Ein kleines Orchester, bestehend nur aus einem Streichertrio und der vielfach ausgezeichneten Pianistin Elisa Marzorati am Klavier, spielt perfekt…Die Oper wird gekürzt gegeben, das Personal ist geschickt auf die drei Hauptfiguren reduziert.“ Da denkt sich der Leser sogleich: Da muss man hin!

Die Autorin garniert ihren Bummel durch Venedig mit zahlreichen Zitaten prominenter Künstler, was die Lektüre kurzweilig macht. Hinzu kommen, wie gewohnt, eindrucksvolle Bilder ihres Foto-Begleiters Tom Krausz. Aber sie lässt leider zwei Chancen aus: Zum einen hätte man sich eine Auseinandersetzung mit ihrer Schriftsteller-Kollegin Donna Leon gewünscht, die nur kurz erwähnt wird. Denn die Amerikanerin steht ja auch für ihre Liebe zu Händel, Vivaldi und der mit ihr befreundeten Opernsängerin Cecilia Bartoli. Und zu Jacques Offenbach hat die (ausgerechnet!) Wahl-Kölnerin Elke Heidenreich wohl keine Beziehung. Dessen Barkarole aus „Hoffmans Erzählungen“ streift sie nur mit einem Nebensatz: „Heute verkommen zu touristischer Unterhaltung.“ Weiß sie nicht, dass in Offenbachs Werken Italien und auch Venedig eine große Rolle spielen, bis hin zu dessen „Seufzerbrücke“?

Besuchen Sie Venedig, so lange es noch steht? Am Ende bleibt Ratlosigkeit zurück. Vielleicht ist die von Elke Heidenreich entdeckte Stille die Ruhe vor dem Untergang? Die Autorin zitiert zum Abschluss beklemmende Worte von Günter Kunert:

„Nach dem Untergang Venedigs
Werden sie sagen
(ihr wisst schon wer)
Es hat nie eine Stadt
Auf einer Lagune gegeben
Alles Erfindung.“


Giuseppe Verdi: Falstaff (Salzburger Festspiele 2013) [DVD]
Giuseppe Verdi: Falstaff (Salzburger Festspiele 2013) [DVD]
DVD ~ Ambrogio Maestri
Preis: EUR 24,99

5.0 von 5 Sternen Ein Fettwanst in Verdis Altenheim, 10. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
„Bis heute ist Verdis Falstaff eine Oper für Kenner geblieben“, schreibt Dietmar Holland in seinem Opernführer – und er stellt die Frage: „Sollte sich etwa Verdi in Falstaff wiedergesehen haben – freilich nicht in seinem Körper, wo er doch, so seine eigenen Worte, sein Leben lang die große Trommel geschlagen und ,Hereinspaziert‘ gerufen hat?“

Ganz nahe dran am Komponisten ist der Regisseur Damiano Michieletto mit seiner Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2013, wenn er die gesamte Handlung des „Falstaff“ kurzerhand in das von Verdi gebaute Seniorenheim für Künstler in Mailand verlegt und dabei eine zweite Erzähl-Ebene schafft. Ein verbrauchter Musiker nickt auf der Couch ein und identifiziert sich im Traum mit John Falstaff. Die „Casa di Riposi per Musicisti“ bezeichnete der Komponist selbst als sein größtes und schönstes Werk. Sie wurde einer breiteren Öffentlichkeit durch Daniel Schmids Dokumentarfilm „Der Kuss der Tosca“ bekannt.

Die Liste großer „Falstaff“-Interpreten ist nicht allzu lang. Erster Hauptdarsteller war Victor Maurel 1892 an der Scala, die weitere Aufführungsgeschichte von Verdis letztem Werk ist vor allem mit den Namen Tito Gobbi, Geraint Evans, Ingwar Wixell, Bryn Terfel und Dietrich Fischer-Dieskau verbunden. Die renommierte Pariser Opernzeitschrift „Avant Scène Opéra“ zählt zu den 16 größten Verdi-Aufführungen der jüngeren Vergangenheit die Inszenierung des Holland Festivals und der Deutschen Oper Berlin (1977) von Götz Friedrich, mit Gabriel Bacquier in der Hauptrolle und Georg Solti am Dirigentenpult. 2001 debütierte der italienische Bariton Ambrogio Maestri an der Scala als „Falstaff“, es wurde seine Paraderolle. Auch in Salzburg erkennt man schnell, dass sie ihm buchstäblich auf den Leib geschrieben ist. Der Zuschauer nimmt ihm ab, dass der Fettwanst Falstaff kein Kostverächter (im doppelten Sinn) ist.

„Falstaff“ ist eigentlich ein Ensemble-Stück par excellence, aber in Salzburg gerät es zunächst zum „Heimspiel“ für Maestri. Dahinter rücken Fiorenza Cedolins (Mrs. Alice) und Elisabeth Kulmann (Mrs. Quicky) etwas in den Hintergrund, während der junge Tenor Javier Camarena (Fenton) mit seinem Sonett „Dal labbro il canto“ das gesangliche Glanzstück der Premiere beisteuert. Die Wiener Philharmoniker brillieren - und das liegt sicher auch daran, dass Zubin Mehta und Maestri häufig zusammenarbeiten. Die von ihnen vorgeführte Klangschönheit lässt vergessen, dass Verdi im „Falstaff“ mit seinen musikalischen „Perlen“ äußerst sparsam umgegangen ist.

Den vielen „Bravo!“-Rufen im „Haus für Mozart“ für einen großen Musiktheaterabend kann man sich nur anschließen.


Slow Food Genussführer Deutschland 2015
Slow Food Genussführer Deutschland 2015
von Slow Food Deutschland e.V
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Mit Slow Food isst man am besten im Südwesten, 2. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
„Das Recht auf Genuss ist ein universelles Recht. Zum Genießen braucht es keinen Sternekoch…Auch ich habe lange Zeit den Feinheiten der Gastronomie nachgespürt. Jetzt genieße ich das einfache Essen“, hat Slow Food-Präsident Carlo Petrini gesagt. Also machten sich zum zweiten Mal über 400 ehrenamtliche Slow Food-Mitglieder auf den Weg, um „in einer schwierigen gastronomischen Landschaft, in der echte Qualität und authentischer Geschmack nicht leicht zu finden sind“, die Vorzüge der bezahlbaren regionalen Küche aufzuspüren.

Die zweite Ausgabe des Genussführers zeigt ein deutlich anderes Gesicht als das Premieren-Buch. Auf 448 Seiten werden für 2015 insgesamt 403 Gasthäuser empfohlen, 126 Adressen wurden neu aufgenommen, 23 gestrichen. Bei vielen weißen Flecken auf der kulinarischen Landkarte wurde nachgebessert, vor allem im Nordwesten, Berlin und am Bodensee. Problemzonen bleiben die östlichen Bundesländer. Um Platz 1 auf dem gastronomischen Treppchen ringen erwartungsgemäß wieder Bayern und Baden-Württemberg. Eine Slow Food-Hochburg ist die Region rund um Freiburg, aber auch die kleine Gemeinde Reichelsheim im Odenwald setzt mit gleich drei empfohlenen Adressen für Feinschmecker ein Ausrufezeichen! In den beiden neuen Sonderkapiteln „Bayerische Bräustüberl“ und „Märkische Fischlokale“ werden Häuser empfohlen, die auf bestimmte Produkte setzen. Diese speziellen Wegweiser sollen künftig noch intensiviert werden.

Aus „unserer“ baden-württembergischen Sicht ist besonders erfreulich, dass auch der „Rebstock“ in Vogtsburg-Oberbergen neu aufgenommen wurde. Er ist für uns der Prototyp eines Slow Food-Lokals. Über ihn heißt es zu Recht: „Auch nach sensibler Renovierung hat das Restaurant den Charme einer Dorfgaststätte behalten. Die Gerichte sind bodenständig, ohne rustikal zu wirken, es wird badisch-elsässisch gekocht. Die Produkte werden zusammen mit dem Sterne-Restaurant ,Schwarzer Adler‘ in der Region und damit auch aus dem nahen Elsass beschafft…Patron Fritz Keller legt Wert auf Kaiserstühler Charme.“ Von vielen Besuchen wissen wir, dass der „Rebstock“ längst auch zur Pilgerstätte für elsässische Gourmets geworden ist. Auch das „Gasthaus zur Krone“ in Schliengen-Mauchen hat sich seinen Eintrag redlich verdient. Über den neuen Patron Jan Kronfeld heißt es: „Behutsam hat der Chemnitzer Koch die bodenständige Markgräfler Küche verjüngt, ohne dabei irgendwelchem modischen Schickschnack zu verfallen.“ Wir möchten hinzufügen: Selbst der Salat wird hier zelebriert. In beiden Häusern gibt es ein fantastisches Weinangebot: In Oberbergen kommt es vom Weingut Keller, in Schliengen-Mauchen von Lämmlin-Schindler.

Der federführende Tester Wieland Schnürlich versichert: „Selbstverständlich kann sich niemand in den Genussführer hineinschreiben, die Auswahl erfolgt strikt nach unseren festgelegten Grundsätzen und erst nach mehreren Tests.“ Es muss nicht nur schmecken, auch das Ambiente und der Service werden begutachtet. Im Sinne der Gleichberechtigung ist es zu begrüßen, dass für die Darstellung jedes Lokals grundsätzlich nur eine Seite zur Verfügung steht. Manche Texte könnten noch etwas pfiffiger komponiert sein. Auf jeden Fall setzt dieser Genussführer einen deutlichen Kontrapunkt zu den herkömmlichen Futterbibeln. Schön, dass die Schnecke von Slow Food so flott unterwegs ist!


Opernführer: Neuausgabe
Opernführer: Neuausgabe
von Attila Csampai
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verdi auf den Punkt gebracht, 28. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Opernführer: Neuausgabe (Gebundene Ausgabe)
Drei Standardwerke braucht der Verdi-Fan: Das Verdi-Handbuch von Uwe Schweikert und Anselm Gerhard, die vier Bände „Die großen Sänger“ des „Stimmenpapstes“ Jürgen Kesting und diesen epochalen Opernführer, der 2006 in einer erweiterten Neuausgabe erschien, für den man sich mittlerweile aber bereits wieder eine Fortschreibung wünscht.

„Große Opern kennen kein Verfallsdatum“ schreiben die beiden Herausgeber Attila Csampai und Dietmar Holland in ihrem Vorwort. Gemeinsam mit zwei Dutzend Opernexperten stellen sie rund 300 Werke vor, die Musikgeschichte geschrieben haben. Auf den insgesamt 1600 Seiten wird Verdi mit 108 Seiten der meiste Raum gewidmet, gefolgt von Mozart (79), Wagner (71) und Puccini (49). Jede Oper wird nach dem gleichen Schema behandelt: Inhalt und Handlung, Kommentar, Wirkungsgeschichte und diskografische Empfehlungen, im Anhang gibt es zusätzliche Porträts von Librettisten.

Mit ihrer damaligen „Hitparade“ liegen die Autoren auch heute noch richtig: Verdis „Traviata“ war auch in den Spielzeiten von 2008/09 bis 2012/13 die weltweit populärste Oper, gefolgt von Carmen und La Bohème. Im gleichen Zeitraum war Verdi auch der populärste Komponist weltweit, mit großem Abstand gefolgt von Puccini und Mozart (Quelle: [...]).

„Die Kunst des Weglassens war gefordert“, räumen die Herausgeber ein. Verdi wird mit 17 seiner 26 Opern vorgestellt, leider fiel bei dieser Auswahl „I due foscari“ unter den Tisch. Aber auch der Verdi-Fan wird anerkennen: Hier sind Kenner am Werk. Es gehört ja ein gewisses Gespür für Prägnanz dafür, dem Leser eine Verdi-Oper auf nur wenigen Seiten näher zu bringen (nur bei Loriot ging’s noch kürzer!). Hier wird Verdi auf den Punkt gebracht.

In vielen Einschätzungen und Zitaten kann man sich wiederfinden: Mit „Nabucco“ begann Verdis eigentliche Laufbahn als Künstler. Nach Jahrzehnten weitgehender Bühnen-Abwesenheit geriet „Ernani“ zu einem der stärksten Werke vor „Rigoletto“. In „Luisa Miller“ ist vieles, was später für den Typus der Verdi-Oper signifikant wird, zumindest vorformuliert. Bei „Rigoletto“ ist die Kritik am „unmöglichen“ Libretto ebenso alt wie der Welterfolg selbst. Keiner anderen seiner bedeutenden Arbeiten ist so lange die Anerkennung der Fachleute versagt geblieben wie dem Publikumsliebling „Il trovatore“. Das Publikum hat es mit keiner der großen Opern Verdis so schwer wie mit „Simon Boccanegra“; sie gehört gleichwohl zu den großen und aufregenden Leistungen, die er vollbracht hat. Für „Don Carlos“ schrieb der Meister die umfangreichste, inhaltlich am weitesten gespannte und musikalisch innovativste Partitur. Der „Falstaff“ ist bis heute eine Oper für Kenner geblieben. Nur Attila Csampai folge ich nicht, wenn er mit Blick auf „Aida“ wettert: „Die unselige Tradition der Veroneser Freilichtaufführungen hat die Oper vollends zum puren Ausstattungsspektakel und zur grellen Fremdenverkehrsattraktion verkommen lassen“. Man kann den Weg zu Verdi auch über Verona finden.

Die diskografischen Empfehlungen von Kurt Malisch haben es in sich. Er setzt vorwiegend auf ältere Aufnahmen, wobei er auf Christoph Schwandt hätte hören sollen: „Viele historische und legendäre Aufnahmen, die von der unwidersprochen großen Kunst einzelner Interpreten wie etwa der Maria Callas leben, taugen leider kaum zu einer Begegnung mit dem Werk an sich. Meistens sind die übrige Besetzung mangelhaft, Chor und Orchester unbefriedigend, das Werk gekürzt, oder die Tonqualität fordert äußerste Toleranz bei Nebengeräuschen.“ Malischs Favoriten bei den Dirigenten (Toscanini, Gardelli und Muti) folge ich, nicht aber seiner Interpreten-Auswahl, wo auch Jürgen Kersting Carlo Bergonzi deutlich besser aufgestellt sieht als etwa Plácido Domingo. Bei DVD-Empfehlungen fehlt der Hinweis, dass einige ältere Aufnahmen keine deutschen Untertitel tragen.


Himmel und Erde: In der Küche eines Restaurantkritikers
Himmel und Erde: In der Küche eines Restaurantkritikers
von Jürgen Dollase
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,90

6 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nur „eine halbe Portion Siebeck“, 12. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Verlagswerbung ist maßlos überzogen: Der Chef-Gourmetkritiker der FAZ habe „ein Buch geschrieben, wie es noch nie geschrieben wurde.“ Es hat schon bessere Kochlesebücher gegeben. Man vergleiche nur den drögen Sprachstil Dollases mit dem Esprit des Londoner Sterne-Kochs Giorgio Locatelli!

Am interessantesten ist das Buch dann, wenn sich der Autor dem Leser gastrosophisch nähert – wenn er etwa den Unterschied zwischen Restaurant-Tester und –Kritiker erklärt. Aber auch dort entdeckt man Widersprüche. „Bis heute gebe ich mich mit dem Essen in einem Restaurant oft nicht zufrieden, sondern spiele die Erfahrungen zu Hause in der Küche zum besseren Verständnis praktisch durch“, schreibt Dollase, aber an anderer Stelle lamentiert er über die schlechten Einkaufsmöglichkeiten rund um seinen Wohnort. Ich glaube nicht, dass man jedes Essen aus einem Sterne-Restaurant problemlos daheim nachvollziehen kann. Das kommt natürlich auf den Wohnort an. Wir am Kaiserstuhl haben damit keine Schwierigkeiten: Hier erwarten uns in einem Hofladen bis zu 35 Kartoffel- und 20 Tomatensorten sowie Eier von glücklichem Federvieh mit eigenem Hühnermobil. Fünf Kilometer jenseits der deutsch-französischen Grenze erhalten wir im Supermarkt eine breite Fischauswahl sowie Geflügel mit dem geschützten Label rouge. Und dann sind da noch die attraktiven Wochenmärkte in Colmar, Mulhouse und Emmendingen. Wer solche Adressen nicht vor der Haustür hat, kann auf immer mehr Online-Gourmet-Versender zurückgreifen, Dollase kennt die besten Adressen (u.a. in Italien) offenbar nicht. Aber das alles reicht nicht: Denn zu einem Restaurantbesuch gehören auch der Service und das Intérieur – und das kann man zu Hause nicht simulieren.

Der Autor plädiert für neue Menü-Konzepte: „Man bekommt immer wieder das Gefühl, man würde vor allem sitzen und auf das Essen warten.“ Das sehen meine Frau und ich ganz anders: Wir kritisieren, dass in manchen Restaurants zu schnell serviert und damit das Essens-Erlebnis reduziert wird. Wenn man älter wird, braucht man keine sechsgängigen Menüs mehr. Dann freut man sich darüber, dass der Küchenchef eine Vorspeise in kleinerer Portion anbietet. Und wir warten auf das Restaurant, das ein Menü ohne Dessert anbietet (darauf kann der Gast zwar verzichten, aber er muss es in der Regel trotzdem mitbezahlen). Darüber würden sich dann auch unsere Waage und unser Zahnarzt freuen.

Dollase lädt den Leser ein in seine Küche. Aber dort köchelt es nur, es kocht nicht wirklich. Der Leser wartet auf auflockernde Zitate – aber dieser Autor zitiert und inszeniert sich eigentlich nur selbst. Viel zu viel Selbstdarstellung in Text und Bild, manches wirkt schulmeisterlich. Mir fehlt eine aktuelle Auseinandersetzung mit der wiederentdeckten deutschen Regionalküche und der Slow Food-Bewegung. Und schließlich gilt auch für Gastro-Kritiker: Wer neue Zeiten verkündet, ist selten ihr Beginn. Dollase glaubt, die Bratwurst neu entdeckt zu haben. Deren Bedeutung hat Heinrich Höllerl in seinem Buch „Die Bratwurst ist eine Fränkin“ vor über einem Jahrzehnt viel temperamentvoller beschrieben.

Deshalb ist dieses Buch nur „eine halbe Portion Siebeck“.


Arturo Toscanini Conducts Verdi
Arturo Toscanini Conducts Verdi
Preis: EUR 22,99

5.0 von 5 Sternen Der bescheidene Diener Verdis, 29. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Arturo Toscanini Conducts Verdi (Audio CD)
Dieses 12-CD-Boxset ist die Wiederveröffentlichung der von RCA erstmals 2005 herausgegebenen Toscanini-Verdi-Sammlung. Es ermöglicht nicht nur ein Wiederhören der unlängst verstorbenen Licia Albanese. Der Star-Dirigent arbeitete auch bei Verdi-Inszenierungen mit etlichen großen Künstlern seiner Zeit zusammen, unter ihnen Robert Merrill, Zinka Milanov, Jan Peerce, Leonard Warren und Richard Tucker.

Eines ist ja unumstritten: Teilweise noch sein Weggefährte, stand Toscanini Verdi wohl so nahe wie kein zweiter Dirigent. Sein unaufhaltsamer Aufstieg hat viel mit Verdi zu tun. So leitete er 1949 in Rundfunk und Fernsehen erstmals eine konzertante Aufführung von „Aida“, hatte aber schon 1886, als 19jähriger Cellist, auf einer Gastspielreise in Rio de Janeiro, eben diese „Aida“ dirigiert. Jede Partitur dirigierte Toscanini auswendig, auch die Operntexte beherrschte er komplett. Zuletzt zeigte er seine Meisterschaft als 87-Jähriger (!) bei einer Inszenierung des „Maskenballs“, in der er Verdis Tempi generell beschleunigte und damit für viel Diskussionsstoff sorgte. Und selbst im Tod waren sich Verdi und Toscanini offenbar einig: Als Toscanini 1957 in Mailand beigesetzt wurde, erklang der Gefangenenchor aus „Nabucco“ – den hatte Toscanini 56 Jahre zuvor bei Verdis Begräbnis, ebenfalls in Mailand, dirigiert.

Der „Spiegel“ schrieb, als der Dirigent 1957 starb: „Toscanono nannten die Musiker den kleinen Italiener. Das unwillige ;No, no’ hat er ungleich öfter in allen Tonlagen artikuliert als irgendein Wortzeichen der Zustimmung.“ Der in Parma Geborene galt eben auch als Tyrann, legendär sind seine zerbrochenen, in voller Wut zerstörten Taktstöcke. Als er die Mailänder Scala im wahrsten Sinne des Wortes „dirigierte“, nannte er sie einen „Augiasstall“, den er habe säubern müssen. Gerade mit Blick auf Verdi gilt: Werktreue war stets Toscaninis oberstes Gebot, er fühlte sich als bescheidener Diener des Komponisten.

Die FAZ schrieb: „Toscaninis Falstaff wirkt heute noch so modern, als wäre er eben erst eingespielt worden.“ Und sie lobte seine politische Integrität: „Im Italien Mussolinis, in Hitlers Bayreuth und in Salzburg nach dem ,Anschluss’ ist er nie wieder aufgetreten; er emigrierte nach Amerika.“


Il Po: Kulinarische Impressionen
Il Po: Kulinarische Impressionen
von Michael Langoth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,99

5.0 von 5 Sternen Das Zelebrieren des Einfachen, 29. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es gibt, neben den gängigen Reiseführern, kaum empfehlenswerte deutschsprachige Literatur über die Po-Ebene. Deshalb schließt dieses Buch des Wiener Fotografen und Kochs eine große Lücke. Es ist Fotoband und Kochschule zugleich, nur ergänzend ein Rezeptbuch, und es liefert auf 224 Seiten jede Menge Denkanstöße.

Wichtig ist Michael Langoth, „dass es Konsumenten gibt, die sich beim Essen auskennen, die wissen, was Qualität ausmacht und was kulinarischer Schund ist. Davon gibt es in dieser Ebene noch immer viele.“ Damit spielt er natürlich auf die Heimat der Slow Food-Bewegung an. Der Autor will nicht behaupten, „dass die norditalienische Küche unbedingt die beste der Welt ist, aber man kann von ihr wie von kaum einer anderen lernen, seinen Geschmack zu sensibilisieren und sich darauf zu besinnen, was wesentlich ist und was überflüssig. Auch das Konzept der regionalen Produktion und der jahreszeitlichen Änderung der Speisen ist in dieser Kochkultur tief verankert, die man stolz gegen die Widrigkeiten einer globalen Lebensmittelindustrie und einer kulinarischen Beliebigkeit behauptet.“ Bei der Küche der Padana gehe es um das Zelebrieren des Einfachen: „Die eigentliche Würzzutat ist eindeutig der Parmesan, unverzichtbar für einen Großteil aller Speisen.“

Das Buch brilliert durch eindrucksvolle Bilder, Außen- wie Studioaufnahmen, mit denen uns der Autor Land und Leute schnell näher bringt. Aber der Fotograf hat vor Ort auch gut recherchiert. So bei der Parmesan-Lagerung, wo während der Qualitätskontrolle die Akustik die wesentlichste Rolle spiele: „Die Räder werden mit einem kleinen Stahlhammer angeschlagen, und der Käsemeister erkennt anhand des Klangs die innere Beschaffenheit des Käses. Er hört und fühlt mit der aufgelegten Hand die Resonanzschwingungen und spürt damit unerwünscht Löcher und Hohlräume im Inneren auf.“ Der berühmte „Nebelschinken“ Culatello di Zibello erinnere zwar „ein bisschen an staubige Mumien“, man huldige ihm aber zu Recht in aller Welt. Und man erzähle sich am Po, dass bei zwei Culatelli, die vom gleichen Tier stammen, meist nur einer wirklich perfekt werde. Der Grund dafür sei, das Schweine als Gewohnheitstiere immer auf der gleichen Seite schlafen, was die Blutzirkulation in der Pobacke, auf der sie liegen, einschränkt und so die Zartheit des Fleisches beeinflusst. Der Autor witzelt: „Vielleicht sollte man Schweine beim Schlafen mehrmals umdrehen.“

Originell illustriert ist die Kochschule, bei der es um Grundprodukte, die richtige Pasta und die Kochtechnik für Pasta, Risotto, Schmoren und Gemüse geht. Im Rezeptteil wird erläutert, warum es Spaghetti bolognese in Italien gar nicht gibt. Dem Wiener Feinschmecker angetan haben es das Pollo ai Carciofi (Huhn, mit Artischocken geschmort), die Minestrone alla Romagnola (Gemüseeintopf aus der Romagna) und vor allem der Winter-Radiccio aus Treviso.

Für sein Werk „Mekong Food“ hat Langoth die Silbermedaille der Gastronomischen Akademie Deutschlands erhalten, dieses neue Stadt-Land-Fluss-Kochtopf-Buch ist ebenso preiswürdig. Auch deshalb, weil es uns kulinarische Glaubenssätze eines anderen Landes näherbringt: „Ciò che si mangia con gusto non fa mai male“ (Was du mit Genuss isst, macht dich nicht krank).


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