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Rezensionen verfasst von
Hans-Walter Scheffler

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Opernführer: Neuausgabe
Opernführer: Neuausgabe
von Attila Csampai
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verdi auf den Punkt gebracht, 28. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Opernführer: Neuausgabe (Gebundene Ausgabe)
Drei Standardwerke braucht der Verdi-Fan: Das Verdi-Handbuch von Uwe Schweikert und Anselm Gerhard, die vier Bände „Die großen Sänger“ des „Stimmenpapstes“ Jürgen Kesting und diesen epochalen Opernführer, der 2006 in einer erweiterten Neuausgabe erschien, für den man sich mittlerweile aber bereits wieder eine Fortschreibung wünscht.

„Große Opern kennen kein Verfallsdatum“ schreiben die beiden Herausgeber Attila Csampai und Dietmar Holland in ihrem Vorwort. Gemeinsam mit zwei Dutzend Opernexperten stellen sie rund 300 Werke vor, die Musikgeschichte geschrieben haben. Auf den insgesamt 1600 Seiten wird Verdi mit 108 Seiten der meiste Raum gewidmet, gefolgt von Mozart (79), Wagner (71) und Puccini (49). Jede Oper wird nach dem gleichen Schema behandelt: Inhalt und Handlung, Kommentar, Wirkungsgeschichte und diskografische Empfehlungen, im Anhang gibt es zusätzliche Porträts von Librettisten.

Mit ihrer damaligen „Hitparade“ liegen die Autoren auch heute noch richtig: Verdis „Traviata“ war auch in den Spielzeiten von 2008/09 bis 2012/13 die weltweit populärste Oper, gefolgt von Carmen und La Bohème. Im gleichen Zeitraum war Verdi auch der populärste Komponist weltweit, mit großem Abstand gefolgt von Puccini und Mozart (Quelle: [...]).

„Die Kunst des Weglassens war gefordert“, räumen die Herausgeber ein. Verdi wird mit 17 seiner 26 Opern vorgestellt, leider fiel bei dieser Auswahl „I due foscari“ unter den Tisch. Aber auch der Verdi-Fan wird anerkennen: Hier sind Kenner am Werk. Es gehört ja ein gewisses Gespür für Prägnanz dafür, dem Leser eine Verdi-Oper auf nur wenigen Seiten näher zu bringen (nur bei Loriot ging’s noch kürzer!). Hier wird Verdi auf den Punkt gebracht.

In vielen Einschätzungen und Zitaten kann man sich wiederfinden: Mit „Nabucco“ begann Verdis eigentliche Laufbahn als Künstler. Nach Jahrzehnten weitgehender Bühnen-Abwesenheit geriet „Ernani“ zu einem der stärksten Werke vor „Rigoletto“. In „Luisa Miller“ ist vieles, was später für den Typus der Verdi-Oper signifikant wird, zumindest vorformuliert. Bei „Rigoletto“ ist die Kritik am „unmöglichen“ Libretto ebenso alt wie der Welterfolg selbst. Keiner anderen seiner bedeutenden Arbeiten ist so lange die Anerkennung der Fachleute versagt geblieben wie dem Publikumsliebling „Il trovatore“. Das Publikum hat es mit keiner der großen Opern Verdis so schwer wie mit „Simon Boccanegra“; sie gehört gleichwohl zu den großen und aufregenden Leistungen, die er vollbracht hat. Für „Don Carlos“ schrieb der Meister die umfangreichste, inhaltlich am weitesten gespannte und musikalisch innovativste Partitur. Der „Falstaff“ ist bis heute eine Oper für Kenner geblieben. Nur Attila Csampai folge ich nicht, wenn er mit Blick auf „Aida“ wettert: „Die unselige Tradition der Veroneser Freilichtaufführungen hat die Oper vollends zum puren Ausstattungsspektakel und zur grellen Fremdenverkehrsattraktion verkommen lassen“. Man kann den Weg zu Verdi auch über Verona finden.

Die diskografischen Empfehlungen von Kurt Malisch haben es in sich. Er setzt vorwiegend auf ältere Aufnahmen, wobei er auf Christoph Schwandt hätte hören sollen: „Viele historische und legendäre Aufnahmen, die von der unwidersprochen großen Kunst einzelner Interpreten wie etwa der Maria Callas leben, taugen leider kaum zu einer Begegnung mit dem Werk an sich. Meistens sind die übrige Besetzung mangelhaft, Chor und Orchester unbefriedigend, das Werk gekürzt, oder die Tonqualität fordert äußerste Toleranz bei Nebengeräuschen.“ Malischs Favoriten bei den Dirigenten (Toscanini, Gardelli und Muti) folge ich, nicht aber seiner Interpreten-Auswahl, wo auch Jürgen Kersting Carlo Bergonzi deutlich besser aufgestellt sieht als etwa Plácido Domingo. Bei DVD-Empfehlungen fehlt der Hinweis, dass einige ältere Aufnahmen keine deutschen Untertitel tragen.


Himmel und Erde: In der Küche eines Restaurantkritikers
Himmel und Erde: In der Küche eines Restaurantkritikers
von Jürgen Dollase
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,90

10 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nur „eine halbe Portion Siebeck“, 12. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Verlagswerbung ist maßlos überzogen: Der Chef-Gourmetkritiker der FAZ habe „ein Buch geschrieben, wie es noch nie geschrieben wurde.“ Es hat schon bessere Kochlesebücher gegeben. Man vergleiche nur den drögen Sprachstil Dollases mit dem Esprit des Londoner Sterne-Kochs Giorgio Locatelli!

Am interessantesten ist das Buch dann, wenn sich der Autor dem Leser gastrosophisch nähert – wenn er etwa den Unterschied zwischen Restaurant-Tester und –Kritiker erklärt. Aber auch dort entdeckt man Widersprüche. „Bis heute gebe ich mich mit dem Essen in einem Restaurant oft nicht zufrieden, sondern spiele die Erfahrungen zu Hause in der Küche zum besseren Verständnis praktisch durch“, schreibt Dollase, aber an anderer Stelle lamentiert er über die schlechten Einkaufsmöglichkeiten rund um seinen Wohnort. Ich glaube nicht, dass man jedes Essen aus einem Sterne-Restaurant problemlos daheim nachvollziehen kann. Das kommt natürlich auf den Wohnort an. Wir am Kaiserstuhl haben damit keine Schwierigkeiten: Hier erwarten uns in einem Hofladen bis zu 35 Kartoffel- und 20 Tomatensorten sowie Eier von glücklichem Federvieh mit eigenem Hühnermobil. Fünf Kilometer jenseits der deutsch-französischen Grenze erhalten wir im Supermarkt eine breite Fischauswahl sowie Geflügel mit dem geschützten Label rouge. Und dann sind da noch die attraktiven Wochenmärkte in Colmar, Mulhouse und Emmendingen. Wer solche Adressen nicht vor der Haustür hat, kann auf immer mehr Online-Gourmet-Versender zurückgreifen, Dollase kennt die besten Adressen (u.a. in Italien) offenbar nicht. Aber das alles reicht nicht: Denn zu einem Restaurantbesuch gehören auch der Service und das Intérieur – und das kann man zu Hause nicht simulieren.

Der Autor plädiert für neue Menü-Konzepte: „Man bekommt immer wieder das Gefühl, man würde vor allem sitzen und auf das Essen warten.“ Das sehen meine Frau und ich ganz anders: Wir kritisieren, dass in manchen Restaurants zu schnell serviert und damit das Essens-Erlebnis reduziert wird. Wenn man älter wird, braucht man keine sechsgängigen Menüs mehr. Dann freut man sich darüber, dass der Küchenchef eine Vorspeise in kleinerer Portion anbietet. Und wir warten auf das Restaurant, das ein Menü ohne Dessert anbietet (darauf kann der Gast zwar verzichten, aber er muss es in der Regel trotzdem mitbezahlen). Darüber würden sich dann auch unsere Waage und unser Zahnarzt freuen.

Dollase lädt den Leser ein in seine Küche. Aber dort köchelt es nur, es kocht nicht wirklich. Der Leser wartet auf auflockernde Zitate – aber dieser Autor zitiert und inszeniert sich eigentlich nur selbst. Viel zu viel Selbstdarstellung in Text und Bild, manches wirkt schulmeisterlich. Mir fehlt eine aktuelle Auseinandersetzung mit der wiederentdeckten deutschen Regionalküche und der Slow Food-Bewegung. Und schließlich gilt auch für Gastro-Kritiker: Wer neue Zeiten verkündet, ist selten ihr Beginn. Dollase glaubt, die Bratwurst neu entdeckt zu haben. Deren Bedeutung hat Heinrich Höllerl in seinem Buch „Die Bratwurst ist eine Fränkin“ vor über einem Jahrzehnt viel temperamentvoller beschrieben.

Deshalb ist dieses Buch nur „eine halbe Portion Siebeck“.


Arturo Toscanini Conducts Verdi
Arturo Toscanini Conducts Verdi
Preis: EUR 22,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der bescheidene Diener Verdis, 29. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Arturo Toscanini Conducts Verdi (Audio CD)
Dieses 12-CD-Boxset ist die Wiederveröffentlichung der von RCA erstmals 2005 herausgegebenen Toscanini-Verdi-Sammlung. Es ermöglicht nicht nur ein Wiederhören der unlängst verstorbenen Licia Albanese. Der Star-Dirigent arbeitete auch bei Verdi-Inszenierungen mit etlichen großen Künstlern seiner Zeit zusammen, unter ihnen Robert Merrill, Zinka Milanov, Jan Peerce, Leonard Warren und Richard Tucker.

Eines ist ja unumstritten: Teilweise noch sein Weggefährte, stand Toscanini Verdi wohl so nahe wie kein zweiter Dirigent. Sein unaufhaltsamer Aufstieg hat viel mit Verdi zu tun. So leitete er 1949 in Rundfunk und Fernsehen erstmals eine konzertante Aufführung von „Aida“, hatte aber schon 1886, als 19jähriger Cellist, auf einer Gastspielreise in Rio de Janeiro, eben diese „Aida“ dirigiert. Jede Partitur dirigierte Toscanini auswendig, auch die Operntexte beherrschte er komplett. Zuletzt zeigte er seine Meisterschaft als 87-Jähriger (!) bei einer Inszenierung des „Maskenballs“, in der er Verdis Tempi generell beschleunigte und damit für viel Diskussionsstoff sorgte. Und selbst im Tod waren sich Verdi und Toscanini offenbar einig: Als Toscanini 1957 in Mailand beigesetzt wurde, erklang der Gefangenenchor aus „Nabucco“ – den hatte Toscanini 56 Jahre zuvor bei Verdis Begräbnis, ebenfalls in Mailand, dirigiert.

Der „Spiegel“ schrieb, als der Dirigent 1957 starb: „Toscanono nannten die Musiker den kleinen Italiener. Das unwillige ;No, no’ hat er ungleich öfter in allen Tonlagen artikuliert als irgendein Wortzeichen der Zustimmung.“ Der in Parma Geborene galt eben auch als Tyrann, legendär sind seine zerbrochenen, in voller Wut zerstörten Taktstöcke. Als er die Mailänder Scala im wahrsten Sinne des Wortes „dirigierte“, nannte er sie einen „Augiasstall“, den er habe säubern müssen. Gerade mit Blick auf Verdi gilt: Werktreue war stets Toscaninis oberstes Gebot, er fühlte sich als bescheidener Diener des Komponisten.

Die FAZ schrieb: „Toscaninis Falstaff wirkt heute noch so modern, als wäre er eben erst eingespielt worden.“ Und sie lobte seine politische Integrität: „Im Italien Mussolinis, in Hitlers Bayreuth und in Salzburg nach dem ,Anschluss’ ist er nie wieder aufgetreten; er emigrierte nach Amerika.“


Il Po: Kulinarische Impressionen
Il Po: Kulinarische Impressionen
von Michael Langoth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,99

5.0 von 5 Sternen Das Zelebrieren des Einfachen, 29. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es gibt, neben den gängigen Reiseführern, kaum empfehlenswerte deutschsprachige Literatur über die Po-Ebene. Deshalb schließt dieses Buch des Wiener Fotografen und Kochs eine große Lücke. Es ist Fotoband und Kochschule zugleich, nur ergänzend ein Rezeptbuch, und es liefert auf 224 Seiten jede Menge Denkanstöße.

Wichtig ist Michael Langoth, „dass es Konsumenten gibt, die sich beim Essen auskennen, die wissen, was Qualität ausmacht und was kulinarischer Schund ist. Davon gibt es in dieser Ebene noch immer viele.“ Damit spielt er natürlich auf die Heimat der Slow Food-Bewegung an. Der Autor will nicht behaupten, „dass die norditalienische Küche unbedingt die beste der Welt ist, aber man kann von ihr wie von kaum einer anderen lernen, seinen Geschmack zu sensibilisieren und sich darauf zu besinnen, was wesentlich ist und was überflüssig. Auch das Konzept der regionalen Produktion und der jahreszeitlichen Änderung der Speisen ist in dieser Kochkultur tief verankert, die man stolz gegen die Widrigkeiten einer globalen Lebensmittelindustrie und einer kulinarischen Beliebigkeit behauptet.“ Bei der Küche der Padana gehe es um das Zelebrieren des Einfachen: „Die eigentliche Würzzutat ist eindeutig der Parmesan, unverzichtbar für einen Großteil aller Speisen.“

Das Buch brilliert durch eindrucksvolle Bilder, Außen- wie Studioaufnahmen, mit denen uns der Autor Land und Leute schnell näher bringt. Aber der Fotograf hat vor Ort auch gut recherchiert. So bei der Parmesan-Lagerung, wo während der Qualitätskontrolle die Akustik die wesentlichste Rolle spiele: „Die Räder werden mit einem kleinen Stahlhammer angeschlagen, und der Käsemeister erkennt anhand des Klangs die innere Beschaffenheit des Käses. Er hört und fühlt mit der aufgelegten Hand die Resonanzschwingungen und spürt damit unerwünscht Löcher und Hohlräume im Inneren auf.“ Der berühmte „Nebelschinken“ Culatello di Zibello erinnere zwar „ein bisschen an staubige Mumien“, man huldige ihm aber zu Recht in aller Welt. Und man erzähle sich am Po, dass bei zwei Culatelli, die vom gleichen Tier stammen, meist nur einer wirklich perfekt werde. Der Grund dafür sei, das Schweine als Gewohnheitstiere immer auf der gleichen Seite schlafen, was die Blutzirkulation in der Pobacke, auf der sie liegen, einschränkt und so die Zartheit des Fleisches beeinflusst. Der Autor witzelt: „Vielleicht sollte man Schweine beim Schlafen mehrmals umdrehen.“

Originell illustriert ist die Kochschule, bei der es um Grundprodukte, die richtige Pasta und die Kochtechnik für Pasta, Risotto, Schmoren und Gemüse geht. Im Rezeptteil wird erläutert, warum es Spaghetti bolognese in Italien gar nicht gibt. Dem Wiener Feinschmecker angetan haben es das Pollo ai Carciofi (Huhn, mit Artischocken geschmort), die Minestrone alla Romagnola (Gemüseeintopf aus der Romagna) und vor allem der Winter-Radiccio aus Treviso.

Für sein Werk „Mekong Food“ hat Langoth die Silbermedaille der Gastronomischen Akademie Deutschlands erhalten, dieses neue Stadt-Land-Fluss-Kochtopf-Buch ist ebenso preiswürdig. Auch deshalb, weil es uns kulinarische Glaubenssätze eines anderen Landes näherbringt: „Ciò che si mangia con gusto non fa mai male“ (Was du mit Genuss isst, macht dich nicht krank).


Die Grenzgänger: Wie der Hummer aus dem Elsass nach Baden kam
Die Grenzgänger: Wie der Hummer aus dem Elsass nach Baden kam
von Marc Haeberlin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zwei Grenzgänger – zu oberflächlich betrachtet, 26. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein längst überfälliges und lesenswertes Buch – aber leider auch mit handwerklichen Schwächen.

Schon das Titelbild irritiert: Die Herausgeber wollen das jahrzehntelange Miteinander der beiden herausragenden Gastronomen-Familien Keller und Haeberlin als Grenzgänger und Vordenker dokumentieren, aber das Foto suggeriert ein Gegeneinander. Man hätte sich weniger gestellte Bilder und mehr spontane Szenen des Fotografen Jörg Lehmann gewünscht, wenn er etwa auf Seite 68 einen nachdenklichen Winzer oder auf Seite 78 einen engagierten SC-Freiburg-Präsidenten Fritz Keller zeigt. Bildunterzeilen fehlen völlig – selbst uns als langjährigen Gästen beider Häuser gelingt es da nicht immer, alle abgebildeten Personen zu identifizieren.

„Feinschmecker“-Autor Ingo Swoboda spricht im Vorwort von dem „Versuch, den Menschen hinter den Rezepten ein Gesicht zu geben, von ihrem Leben zu erzählen und ihre Motivationen und ihre Leidenschaften zu ergründen“. Dieser Versuch ist nur halb gelungen, bei den Kellers noch eher als bei den Haeberlins. Als der „alte Franz“ seinem Sohn Fritz sogar mit Enterbung drohte, weil der fremd ging und statt mit dem FC mit dem SC Freiburg anbändelte – von solchen Anekdoten hätte man gerne viel mehr gelesen, stattdessen gibt es viel zu viel Geschichtsunterricht und zu wenig Familiäres.

In seinem Vorwort fabuliert der Autor über Grenzgänger. Zuzustimmen ist ihm in seiner Einschätzung über Fritz Keller und Marc Haeberlin: „Es sind zwei Männer, die niemals heimische Bäume ausgerissen haben, um zu schauen, ob die Wurzeln noch dran sind. Vielmehr haben sie in einer beharrlichen Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit geerbte Traditionen behutsam mit Toleranz und Weitsicht bereichert …“ Was Grenzgänger zwischen Elsass und Baden angeht, hätte ich die kleine Geschichte von André Weckmann zitiert: Er schildert Gott, auf einem Grenzstein sitzend. Die Leute, wird ihm berichtet, behaupteten, Grenze müsse sein. Als sich Gott schließlich verabschiedet, schließt Weckmann mit den Worten: „Ich stemmte mich wieder hinter meinen Stein. Da hörte ich plötzlich lachende Stimmen. Zwei Verliebte kamen des Wegs. Sie versuchten, sich auf den Grenzstein zu setzen, aber da kein Platz für zwei darauf war, legte der Bursche ihn einfach um. Ich sah, wie Gott sich umdrehte und ihnen zuwinkte.“ Auch so unkompliziert kann man Grenzgänger-Dasein erklären.

Niemand hat den Winzer, Gastronomen, Unternehmer und Fußball-Fan Fritz Keller bislang so gut beschrieben wie der Kabarettist Matthias Deutschmann: „Er ist auf dem Teppich geblieben, aber manchmal hat man den Eindruck, der Teppich fliegt.“ Es geht in diesem Buch in erster Linie um die Protagonisten Keller und Haeberlin, aber dahinter gerät Swoboda einiges in Unordnung. Er würdigt zwar (zu Recht!) den Top-Sommelier Serge Dubs aus der „Auberge de l’Ill“, der „Schwarze Adler“-Sternekoch Anibal Strubinger wird dagegen nur mit seinen Rezepten, Service-Chef Hubert Pfingstag gar nicht erwähnt. Auch die Rezeptauswahl verwundert: Die klassischen Geflügelgerichte für zwei Personen wie die Poularde in der Salzkruste kommen überhaupt nicht vor.

Dass sich die Gewichte zwischen Elsass und Baden längst verschoben haben, deutet der Autor nur vorsichtig an: „Die Autos mit den französischen Kennzeichen kurven jetzt öfter durch den Kaiserstuhl, Elsässer kaufen badischen Wein, vor einigen Jahren noch unvorstellbar.“ Auch dieses Thema hätte man vertiefen können.

Zwei Jahre brauchte dieser Hummer, um aus dem Elsass nach Baden zu kommen. Immer wieder wurde der Erscheinungstermin des Buches verschoben. Nun sind zwar aktuelle Ereignisse wie die Eröffnung des neuen ausgelagerten Keller-Weingutes und der Tod von Jean-Pierre Haeberlin mit gewürdigt worden, aber der Eindruck bleibt: Diese ungemein interessanten Grenzgänger hätte man mehr „löchern“ müssen. So aber bleibt das Buch zu oberflächlich.


Bei den Brunettis zu Gast: Rezepte von Roberta Pianaro und kulinarische Geschichten von Donna Leon
Bei den Brunettis zu Gast: Rezepte von Roberta Pianaro und kulinarische Geschichten von Donna Leon
von Roberta Pianaro
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

5.0 von 5 Sternen „Iss nur, das tut dir gut“, 3. August 2014
„Ich selbst könnte nie ein Kochbuch verfassen“, schreibt Donna Leon im Vorwort dieses Buches, mit dem man „bei den Brunettis zu Gast“ ist. Bücher und Fernsehfilme sind längst Kult in Deutschland. Als die amerikanische Schriftstellerin unlängst 70 wurde, lasen wir in der FAZ: „Ihrem mildmelancholischen Ritter von der venezianischen Kriminalpolizei, Commissario Brunetti, ist es mit seinen Ermittlungen quer durch alle Milieus der Lagune gelungen, Venedig zu einer der literarischen Verbrechenshauptstädte zu machen. Und das, obwohl die Kleinstadt im trüben Wasser der Wirklichkeit allenfalls Taschendiebstähle und so gut wie keine Kapitalverbrechen zu verzeichnen hat.“

Donna Leon blickt zurück: „Einer der ersten Sätze, mit denen man mich empfing, als ich vor 40 Jahren nach Italien kam und noch kein Wort Italienisch sprach, war: ,Mangia, mangia, ti fa bene’ – Iss nur, das tut dir gut.“ Dieses Buch enthält 91, gut nachvollziehbare Rezepte von Leons Lieblingsköchin Roberta Pianaro, die diese den Gerichten; die Brunettis Frau Paola kocht, nachempfunden hat. Hinzu kommen kulinarische Kurzgeschichten der Autorin.

Donna Leon: „Die Italiener sind erfrischend uneitel, was das Essen anbelangt. Sie halten sich nicht für etwas Besonderes, nur weil sie gutes Essen zu schätzen wissen. Was nicht heißen soll, dass sie sich nicht ausgiebig mit dem Thema befassen und des Langen und Breiten darüber diskutieren – nur ist das für sie ebenso selbstverständlich wie für die Briten, übers Wetter, oder für die Amerikaner, übers Geld zu reden. Gut zu essen ist keine bemerkenswerte Leistung, kein Grund für Selbstbeweihräucherung und Stolz: Man tut es ganz einfach zweimal am Tag und versucht, so viel Genuss wie möglich daraus zu ziehen.“

Eine ideale Ergänzung zu diesem Koch- und Lesebuch ist das Nachschlagewerk "Auf den Spuren von Commissario Brunetti" von Elisabeth Hoffmann und Karl-L. Heinrich, in dem rund 130 der wichtigsten Schauplätze aus Donna Leons Werken präsentiert werden.


Carlo Bergonzi - The Verdi Tenor (Limited Edition)
Carlo Bergonzi - The Verdi Tenor (Limited Edition)
Preis: EUR 37,99

14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Carlo Bergonzi zum 90., 4. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Diese Box mit 17 CDs erscheint zum 90. Geburtstag des aus Busseto in der Emilia Romagna stammenden großen Verdi-Tenors. Sie beinhaltet auch die legendäre „Aida“-Aufnahme mit Herbert von Karajan von 1959, „Un Ballo in Maschera“ mit Sir Georg Solti, als Bergonzi für Jussi Björling einsprang und triumphierte, sowie „La Traviata“, Bergonzis einzige Verdi-Aufnahme mit Joan Sutherland.

Als der Tenor, der als Bariton begonnen hatte, 80 wurde, schrieb ein Kritiker über ihn: „Franco Corelli sah viel besser aus , Giuseppe di Stefano spielte besser , Mario del Monaco sang viel lauter, Plácido Domingo hat mehr Rollen im Repertoire, José Carreras mehr weibliche Fans und Luciano Pavarotti den besseren Manager. Doch kein italienischer Tenor der Nachkriegszeit sang Verdi schöner, eleganter, mit mehr noblerem Ausdruck, mit Finesse, Leichtigkeit und Geschmack als Carlo Bergonzi.“ Diese Einschätzung teile ich auch ein Jahrzehnt später. Der „Stimmenpapst“ Jürgen Kesting beantwortete die Frage, ob Bergonzi der größte Verdi-Tenor des letzten Jahrhunderts gewesen sei, so: „Wenn es um einzelne Rollen geht, so mag es andere Favoriten geben … Singulär aber ist er einer der wenigen umfassenden, der vollständigen Verdi-Tenöre. Nur für Otello war seine Stimme nicht geschaffen, ein später Versuch wurde zum Fiasko.“

Bergonzi ist weder Wunderkind noch Senkrechtstarter gewesen. Seine historische Leistung ist, den Verdi-Gesang wieder auf seine Belcanto-Ursprünge zurückgeführt zu haben. Wahr ist auch: Es ging ihm nie um Effekthascherei, manche sahen ihn in der Rolle des ewigen Zweiten, aber die Fachwelt lobte ihn für sein ausgeprägtes Stilgefühl und die beispielhafte Gesangstechnik. Bergonzi schrieb zwar nie die größten Schlagzeilen, am Ende einer beispiellosen Karriere verfügte er aber über den „längeren Atem“. Seine größte und bis heute unerreichte diskografische Leistung war 1976 die Aufnahme der Tenor-Arien aus allen Verdi-Opern (außer „Nabucco“, wo es kein Tenor-Solo gibt, und mit „Aroldo“ statt „Stiffelio“).

Bergonzis Biografie kann man besser verstehen, wenn man ihn in engem Zusammenhang mit seiner Heimat sieht. Auch wenn er oft auf Reisen war und die MET zu seiner zweiten Heimat wurde, blieb er bodenständig. Den von ihm hoch verehrten Komponisten nennt er „Papa Verdi“, Luciano Pavarotti wiederum sprach von Bergonzi als dem „Chef“ - und zog damit wohl seinen Hut vor dessen Atemtechnik und Werktreue gegenüber Verdi. Mit Verdi teilte Bergonzi auch ein seltsames Schicksal: Beide kamen lange Zeit nicht mit der Scala klar.

Leider gibt es nur wenig deutschsprachige Literatur über Bergonzi. Der griechischen Musikautorin Helena Matheopoulos sagte er einmal, Verdi gehe mit seinen Tenören nicht gerade freundlich um: „Er hat uns große Rollen gegeben. Aber durch Verdi sind genau so viele Tenöre ruiniert wie gemacht worden – weil er einem nichts schenkt und weil seine Rollen so bekannt und beliebt sind, dass es das Publikum nicht tolerieren würde, wenn man sie schlecht oder mit falschem Ausdruck sänge.“

Carlo Bergonzi verbringt seinen Lebensabend, anders als im Booklet geschildert, in Mailand. Auch mit dieser CD-Sammlung wird er musikalisch unsterblich bleiben.


Verdi: Giovanna d'Arco
Verdi: Giovanna d'Arco
Preis: EUR 24,99

11 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine neue Anna Netrebko, 13. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Verdi: Giovanna d'Arco (Audio CD)
Meine Lieblingsaufnahme von „Giovanna d’Arco“ ist die aus dem Jahre 1951 mit Carlo Bergonzi, Renata Tebaldi, Rolando Panerai und dem RAI-Sinfonieorchester unter Alfredo Simonetto. Aber auch diese konzertante Aufführung bei den Salzburger Festspielen 2013 ist ein großer Wurf.

Verdi hatte bei „Giovanna d’Arco“ wohl zwei Seelen in seiner Brust. Einerseits fand er im Februar 1845, dies sei die beste seiner bisherigen Opern, andererseits steht dieses Stück auch für das schwierige Verhältnis des Komponisten zur Mailänder Scala. Nach „Giovanna d’Arco“ kehrte Verdi der Scala für ein Vierteljahrhundert den Rücken – die Gründe sind bis heute nicht geklärt.

Die Aufführungsgeschichte von „Giovanna d’Arco“ ist auch eine Geschichte von Primadonnen. Verdi, so wird spekuliert, habe diese Oper vor allem auf seine Hauptdarstellerin Erminia Frezzolini zugeschnitten. Die hatte sich gerade von ihrem Verlobten getrennt, musste gemeinsam mit ihm auf der Bühne stehen, war aber gefeierter Star – wie in späteren Jahren auch Sofia Loewe, Teresa Stolz und eben Renata Tebaldi. Frezzolini verzockte sich schon kurze Zeit später an der Pariser Börse und erlebte traurige Abgänge auf zweitklassigen Bühnen.

Diesen Primadonnen-Faden hat Anna Netrebko in der Salzburger Felsenreitschule weiter gesponnen. Sie findet in Deutschland nicht nur Freunde – offenbar wegen ihrer starken Medienpräsenz und ihrer angeblichen Nähe zu Putin. Tatsache ist aber, dass sie in Salzburg einen Triumph feierte – an der Seite von Plácido Domingo und Francesco Meli. Es gab nur Lobeshymnen. Die neue Anna Netrebko singt auf Verdis große Primadonnen zu. Dabei ist ihre Stimme schwerer geworden, eine Sopranistin, die ihren Weg vom lyrischen ins dramatische Fach gefunden hat. Der 72-jährige Plácido Domingo präsentierte sich nicht nur als väterlicher Bariton, sondern an der Seite Netrebkos auch als Kavalier der alten Schule. Auch Meli wurde ein „makelfreier Verdi-Gesang“ attestiert – „als sei Carlo Bergonzi auferstanden“. Der lebt noch! Netrebkos Ankündigung in Salzburg, sie wolle künftig mehr Verdi singen, kann ich nur begrüßen.

Mit dem Booklet werde ich einmal mehr nicht glücklich. Zitiert wird der Verdi-Kenner Roger Parker, aber das sind keine Neuigkeiten. Bei einer so langen Produktionszeit der CD wünschte man sich einen aktuelleren Beitrag, vielleicht auch ein Medienecho auf Salzburg 2013. Hier leistet auch die Deutsche Grammophon zu wenig Kundenservice.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 30, 2014 3:02 PM MEST


Ramon Vargas - Verdi Lieder
Ramon Vargas - Verdi Lieder
Preis: EUR 18,98

4.0 von 5 Sternen Verdis frühe „Gehversuche“, 11. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ramon Vargas - Verdi Lieder (Audio CD)
2001 veröffentlichte der mexikanische Tenor Ramón Vargas Verdi-Arien, jetzt überrascht er mit einer Liedersammlung des italienischen Komponisten. Dokumentiert werden nicht Verdis erste „Gehversuche“, aber seine frühen.

Im Mittelpunkt stehen zwei Zyklen von jeweils sechs Romanzen aus den Jahren 1838 und 1845. Zu den Textvorlagen zählen solche der beiden Verdi-Librettisten Andrea Maffei und Temistocle Solera, aber eben auch von Johann Wolfgang von Goethe. Es war Luigi Balestra, Übersetzer in Verdis Geburtsort Busseto, der dem jungen Komponisten zwei Monologe Gretchens aus Goethes „Faust“ an die Hand gab. Wer Verdis Fassung von „Meine Ruh‘ ist hin“ hört, muss natürlich sogleich an Schuberts „Gretchen am Spinnrad“ denken. Das Stück war zwar schon 1814 erschienen, aber den „Faust“ gab es erst seit 1835 in italienischer Übersetzung – umso überraschender diese Lied-Wahl Verdis.

Beide Zyklen unterscheiden sich deutlich voneinander: Überwiegen 1838 dunkle und tragische Momente, zeigt Verdi sieben Jahre später, dass er als Künstler aus der Provinz in Mailand Fuß gefasst hat und auch mit leichteren Tonlagen und Stoffen umzugehen weiß. Am meisten überzeugte er mit seinem Loblied auf den Schornsteinfeger („Lo spazzacammino“), in dem Einflüsse von Donizetti unüberhörbar sind, aber auch das Zigeunerlied „La zingara“ und das Trinklied „Brindisi“ zeigen einen anderen Verdi.

Ergänzt wird die Liedersammlung durch vier weitere kleine Kompositionen sowie zwei geistliche Stücke, das „Ave Maria“ und das „Tantum ergo“. Das „Ave Maria“ wurde erst 1880 uraufgeführt, das „Tantum ergo“ aber schon 1837. Als Verdi mit dem „Tantum ergo“ noch einmal 1893 konfrontiert wurde, erklärte er: „Ich empfehle dem Besitzer dieser unglücklichen Komposition, sie ins Feuer zu werfen. Diese Noten haben nicht den geringsten musikalischen Wert und nicht den Schatten religiösen Kolorits.“

Mit dieser Liedersammlung wird Ramón Vargas, der immer wieder nahe dran ist an Verdi, wohl kaum ein breites Publikum erreichen. Sie ist eher etwas für Verdi-Fans und –Sammler, die bei den selten gehörten Romanzen interessante Vergleiche anstellen können: Auf dieser CD wirken die Sopranistin Johanna Parisi und der Pianist Charles Spencer mit, bei der 2013 erschienenen Decca/Grammophon-Verdi-Gesamtedition hört man Verdi-Lieder mit Margaret Price und Geoffrey Parsons.


Entdeckungsreisen Elsass und Lothringen: Kulinarisches, Historisches, Kurioses
Entdeckungsreisen Elsass und Lothringen: Kulinarisches, Historisches, Kurioses
von Volker Knopf
  Broschiert
Preis: EUR 16,95

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Elsass zwischen gestern und morgen, 4. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Diese Lektüre habe ich beim letzten Kapitel begonnen, dem Elsässisch, das immer mehr auf dem Rückzug ist. Über zwei Jahrzehnte waren meine Frau und ich Abonnenten der „Dernières Nouvelles d’Alsace“ (DNA), ließen uns die zweisprachige Ausgabe an unseren damaligen Wohnort ins Ruhrgebiet (!) und an unseren Urlaubsort bei Colmar nachschicken, das Porto kostete mehr als die Zeitung. Als dann ab Anfang 2012 die ins Deutsche übersetzten Texte nur noch als Agentur-Alibis erschienen, verabschiedeten wir uns enttäuscht als Abonnenten.

Aber der Dialekt ist die eine, Deutsch die andere Sache: An unserem neuen Wohnort am Kaiserstuhl lesen wir die permanenten Hilferufe badischer Betriebe nach Arbeitskräften aus dem Elsass, deren Vermittlung oft an mangelnden Sprachkenntnissen scheitert. Es ist leider wahr: Ausgerechnet die Elsässer mit ihrer so wechselhaften Geschichte müssen sich aktuell den Vorwurf gefallen lassen, nicht europäisch genug zu denken – das ist schon absurd.

Volker Knopf, freier Journalist aus Karlsruhe, lädt auf 160 Seiten zu Touren in die benachbarten Regionen Elsass und Lothringen ein – auf lockere Art und in überschaubaren Kapiteln. Elsass-Kennern verrät er zunächst einmal nicht viel Neues, auch dann nicht, wenn es um den ersten Weihnachtsbaum oder die Weihnachtskugeln aus Meisenthal geht. Aber selbst wir erlebten noch Überraschungen, wobei der Autor immer dann auftrumpft, wenn er Porträts von Protagonisten entwirft. Das ist so bei Marie und Jean-Philippe Rolland, die in Hagenau historische Reisekoffer restaurieren: „Jeder Koffer erzählt seine eigene Geschichte.“ Und das ist auch so bei der lothringischen Stuhlmanufaktur in Liffol-le-Grand, bei der Stilmöbel auf traditionelle Art hergestellt werden und Königshäuser dafür Schlange stehen; erst kürzlich war der Prinz von Thailand zu Gast.

In diesem Jahr wird viel über den Ersten Weltkrieg berichtet, da setzt das Museum der Schlacht vom 6. August 1870 in Woerth einen anderen Akzent, als 20000 Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg ihr Leben verloren. Hubert Walter vom Museums-Freundesverein wird zitiert: „Das war ja noch kein technologischer Krieg wie heute, wo man einfach einen Knopf drückt. Hier sind die Reihen mit aufgepflanzten Bajonetten wild aufeinander losgestürmt. Sie sahen sich in die Augen, während sie sich gegenseitig auslöschten.“

Fazit: Kein alltäglicher Reiseführer. Was mir aber fehlt, ist ein kritischer Ton gegenüber den Elsässern. Spätestens dann, wenn die französische Regierung Ernst macht mit ihren Föderalismus-Reformplänen und das Ober- und Unterelsass zusammenfügt, wäre es mit der Sonderrolle in Frankreich vorbei. Dann hilft auch keine Hansi-Folklore mehr weiter.


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