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The Baroness: The Search for Nica the Rebellious Rothschild
The Baroness: The Search for Nica the Rebellious Rothschild
von Hannah Rothschild
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,40

4.0 von 5 Sternen Professionell, 26. Juli 2014
Hannah Rothschild schreibt professionell flüssig, man kann das Buch kaum weglegen (ich hatte die englische TB-Ausgabe von Virago).

Das Buch schildert ein einzigartiges Leben - Kindheit in der superreichen Rothschild-Familie, Kriegseinsätze in Afrika und Europa, fünffache Mutter, dann Begleiterin der besten Jazzmusiker der Welt.

Historisch beginnt die Autorin mit Mayer Amschel Rotschild im 18. Jahrhundert und der damaligen Judendiskriminierung in Frankfurt. Die New Yorker Jazz-Zeit nimmt ungefähr zwei Fünftel des Buchs ein. Ihre eigene Rolle und Gefühlswelt beschreibt Hannah Rothschild zu ausführlich (Beispiel: sie setzt sich 2004 in ein New Yorker Café, hört 'Round Midnight per iPad und versucht sich in die 50er Jahre zu versetzen).

Die 280 Seiten erscheinen mir zu kurz - speziell über Pannonica Rotschilds Kriegseinsätze hätte ich gern mehr gelesen und über ihre Bekanntschaften mit anderen Jazzmusikern als Thelonious Monk. Gab es nach der Trennung vom Ehemann noch Liebesverhältnisse zu anderen Männern? Darüber schreibt Hannah Rothschild praktisch nichts, vielleicht auch aus Rücksicht auf die eigene Familie (die Jazzbaronin war ihre Großtante, einige Rotschilds waren strikt gegen das Buchprojekt).

Meine Ausgabe hat einen Rothschild-Stammbaum, ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Schlagwortverzeichnis und eine Liste der Pannonica Rothschild gewidmeten Jazzstücke. Die vielleicht eineinhalb Dutzend Fußnoten erscheinen entweder gar nicht oder auf falschen Seiten und dann teils unvollständig.

In der Monk-Doku Straight, No Chaser erscheint die Baronin ganz am Rand, ebenso im Charlie-Parker-Spielfilm Bird (dort aufdringlich lasziv dargestellt). Hannah Rothschilds TV-Doku habe ich separat besprochen, ebenso David Kastins Buch "Nica's Dream", das den Schwerpunkt ganz anders setzt als Hannah Rothschild: Kastin konzentriert sich ganz auf die Bepop-Ära und auf USA. Alles, was in Europa und vor 1950 passierte, interessiert ihn wenig.


The Jazz Baroness [DVD] [UK Import]
The Jazz Baroness [DVD] [UK Import]
DVD ~ Helen Mirren
Wird angeboten von zoreno-deutschland
Preis: EUR 4,89

3.0 von 5 Sternen Nicht ganz überzeugend, 26. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Jazz Baroness [DVD] [UK Import] (DVD)
Das Leben der "Jazz Baroness" Pannonica de Koenigswarter, geb. Rothschild, im Bebop-New York der 50er, 60er und 70er Jahre ist das Hauptthema dieser BBC-Dokumention. Regisseurin Hannah Rothschild, Großnichte Pannonicas, schildert aber auch ausführlich den Lebensweg des Tastengenies Thelonious Monk; von allen Jazzmusikern, die de Koenigswarter unterstützte, war er ihr persönlich und musikalisch am nächsten, er wohnte auch länger bei ihr.

Und Hannah Rothschild zeigt immer wieder sich selbst, wie sie durch das New York des 21. Jahrhunderts wandert (also Jahrzehnte nach dem Tod der Hauptfiguren), in der U-Bahn sitzt oder mit dreckigen Fingernägeln Archive sichtet. Diese Bilder sind genauso überflüssig wie die vielen historischen Autofahrten, Flugzeuglandungen oder vorbeifahrende Hochbahnen in der Doku; dabei wackeln die Aufnahmen oft stark. Die beliebig wirkenden Archivschnipsel unterlegen die britisch-aristokratische Stimme Helen Mirrens, die aus Briefen Pannonicas vorliest (die DVD bietet dazu englische Untertitel). Hauptfigur Pannonica, oder kurz Nica, sieht man kaum einmal, die wenigen Filmschnipsel von ihr werden öfter wiederholt. Zu oft werden Filmszenen langsam ineinander geblendet. Immerhin vermeidet Hannah Rothschild nachgestellte Szenen.

Zu den wichtigen talking heads dieser Doku zählen die Musiker Quincey Johns und Sonny Rollins, dann Clint Eastwood (u.a. Regisseur des Charlie-Parker-Films Bird) sowie Monks Manager Harry Colomby und Monks Sohn Thelonious Jr. In den Extras liefert die DVD weitere Interviewausschnitte mit 14 schon aus dem Film bekannten Gesprächspartnern, meist drei bis sechs Minuten lang (wiederzufinden auf der Webseite zum Film). Pannonicas Kinder verweigerten wie üblich das Gespräch mit den Medien, Hannah Rothschild bekam aber noch Pannonicas ältere Schwester Miriam und einen weiteren Verwandten vor die Kamera. Rothschild erzählt ja auch nicht nur von New York, sondern beschreibt jeweils ebenso die unterschiedlichen Kindheiten von Pannonica Rothschild in England und von Thelonious Monk in North Carolina.

Meist läuft Monks Jazz im Hintergrund; in Verbindung mit den historischen und durch Überblendungen oder starkes Vergrößern teils leicht psychedelischen Bildern entsteht eine anregende Atmosphäre. Aber mehr als wenige Sekunden reiner Musik lässt Hannah Rothschild nicht zu, dann überlagert wieder ein Sprecher die Tonspur. Wer Monk ausführlicher spielen sehen und hören will, besorgt sich die Doku Straight, No Chaser (mit Aufnahmen v.a. von 1968).

Hannah Rothschilds Erzählung im Film erinnert deutlich an ihr Buch zum selben Thema. Beide überzeugen mich nicht sonderlich, ebenso wenig wie David Kastins Biografieversuch "Nica's Dream".


Bird (A Film By Clint Eastwood) [UK Import]
Bird (A Film By Clint Eastwood) [UK Import]
Wird angeboten von oxfordengland
Preis: EUR 4,74

3.0 von 5 Sternen Etwas zäh, 25. Juli 2014
Das erwachsene, kurze Leben des Jazzgenies Charlie Parker (genannt Bird) in New York und Kalifornien. Für mich springt nie so recht der Funke über, es wirkt manchmal wie nachgestellte Szenen in irgendeiner Doku. Große Teile des Films (1988, 2:40 Stunden lang) spielen in dunklen Räumen, Gesichter liegen im Halbschatten. Die Handlung läuft zäh; einige Details der Handlung habe ich nicht verstanden, und hätte ich nicht vorher Parkers Biographie im Internet gelesen, wäre mir noch viel mehr unklar geblieben.

Parkers Drogenabsturz erscheint im Film nicht so hart, wie ich befürchtet hatte. Sein Darsteller Forest Whitaker, für die Bird-Arbeit mehrfach ausgezeichnet, behält ohnehin bis zum Schluss ein milchbärtiges, frisches Knabengesicht, dem man nicht eine Sekunde lang die angeblichen Frauenabenteuer und Drogenverwüstungen glaubt. Er wirkt eher wie unschuldige 15, auch in der Szene seines Todes; und so passt es ganz und gar nicht, dass der den Tod feststellende Film-Arzt ihn auf 65 schätzt (der tatsächliche Arzt Robert Freyman hatte den 34jährigen Parker auf in den Fünfzigern geschätzt). Die längeren Musikszenen klingen ansprechend, begeistern aber kaum (teilweise wurde Parkers Saxofon mit neu eingespielten Begleitinstrumenten unterlegt).

Parker starb 1955 in der Suite der Baronin Pannonica de Koenigswarter, die kurz vor ihrem Tod 1988 mit Regisseur Clint Eastwood noch über das Bird-Filmprojekt geredet hatte. Im Film wird sie von Diane Salinger viel zu lasziv gespielt; de Koenigswarter hatte vorab geurteilt, Salinger sehe aus wie ein "constipated horse". Ex-Pianist Eastwood sah Charlie Parker 1945 noch live auf der Bühne.

Im Vergleich zum Jazz-Spielfilm Round Midnight mit Dexter Gordon in der Hauptrolle wirkt Bird musikalisch, visuell und inhaltlich härter, weniger geschmeidig und eingängig.

Bitter: Meine DVD lieferte nur deutschen Ton und deutsche Untertitel. Keinen Originalton - und auch sonst keine Extras.


Nica's Dream: The Life and Legend of the Jazz Baroness
Nica's Dream: The Life and Legend of the Jazz Baroness
von David Kastin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,10

4.0 von 5 Sternen Viel Kultur, wenig Leben, 24. Juli 2014
Aufgewachsen als superreiche Rothschild-Tochter in England, dann Pilotin, verheiratet in Frankreich, Kriegsheldin in Afrika, Diplomatengattin in Mexiko, Mutter von fünf Kindern, Eheflüchtling und schließlich jahrzehntelang Gönnerin der New Yorker Jazzszene, eine begüterte weiße Edelfrau unter schwarzen, oft armen und drogensüchtigen Jazzentrikern - Pannonica "Nica" de Koenigswarter, née Rothschild, hatte ein spannendes, ungewöhnliches Leben.

David Kastin verspricht eine Biographie; doch drei Viertel seines Buchs handeln allein von der New Yorker Zeit ab de Koenigswarters 40. Lebensjahr.

Und hier schildert Kastin vor allem die Jazzaktivitäten der Rothschild-Erbin. Er zitiert sie selbst damit, dass ihr New Yorker Leben bei weitem nicht nur aus Jazz bestand - aber nichts davon verrät Kastin. So sagt er, dass sie in späteren Jahren kaum reiste, einmal aber Familienangelegenheiten in London und Israel regeln musste. Was die Baronin auf die Reise führte und wie es ihr dabei ging, verrät Kastin mit keinem Wort: er erwähnt die Unternehmung nur, weil Nicas heikler Pflegegast Thelonious Monk allein in New York zurückblieb. Was de Koenigswarter außerhalb der USA erledigte, interessiert den Autor generell kaum. Kastin hätte sein Buch, das aus einem Artikel heraus entstand, besser ganz auf Nica und den Jazz in New York beschränkt und nicht den Anspruch einer umfassenden Biographie erhoben

So ist von der jüngeren Nica in England, Frankreich und im Krieg in Afrika nicht viel zu lesen; ebensowenig von der privaten Nica außerhalb der Jazzkreise. Biograf Kastin kommt ihr kaum nah, vielleicht auch aus Rücksicht oder auf Drängen der mächtigen Familie; die fünf Kinder reden zudem kaum über sie, und Nicas offenbar existierende Autobiografie bleibt unter Verschluss. Dafür liefert der in Brooklyn lebende amerikanische Musikkritiker Kastin lange Ausflüge in die amerikanische Kulturgeschichte - Jazzleben, Literatur, Malerei, Film und Beat Generation schildert er weit ausführlicher als nötig, vielleicht um Seiten zu füllen, Nica verschwindet dort weitgehend. Ich fand es dennoch interessant, zumal Kastin meist flüssig und entspannt schreibt, wenn auch einige Künstlernamen falsch erscheinen.

Es gibt nur acht Fotoseiten, mit meist zwei Schwarzweiß-Bildern pro Seite; einige Fotoseiten verschenkt Kastin völlig, indem er unwichtige Gebäude zeigt. Die Kinder der Baronin, die teils Jazzkneipen mit ihr besuchten, sieht man gar nicht, ebenso fehlen die meisten Bebop-Hauptfiguren oder LP-Hüllen mit einem Gemälde aus Nicas Hand.

Kastin erwähnt auch Nicas Großnichte und BBC-Regisseurin Hannah Rothschild und deren Filmdokumentation über Pannonica de Koenigswarter. Hannah Rothschild legte später eine Nica-Biographie in Buchform nach, die weit ausführlicher als Kastin Nicas Zeit in Europa darstellt - besonders das exzentrische Leben der Rothschilds - und mehr und interessantere Fotos bringt. Jedoch schwächelt Rotschild beim Jazzleben, es ist ganz offenbar nicht ihre Welt; hier wirkt Kastin ausführlicher und reifer, und er zeigt vielleicht auch die private Nica in der New Yorker Phase genauer als Hannah Rothschild. Kastin listet auch die Pannonica de Koenigswarter gewidmeten Jazzstücke weit ausführlicher. Viele interessante Hintergründe und Video-Interviews liefert übrigens auch Hannah Rothschilds Webseite zur Jazzbaronin.


Short Cuts
Short Cuts
DVD ~ Andie MacDowell
Wird angeboten von Joe2000
Preis: EUR 26,99

4.0 von 5 Sternen Epischer Ensemble-Film in L.A., 20. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Short Cuts (DVD)
Viele verschiedene Geschichten und Akteure, exzellent immer wieder ineinander geflochten. Bevor nur ein bisschen Leerlauf entstehen könnte, geht es weiter zur nächsten Beziehung - kurze Schnitte eben. Man kann die drei Stunden durchaus am Stück sehen, wenn man nicht zu spät damit beginnt. Ein paar Elemente ab Filmmitte finde ich zu billig drastisch, aber ich bin auch sehr zartfühlend. Zunächst verbinden die Hubschrauber der Pestbekämpfung die verschiedenen Handlungszentren, sie geraten dann jedoch aus dem Blick.

Ständig reden Menschen durcheinander, Stimmen von unterschiedlichen Akteuren, Radio und Fernsehen überlagern sich. Die Männer sind oft unsympathische Egomanen, die noch in der Küche Sonnenbrille tragen und sich unerträglich aufmandeln. Es kriselt fast überall, auch wenn's die Frauen kühl oder betont heiter überspielen möchten.

Raymond Carvers Kurzgeschichten haben den Film inspiriert (nur die Episode der Jazzsängerin mit einer Cello spielenden Tochter hat Altman allein geschrieben, und genau diese Figuren passen nicht ganz ins Gesamte). Wer auch immer wieviel Anteil am Drehbuch hat - die Dialoge sind markant, die Geschichte würde auch als Roman funktionieren; man muss nur damit leben, dass die meisten Figuren meist unzufrieden oder unsympathisch sind.

Meine DVD hatte schlechte Bildqualität und, verheerend, keinen englischen O-Ton. In der etwa 20minütigen Doku zum Film gibt jeder Darsteller ein Statement ab, meist wenig ergiebig; Robert Altman bekommt ein paar Sätze mehr.


Three Wishes: An Intimate Look at Jazz Greats
Three Wishes: An Intimate Look at Jazz Greats
von Nica de Koenigswarter
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,90

3.0 von 5 Sternen Schön gemacht, und wenig Inhalt, 17. Juli 2014
Kein Wunder, dass Pannonica de Konigswarter, geb. Rothschild, zunächst keinen Verleger für ihr Three-Wishes-Projekt fand: Viele Bilder sind unscharf, falsch belichtet, verkratzt oder verschmutzt, es gibt keinen Stil. Und die Antworten der wohl 300 mehr oder weniger bekannten Jazzer: mehr oder weniger interessant.

Das Buch bringt lauter kleine Wortschnipsel aller Jazz-Größen und vieler unbekannter Jazzmusiker der 50er und 60er Jahre; nur Charlie Parker (Bird) tritt nicht auf - er starb 1955 in de Koenigswarters Apartment, doch erst 1961 begann sie mit ihren Fragen. Die Musiker nennen ihre drei Wünsche: meist finanzielle Sicherheit, glückliche Familie, Nähe zu Gott, mehr Stellenwert für den Jazz, Weltfrieden, gelegentlich Ende der Rassentrennung, mehr Sex oder Unverständliches. Längst nicht zu allen Interviewten erscheint ein Foto, dafür sieht man andere Figuren mehrfach.

Die Seiten sind uneinheitlich gestaltet, so dass es nicht langweilig wird, das gestrichene Kunstdruckpapier fasst man gern an. Der Anhang listet alle Musiker noch einmal alphabetisch auf, mit Instrument, Geburtsjahr und ggf. Todesjahr. Das Vorwort von Jazzkritiker Gary Giddins hat mir gar nichts gegeben (aber er schreibt, dass auch er nicht alle Namen der Sammlung kennt). Der biographische Abriss, den Nadine de Koenigswarter über ihre Großtante Pannonica beisteuert, wirkt dagegen sehr übersichtlich und kompakt, auf seine Art besser als Hannah Rothschilds Buch und Film über Pannonica de Koenigswarter und besser als der entsprechende Wikipedia-Eintrag.

Die Bilder haben eine gewisse Intimität und Echtheit, weil sie oft im Haus von de Koenigswarter entstanden und nie gestellt sind, und gerade auch wegen der technischen Mängel - das Gegenteil von künstlichen Publicity-Fotos. Zudem lassen sich die Zitate locker runterlesen, ganz gelegentlich ist sogar etwas Originelles dabei. So gesehen wirkt Three Wishes ganz unterhaltsam. Neue Erkenntnisse liefert es nicht.


The East, the West, and Sex: A History of Erotic Encounters
The East, the West, and Sex: A History of Erotic Encounters
von Richard Bernstein
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,09

3.0 von 5 Sternen Historische Abhandlung, 16. Juli 2014
Bernstein schreibt flüssig und leicht lesbar, aber ohne besonderen Reiz. Mitunter klingt er säuerlich missbilligend, so beim Thema Kolonionalismus und bei allzu entschlossenen Ausschweifungen historischer Reisender; dabei erinnert Bernstein fast an die viktorianische Moral, die immer wieder zitiert wird, und im Fazit scheint er christlich geprägte Monogamie zu bevorzugen.

Bernstein hat in China studiert, zeitweise gearbeitet und dort auch geheiratet - also ist China früher und heute ein Schwerpunkt des Buchs. Weiteres Hauptaugenmerk gilt dem historischen Indien und den Engländern sowie dem Treiben der Franzosen in ihren nordwestafrikanischen Kolonien (die Bernstein ohne weiteres auch zu "The East" zählt). Andere Kapitel handeln von Prostitution in Vietnam während des Vietnamkriegs, von Prostitution in Thailand heute und von Japan. Sehr kurze Kapitel besprechen dauerhafte Ost-West-Paare in Nordost-Thailand und westliche Frauen mit östlichen Männern.

Teils berichtet Bernstein also über östliche Regionen und deren teils wenig monogame Traditionen; teils konzentriert er sich auf die Abenteuer einzelner historischer Figuren, darunter die Franzosen Montherlant und Flaubert sowie der Engländer Richard Francis Burton.

Mitunter verfolgt Bernstein das Leben dieser Figuren weit über das fürs Buchthema Erforderliche hinaus, und ohnehin scheint mir seine Monografie nicht sehr stringent gegliedert: Manche Kapitelüberschrift klingt unbestimmt und man weiß nie recht, in welche Richtung Bernstein beim nächsten Absatz driftet. Dank des mühelos lesbaren Tons stört das indes weniger. Die kurzen sogenannten Interludes sollen offenbar Einzelschicksale schildern. Diese Interludes sind aber sehr heterogen und enthalten teils auch historische, verallgemeinernde Darstellungen, gegen Ende bleiben sie ganz aus; umgekehrt erscheinen in verallgemeinernden Kapiteln auch Einzelschicksale. Offenbar musste Bernstein die Arbeit am Buch für vier Jahre ruhen lassen, und dabei kam wohl die formale Sorgfalt abhanden.

Die Philippinen, Indonesien, Malay(si)a und Burma/Myanmar erscheinen kaum, obwohl die Länder ergiebiges Material bieten, Bangladesh figuriert allenfalls innerhalb des historischen Indien-Teils; der Mittlere Osten fehlt, ebenso Indochina unter den Franzosen.

Insgesamt ist mir der historische Anteil zu groß. Zudem spricht Burton für mein Empfinden auch zu viel von Prostitution und zu wenig über Beziehungen ohne finanziellen Aspekt. Asien stellt er als frivoler dar als es ist. Sein Wissen über asiatische Prostituierte bezieht Burton aus Büchern, Webseiten, Time-Life-Reportagen und aus Interviews mit Gelehrten oder reisenden Weißen. Ein Gespräch mit einer Sexarbeiterin erscheint ebensowenig wie detaillierte Einzelportraits einer Asiatin, abgesehen von einem unergiebigen, kurzen Interlude; nur über Cio-Cio-San, Hauptfigur der Oper Madam Butterfly, spricht Bernstein viel zu ausführlich.

So recht in den Griff bekommt Bernstein das Thema nicht. Vielleicht geht es aber auch nicht.

Das Buch hat ein langes Stichwortregister und zahlreiche Literaturhinweise.


Um Mitternacht
Um Mitternacht
DVD ~ Dexter Gordon

4.0 von 5 Sternen Edle Bilder, edler Ton, 14. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Um Mitternacht (DVD)
Das ist sehr edel gefilmt, selten zuvor sah ich Musiker so schön in Szene gesetzt. Aber auch außerhalb des Jazzclubs Blue Note glänzt die Kamera, schwenkt immer wieder langsam und beobachtend horizontal oder diagonal durch den Club und durch komplette Wohnungen - mit langen Einstellungen, wenig Schnitten, ein herrlich träger Film, der sich nur selten den Zwängen einer Handlung unterwirft.

Zudem spielt Dexter Gordon provozierend träge, teils verschlagen - und er spricht auch so: das Englisch im O-Ton verstehe ich kaum, ich habe die Untertitel mitlaufen lassen. Die selbstzerstörerische Ader der Hauptfigur tritt nicht stark hervor, es gibt kaum Agonie.

Der Jazz klingt bestechend, auch exzellent aufgenommen, und wie könnte es anders sein mit Herbie Hancock als Musikchef.

Allerdings wirkte Round Midnight etwas disparat und künstlich: Die Handlung scheint deutlich aus den fünfziger Jahren zu stammen, ebenso wie die Autos in Paris. Kleidung, Frisuren und Musikgeräte wirken jedoch teils moderner, ebenso wie Hancocks versöhnlicher Kuscheljazz (samt Gitarrist John McLaughlin) nicht wirklich nach der Bebop-Ära klingt. Die von Dexter Gordon verkörperte Hauptfigur sieht zudem weniger afro-amerikanisch aus als behauptet, die Straße vor dem Blue Note scheint eine Studio-Kulisse zu sein, und die aufopferungsvolle Liebe des jungen Franzosen zum alten Jazzer aus US of A ist auch ziemlich ungewöhnlich (ich weiß, dass der Film auf Wahrem und Francis Paudras' Erinnerungen basiert).

Bild und Ton meiner DVD waren exzellent. Als Extras liefert die Scheibe nur ein paar Texttafeln zu den Hauptakteuren. Ein Menü nur für die Musikstücke gibt es - anders als bei Bollywood-DVDs - nicht.


Der arbeitslose König (5909 910). Maghrebinische Märchen.
Der arbeitslose König (5909 910). Maghrebinische Märchen.
von Gregor von Rezzori
  Broschiert

3.0 von 5 Sternen Nebulös herbeifantasiert, 10. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das erste Märchen erstreckt sich in sieben Kapiteln über knapp 80 Seiten und handelt von einem König, der aus lauter Gefräßigkeit das teure Silberbesteck zusammen mit dem Essen verschluckt; aus Kostengründen isst er alsdann mit den Händen ist, verschluckt dabei aber seine Faust und nagt später seine Finger mit ab; beim Spähen in den Kopftopf verliert dieser König seine Krone und wird, unerkannt, in den Hofgraben geworfen.

Das war mir zu bizarr. Es ist weit mehr an den Haaren herbeigezogen – und die Binnenlogik ignorierend – als die Maghrebinischen Geschichten (1953) desselben Autors; diese hatte ich mit Vergnügen gelesen. Die Maghrebinischen Märchen (1983) jedoch sind noch weitaus weniger realitätsbezogen.

Von Rezzori formuliert zwar wieder erlesen und konstruiert elaborierte Kapitelübergänge; diesmal mischt er indes auch einzelne banale Ausdrücke in seine blümeranten Sätze – er mag den Stilbruch originell finden, mir behagt er nicht so.

Zusätzlich zu der herbeifantasierten Handlung gibt es längere nebulöse Gedankenströme. Ich habe das nach den ersten besagten 80 Seiten beiseite gelegt.


Das Mädchen Irma La Douce
Das Mädchen Irma La Douce
DVD ~ Jack Lemmon

4.0 von 5 Sternen Etwas süßlich, etwas schlüpfrig, 9. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Mädchen Irma La Douce (DVD)
So wie der Filmtitel ist auch der Film etwas süßlich, etwas schlüpfrig und mehr als etwas künstlich: alle Kulissen und Utensilien riechen nach Studio, bis hin zu den plastifizierten Schweinebäuchen auf dem Markt; so erinnert das Stück noch deutlicher als nötig an seine Vergangenheit als Bühnenmusical in New York und Paris. Aber Jack Lemmon spielt exzellent Komödie und Shirley McLaine sogar etwas mehr als das, die nüchterne Liebesdienerin mit Herz und Verstand. Der Film hat einige gute Sprüche, funkelt aber nicht so wie die Wilder-Komödien The Apartment oder Some Like it Hot.


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