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Rezensionen verfasst von
Dominic Berlemann "luhdieu72" (Outpost of Progress)
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Tod aus der Luft: Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England
Tod aus der Luft: Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England
von Dietmar Süß
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,99

3 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Umfangreiche Sozialgeschichte des Luft- bzw. Bombenkriegs in komparatistischer Perspektive, 19. April 2011
Dieser umfangreiche, gut lesbare Band des Historikers Süß aus dem Siedler-Verlag stellt einen Meilenstein in der deutschen, aber auch der internationalen Luftkriegshistoriografie dar. Während die im engeren Sinne miltärgeschichtlichen Aspekte des Luftkrieges gut erforscht sind, nimmt sich der Band der Sozialgeschichte des Bombenkriegs an und stellt dabei den Vergleich zwischen der faschistischen NS-Dikatur und dem demokratischen Großbritannien an, um jenseits revisionistischer Tendenzen strukturelle Gemeinsamkeiten wie Unterschiede gleichermaßen zu ihrem Recht kommen zu lassen. Fernab moralisierender Schuldzuweisungen werden kulturelle Praktiken aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen wie Literatur, Architektur, Politik, Religion usw. in den Blick genommen und überzeugend dargestellt. Dabei konzentriert sich Süß nicht nur auf die Jahre 1939-1945, sondern auch auf die Zwischenkriegszeit und die Nachkriegsepoche, die auch unter erinnerungskulturellen und gedächtnispolitischen Gesichtspunkten aufgearbeitet wird. Wer sich in die Thematik der Sozialgeschichte des Luftkriegs einarbeiten möchte, wird an diesem Band nichts zu bemängeln haben. Wer sich jedoch eher für Flugzeugtypen, Luftkämpfe oder ähnliches interessiert, sollte woanders suchen.
Dieser Band beweist, dass die jüngere Forschergeneration zunehmend die Ambition vertritt, objektive Erkenntnisse zum Luftkrieg in internationaler, komparatistischer Perspektive zu gewinnen. Damit geht Süß einen Weg, den man im Zeitalter zunehmender Internationalisierung auch kulturwissenschaftlicher Forschung nur begrüßen kann.


The Cure - Lost In The Labyrinth
The Cure - Lost In The Labyrinth
DVD ~ The Cure
Wird angeboten von Drehscheibe24
Preis: EUR 25,00

5.0 von 5 Sternen Zeitzeugenberichte aus erster Hand, 6. März 2010
Rezension bezieht sich auf: The Cure - Lost In The Labyrinth (DVD)
Diese DVD liefert jede Menge Informationen über die Band und ihre Mitglieder jenseits dessen, was man ohnehin schon aus den gängigen Publikationen weiß. Für den Fan bietet die DVD daher eine hervorragende Ergänzung zu den bereits existierenden Veröffentlichungen über die englischen Gothic-Pioniere. Höchst empfehlenswert!


Das Dritte Reich: Band 3 - Krieg
Das Dritte Reich: Band 3 - Krieg
von Richard J. Evans
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,95

14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Brilliante Kombination aus Erfahrungsberichten und abstrakter Strukturgeschichte, 14. Februar 2010
Mit diesem dritten Band seiner zurecht gelobten "Geschichte des Dritten Reichs" bringt der britische Historiker Professor Evans sein Großprojekt zu einem erfolgreichen Abschluss. Alle wesentlichen Entwicklungen der Jahre 1939-45 werden in diesem Band auf einsichtsvolle und ausgewogene Art zumindest berührt, wobei Sozialgeschichte, individuelle Biografien von Nazi-Größen wie Hitler, Göring, Goebbels, Himmler oder Speer sowie die weniger bekannten Erfahrungen einfacher Deutscher in ein komplexes, aber höchst lesbares Narrativ überführt werden, das einen tiefen Einblick in die Operationsweise der Hitlerdiktatur gewährt, ohne allerdings einer allzu abgehobenen Herangehensweise an diese desaströse Epoche zu verfallen.

Auch wenn der Autor von unnötigen Moralisierungen Abstand nimmt, die angesichts der wohlbekannten Einmaligkeit der in dieser Zeit begangenen Verbrechen ohnehin keinen neuen Erkenntnisgewinn brächten, liegt der Schwerpunkt natürlich auf dem von den Nazis begangenenen Genozid sowie auf dem politischen Feld, wenngleich auch ökonomische, kulturelle und militärische Ereignisse auf überzeugende Weise eingearbeitet werden. Fast alle der sich um die Historiografie der NS-Zeit rankenden Kontroversen mit einiger Bedeutung, wie z.B. Daniel Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker", werden erwähnt, auch wenn Evans nicht immer einen klaren Standunkt bezieht und sich verständlicherweise mit neuen, noch nicht hinreichend überprüften Hypothesen zurückhält, die ohnehin den Rahmen dieses monumentalen Werkes gesprengt hätten.

Geschichtsstudenten und historisch Interessierten bietet dieser Band einen außergewöhnlich gut gemachten Ausgangspunkt, von dem aus eigene Forschungsinteressen entwickelt und verfolgt werden können, was auch durch die im Anhang zur Verfügung gestellte, detaillierte Bibliografie der NS-Zeit noch zusätzlich erleichert wird. Der einzige wirkliche Fehler dieses Buches besteht, neben einer Neigung zur Vereifachung komplexer militärischer Operationen, in einem Mangel an geschichtsphilosophischer Reflexion und Selbstverortung innerhalb des Feldes der geschichtswissenschaftlichen Theoriebildung seitens Evans, etwa hinsichtlich seiner eigenen Ablehnung der Subjektphilosophie, die für seine Konzentration auf die Sozial- bzw. Mentalitätsgeschichte verantwortlich ist. Eine Folge davon ist, dass eher ungeübte Leser ohne eingehende Kenntnis der wesentlichen Strömungen in den Geschichtswissenschaften nicht in der Lage sein dürften, Evans Forschungsergebnisse voll und ganz zu verstehen und richtig einzuschätzen. Daher sei dem Leser dringend empfohlen, auch das Vorwort zum ersten Band dieser Reihe zu lesen, da Evans an dieser Stelle seine Vorgehensweise genauer erklärt.


Soziologie ist ein Kampfsport - Pierre Bourdieu im Portrait (OmU)
Soziologie ist ein Kampfsport - Pierre Bourdieu im Portrait (OmU)
DVD ~ Pierre Bourdieu
Wird angeboten von buy smart Deutschland
Preis: EUR 13,21

33 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Viel Schweiß, aber keine Tränen, 28. Februar 2009
Nach fast zehn Jahren Wartezeit gibt es jetzt endlich eine Version des großartigen Filmes von Pierre Carles über den französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu mit deutschen Untertiteln.
Gezeigt wird fast ausschließlich Bourdieu in seiner Berufsrolle als professioneller Soziologe, der an Kongressen teilnimmt, Vorlesungen hält, jüngere Wissenschaftler berät, im Fernsehen auftritt und rastlos von Ort zu Ort reist. Dagegen bleibt die Privatperson Bourdieu fast völlig außen vor, von kurzen Rekursen auf den Briefe austragenden Vater, seine Zeit in Algerien, gelegentlichen Tennismatches sowie Badefreuden im Urlaub einmal abgesehen, die er auch in seiner Vorlesung "Ein soziologischer Selbstversuch" erwähnt. Statt dessen konzentriert sich der Film auf Bourdieus Medienpräsenz, die nicht zuletzt vom Zeitdruck bestimmt war, der vom Lehrstuhlinhaber am Collège de France selbst aufs heftigste kritisiert worden war. Immer wieder versucht Bourdieu in der Öffentlichkeit, seine anspruchsvollen Theorien in einer verständlichen Form darzustellen, was ihm aber nicht immer gelingt. Die komplexen Theorieangebote Bourdieus sind im Grunde genommen gar nicht für mündliche Kommunikation oder das Massenmedium Fernsehen geeignet, und es gelingt Carles in überzeugender Weise zu demonstrieren, dass sich Bourdieu dessen auch voll bewusst war. Dass er trotzdem diese Herausforderung angenommen hat, ist ihm hoch anzurechnen.
Besonders beeindruckend ist der Auftritt im Kulturzentrum des Problemviertels Val Fourré am Ende des Streifens. Hier schlägt dem weltbekannten Superstar der französischen Soziologie als Vertreter des wissenschaftlichen Establishments eine Welle der Empörung entgegen, die sich aus der Wut der Straße speist und ihn trotz seines Engagements für die Unterprivilegierten als bloß schöngeistig schwatzenden Soziologen abtun möchte. Mit viel Fingerspitzengefühl, aber auch mit großer Direktheit wehrt sich Bourdieu gegen diese Anfeindungen und versucht, den teils ziemlich aufgebrachten Diskutanten zu zeigen, dass sie sich mit ihrem klassentypischen Antiintellektualismus selbst das Wasser abgraben. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass der Streit unbewusste Herrschaftsstrukturen enthüllt habe. Bourdieus Körpersprache zeigt indessen, welch Schweiß treibendes Geschäft diese Form kämpferischer Soziologie war. Der Titel, den Carles für seinen beeindruckenden Film gewählt hat, ist daher gut gewählt.
Jedem an Bourdieus Werk Interessierten sei diese mit einem schönen Begleitheft einherkommende DVD wärmstens empfohlen.


Heinrich Himmler
Heinrich Himmler
von Peter Longerich
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,95

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Medioker, banal, opportunistisch - Himmlers erschreckendes Erfolgsrezept, 28. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Heinrich Himmler (Gebundene Ausgabe)
Peter Longerich ist mit dieser Biografie über Heinrich Himmler, den berüchtigten Reichsführer-SS, ein bemerkenswertes Werk gelungen.

Longerich beginnt sein biografisches Wühlen in Himmlers Kindheit und Jugend, weist aber von Beginn seiner Studie an darauf hin, dass der Leser nicht mit einer allumfassenden Hypothese bezüglich der psychischen Ursachen für Himmlers Beteiligung an den brutalen Verbechen der Nationalsozialisten rechnen dürfe.

Trotzdem liefert das Buch eine Menge an Informationen zu Himmlers Werdegang, und wer zwischen den Zeilen des Historikers liest, merkt schnell, dass Himmlers "Erfolg" vor allem mit seinem kleinbürgerlichen Ehrgeiz, seiner nur leicht überdurchschnittlichen Intelligenz, seinen Minderwertigkeitskomplexen und seiner moralischen Begrenztheit zu erklären wäre.

All diese Eigenschaften zusammengenommen ergeben das Bild eines ziemlich langweiligen Opportunisten mit leichtem Spleen, dessen Machtfülle vor allem darauf basierte, dass er die idealen Eigenschaften mitbrachte, die ihn in seiner Zeit hochzukatapultieren vermochten. Eigentlich erscheint er nicht als Individuum, sondern als ersetzbares Versatzstück, das eher zufällig an seine Position gespült wurde, diese allerdings mit einer gewissen Zähigkeit zu verteidigen und auch auszubauen verstand und offenbar keinerlei Interesse an einem "Privatleben" hatte.

Besonders interessant ist Himmlers Leseliste und seine Entwicklung zum eliminatiorischen Judenhass. Man stößt weder diesbezüglich noch hinsichtlich seiner extremen Hitlerverehrung auf ein Aha-Erlebnis. Alles bleibt sonderbar farblos, aber nicht etwa, weil Longerich eine so abstoßende Schreibe hätte, sondern weil das Material, aus dem er gezwungen ist, Himmlers Biografie zu rekonstruieren, anscheinend nicht mehr hergibt. Erschreckend unspektakulär mutet Himmlers soziale Flugbahn an, von seinen unzähligen Verbechen einmal abgesehen, und so bleibt als Resümee eines empfehlenswerten Buches letztlich nur eins: Es ist was dran an der nicht gerade neuen These von der Banalität des Bösen. Wieder einmal nur der Mix aus Mediokrität, Anspasslertum und Karrieregeilheit. Einfach nur zum Kotzen der Mann, nicht aber diese akribisch recherchierte Monographie eines Historikers, der es versteht, den "deutschen" Stoff exzellent mit den Mitteln der klassisch-britischen Historiographie zu beschreiben.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 2, 2012 9:02 AM CET


Und morgen war Krieg
Und morgen war Krieg
DVD ~ Sergej Nikonenko

15 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Glasnost und Perestroika als Rettungsanker: Ein sehenswertes Pubertätsdrama vor dem Hintergrund des Niedergangs der Sowjetunion, 5. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Und morgen war Krieg (DVD)
Dieser Film ist ein höchst interessantes künstlerisches Dokument aus der Endphase der Existenz der Sowjetunion. Die Handlung spielt zwar 1940, ein Jahr vor dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf die von Stalins Säuberungen militärisch und moralisch geschwächte UdSSR, in Wahrheit aber handelt es sich um eine subtile Parabel, die durchaus konkret auf die gespannte politische Lage Mitte der 1980er Jahre anspielt. Zentral geht es um den Gegensatz zwischen individueller Freiheit und Verpflichtung gegenüber dem Kollektiv, zwischen Wahrheitsliebe und blindem Glauben an die Parteidoktrin, wobei dieser für das (vorläufige oder endgültige?) Scheitern des Sozialismus zentrale Konflikt in einer Art und Weise offen ausgetragen wird, die vor Glasnost und Perestroika in der UdSSR unmöglich gewesen wäre.
Zum Szenario: Die ca. 15-jährige Schülerin Vika, die eine Schule in einem sowjetischen Provinznest besucht, zitiert auf einer Feier einen politisch verfemten Dichter. Kurz darauf wird ihr Vater, ein angesehener und freidenkerischer Flugzeugkonstrukteur, der etwas an den Raketenbauer Sergei Koroljov erinnert, auf Grund einer Denunziation verhaftet. Daraufhin nimmt sich Vika aus Verzweiflung das Leben und löst damit in ihrer Klasse, der 9b, einen Denkprozess aus, der in offener Rebellion gegenüber der linientreuen Lehrerin und ihre leeren Parolen gipfelt. Aber auch innerfamiliär tuen sich Gräben auf: Die Komsomolsekretärin Iskra, am Anfang ein fast puritanisch wirkendes Mädchen, das bloß die lustfeindlichen Phrasen der Klassenlehrerin und ihrer Mutter nachplappert, beginnt, sich gegen ihre streng auf Parteilinie stehende Mutter, eine verhärmte Bürgerkriegsveteranin, aufzulehnen und organisiert für Vika ein Begräbnis, das sie selbst vor den Betonköpfen der stalinistischen KPdSU in Schwierigkeiten bringen muss.
Offensichtlich war sich der Regisseur Juri Kara vollkommen über den maroden Zustand der damaligen Sowjetunion im Klaren, weshalb die zeitgenössische Lage implizit mit der am Vorabend des Großen Vaterländischen Krieges verglichen wird, der die UdSSR an den Rand des Untergangs brachte. Man erhält dabei den Eindruck, dass damit veranschaulicht werden sollte, dass die bevorstehenden Auseinandersetzungen zwischen progressiven und orthodoxen Strömungen innerhalb des bröckelnden Sowjetstaates ebenfalls existenziellen Charakters sein würden - eine Sichtweise, die man aus der Perspektive des Jahres 1987, in dem der Film entstand, nur als visionär bezeichnen kann. Der Film, der sich an ein junges Publikum richtet und eine poetisch ansprechende Bildersprache verwendet, hat dabei einen durchaus pessimistischen Unterton, vermittelt aber letzlich doch den Eindruck, dass - wie auch schon im Zweiten Weltkrieg - nach verlustreichem Kampf eine reformierte Sowjetunion würde weiterbestehen können. So wird auch keineswegs am kommunistischen System insgesamt gezweifelt, sondern vor allem der idelle Mangel an Diskussionsfähigkeit und die an Aberglaube grenzende Vorstellung einer absoluten und unteilbaren Wahrheit angeprangert, die sich ängstlich gegenüber der Komplexität gesellschaftlicher Prozesse verschließt. Hinter diesem hochpolitischen, aber keineswegs platten Film verbirgt sich also die Hoffnung auf einen demokratischen Kommunismus mit menschlichem Antlitz. Allerdings muss sich Regisseur Kara die Frage gefallen lassen, ob der Film nicht noch wesentlich mehr an Aussagekraft gewonnen hätte, wenn man seine Handlung in die Gegenwart verlegt hätte, was allerdings eine stärker am Realismus orientierte Ästhetik verlangt hätte, die allerdings damals aufgrund des staatlich verordneten sozialistischen Realismus ziemlich verbraucht gewesen sein dürfte. Außerdem bleiben die ebenfalls drängenden ökonomischen Probleme der sowjetischen Planwirtschaft vollkommen unerwähnt. Ein gutes Ideendrama, das allerdings für viele jugendliche Zuschauer zu unanschaulich sein dürfte, da es doch bisweilen in ziemlich abgehobene Reflexionen ausartet, die schon einen höheren Bildungsabschluss voraussetzen.


Irreversibel
Irreversibel
DVD ~ Monica Bellucci
Wird angeboten von vis-medien
Preis: EUR 15,90

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schockierendes visuelles Meisterwerk über Konkurrenz, Liebe und Gewalt, 20. September 2008
Rezension bezieht sich auf: Irreversibel (DVD)
Jedem Filmliebhaber, der bereits Gaspar Noes misanthropischen Schocker "Menschenfeind" gesehen und für gut befunden hat, wird auch in diesem extremen Film auf "seine Kosten kommen." Thematisch durchaus mit seinem Vorgänger vergleichbar - es geht anscheinend darum, männliche Gewalt zum Sujet zu machen - muss man diesen Streifen wohl primär als visuelles und formales Meisterwerk bezeichnen. Der Film beginnt mit einer längeren alptraumhaften Sequenz, in der die Freunde Marcus und Pierre einen auf SM-Praktiken spezialisierten Pariser Gay-Nightclub aufsuchen, um Rache an einem Gast dieses Klubs zu nehmen, den beide für den Vergewaltiger von Marcus' Freundin Alex halten. Der unschuldige Gast bricht zunächst Marcus, dem Freund von Alex, den Arm, um daraufhin von Pierre, der ebenfalls einst mir Alex liiert war, in extrem brutaler Weise mit einem Feuerlöscher zu Tode geprügelt zu werden, während der eigentliche Täter dem Geschehen beiwohnt und als Zuschauer seine sadistischen Gelüste ausagieren kann. Vom Zeitpunkt des Mordes an dem Klubgänger arbeitet sich der Film in einzelnen Episoden immer weiter zurück und präsentiert auf diese Weise eine Art Rekonstruktion dieses verhägnisvollen Abends und porträtiert die Lebensweisen der involvierten Akteure. Dabei sind die beiden Freunde von Alex als ungleiche "Brüder" gezeichnet. Ihre Gemeinsamkeit besteht in ihrer Liebe zu Alex, während sie sich ansonsten wenig gleichen. Pierre ist ein zurückhaltender, weltabgewandter Intellektueller, während der koksende Marcus eher den extrovertierten Lebemann gibt, dem sein Hirn bisweilen in die Hose rutscht. Filmisch sind die Szenen in großartiger Weise aufgenommen und inszeniert, komplexe merhminütige Kamerafahrten mit verfremdenden Perspektiven ohne sichtbare Schnitte, begleitet von einem hypnotischen Soundtrack, vermitteln einen verstörenden Eindruck von der psychotischen Dimension, die der Abend annimmt. Die Gewaltszenen des Films sind extrem schockierend und so explizit, dass man allerdings die Frage stellen muss, ob nicht wirklich sadistisch veranlagte Zuseher die einzigen sind, die den Streifen in voller Länge ertragen. Allerdings wird man auf der Beziehungsebene doch mit einer durchaus interessanten Dreiecksgeschichte konfrontiert, in der allerdings sozial wieder einmal Hormone über den Geist triumphieren (komisch nur, dass letztlich doch der Mensch als denkendes Tier die Natur nach seinen Wünschen formt, nicht umgekehrt - allen Tsunamis, Tornados und Erdbeben zum Trotz). Außergewöhnlich ist durchaus, dass nicht der als "Gorilla" apostrophierte Marcus zum Mörder mutiert, sondern der so distanzierte und abgehobene Pierre, der im Grunde die These verköpert, dass ein hoher Grad an Intelligenz unter bestimmten ungünstigen Umständen zu besonderen Grausamkeitsexzessen führen kann, ohne das notwendigerweise komplizierte Rachepläne geschmiedet werden müssten. Diese bedeutsame Fragestellung hätte man allerdings auch ohne die extrem direkte Darstellung physischer wie sexueller Gewalt zur Darstellung bringen können. Andererseits vermittelt der Film durch diese Explizitheit ein Gefühl der wahren Tragweite solch brutaler Verbrechen, die mir Rücksicht auf das Publikum im Allgemeinen verharmlost werden müssen. Und genau das ist die Stärke dieses Werks von Gaspar Noe: Gewalt als Erfahrung wird nicht ästhetisiert oder sonstwie verbrämt, sondern in ihrer nackten Rohheit technisch anspruchsvoll in Szene gesetzt - ganz unromantisch und trotzdem zutiefst berührend. Und das ruft natürlich bei jedem halbwegs friedliebenden Menschen Abscheu hervor. Ein kontroverser Film, der trotz seines wenig alltagstauglichen SM-Appeals aber auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck hinerlässt.


The Proposition - Tödliches Angebot
The Proposition - Tödliches Angebot
DVD ~ Guy Pearce
Preis: EUR 8,99

14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bildgewaltige Zivilisationskritik auf Australisch, 15. August 2008
Rezension bezieht sich auf: The Proposition - Tödliches Angebot (DVD)
Dieser Film von John Hillcoat ist ganz starkes Kino. Die Handlung ist im australischen Outback der 1880er angesiedelt. Im Zentrum steht ein faustischer Pakt zwischen dem britischen Captain Morris Stanley und dem irischen Outlaw und Bandenmitglied Charlie Burns. Stanley hat Burns' kleinen Bruder Mikey in Polizeigewahrsam genommen, dem für seine Verbrechen der Galgen droht. Stanley macht Charlie Burns ein Angebot: Sofern dieser seinen älteren Bruder Arthur tötet, der wegen zahlloser Gewaltverbrechen, die Mikeys und Charlies Vergehen weit in den Schatten stellen, gesucht wird, dürfen Mikey und Charlie mit Straffreiheit rechnen. Stanley verfolgt dabei zwei Ziele: Einerseits will er das von Anarchie geprägte Land "zivilisieren", dessen moralische Verdorbenheit von Myriaden von Fliegen symbolisiert wird, andererseits endlich den Mann, der die hochschwangere beste Freundin seiner Frau brutal ermordet hat, seiner als "gerecht" empfundenen Strafe zuführen. Damit gerät Stanley in ein ethisch-juristisches Dilemma, denn um seine Vorstellung von Zivilisation durchzusetzen, zu deren Grundlagen eine von der von ihm selbst repräsentierten Exekutive unabhängige Justiz gehört, sieht er sich trotz seines Amtes als Ordnungshüter zum Rechtsbruch gezwungen - wohl auch deshalb, weil die örtliche Justiz grob gegen das Neutralitätsgebot der eigenen Zunft verstößt. Außerdem bringt er mit seinem Angebot die zur Lynchjustiz neigenden Einwohner des kleinen Städtchens gegen sich auf, in dem er als Polizeichef dient. Es beginnt eine gnadenlose Jagd...
Begleitet wird dieses komplexe und außergewöhnliche Sujet von grandioser Bildgewalt, herrlichen Aufnahmen des australischen Hinterlandes, hervorragenden Darstellern wie Ray Winstone, Guy Pearce, John Hurt und Emily Watson sowie einem dezenten Soundtrack von Warren Ellis und Nick Cave, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist. Das erschütternde Schicksal der Aborigines wird dabei ebensowenig ausgespart wie die unsagbare Brutalität, mit der innerhalb dieses quasi rechtsfreien Raumes agiert wird.


Sieben Tage: Roman
Sieben Tage: Roman
von Jonny Glynn
  Gebundene Ausgabe

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Seht ihn euch an, er ist ein Mensch!, 12. Juli 2008
Rezension bezieht sich auf: Sieben Tage: Roman (Gebundene Ausgabe)
Jonny Glynn legt mit dem Roman "Sieben Tage" einen Erstling vor, der wohl kaum einen Leser kalt lassen dürfte und den man auch nicht als billige Sensationshascherei abtun sollte.
Inhaltlich geht es um eine Woche im Leben des Ich-Erzählers Peter Crumb, einen alleinstehenden Mann um die 40, der offensichtlich an Dissoziativer Identitätsstörung bzw. Multipler Persönlichkeitsstörung leidet. Crumb, der ständig seine Darmbewegungen reflektiert und Form und Festigkeit seines Stuhlgangs anhand einer höchst eigenwilligen Skala bemisst, entschließt sich, eine Woche lang planvoll mordend durch seine Heimatstadt London zu ziehen, um anschließend seiner von Isolation und Ausgrenzung geprägten Leidensexistenz ein vorzeitiges Ende zu setzen. Dabei lässt er sich von den Schlagzeilen der bekanntermaßen wenig zimperlichen britischen Regenbogenpresse inspirieren, deren Horrormeldungen er kritisch kommentiert und in gewisser Weise nachzustellen versucht. Die im Zuge der Romanhandlung erzählten Gewaltakte sind zutiefst schockierend, auch wenn sie durch Crumbs zynische und teils xenophobe Kommentare, die in gewisser Hinsicht an Houellebecqs Romane der 90er erinnern, so verfremdet werden, dass sie eine durchaus surreale, fast schon satirische Qualität annehmen. Sie dienen indes keinem voyeuristischen Selbstzweck, auch wenn diese Erzählstrategie Glynn natürlich ein gerütteltes Maß an Aufmerksamkeit garantiert. Vielmehr kommt man nicht umhin, dem Glynn'schen Machwerk eine gewisse kompositorische Konsequenz zuzugestehen. In diesem Zusammenhang wäre u.a. Glynns ünerzeugender psychologischer Realismus lobend zu erwähnen: Offensichtlich sind Crumbs Persönlichkeitsspaltung, die Vergleiche mit Robert Louis Stevenson provoziert, und seine Gewaltobsessionen keineswegs das Ergebnis angeborener moralischer Verdorbenheit, sondern vielmehr das Resultat zutiefst traumatischer Erfahrungen. So schildert der Ich-Erzähler eine nebulöse, aber für das Verständnis des Romans zentrale Alptraumsequenz, die bislang von der Kritik weitgehend übersehen wurde und nach Ansicht des Verfassers dieser Rezension in verquaster Form den sexuellen Missbrauch des zehnjährigen Peter Crumb durch den eigenen Vater zum Ausdruck bringt. Dieser bringt seinen Sohn auf einen Dachboden, wo er sich entkleiden und auf eine fleckige Matratze legen muss. Der von Todesangst gepeinigte Protagonist schließt die Augen und es erscheint ein Wesen, das im Original als "badger" (dt. "Dachs") bezeichnet wird, der gewaltsam und schmerzhaft in seinen Schlund eindringt, um sich solchermaßen seines Körpers zu bemächtigen. Dass es sich dabei vermutlich um den eigenen Vater des hilflosen Halbwüchsigen handelt, kann Crumbs Bewusstsein nicht zulassen und es greift deshalb auf altersangemessene Fantasiegestalten zurück, um erfolgreich dieses extrem traumatische Erlebnis verdrängen und abspalten zu können. Crumb aber wacht auf und schenkt dem Geträumten keine weitere Beachtung. Sein zweites Trauma besteht im Verlust seiner fünfjährigen Tochter Emma, die er innigst geliebt hat und die einem außergewöhnlich brutalen Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist, dessen Urheber im Unklaren bleibt. Offensichtlich wurde der Leib des Kindes im Zuge des Verbechens zerstückelt, weshalb immer wieder Crumbs Gedanken um Verstümmelungen und abgetrennte Körperteile kreisen.
Ironischerweise wird der Medienkritiker Crumb aber auch zum Medienhelden, weil er gegen Ende des Romans nach einem terroristischen Bombenanschlag auf die Londoner Buslinie 38, die von einer großen Zahl muslimischer Briten frequentiert wird, ein Mädchen rettet, das ihn an seine eigene Tochter erinnert. Crumb, der auch schon mit Dostojewskijs Rodjon Raskolnikow verglichen wurde, ist eben Täter und Opfer zugleich, Gut und Böse haben gleichermaßen einen Platz unter seinem Schädeldach. Und genau das ist die eigentliche Leistung Glynns: Er schafft es, dem Leser trotz der unaussprechlichen Gewaltakte Crumbs Mitleid für seinen monströsen Antihelden abzutrotzen. Ungeachtet seiner extrem brutalen und sadistischen Handlungen ist Crumb eben doch letztlich ein Mensch, ein Teil der eigenen Gattung, und auch ein Produkt der Zivilisation, der er entwachsen ist.
Auch formal ist das Debut Glynns nicht uninteressant. Die Ich-Erzählpersepektive wird durch eine zusätzliche Figur gebrochen, die physisch mit Crumb identisch ist, in Krisenmomenten aber aus seinem Körper heraustritt und als eigenständige Person in der Er-Form vorgestellt wird. Crumbs Vokabular ist höchst idiosynkratisch, was dieser Schreckensgestalt so etwas wie eine nicht abstreitbare Individualität verleiht. Äußerlich impft Glynn dem Text durch Einteilung in einzelne Kapitel Struktur ein, die mit den einzelnen Tagen zusammenfallen, aber auch Lücken im Erzählprozess aufweisen, um Crumbs amnestische Episoden, die Teil seiner schweren seelischen Erkrankung sind, sinnvoll einbinden zu können.
Wer nach Extremerfahrungen und existenzialistischem Tiefgang sucht, sollte diesen Alltagssprache und restringierten Code verquickenden Roman nicht verpassen. Allzu Empfindliche sollten aber vielleicht doch was anderes lesen, denn die Gewalt- und Missbrauchsdarstellungen ín diesem Roman sind ganz starker Tobak.


The Assassination of Jesse James
The Assassination of Jesse James
Preis: EUR 17,98

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erneut gelungener Film-Soundtrack von Níck Cave & Warren Ellis, 1. März 2008
Rezension bezieht sich auf: The Assassination of Jesse James (Audio CD)
Erneut legt der mittlerweile 50jährige Nick Cave einen Western-Soundtrack vor, den er gemeinsam mit Warren Ellis, seinem langjährigen Wegbegleiter von den Bad Seeds, aus der Taufe gehoben hat. Wie nicht anders zu erwarten, weist das Werk eine tief melancholische Grundierung auf, die zwischen einem latenten Gefühl der Bedrohung und bittersüßer Resignation hin und her oszilliert. Klavier, Violine und Bratsche dominieren zwar die meisten Stücke, gelegentlich gibt es aber auch ein klassisches Streicherensemble im Hintergrund, Gitarren sowie Xylophon-Passagen, die Cave sehr vorteilhaft einzusetzen versteht. Ingesamt eher spartanisch, vermag vor allem der Titelsong "Rather Lovely Thing" mit seinem eingängigen Leitmotiv dauerhaft zu überzeugen. Letzten Endes entfaltet die Musik aber vor allem im Zusammenspiel mit den visuellen Eindrücken des Films ihre volle, kontemplative Kraft. Zu loben ist auch das Booklet, das hervorragend die Atmosphäre des Films einfängt und einen optischen Eindruck von den puritanischen Wurzeln Amerikas vermittelt.


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