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NN "NathanNever"
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Tine: Roman
Tine: Roman
von Herman Bang
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Bang – der Einfühlungsmeister, 22. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Tine: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Tine“ und „Ved vejen“ („Am Weg“) gehören zusammen – Bang hat nichts Einfühlsameres geschrieben, in beiden Erzählungen stehen junge, einfache Frauen im Zentrum der Aufmerksamkeit … Obwohl: der Begriff „Zentrum“ ist gar nicht statthaft, denn Bangs Sprache und Szenerie irrlichtert. Personen werden nicht eingeführt, sie sind einfach da und entfalten durch ihr bloßes, oft sogar nur banales Sein, ihre Individualität; man weiß nicht recht woher und weshalb, aber die Figuren gewinnen schnell an Kontur. Bang ist ein Zauberer! Wie ein impressionistischer Maler setzt er einen Farbfleck neben den anderen und geht man zu nahe ans Gemälde heran, sieht man nicht viel. Erst aus der Draufsicht gewinnt das Ganze Gestalt. Dabei zeigt Bang oft die nebensächlichen Vorgänge, vermeidet die Mitte, um doch am Wesentlichen zu rühren.

Inmitten des Dänisch-Preußischen Krieges an den Düppelner Schanzen, vor dem Hintergrund von Schlachtenlärm, Leid und Tod, entwickelt sich nahezu unbemerkt – lange auch vom Leser – eine zarte und, wie sich später herausstellen wird, tragische Liebe der Küsterstochter Tine zum Oberförster Berg. Für das einfache Mädchen ist es das Ein und Alles, für den eingezogenen Leutnant eine Episode im Krieg, der ihn mit aller Macht umfangen hält. Nur für einen kurzen Moment kommen diese beiden ungleichen Menschen zusammen, entweichen sie ihren Welten, um danach schicksalhaft wieder in diese zurückzusinken. Alles realisiert sich nur über Andeutungen, Stimmungen, Atmosphären. Man muss aufmerksam bleiben, will man nicht entscheidende kleine Winke verpassen. In seiner meisterlichen Dialogführung ist Bangs Affinität zum Naturalismus noch immer zu spüren; so gibt er uns auch heute noch ein spannendes Bild der Zeit, der Tradition, des einfachen Lebens.

Und ganz nebenbei schrieb Bang auch einen tiefschürfenden Kriegsroman mit starker Betonung auf die psychischen Auswirkungen. Lange vor der wissenschaftlichen Psychologie ist es dem Einfühlungsmeister – der in seinem Leben selber unendlich viele Kränkungen hinnehmen musste und wohl von daher das Leid anderer so gut verstehen konnte – gelungen, die verheerenden Wirkungen des Krieges, seine Brutalität, die Lautstärke, das Chaos, die Ängste, den Dreck, die Verrohung … aufzuzeigen und was all das aus Menschen macht. Dem gibt es wohl auch heute nicht viel mehr zuzufügen.


Die schrecklichen Kinder der Neuzeit
Die schrecklichen Kinder der Neuzeit
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,95

19 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Circulus Virtuosus, 1. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die einen stehen Schlange, wenn die neue Xbox erscheint oder das neue Apple-IPhone, die anderen beim neuesten Sloterdijk. Ich gehöre zugegebenermaßen zur zweiten Kategorie. Weit davon entfernt, ihm in allen seinen Argumentationen zu folgen – weil ich nicht seiner Meinung bin und weil ich ihn manchmal einfach auch nicht verstehe – halte ich ihn für den wachsten und aufmerksamsten Zeitkritiker unserer Tage, immer in der Lage, bislang unbemerkte Zusammenhänge überzeugend und als ästhetischen Genuss (sofern es den Geschmack trifft) aufzuzeigen.

„Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ – auch das ein erfrischend anderer Blickwinkel – sind jene, die sich nicht mehr aus der Tradition heraus verstehen, sondern sich als Selbstbaukasten begreifen und den Ort, an dem diese Transformation einsetzt, nennt Sloterdijk den „Hiatus“ oder den „Bruch“. Von da an wird Zarathustras entgeisterte Frage, an der sich Sloterdijk orientiert, sinnvoll: „Stürzen wir nicht fortwährend?“ Es ist der Moment der Entdeckung der Zukunft und damit der Beginn der Inthronisierung des Neuen. Es ist auch der Moment, in dem die Söhne – es war und ist ganz wesentlich ein männliches Phänomen – nicht mehr wie ihre Väter sein wollten, in dem der genealogische Impetus durch einen Aktualismus ersetzt wird.

Wie in allen seinen späteren Werken seit der „Sphären-Trilogie“ taucht Sloterdijk tief in die Real- und Philosophiegeschichte ein, um der Entstehung auf den Grund zu gehen. Wie schon etwa bei der „Globalisierung“ oder dem „Zorn“ u.a. glaubt er die ersten Anfänge in der Antike festmachen zu können und holt daher viel weiter aus als die meisten Kollegen vom Fach. In vorliegender Arbeit geht er dabei nicht chronologisch vor, sondern changiert wild in Raum und Zeit, so als wollte er Deleuze' vielgelobte Rhizomatik in die Tat umsetzen, ein anderes „Mille Plateaux“ schreiben. All die Namen aufzuzählen (von Platon, Jesus, Augustinus über Napoleon und Hitler bis Nietzsche und Deleuze) wäre Unsinn; m.E. übertreibt er es in dieser Frage, da wirkt das Buch mitunter zu gelehrt, zu (besser)wissend, was zu einigen Längen führt, die auch durch mehr oder weniger gekonnte Sprachakrobatik nicht restlos überwunden werden können. Auch scheint manches fixe Urteil zu apodiktisch und wird den Protagonisten nicht gerecht (Meister Eckhart, Tschernyschewski, Lenin, Marx, Heidegger …) – hier darf man durchaus Provokationen erkennen, Reibungsflächen, Aufforderungen zur Diskussion. Andererseits gibt es auch immer wieder ekstatisch erhellende und witzige Abschnitte („Bretton Woods“, „Im Copy-Shop der Evolution“ u.a) und man zeige mir einen zeitgenössischen Philosophen, der einen zum Lachen bringen kann. Dass wir den Hiatus im griechischen und (ur)christlichen Erbe zu verorten haben, klingt vorerst wie ein alter Hut, aber dass er auf „Kopierfehlern“ beruhen soll, also vornehmlich subjektivistisch verstanden wird, ist eine steile These.

All dem liegt ein unüberhörbarer fortschrittskritischer, mache sagen sogar apokalyptischer Ton zugrunde. Das mag bei einem Affirmationsmeister verwundern und scheint auch eine gewisse Korrektur der positiven und entwarnenden letzten Werke zu sein, wenn man aber das Gesamtwerk überblickt, dann scheint sich ein virtuoser Kreis zu schließen, denn die frühen und frischesten Werke – „Kritik der zynischen Vernunft“, „Eurotaoismus“, „Weltfremdheit“, „Kopernikanische Mobilmachung“ – kreisten exakt um diesen Schwerpunkt. Vergleicht man mit diesen Arbeiten, dann bleibt zu konstatieren: Sloterdijk war schon mal frecher gewesen und auch flüssiger im Erzählfluss, was aber seine Meisterschaft im Umwerten und Neu- und Anderssehen betrifft, da bleibt er ein Unikum.


Naturix24 - Maca Pulver - 1 Kg Beutel
Naturix24 - Maca Pulver - 1 Kg Beutel
Wird angeboten von naturix24 de
Preis: EUR 19,90

1.0 von 5 Sternen Billige Verpackung macht gutes Produkt wertlos, 20. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Durch falsche Verpackung ist das Pulver leider steinhart geworden. Maca-Pulver muss luftdicht verpackt werden - da genügt eine Papiertüte nicht! Die abgebildete wieder verschließbare Tüte (oftmals innen mit Alufolie ausgekleidet) auf dem Bild, ist leider nur ein Werbegag, stattdessen gibt es eine einfache, einlagige Packpapiertüte. Mir wurde zwar Ersatz angeboten und damit auch der Fehler eingestanden, dafür sollte ich den Maca-Ziegel allerdings zurück senden - wozu ich keine Lust hatte. Photobeweis wurde auch nicht akzeptiert. Schade, denn ansonsten sieht das Pulver recht ordentlich aus. Fazit: Nix Naturix mehr!


Humor
Humor
Preis: EUR 13,99

4.0 von 5 Sternen Trauerarbeit am Humor, 15. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Humor (Kindle Edition)
Kaum ein Leser Lissons hätte vorausahnen können, daß er sich jemals dem Humor und dem Lachen widmen könnte, denn Lissons Werke sind weitgehend humorfrei, oft von geringer „integrativer Komplexität“, sie scheuen das Pathos nicht, Begriffe wie „Ekel“, „das Peinliche“, „die Enttäuschung“ oder der „Verrat“ sind deren Leitvokabeln.

Das Büchlein kommt daher als echte Überraschung und es überrascht auch inhaltlich. So verläßt sich Lisson nicht auf die philosophischen Vorarbeiten zum Thema, nimmt einige zwar wahr und widmet ihnen auch ein paar kritische Worte, indem er sie hinterfragt und ihr Ungenügen aufzeigt (Aristoteles, Kant, Hobbes, Schopenhauer, Baudelaire), ignoriert allerdings nonchalant maßgebliche Quellen (Kuno Fischer, Ritter, Blumenberg, Marquardt, Sloterdijk, Hösle etc.) oder nimmt die eigentlich relevanten Arbeiten nicht wahr (Bergson, Plessner). Aber es war erklärtermaßen auch nicht sein Ziel „bloß zu referieren, was seit Aristoteles alles über den Humor und das Komische gesagt worden ist“. Wenn er es im Mittelteil vor allem unter den Literaten dennoch tut und von Aristoteles und Lukian über Kierkegaard und Jean Paul, Lenz, Büchner und Heine bis hin zu Monty Pythons, Karl Valentin, Beckett, Thomas Bernhard ja sogar bis Loriot, Stromberg und Olli Dittrich alles durchhechelt und Zeitdiagnose liefern will, dann merkt man, dass auch der Homo Absolutus, der gern ein Selbstdenker sein will, nicht gänzlich ohne externe Anregungen auskommt. Leider ist das unglücklich selektiv, denn wie ein Lichtenberg etwa fehlen kann oder im modernen Humordiskurs die bereits philosophisch ausgeleuchtete Singularität Helge Schneider (Ondologie Fanomenologie Kynethik / "Guten Tach!" Helge Schneider und die Philosophie.), das bleibt rätselhaft. Tatsächlich ist dieses Rekapitulieren das eher Unergiebige des Buches, es sind zum Teil nette Analysen, die – wie bei Thomas Bernhard z.B. – neues Interpretationsterrain erschließen wollen, dafür aber durch die Bank zu kursorisch bleiben.

Wirklich lesenswert und erhellend ist die Arbeit dort, wo Lisson die philosophischen Zusammenhänge andenkt, wo er zwischen Humor, Witz, Komik, Albernheit, Ironie, Zynismus ... differenziert, dort, wo er den Humor mit der Heiterkeit kurzschließt und damit zur Gelassenheit gelangt, dort, wo er gleich zu Beginn den Humor vom Zugriff des Affektiven rettet und ihn in den Bereich der Vernunft verfrachtet oder Lachen und Kultiviertheit zusammendenkt, auch dort, wo er den Verlust des subtilen Witzes in der Massen- und Mediengesellschaft hinterfragt oder den Humor als zur Psychologie der Macht zugehörig denkt, ganz ausdrücklich auch da, wo er in wenigen klaren Worten die Philosophie des Absurden Revue passieren lässt und in einfachen Erklärungen darlegt, weshalb sie heute nicht mehr verfängt, und selbst dort noch, wo er sich fragt, warum Menschen überhaupt ursächlich lachen, wo das Ur-Lachen herkommen könnte (sich widersprechend: einmal aus der Schadenfreude und ein andermal als Deeskalation und Schutzmechanismus). An diesen Stellen, den ersten 70 Seiten und vereinzelten späteren Abschnitten, ist der Essay wirklich stark, nicht zuletzt deshalb, weil da der Mensch Lisson hinter dem Denker verborgen bleibt.

Aber dann gibt es eben auch die verräterischen Stellen, in denen er sich dem Leser ungeschützt präsentiert. Denn letztlich, so scheint ziemlich klar durch, denn letztlich faszinieren ihn die Komiker, Humoristen, die großen Lacher aus einem Grunde: In ihnen vermutet er – wahrscheinlich zurecht – heimliche Verbündete des Homo absolutus, in ihnen sieht er Mitbrüder dieses „eigentümlichen Empfindens echter Fremdheit in der Welt“, er sucht unter ihnen die anderen, die Einsamen, die Einzigen, die sich-selbst Ausschließenden – und da kommt der Movens des lissonschen Denkens, der Ekel, eben doch wieder durch. Wer also zwischen den Zeilen lesen kann und wer sich ein klein wenig bei Lisson auskennt, der wird in dieser an der Oberfläche verdächtig ideologiefreien Lektüre doch die ideologische „Last“ und den Kampf gegen das „linke Establishment“ finden und die stille Verzweiflung an der modernen Welt. So lachen wir also, weil wir sonst das ganze Elend nicht ertragen könnten.

Fazit: eine erhellende Lektüre über den hellen Humor, die trotz eines hellen Schlußabschnittes unendlich traurig machen kann.


Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben
Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben
von Ulrich Raulff
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,90

5.0 von 5 Sternen Geheime Erfolgsgeschichte eines Misserfolgs! Oder: Stefan Georges Nachbeben, 30. Mai 2014
Ulrich Raulff reitet im Wechselgalopp zwei ganz unterschiedliche Steckenpferde: Stefan George (Raulff ist Vorstandsmitglied der Stefan-George-Gesellschaft) und Michel Foucault (als Übersetzer und Herausgeber). Zumindest seiner George-Arbeit merkt man die poststrukturalistische Schule an, in ihrer versuchten Subversivität ebenso wie in den heimlichen Dekonstruktionsversuchen eines scheinbar monolithischen Kreises.

Nur George hatte unter den erstrangigen Poeten des letzten Jahrhunderts ein Nachleben und das hat er dem Kreis, seinen Jüngern, zu verdanken. Doch entpuppt sich bei genauerer Hinsicht die post-mortem-Geschichte als die eines Zerfalls, den zu beschreiben es einiger methodischer Kapriolen, der Nutzung "schmutziger Quellen", viel Imagination und Misstrauens bedarf. So gelingt es Raulff aus einer Überfülle an Material ein doch gut lesbares Buch zusammenzubasteln, ohne der Versuchung zu erliegen, durch einen roten Faden, durch eine ordnende unsichtbare Hand zu viel Struktur, und damit Botschaft, hinein zu tragen. Dass das Buch also mitunter wirr wirkt, ist vermutlich intendiert und kann angesichts der Vielfalt auch fast nicht anders sein.

Es sind dabei vor allem drei Hauptfragen, die Raulff bewegen: Was ist das das Geheimnis des "Geheimen Deutschlands", wie ist Georges Schweigen zum frühen Nationalsozialismus zu deuten und welchen Einfluss übten und üben seine Apostel im Nachkriegsdeutschland aus? Erstens: ein Geheimnis in Form einer "mitteilbaren Lehre oder kryptischen Substanz" habe es nicht gegeben, das eigentliche Geheimnis sei das Haben und Gehabe eines Geheimnisses gewesen. Zweitens: George inszenierte sich selbst als "Dezisionist der Ambiguität" und machte sich letztlich durch sein mystisches Schweigen schuldig. Und drittens schließlich verteilten sich die äußerst heterogenen Jüngerscharen wie unterirdische Schwarmbeben auf dem ganzen Globus und versuchten durch gelegentliches internes Rumpeln und Pumpeln den Lauf der Welt zu beeinflussen. Dies gelang ihnen der Natur der Dichte entsprechend besonders beeindruckend in Deutschland! Hier entpuppt sich nun die Subversivität des Werkes, gewollt oder ungewollt, denn was als Zerfallsgeschichte angekündigt wurde, offenbart sich, wenn man sein Ohr nur nah genug an die Richterskala hält, als eine verblüffende Influenz- und Virulenzgeschichte des bundesdeutschen Kultur-, Politik-, Erziehungs-, Medien- und Universitätsbetriebes bis in die heutige Zeit! Hundert Jahre nach Veröffentlichung der wesentlichen Werke Georges, zumeist in Kleinstauflagen und nie dem Mainstream angehörend, ist das doch eine beeindruckende Leistung.

Bezeichnenderweise fehlt die Philosophie in Raulffs Rechnung, als hätte es einen Heidegger, Klages oder Gadamer nie gegeben (Lediglich Adorno erhält einige Aufmerksamkeit (das ist jedoch schon wieder eine ganz andere Geschichte). Aber auch eminente Kreis-Namen wie Karl Wolfskehl oder Norbert von Hellingrath kommen allzu kurz weg, von ephemeren Figuren wie Rudolf Pannwitz, Alfred Schuler u. a. ganz zu schweigen. Wie diese seltsamen Lücken zu erklären sind, bleibt des Autors Geheimnis, das gelieferte Material macht diese Defizite allemal wett.

Was allerdings wirklich stört, das ist (neben der fürchterlichen Umschlaggestaltung) die oft laxe und lapidare Sprache, das sind die zahlreichen Neologismen, Anglizismen, die Anleihen aus der IT-Welt. Da ist von "cooler Mystik" oder "One-World-Sound" die Rede, da wird gecoacht und self-fashioning betrieben etc., letztlich ein Vokabular benutzt, das prinzipiell fragwürdig scheint, im Kontext George aber regelrecht impertinent klingt. Und das soll es natürlich sein, denn Raulff will sich jedes Verdachtes entledigen, er könnte der Faszination Georges erlegen sein, also glaubt er, den Text immer wieder mal diskursfremd brechen zu müssen - Foucault lässt grüßen. Nur so ist die Nutzung solch despektierlicher wie unpassender Vokabeln wie "Metastase" entschuldbar, wenn es um die entsprechenden Zirkel "Eingeweihter" geht.

Zugegeben, am Gesamtbild ändern diese Schönheitsfehler nichts. Ein unbedingt notwendiges, materialreiches und vor allem einfühlsames Buch - selbst der Meister kommt an den gelungensten Stellen mit seinen Ängsten, Sorgen, Vorlieben, Idiosynkrasien, Schwächen und Voreingenommenheiten menschlich herüber -, das übrigens viel voraussetzt und für George-Novizen nicht ganz einfach zu lesen sein dürfte.


Freie Rede: Über Tiefen und Untiefen genauen Sprechens
Freie Rede: Über Tiefen und Untiefen genauen Sprechens
von Günter Zehm
  Gebundene Ausgabe

2.0 von 5 Sternen Freiheit ohne Wahrheit?, 7. Mai 2014
„Freiheit und Sprache gehören untrennbar zusammen“, schreibt Zehm im Umschlagtext, aber Sprache und Wahrheit gehören auch unmittelbar zusammen und daß hier eine Artikelsammlung vorliegt, eine Zusammenstellung von vornehmlich Buchrezensionen, die der Autor in der „Jungen Freiheit“ veröffentlichte, und eben keine konzise Abhandlung über die Parrhesia, wie Titel und Werbetext suggerieren, mithin oft flüchtig hingeworfene Besprechungen und Glossen über zum Teil nicht einmal vollständig gelesene Bücher, wie der Verfasser selber zugibt, das hätte unbedingt kenntlich gemacht werden müssen!

Mich jedenfalls interessiert nicht, was Zehm aus dem Affekt zweiseitig über Peter Handke, Donald Duck oder Poetry Slam denkt; ich war stattdessen auf eine zusammenhängende und hergeleitete Grundsatzarbeit zum Problem des Sprachverlustes oder der Sprachparadoxa aus konservativer Sicht gespannt und werde nun mit flüchtigem Literaturjournalismus abgespeist. Seien wir ehrlich: Das Buch ist nichts anderes als ein weiterer Band der „Pankraz“-Serie und das Thema der „Freien Rede“ oder Sprache wird hier als Alibi vorgeschoben, soll das Heterogene irgendwie zusammenschweißen – dabei verbindet die Artikel thematisch kaum etwas, sie werden nur durch einen Namen zusammengehalten, der hiermit – wie auch der Verlag – diskreditiert ist.


Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsche
von Frank Lisson
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Doppelt aufschlussreich, 22. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Friedrich Nietzsche (Taschenbuch)
Man kann Frank Lissons Nietzsche-Biografie mit zweierlei Interesse lesen: dem am Gegenstand, Nietzsche, und dem am Autor, Lisson. Denn auch wenn nur der eine Weltruhm erlangte, so schickte sich der andere doch an, in groß angelegten Arbeiten dem Einen folgen zu wollen – bisher ohne größere öffentliche Wirkung, aber doch einen kleinen Kreis von Lesern um sich scharend.

Und wer die schwermütige, an Nietzsches Aphorismen geschulte Prosa Lissons kennt, wird erstaunt sein, mit welcher Leichtigkeit er hier die Feder zu führen weiß. Da zeigt sich ein ganz eindrucksvolles dramatisches Talent, dem es durch sprachliche Leichtigkeit und perfekte Szenenwechsel überzeugend gelingt, einen roten Faden durch Nietzsches Geschichte zu ziehen und ihn in erster Linie psychologisch – soweit das bei einer 170-Seiten-Arbeit möglich ist – stringent zu deuten. Der Impetus liegt dabei klar auf der biografischen Faktenlage, die philosophischen Implikationen werden so kurz wie präzise nur angedeutet. Es ist der Mensch Nietzsche, der hier unverkennbare Konturen gewinnt, wie bei aller bio-grafischen Interpretation stets diskutierbar, aber immerhin doch sehr gut fassbar. Der Autor tritt ganz bewusst bescheiden hinter seinen Gegenstand zurück …

… und das mag den Lisson-Leser verwundern, ist er doch mitunter an Arroganz grenzende selbstbewusste Werke gewohnt. Trotzdem scheint der Verfechter des „Homo absolutus“, eines stolzen Einzelgängertums, an einigen Stellen schüchtern durch, jedoch muss man aufmerksam suchen und vor allem wissen, was man sucht, um ein paar private Auslegungen ausfindig zu machen. Dort etwa, wo Lisson Nietzsches Übermenschen dezidiert als Gegenpart zum „postmodernen, vollkommen durchdemokratisierten und moralisch weitgehend nivellierten mediengesteuerten Konsumweltbürger“ in Stellung bringt, oder wenn er den sich-selbst-erschaffenden Menschen lehrt oder wenn er mehr als vom Kontext diktiert, Stirners starken Willen, Individuum zu sein, betont oder schließlich, wenn er vor der Gefahr des Fremden warnen lässt usw. Auch gibt es ein, zwei Stellen mit recht gewagten Darstellungen, wie der Satz, dass das Werk von einem gesunden, glücklichen Nietzsche nicht geschaffen worden wäre oder wenn die Angst als Agens des Philosophierens deklariert wird. Das sind nun keine Störquellen, im Gegenteil, man hätte sich gewünscht, der Autor hätte sich an derartigen Stellen ein wenig mehr Raum gegönnt und den Leser mit Begründungen und Zusammenhängen bereichert.

Diese Nietzsche-Biografie bleibt eine angenehm auskalibrierte Arbeit, die das allerwesentlichste biografische Material souverän präsentiert. Mehr kann ein Buch dieses Umfanges nicht leisten. Wer es genauer wissen will, der muss zu Ross, Safranski oder Janz greifen.


Widerstand: Lage - Traum - Tat
Widerstand: Lage - Traum - Tat
von Frank Lisson
  Gebundene Ausgabe

3.0 von 5 Sternen Der Einzige und sein Eigensinn, 18. März 2014
Parallel zu seinem 500-seitigen Hauptwerk „Homo Absolutus“ legte Lisson dieses kleine, hübsch gemachte Manifest vor. Es beginnt mit einem Bild, einer signifikanten und exklusiven Geste: „Da steht jemand abseits, eigenwillig unbegradigt“. Kein Buch für Mitläufer, soll das sagen, keines für Zurechtgehauene, und in der Tat, für diese dürfte das Verkündigungsbüchlein wenig Erfreuliches bieten. In drei Anläufen beschreibt der Autor die Lage der Nation, seine ganz persönliche Utopie und den Weg, den es zu gehen gilt.

„Abseitiges Leben ist gesteigertes Leben“, aber ein Leben, das es im Vielzuviel, im Medienbunt, im allgegenwärtigen Geschwätz, in der Masse und in der Banalität des modernen Seins schwer hat. Dem großen „die da“, dem allgegenwärtigen „sie“, steht das kleine aber aparte „Wir“, die „anderen“ entgegen. Es wird freilich nicht ganz deutlich, wer „sie“ sind, am ehesten wohl eine Gemengelage aus linker Politik (die fast alle Parteien umfasst), Habermasscher Philosophie, zu Tyrannen gewordene Alt-68er und verweichlichter Bürgerlichkeit. Sie und Wir, das ist die große Dichotomie, als wäre Geschichte nichts anderes als ein Bewusstseinsprozess. Der Einzige begegnet dem mit Wut und Zorn, mit Abscheu und Ekel – überhaupt scheibt Lisson ganz nebenbei und ungewollt eine Phänomenologie des Negativen. Nietzsche lugt zwar überall hindurch, nicht zuletzt in der aphoristischen Herangehensweise, aber Nietzsches heiliges Lachen, sein großes Ja, die unbedingte Affirmation zum Sein, ist Lisson offenbar unbekannt geblieben.

Positiv hingegen ist sein Traum vom „freien Spiel der geistigen Kräfte“, in der auch das unbequeme „rechte“ und konservative Lager gleichberechtigt zu Wort kommt, dort zumindest, wo sich eminente Stimmen melden. Allzu oft scheitern diese Wortmeldungen an „linken“ Diffamierungen, finden selten einen Weg in die „linken“ Medien und wenn, dann werden Sie mit der Faschismuskeule a priori niedergemacht. Es sollte in einer funktionierenden Demokratie möglich sein, Sätze wie diese zu sagen: „Wir wollen funktionierende, leistungsorientierte Schulen, und keine Resozialisierungslager! Wir wollen eine deutsche Leitkultur und keinen Multi-Kulti-Quatsch! Wir wollen kein Habermas-Gerede über den gesellschaftskommunikativen Diskurs, sondern wir wollen, dass er endlich stattfindet.“ Gut gebrüllt, Löwe! Allerdings entgeht Lisson der sehr simple Fakt, dass es ebenso berechtigterweise Menschen geben könnte, die das n i c h t wollen.

Wer nun glaubt, Lisson strebt den politischen Bereich an, der irrt. Es geht ihm um die einzelne, die „heroische“ Tat, er hat längst kein Vertrauen mehr in politische Prozesse. Der Sturm, der durch dieses Programmheft weht, legt sich zu einem lauen Lüftchen: „Fangen wir daher im Kleinen an: bekennen wir offen unsere Haltung im Freundes- und Bekanntenkreis, an den Schulen und Universitäten.“

Die gravierendsten Probleme offenbart Lissons Denken allerdings methodologisch. Fast immer beginnt er mit einer unbewiesenen These: War die ganze linke Bewegung tatsächlich nur antibürgerlicher Selbsthass? Bringt tatsächlich jede Generation die immer gleichen Menschen hervor? Kann man die Summe unter den Nationalsozialismus und dem Kommunismus wirklich nur anhand von trockenen Opferzahlen ziehen? …

Lisson wehrt sich gegen die Nivellierungen der „großen Erzählungen“ und Ideologien des letzten Jahrhunderts, aber er tut das auf extrem nivellierende Art und Weise. Es gibt bekanntlich zwei Arten des Philosophierens, die des Aus- und die des Einfaltens. Die eine sucht die Differenzen, die andere die Formel oder die Weisheit. Mit der Differenz kann Lisson ohnehin nichts anfangen, die ist mutmaßlich „links“. Unter den Formelsuchern könnte man den Weg Heideggers vom Weg Moeller van den Brucks trennen, die große Zusammenschau von der apriorischen These, die allen Erscheinungen übergestülpt wird und jene passend macht – das ist Lissons Weg.


Kein Tag, den nicht die Nacht gebar
Kein Tag, den nicht die Nacht gebar
von Frank Lisson
  Gebundene Ausgabe

3.0 von 5 Sternen „Ich, der Sonderling“, 13. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein junger Mann am Ende seines vierten Lebensjahrsiebts will raus aus dem Mief des Elfenbeinturms und stürzt sich ins pralle Leben der Moderne, um Sinn und Wahrheit zu erfahren. Er tut das auf den Spuren seiner Götter Schopenhauer, Nietzsche, Burckhardt … – die er überwinden will. Und das Leben ergreift ihn und führt ihn unverhoffte Wege – nur der Hass gegen seine Erzeuger, gegen s i e und i h n, gegen alles unhinterfragte Althergebrachte, bleibt als feste Konstante. Am Ende steht die Berufung und die Gewissheit, ein Einzelner, ein Seltener zu sein … Ja, Lisson nimmt kein Blatt vor den Mund, er hegt den Genieverdacht gegen sich selbst und spricht ihn klipp und klar aus und das vor jedwedem nennenswertem Werke.

Ohne eine gewisse Arroganz, ohne eine starke Ich-Lastigkeit, ohne einen Hang zum Extremen ist das ebenso wenig denkbar, wie das Spiel mit politisch gefährlichen Ideen. Einem zweiten Roquentin gleich, packt ihn immer wieder der Ekel vor der modernen Existenz, vor dem „Auswurf der modernen Welt“ aber zugleich auch die Faszination an der Moderne. Vollkommen ironiefrei, im gewählten aber affektierten Sprachduktus – der wohl bei nächtelangen Jüngerstudien erworben wurde, aber nie auch nur ansatzweise Jüngers Eleganz erreicht – referiert Lisson über Gott und die Welt. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, ein Augenmensch: Und alles ist einer Analyse wert, vom Kleinsten bis zum Größten und in allem ist Verfall sichtbar und überall gibt es die Lust auf die Rückbesinnung. Wie ein Außerirdischer scheint er auf diesem fremden Planeten gelandet zu sein und versucht sich in Sinngebung. So geflissentlich seine Aufzeichnungen sind, so wenig originell sind die Interpretationen; nur selten weiß Lisson mit einem überraschenden Gedanken zu überzeugen und das kann bei seiner monothematischen Ausrichtung, die scheinbar nur das konservative Denken kennt, also alle Anfechtung vermeidet – selbst der Revolutionär Nietzsche wird konservativ verstanden –, auch nicht anders sein.

Und doch, trotz dieser Einseitigkeit und trotz mancher überflüssiger Passage, trotz einiger abgegriffener Redewendungen liest man interessiert weiter, vor allem dann, wenn man selber ein Suchender ist, einer, der das Sein im Gesamtfalschen zu spüren meint. Den Mut des Autors, sich öffentlich preiszugeben, kann man nur bewundern – auch wenn man den seltsamen Verdacht nicht los wird, dass damit einer auf Menschenfang und nicht auf Menschensuche geht.


Gombrowicz-Blätter Nr. 2
Gombrowicz-Blätter Nr. 2
von Rüdiger Fuchs
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Die erste Briefsammlung auf Deutsch!, 5. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gombrowicz-Blätter Nr. 2 (Taschenbuch)
Seit 2013 gibt Rüdiger Fuchs (Gombroman) die Gombrowicz-Blätter heraus – ein aufwendig und liebevoll gestaltetes Projekt, das jedem Gombrowicz-Leser das Herz höher schlagen lässt! Band 1 bestand aus einer Reihe mehr oder weniger literaturtheoretischer Beiträge von Kennern der Materie aus verschiedenen Ländern (u.a. Fieguth, Kühl, Bhambry) und in verschiedenen Sprachen (Deutsch, Polnisch, Spanisch, Englisch)

Der vorliegende Band 2 stellt eine kleine Sensation dar, denn er beinhaltet zum einen die erste Briefedition in deutscher Sprache und veröffentlicht zum andern weltweit zum ersten Mal die Briefe WG’s „an seine Bekannte und Förderin Alicja de Barcza“, einer polnischen Erfolgsautorin, zu der der Meister ein recht vertrautes Verhältnis pflegte. So sind diese 38 reichlich kommentierten Briefe (1955 - 1966), die direkt aus dem von Rita Gombrowicz verwalteten Nachlass stammen, auch eine wahre Fundgrube an Geistesblitzen, Frechheiten, Arroganzen und überraschend einfühlsamen Liebenswürdigkeiten … Einblicken in die Werkstatt, in die Seins- und Gedankenwelt des bedeutendsten modernen polnischen Autoren: „die anderen sind Naturbeschreiber, nicht allzu bewanderte und bewusste, ich aber bin die einzige E r s c h e i n u n g der neuen Literatur und ihr einziges u m g e s t a l t e n d e s Element“.

Es sind nicht irgendwelche Briefe, sondern Briefe von Relevanz für das Verständnis des Menschen, des Künstlers und des Typen Gombrowicz. Hier kann man sicher sein, dass keine Maske zwischen Leser und Verfasser steht, hier kommt man einer literarischen Singularität persönlich näher und das ist nicht nur für Gombrowicz-Liebhaber spannend, diese Briefe dürften auch beim Einsteiger die Neugier auf Werk und Person wecken.


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