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The Harmony Silk Factory
The Harmony Silk Factory
Preis: EUR 5,78

2.0 von 5 Sternen Blasse Geschichte(n), 20. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: The Harmony Silk Factory (Kindle Edition)
Der Roman umfasst die 1920er bis 1960er Jahre in der malaysischen Provinz – also von der englischen Kolonialherrschaft über die japanische Besatzung bis hin zur Unabhängigkeit. Der Schwerpunkt liegt allerdings in den 30er und 40er Jahren. Im Mittelpunkt steht der junge Johnny Lim, ein skrupelloser Geschäftsmann und Gelegenheitsverbrecher chinesischer Herkunft. Aus kleinen Verhältnissen arbeitet er sich opportunistisch und intrigant nach oben (engl. Originaltitel The Harmony Silk Factory, dt. Titel Die Seidenmanufaktur "Zur schönen Harmonie", ich habe das englische Original gelesen).

Autor Tash Aw gliedert den Roman in drei Teile, jeder hat einen anderen Sprecher. Allerdings klingen die Sprecher verwechselbar gleich; und auch wenn sich die geschilderten Zeitabschnitte teils überschneiden, erscheinen nicht alle Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven.

Auf den ersten 100 Seiten erzählt Tash Aw aus der Sicht von Lims Sohn Jasper, der wiederum das Leben seines Vaters beschreibt. Dabei springt der Sohn zwischen den Zeitebenen und kündigt Tragödien gelegentlich mit unheilvollen Worten an. Hier schreibt Aw nur wenig Dialoge.

Ganz glaubwürdig wirken die Geschichten nicht, eher schon wie magischer Realismus oder James Bond: Mindestens ein oder zwei seiner tollkühnen Intrigen hätte Slim nicht überleben dürfen.

Der zweite Teil gibt das Tagebuch von Lims 21jähriger Ehefrau Snow Soong wider, klingt aber eher nach dem Bericht einer sehr reflektierten und selbstreflektierenden Ich-Erzählerin - jetzt mit reichlich Dialog, wenn auch sprachlich so ambitionslos wie Teil 1. Die Ereignisse sind äußerst unrealistisch, aber beladen mit aufdringlichen Symbolen und Metaphern. Eine Hauptfigur heißt auch noch Wormwood (Wermut(tropfen/kraut)).

Im dritten Teil redet Peter, der englische Freund Johnny Lims. Teils schildert Peter ein Geschehen, das wir schon aus Snows Tagebuch in Teil 2 kennen; wie er Lim kennen- und schätzenlernt, wirkt indes eher romantisch idealisierend und wenig nachvollziehbar. Aber Hobbygärtner Aw lässt seine Figur Peter auch gedehnt über das Gärtnern in einem malaysischen Altenheim 50 Jahre später räsonnieren (es hat nichts mit der Haupthandlung zu tun und erinnert vage an die alten Herrschaften aus Bodo Kirchhoffs Infanta, das in einem heißen Philippinen-Nest spielt).

Zur Sprache:

Das Buch lässt sich sehr leicht lesen. Die Sprache im englischen Original entzückt allerdings keinen Moment – es gibt kein Funkeln, keine unterschwelligen Bedeutungen; dies gilt für alle drei Buchteile mit ihren drei verschiedenen Ich-Erzählern. Die Personen haben wenig Tiefe; auch Landschaft, Regen, Hitze, Naturereignisse werden nicht sehr lebendig. Die drei Sprecher klingen kaum unterscheidbar.

Meine Taschenbuchausgabe von Harper Perennial bringt im Anhang ein Interview mit Aw sowie ein paar Buch- und Filmtipps, außerdem Aws "Top Ten Books" (wenig Asiatisches).

Gern kompliziert:

In seiner Selbstauskunft am Buchende sagt Aw aufschlussreich:

"I've always been drawn to novels with complicated structures."

Er mixe gern nicht Zusammengehörendes, so wie auch in der Harmony Silk Factory:

"Little things that become more noticeable, less taken for granted, when moved out of their 'natural' environment... little digressions... tiny collision".

Das lässt auch an Romanfigur Wormwood denken, der auf einem einsamen Malayen-Eiland italienische Opern schmettert, und an verschiedene andere bizarre Kombinationen. Aw sagt aber auch selbst:

"There was no logic or planning to my mixing of these elements."

Ja, es wirkte so.

Andere Malaysia-Romane:

Ebenfalls im O-Ton am Buch Ende erklärt Aw, es gebe wenig gute Romane aus Malay(si)a – mit Ausnahme der Malaysia-Bücher von Anthony Burgess falle ihm da nur Joseph Conrad ein; also habe er, Aw, das Malaysia-Genre etwas erweitern wollen.

Ich kenne auch kaum überzeugenden Romane zu Malaysia (noch weniger zu Thailand oder Indonesien, aber viel mehr zu Indien). Allerdings überzeugt Burgess in Malaysia auch nicht ganz, und Aw noch weniger. Bemerkenswert, dass Aw die Malaysia-Kurzgeschichten von W. Somerset Maugham nicht nennt – entweder, weil sie nicht ins Romanfach gehören oder weil er sie nicht für wichtig hält. Formal schreibt Maugham jedenfalls weit abgerundeter als Aw (und das bei Aw immer wiederkehrende "for a whilst" erinnert etwas ans Maughams regelmäßiges "a trifle").

Fazit:

Tash Aw hat eine interessante Geschichte und macht nicht viel daraus. Die Wiedergabe durch unterschiedliche Personen fesselt nicht, weil die Geschichten über längere Strecken nicht korrespondieren und weil die Sprecher weitgehend gleich klingen – die Sprache bleibt insgesamt blass, der Roman erzeugt kaum Wirkung. Wesentliche Abschnitte sind unrealistisch, melodramatisch oder symbolisch überhöht. Die titelgebende Harmony Silk Factory spielt nur eine kleine Rolle.

Assoziationen:

The Harmony Silk Factory erinnert atmosphärisch etwas an Rani Manickas Roman Töchter des Monsuns, der ebenfalls Malaysia im zweiten Weltkrieg zeigt.

Kritiken:

The Harmony Silk Factory wurde überwiegend gelobt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Die Romanfiguren flimmern und reichen in ihren flotten Dialogen Komplimente, denen ein Messer zwischen den lächelnden Lippen steckt. Der Schauplatz wird zwar umstandskrämerisch, meistens aber ohne sentimentales Summen skizziert, der Orient nicht mit Räucherstäbchen-Mystik vernebelt"

Literaturschock: "Am ermüdendsten fand ich den letzten Teil des Buches. Peter wechselt in seiner Erzählung zwischen seinem Leben im Altenheim und Rückblenden... Der eigentlichen Geschichte konnte ich allerdings nicht sehr viel abgewinnen"

The Independent: "The vice-like grip of the dead, the paper-thin ties of the living: many compelling themes are braided into this original, haunting novel… Yet there are several loose ends from which readers must spin their own stories"

Powell's Books: "Not the exotic, atmospheric, ghost-heavy book that its title seems to suggest"

SFGate: "A beautifully composed and memorable story about life and death… Clearly Tash Aw is a writer to watch, with a first book anyone who travels by fiction will want to read"

Kirkus Reviews: "Atmospherics substitute for credible characterization in this Malaysian writer’s sluggish, awkward account of a man’s many selves"

The Complete Review: "While there are secrets that are hinted at and then revealed Aw doesn't always focus on what's most compelling, the book building up to dénouements that are, in some cases, of limited interest, while not adequately addressing the most significant questions… The voices are captured quite well, and many of the scenes are nicely done… Perhaps the greatest weakness is that Johnny remains such a cipher: both Snow and Peter capture how ill at ease he could be, but neither really conveys much understanding of what might be going on in that head of his (or what he really feels about his wife)… (Über den Perspektivenwechsel:) The switch is more distracting than helpful -- leaving Johnny just one character among too many, and not allowing it to fully be his story… Oddly, none of the characters in the novel are fully realised… since Johnny himself is not satisfactorily explained the entire book is less than entirely satisfying. Aw ultimately doesn't seem to have fully come to grips with the material"

Guardian: "Aw makes a credible job of modulating the varying tones of voice by which the smiling villain of the first part comes to be seen as the weeping cuckold of the third. But unreliable narration is a tired old trope now, and the reader is left to make up his or her own mind whether the obfuscation and contradictions inherent in this three-cornered portrait of Johnny Lim are a product of the book's maddening inconsistency, or its mysterious appeal… He writes with what seems like effortless fluidity, yet the dazzling haze of the construction seems ultimately designed to deflect attention from the fact that it frequently demands patient re-reading without really deserving it"

Publisher's Weekly: "Aw's prose, though often witty and taut, is not equally convincing in all its guises"

Lumiere.net: "When the novel came out in 2005, various reviewers complained of Johnny’s ‘inscrutable’ character, as if Aw had lazily underwritten him, as if Aw simply couldn’t be bothered finishing him off. But this narrative disjunction is the best of the novel"

The Age: "Seductive, evocative, restrained and flawed… Dealing with loyalty, friendship, love and betrayal in a country on the brink of war and British abandonment, the gap between truth and memory is vividly portrayed. Aw is a gifted storyteller, writing with a poise that convinces a reader to forgive the inconsistencies in his text and an underlying coldness of tone… Written with style and confidence, this refusal to tie-up loose ends is one of the book's many strengths"


Die Seidenmanufaktur "Zur schönen Harmonie"
Die Seidenmanufaktur "Zur schönen Harmonie"
von Tash Aw
  Taschenbuch

2.0 von 5 Sternen Blasse Geschichte (n), 20. Oktober 2014
Der Roman umfasst die 1920er bis 1960er Jahre in der malaysischen Provinz – also von der englischen Kolonialherrschaft über die japanische Besatzung bis hin zur Unabhängigkeit. Der Schwerpunkt liegt allerdings in den 30er und 40er Jahren. Im Mittelpunkt steht der junge Johnny Lim, ein skrupelloser Geschäftsmann und Gelegenheitsverbrecher chinesischer Herkunft. Aus kleinen Verhältnissen arbeitet er sich opportunistisch und intrigant nach oben (engl. Originaltitel The Harmony Silk Factory, dt. Titel Die Seidenmanufaktur "Zur schönen Harmonie", ich habe das englische Original gelesen).

Autor Tash Aw gliedert den Roman in drei Teile, jeder hat einen anderen Sprecher. Allerdings klingen die Sprecher verwechselbar gleich; und auch wenn sich die geschilderten Zeitabschnitte teils überschneiden, erscheinen nicht alle Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven.

Auf den ersten 100 Seiten erzählt Tash Aw aus der Sicht von Lims Sohn Jasper, der wiederum das Leben seines Vaters beschreibt. Dabei springt der Sohn zwischen den Zeitebenen und kündigt Tragödien gelegentlich mit unheilvollen Worten an. Hier schreibt Aw nur wenig Dialoge.

Ganz glaubwürdig wirken die Geschichten nicht, eher schon wie magischer Realismus oder James Bond: Mindestens ein oder zwei seiner tollkühnen Intrigen hätte Slim nicht überleben dürfen.

Der zweite Teil gibt das Tagebuch von Lims 21jähriger Ehefrau Snow Soong wider, klingt aber eher nach dem Bericht einer sehr reflektierten und selbstreflektierenden Ich-Erzählerin - jetzt mit reichlich Dialog, wenn auch sprachlich so ambitionslos wie Teil 1. Die Ereignisse sind äußerst unrealistisch, aber beladen mit aufdringlichen Symbolen und Metaphern. Eine Hauptfigur heißt auch noch Wormwood (Wermut(tropfen/kraut)).

Im dritten Teil redet Peter, der englische Freund Johnny Lims. Teils schildert Peter ein Geschehen, das wir schon aus Snows Tagebuch in Teil 2 kennen; wie er Lim kennen- und schätzenlernt, wirkt indes eher romantisch idealisierend und wenig nachvollziehbar. Aber Hobbygärtner Aw lässt seine Figur Peter auch gedehnt über das Gärtnern in einem malaysischen Altenheim 50 Jahre später räsonnieren (es hat nichts mit der Haupthandlung zu tun und erinnert vage an die alten Herrschaften aus Bodo Kirchhoffs Infanta, das in einem heißen Philippinen-Nest spielt).

Zur Sprache:

Das Buch lässt sich sehr leicht lesen. Die Sprache im englischen Original entzückt allerdings keinen Moment – es gibt kein Funkeln, keine unterschwelligen Bedeutungen; dies gilt für alle drei Buchteile mit ihren drei verschiedenen Ich-Erzählern. Die Personen haben wenig Tiefe; auch Landschaft, Regen, Hitze, Naturereignisse werden nicht sehr lebendig. Die drei Sprecher klingen kaum unterscheidbar.

Meine Taschenbuchausgabe von Harper Perennial bringt im Anhang ein Interview mit Aw sowie ein paar Buch- und Filmtipps, außerdem Aws "Top Ten Books" (wenig Asiatisches).

Gern kompliziert:

In seiner Selbstauskunft am Buchende sagt Aw aufschlussreich:

"I've always been drawn to novels with complicated structures."

Er mixe gern nicht Zusammengehörendes, so wie auch in der Harmony Silk Factory:

"Little things that become more noticeable, less taken for granted, when moved out of their 'natural' environment... little digressions... tiny collision".

Das lässt auch an Romanfigur Wormwood denken, der auf einem einsamen Malayen-Eiland italienische Opern schmettert, und an verschiedene andere bizarre Kombinationen. Aw sagt aber auch selbst:

"There was no logic or planning to my mixing of these elements."

Ja, es wirkte so.

Andere Malaysia-Romane:

Ebenfalls im O-Ton am Buch Ende erklärt Aw, es gebe wenig gute Romane aus Malay(si)a – mit Ausnahme der Malaysia-Bücher von Anthony Burgess falle ihm da nur Joseph Conrad ein; also habe er, Aw, das Malaysia-Genre etwas erweitern wollen.

Ich kenne auch kaum überzeugenden Romane zu Malaysia (noch weniger zu Thailand oder Indonesien, aber viel mehr zu Indien). Allerdings überzeugt Burgess in Malaysia auch nicht ganz, und Aw noch weniger. Bemerkenswert, dass Aw die Malaysia-Kurzgeschichten von W. Somerset Maugham nicht nennt – entweder, weil sie nicht ins Romanfach gehören oder weil er sie nicht für wichtig hält. Formal schreibt Maugham jedenfalls weit abgerundeter als Aw (und das bei Aw immer wiederkehrende "for a whilst" erinnert etwas ans Maughams regelmäßiges "a trifle").

Fazit:

Tash Aw hat eine interessante Geschichte und macht nicht viel daraus. Die Wiedergabe durch unterschiedliche Personen fesselt nicht, weil die Geschichten über längere Strecken nicht korrespondieren und weil die Sprecher weitgehend gleich klingen – die Sprache bleibt insgesamt blass, der Roman erzeugt kaum Wirkung. Wesentliche Abschnitte sind unrealistisch, melodramatisch oder symbolisch überhöht. Die titelgebende Harmony Silk Factory spielt nur eine kleine Rolle.

Assoziationen:

The Harmony Silk Factory erinnert atmosphärisch etwas an Rani Manickas Roman Töchter des Monsuns, der ebenfalls Malaysia im zweiten Weltkrieg zeigt.

Kritiken:

The Harmony Silk Factory wurde überwiegend gelobt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Die Romanfiguren flimmern und reichen in ihren flotten Dialogen Komplimente, denen ein Messer zwischen den lächelnden Lippen steckt. Der Schauplatz wird zwar umstandskrämerisch, meistens aber ohne sentimentales Summen skizziert, der Orient nicht mit Räucherstäbchen-Mystik vernebelt"

Literaturschock: "Am ermüdendsten fand ich den letzten Teil des Buches. Peter wechselt in seiner Erzählung zwischen seinem Leben im Altenheim und Rückblenden... Der eigentlichen Geschichte konnte ich allerdings nicht sehr viel abgewinnen"

The Independent: "The vice-like grip of the dead, the paper-thin ties of the living: many compelling themes are braided into this original, haunting novel… Yet there are several loose ends from which readers must spin their own stories"

Powell's Books: "Not the exotic, atmospheric, ghost-heavy book that its title seems to suggest"

SFGate: "A beautifully composed and memorable story about life and death… Clearly Tash Aw is a writer to watch, with a first book anyone who travels by fiction will want to read"

Kirkus Reviews: "Atmospherics substitute for credible characterization in this Malaysian writer’s sluggish, awkward account of a man’s many selves"

The Complete Review: "While there are secrets that are hinted at and then revealed Aw doesn't always focus on what's most compelling, the book building up to dénouements that are, in some cases, of limited interest, while not adequately addressing the most significant questions… The voices are captured quite well, and many of the scenes are nicely done… Perhaps the greatest weakness is that Johnny remains such a cipher: both Snow and Peter capture how ill at ease he could be, but neither really conveys much understanding of what might be going on in that head of his (or what he really feels about his wife)… (Über den Perspektivenwechsel:) The switch is more distracting than helpful -- leaving Johnny just one character among too many, and not allowing it to fully be his story… Oddly, none of the characters in the novel are fully realised… since Johnny himself is not satisfactorily explained the entire book is less than entirely satisfying. Aw ultimately doesn't seem to have fully come to grips with the material"

Guardian: "Aw makes a credible job of modulating the varying tones of voice by which the smiling villain of the first part comes to be seen as the weeping cuckold of the third. But unreliable narration is a tired old trope now, and the reader is left to make up his or her own mind whether the obfuscation and contradictions inherent in this three-cornered portrait of Johnny Lim are a product of the book's maddening inconsistency, or its mysterious appeal… He writes with what seems like effortless fluidity, yet the dazzling haze of the construction seems ultimately designed to deflect attention from the fact that it frequently demands patient re-reading without really deserving it"

Publisher's Weekly: "Aw's prose, though often witty and taut, is not equally convincing in all its guises"

Lumiere.net: "When the novel came out in 2005, various reviewers complained of Johnny’s ‘inscrutable’ character, as if Aw had lazily underwritten him, as if Aw simply couldn’t be bothered finishing him off. But this narrative disjunction is the best of the novel"

The Age: "Seductive, evocative, restrained and flawed… Dealing with loyalty, friendship, love and betrayal in a country on the brink of war and British abandonment, the gap between truth and memory is vividly portrayed. Aw is a gifted storyteller, writing with a poise that convinces a reader to forgive the inconsistencies in his text and an underlying coldness of tone… Written with style and confidence, this refusal to tie-up loose ends is one of the book's many strengths"


20 Feet from Stardom [Blu-ray]
20 Feet from Stardom [Blu-ray]
DVD ~ Morgan Neville
Preis: EUR 15,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lebhafte Musik-Doku, 20. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: 20 Feet from Stardom [Blu-ray] (Blu-ray)
Die Doku beleuchtet die Rolle der Background-Sängerinnen in der Unterhaltungsmusik. Vorgestellt werden weitgehend schwarze Sängerinnen. In Interviews und in Musikausschnitten zeigen sie jede Menge Energie und Vitalität.

Weiße oder Männer als Hintergrundsänger tauchen kaum auf – es bleibt unklar, ob es keine gibt. Stings weiße Sängerin Jo Lawry tritt vor allem auf, um Stings schwarze Sängerin Lisa Fischer zu preisen.

Die Musik im Film ist meist Soul und Rhythm&Blues. Hintergrundsängerinnen von Elvis Presley oder Bruce Springsteen sieht man kaum, auch wenn Springsteen zu den bekanntesten Interviewpartnern im Film zählt. Andere Topstars, die sich über Hintergrundsängerinnen äußern: Ray Charles, Sting, Bette Middler, Stevie Wonder oder Mick Jagger.

Zu den Themen gehören:
- Bedeutung der Backgroundsängerinnen für die Popmusik
- die wichtige Rolle des Kirchenchors (viele stammen sogar aus Pastorenfamilien)
- weiße versus schwarze Sängerinnen (die weißen brauchen für jeden Ton ein Notenblatt)
- pro und contra Solokarriere (Talent ist nicht alles, auch Ego, Marketing und gute Produzenten entscheiden)
- gelegentliche Solonummern innerhalb eines Konzerts, in dem man ansonsten im Hintergrund singt
- Anforderungen an Aussehen und Tanzkunst (einige Frauen sehen hinreißend aus)
- finanzielle Nöte (Darlene Love musste putzen gehen und hörte dabei ihre eigenen Aufnahmen im Radio; Claudia Lennear wurde Spanischlehrerin)

Viele Musikausschnitte stammen aus den 60ern bis 90ern, unter anderem von Ray Charles, den Stones, David Bowie und Ike & Tina Turner. Aktuelles Material fehlt komplett. Sting erwähnt die Hintergrundsängerin Lisa Fischer, die bei ihm sehr ausdrucksvolle Soli singt; Fischer singt zudem alle weiblichen Soli bei den Rolling Stones 1989.

Zeitweise bekannt war die einstige Backgroundsängerin Darlene Love, die 2011 in die Rock'n'Roll Hall of Fame aufgenommen wurde. Die frühere Hintergrundsängerin und spätere Solo-Künstlerin Sheryl Crow kommt ganz kurz zu Wort, ihr Karriereweg wird aber nicht beleuchtet.

Während Stings Solistin Fischer einen starken Auftritt im Film hat, fehlt völlig Clare Torry, die auf Dark Side of the Moon etwas Ähnliches sang. Auch Motown erscheint nur am Rand. Zu den stärker im Film präsenten Sängerinnen zählen noch Judith Hill, Claudia Lennear, Merry Clayton und Táta Vega.

Über lange Strecken liefert 20 Feet from Stardom ein Stakkato von Interviewschnipseln, gemischt mit Konzertaufnahmen. Kaum ein Gesprächspartner sagt mehr als zwei Sätze am Stück, kaum ein Musikausschnitt klingt länger als 20 Sekunden. Das wirkt atemlos und kunstfeindlich, hält aber – in Verbindung mit pulsierender Musik und allgemeinem Hochgefühl - die Spannung aufrecht.

Auch sonst verzichtet Regisseur Morgan Neville, ein Musikdoku-Spezialist, auf gestalterische Linie; mitunter erscheinen überflüssige Archivbilder von Vogelschwärmen oder Großstadtkulissen, die nicht zum gesprochenen Wort passen. Die Einblendungen mit Namen und Karrierestationen der Gesprächspartner erscheinen zu klein und zu kurz. Dafür erhielt Neville den Doku-Oscar 2014.

Assoziationen zu anderen Filmen:
- Standing in the Shadows of Motown: über Motown-Hintergrundmusiker, ebenfalls mit vielen Erinnerungen älterer Künstler und ein paar neu eingespielten Songs (auch Buena Vista Social Club portraitiert vergessene Altstars, aber in einer ganz anderen Welt)
- Biopics über die schwarzen Solosänger Ray Charles und Tina Turner, die auch Hintergrundsängerinnen beschäftigen
- Musical über eine schwarze Gesangsgruppe: Dream Girls

Zur DVD:

Die deutschen Stimmen wurden über die weiterhin hörbaren englischen Stimmen gesprochen, das klingt sehr unruhig. Es gibt auch eine rein englische Tonspur. Untertitel erscheinen nur auf Deutsch - schade.

Außer einem Trailer bietet die DVD keine Extras. Nicht einmal die Titel, die speziell für den Film aufgenommen wurden, gibt es als Einzelstücke ohne Unterbrechung durch Interview-Schnipsel.

Kritiken:

7,4 Publikumssterne bei IMDB (Oktober 2014, 6226 Stimmen), Kritikerdurchschnitt 8,1 von zehn bei Rotten Tomatoes und 8,3 von zehn bei Metacritic. Die englischsprachigen Kritiker äußern sich in ihren Rezensionen nur über Musik und das Musikgeschäft, bewerten jedoch kaum die filmische Qualität von 20 Feet from Stardom. Deutsche Kritiker urteilen insgesamt verhaltener und vermissen Analyse (deutscher Pressespiegel bei Film-Zeit).

New York Times: "The film is more about spirit than about technique, which is understandable but also perhaps a bit disappointing. The human voice is a mysterious, powerful instrument, and it would be good to learn more about its secrets from those who have mastered them."

USA Today: "Massively entertaining and heartfelt… As they reflect on career joys, sacrifices and conflicts, the singers compellingly discuss race, gender, artistry and ambition. "

Rolling Stone: "Electrifying... You watch. You hear the gospel spoken in the voices of these women. And you marvel"

The Hollywood Reporter: "A distinct focus on the VH1 and pre-music video eras… Neville unearths a treasure trove of archival TV, concert and film footage featuring many of these vocalists in their heyday, balancing the material with perfectly-lit contemporary studio interviews and performances shot in pristine digital cinematography"

Variety: "This personality-packed docu is nothing short of absorbing as it recaps the essential role African-American background singers played in shaping the sound of 20th-century pop music… in virtually every minute of its first hour, the film reveals fresh details many might not already know about songs they’ve heard countless times"
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 21, 2014 12:03 PM MEST


Was will ich mehr
Was will ich mehr
DVD ~ Alba Rohrwacher
Preis: EUR 10,92

4.0 von 5 Sternen Fesselt trotz Schwächen, 20. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Was will ich mehr (DVD)
Anna beginnt eine heiße Affäre mit dem verheirateten Domenico. Ihr Freund und Domenicos Familie bleiben lange ahnungslos.

Zwischen den Hauptdarstellern Alba Rohrwacher und Pierfrancesco Favino gibt es kaum Chemie, Domenico bietet Ana wenig Anziehendes, außerdem verhalten sie sich unrealistisch unvernünftig mit verdächtigen Telefonaten und Abwesenheiten.

Darum hätte ich den Film fast nach 15 Minuten abgebrochen.

Doch ich konnte nicht: Was will ich mehr erzeugt schnell eine ungute Spannung, die nie nachlässt, ich wollte den Ausgang des Dramas erfahren und habe schließlich gern volle 126 Minuten ausgehalten. Die sehr unruhige (aber gute) Kamera und einige harte Szenenabrüche verstärken noch die Nervosität (Originaltitel Cosa voglio di più, engl. Titel Come Undone, Regie und Mitautor Silvio Soldini, bekannt durch Brot und Tulpen und Tage und Wolken).

Die Schauspieler sind gut, speziell die spröd attraktive Rohrwacher. Kleine Schwächen zeigen Buch und Regie: Pierfrancesco Favino wirkt etwas maskulin und hohl, ebenso wie seine Liebesschwüre; Giuseppe Battiston als Annas lieber Partner zu aufdringlich die langweilige Couchkartoffel.

Der Film spielt in Mailand, hat aber wenig Italianità oder auch nur "Milano" und könnte irgendwo in Mitteleuropa gedreht sein. Glamour gibt es auch nicht, so denkt man eher an ein Fernsehspiel als an eine Kinoproduktion. Dadurch steigt aber der Bezug zum normalen Leben. Die Bettszenen sind impulsiv und nackt, aber unkreativ - warum der Film in Erotiklisten auftaucht, weiß ich nicht.

Was will ich mehr erinnert deutlich an das Untreuedrama Take This Waltz: In beiden Fällen lebt eine blonde Frau mit einem braunhaarigen, pummeligen, lieben, aber langweiligen Mann zusammen und verliebt sich in einen schwarzhaarigen, attraktiv südländischen Typ.

Ich habe Was will ich mehr auf ZDF Neo gesehen. Die Synchronisation gefiel mir, aber die italienischen Stimmen hätten mir sicher noch mehr zugesagt.

Kritiken:

Was will ich mehr erhält 6,2 von 10 Publikumssternen auf IMDB (Oktober 2014, 1449 Stimmen) und 61 von 100 Kritikerpunkten bei Metacritic.

Süddeutsche Zeitung: "Dicht gepackt, kochen diese Eindrücke in einer etwas unübersichtlichen Schnittfolge allerdings zusammen zu einem Alltagsbrei, der etwas fad anmutet..."

Filmgazette: "Silvio Soldini nimmt sich in seinem neuen Film "Was will ich mehr" (Cosa voglio di più) viel Zeit, um das sozial-gesellschaftliche Gefüge seiner Protagonisten realistisch zu beschreiben. Zugleich infiltriert er ihren Alltag mit kleinen Störungen und subtilen Ahnungen, die einen fast unmerklichen Druck erzeugen"

Filmreporter: "Soldini vermittelt diese Spontanität der aufkeimenden Liebe auf glaubhafte Weise. Seine Figuren sind wie aus dem Leben gegriffen und verfügen über Stärken und Schwächen... das glaubwürdige Spiel der beiden Hauptdarsteller... Nähe zur Realität wird durch den dokumentarischen Inszenierungsstil verstärkt."

Village Voice: "It is to the credit of the actors that they make Anna and Domenico’s immediate mutual attraction tangible… The hot sex has the rhythm of actual hot sex, and quotidian life is rendered convincingly in every detail"

Die Furche: "Dem Alltagschronisten geht es nicht um pathetische Tragödien oder überbordende Leidenschaften, vielmehr rückt er die Gefühls(ver)wirrungen sogenannter „kleiner Leute“ in den (Kamera-)Fokus – dokumentiert kleinbürgerliche Lebens- und Sinnkrisen... stets nah an den Figuren agierende Kamera, die die intimsten Momente zwischen den Protagonisten „Schlüsselloch-Report“-tauglich einfängt... Sexszenen bekommen durch die mechanisch dargestellte Triebsteuerung einen eher schalen Beigeschmack"

New York Times: "Adultery is hard work… those sex scenes (nude but not anatomically explicit) show the power of unleashed passion to make the rest of life feel like a laborious, frustrating slog… solidly grounded in mundane reality… unvarnished realism lends it poignancy and depth"

Slant: "Meticulously paced… collapses the façade of emotional connection by highlighting the small erosive moments of deception rather than grandiose melodramatic tirades… subtle cues of torment organically mix into daily routines and rhythms, revealing the undercurrent of doubt plaguing each couple… This is a tired and occasionally cliché setup, but Soldino executes the evocative exchanges between Anna and Domenico with an acute attention to detail, melting away the conventionality of the plot with palpable moments of human connection and panic… the slow burn of their romantic suffering is far more interesting than the tired end result"

The Hollywood Reporter: "the need for editor Carlotta Cristiani to trim maybe a further half-hour… featureless Milan settings… a script that's much too content to go through the motions ("I can't live without you," etc.)… Soldini is offering new wine in very dusty old bottles -- and it turns out to be an undistinguished vintage"


James Bond 007 jagt Dr. No
James Bond 007 jagt Dr. No
DVD ~ Sir Sean Connery
Preis: EUR 6,99

4.0 von 5 Sternen Gediegen in den Tropen, 15. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: James Bond 007 jagt Dr. No (DVD)
Dieser erste James Bond überhaupt ist ausgesprochen gediegen und kultiviert. Sean Connery mit Toupet und maßgeschneidertem Dress macht bellissima figura als Spion seiner Majestät (darum werfen sich ihm alle Filmfrauen zu Füßen, und er lässt keine unbeglückt); ursprünglich war die Rolle für Cary Grant gedacht. Die Außenaufnahmen stammen fast alle aus Jamaika, nicht spektakulär, aber angenehm tropisch und in den Clubs und Büros gepflegt kolonial - eine Atmosphäre wie bei Graham Greene.

Erst nach mehr als einer Stunde wechselt Bond, James Bond, zum vorgelagerten Inselchen Crab Key; dort verschanzt sich Bösewicht Dr. No. Hier lässt der Film nach, auch wenn die Schweizerin Ursula Andress noch so aufreizend aus den Fluten steigt: Andress' Filmname Honey Rider ist zu pubertär erdacht (allerdings so ähnlich schon im zugrundeliegenden Roman), der feuerspuckende Panzer mit aufgemaltem Drachenmaul zu lächerlich, ebenso wie einiges an Dr. Nos Atomgruft, die Raketenstarts auf Cape Canaveral stören kann.

Vergleich zu späteren Bond-Filmen:
- relativ wenige und wenig verstörende Morde (insgesamt 16)
- ausgesprochen lange, ruhige Dialoge, auch lange wortlose Szenen voll drohender Gefahr
- einiges wird zu deutlich ausgesprochen und erklärt; allerdings auch:
- sehr einfach zu verstehende Handlung
- kaum Ortswechsel
- besonders kurz (110 Minuten)
- weniger Humor
- kaum Action, wenig Feuerbälle (der Film wurde mit nur einer Million Dollar sehr billig produziert, er brachte dann reichlich Gewinn)
- Dr. Nos tropischer Inselbunker samt Bikiniblondine ließ mich an den 74er-Bond denken, Der Mann mit dem goldenen Colt
- Im 2002er-Bond, Stirb an einem anderen Tag, wiederholen Hale Berry und Pierce Brosnan die erste Begegnung von Sean Connery und Ursula Andress am Meer (und noch später liefert Priyanka Chopra einen ähnlichen Auftritt im Bollywoodschwank Dostana)

Kritiken:

Der Film wurde meist gelobt und erhält 7,3 von 10 Publikumssternen bei IMDB (Kritikerzitate bei Rotten Tomatoes). Hintergründe bei IMDB und Wikipedia.

Variety: "an entertaining piece of tongue-in-cheek action"

Variety 2012: "Connery, looking as handsome as he ever did or will… one of the series’ least memorable adversaries — and no doubt its most unforgettable Bond girl"

Time Out: "Looking back with hindsight, one realises the extent to which the later films got bigger but not better, relying on expertise rather than creativity, and reducing film-making to committee decisions"

New York Times: "Strictly a tinseled action-thriller, spiked with a mystery of a sort. And, if you are clever, you will see it as a spoof of science-fiction and sex… so wildly exaggerated, so patently contrived, that it is obviously silly and not to be believed… it's nonsense — pure, escapist bunk, with Bond, an elegant fellow… these things happening so smoothly in the lovely Jamaica locale, looking real and tempting in color"


Der Stadtneurotiker
Der Stadtneurotiker
DVD ~ Diane Keaton
Preis: EUR 5,97

4.0 von 5 Sternen Intellektuelle Quasselstrippen, 14. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Stadtneurotiker (DVD)
In dieser Quasselkomödie reden Woody Allen und Diane Keaton unablässig und sehr intellektuell über ihre Beziehung. Dabei sind sie meist in New York, sonst in Los Angeles. Der mehrfach Oscar-gekrönte Film springt zwischen verschiedenen Zeitebenen und Woody Allen tritt gelegentlich aus der Handlung heraus, um direkt in die Kamera zu reden oder um andere Figuren anzusprechen.

Mitunter wird die Leinwnd geteilt und in beiden Bildhälften fast zeitgleich schwadroniert. Einmal zeigen Untertitel, dass die Akteure anders reden als denken, ein andermal wechselt der Streifen kurz ins Comic-Genre.

Der funkelnde Redemarathon ist vergnüglich und würde auch als Buch funktionieren (englische Filmzitate bei IMDB); das Ganze wirkt aber auch selbstverliebt, fast möchte man den Film mit dieser Zeile aus dem Drehbuch kommentieren:

"It's all mental masturbation... Hey, don't knock masturbation - it's sex with someone I love!"

Die erste Filmfassung dauerte 2:20 Stunden, doch die endgültige Kinofassung beansprucht sinnvollerweise nur 93 Minuten samt Vor- und Abspann.

Kritiken:
Oscars für Bester Film, beste Regie, bestes Original-Drehbuch und Diane Keaton als beste Darstellerin; Woody war als bester Schauspieler nominiert

Rotten Tomatoes: 98% Kritikerzustimmung, Durchschnittswertung 8,9 von 10
IMDB:

The Guardian, Peter Bradshaw 2010: "the best comedy film of all time… a gloriously convincing romance, packed with superb gags… virtually invented the relationship comedy in both movies and literature; it made possible the now degraded romcom genre… a deeply touching, funny, brilliantly told story. "
Roger Ebert 2002: "Annie Hall" contains more intellectual wit and cultural references than any other movie ever to win the Oscar for best picture, and in winning the award in 1977 it edged out "Star Wars," an outcome unthinkable today… Alvy is smarter than the ground rules of Hollywood currently allow. Watching even the more creative recent movies, one becomes aware of a subtle censorship being imposed, in which the characters cannot talk about anything the audience might not be familiar with"
Filmsite: "a quintessential masterpiece of priceless, witty and quotable one-liners within a matured, focused and thoughtful film. It is a bittersweet romantic comedy of modern contemporary love and urban relationships"

Mann beißt Film: "Wie die meisten Filme von Allen lebt auch dieser Genre-Klassiker der romantischen Komödie, der natürlich auch wieder eine unverschämt offene Liebeserklärung an Allens Lieblingsstadt New York ist, von dem schier unerschöpflichen Wortwitz, den (pseudo-)intellektuellen Obsessionen und der überraschend ergreifenden emotionalen Authentizität der recht schablonenhaft gezeichneten Figuren, die oftmals von den sympathischen, enthusiastisch spielenden Mimen belebt werden."

Hans C. Blumenberg in der Zeit: "eine meisterhafte Balance aus komischer Erfindung und biographischer Erfahrung, er bringt die irrsinnigsten Einfälle in den Zusammenhang einer durchaus nicht immer nur heiteren Selbstanalyse... der Film eines genialen Komikers. Woody Allens Freiheit vom Zwang des Geschichtenerzählens, die immer wieder an den späten Buñuel erinnert, gestattet ihm die Erfindung von Gags, die noch kein anderer Komiker gewagt hat"

Variety: "The gags fly by in almost non-stop profusion, but there is an undercurrent of sadness and pain now, reflecting a maturation of style"

Die Bluray enthält Ton und Untertitel in mehreren Sprachen einschließlich Englisch und Deutsch, außerdem einen Trailer und - sonst nichts.


James Bond 007 - Stirb an einem anderen Tag
James Bond 007 - Stirb an einem anderen Tag
DVD ~ Pierce Brosnan
Preis: EUR 6,99

3.0 von 5 Sternen Bombastisch, 10. Oktober 2014
Einzelne nordkoreanische Militärs wollen Südkorea und den Westen mit einer Zauberwaffe überrennen. Pierce Brosnan und Hale Berry müssen die Sache klären.

Dieser Bond hat stupende, fast überwältigende Action und meist volle Spannung, wenn auch mit aufdringlich viel Bondblasmusik untermalt. Es gibt einen futuristisch-bombastischen Eispalast und lange Gefechte in einem brennenden Riesenflugzeug.

Es ist wohl einer der besseren Bonds, und doch liefert der 2002er-Jahrgang in keiner Disziplin Höchstgenuss:

- Die Wunderwaffen sind eindrucksvoll gebaut, doch mitunter kindisch ausgedacht, so ein Aston Martin-Sportwagen, der auf Knopfdruck unsichtbar wird
- Es gibt kaum gute Außenaufnahmen, keine packende Landschaft und kaum Tropik: Havanna wurde unspektakulär im südandalusischen Cádiz gedreht (tatsächlich historisches Vorbild für die kubanische Hauptstadt), daneben zeigen die Außenszenen ein bisschen ödes London, Hongkong oder in England gedrehtes "Nordkorea" (das bewusst entsättigt erscheint)
- gut, die Eislandschaft auf Island beeindruckt wirklich, auf den ersten Blick jedenfalls, dann aber scheint sie vor allem aus Pappe oder Pixeln zu bestehen (keine Hauptfigur des Films reiste tatsächlich nach Island, alle Kritiker monierten die schlechten Computerbilder)
- auch sonst überzeugen einige künstliche Aufnahmen nicht (doch immerhin trug Hale Barry beim Dreh eine echte Verletzung nach einer Explosion davon)
- die Sprüche waren schonmal trockener
- einige Dinge sind selbst für Bond-Verhältnisse zu absurd, so der DNA-Identitätstausch, das erwähnte Auto mit Unsichtbar-Modus oder Bonds impertinentes Überleben wiederkehrender Kugelhagel, die Autojagd durch Eiswelten und Gletscher hinab (FAZ: "die Grenze zum Comic-Strip erreicht")
- Toby Stephens als Bösewicht hat weniger Ausstrahlung als andere Bond-Antagonisten
- Hale Barry als Bond-Girl ist zeitweise sinnlich, steigt auch magisch im Bikini aus dem Wasser, wirkt manchmal aber auch wie ein kleines Kind
- obwohl es um Nordkorea und auch um Blutdiamanten geht, scheint der Film außerhalb einer konkreten politischen Landschaft zu existieren
- die zwei rivalisierenden Bond-Girls ziehen zum Fechtkampf erstmal die Hemden *aus*, und ein paar andere pubertär überhitzte Momente

Verblüffend jedoch: ein Auftritt Brosnans mit Zottelmähne und -bart (nach 14 Monaten nordkoreanischer Haft). Einige kurze, brutale Szenen überlebte ich nur mit geschlossenen Augen. Madonnas Disko-Titelsong wirkt noch mehr plastik als einige Aufbauten (Philip French im Guardian: "terrible title song"; Madonna hat auch einen kurzen Gastauftritt).

Kritiken:

Die Another Day ist der 20. Bond nach 40 Jahren, die Queen kam zur der Premiere. Die Kritiken waren gemischt:

- Rotten Tomatoes: Kritikerzustimmung 57 %
- Metacritic: Kritikerzustimmung 56 %
- IMDB-Publikumswertung: 6,1 von 10 (139.519 Stimmen Oktober 2014)
- FAZ: "Vollends um die Action und um die Explosionen herumgebaut"
- Roger Ebert: "A disintegrating plane in a closing scene is pretty clearly all made of ones and zeroes… utterly absurd from one end to the other"
- The Guardian, Peter Bradshaw: "Cringe-making lines… cheesier than Roquefort in the microwave… This year's Bond girl is perhaps the classiest in Bond history, too classy for this gig… very rubbish theme song… The digitised stunts are an unconvincing cheat, and Bond also has the naffest gadget in Bond history: an invisible car"
New York Times: "A big, noisy blend of globe-trotting, coy sexuality and cartoonish political intrigue, solidly in the Bond tradition… Mr. Brosnan… has a thicker face and a stiffer gait… he shows emotion more readily.... This Bond is curiously vulnerable, decidedly flappable underneath the cynical urbanity… Many of the big chases and gunfights are incoherently cut together, and some of the special effects have a tacky, off-the-rack look"
Slate: "These computer-generated effects look like the worst of Spider-Man wedded to the worst of a Frankie-and-Annette beach-party movie. Then there's an interminable, eardrum-buckling car chase through the ice palace"


Best in Show
Best in Show
DVD ~ Michael Hitchcock
Wird angeboten von catjustus
Preis: EUR 19,98

4.0 von 5 Sternen Aberwitzige Hundefreunde, 10. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Best in Show (DVD)
Der US-Spielfilm, der wie ein Dokumentarfilm daherkommt - also ein Mockumentary oder Mock-Doc -, zeigt mehrere Paare und ihre Hunde rund um einen Schönheitswettbewerb für Hunde. Wir sehen die Vorbereitung, den Wettbewerb selbst und das Leben der Paare nach dem Ereignis.

Die Hauptrolle spielen ganz klar die Menschen, die Hunde sind nur Auslöser für ihre Reaktionen. Die Figuren wirken leicht absurd und gleichzeitig bestürzend realistisch - ein durchgehend dramatisch lustiger und dabei nur selten schriller Film.

Ein Paar geht mit dem Hund zum Psychologen, eine Frau trifft überall Ex-Liebhaber, ein schwules Paar lernte sich beim Friseur kennen, der Fernsehkommentator reißt einen ranzigen Altherrenwitz nach dem anderen, der Hotelmanager präsentiert verschiedene Reinigungsmittel je nach Hundegröße (auch für von Rockstars bewohnte Zimmer geeignet).

Die Kamera in diesem Film bietet nichts Besonderes. Christopher Guest, Regisseur, Ko-Autor und einer der besten Darsteller im Film, hatte auch schon mit anderen trocken-komischen Mockumentaries Erfolg, zum Beispiel mit Waiting for Guffman - Wenn Guffman kommt (1996, über Kleinstadttheater) und mit This Is Spinal Tap (1984, über eine Rockband); in allen diesen Filmen verwendet Guest stets die selben Darsteller.

Ein Grund für die Kürze des Films: Die DVD liefert nicht weniger als 27 Minuten entfernte Szenen guter Qualität, allerdings nur mit englischem Ton und wahlweise zusätzlichem Sprechkommentar des Regisseurs (3600 Minuten wurden insgesamt gefilmt). Die Abschnitte sind nicht schlecht und liefern mehr absurde Sätze, zeigen allerdings überwiegend statische Interviewsituationen.

Einen Tonkommentar liefert Christopher Guest zusammen mit Ko-Autor Eugene Levy auch zum Gesamtfilm, sonst enthält die DVD nur ein paar Texttafeln und den englischen Trailer. Schade, ein Making-of wäre bei diesem Film besonders interessant: Man hätte gern gesehen, wie die scheinbar so realistisch agierenden Darsteller sich außerhalb ihrer Rolle geben und wie sie mit ihrem vierbeinigen Mitspielern interagieren.

Interessant wäre auch zu erfahren, wie realistisch die Hundeschau tatsächlich ist. Die Hundeführer und Richter im Film sind tatsächlich Hundeprofis.

Ton und Untertitel bringt die DVD wahlweise in Englisch oder Deutsch. Naturgemäß ist die Original-Tonspur besser, und das gilt hier besonders wegen des bräsigen Südstaaten-Tonfalls von Christopher Guest.

Best in Show wurde hoch gelobt:

Rotten Tomatoes: 95% Kritikerzustimmung
Metacritic: 71% Kritikerzustimmung
IMDB: 7,5 von 10 Sternen Publikumswertung (Oktober 2014, 41.056 Stimmen)

Die New York Times meinte:

"Essentially a well-organized, exquisitely nuanced skit comedy… sketches loosely stitched together and refined to the nth degree. Although the movie pretends to have narrative structure, it doesn't really go much of anywhere"

Roger Ebert:

"Wickedly funny... consistently just plain funny and sometimes ascends to a kind of crazed genius"

BBC:

"Brilliantly observed, acerbically funny… non-stop laughs… unique, entertaining, and most importantly, incredibly funny"

PopMatters:

"Funniest when overtly satirical of cultural trends and norms… skewering the Starbucksification of U.S. culture… content to rather unselfconsciously replicate a number of class-based and homophobic stereotypes

Slant:

"Much of the film's absurdist humor tends toward broad strokes and caricature, taking easy (one might almost say "lazy") potshots at yuppies and flamboyant gay couples"

Slate:

"Guest and his cast of brilliant clowns have done their research… they've got the little details of showing right. The magic is in the minutiae"


Last Days of the Bus Club
Last Days of the Bus Club
von Chris Stewart
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,30

4.0 von 5 Sternen Routinierte Anekdoten von der Andalusienfarm, 10. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Last Days of the Bus Club (Taschenbuch)
Chris Stewart erzählt weitere Geschichten seines Auswanderer-Lebens: Der Engländer wohnt seit 20 Jahren mit Frau und Kind auf einer entlegenen Farm in den andalusischen Alpujarras. Mit Driving over Lemons und zwei Nachfolgebänden landete er große Erfolge.

Und hier im vierten Teil (erschienen im Juni 2014) geht es in gewohnter Manier weiter: Stewart spottet über sich selbst, über den Blick der Spanier oder seiner Teenager-Tochter auf ihn, er erzählt mit Wärme und Sinn für die treffende Pointe. Ich habe von Anfang an gekichert und konnte bis zum Buchende kaum aufhören. Die Vorgängerbände muss man nicht unbedingt kennen.

Der titelgebende Bus Club ist eine Versammlung von drei Vätern, die ihre Kinder an der Haltestelle des Schulbusses absetzen und anschließend noch einen Schwatz halten oder Schafe tauschen. Weil die Sprösslinge kurz vor dem Schulabschluss stehen, heißt das Buch Last Days of the Bus Club (dieser Titel erinnert vage an den des vorhergehenden Bands, The Almond Appreciation Society).

Zu den Themen:
- gesprächige Nachbarn halten Stewart auf dem Weg zum Zahnarzt auf; doch wenn er ihre Geschichten ordentlich zu Papier bringen will, erzählen sie alles ganz anders - und weniger spektakulär
- als bekannter Schriftsteller soll er einen Vortrag an der Schule seiner Tochter halten
- TV-Koch Rick Stein filmt bei Stewart (das Ergebnis erscheint auch online)
- Ferienjob als 16jähriger auf einer englischen Baustelle (wie schon im letzten Buch bringt Stewart auch England-Erinnerungen unter)
- mehrfach Stress mit spanischer Bürokratie
- Hühnerzucht (erinnert an die Hühner-Passage aus Victoria Tweads Andalusien-Buch Chicken, Mules and Two Old Fools)
- Besuch bei einer Dorfheilerin
- Juror bei einem Kochwettbewerb
- Dasein als Biofarmer
- englische Schulklasse besucht Stewarts Hof
- Schäden durch dramatischen Regen
- Mittelspanien-Reise mit einem Agrarunternehmer
- Hauptredner bei der Feria seiner Gemeinde
- Auftritt bei einem dörflichen Buchklub

Wie immer gibt es keine Chronologie: Stewart erzählt einzelne Geschichten, die nicht miteinander verbunden sind und zeitlich nicht genau eingeordnet werden (sein Verlag: "His latest crop of anecdotes... an unqualified hoot").

Als "life's bold original" wird Stewart auf dem Buchcover vorgestellt. Ein Original ist er ohne Frage, doch "bold"? Das passt nicht ganz. Stewart schreibt selbst auf Seite 75, dass er Wettbewerb nicht mag, er sieht sich "with the idlers, the dreamers, the wanderers and philosphers". Auch nach Jahrzehnten als Bauer hat er sich einen künstlerisch distanzierten Blick auf sein Leben bewahrt. So muss er einmal seine Schafe einer Strapaze unterziehen und freut sich hernach:

"(They) instantly forgot the whole wretched episode. An endearing quality of sheep is that they harbour no grudges, which, for a sheep farmer, is a great convenience."

Erinnerung an Michael Jacobs:

Dieses Buch widmet Stewart dem Anfang 2014 verstorbenen Spanien-Autor Michael Jacobs. In einer Geschichte fahren die beiden als Juroren zu einem Kochwettbewerb, der etwas unangenehm alkoholisch und gefräßig endet. Das erinnerte mich an die Kritik des Independent zu Jacobs Buch Between Hopes and Memory - A Spanish Journey:

"The worst part of the book is Jacobs’ persistent flirtation with the picaresque. There is something faintly embarrassing about his frequent nights on the tiles, spent with companions hazily alluded to"

Jacobs hatte in seinem Between Hopes and Memories, A Spanish Journey auch über Stewarts Heimat geschrieben, die Alpujarras. Stewart selbst kam dort nicht vor, Jacobs schildert die Region jedoch bereits als Zufluchtsort für Ausländer und konvertierte Moslems.

Jacobs' reist in Between Hopes and Memories auf den Spuren alter spanischer Dichter, erzählt mit vielen historischen Details. Vielleicht wollte Stewart es ihm nachtun, als er in einer Episode in Lorcas Geburtsort Fuente Vaqueros anhält - doch dieser kurze Abschnitt ist besonders unergiebig.

Kritik:

Bei aller Unterhaltung: Stewart hat nun viel Routine und mancher Absatz wirkt ein bisschen plaudertaschig und kalkuliert anekdotig. Gelegentlich produziert Stewart rhetorische Fragen, nie ein Zeichen für wünschenswerte Sprachökonomie.

Speziell der Aufsatz über den Kochwettbewerb ist zu lang und ansatzweise pubertär. Und Stewart hatte schon im Einstieg zu dieser Geschichte verkündet, dass er noch Material für ein paar Artikel brauchte - hier breitet er es aus, zu breit.

Öfter mischt Stewart zwei unterschiedliche Themen in ein Kapitel, die nicht so gut harmonieren und einzeln kaum bestehen, aber auch gemeinsam nicht ganz rund wirken. Manche Geschichte endet ohne rechte Pointe (enttäuschend, wenn man Stewarts Sinn für trockene Pointen kennt und schätzt).

Einmal mokiert Stewart sich über ein Vokabelproblem – die Sache hätte sich erledigt, wenn er den Begriff kurz nachgeschlagen hätte. Und zumal, es geht um die spanische Übersetzung des englischen "co-education", die richtige Antwort kann sogar ich mir denken.

Das Buch hat auch mehr Vulgarität als frühere Stewarts und wiederholt sagt er peinlich selbstgefällige Sätze; dabei will er sich über sich selbst lustig machen. Die Frau heißt meist "the Wife" (sic) oder auch Santa Ana.

Wirklichen Tiefgang gibt es nicht, wir lernen kaum Spanier näher kennen (sieht man von ein paar Witzfiguren ab); doch das Buch liest sich runter wie kaltgepresstes Olivenöl und amüsiert über weite Strecken.

Stewart erzählt, wie er wiederholt Lesern seiner Bücher begegnet. Etwas überraschend loben sie ihn alle und eine begeisterte Stewart-Leserin bei einer Behörde verspricht ihm Unterstützung. Das erinnerte mich etwas an Mein anderes Leben von Paul Theroux, auch er begegnet immer wieder seinen Lesern.

Stewarts Last Days of the Bus Club hat etwa 35 teils amüsante Schwarzweißfotos, jeweils eine halbe Seite groß. Einige davon kehren farbig und klein auf den inneren Umschlagseiten wieder.

Andere Stimmen:

Sidney Morning Herald:

"In its most schmaltzy passages, the book resembles a somewhat self-satisfied, self-absorbed occasional letter from a sort-of-friend… Stewart can make a fair bit out of not much at all… He lacks pomposity, he does not bang on at length about local genealogy or geology, he seems genuinely fond of his family"

Inthenickioftime:

"Now I don’t think that Chris Stewart’s life is any funnier than mine. It’s just that he spins a great yarn; he would make a fabulous dinner-party guest! … Chris’ writing is hilarious… The author is not laughing at other people, though – his humour is self-deprecating, poking fun at his own shortcomings"


Der Weg nach Surabaya: Reportagen und kleine Prosa
Der Weg nach Surabaya: Reportagen und kleine Prosa
von Christoph Ransmayr
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

4.0 von 5 Sternen Melancholischer Beobachter, 8. Oktober 2014
Auf rund 230 Seiten bringt Christoph Ransmayr 16 Reportagen und Kurztexte über nahe und ferne Gebiete, entstanden zwischen 1979 und 1996. Das Titelstück berichtet zwar aus Indonesien; doch die Mehrzahl der Berichte handelt von Europa: jeweils mehrfach Deutschland und Österreich, dann auch Italien und Polen; oft geht es um alte Menschen in Dörfern.

Die ersten vier Stücke sind meisterlich: Im Merian-Bericht über die Hallig Hooge reiht Ransmayr die Bewohner des Inselchens – nein, der Hallig – auf wie an einer Perlenkette, und nebenbei fädelt er die Geschichte des eigenwilligen Fleckens mit ein. Die Atmosphäre ist klar und eindeutig. Ähnlich erscheint der Artikel über den oberbayerischen Weiler Habach.

Umso mehr verblüffen bei aller Perfektion gelegentliche Tippfehler und Dativ nach "wegen". In mindestens zwei Stücken redet der Autor von sich selbst störend in der dritten Person.

Der Stil ist so aus der Zeit gefallen, dass ich mich beim ersten Bericht unwillkürlich fragte: Gibt's so eine Sprache wirklich noch? Gibt's den Merian noch? Und diese Hallig Hooge?

Ransmayr komponiert überlegt, schreibt leicht betulich und mit einem Hauch Lakonie, Distanz oder gar Spott. Vielleicht kann man ihn auch für konservativ halten. Jedes Wort und jedes Komma sitzt, und nach zuletzt bitteren Enttäuschungen mit neuen deutschsprachigen Autoren (Magnusson, Treichel) bin ich sehr angenehm überrascht.

Auf den ersten 80 Seiten führen vier Reportagen in entlegene deutsche und österreichische Weiler. Die inneren Bilder, die Ransmayr dabei erzeugt, erscheinen unwillkürlich in Sepia. In Sepia, mit Körnung, Vignettierung und ein paar Flecken dazu. Versunkene Welten.

Tatsächlich nostalgische Fotos zeigen zwei Beiträge aus Süditalien und in Portraits 90jähriger. Diese grobkörnigen, exzellent komponierten Schwarzweißbilder von Herwig Palmer bzw. Willy Puchner beweisen mehr Empathie als der lapidar gleichmütige Autor Ransmayr.

Die Sprache ist reindeutsch ohne einen einzigen Anglizismus, nur selten spalten Gedankenstriche Sätze in mehrere Teile, und Ransmayr bemüht sich offenkundig um nostalgische Begriffe wie Dampfdreschmaschine, Rechenmacher, Bürstenbinder, Knopfharmonika, eiserne Dreifüße, Korbflechter; das Ausgedinge erscheint im Mostviertel-Aufsatz aufdringlich oft. Ein Dativ-e produziert Ransmayr aber nur in Überschriften oder deutlich parodistischer Absicht.

Ist Ransmayr erzkonservativ - oder sein Thema? Offenen Spott bringt er nur gelegentlich, so als Begleiter einer kaisertreuen Reisegruppe von Österreichern; dort veralbert er nicht nur die k.u.k. Pilger, sondern auch die Habsburger Familie selbst; auch die polnischen Mariengläubigen nimmt er nicht ernst. Die eher satirischen Stücke dieser Auswahl entstanden jeweils für das 1991 eingestellte Blatt TransAtlantik.

Die ersten vier Stücke spielen in Deutschland Österreich, dann weitet sich der Blick nach Italien und Polen, es endet mit Südafrika, Indien und Indonesien. Die ersten vier Stücke wurden für Geo, Merian und Extrablatt geschrieben; die letzten sind Dankreden bei Preisverleihungen. Die Zeitschriften-Arbeiten sind deutlich besser.

Und auch aus einem weiteren Grund ist es sinnvoll, dass Ransmayr hier nur wenige seiner Reportagen und Kurztexte anbietet: Die lakonische Monotonie (Melancholie, Säuerlichkeit) bezaubert nicht über lange Strecken. Ein Ransmayr in einer Zeitschrift ist ein Highlight. Geballter Ransmayr zwischen Buchdeckeln ermüdet.

Die FAZ findet Ransmayr "bedachtsam und überaus skrupulös". Die NZZ entdeckte "eine sachliche Präzision, eine erzählerische Wucht und ein sprachliches Gelingen, die die Unterscheidung von Belletristik und Journalistik hinfällig machen".


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