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NN "NathanNever"
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Rudolf Steiner. Verkünder eines neuen Welt- und Menschenbildes.
Rudolf Steiner. Verkünder eines neuen Welt- und Menschenbildes.
von Colin Wilson
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Erstannäherung, 20. Januar 2015
Als Erstannäherung an Steiners Biografie musste ich Lindenbergs voluminöses Werk nach 200 Seiten frustriert zur Seite legen, da es für einen ersten Einblick viel zu detailliert und zu tief in die Philosophie eindringend ist und suchte nach einer schnellen Alternative. Wilson Biographie erfüllte genau diese Ansprüche. Mit angenehmer Distanz und typisch englischer Ironie betrachtet er dieses außergewöhnliche Leben und überbordende Werk. Steiner kommt dabei nicht immer gut weg; vor allem die historischen Phantasien werden mitunter als lächerlich dargestellt. Dafür nimmt er ihn als philosophischen Denker durchaus ernst. Die pädagogischen, landwirtschaftlichen, eurythmischen, architektonischen etc. Verdienste werden nur am Rande erwähnt – mehr als einen Einstieg kann das Buch nicht darstellen, weder in Werk noch Biographie. Aber es liest sich sehr flüssig, weist den geübten Schreiber aus und macht auf jeden Fall Freude auf mehr, auch auf schwierige Steiner-Lektüre und die Lindenberg-Biographie.


Heilkundliches aus drei Jahrzehnten
Heilkundliches aus drei Jahrzehnten
von Herbert Fritsche
  Broschiert
Preis: EUR 21,90

4.0 von 5 Sternen Wohin mache ich den Kranken gesund?, 13. Januar 2015
Einen Einblick in Fritsches weitgefächertes journalistisches- und Vortragswerk geben die thematisch geordneten Sammelbände. Das bindende Wort in diesem Band ist die ärztlich angestrebte „Gesundheit“, der man sich aus vielen Richtungen nähern kann, von der Magie und Spagyrik (Alchemie), dem Mesmerismus und dem Handauflegen, der Homöopathie und Naturheilkunde, aber auch der Chirurgie und der Allopathie/„Schulmedizin“ her. Kritisch, direkt, eigenständig, mitunter ironisch-zynisch und manchmal auch humorvoll geht Fritsche vor, macht weder vor Freund noch Feind Halt, sagt, was er denkt …

Und was er denkt, ist meist originell und streitbar. Das wird an der Zentralkategorie schon deutlich, denn Fritsche fragt nicht „wie“, sondern „wohin“ man einen Kranken gesund machen sollte, „denn Heilung ist ein Schritt vorwärts auf dem Wege innerster Menschwerdung“. Die Individualität ist dabei oberstes Gebot, das ergibt sich schon aus seiner homöopathischen Denkweise. Diese, die Homöopathie, ist für ihn mehr als nur eine Heilmethode, sie umfasst vom Alltagsverhalten bis zum Sakralen alles, enthält eine eigene Anthropologie und Erkenntnistheorie. Entsprechend hohe Anforderungen werden an Arzt und Patient gestellt: „… dass ein Arzt ohne Religion über die Qualitäten eines bloßen Genesungsingenieurs kaum hinauskommt.“

Wer seine Hauptwerke kennt („Der Erstgeborene“, „Hahnemann“, „Tierseele“, „Erhöhung der Schlange“), für den wird sich vieles wiederholen – manchmal ergänzt er gemachte Aussagen aber auch. Erstaunlich ist immer wieder die Weitsicht, denn schon vor mehr als 60 Jahren thematisierte Fritsche Umweltgifte in der Landwirtschaft, Autoabgase, Straßenlärm, Antibiotikaresistenzen und superresistente Krankenhauskeime. Fritsche war ein Wahrheitsfanatiker vor dem Herrn, er nahm scheinbar nie ein Blatt vor den Mund, hat sich so viele Gegner geschaffen, ist aber gerade in Zeiten der „political correctness“ ein wunderbares und erfrischendes Korrektiv zur üblichen akademischen Sprache.

Leider fehlen den Artikeln die Zeitangaben und die Quellen, so dass man auf Mutmaßungen angewiesen ist, will man die Arbeiten zeitlich oder biographisch verorten


Lebensreform: Grundregeln für ein gesundes Leben
Lebensreform: Grundregeln für ein gesundes Leben
von Herbert Fritsche
  Broschiert
Preis: EUR 22,90

5.0 von 5 Sternen „Gesundheit ist keine Gabe“, 24. Dezember 2014
… sagt Fritsche, „sondern eine Aufgabe“. Wie diese Aufgabe zu bewältigen sei, dazu hat ein ungewöhnlicher Kopf wie Fritsche ganz eigene Gedanken. Sie drehen sich um die Großthemen Ernährung, Vegetarismus – oder besser „unblutige Kost“ – und Fasten, aber auch weniger offensichtliche Probleme, wie etwa die Salzfrage, geraten in den Fokus. Im Gegenteil zu seinen anthropologischen, homöopathischen, esoterischen und biologischen Arbeiten ist der referierende und repetierende Anteil hier deutlich größer – es wird eben Wissen vermittelt – aber Fritsche bleibt trotz allem der originelle Querdenker, der viele Dinge aus ganz überraschenden Blickwinkeln betrachtet. Er ist und bleibt unzeitgemäß, und das in beide Richtungen: Die eine oder andere Aussage mag oberflächlich betrachtet antiquiert erscheinen („Nur vom Herd, nur von der Küche, nur vom verantwortlichen Einkauf, kurz: von der Frau her ist Lebensreform unbefangen und konsequent in so breiten Kreisen realisierbar, dass eine Wende zum Guten zustande kommen kann.“), stellt bei genauerer Betrachtung aber auch heute und gerade heute hohe Denkanforderungen und ruft zur Flexibilität des Denkens auf. Viel häufiger aber wird man Fritsche als seiner Zeit voraus wahrnehmen. Es ist zum Teil erschreckend zu sehen, wie heutige Zu- und Missstände von Fritsche schon vor 60 Jahren besprochen und bedacht wurden (z.B. die bakterielle Resistenz der Menschen durch Antibiotikabehandlung in der Massentierhaltung u.v.m.).

Fritsche-Leser wissen, dass er den Widerspruch und die Konfrontation nie scheute, auch nicht auf seinen Lieblingsgebieten. So warnt er, trotz der ethischen und gesundheitlichen Grundlegung von Vegetarismus und Fasten, auch vor deren Gefahren, so widerspricht er den großen Meistern: „Eines schickt sich nicht für alle“. Dabei geht es weniger um körperliche als um geistig-seelische Verfehlungen.

Andererseits stößt man immer wieder auf Kraftsätze und -gedanken, etwa der „Liebe als Vitalstoff“ beim Kochen, oder der Idee der Nahrung als Simile, des Essens als homöopathischen Prozess, der Homöopathizität. Im Grunde genommen ist die Lektüre dieser 18 Artikel und zwei umfänglicheren Broschüren aus verschiedenen Schaffensphasen auch eine Einführung in Fritsches Werk am Gegenstand der Ernährung.

Wer darin Rat sucht, wird reichlich fündig werden, wer diese Sammlung aber nur als Ratgeber liest, wird ihr nicht gerecht, denn sie ist eine Grundsatzerklärung und steckt voller origineller Ideen, die jeden Heilpraktiker, Homöopathen, Ernährungswissenschaftler ebenso angehen sollte wie sie den Vegetarier oder überhaupt nur jeden an gesunder Lebensweise Interessierten faszinieren dürfte.


Love, Life, Goethe: How to be Happy in an Imperfect World
Love, Life, Goethe: How to be Happy in an Imperfect World
von John Armstrong
  Taschenbuch
Preis: EUR 21,26

4.0 von 5 Sternen Goethe als Ratgeber – in die Mittelmäßigkeit, 17. Dezember 2014
Armstrongs Ansatz ist erfrischend anders und ganz und gar ungewöhnlich für den deutschen Leser: Keine verstaubten Akten, keine Sophistereien, keine „Forschung“, nichts „Neues“ als Anspruch. Stattdessen der Versuch, den Klassiker lebensweltlich in unsere Zeit zu bugsieren, ihn nach Antworten auf aktuelle Fragen abzuklopfen.

Aber muss man einen großen Denker ausschließlich auf kleine Fragen antworten lassen? Den Goethe jedenfalls, den uns der Schotte Armstrong vorstellt, kann man privatim ganz gut gebrauchen – sofern man sein ganz „normales“ Leben (normal) meistern will –, zu den brennenden Fragen der Epoche hat er, Goethe, kaum noch etwas zu sagen. Ganz im Stile Alain de Bottons – man ist befreundet und schreibt auch gemeinsam Bestseller – wird Goethe zum Ratgeber, wie man sein kleines Glück organisiert: nicht zu weit ausholen im Gedankenflug, schön sein Geld zusammenhalten ohne geizig zu sein, Streit mit anderen vermeiden, Ordnung halten, pünktlich sein, die Liebe finden, wo sie sich bietet, die Natur lieben, das Kreative und Administrative miteinander verbinden und dergleichen mehr. Goethe wird hier zum Antipode Nietzsches. Und das hat seine partielle Berechtigung, ohne Zweifel. Das Spektakuläre an Goethe ist dann das Unspektakuläre. „The striking thing about Goethe’s view of life is how save and normal it is.“

Anhand des biografischen Ablaufs, der Faszination am Lebemeister und der Werkhistorie versucht Armstrong, uns Goethe als Menschen, als fast „normalen“ Menschen vorzustellen und positioniert sich also zwischen der Venerationswelle und der zynischen Kritik, wie sie etwa Karlheinz Schulz geleistet hat. So endet fast jedes Kapitel mit einer mentorenhaften Lehrsentenz. Man sollte auch diese Sicht akzeptieren, auch wenn man sie nicht mögen muss.

Leider aber verrät sich an vielen Ecken und Enden, dass Armstrong Goethe eigentlich nur wenig kennt. Er gesteht das im Nachwort selber ein, wo er beichtet, den „Faust“ zum ersten Mal während des Schreibens vorliegenden Buches gelesen zu haben! Und dementsprechend wimmelt es vor kleinen Fehlerchen: Da wird unterstellt, Goethe habe den Straßburger Münster als „dumpf“ bezeichnet (in Wirklichkeit war er begeistert), Lavater sei der Begründer der Phrenologie (statt Physiologie, begründet wurde sie von Gall), da gibt es einen Immanuel Fichte (Johann Gottlieb Fichte/Immanuel Kant), viele Male das Haus Hapsburg (eine englische Unsitte), den Lessingschen Laocöon, die Hören etc.

Kurz und gut: es entsteht der Eindruck eines hurtig zusammengelesenen Wissens, aber dafür – das ist das Überraschende – zieht Armstrong eine ganze Menge interessanter Schlüsse und bietet dem Leser aufschlussreiche, wenn auch kleinformatierte Sichtweisen.


Zeit der Lilie
Zeit der Lilie
von Herbert Fritsche
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

5.0 von 5 Sternen Poetische Wegkunde, 15. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Zeit der Lilie (Taschenbuch)
„Zeit der Lilie“ enthält Herbert Fritsches späte Gedichte. Sie sind nach einer schweren Lebenskrise entstanden und atmen in fast jeder Zeile eine gewachsene und endlich sich bewusste Selbstachtung. Fritsche hatte – nicht ganz unverschuldet – einige schwere persönliche Enttäuschungen zu verkraften, von wesentlichen Menschen in seinem Leben musste er sich abnabeln, stürzte sich andererseits mit Vehemenz in neue ekstatische und erleuchtende Beziehungen, fand neue Kraft: Welt- und Menschenbilder brachen zusammen, frische konnten sich formen. Das Gefühl, dass irgendetwas in seinem Leben nicht stimmte, nicht passte, war endlich überwunden, und zu alledem kam die endgültige Entdeckung des homöopathischen, des similia-similibus-curentur-Prinzips, das Fritsche im Übrigen als Wesensprinzip versteht, weit über den reinen Heilaspekt hinaus.

Wir wollen nie des Staunens müde werden
Und unsrer Sehnsucht, die zur Quelle führt,
Weil Glanz am Himmel und auf Erden
Nur dem sich schenkt, der ewig Durst verspürt.

Diese schwer errungene Seinssicherheit merkt man den Gedichten jedenfalls wohltuend an. Endlich erfüllt sich auch das lyrische Versprechen, das Fritsche mit seinen frühen Gedichtbänden – versammelt in „Gedicht-Bände - Sammelband“ – gab. Die hier vorliegenden Dichtungen haben fast alle eine faszinierende metaphysische Tiefe, sie triefen vor Gehalt, sie wollen weniger gelesen als meditiert oder sogar gebetet werden. Tatsächlich sind sie genau das: Geistliche Übung und Andacht – aber weit jenseits christlicher Erbauungslyrik. Auch wenn Fritsche mitunter auf den Fundus des Christentums, die Mariologie etwa, zurückgreift, so wollen diese Verse doch weiter, wollen die …:

Erweckung des Logos

Missbrauchte Zauberkraft der Worte,
Du trotz des Vorhangs offne Pforte
Ins große Sanktuar,
Sei wieder Logos, wieder Lohe
Und mach uns das verborgne, hohe
Geheimnis offenbar …

Fritsche ist nun sogar so weit, seiner zweiten Bestimmung, der des Lehrers zu frönen. Das ist eine Geste, die sich durch sein gesamtes Werk zieht, beginnend mit dem „Kleinen Lehrbuch der weißen Magie“. Aber jetzt lehrt er endlich mit Autorität. Nicht zufällig entstanden seine bedeutendsten Werke, „Der Erstgeborene“, die Biografie „Samuel Hahnemann - Idee und Wirklichkeit der Homöopathie“, „Tierseele und Schöpfungsgeheimnis“ oder „Die Erhöhung der Schlange“ in seinen letzten Schaffensperioden. Dort begegnen uns auch das Unaussprechliche und die Stille.

Wegkunde

Das Schweigen waltet im Urbeginne …
Lass alles Denken schweigen, alle Sinne,
Und wache sorgsam, dass kein Wort sich regt!
So wirst du tief in Gottes Abgrund gleiten,
Bis aus den stummen, uferlosen Weiten
Ein Hauch dich anrührt und dein Herz bewegt.

Vor allem aber: Weihe dich dem Schweigen.
Entwinde dich dem kunterbunten Reigen,
Der dir durch Hirn und Herz und Sinne schweift.
Ins Abgeschiedne geh und lerne lauschen,
Bis dir die Welt verweht wie Meeresrauschen
Und nur das Wort der Stille dich ergreift.


GOMBROWICZ-BLÄTTER 3
GOMBROWICZ-BLÄTTER 3
von Rüdiger Fuchs
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Es ist eine Freude, 13. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: GOMBROWICZ-BLÄTTER 3 (Taschenbuch)
Es ist bereits eine Freude, das Heft in die Hand zu nehmen! Auch die dritte Ausgabe der Gombrowicz-Blätter – ein Organ für alle Freunde des großen Polen und der polnischen Literatur überhaupt – besticht durch eine fast schon künstlerisch zu nennende Optik, einen stilvollen Satz und angenehm anzufühlendes Papier. Aber das nur nebenbei …

Hatte Rüdiger Fuchs, der Herausgeber und mutmaßlich einer der drei besten Gombrowicz-Kenner in Deutschland, im zweiten Heft die bislang unveröffentlichten und durchaus bedeutenden Briefe an Alicja de Barca publiziert, so kehrt er nun zur Ausgangsidee – der Artikelsammlung – zurück. In bekannter kosmopolitischer Manier haben Autoren aus Holland, Großbritannien, Argentinien und Deutschland beigetragen. Fuchs ist selbst mit einem spekulativen Versuch, der Bedeutung Joris-Karl Huysmans auf Gombrowicz nachzugehen, und mit einem Erfahrungsbericht zur Leipziger Buchmesse vertreten. Paul Beers, der gerade seine Erinnerungen an Gombro veröffentlichte, steuert eine überraschende Kritik bei, die den Meister, im Kontrast etwa zu Camus, in bestimmte schwerwiegende moralische Dilemmata verwickelt sieht. Rolf Fieguth (mutmaßlich ebenfalls einer der drei besten G-Kenner in D) geht „dem Polnischen“ in Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ nach und zieht bemerkenswerte Schlüsse, die unsere Wahrnehmung betreffen. Es findet sich ein imaginiertes Gespräch mit Gombrowicz, eine Auseinandersetzung mit dem „schwer einzuordnenden Lügner“ (dieser Text ist auf Spanisch, das Gespräch auf Englisch) und eine Reflexion über Gombrowicz‘ Wirkung in Italien.

Kurz und gut: einmal mehr ein ausgewogenes Heft, etwas für den Connaisseur!

PS: um den Verlag bestmöglich zu unterstützen, sollten Bestellungen vorzugsweise direkt erfolgen: gombrowiczblaetter.wordpress.com/


Pan vor den Toren: Ein Querschnitt durch die Biologie der Gegenwart
Pan vor den Toren: Ein Querschnitt durch die Biologie der Gegenwart
von Herbert Fritsche
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,90

5.0 von 5 Sternen Weltall, Erde, Mensch und Kellerassel – das innere Werdeziel, 24. November 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
„Ich sammle Kellerasseln“ – mit diesem Eingangssatz fängt Fritsche seinen Leser sofort ein. Noch weiß man nicht, was der Titel „Pan vor den Toren“ bedeuten soll, aber schon sind alle Sinne gespannt. Und das sollten sie auch, denn Fritsche, den man als Theoretiker der Homöopathie oder als „Esoteriker“ oder vielleicht noch als Verfasser des einst viel gelesenen anthropologischen Traktates „Der Erstgeborene“ kennt, überrascht einmal mehr und erscheint mit diesem frühen Werk (1938) als naturwissenschaftlicher Magier. Das klingt widersprüchlicher als es ist – Wissenschaft und Magie. Schon die Kellerassel wird uns als „Hüterin der Schwelle“ vorgestellt, „zum Mutterboden, dem unser Leib entstammt und der ihn zurückfordern wird“ und die Kellerassel und all ihre „Verwandten“ im fast unsichtbaren Bereich, haben dabei ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Wozu also in die Ferne schweifen, wenn das Faszinosum so nahe liegt?

So ist es also das „Weltall Wassergraben“ oder das eigene Zimmer, die Welt unter dem Teppich oder zwischen den Buchseiten, das Rieselfeld oder der Klärschlamm, das Universum des Kleinen, in dem sich große Kämpfe und Wandlungen abspielen, auf die Fritsche aufmerksam machen will, aber nicht um des Wissens willen, sondern um zu begreifen, zu verstehen und – zu ahnen. Im Kleinen das Große sehen und umgekehrt. „Jedes Schuttfeld ist eine kleine Wiederholung der uralten Legende vom Turmbau zu Babel.“ Überhaupt stecken eine Menge von Kraftsätzen in diesem schmalen Buch, die einen unversehens innehalten lassen: „Alles Wasser ist älter als wir.“, „Ein Kosmos, in dem auch nur eine Sinnlosigkeit geschähe, wäre im gleichen Augenblick Chaos.“, „Der Geruch der Schöpfung ist zu Anfang und zu Ende der gleiche.“, „Alles Heldische ist ein Nein zum Bequemen, Behaglichen. Alles Edle ist ein Nein zum nackten Trieb.“ … Fritsche hat eine seltene Gabe, scheinbar Wohlbekanntes ganz anders zu sehen und die sprachlichen Mittel, den Leser damit sowohl zu überraschen als auch es verstehbar zu machen.

Er nutzt dazu Witz, Pathos und eine nahezu poetische Sprache – eine Mischung, die heute nicht mehr jedermann gefallen dürfte – und er redet den Leser in vertraulichem Ton direkt an – auch das gewöhnungsbedürftig. Aber konsequent. Denn Wissenschaft ist ihm ein persönliches Anliegen, eine Erfahrung, ein Ergebnis und keine kühle, objektive Sache. Die Fasslichkeit der Biologie, die Unmittelbarkeit und Sinnlichkeit liegen ihm im Zeitalter des technischen Zugangs zur Natur, der Elektronenmikroskope, der Zentrifugen und Tabellen am Herzen. Dort insbesondere eignet sich das Buch für junge Leute, die Biologie ist ihm „Quell herrlichster jungenhafter Freude“. Und natürlich lernt man die Menge, über Asseln sowieso aber auch über Rattenschwanzmaden, Bücherskorpione, Schlammpeizger …

An den entscheidenden Stellen aber ist Fritsche mehr als lehrreich, da ist der tief und bahnbrechend! Da zeigt er sich als früher Ökologe, sowohl im Sinne des Naturschutzes als auch des holistisch denkenden Mikro-Makro-Kosmikers, der den Klimawandel schon vor 85 Jahren denken, die autohomöopathische Kraft des Waldes erkennen und die Tierquälerei in Zirkus, Zoo und Labor anprangern konnte. Mögen seine evolutionskritischen Anmerkungen heute teilweise entkräftet sein – er hat die Abstammungslehre vermutlich nur in vulgarisierter Form kennengelernt und die Idee des gemeinsamen Vorfahren wohl nicht gekannt, weshalb bei ihm laut Darwin der Mensch stets vom Affen abstammen soll; auch war ihm die DNA-Forschung noch unbekannt –, in ihrem Ansatz stellen sie noch heute valide Fragen an die Evolutionstheorie: Wieso führen forcierte Mutationen nur zu Verkümmerungen und nicht zu neuen Arten? Wie lässt sich pflanzliches/tierisches Vorwissen erklären, woher weiß der Erbsenkäfer, dass die Erbse bald steinhart sein wird, weshalb er vorsorglich ein Schlupfloch für seine Brut bohrt. Wieso sehen sich Molch- und Menschenhände ähnlicher als Affen- und Menschenhände? etc. „Ursprungsnähe“ zeigt sich vor allem in der Möglicheitsoffenheit und ist, im Gegensatz zur Spezialisierung, als starke Position zu betrachten. Deshalb sei der Mensch dem Affen überlegen, nicht etwa, weil er ihn überwunden habe. Fritsche sieht in der Natur die Entelechie am Werk, das „innere Werdeziel“. „Die Entelechie ist nicht von dieser Welt des Stoffes und da die Entelechie des Menschen als Persönlichkeit geprägt ist, wird sie als persönliche Prägung unvergänglich sein.“

Aber man kann ihn auch als anarchistischen Denker begreifen, dem die Faszination an der Vielfalt der Natur wichtiger ist als alle Systematisierung. Andererseits ist der kommende Cheftheoretiker der Homöopathie und der „alternativen Heillehren“ in nuce schon enthalten.

Kurz und gut: Dieses Buch ist auch heute noch eine Fundgrube an Ideen – für den interessierten Laien ebenso wie den Fachmann und nicht zuletzt auch ein Geschenk für alle wissbegierigen Jugendlichen. Es ist eine Anleitung zur Neugier.


Goethe als Esoteriker?
Goethe als Esoteriker?
von Max Seiling
  Broschiert

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Man sollte wissen ...,, 24. November 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Goethe als Esoteriker? (Broschiert)
dass es sich bei diesem Büchlein nicht um einen eigenständigen Beitrag zum Thema handelt, sondern um die Wiedergabe einer nach stichworten geordneten Zitatensammlung, die der Okkultist Max Seiling 1919 herausgab. Darin versammelt sind Werkzitate, die Goethes Aufgeschlossenheit den esoterischen Wissenschaften und der Mystik gegenüber beweisen sollen. Kein Goethekenner würde daran auch nur im Ansatz zweifeln, insofern rennt Seiling, dessen produktiver Beitrag sich auf ein paar ergänzende Randbemerkungen begrenzt, offene Türen ein. Trotzdem ist es bequem, eine solche Sammlung zur Hand zu haben, auch wenn die Kontextualität natürlich verloren geht.

Leider gibt es auch kein brauchbares Quellenverzeichnis – etwa die Weimarer Ausgabe –, so dass man zum Selbersuchen verdammt ist, sofern man die Aussagen bestätigt finden will. Denn nach dem Kontext sollte man oft fragen, sind einige Zitate doch sehr interpretationsoffen und andere entstammen fraglichen Quellen.

Trutz Hardo versucht in einem Nachwort Goethes esoterische Entwicklung noch einmal nachzuzeichnen – er tut das in der typischen simplifizierenden Weise, die seine Werke zumeist kennzeichnen.

Fazit: Als Anregung ganz hilfreich, aber weder für Goethekenner noch geübte Esoterikleser wirklich bahnbrechend.


Tierseele und Schöpfungsgeheimnis
Tierseele und Schöpfungsgeheimnis
von Herbert Fritsche
  Broschiert
Preis: EUR 23,90

5.0 von 5 Sternen Des Pudels Kern, 22. November 2014
Fritsches Vielseitigkeit ist und bleibt beeindruckend. Hier nun liegt sein biologisches Hauptwerk vor, aber es wäre kein Fritsche, wenn es nicht um etwas Höheres ginge: Es ist eine Verteidigungsschrift des Idealismus, der Beseelung gegen den Materialismus und den Positivismus in der Wissenschaft, es geht darum, „das Biomagische nicht aus dem Kosmos fortzudiskutieren“. Dabei holt er deutlich weiter aus und versucht tiefer einzudringen als in seiner erfrischenden frühen zoologischen Arbeit „Pan vor den Toren: Ein Querschnitt durch die Biologie der Gegenwart“.

Originell ist einmal mehr der Ansatz, „dass der Mensch nicht vom Tier, sondern dieses vom Menschen her interpretiert werden muss“. Das öffnet neue Blickwinkel, schließt andere aber auch aus. Die evolutionstheoretische Skepsis ist herauszuhören: Ein Jahr vor Crick und Watson, die Gentechnik am Horizont noch nicht erahnend, die Hypothese des gemeinsamen Vorfahren nicht verstehend (der Mensch stammt eben nicht vom Affen ab, sondern beide haben einen gemeinsamen Vorfahren), klingen manche seiner apodiktisch vorgetragenen Überzeugungen heute antiquiert: Doch darf man sich davon nicht beirren lassen, der Ertrag ist trotzdem ausgiebig – wie bei einem Selbstdenker nicht anders zu erwarten, dessen Fehler dann eben schon vielsagend sind.
Mit dieser umgekehrten Optik betrachtet Fritsche nun ausgewählte Bereiche der Tierwelt und Schnittstellen zur Menschenwelt. Das reicht von den Experimenten an „Menschenaffen“ – auch hier relativiert sich für uns einiges, die wir von Goodall bis Peter Singer wissen –, über die „Urtierchen“, also Infusorien, bis hin zu den Haustieren, den Zirkustieren, den Schwarmtieren, den staatenbauenden Insekten u.v.m. Allein schon das Faktische ist überwältigend und sollte als Lektüreempfehlung genügen. Fritsches überraschende Thesen sind die Krönung. Wenn z.B. die „Zurückhaltung, das Indifferentbleiben, das große Geheimnis des schöpferischen Lebens ist“, dann erscheint neben dem Menschen plötzlich das bislang geglaubte Gegenteil an seiner Seite: das Infusorium.

Was die „höheren“ Tiere ausmacht, ist dies: Sie stehen im Banne des Menschen. Das betrifft natürlich am deutlichsten die Haustiere und lässt sich nirgendwo besser aufzeigen als beim Hund. Ihm wird besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet – eine seltene Chance für Hundebesitzer, „ihr“ Tier einmal aus anderer Perspektive zu sehen. So versteht Fritsche das Bellen etwa als Imitation der menschlichen Sprache, so differenziert er zwischen Geruchsvermögen und Witterung und ordnet letztere einer höheren Ursinnessphäre zu, so meint er auch, dass Hunde ein Ausdrucksmittel des Menschen sind und ihm Teile seines „Unbewussten“ abnehmen, dass sie mithin „Persönlichkeiten sind – aber nur, wenn auch ihr Besitzer eine Persönlichkeit ist“ … Ähnliches auch bei der Behandlung der Dressurtiere …

Besonders gehaltvoll ist dann der letzte Abschnitt, wo er „die vierfache Wurzel der Instinkte“ freilegt, die „Entelechie“, das „Erbgedächtnis“, die „natursomnambule Wahrnehmungsweise“ und die „Gruppenseele“, ein Kapitel, das für eine eigenständige Besprechung Stoff böte.

Als das Buch 1940 in erster und 1952 in zweiter Auflage erschien, hat es bedeutende Geister bewegt – Gerhard Nebel, Herman Graf Keyserling, Emil Bock, Ernst Jünger, Hans Blüher u.a. – und es hat, trotz gelegentlicher Beredsamkeit und eines gewissen überalterten Pathos und lehrmeisterlichen Ironie, noch immer, auch 2014, Substanz genug, uns heutige zu begeistern.


Gedicht-Bände - Sammelband
Gedicht-Bände - Sammelband
von Herbert Fritsche
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,90

4.0 von 5 Sternen Braun weht die Nacht, die Schwermut wandelt wild, 17. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Gedicht-Bände - Sammelband (Taschenbuch)
Man glaubt es kaum: der Heiltheoretiker, Homöopath, Zoologe, Lebensreformer, Philosoph und Okkultist Herbert Fritsche begann seine Laufbahn als Künstler, als Lyriker! Kaum dem Schulalter entwachsen, veröffentlichte er eine ganze Reihe von schmalen, aber viel versprechenden Gedichtbänden. Gerade mal 18 Jahre war er alt, als 1929 sein erster Band, und 25, als für lange Jahre sein letzter poetischer Versuch erschien. Aber welch eine Entwicklung in dieser kurzen Zeit!

„Der Expressionismus“, schrieb er in der Retrospektive, „wütete in mir“. Er hatte bei Gottfried Benn bereits mit einem Schulaufsatz Aufsehen erregt und muss alles, was die goldenen Jahre des deutschen Gedichts aufweisen konnte, verschlungen haben: Rilke, Lasker-Schüler, Trakl, Benn, Heym, Zech und sogar Stefan George. Wenn man es will, dann kann man deren Einflüsse aus den frühen Gedichten Fritsches heraus sezieren. Da ist noch viel Gefühl, Einsamkeit, Nacht und Nebel, da ist der Georgesche Park oder die Bennsche Direktheit, da wird von Rauschgiftglück, Stadtneurose und Vagantentum ebenso gesprochen wie von Natur, Eros und Schönheit. Manchen Zeilen merkt man den Willen zur Entgrenzung an, der bewussten Selbstzerstörung, der Ekstase – Baudelaire und Rimbaud lassen grüßen –, die Sehnsucht zum Pfuhl, anderen das Verlangen nach Ruhe, Friede, Glück und Paradies; das Ich steht freilich fast immer im Fokus. Auch die Formen sind höchst unterschiedlich: nach anfänglichen klassischen Mustern wagt er auch das reimfreie Gedicht. Immer wieder aber, das scheint der rote Faden zu sein, geht der Blick nach oben, zu Mond und Sternen. Fast wird die Mondbesessenheit zur unfreiwilligen Komik. Trotzdem beweisen die frühen Arbeiten eine lyrische Begabung von Bedeutung. Das Vokalspiel, die geliebten Alliterationen müssen sich vor niemandem verstecken. Wenn Fritsche noch die Substanz finden könnte …

Um 1932 ändert sich dann der Ton – Fritsche hat sein Thema gefunden: die Magie, das große Geheimnis, die Mystik. Eine ganz neue Kraft weht durch die Bände „Die heimlichen Türen“ oder „Der Dampf in der Retorte“. Auch kokettiert er – etwa in „Narrenkalender“ – mit dem Kryptisch-verspielten. Noch sah er sich als Dichter – „Seit jener Nacht, du weißt es noch, bist du ein Maler, ich ein Dichter“ – aber die spirituelle Initiation muss stattgefunden haben. Ohnehin verraten die Gedichte viel von Fritsches Wesen und Werdegang, wenn man den Schlüssel dazu hätte, aber leider gibt es keine Anmerkungen zu den Gedichten und man muss zur umfänglichen Biografie „Metaphysik des Scheiterns“ greifen, um sich wenigstens einiges zu erschließen.

Der Ton ist noch immer im Wesentlichen dunkel: Glaube und Sakrileg, Blasphemie und Innerlichkeit sind nur einige Polaritäten. Der Teufel ist der Partner des Poeten, „Diebe, Dichter, Dirnen und dergleichen Pack“ treiben sich herum. Aber mancher Vers hat schon die Goethesche Leichtigkeit („Löse und binde!“) und die mystische Tiefe eines Angelus Silesius („Das Nein“).

Der Lyriker war auf dem Weg und der gipfelt im zweiten Gedichtband der Gesamtausgabe „Zeit der Lilie“ von 1947. Das hier vorliegende „Bonusmaterial“ muss dieser späteren Phase zugehören, denn es passt fast schon nicht mehr zu den noch unausgereiften frühen Gedichten. So ist dieser Gedicht-Sammelband ein guter Einstieg in den Lyriker Fritsche und hier und da auch in den Theoretiker, seine volle poetische Kraft ist aber erst im späteren vereint.


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