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Martin Jost "majo" (Freiburg)
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Der Abreiseführer: 88 Städte, die Sie unbedingt verlassen sollten
Der Abreiseführer: 88 Städte, die Sie unbedingt verlassen sollten
von Martin Nusch
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Das wäre lustiger gegangen, 25. April 2011
Martin Nuschs Reiseführer-Parodie macht 88 deutsche Städte nieder. Aus Sicht eines Einwohners einer der besprochenen Städte finde ich: gute Idee, wäre aber lustiger gegangen.

Es gibt so Bücher, die hat man noch nie aus dem Regal gezogen seit man sie zu irgend einer Geburtstags-/Abschieds-/Einweihungs-Party geschenkt bekam, bei der ein Gutteil der Abendunterhaltung aus stoßweisem Vortrag von Highlights aus diesem total witzigen Buch bestand. Ohne heitere Meute, Wein und Rosinenpickerei ist das Buch nämlich doch nicht lustig, hat sich herausgestellt.

Der Stuttgart-Kölner Martin Nusch hat sich ehrenwerterweise daran gemacht, mit dem Aberglauben aufzuräumen, dass jede Stadt irgendwo ihre schönen Ecken und gastlichen Herzen hat. Sein «Abreiseführer» parodiert die Form des Städteführers für Heimatland-Urlauber und lässt dabei kein gutes Haar an 88 deutschen Städten. Auch Freiburg im Breisgau kriegt unter anderen sein Fett weg ' allerdings nicht besonders dicke.

Jeder Eintrag ist mit Fotos von hässlichen Ecken aufgemacht. (Im Falle Freiburgs war wohl gerade keins zur Hand, dafür ist es eins aus Basel geworden. Als gäbe es hier keinen Augenkrebs. Man müsste nicht mal schon wieder auf Hawei rumhacken, Waltershofen ist auch hässlich.)

Dazu kurze Rubriken wie LAGE ("Freiburg ' ist im Jahresmittel die wärmste Stadt Deutschlands. Keine Empfehlung in Zeiten des Klimawandels!"), BERÜHMTE BÜRGER ("Wolfgang Schäuble ' erwarb sich später große Verdienste um die Finanzierung der CDU"), GESCHICHTE ("Der Stadtheilige ist St. Georg, sodass Freiburg mit seiner Flagge ' Fahnenflucht begeht: Sie ist seit 1384 identisch mit der englischen"), FUSSBALL ("Der SC Freiburg ist das Solarmobil unter den deutschen Fußballclubs ' die Spieler haben nur bei Sonnenschein Power"), SCHNELL ZU BESICHTIGEN ("Das Café Fünfeck"), und ' dem Motto des Buchs gemäß ganz wichtig ' ABREISE ("Nach Frankreich. Oder nach der Schweiz.")

Wäre das nicht lustiger gegangen? Die Rubriken und kurzen Notizen lesen sich wie eine Mitschrift in Stichpunkten. Also nicht gut. Kein Schmöker, sondern mehr ein Best-Of-Vorlesen-und-dann-kichern-Buch. Der Humor ist so Rhetorik-AG-Niveau: statt Insiderwitzen finden wir zu jedem Fakt den nächstgelegenen Kalauer. Und den Spruch mit "Seit wann sind Herzen grün?" (bezogen auf Thüringens Landesmotto; Eintrag: Weimar) hat Rainald Grebe zuerst gebracht.

Die besseren Gags liegen in der Form: zu den vorgestellten deutschen Städten werden auch Palma de Mallorca und die Neumayer-III-Antarktis-Station gezählt. Der Running Gag sind griechische Restaurants in zehn Städten, die alle unter dem Namen "Mykonos" firmieren. Es gibt ganz hinten im Buch einen Hidden(see) Track (siehe oben bezüglich Kalauer) und eine Liste mit Fotos, die nicht aus der Stadt stammen, die sie illustrieren.

Es ist nur eine Mutmaßung, aber Freiburg gehört sicher zu den Städten, die der Autor gemäß Geständnis im Vorwort gar nicht in echt besucht hat oder intimer kennt. Wie gesagt, kein Foto von hier und Fakten zu Kinobesuch und Altersdurchschnitt, die auch auf Wikipedia stehen (welcher Enzyklopädie Diskussionsseiten der Autor ausdrücklich dankt).

Dabei wäre an Freiburg einiges auszusetzen gewesen. (Nur geschwind als Stichworte: schwüles Wetter, die grantigsten Meckerrentner Deutschlands, die lächelresistentesten Ökofrauen der Republik, Ökodiktatur, Fahrradverbrecher, Mietpreise, kein richtiger Fluss, Mülleimer sehen langweilig aus ')

Richtig witzig kommt der "Abreiseführer" vielleicht wirklich nur, wenn man zusammen drin blättert und albern ist. Vielleicht ein Geschenk für Leute, die wegziehen und entweder ziemlich verbittert sind oder denen man den Abschied erleichtern muss.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 4, 2014 9:31 AM MEST


Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas (edition suhrkamp)
Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas (edition suhrkamp)
von Hans Magnus Enzensberger
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,00

14 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Europa-Misstrauen, intellektuellig, 13. April 2011
Schriftsteller, Lyriker und Querulant Hans Magnus Enzensberger hat mit Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas (edition suhrkamp) einen Essay geschrieben, der irgendwo zwischen Unionslandeskunde, Beamtensatire und Polemik angesiedelt ist. Dem Geruch nach will er vor allem eins: in der Schule gelesen werden.

«Sanftes Monster Brüssel oder die Entmündigung Europas» ist als Edition-Suhrkamp-Sonderdruck erschienen, ein schmales Heft mit rund 70 Seiten und neun Kapiteln. Der Essay ist ein bisschen journalistisch in dem Sinne, dass Enzensberger recherchiert hat und genauso viel informiert wie polemisiert.

Er ist nicht politikwissenschaftlich in dem Sinne, dass Allgemeinplätze hinterfragt würden oder Zitierte immer namentlich genannt. In der Bibliografie stehen zwei Wikipedia-Artikel, aber nicht mit Datum ihres Abrufs.

Der Essay richtet sich auch an jemanden, der noch nie darüber nachgedacht hat, wie die Verwaltung der Europäischen Union eigentlich funktioniert und der sich auch nicht bewusst ist, welchen kulturellen Fortschritt die Union in den letzten Jahrzehnten gebracht hat. Kapitel I macht Jüngeren klar, wie ausländisch europäisches Ausland früher noch war. Es ist "'Lob & Preis"' überschrieben und handelt das Gute ab, das Enzensberger über die EU sagen mag: '"Fast ein ganzes Menschenalter ohne Krieg! Das ist eine Anomalie, auf die dieser Kontinent stolz sein kann.'"

Kapitel II widmet sich der Kritik an Sprache und Propaganda der Union. Sprachkritik, die den Urheber als manipulativ entlarvt, ist gute intellektuelle Tradition ' bei Enzensberger selbst («Die Sprache des SPIEGEL», 1957) wie bei George Orwell («Politics and the English Language») oder Victor Klemperer («LTI», 1947). Wobei Brüssel hier nicht als böse Hauptstadt der Gehirnwäsche weg kommt, sondern die Betonung auf dem sanften Monster liegt. Um nicht zu sagen, dem tolpatschigen, unsensiblen. Fehlgriffe wie die Benamsung der EU-Minister als Kommissare zu kritisieren hat Hand und Fuß. Flach polemisch wird die Kritik am Bürokratiesprech der EU, wenn Enzensberger als Beispiel ausgerechnet einen redaktionellen Änderungsparagraphen aus dem Lissaboner Vertrag pickt (S. 13).

Reine Polemik auf Kioskniveau auch: "'Lieber folgt sie [die Europäische Kommission] in diesem Punkt dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika, wo man an jeder Straßenecke eine Maschinenpistole erwerben, aber keine Zigarette rauchen darf.'" (S. 15)

Jetzt zu meiner Sprachkritik: Enzensbergers Hang zur veralteten Rechtschreibung nervt. Man könnte ihn für chronisch konservativ halten. Nicht nur erlaubt er keinem Lektor, "'daß"' in '"dass'" zu übersetzen, sondern er schreibt auch '"Telephontarife"' (S. 8). "'Telephon"' war ja wohl schon 1998 veraltet, als ich die neue Rechtschreibung lernte.

Die Formel '"hingeschiedene DDR"' mag Enzensberger scheinbar so gern, dass er sie gleich zweimal auf zwei Seiten verwendet. Ist das eine übersehene Wortwiederholung? Oder ist es seine Marotte, die DDR immer mit diesem Attribut zu versehen? ' Was ist das mit reiferen Herren und ihrer Selbstverliebtheit in ihre Floskeln? Mein hingeschiedener Großcousin hatte sich '"ehemalige Bundesrepublik"' überlegt und schien es zu genießen, wenn er damit auf verwirrte Gesichter traf.

Kapitel III von «Sanftes Monster Brüssel» befriedigt, was wir alle hören wollen, wenn wir über die EU lästern: peinliche Vorschriften, Überregulierung und das Klischee vom Gurkenkrümmungskontrollzwang. Enzensberger relativiert: der Regulierungswahn sei nicht das wahre Problem, das er mit der Union habe (und erkennt noch dankend an, dass die EU sich in Kultur als einzigem Politikfeld immerhin nicht einmische.)

(Sehr schöne Teaser und Überleitungen von Kapitel zu Kapitel übrigens. Ich möchte fast sagen: smooth.)

Kapitel IV liefert noch ein bisschen Strukturkunde nach. Es gibt einen Einblick in die Organe und Benamsungen und Akronyme der EU-Institutionen und liefert damit ein gutes Stück Realsatire. Das Trommelfeuer aus Abkürzungen ist rhetorisches Kabarett-Dessert.

Kapitel V: Eine kleine Anthropologie der hohen Chargen im europäischen Beamtenapparat. Kapitel VI: Eine kleine Geschichtsstunde (Pioniere und Köpfe der EU unter besonderer Berücksichtigung von Jean Monnet.) Kapitel VII: Dem Befund, dass die EU im Kern eine wirtschaftliche Vereinigung ist und keine politische folgt eine Polemik gegen Brüche des Stabilitätspakts und schließlich gegen den Zynismus der Finanzmärkte; es fehlen nicht Kampfbegriffe wie Sozialisierung der Verluste bei Privatisierung der Gewinne.

Kapitel VIII enthält, worauf Enzensberger die ganze Zeit hinaus will. Er prangert das bösartige demokratische Defizit der supranationalen Staatengemeinschaft an. Wie sie auf Gewaltenteilung verzichtet! Sie sei postdemokratisch. Nur ihr so richtig böse zu sein fällt schwer, denn die EU ist ja nicht gemein und despotisch, sondern einfach bürokratisch. Sie gehorcht ohne bösen Willen nur einfach ihrer eigenen Krebsgeschwürlogik. (Ich paraphrasiere.) Enzensberger zitiert Robert Menasse, Hannah Arendt und ' sich selbst («Der Untergang der Titanic. Eine Komödie»). Ich dachte eigentlich, Letzteres gehört sich nicht und wäre eitel.

Kapitel IX, der Epilog, tanzt in der Form aus der Reihe. Es handelt sich um ein Gespräch mit einem ungenannten Beamten der Europäischen Kommission. Er und der Autor reden so aufdringlich literarisch, dass es an Parodie grenzt. Hat das Gespräch wirklich stattgefunden oder ist es die Verwandlung des bisher Gesagten in einen Dramendialog?

«Sanftes Monster Brüssel» ist ein gut zu lesender, weil rhetorisch beispielhaft konstruierter Essay, der Bildungslücken schließt und abstrakte Sorgen bezüglich unseres europäischen Superstaates aus klassisch-linksintellektueller Perspektive diskutiert. Das Getriebe scheint hier und da durch, wo es aufdringlich polemisch wird. Aber schwer zu lesen ist es nirgends. Ich werde ein übermächtiges Gefühl nicht los, das sich über den ganzen Essay hinweg nur ausgewachsen hat: Hans Magnus Enzensberger möchte mit «Sanftes Monster Brüssel» von politisch engagierten Deutschlehrerinnen in Schullektüre verwandelt werden.


Ben liebt Anna: Roman für Kinder (Gulliver)
Ben liebt Anna: Roman für Kinder (Gulliver)
von Peter Härtling
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,50

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ernst genommen, 30. September 2010
Peter Härtling schreibt einen "'Roman für Kinder"' über Ben, der sich in Anna verliebt. Anna ist ein Flüchtlingskind, das nur auf der Durchreise für einige Wochen in seine Schule geht.

Ben und Anna sind im Grundschulalter und sie müssen sich noch auf die Hinterbeine stellen gegenüber herablassenden Erwachsenen, die ihnen nicht zutrauen, einen Begriff von Liebe zu haben. Peter Härtling hält sich an dem Wort auch nicht auf und er versucht nicht, Liebe klar zu umreißen. Er beschreibt, was Ben und Anna denken und jeder Leser -- egal, wie alt; egal, wie verliebt -- kann der Geschichte folgen und die Räume zwischen den Gefühlen mit eigenen Erfahrungen füllen. Wie Ben und Anna nackt zusammen baden und sich umarmen zum Beispiel -- halb genießen sie es, halb finden sie es viel zu komisch -- kann ein Achtjähriger anders als ein Elfjähriger lesen.

«Ben liebt Anna» folgt einem Erzählbogen über das Verlieben. Die Geschichte wird aus Bens Sicht erzählt: Wie er Anna kennen lernt und nicht vergessen kann; wie es schön ist, in sie verliebt zu sein, aber wie es auch aufkratzt und weh tun kann; wie seine Mutter sich nicht vorstellen kann, dass er in echt verliebt ist und wie seine Mitschüler ihn hänseln; und wie er trotzdem verliebt ist (wer braucht schon die Zustimmung anderer Leute um verliebt zu sein?)

Das Buch hat ein Ende mit dem unglücklichen Ende der Geschichte. «Ben liebt Anna» stammt aus und spielt in einer Zeit ohne Mobiltelefone und Internetnetzwerke, von daher ist Ben und Annas Trennung ein harter Schnitt für die beiden. Trotzdem lässt Härtling die Geschichte nicht auf einem traurigen Ton enden. «Ben liebt Anna» handelt von der Zeit, die Ben und Anna miteinander haben.


Theos Reise: Roman über die Religionen der Welt
Theos Reise: Roman über die Religionen der Welt
von Catherine Clement
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Sooo didaktisch, 30. September 2010
Theos Tante nimmt ihn mit auf eine Reise um die Welt. Zusammen sehen sie sich die Keimzellen der Weltreligionen an und sprechen über die Ideenfunken, die die verschiedenen Feuer der Glaubensideen entzündet haben.

«Theos Reise» ist für die Religionsgeschichte, was «Sofies Welt: Roman über die Geschichte der Philosophie» für die Philosophie war. Die Geschichte ist nur Mittel zum Zweck. Die Motivation der Helden, vor allem des titelgebenden Theo, wird kaum vermittelt. Alle Charaktere bleiben flach und wenn sie reden, dann in unnatürlicher Weise und nur um Fakten zu vermitteln.

«Theos Reise» ist hoch didaktisch. Jede Seite dient bloß dazu, mir halbwegs anschaulich Wissen zu vermitteln. Die Faktenkonzentration ist so hoch wie in einem Sachbuch, aber gegen ein anschaulich und charmant geschriebenes reines Sachbuch bleibt «Theos Reise» hölzern und weit abgeschlagen.

Ich habe «Theos Reise» gelesen um mich auf eine Klausur über Weltreligionen vorzubereiten und um nicht mitgeschriebene Stichpunkte auswendig lernen zu müssen. Es war nicht wirklich kurzweiliger als Pauken. Jedenfalls hätte ich es nicht bis zum Schluss durchgestanden, wenn ich es nicht des Faktenwissens gelesen hätte. Denn weder die eindimensionale Handlung noch die pflichtbewusste, handwerklich hölzerne Erzählweise tragen den Leseschwung von Seite zu Seite.


Verirren: Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene
Verirren: Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene
von Kathrin Passig
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Lohnt sich Verirren?, 16. August 2010
Es klingt wie eine dumme Idee: Sich mit Absicht veirren. Irgendwo auf der Welt, in besiedelten wie menschenleeren Gebieten. Aus Spaß, als Sport, zur Selbstfindung, was auch immer.

Andere populäre dumme Ideen sind zum Beispiel: sich betrinken; an einem Gummiseil von einem Haus hüpfen; in die Politik gehen. Unter diesen Dummheiten, die wir auch nicht lassen können, finde ich Verirren noch am harmlosesten.

Immerhin ist Verirren im Gegensatz zu Bunjee-Jumping eine Alltagserfahrung. Es ist kein spezialisierter Kopfschüttelsport, zu dem man finden muss. Wer laufen kann, dürfte sich auch schon verlaufen haben.

Mit Absicht macht es bisher keiner. Nicht im großen Stil jedenfalls. Das Literaturverzeichnis versammelt vor allem Bücher, die erklären, wie man sich möglichst nicht verirrt. Oder wie man überlebt, falls man in diese missliche Lage gerät. Passig und Scholz sprechen sich deutlich dafür aus, sich gezielt in die Verirrung zu finden: 'Von den vielen Vorteilen des Verirrens ist hingegen zu selten die Rede. Dabei profitiert von einer Beschäftigung mit der schönen Kunst des Umherirrens jeder Mensch, der mit einem normalen Maß an Neugier und Urlaubstagen ausgestattet ist.' [S. 8]

Das Schöne am Verirren und der herkömmliche Mangel an nützlicher Ratgeberliteratur sind die Motivation für das vorliegende Buch. Das, die Literaturverweise und die Infografiken geben Verirren. Eine Anleitung... die Form eines wissenschaftlich fundierten Sach- und Ratgeberbuchs. Natürlich ist es in erster Linie ein feuilletonistischer Text. Verirren liest sich am besten Sonntagmorgens, wenn der Kaffee noch nicht ganz verduftet ist und die Sonne auf den Frühstückstisch scheint.

In witzigem Plauderton, dessen Stil bei zwei Stimmen keine Brüche hat, kompilieren Passig und Scholz furiose Verirrensanekdoten, grundlegende Survival-Tipps, und Gedankenexperimente über die gründlichsten Arten, sich nicht zu orientieren und möglichst viele Erfahrungswerte aus seinem Gratis-Abenteuer zu ziehen.

Sammlung und Systematisierung der in der Literatur verteilten Einsichten in den Wert einer guten Verirrung sind aber nur die halbe Leistung des Buchs. Die Autoren schmelzen ein, rühren um und fügen neu zusammen, sie bereichern mit eigenen Gedanken und persönlichen Erfahrungen. Ihr Plädoyer für das intuitiv immer als Missgeschick geltende Verirren ist eine rhetorische Lehrbuchübung in absurd sachlicher Argumentation. Sie vergessen nicht eine Begriffsbestimmung, die Verirren mit der Befreiung aus dem Effizienzdruck gleichsetzt und mit abenteuerlicher Welterfahrung. 'Es gibt natürlich gute Gründe, warum Verirren unbeliebt ist: Immer wieder führt fehlende Orientierung auf Umwegen zum Tod oder verpassten Mahlzeiten. Allerdings liegt das nur selten am Verirren, sondern vielmehr daran, dass kaum jemand es richtig beherrscht.' [S. 8]

Die Liste mit Vorzügen des Verirrens aus dem Vorwort ist ein bisschen verlegen. (Nr. 3: Verirren ist Urlaub. Nr. 4: Wer sich verirrt, entdeckt die Welt.) Der Rest des Buches sabotiert den Glauben an das gute Verirren dann aber nicht weiter. Im Gegenteil: es macht Lust auf den Genuss. Warum soll man sich verirren statt gezielt und voll orientiert die Welt zu bereisen? Gute Frage. Warum soll man Pralinen essen statt Vollkornbrot? Warum soll man Neon lesen statt Sinn und Form?

Für die Seele. Für den Moment. Weil wir Feuilleton lesen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 14, 2010 10:36 PM CET


Antichrist - Special Edition [2 DVDs]
Antichrist - Special Edition [2 DVDs]
DVD ~ Charlotte Gainsbourg
Preis: EUR 11,97

7 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Szenen einer Ehe, in der der »Klotz am Bein« keine Metapher ist, 31. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Antichrist - Special Edition [2 DVDs] (DVD)
Wenn uns Der weisse Hai (Special Edition) das Baden im Meer und Psycho das Duschen vergällt hat, dann macht Lars von Triers Schocker Antichrist - Special Edition die Frau mies. Und den schönen deutschen Wald.

Die fischige Ära des Feminismus muss vorbei sein, wenn ein Mann, der sich selbst mit klinischen Depressionen noch »bester Regisseur der Welt« nennt, einen phallischen Horrorfilm macht mit den Themen: Frauen sind das Böse; weinende Frauen sind falsch; die Hexenverbrennung war eine gute Maßnahme, aber vergleichsweise inkonsequent.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein Film (es ist doch bloß ein Film!) noch einmal so erschrecken könnte. Ich war im Kino vor allem erleichtert, dass ich bis zum Abspann durchgehalten habe. Irgendwann in Kapitel 3 von 4 wurde mir bedrückend klar, dass mein Unbehagen ab jetzt zunehmen würde und ich nicht entkommen kann. Als einzigartig werde ich mich daran erinnern: Mich im Kino umzuschauen und Dutzende unter Jacken verkrochen zu sehen; das »Puh, wir haben's zusammen durchgestanden«-Grinsen der anderen Zuschauer beim Hinausgehen.

«Antichrist» ist in dem Sinne virtuos, als er auf die Spitze treibt, was Film bestens kann: Mit Bildern Gefühle machen, wenn auch beklemmende. Ohne Worte Geschichten erzählen, wenn auch denkbar schreckliche. Und mit subtilem Handwerk und den anderen Künsten alles exponentiell schlimmer machen.

Dieses Dröhnen: Das schafft es, ein Bild von einem dampfenden grünen Wald mit Angst zu besetzen. Dieses Vertigo: Es verleitet einen, im Gestrüpp ein Monster zu vermuten. Die ersten beiden Kapitel sollen die Nerven aufreiben, aber es passiert noch nichts. Bildgewalt macht Angst, aber ganz ohne verräterische Musik, die sagt: »Fürchte dich jetzt!« Erst in den hinteren beiden Akten folgt auf die Angstsammlung jeweils eine katastrophale Explosion.

Dass Lars von Trier was kann, zeigen handwerkliche Kniffe wie: Indizien aus dem ersten Akt, die am Schluss einen Sinn geben. Details wie der Mühlstein, über den Er (Willem Defoe) mit seiner Hand streicht. Oder die Fotos.

Gut ist auch das Spiel mit der Erwartungshaltung: Woher kommt mutmaßlich das Grauen? Wo steckt es dann wirklich?

«Antichrist» ist in dem Sinne ein billiger Effektfilm, als er nur filmisches Handwerk bietet, kein menschliches. Mit Bildern und Sounds unfundierte Gefühle beim Zuschauer ausreizen, die nicht durch Charakter oder Handeln der Figuren gestützt werden -- das ist Schreiben ohne Fundament, das ist Pfusch am Bau. Was «Antichrist» einen fühlen lässt, ist alles heftig, aber leer. Beim zweiten Sehen geht «Antichrist» das Gruselpotential daher fast schon ab. Um nicht zu sagen, er wirkt mit der Zeit albern.

Deus ex machina ist hier: Wenn die Charaktere nicht für sich einnehmen können, muss die Filmkunst platte Gefühle aus dem Zuschauer kitzeln. Brachial und mechanistisch. Ein Hochglanz-B-Movie, ein Splatter-Porno.


The Film Club: No School. No Work ... Just Three Films a Week
The Film Club: No School. No Work ... Just Three Films a Week
von David Gilmour
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,10

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nicht genug von allem, 31. Mai 2010
David Gilmours »The Film Club« ist das erste Buch, das ich unbedingt haben musste, nachdem ich es nur in einem Schaufenster gesehen hatte. Untertitel und Tagline auf dem Cover stimmen ein auf:

No School. No Work. No Responsibilities. Just three Films a Week.

A Dad, his teenage Son and the Education he couldn't refuse

Es handelt sich um Memoiren, also keinen Roman. David Gilmour ist ein kanadischer Medienmann, der von freier und Honorar-Arbeit lebt und einige Romane geschrieben hat. Er ist verheiratet und hat einen Sohn mit seiner Ex-Frau. Als seine Ex-Frau findet, ihr Sohn sei im richtigen Alter für eine Vaterfigur, besteht sie darauf, dass sie die Wohnungen tauschen und er die Erziehung übernimmt. Als Gilmour seinem Sohn ansieht, wie sehr er unter der tristen Schule leidet und wie sie sein Leben versauen kann, erlaubt er ihm, die Schule zu verlassen ' unter der Bedingung, dass er jede Woche mindestens drei Filme mit seinem Vater ansieht und sich einen einleitenden Vortrag von seinem alten Herrn anhört. Denn Filme, so Gilmour, sind die einzige gemeinsame Basis, die sie haben; sie beide lieben Filme. Bei Büchern hört es für seinen Sohn aber schon auf. (Abgesehen davon, dass man Bücher viel schlechter gemeinsam lesen und an einem Tag abhandeln kann.)

Gilmour beschreibt witzig, wie er sich in schwachen Momenten dazu hinreißen lässt, seinem Sohn eine vorgekaute Lebensregel zu rezitieren, an die er sich im nächsten Moment selbst nicht hält. Er beschreibt die großen Zweifel, die er hat, dass er seinem Sohn Leben und Zukunft zerstört, indem er ihn vom Weg zu einem High-School-Abschluss abbringt. Alltagsgeschichten ziehen sich als roter Faden durch das Buch über die beiden Kerle: Sohn Jesses Verliebtheit in eine manipulative böse Frau namens Rebecca Ng und wie er nie über sie hinweg zu kommen scheint. Seine Abhängigkeit von Zigaretten. Vater Gilmours wechselhafte Karriere zwischen finanziellen Engpässen und Geld für großen Spontanurlaub.

Wofür man das Buch eigentlich liest und kauft, sind Filmgeschichte und Filmsprache, die man durch die Hintertür mitbekommt. Nicht alle Filme, die die beiden Protagonisten gesehen haben, werden im Buch besprochen. Aber mit allen Filmen, die erwähnt werden, gibt es im Anhang noch eine Liste ' so eine Art Ausschnitt aus dem Kanon. Gilmour zeigt, wie sich Filme lesen lassen und wie sie sich auf das eigene Leben beziehen, selbst wenn die Verbindung nicht sofort offensichtlich ist. Er spricht aber auch viel über die Herstellung der Filme. Er bezieht die Biografie der Regisseure in die Deutung mit ein, erklärt sie zu Vorbildern oder mutmaßt, was sie in ihrem Werk ausdrücken wollten.

Leider kommen Filmlesen und Filmliebhaberei für meinen Geschmack zu kurz. Es sind kurze Momente, in denen der Vater referiert oder der Sohn philosophiert und es sind meistens isolierte Szenen: Beide sitzen auf dem Sofa oder auf der Veranda, aber diese abgeschlossenen Szenen der Filmanalyse sind getrennt von den restlichen Ereignissen in Jesses und Davids Leben. Intellektuell kann man den Parallelen folgen, die die beiden zwischen Leben und Kunst ziehen, aber schriftstellerisch gelingt es nicht, den Wert der Bildung mit Film-Literatur auf das Leben zu beziehen.

Von allem, was das Buch bietet, finde ich, enthält es ein bisschen und dabei von allem zu wenig. Ein bisschen skurrile Familiengeschichte, aber nicht genug um satt zu machen. Ein bisschen ist es eine Geschichte des Staunens eines alten Vaters über die Lebensschläue, die ihm sein Sohn voraus hat. Aber nur andeutungsweise. Ein bisschen ist es ein Entwicklungsroman, aber dann wieder nur Brocken von einem. Die Erzählung ist bis auf eine überflüssige Rahmenerzählung chronologisch. Aber mal eben wird ein Jahr übersprungen, in dem es scheinbar keine bemerkenswerte Entwicklung gab. Das macht es einem schwer, sich nieder zu lassen auf einen Schaukelstuhl und die beiden Charaktere zu begleiten. Jesses Entwicklung rutscht so durch, indem nur exemplarische Szenen und Gespräche nacherzählt werden.

Ich mag »The Film Club« und ich habe es gern gelesen. Ich hätte mir aber gewünscht, dass es die Versprechen des Covers quantitativ besser erfüllt hätte und besser strukturiert geschrieben gewesen wäre.


Zombieland
Zombieland
DVD ~ Woody Harrelson
Preis: EUR 4,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vorläufig der Höhepunkt des Genres «Zombie-Komödie», 31. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Zombieland (DVD)
Zombieland ist weniger als 90 Minuten lang. Ich wollte ihn fast nicht zu Ende ansehen, damit er nie zu Ende ginge. Das klingt wie ein Versatzstück aus einer unüberlegten »Es ist alles so toll und dass diese Menschen nur für mich eine DVD in eine Box gepackt haben, dafür liebe ich euch alle«-Rezension, ist aber tief empfunden, wenn es von mir kommt.

Die Autoren Rhett Reese & Paul Wernick hatten das Konzept zu «Zombieland» zunächst für eine Fernsehserie entwickelt und auch neben einem TV-Pilotfilm schon Ideen für weitere Episoden gesammelt.* In dieser Materialfülle liegt die Ursache für die Dichte an Witzen und für eine Handlung, die sich keine Fettpolster oder Atempausen gönnt.

Hohe Kunst ist für mich zumal das Pflanzen von dramaturgischen Details und Ernten der Früchte (engl. Set-up und Pay-off), das einen Zuschauer auf schnellem Weg in das Universum des Films mit seinen Regeln und Möglichkeiten eintauchen lässt. Reese & Wernick schaffen das unter anderem mit den Lebensregeln des Helden Columbus (Jesse Eisenberg). »Schnall dich an« und »Spare nicht mit dem Gnadenschuss« und viele weitere zahlen sich den ganzen Film über aus.

Es war schon mal ein Klischee, sich über Horrorfilm-Helden die Haare zu raufen, die grundsätzlich das Licht aus lassen oder bei einer Invasion die Treppe hinauf rennen. Columbus benutzt gesunden Menschenverstand, so dass der Zuschauer auf seiner Seite bleibt. Dabei ist er nicht perfekt, im Gegenteil, er ist eine Parodie auf geekige, ängstliche Teenager à la Michael Ceras meiste Rollen (Vgl. Juno).

Columbus' schüchterner und übervorsichtiger Charakter wird kontrastiert vom draufgängerischen und jähzornigen Tallahassee (Woody Harrelson), der ihn als Anhalter durch den zombieversehrten Mittleren Westen mitnimmt. Widerwillig schließen sich ihnen noch die taffe Teenagerin Wichita (Emma Stone) und ihre zwölfjährige Schwester Little Rock (Abigail Breslin aus Little Miss Sunshine) an.

Die Ziele der vier und was jeden von ihnen antreibt ist, wo der Film hinkt. Wie ein angeschossener Zombie. Da fällt ihm seine Genese als Pilotfilm für einen unendlichen Roadtrip mal auf die Füße. Jeder der vier will in irgendeine Stadt, aber aus unterschiedlich plausiblen Gründen.

Tallahassee läuft eher weg als irgendwo hin. Warum sollte jemand mit seinem Ego mit drei Kids abhängen?

Wichita begibt sich ihrer kleinen Schwester zuliebe in tödliche Gefahr, obwohl ihr Mantra sonst heißt: Traue niemandem und sei nicht die Dumme?

Columbus' Ziel bricht ihm auf halber Strecke vollständig weg. Ab da wird er von seinem Arterhaltungstrieb gesteuert. (Okay, das ist doch plausibel.)

Im 2. und 3. Akt geraten auch Columbus' diverse Neurosen (und Darmschwächen) in Vergessenheit. Sie werden nicht so gut komödiantisch gemolken wie seine gesetzten Lebensregeln, bis endlich der Zombie-Clown seinen Auftritt hat.

Ironie ist seit jeher gesetzt selbst in ernsthaften Zombie-Filmen. Trotzdem haben in den letzten Jahre ausgesprochene Zombiekomödien (Fido - Kaufversion im Digipak, Shaun Of The Dead) wachsenden Anteil an Filmen über Untote. «Zombieland» entscheidet sich nicht für eine Abwechslung von Horror-Action mit ulkigen Sequenzen, sondern steht als durchgängige Komödie konsequent zu seiner Splatter-Seite (und die Blut- und Gammelkotze-Effekte sind wirklich widerlich). Ironisch selbstironisch bis meta-postmodern wird es zuweilen, wenn beispielsweise ein Gruselshowdown im Inneren einer Geisterbahn stattfindet.

Die Krönung der Selbstironie ist der Gastauftritt eines genialen Schauspielers, der sich selbst spielt. Er taucht nicht etwa seines Gesichts wegen aus dem Nichts auf. Sondern so überraschend und kultig es ist, ihn zu sehen, wird die Verbindung zu Tallahassee und dem Geek Columbus gut vorbereitet.

Alles in allem ist Zombieland eine kompromisslos schwarze Mischung aus Nick & Norah - Soundtrack einer Nacht und Little Miss Sunshine -- nur mit Zombies.

Schwarzer Humor auf vielen Ebenen, dichte Handlung plus Charaktere, die einen nicht enttäuschen: «Zombieland» halte ich für die vorläufig größte Leistung in seinem kleinen Genre.

* Interview mit Jeff Goldsmith von «Creative Screenwriting Magazine», herunterladbar als Folge vom 3. Oktober 2009 des Creative Screenwriting Podcasts.


Juno: The Shooting Script (Newmarket Shooting Script)
Juno: The Shooting Script (Newmarket Shooting Script)
von Diablo Cody
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,52

3.0 von 5 Sternen Somewhat aufgesetzt, 28. Mai 2010
-- Liest sich sperriger als der Film klingt -- Leider fehlen gekürzte Szenen

Diablo Codys Script, das ihr als Drehbuch-Debütantin gleich den Oscar® für bestes Originaldrehbuch einbrachte, wird allerseits gelobt für seine Frechheit und Unkonventionalität. Liest man es, wird klar: Mit unkonventionell ist vor allem das Thema gemeint, dem sich Cody annimmt: Ungewollte Schwangerschaft mit 16 ist kein Weltuntergang.

Sie behandelt ihr Thema in einer frechen und schnodderigen Weise. In puncto Humor-Stimmung und Respektlosigkeit gehört Juno als Film für mich in die gleiche Kategorie wie Nick & Norah - Soundtrack einer Nacht.

Aber die Rede soll hier ja vom Drehbuch sein.

In puncto Struktur und Handwerk ist es eben nicht unkonventionell. Und das ist nichts Schlechtes. Das klassische, konservative Handwerk ist vielmehr der Grund, warum ein Erstling die gebührende Aufmerksamkeit bekommen konnte um produziert zu werden.

Das Frische und Freche steckt neben dem Thema in der Souveränität der Charaktere, vor allem der Hauptperson Juno. Was allerdings durch die Leistung der Darsteller im Film wie fitte Schlagfertigkeit klingt, wirkt beim Lesen etwas gestelzt und gestellt. Ob das von vielen Seiten geäußerte Kompliment stimmt, Cody hätte »der« Teenager-Generation aufs Maul geschaut, sei mal dahin gestellt. Für die Heldin ergeben die hintergründigen Bemerkungen jedenfalls Sinn und im Film sind sie noch einmal runder und frecher als im stärker gewollt wirkenden Drehbuch.

Leider enthält diese Ausgabe keine der aus dem fertigen Film geschnittenen Szenen, die zum Teil sogar gedreht wurden (und auf der DVD als Extras enthalten sind). Das Taschenbuch enthält genau alle Szenen des fertigen Films und ist dabei aufgemacht, als wäre die Entscheidung zum Schnitt der Sequenzen bereits in der Drehbuchphase gefallen (die fehlenden Szenen sind nummeriert, aber als 'omitted' gekennzeichnet) und nicht erst im Editing Room. Das finde ich schade, weil der Reiz eines 'originalen' Drehbuchs für mich persönlich steigt, wenn es den Prozess dokumentiert, bei dem ein Film im Schneideraum noch einmal getrimmt und gestrafft wird.


The Film Club: No School. No Work ... Just Three Films a Week
The Film Club: No School. No Work ... Just Three Films a Week
von David Gilmour
  Taschenbuch

19 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nicht genug von allem, 29. Mai 2009
David Gilmours »The Film Club« ist das erste Buch, das ich unbedingt haben musste, nachdem ich es nur in einem Schaufenster gesehen hatte. Untertitel und Tagline auf dem Cover stimmen ein auf:

No School. No Work. No Responsibilities. Just three Films a Week.

A Dad, his teenage Son and the Education he couldn't refuse

Es handelt sich um Memoiren, also keinen Roman. David Gilmour ist ein kanadischer Medienmann, der von freier und Honorar-Arbeit lebt und einige Romane geschrieben hat. Er ist verheiratet und hat einen Sohn mit seiner Ex-Frau. Als seine Ex-Frau findet, ihr Sohn sei im richtigen Alter für eine Vaterfigur, besteht sie darauf, dass sie die Wohnungen tauschen und er die Erziehung übernimmt. Als Gilmour seinem Sohn ansieht, wie sehr er unter der tristen Schule leidet und wie sie sein Leben versauen kann, erlaubt er ihm, die Schule zu verlassen ' unter der Bedingung, dass er jede Woche mindestens drei Filme mit seinem Vater ansieht und sich einen einleitenden Vortrag von seinem alten Herrn anhört. Denn Filme, so Gilmour, sind die einzige gemeinsame Basis, die sie haben; sie beide lieben Filme. Bei Büchern hört es für seinen Sohn aber schon auf. (Abgesehen davon, dass man Bücher viel schlechter gemeinsam lesen und an einem Tag abhandeln kann.)

Gilmour beschreibt witzig, wie er sich in schwachen Momenten dazu hinreißen lässt, seinem Sohn eine vorgekaute Lebensregel zu rezitieren, an die er sich im nächsten Moment selbst nicht hält. Er beschreibt die großen Zweifel, die er hat, dass er seinem Sohn Leben und Zukunft zerstört, indem er ihn vom Weg zu einem High-School-Abschluss abbringt. Alltagsgeschichten ziehen sich als roter Faden durch das Buch über die beiden Kerle: Sohn Jesses Verliebtheit in eine manipulative böse Frau namens Rebecca Ng und wie er nie über sie hinweg zu kommen scheint. Seine Abhängigkeit von Zigaretten. Vater Gilmours wechselhafte Karriere zwischen finanziellen Engpässen und Geld für großen Spontanurlaub.

Wofür man das Buch eigentlich liest und kauft, sind Filmgeschichte und Filmsprache, die man durch die Hintertür mitbekommt. Nicht alle Filme, die die beiden Protagonisten gesehen haben, werden im Buch besprochen. Aber mit allen Filmen, die erwähnt werden, gibt es im Anhang noch eine Liste ' so eine Art Ausschnitt aus dem Kanon. Gilmour zeigt, wie sich Filme lesen lassen und wie sie sich auf das eigene Leben beziehen, selbst wenn die Verbindung nicht sofort offensichtlich ist. Er spricht aber auch viel über die Herstellung der Filme. Er bezieht die Biografie der Regisseure in die Deutung mit ein, erklärt sie zu Vorbildern oder mutmaßt, was sie in ihrem Werk ausdrücken wollten.

Leider kommen Filmlesen und Filmliebhaberei für meinen Geschmack zu kurz. Es sind kurze Momente, in denen der Vater referiert oder der Sohn philosophiert und es sind meistens isolierte Szenen: Beide sitzen auf dem Sofa oder auf der Veranda, aber diese abgeschlossenen Szenen der Filmanalyse sind getrennt von den restlichen Ereignissen in Jesses und Davids Leben. Intellektuell kann man den Parallelen folgen, die die beiden zwischen Leben und Kunst ziehen, aber schriftstellerisch gelingt es nicht, den Wert der Bildung mit Film-Literatur auf das Leben zu beziehen.

Von allem, was das Buch bietet, finde ich, enthält es ein bisschen und dabei von allem zu wenig. Ein bisschen skurrile Familiengeschichte, aber nicht genug um satt zu machen. Ein bisschen ist es eine Geschichte des Staunens eines alten Vaters über die Lebensschläue, die ihm sein Sohn voraus hat. Aber nur andeutungsweise. Ein bisschen ist es ein Entwicklungsroman, aber dann wieder nur Brocken von einem. Die Erzählung ist bis auf eine überflüssige Rahmenerzählung chronologisch. Aber mal eben wird ein Jahr übersprungen, in dem es scheinbar keine bemerkenswerte Entwicklung gab. Das macht es einem schwer, sich nieder zu lassen auf einen Schaukelstuhl und die beiden Charaktere zu begleiten. Jesses Entwicklung rutscht so durch, indem nur exemplarische Szenen und Gespräche nacherzählt werden.

Ich mag »The Film Club« und ich habe es gern gelesen. Ich hätte mir aber gewünscht, dass es die Versprechen des Covers quantitativ besser erfüllt hätte und besser strukturiert geschrieben gewesen wäre.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 28, 2010 6:45 PM MEST


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