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Rezensionen verfasst von
Hans-Walter Scheffler

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Vis-à-Vis Straßburg & Elsass
Vis-à-Vis Straßburg & Elsass
Preis: EUR 22,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Straßburg - und das "restliche" Elsass, 26. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Bei diesem englischen Verlag habe ich zwei Seelen in meiner Brust: Einerseits gibt er hervorragende Kochbücher heraus, andererseits müsste die Konzeption der Reiseführer einmal überprüft werden. Das gilt auch für diese Neuerscheinung, wobei der Verlag den Leser im Impressum verwirrt: Da steht etwas von einer „aktualisierten Neuauflage 2013/2014“, tatsächlich handelt es sich aber wohl um eine Erstveröffentlichung.
Auf 280 Seiten bietet der Reiseführer kompaktes Wissen. Eine eigene Straßburg-Karte und 3-D-Aufrisszeichnungen zum Beispiel vom Straßburger Münster und dem Europaparlament sind ein guter Service. Aber das Buch suggeriert, dass ein Elsass-Urlaub nur aus dem Abklappern von Sehenswürdigkeiten besteht. Ein Reiseführer sollte uns an die Hand nehmen und zu individuellen Plätzen führen, aber diese persönliche Note fehlt hier völlig.
Zum Inhalt: Zwar werden die Integrationsprobleme in den Vorstädten von Straßburg und Mulhouse kurz erwähnt, aber dann heißt es: „Elsässer sind überaus europafreundlich.“ Sie wählen aber auch sehr rechtslastig, und das wird verschwiegen. Überhaupt nicht nachvollziehbar ist die Schieflage bei den Städteporträts von Straßburg und Colmar. Straßburg werden 85 Seiten, Colmar ganze vier (!) gewidmet. Das wird wohl selbst ein Elsässer nicht verstehen! Ein gerade bei Deutschen sehr beliebtes „Fressdorf“ wie Ottrott-le-Haut wird überhaupt nicht erwähnt. Zwar wird der Crémant d’Alsace als Alternative zum Champagner vorgestellt, der Pinot Noir findet dagegen nur in einem Nebensatz statt. Noch nie etwas von guten Rotweinen aus Turckheim oder dem Rouge d’Ottrott gehört? Die Fermes Auberges, die Bergbauerngasthöfe, werden zwar als alternatives Urlaubsziel erwähnt, kein einziger aber vorgestellt. Und in der Kategorie „Berühmte Elsässer“ fehlen mit dem Liedermacher Roger Siffer und dem unlängst verstorbenen Literaten André Weckmann zumindest zwei wichtige Namen.
Dieser Reiseführer ist eher ein Lexikon denn ein Helfer bei der Spurensuche. Zu Straßburg-lastig, viel zu viel Folklore und zu wenig Tipps für das „andere Elsass“ jenseits der Touristenbusse, zum Beispiel in den Vogesen. Und der Titel ist auch falsch: Es gibt nur Strasbourg (französisch) oder Straßburg (deutsch).


Rolando Villazon's Viva Verdi!
Rolando Villazon's Viva Verdi!
Preis: EUR 19,98

12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Villazóns Verdi-Hitparade, 24. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Rolando Villazon's Viva Verdi! (Audio CD)
Aller guten Dinge sind Drei: Mit „Rolando Villazón singt Verdi“ präsentierte uns der Tenor sein Verdi-Repertoire vor der Stimmkrise, mit „Villazón Verdi“ das Comeback nach seiner Auszeit, und jetzt folgt mit „Viva Verdi!“ seine ganz persönliche Auswahl von Verdi-Lieblingsstücken.
34 Titel auf dieser Doppel-CD – da hatte er die Qual der Wahl. Bei seiner „Hitparade“ lässt er diesmal die frühen Verdi-Stücke aus, steigt bei Nabucco und dann erst wieder bei Rigoletto ein. Mit Carlo Bergonzi fällt ein Verdi-„Veteran“ aus dem zeitlichen Rahmen. Villazón erklärt dazu, dies sei seine erste Verdi-Oper gewesen, die er selbst besuchte. Aber vielleicht hat er auch Bergonzis damalige Äußerungen gelesen, wonach „durch Verdi genauso viele Tenöre ruiniert wie gemacht wurden. Erstens, weil er einem nichts schenkt, weil er keinerlei fehlerhafte Ausführung oder Abweichungen von seinem Stil duldet. Und zweitens deshalb, weil seine Rollen so bekannt und beliebt sind, dass es das Publikum nicht tolerieren würde, wenn man sie schlecht oder mit falschem Ausdruck singen würde. Wenn die Leute das Orchester diesen meisterlichen, wunderbaren typischen Verdi-Sound spielen hören, dann erwarten sie, dass die Stimme des Sängers auf der Bühne darauf mit den entsprechenden Klangfarben reagiert. Wenn das nicht geschieht, kann es, vor allem in Italien, passieren, dass sie sehr ungehalten werden und kein Hehl aus ihrer Enttäuschung machen. Das haben schon viele Sänger erlebt, viele große Künstler, deren Stimmen einfach nicht verdihaft klangen. Aus diesen Gründen glaube ich, dass ein Sänger intelligent sein muss, um Verdi zu singen.“
Die folgende Auswahl Villazóns hat viel mit seinen persönlichen Begegnungen der jüngeren Vergangenheit zu tun. Natürlich darf da die Salzburger Traviata mit Anna Netrebko nicht fehlen, und ebenso treten auf seiner Verdi-Bühne auch Pavarotti, Carreras und Domingo auf. Er selbst hält sich zurück und begnügt sich mit Auftritten bei La Traviata, Falstaff und der Messa da Requiem. Jede Auswahl bleibt subjektiv, auch die des „Insiders“ Villazón. Aber einige kleine Überraschungen gibt es dann doch: So den Malteser Joseph Calleja in Rigoletto, Rosalind Plowright in Il Trovatore, Florence Quivar in der Messa da Requiem, Grace Bumbry in Don Carlo und Bryn Terfel im Falstaff – alles beachtliche Auftritte, aber diese Auswahl ist natürlich ebenso hörenswert wie diskussionswürdig. Und das macht den besonderen Reiz dieser „Hitparade“ aus.
Villazón sagt: „Große Stimmen kommen und gehen, aber Verdi bleibt, und er bleibt immer modern …Es ist ganz gleich, ob man Opern liebt oder nichts darüber weiß: Man wird einfach gepackt, man ist gefesselt.“ Mit dieser Doppel-CD hat Villazón untermauert: Er ist ein exzellenter Verdi-Botschafter.


Das kleine Uli-Hoeneß-Buch: Respektloser Scharfmacher, Besserwisser-ein Macho? Geschichten, Anekdoten, seine Sprüche
Das kleine Uli-Hoeneß-Buch: Respektloser Scharfmacher, Besserwisser-ein Macho? Geschichten, Anekdoten, seine Sprüche
von Claus Feldner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 11,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Helmut Kohl des deutschen Fußballs, 24. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
An dem „Phänomen“ Uli Hoeneß haben sich schon viele Journalisten und Buchautoren versucht – dieses Buch erscheint ausgerechnet zu einer Zeit, da mit dem Steuersünder ein ganz neues Kapitel geschrieben wird. Müssen jetzt alle Texte umgeschrieben werden?
Irren ist menschlich - und das wird dann wohl auch für viele Biografen von Hoeneß gelten. Dass die Bild-Zeitung fragte: „Brauchen wir mehr Hoeneß in der Politik?“ ist ja journalistischer Eintopf, wie man ihn nicht anders erwartet. Aber auch „Der Spiegel“ schrieb noch Anfang 2013: „Hoeneß erscheint gerade wie der mustergültige Deutsche, wie ein Vorbild für das ganze Land.“
Der Buchautor Claus Feldner sagt von vornherein, Hoeneß stecke voller Widersprüche: „Knallharter Kaufmann, rücksichtsloser Bayern-Manager, ständig auf Konfrontation getrimmt – einerseits. Mitfühlender, sensibler ,Übervater’ seiner Spieler, sozial engagierter Helfer, nicht nur im Fußball, liebenswerter Mensch und sorgender Familienvater – andererseits.“ Gut lesbar wird die Jugendzeit in Ulm geschildert, aber die Ulmer müssen damit leben, dass Hoeneß mittlerweile nur noch als echter Bayer wahrgenommen wird, „nicht nur dann, wenn er auf dem Oktoberfest mit Lederhose an Hosenträgern durchs Bierzelt läuft.“
Lesenswert auch diese Anekdote: „Mit Sakko und Krawatte trat er am 1. Mai 1979 seinen ersten Tag als Manager der Bayern an. Er wollte ja am ersten Arbeitstag bei allen einen guten Eindruck hinterlassen. Das Problem dabei war nur, dass es überhaupt niemand mitbekommen hatte. Die Mannschaft hatte an diesem Tag frei, und auch von den restlichen Angestellten war kaum jemand da: Nach zwei Stunden ging er wieder nach Hause. Die Krawatte ließ er von da an im Schrank.“ Interessant auch das, was Feldner zu den persönlichen „Feldzügen“ von Hoeneß schreibt, beim Drogen-Krach um Christoph Daum ebenso wie bei seinem Dauerdisput mit dem Bremer Manager Willi Lemke.
Das Buch ist vor den jüngsten Schlagzeilen geschrieben und veröffentlich worden, aber deshalb wirken natürlich manche markige Zitate jetzt um so selbst entlarvender. So soll Hoeneß über Spekulationsgeschäfte von Banken gesagt haben: „Ich habe für mein Schweinefleisch fünf verschiedene Lieferanten. Ich rufe an, lasse mir die Preise geben und kaufe dann. Für was aber brauchen Banker Schweinebäuche?“ Und an anderer Stelle: „Natürlich will ich Erfolg, aber nicht um jeden Preis. Wenn es um Geld geht, muss man auch mal zufrieden sein. Den Status quo zu erhalten ist auch eine Herausforderung.“
Ab zu und zu lässt der Autor durchaus Sympathie für seine Titelfigur durchblicken, etwa, wenn er auf ein Hoeneß-Zitat von 2009 verweist: „Politisch wünsche ich mir, dass die Union mit den Grünen zusammengeht: Wir brauchen dringend wirtschaftliche Kompetenz, gepaart mit sozialem Bewusstsein und dem Blick für die Umwelt.“ Aber kein gutes Haar lässt er an den politischen Forderungen des Bayern-Präsidenten: „Steuerreform und –vereinfachung, alle Subventionen weg, längere Arbeitszeiten, Anreize schaffen, dass die Menschen mehr Kinder kriegen. Wenn es so einfach wäre. Uli Hoeneß und viele andere sollten wissen, dass es bis heute Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die keine Chance haben, ihres Glückes Schmied zu sein.“
Die Diskussion der nächsten Monate wird zeigen, ob es tatsächlich eine ehrliche Debatte über die Sozialpflichtigkeit des Kapitals und über Steuergerechtigkeit in unserem Land gibt. Am besten fand ich den Vergleich in der FAZ, wonach Uli Hoeneß so etwas wie der Helmut Kohl des deutschen Fußballs geworden sei: „Beides Bauchmenschen von Berge versetzender Beharrlichkeit, beides Macht – und Rechthaber, die sich am Ende womöglich in ihrer eigenen Welt verrannt haben.“
Uli Hoeneß über sich: „Ein Uli Hoeneß lässt den FC Bayern nie im Stich. Und wenn irgendein Problem entsteht, würde ich zur Not hier sogar ein halbes Jahr den Platzwart machen.“ Schaun wir mal.


Giuseppe Verdi - Eine italienische Legende: Teil 1-8 (Fernsehjuwelen) [4 DVDs]
Giuseppe Verdi - Eine italienische Legende: Teil 1-8 (Fernsehjuwelen) [4 DVDs]
DVD ~ Ronald Pickup
Preis: EUR 26,99

19 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Geburtstagsgeschenk für Verdi-Fans, 13. April 2013
Das ist ein wahres Geburtstagsgeschenk für alle Verdi-Fans.
Als im Sommer 1985 in der ARD die achtteilige TV-Serie „Eine italienische Legende – Giuseppe Verdi“ startete, ließ „Der Spiegel“ kaum ein gutes Haar an ihr. Über den 71-jährigen Regisseur und Drehbuchautor Renato Castellani konnte man da lesen: „Er ist zum Dirigenten einer ungewöhnlichen Mammutproduktion geworden. In der vom italienischen, französischen, englischen, schwedischen und sowjetischen Fernsehen sowie dem WDR und dem Bayerischen Rundfunk finanzierten Serie wirken 20000 Komparsen mit. Die Kosten beliefen sich auf über zwölf Millionen Mark, gedreht wurde an Verdis Geburtsort Le Roncole bei Busseto sowie in Mailand, Venedig, London und Leningrad. Maria Callas, Mario del Monaco, Luciano Pavarotti und andere Stars singen die Parts aus Verdis berühmtesten Werken.“
Immerhin musste auch „Der Spiegel“ einräumen: „Bei der Ausstrahlung vor drei Jahren in Italien wurde das Verdi-Opus zum Straßenfeger, erhielt in den USA sogar einen Preis für die beste Regie“. Gleichwohl fiel das Kritiker-Urteil bissig aus: „Satt setzt Castellani auf die sentimentale Qualität der Töne Verdis, nicht eine Dissonanz zerstört die Fernsehharmonie. Zwar mit historischen Anspielungen, doch hohl, ohne Sinn für die gesellschaftlichen Zusammenhänge, hat Castellani sein Genre-Bild eines von den Musen geküssten Musikers inszeniert, der in der Tat kein revolutionärer Komponist war, sondern lediglich Vollender einer kompositorischen Idee. Unterwürfig begegnet Castellani diesem Denkmal, als stünde ein Mann ohne Eigenschaften auf dem Sockel. In diesem Sinne kongenial, spielt der Engländer Ronald Pickup den kantenlosen Harmoniker.“
Bisher gab es das 4-DVD-Box-Set nur in englischer und italienischer Sprache, ohne deutsche Untertitel. Aber die Fernsehserie hat im Internet seit Jahren viele Freunde. Da heißt es: „Die mehrteilige Verdi-Biografie war anrührend, voller menschlicher und musikalischer Emotionen und durchsetzt von wunderschönen Opernausschnitten aus den großen italienischen Verdi-Premieren-Theatern. Ein wundervoller Film, der uns auch nach wohl mehr als 20 Jahren immer noch in lebhafter Erinnerung ist.“ Und eine andere Internet-Nutzerin schrieb: „In Zeiten von DSDS, Big Brother und den gruseligsten Wiederholungen wäre es wirklich schön, wenn man wenigstens ab und an für die gezahlten GEZ-Gebühren wirklich sehenswertes Fernsehen bekommen würde. Nachdem meines Wissens die letzte Wiederholung in den öffentlich-rechtlichen Programmen schon rund 20 Jahre zurückliegt, würde ich mich sehr über eine erneute Wiederholung oder, noch besser, über die Veröffentlichung auf DVD freuen – und ich bin sicher nicht die einzige …“
Jetzt sind derartige Wünsche wohl erhört worden, das DVD-Box-Set dürfte ein Verkaufsschlager werden.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 17, 2013 11:45 AM MEST


DuMont Reise-Taschenbuch Reiseführer Elsass
DuMont Reise-Taschenbuch Reiseführer Elsass
von Manfred Braunger
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein Fauxpas auf der Sauerkrautstraße, 6. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es gibt immer mehr Reiseführer fürs Elsass, dieser zählt auch in seiner 3., aktualisierten Auflage nicht zu den besten.
„Zwischen 12 und 14 Uhr könnte die Welt untergehen – die am Mittagstisch tafelnden Elsässer würden es nicht einmal merken“, schreibt der Autor. Als jahrzehntelange Grenzgänger beobachten wir schon seit Jahren einen anderen Trend: Immer mehr Elsässer zieht es zum (guten, aber preisgünstigeren) Essen nach Baden, und sie schimpfen häufiger über die hohen Preise ihrer eigenen Weine. Der Autor selbst merkt an, dass „solide elsässische Küche immer mehr ins Hintertreffen zu geraten scheint“, und so bekommt man in vielen Lokalen einen Baeckeoffe auch auf Vorbestellung gar nicht mehr.
Mehrfach wird der Leser vor „Busladungen“ gewarnt, aber die kommen vielerorts eben nicht nur zu den Feiertagen. Selbst ein Besuch von Eguisheim ist ja kein Muss, man kann sich im benachbarten und viel ruhigeren Turckheim auch wohl fühlen. Ähnliches gilt für die Bergbauerngasthöfe: An der Route des Crêtes liegen die überlaufensten Fermes-Auberges, die besten und ruhigsten findet der Wanderer aber dort, wo keine Busladungen hinkommen.
Der samstägliche Wochenmarkt auf dem Place St. Joseph in Colmar wird nur am Rande gestreift, dabei ist er neben dem in Mulhouse ein absolutes Highlight. Der Autor erwähnt zwar (mit ganzen fünf Zeilen!) das Mundarttheater Choucrouterie von Roger Siffer in Straßburg, aber nicht das dazugehörige gleichnamige Restaurant, in dem es eine selbst für Elsässer Verhältnisse unglaubliche Vielfalt von Sauerkrautvariationen gibt.
Reiseführer können nicht hochaktuell sein, weil sie oft einen Redaktionsschluss mit langem Vorlauf haben. Aber dieser Fauxpas hätte dann doch vermieden werden müssen. „In Blaesheim“, schreibt der Autor, „verköstigt im Restaurant Chez Philippe mit Philippe Schadt der Initiator der elsässischern Sauerkrautstraße anspruchsvolle Gäste.“ Das macht er allerdings schon seit Ende August 2010 nicht mehr; damals wurde das Kultlokal geschlossen, weil Philippe keinen Nachfolger fand. Der Patron selbst starb im April 2012. Nachgereicht sei dem Autoren, was es im Januar 2001 beim Treffen Chirac/Schröder in Blaesheim zu essen gab: Gänseleberpastete, Sauerkraut, Fisch und einen edlen Muscat.
Überzeugend wirkt das Buch immer dann, wenn zu Entdeckungstouren eingeladen wird. Ich bevorzuge aber den Alternativführer aus dem Michael Müller Verlag.


Verdis letzte Versuchung: Roman
Verdis letzte Versuchung: Roman
von Lea Singer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine Dreiecksgeschichte, kein Eifersuchtsdrama, 2. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Im Jahr 2000 hat die Münchener Kunsthistorikerin Eva Gesine Baur ihr Buch „Zu Gast bei Verdi“ veröffentlicht. Schon da zeigte sich, dass sie „ihren“ Verdi gut studiert hat, das Buch zählt aus meiner Sicht zu den besten Belletristik-Veröffentlichungen über den Maestro. In Verdis Jubiläumsjahr präsentiert die Autorin jetzt, unter dem Pseudonym Lea Singer, einen Roman, der die Beziehungen zwischen dem Komponisten, seiner zweiten Frau Giuseppina und der Opernsängerin Teresa Stolz beleuchten soll.
Über Verdi wissen wir zunächst nur: Auch er litt schon unter Paparazzi, und in seinen zahlreichen Briefen gab er so gut wie nie etwas über sein ganz intimes Privatleben preis. Wenn die Autorin einige Jahre (1868-1879), in denen sich die Wege der drei Protagonisten entscheidend kreuzten, aufarbeitet, kann sie sich folglich nur auf wenige überlieferte Zitate stützen. Hinter dem größten Teil der Selbstgespräche von Peppina, Teresa und Giuseppe stehen mehr Frage- als Ausrufezeichen.
Volker Hage urteilte im „Spiegel“: „Eva Gesine Baur hat die Freiheit des Fabulierens behutsam zu nutzen gewusst.“ Die Autorin selbst formulierte 2000, Teresa Stolz bleibe, „nachdem das Liebesverhältnis einem freundschaftlichen gewichen ist, bis zu Verdis Tod fast ein Familienmitglied“. So weit muss man noch nicht einmal gehen. In ihrer Biografie über Giuseppina Strepponi schrieb die Berliner Kulturhistorikerin Irene Tobben 2003 über Verdi: „Wir wissen nur wenig über seine Beziehungen zu ihr, wir wissen nicht einmal, ob da was war oder nicht’. Mir scheint, Biografen neigen dazu, die Liebesgeschichten ihrer ,Helden’ in eine Rangordnung zu bringen, bei der dann auffallend oft Männer erst im Alter die Frau treffen, die ,wirklich’ zu ihnen passt; die letzten Liebesgeschichten sind oft die ,erfülltesten’. Als Verdi Teresa Stolz begegnete, war er seit über 20 Jahren mit Giuseppina zusammen. Auch die hatte einmal eine schöne Stimme, die ihn faszinierte, auch sie war gewiss nicht ohne Anziehungskraft (gewesen). Warum die eine Liebe zugunsten der anderen degradieren?“
An einer Stelle lässt Eva Gesine Baur Giuseppina über ihr Verhältnis zu Verdi fragen: „Oder haben wir beide unser Leben zu einem Ausstattungsproblem werden lassen, um mit Brokatvorhängen und Spiegeln und Gemälden zu verdecken, dass uns die Leidenschaft verloren gegangen ist – so allmählich, wie im November die Bäume ihr Laub verlieren?“ Das könnte eine Deutung sein: Der alternde Musiker, der sich mehr um sein Lebenswerk als um seine fürsorgliche Frau kümmerte, der aber Teresa Stolz nicht als seine „Nebenfrau“ betrachtete, sondern als Künstlerin, die seinen Vorstellungen am nächsten kam. Auf der Opernbühne, aber nicht auf der Bühne des Lebens. Am Ende bliebe dann eine Dreiecksgeschichte, aber sicher kein Eifersuchtsdrama.


Das Huhn: Geschichte, Biologie, Rassen
Das Huhn: Geschichte, Biologie, Rassen
von Catrin Rutland
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

4.0 von 5 Sternen Das Huhn, wie es leibt und lebt, 1. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mit diesem Buch wird der amerikanische Autor seinem Anspruch gerecht, wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu vermitteln; vier weitere Experten unterstützen ihn dabei. Es ist zunächst ein Fachbuch für Geflügelzüchter und –halter und solche, die es werden wollen. Hühner, so der Autor, seien eine „einträgliche Tierart“, die im Garten zusätzliche Vorteile böten: „Sie fressen Schädlinge wie Zecken, Ameisen, Raupen, Schnecken und Nachtschnecken, gelegentlich allerdings auch einen wertvollen Kohl- oder Salatkopf – perfekt ist schließlich niemand … Nicht zuletzt lehren sie Kindern etwas über den Kreislauf des Lebens und über die Mühen und die Verantwortung, die erforderlich sind, um einem Stück Land Nahrungsmittel abzutrotzen.“
In vier Kapiteln vermitteln die Verfasser eine Fülle wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Haushühner, das fünfte bietet einen Überblick über die einzelnen Rassen. Gleich beim Einstieg erfährt der Leser interessante Fakten wie diese: Es gibt fast dreimal so viele Hühner wie Menschen. Hennen legen auch ohne Hahn Eier. Küken kommunizieren schon im Ei untereinander mit Pieptönen. Das kann dazu führen, dass alle gleichzeitig schlüpfen. Und - Hühner können bis zu 14,5 km/h laufen.
Auch seien sie intelligente Wesen: „Sie sind so schlau, wie sie es sein müssen, um in der Umgebung erfolgreich zu sein, in der sie sich entwickelt haben.“ Man könne Hühner sogar abrichten: „Richtet man sie erst auf jeden Einzelschritt und dann auf ihre Kombination ab, kann eine Henne auf einen Knopf picken, um auf eine Stange über einem Wassertank zu gelangen, die Stange überqueren, dreimal an einer Schnur ziehen, um eine Tür zu öffnen, am Ende eines T-Labyrinths rechts abbiegen und dann über Wasser springen, um in einen Nistkasten zu gelangen.“
Die Autoren verfassten ihr Buch aus globaler Sicht. So ist es enttäuschend, dass das Phänomen der Bressehuhn-Aufzucht nicht vorkommt. Auch dürften manchen Lesern kritische Worte über die Massentierhaltung fehlen. „Bei den modernen kommerziellen Stämmen und Haltungsbedingungen geht es nur noch um Leistung, also um Fleisch und Eier, nicht mehr um die Hühner selbst und ihre Haltung“… Es ist sinnlos geworden, diesen Rassen überhaupt noch Namen zu geben; ihre Bezeichnungen ähneln eher denen verschiedener Fahrzeugmodelle“ – solche Sätze reichen da wohl nicht aus.
Eindrucksvolle Bilder sorgen aber für viel Freude, ein Foto zeigt gar ein Huhn auf einem Skateboard. Auch Jan Grossarth sang in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ein „Hoch auf das Huhn: Das Huhn weist insgesamt in die Zukunft. Ökonomische, biologische und theologische Argumente sind auf seiner Seite. Es ist günstig und wird, anders als das Schwein, auch von Muslimen mit großer Freud’ gegessen … Das moderne Huhn wird sich von Berlin und Brüssel nicht aufhalten lassen. Es wird Rind und Schwein mit Leichtigkeit überflügeln.“ Hoffentlich bleibt dabei die Achtung vor diesen „faszinierenden Lebewesen“ (Joseph Barber) nicht auf der Strecke.


Die schönsten Dörfer Burgunds
Die schönsten Dörfer Burgunds
von Hugh Palmer
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Juwelen in Burgund, 29. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sieht man von den gängigen Reiseführern ab, ist die aktuelle deutschsprachige Literatur über Burgund, seine Weine und Ortschaften sehr überschaubar. Martina Meuth schrieb ihr Burgund-Buch schon 2001, der Niederländer Hubrecht Duijker sein Weinbuch bereits 1980. Andere Weinbücher wie die von Bill Nanson, Clive Coates und Remington Norman liegen leider nur auf Englisch vor. Das Werk des englischen Reisejournalisten James Bentley erschien schon 1999 auf Deutsch, es schließt bis heute aber eine Lücke, weil hier nicht berühmte Ortschaften porträtiert werden, sondern uns der Autor auf eine Entdeckungsreise in das weniger bekannte Burgund einlädt.
Gemeinsam mit dem Fotografen Hugh Palmer nimmt er uns mit in die schönsten Dörfer und zeigt uns deren reizvolles Innenleben abseits der großen Touristenpfade. James Bentley und Hugh Palmer gelingt es mit präzisen Texten und einfühlsamen Fotos, Lust auf diese „Nebenstraßen“ zu wecken. Die Bilder zeigen Details aus dem dörflichen Leben, bis hin zu Wochenmärkten und Gaumenfreuden. Präsentiert werden auch die gemusterten Dächer Burgunds und die romanische Baukunst.
Vorgestellt werden Ortschaften aus allen vier Departements Yonne, Nièvre, Côte d’Or und Saône-et-Loire. Eines dieser Dörfer ist Fixin, wo zwar die berühmte Côte d’Or beginnt, dennoch liegt der Ort im Schatten der berühmten Nachbarn Gevrey-Chambertin und Nuits-Saint-Georges. Dabei haben Fixin und der angeschlossene Weiler Fixey nicht nur zwei schöne alte Kirchen zu bieten, sondern auch ein Napoleon-(Freilicht-) Museum. Claude Noisot, ehemals Capitaine de la Garde in Napoleons Diensten, wählte Fixin als seinen Ruhesitz. Dem Kaiser zu Ehren ließ er 1837 das Monument „Das Erwachen Napoleons“ und einen Park anlegen, der ganzjährig zugänglich ist. 100 Treppenstufen symbolisieren die 100 Tage zwischen Napoleons Flucht von Elba und seiner Niederlage bei Waterloo. Von Mitte April bis Mitte Oktober werden im „Musée Noisot“ am Wochenende Erinnerungsstücke an Napoleons Feldzüge gezeigt.
Von den Mönchen von Citeaux, wenige Kilometer südlich von Dijon, soll die Erkenntnis stammen: „Qui bon vin boit, Dieu boit“ (Wer guten Wein trinkt, trinkt Gott). Um die Weinlagen Clos Napoleon und Chambertin ranken sich besondere Anekdoten. Noisot gelang es; einen kleinen Weinberg ganz in seinen Besitz zu bringen. Zum Gedächtnis an seinen Kaiser wollte er den Namen Napoleon auch in einem Wein verewigt sehen. Die Vorliebe Napoleons für den Chambertin geht wahrscheinlich auf die Zeit zurück, da er als junger Artillerieoffizier im Süden der Côte d’Or stationiert war. Gewöhnlich kaufte Napoleon fünf bis sechs Jahre alten Chambertin, und er trank davon bei jeder Mahlzeit eine halbe Flasche. Aber was Napoleon auch trank – es musste erst gekühlt werden, und er goss immer Wasser hinein …auch in seinen Chambertin.“ Die Legende besagt, dass Napoleon vor der Schlacht bei Waterloo seinen Lieblingswein nicht zur Verfügung hatte und vielleicht deshalb geschlagen wurde. Fest steht jedenfalls, dass man sein Ende auf St. Helena dadurch beschleunigte, dass man ihm kein frisches Gemüse gab – und außerdem Bordeaux statt Chambertin.


Markgräflerland: Streifzüge zwischen Weinweg und Weinstraße
Markgräflerland: Streifzüge zwischen Weinweg und Weinstraße
von Wolfgang Abel
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über Landlust und essbare Landschaften, 25. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In einem seiner früheren Bücher musste sich das Markgräflerland die Seiten noch mit Freiburg und dem Breisgau teilen; jetzt hat sich der Autor Wolfgang Abel wohl auch einen eigenen Wunsch erfüllt und ist auf 80 Kilometern auf der Route des Markgräfler Weinweges, von Weil bis nach Ebringen, unterwegs gewesen. Auf gut 350 Seiten präsentiert er ein kurzweiliges Menü aus Heimatgeschichte, Gastronomie und Kultur. Wenn es um den Strukturwandel in Landschaft und Landwirtschaft, um das Bewahren kulinarischer Traditionen geht, ist er Lokalpatriot – aber ein unbestechlicher.
Dabei setzt der Autor auf Alexander von Humboldts Aufforderung: „Man genießt die Natur auf keine andere Weise so schön als bei dem langsamen, zwecklosen Gehen.“ Seine Leser ermuntert er dazu, auch mal „einen Nachmittag lang im Gras zu liegen und mit Schmetterlingen und Eidechsen zu diskutieren“. Zumal es auf den von ihm vorgeschlagenen Etappen „keine Höchstparkdauer“ gebe. Seine persönliche Philosophie: Er könne „auf die Pseudo-Toskana ebenso verzichten wie auf einen Energiepflanzenökotopia im Markgräflerland. Essbare Landschaften sind mir wichtiger …Es geht zur Not ohne Kürbiswoche, aber ohne Haltung und Geschmack geht alles den Bach runter“.
Im Nachspann-Kapitel „Was ich noch zu sagen hätte“ gefallen vor allem seine Einwürfe zur Landlust: „Mir gefällt’s auf dem Land, wo das Internet langsamer und die Sägen lauter werden. Wir stehen hier draußen voll im Wetter, deshalb brauchen wir keinen Klimawandel …Wir haben keine Bewegungsmelder, weil der Nachbar alles sieht …Wir glauben an einen Geschmack diesseits der Sterne.“
Wie bei Abel gewohnt, kann sich der Leser auf detaillierte Beschreibungen von Wanderrouten und aktuelle Einkehradressen verlassen. Letzteren nähert er sich grundsätzlich mit positiver Grundeinstellung, nur selten schwingt er den drohenden Kochlöffel: „Die Spaghetti Bolognese- Interpretation des Anker erinnerte mich endgültig an Miracoli-Zeiten. Mit der kulinarischen Nostalgie sollte man es auch in einer Dorfwirtschaft nicht übertreiben“.
Nicht zuletzt gefällt an dem Buch die sehr individuelle Auswahl der Fotos mit vielen Ruhebänken und Gaststubensitzen. Und dass Abel ein guter Schreiber ist, beweisen auch seine subtil eingestreuten Aphorismen. Etwa: „Auch anlässlich einer Spätlese trifft man sich mitunter zweimal im Leben“. Und: „So 20, 30 Jahre dauert es, bis man die richtigen Schuhe am Fuß hat, und noch mal so lange, bis man sie am richtigen Ort ausziehen kann“. Mag schon sein - aber Hauptsache, man hat dieses Buch dabei.


Auf der Suche nach Italien: Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart
Auf der Suche nach Italien: Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart
von David Gilmour
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 27,95

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das unregierbare Italien, 21. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Dieses Buch ist ein Geschenk für alle Italien-Fans. 35 Jahre ist der schottische Autor nach eigenen Angaben in Italien unterwegs gewesen, und der Leser spürt schnell, wie gut er dabei Land und Leute studiert hat. Das Buch, das 2011 in England erschien, wirkt bei seiner Veröffentlichung in Deutschland hochaktuell.
„Ein Interregnum in Italien ist eine besondere Zeit“, schrieb Dirk Schümer unlängst in der FAZ. „Die Lage im Vatikan immerhin wird sich irgendwie klären, denn es gibt feste Regeln. Aber ob der große Nachbar Italien als demokratischer Rechtsstaat aus dieser Krise kommt? Das Interregnum jedenfalls führt zwei feudale Systeme vor, deren Exponenten sich verzweifelt gegen die Moderne sperren. Der Vatikan kann sich diesen Anachronismus vielleicht noch leisten. Italien nicht.“ Mittlerweile wissen wir: Der Vatikan ist auf dem Weg, sein Haus neu zu bestellen, in Italien droht eine Hängepartie.
Italien sei zu lang – mit diesem Zitat Napoleons steigt der Schotte ein. Aber dann liefert er auf über 400 Seiten nicht nur eine kurzweilige Historie der Halbinsel, sondern auch viel Diskussionsstoff zur jüngeren Geschichte und Zukunft. Das Land, so der Autor, sei „mutlos und niedergeschlagen ins 3. Jahrtausend gegangen. Besorgniserregend war insbesondere die Geburtenrate, die trotz des Widerstands der katholischen Kirche gegen die Verhütung auf 1,18 Kind pro Frau oder 118 Kinder je 200 Erwachsene gefallen war – die niedrigste Geburtenrate weltweit, vielleicht sogar die niedrigste in der gesamten Menschheitsgeschichte. Laut Prognosen wird das italienische Volk innerhalb von vier bis fünf Generationen aussterben. Im Januar 2005, als weniger als 46.000 Kinder geboren wurden, gleichzeitig jedoch mehr als 212.000 Kraftfahrzeuge angemeldet wurden, bekundeten die Italiener klar, wo ihre Prioritäten lagen.“
Offenkundig bestehe ein Zusammenhang zwischen zwei Statistiken des unscheinbaren Orts Casal di Principe nördlich von Neapel: „In den neunziger Jahren wies sie die höchste Mordrate und gleichzeitig die höchste Mercedes-Dichte weltweit auf.“ Der Autor liefert spannende Antworten auf die Frage, warum das Land offenbar unregierbar ist: „Während die meisten Italiener von Kriminalität und Korruption unbehelligt leben, schaffen es die wenigsten, einer schwerfälligen und extrem ineffizienten Bürokratie aus dem Weg zu gehen. Sogar ein Minister räumte ein, dass die Italiener 15 bis 20 Tage im Jahr damit verbringen, sich mit bürokratischen Problemen herumzuschlagen. Je nach Statistik hat Italien fünf- bis zwölfmal so viele Gesetze wie Frankreich oder Deutschland.“ Viele Italiener nähmen Anstoß am Reichtum und am Lebensstil ihrer Parlamentarier, nur 16 Prozent hätten Vertrauen in ihre Politiker, das sei neben Polen und Bulgarien der niedrigste Wert aller europäischen Länder.
David Gilmour macht uns nicht viel Mut, wie es weitergehen könnte: „Der Groll der Italiener richtet sich hauptsächlich gegen den Staat, den sie schmähen und als Hindernis in ihrem Streben nach Glück betrachten. Doch der Staat ist schwach und machtlos, wenn seine Bürger sich ihm zunehmend entziehen. Die Italiener haben es satt zu hören, sie seien zwar unfähig, ihr Land zu regieren, verstünden es aber, das Leben zu genießen.“ Aber kriegen die Italiener noch die Kurve? Der schottische Autor geizt zum Glück nicht mit Hoffnungsschimmern: „Dass die Italiener bis heute das Erscheinungsbild ihrer historischen Innenstädte bewahrt haben, ist kein Zeichen für den Provinzialismus der Bewohner, sondern Ausdruck ihres Stolzes und ihres Verantwortungsgefühls.“ Und er zitiert den liberalen Journalisten Beppe Severgnini, wonach die Italiener traditionell drei „Verteidigungsringe“ hätten: ihre Wohnung, ihre Piazza und ihre Stadtmauer: In einer kleinen Stadt wünschen wir uns nicht nur einen sympathischen Friseur und einen gut sortierten Zeitungskiosk. Wir verlangen auch einen perfekten Espresso und eine anständige Pizza … Wir möchten Menschen, die für jeden jederzeit ein paar Worte und ein Lächeln übrig haben.“
Aber haben die Italiener für Europa noch mehr als ein Lächeln übrig? Ein Buch, geeignet auch für alle Europa-Skeptiker, damit das gegenseitige Verstehen wächst.


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