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Hans-Uwe Rösner (Trier, Rheinland-Pfalz)
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Strukturwandel der Anerkennung: Paradoxien sozialer Integration in der Gegenwart (Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie)
Strukturwandel der Anerkennung: Paradoxien sozialer Integration in der Gegenwart (Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie)
von Axel Honneth
  Broschiert
Preis: EUR 24,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Wert der Freiheit, 17. Dezember 2014
Die in diesem Band vorgelegte Beschreibung der Wandlungsprozesse der Anerkennung in den letzten Jahrzehnten beziehen sich auf grundsätzlicher Ebene und am Beispiel unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche – Familie, Recht, Wirtschaft – auf den Wandel in der Struktur der Anerkennung in modernen demokratischen Gesellschaften. Sie gehen über die Diagnose einer bloßen Verschiebung und Verteilung von Anerkennung hinaus und behaupten, dass „sich die Struktur der Anerkennungsbeziehungen selbst gewandelt“ hat, d.h. „instabiler, flüssiger und unsicherer geworden“ ist. (275) Die Frage bleibt letztlich dennoch offen, ob diese Vorgänge nur kritisch als eine normative Erosion interpretiert werden können, oder ob sie auch positiv als Prozess der Veränderung normativer Bedürfnisse und Gegebenheiten zu verstehen sind. Thomas Welskopp bezweifelt sogar, dass „Anerkennung“ heute überhaupt noch ein normativ verankerter Mittler sozialer Integration darstellt, der in unterschiedlichen Wertsphären eine normative Einheit der Gesellschaft stiften kann.

Axel Honneth liest in seinem Beitrag „Verwilderungen des sozialen Konflikts“ Talcott Parsons als einen Theoretiker der Anerkennung, der in seinen materialen Analysen die Etablierung moderner Gesellschaften als einen Prozess der Ausdifferenzierung von verschiedenen Sphären der wechselseitigen Anerkennung beschrieben hat. Seine nüchterne Gegenwartsdiagnose lautet: „Die institutionalisierten Sphären der wechselseitigen Anerkennung scheinen an ihren Rändern wie zugemauert und in ihrem Inneren jedes allgemeinen, achtungssichernden Prinzips beraubt; immer mehr Gesellschaftsmitglieder sind auf kompensatorische, nicht-öffentliche Wege des Erwerbs der Selbstachtung angewiesen; immer weniger können für ihre Bestrebungen und Verrichtungen eine intersubjektiv geteilte Anerkennung reklamieren. Verwildert ist heute der soziale Konflikt demnach, weil der Kampf um Anerkennung in den vergangenen Jahren seiner moralischen Grundlagen so stark verlustig gegangen ist, dass er sich in einen Schauplatz unkontrolliert wuchernder Selbstbehauptung verwandelt hat.“ (38)

Alle Aufsätze (Thomas Welskopp, Stephan Voswinkel, Gabriele Wagner, Kai-Olaf Maiwald, Klaus Günther, Ophelia Lindemann) sind für mich lesenswert. Von besonderer Bedeutung ist für mich jedoch der letzte Beitrag „Wandel der Anerkennung. Überlegungen aus gerechtigkeitstheoretischer Perspektive“. Axel Honneth und Titus Stahl gehen dort der Frage nach, inwieweit Veränderungen der Anerkennungsverhältnisse in ihrem Gehalt und ihrer Form überhaupt noch entlang verlässlicher Kriterien normativ beurteilt werden können. Die These lautet: „Soweit Gerechtigkeit, wie sie nicht nur von Rawls, sondern weithin von liberalen Theoretikern angenommen wird, nur im Kontext der Sicherung subjektiver Freiheitsrechte einerseits, der Verteilung von Gütern andererseits begriffen wird, droht die spezifische Normativität zu verschwinden, die sich aus der Frage nach der Gerechtigkeit von Anerkennungsbeziehungen ergibt.“ (277) Die Konstitution bestimmter Rechte oder bestimmter Gegenstände als Gut beruht nach Ansicht der Autoren dagegen auf einem komplexen Netzwerk von Praktiken der Anerkennung. Die liberale Gerechtigkeitstheorie kommt daher sozusagen immer schon zu spät, „wenn sie sich damit beschäftigt, zu fragen, wer diese Rechte und Güter nun eigentlich ‚verdient‘.“ (278)

Mit „Inklusion“ und „Individualisierung“ glauben Honneth und Stahl zwei formale Prinzipien gefunden zu haben, die in allen gesellschaftlichen Institutionen bestehen und Kriterien zur Bewertung von Wandlungsprozessen in Anerkennungbeziehungen darstellen: „Gerecht wäre eine Veränderung von Anerkennungsverhältnissen also dann, wenn sie mehr Personen als zuvor einschließt und wenn diese Personen in diesen Institutionen Werte aneignen können, die ihnen dazu dienen können, eigene gehaltvolle moralische Identitäten und Lebensziele auszubilden, etwa indem sie eine bestimmte Rolle in einer Familie, einen bestimmten Beruf und eine rechtlich garantierte Identität als wesentlich für sich begreifen. […] Jede gemeinsame Steigerung dieser beiden Aspekte von Anerkennungsbeziehungen eröffnet Subjekten also neue Möglichkeiten sozial gehaltvoller Freiheit.“ (294f.) Damit heben die Autoren zugleich die Bedeutung der individuellen Freiheit hervor, die als übergreifender Wert von den liberalen Gerechtigkeitstheorien beschrieben wird. Der Wert der Freiheit kann jedoch nicht in der Form feststehender Güter oder Rechte vorgestellt werden, sondern verweist direkt auf die ihn institutionalisierenden sozialen Beziehungen in den einzelnen Anerkennungssphären. Kriterium für die Bewertung eines Strukturwandels der Anerkennung, so das abschließende Ergebnis, ist der Grad, in dem eine Anerkennungsordnung durch Individualisierung und Inklusion Freiheit garantieren kann.

Das Buch stellt eine gelungene Fortsetzung des Bandes „Befreiung aus der Mündigkeit. Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus“ aus dem Jahr 2002 dar und lässt sich sinnvoll als Ergänzung und Weiterführung von Honneths Opus magnum „Das Recht der Freiheit“ von 2011 lesen.


"Anerkennung" als Prinzip der Kritischen Theorie (Quellen Und Studien Zur Philosophie)
"Anerkennung" als Prinzip der Kritischen Theorie (Quellen Und Studien Zur Philosophie)
von Hans-Christoph Schmidt am Busch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 119,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sittliche Einbettung des Marktes, 7. Dezember 2014
In der aktuellen Kritische Theorie von Axel Honneth (2003, 2011) werden die herkömmlich getrennten Ebenen der Moralphilosophie, der Gesellschaftstheorie und der politischen Analyse in einer Kritischen Theorie des Kapitalismus zusammengeführt. Im Gefolge seiner "Theorie der Anerkennung" wird neuerdings eine Analyse und Kritik am zeitgenössischen Kapitalismus in Aussicht gestellt. Im Unterschied zum marxistischen Diskurs gilt nicht mehr die grundsätzliche Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Nichtkapitalismus als richtungsweisend, sondern diejenige von „sozialdemokratischem“ und „neoliberalen“ Kapitalismus. Vom Standpunkt der Anerkennungstheorie aus wird gezeigt, welche problematischen Implikationen mit ihm verbunden sind. Doch nach wie vor ist die Frage nicht ausdikutiert, ob „Anerkennung“ tatsächlich ein geeignetes Prinzip zeitgenössischen Sozialphilosophie in der Tradition der Frankfurter Schule sein kann, wie die Kontroverse mit Nancy Fraser zeigte (2003). Schmidt am Busch eilt hier Axel Honneth zu Hilfe. Seines Erachtens gibt es berechtigte Einwände gegen die Habermas’sche Gesellschaftstheorie (1981), welche im Kontext der Kritischen Theorie bis heute als Alternative zur Honneth’schen Anerkennungstheorie firmiert, insofern von den Märkten nicht von „normfreien Räumen geredet werden kann, die nur mit systemtheoretischen Mitteln zu analysieren sind.

Schmidt von Buschs Buch "'Anerkennung' als Prinzip der Kritischen Theorie" ist zeitgleich mit Honneths „Das Recht der Freiheit“ (2011) erschienen. Insofern wird seine Annahme heute möglicherweise nicht mehr ausreichend zur Kenntnis genommen, dass es der Kritischen Theorie bisher nicht gelungen sei zu zeigen, wie sich das Kernziel einer Kritischen Theorie des Kapitalismus auf der Grundlage des von ihr eingeführten Anerkennungsparadigmas errichten lässt. Angesichts durchaus ernstzunehmender Kritik an Honneth’s Anerkennungsparadigma, macht er es sich zur Aufgabe, unter Rückgriff auf Marx, Hegel und Honneth die Reichweite des Erklärungspotentials von sozialer Wertschätzung zu untersuchen. Im ersten Teil des Buches arbeitet er heraus, dass Honneths Theorie sozialer Wertschätzung zwei Formen der Wertschätzung beinhaltet: eine Fähigkeiten- und eine nutzenbezogene bzw. meritokratische, die es zu unterscheiden gilt. Seine These lautet, dass sich mit einem bei Hegel anzutreffenden meritokratischen Verständnis von Wertschätzung zeigen lässt, wie es zum Übergang von sozialdemokratisch eingebetteten Märkten zu einem neoliberalen Verständnis des Marktgeschehens kommen konnte.

Der zweite Teil seiner Abhandlung dient der Klärung der Frage, welche Beiträge Marx zu einer anerkennungstheoretischen Kritik am zeitgenössischen Kapitalismus zu liefern vermag. Dabei widmet er sich ausschließlich dessen frühen Schriften aus dem Jahren 1844 – einem „Kommentar von Auszügen aus James Mills Buch ‚Èlemens d’économie politique‘“ und den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ (beide in MEW 40), in denen Marx eine Theorie wechselseitiger Anerkennung im bürgerlichen Recht entwickelt. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass Marx‘ Theorie der menschlichen Produktion für die heutige Kritische Theorie in sozialkritischer Hinsicht nicht anschlussfähig ist, weil es ihm nicht gelingt, den normativen Gehalt der rechtlichen Gleichstellung zu erkennen. Allerdings vermögen mich seine Argumente hier nicht wirklich zu überzeugen, da er sich den reiferen Schriften von Marx hierzu entsagt, nämlich den „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“ (1857-1858) und der „Kritik der politischen Ökonomie“ (1859), in denen Marx den nur an der Oberfläche existierenden normativen Gehalt des individuellen Rechts herausarbeitet:"Das Eigentumsrecht schlägt um in das Recht auf der einen Seite, sich fremde Arbeit anzueigenen, und die Pflicht auf der anderen, das Produkt der eignen Arbeit und die eigne Arbeit selbst als anderen gehörige Werte zu respektieren." (MEW 42, S.361)

Im dritten Teil zeigt Schmidt am Busch auf, inwieweit Hegel mit dem Begriff des personalen Respekts eine Ressource zur Verfügung stellt, mit der marktwirtschaftliche Arrangements im Allgemeinen als anerkennungstheoretisch gehaltvoll beschrieben und legitimiert werden können. Während Marx angeblich davon ausgeht, dass der Markt eine normfreie Sphäre darstellt, betrachtet ihn Hegel laut Schmidt am Busch als eine sittlich eingebettete Sphäre der Anerkennung: Die besonderen Interessen der Gesellschaftsmitglieder werden nicht durch freie, sondern nur durch staatlich (polizeilich) regulierte Märkte und korporativ verfasste Arbeitswelten erfüllt. „Polizey“ und „Korporationen“ tragen zur Stabilisierung der Praxis personalen Respekts und der Erfüllung der besonderen Interessen der Menschen bei. Aus Hegels politischer und Sozialphilosophie lässt sich laut Schmidt am Berg die These ableiten, dass der Neoliberalismus eine kompensatorische und defizitäre Form mediokratischer Anerkennung darstellt, die dann eintritt, wenn die Erwartung nach Erfüllung besonderer Interessen nicht erfüllt wird.

Am Ende plädiert Schmidt am Busch dafür, den Hegelschen Gehalt einer Kritik an der gegenwärtigen mediokratischen Anerkennung „im Rahmen eines multi- und interdisziplinären Forschungsprojekts“ zu bestätigen. Inzwischen wird sein Wunsch eingelöst: So gibt es u.a. mit Axel Honneth u.a. (Hg.): „Strukturwandel der Anerkennung. Paradoxien sozialer Integration in der Gegenwart“ (2013) und Lisa Herzog/Axel Honneth (Hg.): „Der Wert des Marktes. Ein ökonomisch-philosophischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ (2014) zwei Bücher, in denen der These, dass der Markt einer sittlichen Einbettung bedarf, mit begrifflichen und empirischen Mitteln nachgegangen wird. Den Markt als eine voraussetzungsreiche und moralisch anspruchsvolle Institution zu betrachten, ist so etwas wie ein dritter Weg zwischen einer utilitaristischen Betrachtung des Marktes als Ort der Nutzenmaximierung und einer marxistischen Betrachtung des Marktes als Ort zunehmender Verelendung.


Symbolische Verletzbarkeit: Die doppelte Asymmetrie des Sozialen nach Hegel und Levinas
Symbolische Verletzbarkeit: Die doppelte Asymmetrie des Sozialen nach Hegel und Levinas
von Steffen Herrmann
  Broschiert
Preis: EUR 24,80

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rekognitive Abhängigkeit und moralische Ausgesetztheit in menschlichen Begegnungen, 12. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Steffen Herrmann leistet hier einen bedeutenden Beitrag, Anerkennungskonzepte, die sich identitätstheoretisch auf Hegel gründen mit jenen zusammenzuführen, die sich alteritätstheoretisch auf Emmanuel Levinas berufen. Sein Credo lautet: „Nur im komplementären Zusammenspiel von Anerkennungs- und Alteritätstheorie lässt sich die spannungsgeladene Dynamik einholen, die am Grunde unserer sozialen Verhältnisse liegt.“ (7) Im Kontext einer "negativen Sozialphilosophie" dient ihm die „symbolische Verletzbarkeit“ als normativer Ausgangspunkt der Analyse, Beschreibung und Kritik unserer politischen Ordnung. Herrmann zeigt überzeugend auf, inwiefern „Anerkennung“ nicht nur ein Mittel der Selbstverwirklichung von Subjekten darstellt, sondern ebenso eines ihrer Unterwerfung. Symbolische Verletzbarkeit ist für ihn mit einer existenziellen Urszene verbunden, die mit Hegel als „rekognitive Abhängigkeit von Anderen“ und mit Levinas als „moralischen Ausgesetztheit an Andere“ umschrieben werden kann. Zusammengenommen führen ihn diese zwei Seiten in der Begegnung Von-Angesicht-zu Angesicht zur Kernaussage dieser Arbeit, die sich "in aller Kürze auf die These der doppelten Asymmetrie des Sozialen zuspitzen" (11) lässt.

Mit seiner Studie eröffnet Herrmann auf ebenso neuartige wie frappierend einfache Weise einen Dialog zwischen den beiden von Hegel und Levinas inaugurierten Strömungen. Auf eine bündige Formel gebracht, lautet das Ergebnis seiner Analyse der Begegnung Von-Angesicht-zu-Angesicht: Die rekognitive Abhängigkeit bringt die moralische Ausgesetztheit hervor, genauso wie umgekehrt die moralische Ausgesetztheit auf die rekognitive Abhängigkeit antwortet. Bevor sich Herrmann Hegel und Levinas zuwendet, greift er mit Charles Taylor, Axel Honneth und Judith Butler bzw. Jacques Derrida, Zygmunt Baumann und Bernard Waldenfels jeweils drei prominente Vertreter dieser theoretischen Ausrichtungen heraus. Deren Anerkennungs- und Alteritätstheorien verweisen seiner Ansicht nach wechselseitig aufeinander, so dass eine Theorietradition erst im Verbund mit der jeweils anderen sinnvoll verstanden werden kann. Seine zentrale These lautet, dass sich unsere sozialen Beziehungen durch eine doppelte Asymmetrie auszeichnen: „Nicht wechselseitige Gleichheit, sondern wechselseitige Ungleichheit steht am Anfang des Sozialen.“ (31)

Zur Begründung dieser These wird Hegels Beschreibung des Herr-Knecht-Verhältnisses einer „subalternen Lesart“ unterzogen: Im Ausgang von der symbolischen Verletzbarkeit (des Knechts) wird die existenzielle Abhängigkeit von der Anerkennung durch Andere vor Augen geführt. Im Gegenzug wird bei Levinas eine „normative Lesart“ vorgenommen. Die Begegnung Von-Angesicht-zu-Angesicht wird vom Standpunkt der Anerkennungstheorie aus analysiert. Dabei richtet Herrmann sein Augenmerk auf die Figuren des Knechts und der Geisel, um seine These von der doppelten Asymmetrie des Sozialen zu exemplifizieren. Er kommt zu dem Ergebnis: „Während Hegel, ausgehend von der einen Seite mit der Figur des Knechts, eine radikale Abhängigkeit am Grunde unserer sozialen Beziehungen freigelegt hat, zielt Levinas mit der Figur der Geisel darauf, ausgehend von der anderen Seite, eine fundamentale Ausgesetztheit gegenüber dieser Abhängigkeit deutlich zu machen.“ (156f.)

Mit Hegel macht Herrmann deutlich, wir sind deshalb symbolisch verletzbare Wesen, weil wir für unsere Selbstverwirklichung grundlegend auf die Anerkennung von Anderen angewiesen sind. Mit Levinas lässt er erkennen, in der Begegnung von Angesicht-zu Angesicht, sind wir von einer „moralischen Ausgesetztheit“ betroffen. Herrmann kommt zu dem Ergebnis, dass Abhängigkeit und Ausgesetztheit aufeinander bezogen sind. "[I]n dem Maße, wie die asymmetrische Abhängigkeit von Anerkennung zunimmt, [steigt] auch die asymmetrische Ausgesetztheit an die Verantwortung.“ (209f.) Aus dem fortwährenden Wechselspiel zwischen „Abhängigkeit von Anerkennung“ und „Ausgesetztheit an die Verantwortung“ geht eine soziale Bindungskraft zwischen einem „Selbst im Anderen“ und einem „Anderen im Selbst“ hervor.

Herrmann erhofft sich durch seine Studie einen neuen Zugang zur Kenntlichmachung sozialer Pathologien. Ähnlich wie Honneth begreift er soziale Pathologien im Sinne einer "Anerkennungsvergessenheit“, allerdings in Form der "einseitige[n] Auflösung einer doppelten Asymmetrie des Sozialen“. (211) Die sozialen Akteure vermögen oftmals deshalb nicht gegen ihre Unterdrückung aufzubegehren, weil sie nur in diesen Verhältnissen überhaupt eine soziale Existenz zu erlangen vermögen: Eine auf’s Spiel gesetzte Anerkennung bringt immer auch die Gefahr mit sich, in die soziale Unsichtbarkeit abzugleiten. Insofern nützt die reflexive Bewusstmachung der eigenen Inferiorität letztlich wenig, was hilft, ist die „Transformation von sozialen Anerkennungsordnungen“ (214). Steffen Herrmann hat mit seiner subersiven Lesart von Hegel und Levinas nach meinem Eindruck ein wegweisendes Buch geschrieben.
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Spuren der Anerkennung: Studien zu einer sozial- und erziehungswissenschaftlichen Kategorie (German Edition)
Spuren der Anerkennung: Studien zu einer sozial- und erziehungswissenschaftlichen Kategorie (German Edition)
von Nicole Balzer
  Taschenbuch
Preis: EUR 59,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Arbeit an den Grenzen, 11. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nicole Balzer hat ein beeindruckendes Buch geschrieben, an dem niemand vorbeikommen kann, der sich mit anerkennungstheoretischen Fragen beschäftigt. Mit ihren drei Studien zu den „Spuren der Anerkennung“ richtet sie sich gegen zunehmende Tendenzen in der Erziehungswissenschaft, den Begriff der Anerkennung aus moralisch-ethischen Gründen salonfähig zu machen. Demgegenüber geht es ihr darum, ein mehrdimensionales Verständnis von Anerkennung zu erarbeiten. Ihre Arbeit zielt auf eine „Analytik der Anerkennung“ mit dem Ziel, diese Kategorie „in umfassenderer Weise als bisher für die pädagogische Theoriebildung sowie die empirische Erforschung der pädagogischen Praxis zu nutzen.“ (29f.) Dabei spannt Balzer den Lesenden allerdings 572 Seiten auf die Folter bevor sie die Katze aus dem Sack lässt und im Anschluss an Pierre Bourdieu, Judith Butler und Andreas Reckwitz den Grundstein für eine praxistheoretisch orientierte Erforschung von „Anerkennung“ als Dimension der pädagogischen Praxis legt.

In der ersten ihrer äußerst lesenswerten Studien rekonstruiert Balzer den Bedeutungsgehalt von „Anerkennung“ als moralisch-ethische und politische Kategorie, wie sie in den Schriften von Axel Honneth und Charles Taylor zum Ausdruck gebracht wird. Ausgewählte Kritiken von Nancy Fraser, Carolin Emcke, Patchen Markell und Alexander García Düttmann an deren Ansätzen kommen ebenso zu Wort. Balzers Fazit lautet, dass bei Honneth und Taylor die „Anerkennung von Identität“ in den Vordergrund rückt: Während Honneth Identität auf „Autonomie“ als ethischen Fluchtpunkt ausrichtet, macht Taylor den Begriff „Authentizität“ stark. Anerkennung, so Balzer, kann auf diese Weise aber nur verkürzt bestimmt werden. In ihrer zweiten Studie nimmt sie daher die Einsprüche gegen das Paradigma der „Anerkennung von Identität“ zum Ausgangspunkt, um sich den Schriften von Emmanuel Lévinas und Jessica Benjamin zu widmen. Sie führt den Lesenden zu der weiteren Einsicht, dass mit „Anerkennung“ nicht nur Bestätigung, sondern auch Verkennen und Versagung einhergeht.

In ihrer dritten Studie wird die antinomische Grundstruktur von Anerkennung von Balzer zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit Judith Butler und Pierre Bourdieu gemacht. Dabei geht sie dem Zusammenhang von Anerkennung und Macht nach: „Während mit den Schriften Butlers ‚Anerkennung‘ als ein Subjektivationsgeschehen ausgelegt und zuvorderst die Frage nach der 'Macht der Anerkennung' virulent wird, rückt mit den Schriften Bourdieus die Frage nach der 'Anerkennung der Macht' ins Zentrum.“ (31) Obwohl Balzer nicht müde wird zu behaupten, dass sie die verschiedenen Fassungen von „Anerkennung“ nicht in eine Konkurrenz zueinander stellt, sondern die Mehrdimensionalität des Anerkennungsbegriffs freilegen möchte, entscheidet sie sich am Ende dennoch für eine bestimmte Auslegung von „Anerkennung“: Mit Bourdieus praxeologischem Ansatz, Butlers Theorie anerkennender Subjektivierung und Reckwitz‘ Theorie sozialer Praktiken möchte sie zeigen, inwiefern Anerkennung mit einem Kampf um Macht verwoben ist, der es den Betroffenen ermöglichen soll, habituelle Verhaltensweisen zu zelebrieren, die Machtausübung sichern helfen.

Interessant und aufschlussreich ist nun, dass Butler ihren abschließenden eigenen Befund und ihre Grundlegung einer anerkennungstheoretischen Analyse pädagogischer Praxis in dieser dritten Studie situiert. Im letzten Kapitel entledigt sie sich eines normativ gefassten Verständnisses von Anerkennung und löscht alle Spuren aus, die erneut zu Honneth oder Taylor führen könnten. Ihre Bilanz lautet, dass es eine konstativ-bestätigende und eine performativ-stiftende Seite der Anerkennung gibt, die sich nicht zur Deckung bringen lassen. Ein auf Dauer gelingendes Anerkennungshandeln kann somit nicht hergestellt werden. Das ist richtig. Dennoch ist nicht nachzuvollziehen, warum der Begriff "Anerkennung" deshalb nicht mehr als ethische Kategorie und normatives Prinzip der gesellschaftlichen und pädagogischen Praxis stets aufs Neue zur Geltung zu bringen ist. Die ontologisch-ethische Doppelrolle von „Anerkennung“ wird von Balzer zwar erkannt und benannt, dennoch lehnt sie es ab, Anerkennung auch als einen affirmativen Akt von positiv konnotierten Eigenschaften menschlicher Subjekte zu kennzeichnen.

Balzer geht wie selbstverständlich davon aus, dass die ethische Forderung nach Anerkennung nur plausibel zu machen ist, wenn man postuliert, dass sich ein "Jenseits der Macht" für den Begriff der Anerkennung finden lässt. Obwohl sie nach eigenem Bekunden möglichst vielen Zugangswegen zum Begriff der Anerkennung ein Eigenrecht einräumen möchte, glaubt sie, dass nur der Verzicht auf Anerkennung als ethisch-moralische Kategorie vor einer unterkomplexen ethischen Bezugnahme auf Anerkennung schützen kann. Ist es aber nicht gerade Judith Butler, die zu zeigen vermag, inwieweit ein dekonstruierendes ethisch-moralisches Festhalten am Begriff der Anerkennung vereinbar ist mit einem umfassenden Verständnis von Anerkennung als Analysekategorie der gesellschaftlichen pädagogischen Praxis? Balzer versteht ihre Studien als „Arbeit an den Grenzen“, mit der Absicht, diese Grenzen zu überschreiten und zu verschieben. Die unternommene Spurensuche mündet zwar in „ein analytisch justiertes Verständnis von Anerkennung als Adressierungsgeschehen und Moment jeglicher sozialer Handlungen und Praktiken“. (609) Allerdings wird auch sie nicht um die Frage herumkommen, wie die Ergebnisse dieser Analysen ethisch zu bewerten sind. Die Frage, mit welcher Anerkennungsordnung wir leben wollen, bleibt virulent.


Eine Art zu leben: Über die Vielfalt menschlicher Würde
Eine Art zu leben: Über die Vielfalt menschlicher Würde
von Peter Bieri
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

83 von 83 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Katharsis, 17. September 2013
Wer das großartige Buch "Politik der Würde" (1997) des Philosophen Avishai Margalit gelesen hat, in dem es um die Frage geht, inwieweit gesellschaftliche Institutionen die Selbstachtung und Würde von Menschen nicht verletzen dürfen, findet hier ein gelungenes Pendant dazu. Auch bei Bieri ist Würde kein metaphysischer Begriff, sondern mit vielschichten Erfahrungen verbunden, in denen drei Aspekte zusammenfließen: Wie behandeln mich die anderen? Wie stehe ich zu den anderen? Wie stehe ich zu mir selbst? Dabei will der Autor keine Theorie verfassen, mit der vorgeschrieben wird, wie man über diese Dimensionen des menschlichen Lebens zu denken hätte. Vielmehr ist das Buch "in der Tonlage des Ausprobierens geschrieben. Nicht beweisen wollte ich, sondern sichtbar und verstehbar machen." (16) Der Begriff der Würde ist für Bieri gleichsam eine notwendige Erfindung des Menschen, die mit der existenziellen Erfahrung seiner Gefährdung und Unvollkommenheit einhergeht: "Die Würde des Menschen zu verstehen, heißt nicht, diese Unvollkommenheit zu übertünchen und wegzudeuten. Es heißt sie anzuerkennen und in ihrer unübersichtlichen Logik aufzuklären." (15)

Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, in denen Würde als Selbständigkeit, Begegnung, Achtung von Intimität, Wahrhaftigkeit, Selbstachtung, moralische Integrität, Sinn für das Wichtige und Anerkennung der Endlichkeit beleuchtet wird. Anhand zahlreicher Beispiele aus der eigenen Lebenserfahrung und Literatur analysiert Bieri würdeverletzende Begebenheiten, die berühren, ergreifen, empören und, das ist das Entscheidende, vor allem zum Nachdenken anregen. Im Stile der platonischen Dialoge soll der Leserin bzw. dem Leser deutlich werden: Über den Begriff der Würde lässt sich trefflich streiten, er verfällt nicht der Beliebigkeit, seine Geltung transzendiert oftmals kulturelle Kontexte.

Wann wird Fürsorge zur entwürdigenden Bevormundung? Wie kommt es zum Verlust der Würde durch Hörigkeit? Inwiefern ist der Gang zum Therapeuten Ausdruck von Würde? Was tragen Arbeit und Anerkennung zur Würde bei? Warum kann eine verweigerte Begründung entwürdigen? Inwieweit ist Mitleid eine Geste der Demütigung? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Würde und Intimität bzw. Scham? Was sind würdelose Offenbarungen? Inwieweit bedarf es der Aufrichtigkeit vor sich und anderen, um seine Würde nicht zu verlieren? Gibt es einen objektiven Maßstab für Selbstachtung? Warum kann moralisches Tun dazu führen, das Gefühl für die eigene Würde zu steigern? Warum müssen die Grenzen der Würdeverletzungen aus moralischer Not eng gezogen werden? Inwieweit spielt Würde an den Grenzen des Lebens eine Rolle?

Bieri konfrontiert uns mit ergreifenden Geschichten über das Verlieren und Wiedergewinnen der Würde. Das Buch nötigt einen förmlich zur Auseinandersetzung mit sich selbst, weil es fast zwangsläufig dazu führt, das Gelesene auf das eigene Leben zu beziehen und eigene Abwägungen vorzunehmen, nicht mit roter Robe, sondern mit der Absicht, die Dinge in eine richtige Balance oder sogar zur Versöhnung zu bringen. Das Buch ist nicht mit der Aufforderung geschrieben, sein Leben zu ändern, sondern mit dem Aufruf verbunden, mehr Klarheit darüber zu gewinnen, wenn es um die Reflexionen über Erfahrungen geht, die sich als Verletzungen in die Seele gebrannt haben. Nicht zuletzt: Bieri ist einer der nicht so häufig anzutreffenden Philosophen, die nicht nur gedanklich tiefsinnig, sondern auch sprachlich brillant schreiben können.


Nach Marx: Philosophie, Kritik, Praxis (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Nach Marx: Philosophie, Kritik, Praxis (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Rahel Jaeggi
  Taschenbuch
Preis: EUR 22,00

20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kritische Hommage an Marx, 25. Juli 2013
In einem Gespräch mit Gérard Raulet, das 1983 in der amerikanischen Zeitschrift "Telos" erschien, wagte Foucault die Prognose, dass der Slogan "Marx ist tot" einen nur konjunkturellen Wert besitze. Er prophezeite, dass Marx wieder aktuell werden würde und bekannte, dass er von einer Renaissance träume, in der Marx von allen Parteidogmen befreit sei. Nach der Lektüre dieses Bandes, kann man den Eindruck haben, dass sich Foucaults Traum allmählich erfüllt. Hier findet auf höchstem Niveau "eine Wiederaneignung und Wiedereinbeziehung in die sozialphilosophische, sozialkritische und gesellschaftstheoretische Diskussion" (S. 11) statt. Die durchweg lesenswerten Aufsätze entstammen Vorträgen, die auf dem Kongress "Re-Thinking Marx. Philosophie, Kritik, Praxis" vom 20. bis 22. Mai 2011 an der Humboldt-Universität gehalten wurden.

Der Band enthält sechs thematisch untergliederte Teile - "Freiheit und Gemeinschaft", "Normativität und Kritik", "Wahrheit und Ideologie", "Recht und Subjektivität", "Kapitalismus und Klassenkampf", "Politische Praxis" -, in denen zum Teil renommierte internationale Autorinnen und Autoren zu Wort kommen. Mit souveräner Distanz zeigen sie auf, inwieweit das Werk von Marx breit gefächerte Anschlüsse sowohl an poststrukturalistische Überlegungen als auch an durch Rawls inspirierte Theorien sozialer Gerechtigkeit enthält. Für die Herausgeber Rahel Jaeggi und Daniel Loick ist Marx insbesondere deshalb interessant, weil sein Werk eine komplexe Einheit von Analyse und Kritik darstellt, die sich auf einem Reflexionsniveau bewegt, das über vordergründig moralisierende Einwände und die Beschreibung systemischer Komplexitätsanforderungen hinausweist.

Die früh von Althusser vollzogene problematische Trennung zwischen dem humanistischen jungen Marx, den man vergessen könne und dem reifen Marx der strukturalistisch ausgerichteten Kapitalismuskritik, die in die Zukunft weise, wird hier erfreulicherweise wieder aufgehoben. Es sind gerade die Schriften bis 1844, die vermehrt auf das Interesse der Autorinnen und Autoren stoßen. Sie zeigen unbefangen, d.h. auf nicht marxistische Weise, die Möglichkeiten auf, die Marx für gegenwärtige Anschlüsse in den Gesellschafts- und Sozialtheorien bietet. Wer die Abkehr von Marx vor Jahren als befreiend empfand und die gegenwärtige Wiederkehr als gewinnbringend erleben möchte, wird mit diesem Band bestens bedient.


Wert und Wirklichkeit: Aufsätze zur Moralphilosophie (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Wert und Wirklichkeit: Aufsätze zur Moralphilosophie (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von John McDowell
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wiederkehr des moralischen Realismus?, 23. Dezember 2012
Das vorliegende Buch enthält eine von Axel Honneth und Martin Seel zusammengestellte Auswahl von Aufsätzen aus dem Buch "Mind, Value & Reality" des Jahres 1998. Die beiden sind von der Gliederung des englischsprachigen Sammelbandes insofern abgewichen, als sie "die beiden Studien an den Anfang gestellt haben, die bei aller Zurückhaltung des Autors einen geradezu programmatischen Charakter besitzen." (9) Die Einleitung von Honneth und Seel fasst bereits in luzider Weise das Programm McDowells zusammen. Die folgende Rezension lehnt sich daran an. McDowell möchte nicht als "moralischer Realist" betrachtet werden, sondern als Vertreter eines "Anti-Anti-Realismus" mit dem er einer "vom Objektivitätsideal der Wissenschaften eingeschüchterte[n] Theorie der ethischen Orientierung" (28) zu neuer Stärke verhilft. Seine Studien und Abhandlungen "besitzen häufig den eher destruktiven Charakter einer Kritik eingespielter Begriffsalternativen." (7) Honneth und Seel sprechen hier von einer "höchst indirekten Strategie, eine eigene Position nur auf dem Weg einer Auflösung von festgefahrenen Oppositionen zu entwickeln". (7)

Auflösung der Entgegensetzung von Geist und Welt: In seinem 1994 unter dem Titel "Mind and World" veröffentlichten Band wendet sich McDowell gegen das Vorherrschen einer Entgegensetzung zwischen "Geist" und "Welt" in der nachkantischen Philosophie. "In dieser Tradition erscheint die Erfahrung des Menschen als Teil einer gesetzmäßig verfassten Natur, während nur noch seine begriffliche Spontaneität einem Vernunftbereich zugeschlagen wird, in dem allein rationale Gründe gelten." (11) McDowell zieht daraus die Schlussfolgerung, dass es zur Überwindung der ontologischen Entgegensetzung einer behutsamen Renaturalisierung der rationalen Aktivitäten des Menschen bedarf. In unseren sinnlichen Fähigkeiten verwirklichen wir ein Stück unserer eigenen Natur; sie ist Medium unserer Rationalität.

Auflösung der Entgegensetzung von Natur und Kultur: Nach McDowell ist mit der "natürlichen Ausstattung unseres Sinnesvermögens" zugleich eine "Befähigung zum rationalen Erfassen der Wirklichkeit" verbunden. (12f.) Er erläutert seine These, dass es die "Ausübungen der Spontaneität" sind, die die Lebensweise charakterisieren, durch die sich der Mensch als Tier verwirklicht. Tugenden sind einerseits im Vergleich zu Gewohnheiten mit gewissen Einsichten verbunden, andererseits unterscheiden sie sich von rationalen Überlegungen dadurch, als mit ihnen ein habitualisierter Zustand des menschlichen Charakters verbunden ist. Was McDowell hier als "Zweite Natur" begreift, kann nicht mit "Kultur" gleichgesetzt werden, weil er von einer Kontinuität zwischen erster und zweiter Natur ausgeht. Er versteht die ethischen Tugenden als eine "Verwirklichung von organisch angelegten Potentialen", die in einen "Prozess der stufenweißen Ermöglichung von gattungsspezifischen Lebensweisen" münden. (15)

Auflösung des Gegensatzes von bedingter und unbedingter Moral: Die Pointe von McDowells Idee der "zweiten Natur" auf moraltheoretischem Gebiet besteht darin, "der Tugendethik mit Hilfe eines Wertrealismus eine kognitivistische Fassung zu geben." (15f.) Die zur "zweiten Natur" gewordenen Verhaltensweisen haben uns mit einem Vorverständnis ausgestattet, in deren Licht sich die Umstände immer schon als moralisch bedeutungsvoll präsentieren. "Wir können uns an die Idee Wittgensteins halten, der zufolge wir auch moralische Regeln nur erkennen vermögen, indem wie durch Eingewöhnung mit einer entsprechenden Handlungspraxis vertraut wurden." (16) Den moralischen Handlungsregeln kann insofern ein Vorrang gegenüber anderen Formen des Handelns zugebilligt werden, als "unter den Normalitätsbedingungen einer erfolgreich abgeschlossenen Sozialisation [...] die als moralisch wahrgenommenen Tatsachen [...] eine kategorische Wirkung auf uns aus[üben]. Wir sind dahingehend sozialisiert, "uns gemäß den Imperativen zu verhalten, die den rationalen Gehalt unserer Wahrnehmungen ausmachen." (17)

Auflösung des Gegensatzes von internen und externen Gründen: McDowell ruft zwar gegen den "Non-Kognitivismus" in der Moralphilosophie auf, unterläuft aber dennoch selbst die Trennung zwischen Kognitivismus und Non-Kognitivismus. Mit dem Non-Kognitivismus teilt er zwar die "Kritik an einem ethischen Objektivismus, der Werte von ihrer Einbettung in die tatsächliche Lebenspraxis der Handelnden befreit." (19) Gleichwohl sind es für ihn normativen Erfahrungen", die die emotionale Motivlage transzendieren. McDowell versteht "ethische Orientierungen auf ihrer ganzen Breite als einen Ausdruck von Werterfahrungen [...], die man bereits gemacht oder bislang versäumt haben kann." (19f.) Die Gründe, die sich im Prozess der ethischen Erfahrung bilden sind zwar "interne" Gründe; dennoch besitzen sie auch einen "externen Status", insofern sie den motivationalen Haushalts der Handelnden überschreiten.

Auflösung des Gegensatzes von Subjektivismus und Objektivismus: McDowell gelangt zu "einem starken Begriff des Richtigen", indem er "die Orientierung an ihm als eine Aufdeckung oder Entdeckung von Werten zu beschreiben vermag, die nicht im Belieben von einzelnen oder Kollektiven stehen, sondern von denen vielmehr ein objektiver Anspruch an das Subjekt der moralischen Praxis ergeht." (21f.) Honneth und Seel sprechen hier von einer "Objektivität des Normativen" (22), deren Explikation nicht in metaphysische Fangstricke führen darf, d.h. es dürfen keine Werte oder Pflichten unserer Subjektivität gegenübergestellt und von ihr ebenso unabhängig erachtet werden wie die Form und Größe der Dinge. Nach McDowells Verständnis von Objektivität soll es erlaubt sein, Werte als einen Teil der Wirklichkeit der menschlichen Gesellschaft zu verstehen. Die "Auflösung der gängigen Opposition zwischen subjektiv-wertender und objektiv-wissenschaftlicher Erkenntnis" (22f.) vollzieht McDowell in drei Schritten. 1. Durch eine drastische Erweiterung und Differenzierung des Begriffs der Objektivität. 2. Durch die Aufdeckung einer Analogie zwischen der Wahrnehmung sekundärer Qualitäten (wie zum Beispiel der Farben) und der Beachtung ästhetischer und moralischer Werte. 3. Durch Aufweis der Grenzen dieser Analogie, durch den die Besonderheit von Werten greifbar wird.

Auflösung des Gegensatzes von Realismus und Anti-Realismus: McDowell sieht eine Analogie von Farben und Werten. Wie es die Welt der Farben nur zusammen mit den entsprechenden Fähigkeiten des Sehens gibt, so gibt es die Welt der Werte (und auch der Normen) nur zusammen mit der Fähigkeit der Anerkennung von Gründen, die für oder gegen die Akzeptabilität menschlicher Verhaltensweisen sprechen." Er sieht im Streit zwischen unterschiedlichen Werten kein Streit zwischen Glaubensmächten: "Der mit der Unterscheidung des Richtigen vom Falschen verbundene Anspruch ist vielmehr, zu erkennen, was im Verhalten der Menschen tatsächlich angemessen ist." (27) "Normativität", so resumieren Honneth und Seel, "ist für McDowell keine Zutat zu der ohnehin gegebenen Welt, sondern ist selbst ein integraler Teil jener zweiten Natur, die die Wirklichkeit des menschlichen Lebens ausmacht." (27)

Die Aufsätze verhandeln eine der wohl spannendsten Fragen in der gegenwärtigen praktischen Philosophie: Lassen sich mit einem "Anti-Anti-Realismus" dieser Art sowohl die neostrukturalistische Ethiken von Lévinas bis Butler als auch die deontologischen Ansätze von Rawls bis Habermas überwinden? Das Interesse an McDowell liegt bei Honneth darin, dass er dem in sozialkonstruktivistisch orientierten moraltheoretischen Ansätzen innewohnenden Wertskeptizismus Einhalt gebietet; Seel dagegen orientiert sich an ihm, weil sich mit seiner Hilfe gegenüber deontologischen Ethiken zeigen lässt, dass die Explikation moralischer Rücksicht an das Verfahren situationsbezogener ethischer Erkenntnis und damit an Fragen über das gute Leben gebunden ist. Sollten beide den Stellenwert von McDowell richtig einschätzen, dann ist dessen Bedeutung für die praktische Philosophie enorm.


Haß spricht: Zur Politik des Performativen (edition suhrkamp)
Haß spricht: Zur Politik des Performativen (edition suhrkamp)
von Judith Butler
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,00

10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ermächtigende Antworten auf verletzende Sprache, 6. September 2012
Butler geht es hier um die demokratietheoretisch wichtige Frage über den politischen Stellenwert performativer Äußerungen: "Wenn die performative Äußerung kollektive Anerkennung erzwingen muss, um zu funktionieren, kann sie dann nur eine bereits institutionalisierte Anerkennung oder kann sie auch eine kritische Perspektive auf bestehen Institutionen erzwingen?" Um Klarheit zu gewinnen, widmet sie sich zunächst der Sprechakttheorie von Austin, ohne allerdings wie dieser ein im vollen Sinne handlungsmächtiges Subjekt hinter dem Sprechen vorauszusetzen.

Butler sucht nach Antworten auf weitere Fragen wie: "Folgt nun die Macht der Sprache, uns zu verletzen, aus ihrer Macht der Anrufung? Und wenn dem so ist, auf welche Weise schält sich aus dieser ermächtigenden Verletzbarkeit die sprachliche Handlungsmacht heraus?" Sie macht deutlich, inwieweit mit der sprachlichen Verletzung eine konventionelle Haltung einhergeht, durch die das Subjekt angerufen und konstituiert wird. Mit der Anrufung erhält es die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Existenz, auf die es aber nicht nur festlegt wird, sondern auch unerwartete, ermächtigende Antworten hervorzurufen vermag.

Butler sieht die "Möglichkeit einer Theorie der sprachlichen Handlungsmacht, die eine Alternative zu der endlosen Suche nach rechtlichen Gegenmitteln darstellt." Sie wirbt für einen gesellschaftlichen und kulturellen Sprachkampf, in dem sich die Handlungsmacht von der Verletzung herleitet und ihr gerade dadurch entgegentritt: "Die Resignifizierung des Sprechens erfordert, dass wir neue Kontexte eröffnen, auf Weisen sprechen, die noch niemals legitimiert wurden, und damit neue und zukünftige Formen der Legitimation hervorbringen."

Butler nimmt insbesondere auf Bourdieu und Derrida Bezug, weil diese die rituelle Dimension der Konvention, die den Sprechakt stützen, hervorheben. In den letzten beiden Kapitel ihres Buches, versucht sie, zwischen deren beiden Positionen (Bourdieu: Was heißt sprechen?/Derrida: Signatur Ereignis Kontext) zu vermitteln. Insbesondere Derrida bietet für sie die Möglichkeit, Performativität in Verbindung mit Transformation zu denken, d.h. mit dem Bruch mit früheren Kontexten und der Möglichkeit, Kontexte zu inauguieren, die erst noch wirklich werden müssen.

Ein Buch, das sich als kritische Hommage an den liberalen Rechtsstaat und die mit ihm verbundenen Zensur-Gefahren lesen lässt. Großartig!


Körper von Gewicht: Die diskursiven Grenzen des Geschlechts
Körper von Gewicht: Die diskursiven Grenzen des Geschlechts
von Judith Butler
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,00

11 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Studien zur Körperpolitik, 5. September 2012
Im Vorwort zur deutschen Ausgabe dieser Aufsatzsammlung wehrt sich Butler zunächst gegen die verbreitete Unterstellung, sie hätte in "Das Unbehagen der Geschlechter" (1991) die Bedeutung des Biologischen bei der gesellschaftlichen Festlegung von Geschlechtsmerkmalen gänzlich verneint. Vielmehr warnt sie vor so einer Sichtweise, in der davon ausgegangen wird, der Körper werde vollkommen oder erschöpfend linguistisch konstituiert: "Eine solche Behauptung läuft auf einen linguistischen Idealismus hinaus, den ich unannehmbar finde." (11)

Butler spricht sich für ein "Projekt der Anerkennung" aus, in dem es darum geht, "die partizipatorische Basis des demokratischen Lebens" zu verbreitern (10) Mit diesem Buch erweitert sie die leibphänomenologische Perspektive (Merleau-Ponty, Waldenfels) um die Frage, was es historisch mit der Materialität des Körpers auf sich hat. Die "Materie" des biologischen Geschlechts und die von Körpern allgemein wird von ihr "als eine ständig wiederholte und gewaltsame Eingrenzung der kulturellen Intelligibilität" verstanden. Dabei steht für sie die Frage im Raum: "Welche Körpern wird Gewicht beigemessen - und warum?" (16)

Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen, macht Butler klar: "Die Kategorie der Frauen wird durch die Dekonstruktion nicht unbrauchbar gemacht, sie wird zu einer Kategorie, deren Verwendungen nicht mehr als ,Referenten' verdinglicht werden und Aussicht haben, offener zu werden, ja sogar, auf unterschiedliche Weise bedeutungsgebend zu ein, die keine von uns vorhersagen kann." (54) Die Konstruktion des Geschlechts, so Butler weiter, "wird mit den Mitteln des Ausschlusses erzeugt, und zwar so, dass das Menschliche nicht nur in Absetzung gegenüber dem Unmenschlichen produziert wird, sondern durch eine Reihe von Verwerfungen, radikalen Auslöschungen, denen die Möglichkeit kultureller Artikulation regelrecht verwehrt wird." (30)

Butler rekurriert also auf Materie, um "feststellen zu müssen, dass Materie selbst durch eine Reihe von Verletzungen begründet wurde, die in der heutigen Berufung auf Materie unwissentlich wiederholt wurden. [...] Dieses Erschüttern der ,Materie' lässt sich verstehen als Anstoß; für neue Möglichkeiten, für neue Arten, wie Körper Gewicht haben können." (55f.) Im Gegensatz zu Althusser oder auch Bourdieu, stattet Butler das Subjekt der Anrufung allerdings mit einer gewissen Handlungsmacht aus. "Es bezieht sein Handlungsvermögen zum Teil aus der Einbezogenheit in die gleichen Machtbeziehungen, die es bekämpfen will." (175)

Mit Hilfe der Psychoanalyse kritisiert Butler "Habermas' Rationalismus, der eine Transparenz der Intention im Sprechakt voraussetzt, die selbst symptomatisch ist für eine Ablehnung der Psyche, des Unbewussten, dessen was vor und jenseits jeder ,Intention' der Sprache widersteht und sie dennoch strukturiert." (265)Dabei geht es ihr darum, zukünftige Wege zur Inklusion zu erschließen, d.h. Wege zu Positionen zu eröffnen, die aus der Repräsentierbarkeit und aus den Erwägungen von Gerechtigkeit oder Gleichheit bisher ausgeschlossen worden sind.

Butlers politisches Credo lautet: "Die Macht der Begriffe ,Frauen' oder ,Demokratie' verdankt sich nicht ihrer Fähigkeit, eine politische Realität, die bereits existiert, angemessen oder umfassend zu beschreiben; im Gegenteil, der politische Signifikant wird politisch wirksam, indem er eine Reihe von Verbindungen als eine politische Realität errichtet und aufrechterhält." (287) Manche mögen dahinter vor allem einen defaitistischen Vernunftbegriff vermuten. Sie übersehen dabei Butlers ernstzunehmenden Versuch, die freiheitliche Basis liberaler Demokratien zu erweitern.


Spiegelungen der Gleichheit (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Spiegelungen der Gleichheit (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Christoph Menke
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Antinomien im Begriff rechtlicher Gleichheit, 8. Juli 2012
Menke geht es in seinem Buch nicht wie üblich um einen erweiterten Gleichheitsbegriff, sondern um eine Überschreitung des Feldes der Gleichheit, indem die Gleichheit an dem grundsätzlich Nicht-Gleichen das man das "Individuelle" nennen kann, gespiegelt und gebrochen wird. Die liberale Freiheit wird vom Individuellen her befragt und politisch reflektiert. Sein Programm läuft darauf hinaus, mit Adorno und Derrida Kritik an Rawls und Habermas zu üben. Er fordert, dass die liberale Demokratie sich der Herrschaft durch Recht - einer Herrschaft der Ordnung der Gleichheit über das Individuelle - bewusst wird.

Im ersten Teil diskutiert er Adorno und Derrida als Kritiker der Ungerechtigkeit gegenüber dem Individuellen; im zweiten Teil bringt er sie als Ethiker der guten Entscheidung im Sinne des Individuellen ins Spiel. Im dritten Teil wird die Spannung zwischen Gleichheit und Individualität in Auseinandersetzung mit Luhmann und Rawls entwickelt. Im vierten Teil wendet er sich den Formen der Souveränität zu, d.h. er untersucht Gestalten des Politischen, die sich als praktizierte Reflexion auf die Konflikte zwischen Gleichheit und Individualisierung verstehen lassen.

Jürgen Habermas hat Menkes Ansatz (2003/2005) ausführlich und scharf kritisiert. Mit seinem Bezug auf Derrida, so Habermas, gibt Menke die Verbindung von Vernunftkritik und Gesellschaftstheorie preis. Der Blick auf demokratische Verfahren könne aber darüber belehren, dass es keinen Sinn macht, Praktiken von Ausschluss und Diskriminierung aus begrifflichen, angeblich in der Idee der Gleichheit selbst angelegten Bedingungen zu erklären. Es bedürfe daher keiner Dekonstruktion der Gleichheit, um dorthin zu gelangen, worauf das demokratische Verfahren von Haus aus zugeschnitten ist. Der politische Diskurs bleibe auf die ethischen Urteile bezogen, die die Individuen im Hinblick auf das in ihrem Leben Wichtige und Gute fällen.

Alles in allem bleibt immer noch offen, auf welche Weise der Forderung besser entsprochen werden kann, die verletzbare Integrität des Einzelnen zu garantieren: durch Dekonstruktion begrifflicher Gewalt oder durch Rekonstruktion historischer Kämpfe um Anerkennung? Menke ist es meines Erachtens auf jeden Fall gelungen, den Optimismus in Habermas' Demokratietheorie zu dämpfen, insbesondere indem er mit seinem Buch den Zusammenhang von Recht und Gewalt auf beeindruckende Weise durchleuchtet.


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