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Rezensionen verfasst von
Martin Püsch

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The Big Lebowski [Special Edition]
The Big Lebowski [Special Edition]
DVD ~ Jeff Bridges
Preis: EUR 6,49

25 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The Dude: It`s good to have him around..., 12. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: The Big Lebowski [Special Edition] (DVD)
Die Filme der Coen- Brüder in Schubladen zu stecken, d.h. das jeweilige Werk einem bestimmten Genre zuzuordnen ist praktisch unmöglich. Virtuos mixen Joel und Ethan Coen genre-übliche Zutaten und versehen dabei jeden Film mit ihrer ganz eigenen Handschrift.

In die illustre Riege der Coen-typischen Anti-Helden reihen sich nahtlos auch Jeff Lebowski (Jeff Bridges) und seine Freunde ein. Der Alt-Hippie, von allen nur "The Dude" genannt, ist ein echt fauler Sack, vielleicht sogar der faulste Sack weit und breit. Und darauf ist der Dude mächtig stolz. Mit seinen beiden Kumpels Walter (John Goodman) und Donnie (Steve Buscemi) teilt der Dude vor allem eine Leidenschaft: Bowling! Daher hängen die drei gemeinsam die meiste Zeit im örtlichen Bowling-Center ab...

Man sollte nicht so weit gehen, den Dude als Helden zu bezeichnen, aber was ist schon ein Held? Der Dude ist einfach der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit...

Eines schönen Abends warten zwei Schlägertypen auf den Dude. Sie demolieren seine Wohnung und wollen Geld von ihm eintreiben. Wie sich rasch zeigt wurde der Dude mit einem Millionär gleichen Namens verwechselt. Damit könnte für den Dude das Leben eigentlich wie gewohnt weitergehen. Dumm nur, dass einer der ungebetenen Gäste auf seinen Lieblings-Teppich gepinkelt hat. Der Dude beschließt, seinen schwerreichen Namensvetter ausfindig zu machen und einen Ersatz für seinen Teppich einzufordern, der der hat ja die Wohnung erst so richtig gemütlich gemacht...

So weit, so gut. Doch dann beginnt eine Kette von Ereignissen die der Dude bald nicht mehr im Griff hat. Bunny (Tara Reid), die junge Lebensabschnittsgefährtin des reichen Lebowski (David Huddleston) wurde gekidnappt. Der alte Mann ist davon überzeugt, dass die Entführer dieselben Kerle sind, die den Dude in die Mangel genommen haben. Zwecks späterer Identifizierung spannt der Millionär den Dude für die Übergabe des Lösegeldes ein. An der Aktion beteiligt sich auch Walter. Und wer Walter blöde kommt, begibt sich in die Welt des Schmerzes. Von nun an geht alles schief, was nur schief gehen kann...

Der Dude und Walter bilden ein unvergessliches Duo. Der Dude, ein Relikt der Flower-Power-Generation, und Walter, ein ehemaliger Vietnam-Frontkämpfer und wahrer Dickschädel. Wenn man den Dude als eine Variation von Cervantes Don Quixote sieht, dann ist Walter sein Sancho Pansa.

Das Schicksal spielt dem Dude wahrlich übel mit. Wunderliche Gestalten kreuzen seinen Weg und zu guter Letzt hat der Dude auch noch ein Erlebnis der besonderen Art mit Maude (Julianne Moore), der Tochter des Millionärs.

Buddy-Movie, Komödie, Satire auf den American Way Of Life, rabenschwarze Entführungsstory mit surrealen Thriller-Elementen, Film Noir-Persiflage und noch einiges mehr. Man mag diesem Film vorwerfen, dass er sich in viele verschiedene Richtungen aufmacht und eigentlich nie wirklich irgendwo ankommt. Aber genau das ist eben sein Stil.

Einen kohärenten Plot sucht man vergeblich. Die Figuren sind es, die zählen. Noch schräger wird das Ganze durch die surrealen Traumsequenzen. Die abgedrehte Story schlägt irrwitzige Haken, enthält jede Menge pechschwarzen Humor und die göttlich agierenden Darsteller, allen voran Bridges als schlurfender Dauerkiffer und Goodman als dickköpfige Kampfsau Walter Sobchak, der seinen Standpunkt auch schon mal mit gezogener Waffe deutlich macht, tragen das Ihre zum Kultcharakter dieses Filmes bei. Und die für den Soundtrack verwendeten Songs passen ebenfalls wie die Faust aufs Auge.

Dazu gesellt sich denn auch trefflich das nicht minder schräge weitere Personal. Unter anderem bekommt der Dude es außer mit der Polizei mit Nazi-Nihilisten, einem Pornoproduzenten und einer Vaginal-Artistin zu tun.

In Nebenrollen glänzen u.a. Ben Gazzara als Jackie Treehorn, Phillip Seymour Hoffman als Sekretär Brandt und Sam Elliott als The Stranger. Überhaupt liest sich die Liste der Nebendarsteller wie ein Who is Who des Independent-Kinos der 90er Jahre. Steve Buscemi und John Turturro, beide wie John Goodman bereits mehrfach für die Coens im Einsatz (Barton Fink, etc.) gehören ebenso dazu wie Jon Polito, den wir aus "Millers Crossing" (1990) und "The Man, Who Wasn`t There" (2004) kennen.

John Turturro legt als Walters Bowling-Rivale und Intimfeind Jesus Quintana den wohl unvergesslichsten Cameo- Auftritt seit ewigen Zeiten hin. Seinen Namen trägt er nicht umsonst und auf seine ganz eigene Art ist er wahrhaftig ein Erleuchteter! Denn: Niemand verarscht Jesus...

Ach übrigens: Das Ganze spielt etwa zu der Zeit als die Amis zum ersten mal Zoff mit Saddam hatten in einem Kaff namens Los Angeles. Und was auch geschieht: Die Welt dreht sich trotzdem immer weiter...

Die Coens haben mit "The Big Lebowski" ein echtes Highlight der 90er Jahre geschaffen. Wohl nie zuvor wahren ihre Anti-Helden so liebenswert wie hier. Dieser Film ist eine völlig durchgeknallte Hymne auf einen Total-Versager. Indem die Coens dafür sorgen, dass unsere uneingeschränkten Sympathien dem Dude und seinen Kumpels zufliegen und die spezielle Tragik, die diesen Charakteren innewohnt, subtil durchschimmern lassen, ist dieses Werk auf ganz eigene Art auch ein Abgesang auf den Amerikanischen Traum. Außerdem haben die Brüder auch diesmal wieder Anspielungen und Verweise auf legendäre Filmklassiker eingebaut. Es finden sich unter anderem Anklänge an Frank Capras "Ist das Leben nicht schön?" (It`s A Wonderful Life, 1947) mit James Stewart und Howard Hawks "Tote schlafen fest" (The Big Sleep, 1946) mit Humphrey Bogart.

Jeff Bridges IST der Dude! El Duderino! His Dudeness himself!

Die Special Edition bietet eine sehr gute Bild-und Tonqualität. Das Bildformat liegt in 16:9 und alternativ in 4:3 vor. Es gibt mehrere Tonspuren in Dolby 5.1, Englisch, Deutsch und im Unterschied zur alten DVD sogar Spanisch und Französisch. Dazu Untertitel, sowie als besondere Extras eine Einführung von Mortimer Young, ein ca. 20 Minuten langes Making-Of und eine Fotogalerie.

Das amerikanische Original ist übrigens göttlich, sprachlich aber um einiges derber als die deutsche Synchronisation. Praktisch in jedem zweiten Satz fällt mindestens einmal das böse Wort mit F... Sei es drum: Zum Schlapplachen ist der Film so oder so, denn auch auf Deutsch macht er riesig Spaß. Die Stimmen passen zu den Figuren, die Sprecher machen ihre Sache klasse. Da macht es auch nichts, dass z.B. John Goodman nicht von seinem üblichen Sprecher synchronisiert wird. Die Umbesetzung macht hier absolut Sinn. Helmut Krauss, der schon Samuel L. Jackson in "Pulp Fiction" genial sprach, passt wunderbar.

The Big Lebowski: Chips und das Lieblings-Bier dazu, und der Abend ist gerettet. Der richtige Film am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Einfach absoluter Kult! Ein herrlich schräger Klassiker. Und: Vom norwegischen Bowling-Verband empfohlen!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 1, 2013 9:21 PM MEST


Rio Bravo (Premium Edition) [2 DVDs]
Rio Bravo (Premium Edition) [2 DVDs]
DVD ~ John Wayne
Wird angeboten von Crazydeal Dein An & Verkauf
Preis: EUR 36,00

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Howard Hawks, 1. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Rio Bravo (Premium Edition) [2 DVDs] (DVD)
"Rio Bravo" (1959) ist Howard Hawks` Antwort auf Fred Zinnemanns "High Noon" (1952). Rein künstlerisch oder darstellerisch hatte Hawks an "High Noon" nichts auszusetzen. Ihm missfiel vielmehr die grundlegende Einstellung des Filmes.

Dass ein Gesetzeshüter, statt wie ein Profi einfach seinen Job zu machen und mit dem zurechtzukommen, was er nun mal zur Verfügung hat, in der Stadt herumwandern und sogar Zivilisten um Hilfe bitten muss, empfand Hawks als zutiefst unamerikanisch. Dass sich die Gemeinschaft von ihm abwendet und ihm am Ende seine eigene Ehefrau, eine Quäkerin, das Leben rettet, konnte und wollte Hawks ebenfalls nicht akzeptieren.

In John Wayne fand er schnell einen Gleichgesinnten und so taten sich die beiden nach ihrer sehr erfolgreichen Arbeit an "Red River" (1948) zum zweiten Mal zusammen.

Um es an dieser Stelle zu betonen: Ich selbst halte "High Noon" für einen absolut großartigen Film, bewundere aber auch die Western eines John Ford oder eben Howard Hawks. "High Noon" mit "Rio Bravo" zu vergleichen, halte ich, trotz einiger eindeutiger Parallelen zwischen den beiden Filmen, nur zum Teil für angebracht. Insgesamt sind die Unterschiede enorm. Beide Werke stehen auf ganz eigenen Beinen und sind, jedes für sich, Meisterwerke.

Nach dem Desaster mit seinem letzten Film, dem Monumental-Epos "Land der Pharaonen" (1954), übrigens Martin Scorseses heimlicher Lieblings-Film, zog sich Hawks für vier Jahre nach Europa zurück, wo er schnell das Fernsehen und seine Serienformate zu schätzen lernte. Hawks erkannte, dass die Zuschauer vor allem deshalb Woche für Woche einschalteten, weil ihnen die Figuren so ans Herz gewachsen waren. Der Plot der jeweiligen Folge war zweitrangig.

Als Hawks schließlich nach Hollywood zurückkehrte, hatten auch in Amerika längst Serien die Bildschirme erobert. Die meisten und populärsten dieser Serien waren Western. Hawks wandte sich mit seinen Plänen für einen neuen Kino-Film an Jack Warner, den Boss von Warner Brothers. Als der Regisseur durchblicken ließ, er wolle einen Western mit John Wayne in der Hauptrolle drehen, erhielt er schneller als erwartet grünes Licht. Als Drehbuchautoren wurden Leigh Brackett und Jules Furthman verpflichtet, die beide schon mit Hawks zusammengearbeitet hatten.

Hawks wollte mit "Rio Bravo" einen kommerziellen Spielfilm drehen, in dem er seine persönlichen Wertvorstellungen von professionellem Verhalten, Vertrauen und Freundschaft zum Ausdruck bringen konnte. Stilistisch sollten sich die Zuschauer an eine Fernsehserie erinnert fühlen. Der vermeintliche Haupt- Plot des Filmes, die Konfrontation mit den von außen agierenden Schurken, ist gar nicht so wichtig, vielmehr enthält Rio Bravo mehrere sogenannte Subplots, Handlungsstränge, die es dem Publikum ermöglichen sollen, die Figuren lieb zu gewinnen und die, jeder für sich, auch Episoden einer TV-Serie hätten sein können.

Sheriff John T. Chance (John Wayne) hat den Bruder des reichen, mächtigen Nathan Burdette wegen Mordes inhaftiert. Burdette, der das Geschehen in der Stadt kontrolliert, will seinen Bruder notfalls mit Gewalt aus dem Gefängnis holen. Chance stehen nur zwei Gefährten zur Seite: der alkoholkranke Deputy Dude (Dean Martin) und der alte, hinkende Stumpy (köstlich: Walter Brennan).

Das Office mit dem Gefängnis wird gewissermaßen zu einer Art Alamo-Stellung. Hier harren Chance und seine Freunde der Ankunft des Marshalls.

Howard Hawks lässt die Geschichte absichtlich in klar definierten Grenzen spielen. Dies gilt auch für die räumliche Ausdehnung der Ereignisse. Die Stadt Rio Bravo wirkt wie ein ganz eigener Mikrokosmos, fast abgeschnitten von der Außenwelt.

Als Pat Wheeler (Ward Bond), ein alter Freund von Chance, nach Rio Bravo kommt und ihm Hilfe anbietet, lehnt Chance ab. Er will keine Amateure an seiner Seite, selbst wenn sie es noch so gut meinen. Profis, selbst wenn sie ihre Schwächen haben, sind ihm lieber. Schon gar nicht will er unbeteiligte Zivilisten in Gefahr bringen. Das ist Howard Hawks pur.

Das Gespräch zwischen Chance und Wheeler bringt es auf den Punkt: "A cripple and a drunk, that`s all you got?" Darauf antwortet Chance: "That`s what I got". Der Held ist bei Hawks ein absoluter Profi und lässt sich nicht beirren, und das soll auch für diejenigen gelten, von denen er sich gegebenenfalls helfen lässt.

Wenig später wird der redselige Wheeler auf offener Straße erschossen. Sein junger Schützling Colorado (Ricky Nelson) bleibt in der Stadt und will Chance dabei unterstützen, die Mörder zur Verantwortung zu ziehen.

Zusätzlich muss Chance sich mit der jungen, höchst attraktiven Feathers (Angie Dickinson) herumschlagen, die im Hotel abgestiegen ist, das der Mexikaner Carlos (Pedro Gonzales) mit seiner Frau betreibt. Chance hält Feathers zunächst für eine Betrügerin, eine Falschspielerin. In gewissem Sinne ist sie wirklich auf der Flucht, doch sie ist keine Gaunerin. Sie ist heimatlos, wird irrtümlich steckbrieflich gesucht. Eine junge Frau, die unabsichtlich in den Kampf gegen Burdette hineingezogen wird.

Eine Frauenfigur, die den männlichen, coolen Helden ganz schön ins Schwitzen bringt und die viel mehr ist als bloßes Augenfutter, weil sie ihre Standpunkte hat und sich zu behaupten weiß. Das kennen wir spätestens seit "Haben und Nichthaben" (To have and to have not, 1944), als Lauren Bacall Humphrey Bogart mit Pfiff um den Finger wickelte. Auch das ist Howard Hawks pur.

In "Rio Bravo" zitiert Howard Hawks sich praktisch selbst. Die sich entwickelnde romantische Beziehung zwischen dem viel älteren Chance und der jungen Feathers erinnert absichtlich an Bogart und Bacall. Sicherlich eine dieser typischen Männerphantasien, doch dank der leichtfüßigen Inszenierung und den wunderbaren Schauspielern funktioniert das alles.

Frauenfiguren wie sie Lauren Bacall, Rosalind Russell oder eben Angie Dickinson unter seiner Regie spielten, schätzte Hawks besonders, weil sie den Männern ebenbürtig gegenübertreten und sich nicht scheuen, ihnen Contra zu geben. John T. Chance trägt übrigens Züge des Regisseurs. Howard Hawks hatte auch während seiner insgesamt drei Ehen immer wieder Affären, besonders mit deutlich jüngeren Frauen.

Überhaupt spielt John Wayne hier eine seiner schönsten Rollen. Der Duke, bereits Anfang 50, ist hier ganz in seinem Element. Nie zuvor und nie wieder danach war er so cool wie hier. Er ist das Kraftzentrum in der Gruppe, für die er die Verantwortung trägt. Er macht die Ansagen, ist harter Hund und echter Kumpel in einem und er steht zu seinem Wort. Ein echter Leader, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann, der aber auch seine Grenzen kennt. Auf Colorados Frage, warum er sein Gewehr immer und überall bei sich habe, antwortet Chance, er habe herausgefunden, dass es Männer gibt, die mit einem Revolver schneller sind als er...

Eine Männerriege, in der eine absolut klare Hierarchie herrscht. John Wayne spielt wunderbar die für ihn so typisch gewordene Rolle des Patriarchen, der seinem Assistenten und gestraucheltem Kumpel Dean Martin wieder auf die Beine zu helfen versucht. Chance weiß um Dudes eigentliche Stärken und weigert sich, ihn fallen zu lassen. Walter Brennan gibt unnachahmlich die zänkische, gleichzeitig stets besorgte, sich nach Anerkennung sehnende Vater/-Mutterfigur. Die Kabbeleien zwischen diesen dreien verleihen diesem Film eine große Portion seines unverwechselbaren Humors.

Besonders beschwört Hawks seine Idealvorstellung von (männlicher) Kameradschaft in der Szene, in der die mittlerweile durch Colorado zum Quartett gewordenen Freunde im Gefängnis gemeinsam musizieren.

Angie Dickinson glänzt als Frau, die durch ihre herzhafte Art dem Anführer den Kopf verdreht und Ricky Nelson ist der junge Bursche, der zu der alt eingesessenen Männergruppe dazugehören will und seine Fähigkeiten auch später unter Beweis stellt, als er Chance mit der Hilfe von Feathers das Leben rettet.

In der zur Legende gewordenen Eröffnungssequenz des Filmes zeigt Hawks bereits seine ganze Meisterschaft als Regisseur. Über vier Minuten lang wird kein Wort geredet und dabei werden bereits mehrere Handlungsstränge etabliert, Figuren und ihre Beziehung zueinander werden vorgestellt. Vordergründig geht es um den Mord, den Joe Burdette (Claude Akins) im Saloon begeht, doch das erste, was wir sehen ist Dude, der die Kneipe durch die Hintertür betritt. Als er ein Geldstück aus einem Spucknapf klauben will, um sich damit einen Whisky zu kaufen, geht Chance dazwischen. Man achte hier besonders auf die Perspektive der Kamera...

Im weiteren Verlauf des Filmes wird immer klarer, dass Dude, dem die Mexikaner den Spitznamen "Borrachon" (Säufer) verpasst haben, die eigentliche Hauptfigur des Filmes ist. Die Figur trägt starke Züge seines Darstellers. Dean Martin hatte wie Dude nach einer unglücklichen Liebschaft selbst lange mit Alkoholproblemen zu kämpfen. Martin spielt wirklich ganz stark! Neben einem Schwergewicht wie John Wayne und einem Veteranen wie dem dreifachen Oscar-Preisträger Walter Brennan nicht zu verblassen ist schon eine bemerkenswerte Leistung.

Dean Martin, der auch den Titelsong singt, spielt einen Mann, der seine Würde, seine Selbstachtung zurückgewinnen und die Zweifel an seinen eigenen Fähigkeiten überwinden muss. Er muss wieder lernen, der Profi zu sein, der er war, bevor er anfing zu trinken und sich den Respekt der Gemeinschaft wieder erarbeiten, doch ohne Hilfe schafft er es nicht.

Howard Hawks inszenierte diesen Klassiker mit einer entwaffnenden Lässigkeit. Er lässt sich Zeit, konzentriert sich auf die Figuren und schafft so magische Momente mit Szenen, in denen vordergründig eigentlich rein gar nichts passiert. Die Kamera-Arbeit ist exquisit und kommt ohne Mätzchen aus. Die Musik von Dimitri Tiomkin erklingt ebenfalls angenehm dezent. Selbst bei Actionszenen sieht der Regisseur offenkundig keine Veranlassung, ein besonders hohes Tempo anzuschlagen. So steuert die Geschichte auf einen Showdown zu, in dem auch der wegen seiner Behinderung zurückgewiesene Stumpy, der mit den Burdettes noch eine alte Rechnung offen hat, einen großen Auftritt haben wird...

Die mexikanische Melodie, die Burdette spielen lässt, um seine Gegner einzuschüchtern, wurde übrigens eigens für diesen Film komponiert. John Wayne gefiel das Stück so gut, dass er später in seinem eigenen Film "The Alamo" (1960) eine Variation davon für den Soundtrack verwendete und Dimitri Tiomkin als Komponisten verpflichtete.

Rio Bravo gilt heute als wichtigstes, persönlichstes Werk von Howard Hawks, der der Lieblings-Regisseur von Quentin Tarantino ist. Dieser bezeichnete Rio Bravo einmal als vielleicht besten Kumpel-Film, der je gedreht wurde. Der Film war seinerzeit zwar ein großer Kassenschlager, seinen Status als Meisterwerk erlangte er aber erst viel später.

Howard Hawks filmisches Gesamtwerk fand erst die ihm gebührende Anerkennung, als der Regisseur seine Karriere längst beendet hatte. Erst wenige Jahre vor seinem Tod erhielt er einen Oscar für sein Lebenswerk.

Die hier vorliegende 2-Disc Special Edition bietet auf Disc 1 den Film in voller Länge im Bildformat 1:85/ 16:9 anamorph. Auf einem entsprechend kompatiblen und eingestellten Fernseher kann man ihn nun im Vollbild ohne störende Balken genießen. Bei einem großen Flachbild-Gerät wäre man etwas näher am Kino-Erlebnis. Das Bild wurde sorgfältig restauriert und ist für einen Film dieses Alters wirklich ausgezeichnet.

Der Ton ist ebenfalls sauber aufbereitet und liegt auf Deutsch, Englisch und Spanisch vor. In der deutschen Fassung handelt es sich um die Original-Synchronisation der Kinofassung.

John Wayne und Dean Martin werden nicht von ihren üblichen Sprechern synchronisiert. Trotzdem passen die Stimmen zu den Figuren. John Wayne wird von Ernst Konstantin gesprochen, dessen Stimme der von Heinz Engelmann ähnelt, der Wayne in den 50er Jahren sehr oft sprach. Dean Martin wird hier von Holger Hagen synchronisiert, der deutschen Standard-Stimme von Richard Burton, und Walter Brennan wird auf deutsch geradezu genial von Hans Hessling zum Leben erweckt. Alles in allem ist die Übertragung der Dialoge ins Deutsche gut gelungen, wobei ich das amerikanische Original, vor allem wegen der herrlich flapsigen Sprüche, trotzdem vorziehe.

Es gibt jede Menge Untertitel, aber leider nicht für den sehr informativen Audio-Kommentar, den Filmkritiker Richard Schickel und Regisseur John Carpenter zusammen sprechen.

Die restlichen Extras befinden sich auf der zweiten Scheibe. Ein Rückblick mit einigen echten Howard Hawks-Experten, u.a. Peter Bogdanovich auf die Entstehung und den späteren, bis heute anhaltenden Einfluss des Filmes, in dem unter anderem Angie Dickinson, die einzige Überlebende der Ur-Besetzung auf die Dreharbeiten zurückblickt und auch archivierte Tonband-Aufnahmen von Howard Hawks zu hören sind, ist ebenso enthalten wie eine kürzere Doku über das legendäre Studio Old Tuscon, in dem neben zahllosen Episoden von TV-Serien auch die Außenaufnahmen von Rio Bravo gedreht wurden.

Das dritte große Extra ist eine schon etwas ältere Dokumentation in Spielfilmlänge von Richard Schickel aus der Reihe "The Men, Who Made The Movies" über Leben und Karriere von Howard Hawks. Der Meister, der in so vielen verschiedenen Genres unvergessliche Filme schuf, äußert sich auch persönlich. Sydney Pollack führt als Erzähler durch den Film.

Das Grundmuster von "Rio Bravo" variierte Hawks später mit "El Dorado" (1966) und "Rio Lobo" (1970), jeweils ebenfalls mit John Wayne in der Hauptrolle. Wayne spielt darin natürlich nicht mehr Sherriff Chance sondern andere Charaktere, aber aufgrund der Parallelen bilden diese drei Western eine Art inoffizielle Trilogie.

Rio Bravo ist ein Klassiker von legendärer Coolness. Lässig, unaufdringlich und voller Weisheit. Der Film ist durch die Bank toll gespielt, geschrieben und inszeniert von einem, der es einfach drauf hatte. Genau das Richtige für echte Western-Fans und solche, die es werden wollen. Auf jeden Fall der perfekte Film für eine Clique guter (Männer-)Freunde.

Nachtrag: Einige, die sich diesen Film auf Bluray zugelegt haben, scheinen mit der Bild-und Tonqualität der blauen Scheiben gar nicht glücklich zu sein. Ich wollte mir Rio Bravo ursprünglich ebenfalls in der High Definition-Version zulegen, habe aber, nachdem ich einige negative Reviews gelesen hatte, davon Abstand genommen. Vielleicht sind die Mängel der Bluray bei neuen Pressungen ja inzwischen beseitigt worden. Ansonsten kann man bei der "normalen" Doppel-DVD meines Erachtens bedenkenlos zugreifen!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 28, 2013 7:11 AM CET


Der Mann, der Liberty Valance erschoss [Blu-ray]
Der Mann, der Liberty Valance erschoss [Blu-ray]
DVD ~ James Stewart
Preis: EUR 9,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Legenden, 19. Juni 2013
"The Man, Who Shot Liberty Valance" gehört zu einer Reihe kritischer Western John Fords, gilt heute vollkommen zu Recht als Klassiker und Meisterwerk und wurde, dem Thema angemessen, in schwarzweiß gedreht. Dieser Western entstand 1962 für Paramount Pictures nach einer Vorlage von Dorothy M. Johnson. Hauptverantwortlich für das Drehbuch war diesmal James Warner Bellah, der John Ford bereits die Vorlagen für seine berühmte Trilogie über die US-Kavallerie (1948-1950) geliefert hatte.

Hier haben sich passenderweise drei schon zu Lebzeiten echte Legenden zusammengetan: Regisseur John Ford und seine beiden Stars John Wayne und James Stewart. Es ist der letzte Western, den Ford und Wayne zusammen gedreht haben. Der Kreis zu "Stagecoach" (1939), ihrer ersten bedeutenden Zusammenarbeit, schließt sich in vielerlei Hinsicht und wir sehen einmal mehr, dass Fords Western der 50er und 60er Jahre viel düsterer und pessimistischer daherkommen als seine Frühwerke aus den 30er und 40er Jahren. Das einst so simple Schema von Gut und Böse entwickelt sich weiter und räumt einer realistischen Tragik Platz ein.

Ringo Kid, der von John Wayne gespielte junge Held aus "Stagecoach", war, obwohl mit dem Gesetz in Konflikt, ein eigentlich grundanständiger Kerl, der sich seinen Todfeinden in einem aufrechten Duell stellt und am Ende mit der Dame seines Herzens in den Sonnenuntergang reitet. In diesem Film nun, fast ein Vierteljahrhundert nach "Stagecoach", wird der von John Wayne gespielten Figur, ebenfalls ein Ehrenmann, ein gänzlich anderes Schicksal beschieden sein...

Ford spickt diesen Abgesang mit zahlreichen Anspielungen auf sein wegweisendes Frühwerk. Etwa übermittelt in beiden Filmen die von Andy Devine gespielte Figur dem Schurken die Nachricht, dass sein Kontrahent auf ihn wartet und der Doktor des kleinen Städtchens (Ken Murray) gilt wie einst Doc Boone als dem Alkohol sehr zugetan.

In "The Man, Who Shot Liberty Valance" finden sich aber noch zahlreiche weitere Anspielungen und Verweise auf frühere Ford-Filme. Dass Ford Themen und Motive immer wieder aufgreift, variiert und ausbaut, die er schon einmal oder mehrfach in anderen Filmen, nicht nur in anderen Western, behandelt hat, ist eines seiner Markenzeichen. Sein Gesamtwerk hat eine nicht nur im amerikanischen Kino einmalige innere Geschlossenheit.

Auch diesmal kehren neben John Wayne wieder einige Veteranen zurück, die bereits mehrfach mit Ford gearbeitet hatten. Andy Devine spielte unter anderem in "Stagecoach" den schrulligen Kutscher Buck. John Carradine den Spieler Hatfield. Woody Strode war neben James Stewart in "Zwei ritten zusammen" (Two Rode Together, 1961) zu sehen und spielte in "Der schwarze Sergeant" (Sergeant Rutledge, 1960) sogar die Titelrolle. Vera Miles war in "Der Schwarze Falke" (The Searchers, 1956) dabei, in dem John Qualen ebenfalls ihren Vater spielte. Daneben gibt es noch einige kleinere Cameo-Auftritte aus Fords regulärem Team von regelmäßig wiederkehrenden Nebendarstellern.

John Ford nutzt die Riege an Schauspielern, die er im Laufe der Jahrzehnte abwechselnd immer wieder in Haupt-und Nebenrollen eingesetzt hat, nicht aus purer Bequemlichkeit. Es geht ihm vielmehr darum, der Entwicklung Ausdruck zu verleihen, die er selbst durchgemacht hat, und seine sich verändernde Wahrnehmung über den Zustand Amerikas aufzuzeigen. Das Genre des Westerns war für ihn in dieser Hinsicht immer die ideale Ausdrucksform. Durch die vertraut gewordenen Gesichter wird die filmische und erzählerische Vision der Welt, die er porträtiert, dem Publikum zugänglich und begreifbar.

"The Man, Who Shot Liberty Valance" gehört zu den besten Western, die je gedreht wurden, auch wenn er vielleicht nicht Fords bekanntester Film ist und eher selten in einem Atemzug mit "The Searchers"(1956), "The Grapes Of Wrath"(1940), "How Green Was My Valley"(1941), "The Quiet Man" (1952), der Kavallerie-Trilogie (1948-1950), "My Darling Clementine" (1946) oder eben "Stagecoach" (1939) genannt wird.

Die Inszenierung ist insgesamt viel mehr in Innenräumen angesiedelt als in anderen Ford-Western, besonders "The Searchers" (1956). Die zum Markenzeichen gewordenen Landschaftsaufnahmen aus Fords Lieblings-Drehort Monument Valley sucht man diesmal vergebens. Nur ganz wenige Szenen spielen unter freiem Himmel. Angeblich war Ford dazu gezwungen, fast ausschließlich im Studio zu drehen, weil Paramount ihm kein größeres Budget genehmigen wollte. Und doch ist der Stil der Inszenierung in seiner Ökonomie typisch für Ford. Expositionen reduziert er auf das Wesentliche, indem er die Figuren in nur wenigen, kurzen Szenen und Kameraeinstellungen vorstellt. Ebenso präzise wie die Visualisierung sind bei Fords Filmen die geschliffenen Dialoge. Die Dramaturgie ist bei John Ford, gerade wegen dieser Ökonomie, gewohnt straff. Seine Filme deshalb aber für simpel gestrickt zu halten, wäre ein schlimmer Fehler. Fords Werke zeichnen sich durch eine thematische Vielfalt und unglaubliche Komplexität aus, die sich oft nicht auf den ersten Blick erschließt. Die Verwendung von Schwarzweiß ermöglicht es Ford, kongenial den Effekt von Licht und Schatten einzusetzen, speziell in der Rückblende, die das Duell auflöst.

Senator Ransom Stoddard (James Stewart), hochgeachtet und in Ehren ergraut, kehrt nach vielen Jahrzehnten zurück in das Städtchen Shinbone. Er und seine Frau Hallie, die er dort einst kennen-und lieben lernte, sind gekommen, um an der Beisetzung ihres alten Freundes Tom Doniphon teilzunehmen. Kaum sind die beiden aus dem Zug gestiegen, wird der prominente Politiker von der örtlichen Presse zu einem Interview genötigt. An der Beerdigung hat die schreibende Zunft kein Interesse. Tom Doniphon starb einsam, verarmt und vergessen. Aber wenn ein Mann wie Ransom Stoddard nach Shinbone kommt: Das sind Neuigkeiten! Es geht um die Legende, die den Senator umgibt. Er, der aus dem Osten der USA in den Wilden Westen kam, um sich als Jurist niederzulassen, gilt als Held, seit er damals den berüchtigten Banditen Liberty Valance erschoss...

Das Gespräch mit der Presse führt Stoddard in einem Raum, in dem, völlig verstaubt und ausrangiert, jene Kutsche steht, mit der er damals nach Shinbone gekommen war. Hier sieht man wieder einmal John Fords einmaligen Instinkt für Symbolik und die richtige Bildsprache. Die Kutsche ist das visuelle Bindeglied, zwischen dem Hier und Jetzt und den Jahrzehnte zurückliegenden Ereignissen, von denen der Senator nun erzählen wird. Während Stoddard dem Chefredakteur des Shinbone Star Rede und Antwort steht, besucht seine Frau Hallie die zerstörte Ranch des Verstorbenen. Tom Doniphon hatte den Bau des Haupthauses nie vollendet. Neben der Ruine- warum das Haus abgebrannt ist, wird erst gegen Ende des Filmes klar- blühen nun mehrere Kaktusrosen...

Hier schlägt John Ford bereits einen Bogen zurück zu einem seiner frühen Meisterwerke. In "Der junge Mr. Lincoln" (Young Mister Lincoln, 1939) trauert Abraham Lincoln (Henry Fonda) um seine erste große Liebe Anne Rutledge. Das seinerzeit von Alfred Newman komponierte musikalische Motiv kehrt nun wieder zurück. Sicherlich ist dies kein Zufall. Überhaupt findet man das Motiv der Trauer um einen zutiefst geliebten Menschen, einen Seelenverwandten, in vielen Filmen John Fords wieder. Ebenfalls findet sich in dieser Szene ein Verweis zurück auf "Stagecoach". Ringo besitzt ebenfalls eine Ranch und baut an einem Wohnhaus, das noch nicht ganz fertig ist. Doch er wird es beenden, hat er doch endlich die Frau getroffen, die seine Gefühle erwidert und mit ihm kommen wird. Die Parallelen zwischen Ransom Stoddard und Abraham Lincoln sind ebenfalls auffällig. Beide begannen als blutjunge Juristen, und wurden später hoch angesehene Politiker.

Das Interview Stoddards, das einer Lebensbeichte gleichkommt, bildet die Rahmenhandlung des Films, dessen Geschichte nun in einer einzigen großen Rückblende erzählt wird. Es ist eine Parabel auf den Aufstieg einer von strahlenden Heldenmythen umwehten Nation, ein Aufstieg, dessen Wurzeln in Wahrheit in Gewalt und Blutvergießen liegen.

Der junge Anwalt der Rechte Ransom Stoddard befindet sich auf der Durchreise, als seine Kutsche nachts von Liberty Valance (Lee Marvin) und seinen Kumpanen (Lee van Cleef, Strother Martin) überfallen und ausgeraubt wird. Stoddard, der versucht, die anderen Fahrgäste vor den brutalen Übergriffen zu schützen, wird selbst übel zusammengeschlagen. Als Valance in Stoddards Reisegepäck dessen Gesetzesbücher erblickt, gerät der Bandit so in Rage, dass er zu seiner Peitsche greift: "I`ll teach you law, dude. Western Law!"

Der Überfall und seine Folgen sind gewissermaßen der Katalysator für alles, was im weiteren Handlungsverlauf geschehen wird. Stoddard wird in dem nahe gelegenen Städtchen Shinbone von der reizenden Hallie Ericsson (Vera Miles) wieder aufgepäppelt. Die Ericssons sind einfache, hart arbeitende, rechtschaffene Leute, also typische Ford-Figuren, die der Meister mit gewohnt viel Wärme und Sympathie zeichnet. Hallie und ihre Mutter sind, wie die meisten Einwohner des kleinen Städtchens, Analphabeten.

Hier begegnet er auch erstmals Tom Doniphon (John Wayne), einem in Shinbone und Umgebung hoch angesehenen Mann, der sein Geld mit der Zucht und dem Handel von Pferden verdient. Tom übergab den verletzten Stoddard vertrauensvoll in Hallies Obhut. Tom ist ein herzensgutes Rauhbein, das mit dem Bücherwurm aus dem Osten nicht viel anfangen kann. Tom und Stoddard sind sich zwar sympathisch, doch hält der kernige Rancher den Anwalt in seiner Art, die Dinge anzugehen, für etwas naiv und weltfremd. Konflikte sollten gelöst werden, wie Männer nun mal Konflikte lösen. Um das zu verteidigen und zu schützen, was einem lieb und teuer ist, sollte man auch bereit sein, zur Waffe zu greifen, eine Debatte über ein Thema, das Amerika bis heute in Atem hält und auf unbestimmte Zeit in Atem halten wird. Stoddard wiederum hat eine Abneigung gegen solcherlei. Er will auf seine Weise für Gerechtigkeit streiten und verbittet sich, dass ein anderer seine Schlachten für ihn schlägt...

Das Aufeinanderprallen zweier Welten. Osten trifft Westen. Bandit und Rechtsanwalt. Ein junger, fortschrittlich denkender Jurist und ein pragmatischer Rancher von altem Schrot und Korn. Und der Neuankömmling von der Ostküste wird zunehmend zur treibenden Kraft für die Ereignisse, die noch kommen werden.

Tom Doniphon und Ransom Stoddard stehen auf ihre Art beide für uramerikanische Werte wie Freiheit und Unabhängigkeit, jedoch sind ihrer beider Weltanschauungen im Grunde nur schwer oder gar nicht miteinander vereinbar. Tom schenkt seiner Angebeteten schon mal gerne eine Kaktusrose, die schönste weit und breit, wie er Hallie aus voller Überzeugung sagt, während Stoddard in einem unbeobachteten Moment unbefangen fragt, ob Hallie schon einmal eine echte Rose gesehen habe. Tom ist in Hallie verliebt und gedenkt, ihr einen Antrag zu machen, sobald er mit dem Bau seines Hauses fertig ist. Doch die Dinge werden einen anderen Verlauf nehmen...

Da Stoddard nach dem Überfall praktisch mittellos ist, bleibt er zunächst vor Ort und versucht einen Weg zu finden, Valance und seine Bande zur Rechenschaft zu ziehen, ohne dafür Gewalt anwenden zu müssen. Außerdem gründet er eine Schule und einen Kindergarten. Er bringt den Bewohnern von Shinbone Lesen und Schreiben bei und macht sie nebenbei mit der Verfassung vertraut: "Education is the basis of law and order!" Auch Toms schwarzer Diener Pompey (Woody Strode) gehört zu seinen Schülern. Mit dieser Figur behandelt John Ford ein weiteres wichtiges Thema: Die Behandlung von Schwarzen als Menschen zweiter Klasse. Bei der Wahl der Delegierten für den Konvent muss Pompey draußen vor dem Wahllokal bleiben. Es ist ihm ferner nicht gestattet, in der Taverne zu trinken. Als ausgerechnet Pompey in der Schulstunde den Passus aus der Verfassung zitieren soll, dass alle Menschen gleichgestellt sind und vor Nervosität nicht weiterweiß, sagt Stoddard sinnigerweise, diesen Teil vergessen die meisten Leute...

Ford webt die vielen verschiedenen Themen so in die Handlung ein, dass er den Zuschauer niemals mit der Nase darauf stößt. Er stellt durch die Balance der Szenen im Gesamt-Konstrukt aber sicher, dass man der Problematik im Kontext gewahr wird und versteht, worum es geht.

Ransom Stoddard arbeitet für freie Kost und Logie in dem gut gehenden Lokal, das Hallies Eltern Peter (John Qualen) und Nora (Jeanette Nolan) betreiben. Dass es mit dem Gesetz nicht allzu weit her ist und im Westen rauhe Sitten herrschen, merkt er auch hier schnell. Liberty und seine Bande machen weiter die Gegend unsicher, kommen auch nach Shinbone und schüchtern die Leute ein. Selbst die Vertreter von Recht und Gesetz, die vermeintlichen Autoritäten von Shinbone, leisten aus Angst praktisch keine Gegenwehr. Marshall Link Appleyard (Andy Devine) ist ein verfressener Weichling. Und auch Dutton Peabody (Edmund O. Brien), Gründer und Herausgeber der örtlichen Zeitung, kuscht vor der Gewalt und trinkt sich die Lage lieber schön. Angesichts der Situation entschließt sich Ransom Stoddard bald, mit Schießübungen zu beginnen, was er Hallie, die sich zunehmend um ihn sorgt, aber verschweigt. Als sie herausfindet, weshalb Stoddard die Stadt immer wieder heimlich verlässt, bittet sie Tom, ihm ins Gewissen zu reden...

Die nördlich des Picketwire River ansässigen großen Rinder-Barone setzen die Gemeinde von Shinbone zusätzlich unter Druck. Die Viehzüchter beanspruchen das Land südlich des Picketwire River als Weideland für ihre Herden. Die Barone selbst bekommt man im Film praktisch nie zu sehen. Später im Konvent, als es um die Nominierung der Kongress-Mitglieder geht, führt Major Cassius Starbuckle (John Carradine) für sie das Wort.

Anspruch auf den Titel, der gefährlichste Mann südlich des Picketwire zu sein, erheben sowohl der Bandit Valance als auch Tom Doniphon, doch in Wirklichkeit gilt diese Bezeichnung wohl eher für Ransom Stoddard, der den Viehbaronen aus dem Norden mit seinen politischen Bestrebungen in die Parade fährt.

Stoddard mobilisiert mit Hilfe der Zeitung die Bevölkerung südlich des Picketwire und lässt demokratische Wahlen durchführen. Er selbst wird, nachdem Tom die Offerte abgelehnt hat, zusammen mit Peabody als Delegierter nominiert, der die Interessen der Gemeinde im Konvent der Territorien vertreten soll. Die Barone aber haben längst Männer wie Liberty Valance angeheuert, um südlich des Flusses notfalls mit Gewalt für Ordnung zu sorgen. Liberty Valance und seine Kumpane verwüsten die Redaktion der Zeitung. Der wehrlose Peabody wird fast tot geprügelt. Nun ist für den so friedliebenden Anwalt von der Ostküste das Maß voll. Ausgerechnet der zuvor für Gewaltlosigkeit plädierende Stoddard greift selbst zur Waffe und stellt sich Liberty Valance zum Duell...

Vor dem Showdown spielt Liberty Valance im Saloon Poker. Er gewinnt das Spiel mit Achten und Assen. Dieses Blatt nennt man seit Wild Bill Hickock "Dead Man`s Hand" , ein Vorverweis darauf, dass Valance die Konfrontation nicht überleben wird. Als in "Stagecoach" (1939) schließlich die Kutsche am Ziel in Lordsburg eintrifft, pokert Ringos Todfeind Luke Plummer gerade im Saloon und gewinnt mit demselben Blatt wie Liberty Valance...

Das örtliche Käseblatt stürzt sich lieber auf das nun zu erwartende Duell zwischen Ringo und den Plummer-Brüdern, anstatt, wie eigentlich geplant, über einen republikanischen Konvent zu berichten. Ford betrachtet die Rolle der Medien also schon in "Stagecoach" kritisch. Die schreibende Zunft drechselt nämlich bereits an einem Artikel, bevor überhaupt ein einziger Schuss gefallen ist. Ringo werde die Konfrontation nicht überleben, so die vorgefasste Meinung. Guter, ehrlicher Journalismus sieht anders aus. Die Gier nach Sensationen erstickt jede Objektivität und kann so der Bildung falscher Mythen Vorschub leisten, die sich dann im Bewusstsein der Gesellschaft manifestieren.

Recht und Gesetz gegen Gewalt und Anarchie. Dieses Thema prägte bereits Fords Klassiker "Faustrecht der Prärie" (My Darling Clementine, 1946). Gegenüber stehen sich die beiden Antipoden, das Beste und das Schlimmste, was der American Frontier hervorbringen kann. Hier der edle Wyatt Earp (Henry Fonda) und seine Brüder, dort das personifizierte Böse, der seine Peitsche schwingende alte Clanton (Walter Brennan) und seine Söhne. Dies findet sich nun als Variation wieder in der Konfrontation zwischen Ransom Stoddard und Liberty Valance. Der Bandit repräsentiert die rohe Gewalt, das Unzivilisierte, das Recht des Stärkeren. Stoddard kämpft zunächst mit der Macht des Wortes. Dass die Trennlinie zwischen einem aufrechten Mann und einem Mörder mitunter hauchdünn sein kann, zeigt Tom Doniphon, der sich letztlich als die Schlüsselfigur dieser ambivalenten Geschichte erweist.

Schon der Moment im Lokal, als Tom und Liberty Valance sich gegenüber stehen, nachdem der Bandit erneut den arglosen Stoddard erniedrigt hat, der Tom gerade sein Abendessen servieren wollte, lässt ahnen, dass diese beiden noch nicht miteinander fertig sind. Stoddard wirkt in seiner Kellner-Schürze im Vergleich zu Valance und Doniphon wie ein Weichei. John Ford nutzt den optischen Kontrast an dieser Stelle ganz bewusst im Hinblick auf die noch kommenden Ereignisse. Zum ersten Mal befindet sich das Trio Liberty Valance- Tom Doniphon- Ransom Stoddard im selben Raum. Dies wird nur noch ein weiteres Mal der Fall sein, nämlich am Tag der Wahl für den territorialen Konvent. Der Bandit kommt mit seinen Kumpanen zu der Versammlung und will sich ebenfalls nominieren lassen. Diese Szenen zeigen besonders gut, welche Philosophien hier aufeinander treffen.

Gegen Ende des Filmes, nach dem "Duell", wird Tom sich in der Taverne vor Kummer und Selbstverachtung betrinken. Sein Verhalten, erinnert hier durchaus an Doc Holiday (Victor Mature) in "Faustrecht der Prärie" und seinen Selbsthass, den er mit Alkohol zu betäuben pflegt. Holiday ist zwar kein Verbrecher, wirkt aber wie ein Ausgestoßener und ist es aufgrund seiner persönlichen Situation auch. Im Falle von Tom Doniphon erfahren wir als Zuschauer erst später, wie und warum es zu seinem Zusammenbruch kam...

Tom und Liberty sind, obwohl sie im Grunde derselben Welt, nämlich dem Old West angehören, Gegenspieler hinsichtlich der Werte, für die beide repräsentativ stehen. Tom ist der ehrliche, aufrechte Rancher, der sesshaft sein, heiraten und eine Familie gründen will. Liberty ist der gewalttätige Outlaw, ein Soziopath, der überall dort lebt, wo er seinen Hut aufhängen kann und sich einfach nimmt, was er will. Dies ist seine Definition von Freiheit und ihrer Wertigkeit, die der Bandit bereits in seinem Namen trägt. Wenn es also nach dem Duell heißt: "Liberty is dead!", ist dies im Kontext der Ereignisse durchaus mit einer ironischen Doppeldeutigkeit behaftet.

Freiheit der Presse, Demokratie, das Recht auf Selbstbestimmung und das Streben nach staatlicher Souveränität: Was mit dem fiktiven Städtchen Shinbone passiert, steht exemplarisch für die Pionierzeit der Vereinigten Staaten. Hier wird der Aufbruch einer ganzen Nation in eine neue Ära gezeigt. Das Städtchen, in das Bildung, Recht und Gesetz in der Figur des jungen Anwalts aus dem Osten Einzug gehalten haben, blüht weiter auf und profitiert später auch von der Eisenbahn, für die das Gebiet erschlossen wurde. Der junge Stoddard war noch gezwungen, mit der Kutsche auf unsicheren Pfaden zu reisen, der alte Mann genießt mit seiner Frau die Annehmlichkeiten des Schienenweges. Der technische Fortschritt bricht sich seine Bahn. Das Eiserne Pferd, dem John Ford bereits in seiner Stummfilm-Ära filmisch Referenz erwiesen hatte, (The Iron Horse, dt. Das Feuerroß, 1924) ersetzt immer mehr das Pferd aus Fleisch und Blut. Nachrichten werden in bemerkenswert kurzer Zeit per Telegrafie übermittelt. Und die kleine Lokalzeitung ist zu einem Massenmedium geworden, das landesweit berichtet.

Wie so oft erzählt John Ford eine ganz auf die Figuren zugeschnittene, vielschichtige, sehr intime Geschichte, die vor dem Hintergrund wichtiger Ereignisse der US-Geschichte spielt, wobei das genaue Jahr in diesem Film wohl absichtlich ungenannt bleibt. Er kann sich dabei wieder auf ein starkes Drehbuch und bis in die Nebenrollen hervorragende Schauspieler verlassen. Dass James Stewart und John Wayne bei den Dreharbeiten eigentlich schon zu alt für ihre Rollen waren, fällt bei der packenden Inszenierung gar nicht auf. Dank einiger kauziger Nebenfiguren bleibt auch der typische Ford- Humor nicht auf der Strecke. Die Kabbeleien zwischen dem Ehepaar Ericsson sorgen ebenso für amüsante Momente wie Hallies resoluter Umgang mit der Männerwelt. All diese mit Humor gewürzten Szenen bieten aber immer auch ein Kompendium der Schlüsselthemen, um die es in diesem Film geht. Besonders die Schulstunde, die von Tom Doniphon abrupt beendet wird, ist ein subtiler Geniestreich. John Ford at his best!

Eine Überzeichnung von Charakteren wie dem Mann des Gesetzes Link Appleyard oder dem Mann der Presse Dutton Peabody nimmt Ford aber keineswegs nur vor, um beim Publikum für Lacher zu sorgen. Indem er solche vermeintlich einflussreichen Charaktere absichtlich deutlich karikiert und John Waynes Figur dazu die passenden Kommentare abgeben lässt, verleiht der Regisseur seinem eigenen, im Laufe der Jahrzehnte immer tiefer gewordenen Pessimismus Ausdruck. Ford geht in diesem Film sogar so weit, auf die für ihn so typischen rituellen Einlagen unbeschwerten Zusammenlebens bis auf wenige Momente jeweils bevor Valance auftritt, zu verzichten. Nicht einmal die Beerdigung wird gezeigt. Denn die Ernsthaftigkeit seines Anliegens verliert John Ford zu keiner Sekunde aus den Augen. Der Entwicklung der Figuren, vor allem dem Aufstieg Ransom Stoddards und dem gleichzeitigen Niedergang Tom Doniphons, gilt sein ganzes Interesse. Für Männer vom alten Schlag wie Tom Doniphon wird in diesem Westen, betrachtet man den unaufhaltsam fortschreitenden Lauf der Geschichte, kein Platz mehr sein. Die Bitternis, die in all dem liegt, was Ford dem Publikum hier vorsetzt, ist unübersehbar.

Stoddard macht Karriere in der Politik. Er wird auf dem Konvent als Vertreter im Kongress in Washington nominiert. Er wird Hallie heiraten, die eigentlich Toms große Liebe war, und fortan als Legende gelten. Doch wie das mit Legenden so ist: Sie haben eine ganz eigene Wahrheit...

Der alte Senator erzählt der Presse, was wirklich geschah in jener Nacht, als es zum Duell kam. Doch diese Version wird nie jemand lesen, so entscheidet der Journalist, nachdem er die ganze Geschichte gehört hat. Denn das ist der Westen, und die Legenden sollen um jeden Preis bewahrt werden: "When the legend becomes fact, print the legend!"

Mit dem Thema der typischen Legendenbildung im amerikanischen Westen hat sich John Ford, zumindest ansatzweise, bereits in "Bis zum letzten Mann" (Fort Apache, 1948), dem ersten Film der Kavallerie-Trilogie, kritisch auseinandergesetzt. Am Ende erzählt Captain Kirby York (John Wayne) eine geschönte Version der "Verdienste" von Colonel Thursday (Henry Fonda). Dieser bleibt auch nach seinem Tod als Held in Erinnerung, obwohl er in seiner Arroganz und Verbohrtheit seine Männer in ein Massaker führte. Wir, die Zuschauer, haben aber im Bild gesehen, wie es wirklich war. Dadurch dass Ford dem Publikum die Wahrheit zeigt, macht er deutlich, dass Geschichte letztlich von Menschen zu Papier gebracht und überliefert wird, und demzufolge nicht unbedingt korrekt sein muss. Nun schließt sich in "The Man, Who Shot Liberty Valance" auch dieser Kreis. Den tödlichen Schuß auf den Outlaw gab nicht der Senator ab...

"Get out of that shadow, dude", sagt der Bandit zu seinem Kontrahenten, als die beiden sich zum Duell gegenüberstehen. Und Ransom Stoddard tritt ins Licht. Er ist nicht der Todesschütze. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnt: Der Mann im Schatten hat geschossen. Da Valance in Wahrheit weder in einem Duell noch in einwandfreier Notwehr erschossen wurde, handelt es sich gewiss nicht um eine Heldentat. Auch wenn Tom seinem Rivalen Stoddard letztlich aus Liebe zu Hallie das Leben rettete: Es war Mord! Und alles, was danach geschah war im Grunde eine einzige große Lüge! Zurück blieben ein als Held verehrter Stoddard und ein für immer gezeichneter Tom Doniphon.

Ford nimmt hier natürlich auch den verlogenen, theatralischen (amerikanischen) Polit-Zirkus aufs Korn. Auch wenn einer wie Stoddard eigentlich ein anständiger Kerl ist und gute Ansichten vertritt: Sobald man in die Mühlen eines solchen Zirkus gerät, ist das meiste letztlich doch nur eine Show.

Für Stoddard, und auch für seine Frau, gibt es aus dem Kreislauf der Lüge letztlich kein Entkommen mehr. Dies wird am Ende, als die beiden im Zug zurück nach Washington sitzen, noch einmal deutlich. Die Legende, so zeigt es der letzte Satz aus dem Munde eines eifrigen, hilfsbereiten Zugbegleiters, wird weiterleben, auch und gerade im Bewusstsein des kleinen Mannes, der repräsentativ für die amerikanische Bevölkerung steht. Zudem offenbart die Kaktusrose auf Tom Doniphons Sarg,-passend dazu erklingt wieder das musikalische Motiv vom Anfang- wie tief Hallie, die sich all die Jahre danach sehnte, Washington zu verlassen und wieder in Shinbone zu leben, für diesen Mann gefühlt haben muss: "My roots are here. I guess my heart is here..."

Die Bluray bietet zum 50. Jahrestag dieses Klassikers einen hervorragenden Transfer. In Bild-und Tonqualität toppt diese HD-Disc die alte DVD. Extras gibt es leider nicht. Das Bild liegt im anamorphen Widescreen-Format in 1.1:78 vor. Auf einem entsprechend kompatiblen Fernseher erscheint der Film praktisch ohne Balken. Das Bild wurde spitzenmäßig restauriert, weist praktisch keine Verschmutzungen oder Defekte mehr auf. Schärfe und Kontrast sind für einen Film dieses Alters beispielhaft.

Es gibt mehrere Ton-und Untertitelspuren. Der aufbereitete englische Ton liegt in Dolby Digital True HD 5.1 vor und klingt phantastisch. Die anderen Tonspuren erklingen lediglich in "normalem" Dolby Digital 1.0 Mono, sind aber ebenfalls sehr gut verständlich. Obwohl es sich um eine durchaus gelungene deutsche Synchronisation handelt, ziehe ich das amerikanische Original vor, da die Dialoge in der Original-Version einfach noch tiefgründiger sind.

James Stewart wird von seinem Standard-Sprecher Siegmar Schneider synchronisiert und John Wayne von Arnold Marquis. Auch die Sprecher der anderen Charaktere passen und machen ihre Sache sehr gut. Wie schon bei der alten DVD handelt es sich um die ungekürzte Original-Version mit den wieder eingefügten Szenen. Diese Szenen mussten mit anderen Stimmen synchronisiert werden, da die Original-Sprecher bereits verstorben waren. Diese Version lief in den 1990er Jahren erstmals im ZDF.

Ein genialer Klassiker über Amerika, das Ende des Old West, die Medien und die Macht des Mythos und eine zeitlos brillante Reflexion über Moral und Werte. Komplex, packend, tragisch, voll bitterer Ironie und mit dazu passender Schlusspointe: Für den Mann, der Liberty Valance erschossen hat, ist das Beste gerade gut genug.

Für mich persönlich ist "The Man, Who Shot Liberty Valance" (1962) neben "The Searchers" (1956) und "My Darling Clementine" (1946) einer der drei besten Western von John Ford. Ein Film, den man gesehen haben sollte auch weil er wie die beiden anderen Filme so viel mehr ist als einfach nur ein Western!
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 17, 2015 2:44 PM MEST


Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (Special Edition, 2 DVDs)
Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (Special Edition, 2 DVDs)
DVD ~ Dame Elizabeth Taylor
Wird angeboten von audiovideostar_2
Preis: EUR 47,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wenn Beziehungskisten zu Kleinholz werden...., 11. Juni 2013
Martha (Elizabeth Taylor) und George (Richard Burton) führen seit Jahren eine Ehe, die eigentlich keine mehr ist. Eines Abends haben die beiden das jung vermählte Paar Nick (George Segal) und Honey (Sandy Dennis) zu Besuch. Zuerst wird nur ein wenig geplaudert, doch angeheizt durch gegenseitige Sticheleien und zu viel Alkohol wird aus dem netten Abend zu viert eine erbarmungslose Orgie der Selbstzerfleischung.

Bald müssen auch die beiden schüchtern wirkenden jungen Gäste Farbe bekennen, bei denen längst nicht alles so harmonisch und ehrlich zugeht, wie es zunächst den Anschein hat. Und Angst haben sie alle...

Geplatzte Träume, Lebenslügen, unterdrückte Sehnsüchte. In bis dahin nie dagewesener Direktheit skizziert "Virginia Woolf" das Psychogramm eines Ehepaares, das seine besten Jahre weit hinter sich hat.

Edward Albees provokantes Theaterstück wurde 1966 kongenial für das Kino adaptiert. Regie führte der seinerzeit nur Theater-Insidern bekannte Mike Nichols. Er drehte den Film in Schwarzweiß. Und schuf ein unvergessliches Stück Filmgeschichte.

Die gerade in Amerika so oft beschworene Institution Ehe, die heile Welt der Familie und der sogenannte amerikanische Traum werden hier gnadenlos auseinander genommen. George und Martha sind kinderlos geblieben, die Hoffnung auf eine große Karriere als Professor an der Historischen Fakultät der örtlichen Universität, deren Präsident Marthas Vater ist, hat sich für George nicht erfüllt. Martha lässt keine Gelegenheit aus, ihn zu demütigen, doch im Laufe des Abends erweist sich George immer mehr als ebenbürtig...

Martha ist eine kettenrauchende Furie, die durch ihre ständigen Beleidigungen doch nur die Verachtung kanalisiert, die sie sich selbst gegenüber empfindet.

George bietet ihr Paroli, so gut er kann. Er ist es, der mit fortschreitender Dauer den Ton angibt. Wie seine Gattin ist er emotional eigentlich völlig erschöpft.

Weitgehend wie ein Kammerspiel, ganz im Sinne eines Bühnenwerkes, wird hier die Geschichte von Menschen erzählt, die sich trotz aller zur Schau gestellter Verachtung eigentlich doch lieben.

Nur in besonderen Momenten wird die Szenerie filmisch signifikant geöffnet, oder gar das Haus des Ehepaares als Schauplatz verlassen. Eine ganz entscheidende Sequenz etwa spielt in einer Bar, also ebenfalls in einem geschlossenen Innenraum. Szenen unter freiem Himmel sind die Ausnahme, aber nicht minder bedeutsam.

Der Titel bezieht sich auf die berühmte amerikanische Schriftstellerin Virginia Woolf ("Mrs. Dalloway"). Sie war verheiratet und lebte mit ihrem Ehemann wie George und Martha in einer spießigen Vorstadtidylle. Zutiefst unglücklich zerbrach sie an ihren Depressionen und nahm sich schließlich das Leben. Der Film "The Hours" (2002) wirft einen Blick darauf.

Nichols' Erstlingswerk bietet allerfeinstes Schauspieler-Kino. Taylor und Burton zeigen die besten Performances ihrer Karrieren mit extrem viel Mut zur Hässlichkeit, und auch ihre jungen Gegenparts begeistern.

Der Film erhielt bei 13 Nominierungen fünf Oscars. Alle vier Schauspieler waren nominiert, doch nur die beiden Damen gewannen.

Auf dieser Doppel-DVD bekommt man die ungekürzte, unveränderte Originalversion dieses Klassikers zu sehen. Das Bild wurde sorgfältig restauriert, bietet exzellente Schärfe und Kontrast. Der Ton liegt mehrsprachig vor, zwar nur in Mono, was aber zu verschmerzen ist. Die Klangqualität ist trotzdem sauber, die Dialoge sind klar verständlich. Dazu gibt es noch mehrsprachige Untertitel.

Das Bonus-Material ist reichhaltig und sehr interessant. Über die gesamte Filmlänge gibt es zwei separate Audio-Kommentare mit Nichols und Steven Soderbergh, sowie mit dem damaligen Kameramann Haskell Wexler. Die Kommentare haben leider leider, wie bei Warner-DVDs üblich, keine eigenen Untertitel.

Die restlichen Extras befinden sich auf der zweiten Disc. Neben einem schon etwas älteren einstündigen Porträt über Elizabeth Taylor finden sich dort auch neu produzierte Dokus, die den Weg des Theaterstückes auf die Leinwand beleuchten und sich mit dem profunden Einfluss beschäftigen, den dieses Werk auf die Filmzensur hatte. Neben Dramatiker Edward Albee kommen die Filmhistoriker Richard Schickel und Drew Casper zu Wort, die Witwe von Cutter Sam O. Steen sowie der damalige Chef der Zensurbehörde Jack Valenti und Kameramann Haskell Wexler.

Dazu gibt es noch ein altes Interview mit Nichols und Testaufnahmen von Schauspielerin Sandy Dennis.

Ein Film der auch fast 50 Jahre nach seinem Erscheinen ungebrochen provoziert und schockiert. Ein wegweisendes Meisterwerk!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 14, 2013 4:41 PM MEST


Die schwarze Dahlie (Poches Allemand)
Die schwarze Dahlie (Poches Allemand)
von James Ellroy
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen James Ellroys Schlüsselwerk, 5. Juni 2013
"Das bedeutendste Ereignis meines Lebens geschah ein Jahr vor meiner Geburt". Mit diesem Satz eröffnet James Ellroy sein Nachwort zur hier vorliegenden deutschen Taschenbuchausgabe von The Black Dahlia (1987).

James Ellroy, Jahrgang 1948, erzählt hier von einem der berühmtesten, mysteriösesten Mordfälle in der Geschichte der USA.

Am 15. Januar 1947 wird in Los Angeles die bestialisch zugerichtete, zerstückelte Leiche einer jungen Frau gefunden. Es handelt sich um die 22-jährige Elizabeth Short, die vor allem wegen ihrer pechschwarzen Haare und ihre Vorliebe für schwarze Kleidung von Presse und Ermittlern den Beinamen "Schwarze Dahlie" bekam.

Elizabeth Short riss von zu Hause aus, um sich ihren Traum zu erfüllen. Sie wollte ein großer Star in Hollywood werden.

Vor dem Hintergrund dieses realen Falles und des zeitlichen Panoramas wird die fiktive Geschichte zweier ungleicher Cops erzählt. Lee Blanchard und Bucky Bleichert werden Partner beim LAPD und versuchen gemeinsam, Betty Shorts Mörder zu finden.

Die Ermittlungen führen bis nach Mexiko und treiben beide an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Der Fall wird immer mehr zu einer persönlichen Obsession.

"Die Schwarze Dahlie" ist James Ellroys siebter Roman und der Auftakt seines großen, aus vier Bänden bestehenden Zyklus über das Los Angeles seiner Kindheit und Jugend. Einige Figuren aus der "Schwarzen Dahlie" werden in den drei folgenden Bänden "Blutschatten" (The Big Nowhere), "Stadt der Teufel" (L.A. Confidential) und "White Jazz" wieder auftreten und zum Teil einen viel wichtigeren Part spielen. Und der Geist der Elizabeth Short schwebt unverkennbar über all diesen Romanen.

Der Autor taucht ein in eine Halbwelt aus Sex, Glamour, Wahnsinn und Tod. Bleichert fungiert dabei als Erzähler aus der Ich- Perspektive, wird also gewissermaßen zur Stimme des Autors.

Genau wie für die Ermittler im Roman, die unverkennbar Züge ihres Schöpfers tragen, wurde der Fall Elizabeth Short seinerzeit für den jungen James Ellroy zur Obsession. Im Jahre 1958 wurde seine Mutter bestialisch ermordet. James war gerade zehn Jahre alt.

Geneva Hilliker Ellroys Tod weist einige bizarre Parallelen zum Fall Short auf. Auch sie stammte aus schwierigen Verhältnissen. Auch sie träumte insgeheim von einer großen Karriere im Showgeschäft. Auch sie geriet immer wieder an die falschen Leute. Auch sie verdingte sich neben zahlreichen anderen Jobs vermutlich auch als Prostituierte, um sich über Wasser zu halten. Auch sie hatte immer wieder Pech mit Männern.

Über die problematische Beziehung zu seiner Mutter, ihre rätselhafte Persönlichkeit und seine eigene Suche nach ihrem Mörder schrieb James Ellroy in den 1990er Jahren den wie einen Roman gehaltenen Tatsachenbericht "Die Rothaarige", in dem der Fall Betty Short natürlich ebenfalls zur Sprache kommt und der Autor auch erklärt, wie er zum ersten Mal damit in Berührung kam.

Der Roman "Die Schwarze Dahlie" nimmt auch schon die ungeheure erzählerische Komplexität vorweg, die seine folgenden Werke prägen wird. Ellroys typischer lakonischer Schreibstil, sein Humor, aber auch die krasse Gewalt und der tiefe Pessimismus, die seine Bücher durchziehen, werden hier endgültig manifestiert.

Ellroy bewahrt aber stets den Respekt vor der Person Elizabeth Short. Seine eigene Wut über das, was ihr zugestoßen ist, überträgt er auf die Psyche der Protagonisten des Romans. Er verweigert dem Leser eine konsequente Auflösung. Lösungen vom Reißbrett sucht man vergeblich. Man muss sich letztlich selbst Gedanken machen und kommt doch nie zu einer befriedigenden Antwort. Wie könnte es wirklich gewesen sein...?

Unzählige Figuren, darunter auch mysteriöse Frauenfiguren im Stil der typischen Femme fatale, zahlreiche, kompliziert ineinander verwobene Handlungs-Fäden und Nebenstränge machen sein Werk um so faszinierender.

Madeleine Lindscott und Kay Lake heißen die prägenden weiblichen Charaktere dieses Romans, in dem es nur so wimmelt vor zwielichtigen Gestalten und kaputten Typen, die nach Erlösung suchen.

James Ellroys Romane gehören zum besten, was die internationale Kriminalliteratur zu bieten hat. "Die Schwarze Dahlie" genießt einen besonderen Status. Es ist sein persönlichster, sein abgründigster, vielleicht sein bester Roman.

Wer diesen Autor begreifen will, kommt an der "Schwarzen Dahlie" nicht vorbei. Das Buch "Die Rothaarige" (My dark places) ist eine lohnende Ergänzung, wenn man tiefer in die Biografie eintauchen will.

Der Fall Elizabeth Short gilt übrigens genau wie der Mord an Jean Ellroy bis heute als ungelöst.


Moby Dick oder Der Wal: Roman
Moby Dick oder Der Wal: Roman
von Herman Melville
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wahrlich ein Wal von einem Roman, 3. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Moby Dick oder Der Wal: Roman (Taschenbuch)
Moby Dick oder Der Wal von Herman Melville liegt in dieser Taschenbuch-Ausgabe von 2001 ungekürzt in deutscher Sprache vor. Es handelt sich hier um die Übersetzung von Hans und Alice Seifert von 1970. Ungekürzt bedeutet hier, dass all die Elemente enthalten sind, die dem Autor so wichtig waren und die leider in den zahlreichen Kinder-und Jugendbuchausgaben fehlen, etwa die Lieder der Walfänger, die das Buch eröffnen, noch bevor die eigentliche Haupthandlung beginnt.

Inwieweit diese komplette Übersetzung besser oder schlechter ist als andere kann ich leider nicht beurteilen, da ich weder das amerikanische Original noch andere vollständige Übersetzungen gelesen habe.

Wie dem auch sei: Wer dieses Roman-Ungetüm bewältigen will braucht von Hause aus ein gesundes Interesse an der Materie und vor allem viel Geduld und Ausdauer. Dieses Buch ist ein Epos und vor allem so viel mehr als ein herkömmlicher Abenteuerroman.

Der Protagonist ist der von Abenteuerlust und der Suche nach Zusammenhalt und Gemeinschaft getriebene Ismael, der auf dem Walfänger "Pequod" anheuert. Getrieben ist auch der Kapitän dieses Schiffes, Ahab. Allerdings will dieser nur Rache und als das Instrument seiner Rache sieht er die Besatzung der "Pequod", die ihm helfen soll, den uralten weißen Pottwal namens Moby Dick zu erlegen, der ihm einst sein Bein nahm. Ahabs Wahn führt in eine Katastrophe, die Ismael als Einziger überleben wird.

Soweit die Elemente der Geschichte, wie sie wohl (fast) jedem geläufig sein dürften. Doch dieses Buch ist auch eine Allegorie des ewigen Kampfes Mensch gegen Natur und eine Reflexion über den Hang des Menschen, sich selbst zu überschätzen.

Moby Dick ist auch das Porträt des Aufbruchs einer Nation in eine neue Epoche. Im Jahre 1851 erschienen, zeigt dieses Buch eine Zeit, in der große Nationen wie England oder die USA begannen, den Grundstein für ihren späteren Status als Industrienationen zu legen. Die aus Gewerben wie dem Walfang erzielten Gewinne, das gewonnene Öl insbesondere, stehen stellvertretend für diese Entwicklung.

Den Walfang, seine Faszination und seine Gefahren zeigt Herman Melville, der selbst lange auf Walfängern gefahren ist, mit faszinierender Detailgenauigkeit. Das Leben auf See erweist sich als ganz eigener Mikrokosmos. Die Mannschaft der "Pequod" ist ein Panoptikum kultureller Vielfalt. Und die Schilderung des Handwerkes ist ebenfalls umfassend. Alles was man zu Melvilles Lebzeiten über die verschiedenen Gattungen von Walfischen, ihre Lebensräume, über die Seefahrt im Allgemeinen und die Jagd auf Wale wissen konnte, ist hier dokumentarisch genau verarbeitet.

Was Moby Dick zu einer extrem anspruchsvollen Lektüre macht, ist der Aufbau des Romans. All diese vielen detaillierten Beschreibungen sind nicht durchweg zwingend in die dramatische Handlung eingebettet. Immer wieder wird anscheinend abgeschweift. Das Buch ist durchzogen von zoologischen, zum Teil auch philosophischen Exkursen, die alles andere als leichte Kost sind.

Ismael führt den Leser zwar durch die Geschichte, doch Melville räumt der Schilderung des Walfanges selbst und der Rolle der Menschen, die ihn betreiben, deutlich mehr Platz ein als der vermeintlichen Haupthandlung, der Suche nach Moby Dick. Stilistisch und erzählerisch unterläuft dieser Roman also die gängigen Erwartungen, wie ein spannender Roman, insbesondere Abenteuerliteratur, strukturiert sein sollte.

Die Perspektive des reinen Ich-Erzählers wird immer wieder durchbrochen. Die 135 Kapitel sind teils sehr kurz, teils aber auch geradezu ausschweifend ausführlich und meist mit Fachbegriffen und Seefahrer-Jargon durchsetzt.

Bei der Schilderung des Alltages auf dem Walfänger "Pequod" wird Ismael immer wieder zu einer Art Berichterstatter denn zu einem herkömmlichen Erzähler.

Und doch steuert die Geschichte unaufhaltsam auf ihren tragischen Höhepunkt zu. Der fanatische Kapitän Ahab rückt erst in diesem letzten Akt des Dramas voll in den Fokus. In den meisten vorigen Kapiteln tritt er gar nicht auf. Seine Präsenz bleibt stets spürbar, genau wie die des weißen Wals, der ja die eigentliche Hauptfigur ist, jedoch ist diese Präsenz eben meist indirekter Natur.

Den ganz großen Erfolg und damit den Einzug seines Meisterwerkes in den Kanon der Weltliteratur hat Herman Melville leider nicht mehr erlebt. Er wurde 1819 in New York geboren und starb ebenda 1891.

Auf diesen Roman muss man sich einlassen, wie einer der vorigen Rezensenten so treffend bemerkte. Wer dies tut, wird mit einem wohl einzigartigen Roman-Erlebnis belohnt.

Diese ungekürzte Taschenbuch-Ausgabe des Aufbau-Verlages bietet abschließend noch ein sehr informatives Nachwort von Karl-Heinz Wirtzberger.
Kommentar Kommentare (16) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 17, 2013 9:29 PM MEST


Der unsichtbare Dritte [Blu-ray]
Der unsichtbare Dritte [Blu-ray]
DVD ~ Cary Grant
Preis: EUR 10,53

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hitchcock auf dem Zenit seiner Kunst!, 1. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Der unsichtbare Dritte [Blu-ray] (Blu-ray)
Roger Thornhill (Cary Grant) ist ein erfolgreicher New Yorker Werbefachmann in den besten Jahren. Er ist ledig, ungebunden und nimmt die Tücken des Lebens nicht sonderlich ernst, bis er eines Tages aufgrund einer Verwechslung um sein Leben bangen muss. Er wird irrtümlich für einen gewissen George Kaplan gehalten. Er wird entführt und entgeht dem Tod nur um Haaresbreite.

Da die Polizei ihm nicht glaubt, stellt er selbst Nachforschungen an. Um seine Unschuld zu beweisen muss er fliehen, wobei ihm die ebenso attraktive wie mysteriöse Eve Kendall (Eva Marie Saint) zunächst hilft. Doch bald ist dem armen Kerl wegen angeblichen Mordes neben einer Bande von Finsterlingen nicht nur die Polizei, sondern auch den Geheimdienst auf den Fersen. Eine atemlose Hatz quer durch die USA beginnt...

Einem unbescholtenen Bürger wird durch Umstände, die ihm selbst unerklärlich sind, der Boden unter den Füßen entzogen und seine ganze Existenz ist bedroht. Ein klassisches, immer wiederkehrendes Hitchcock-Motiv, das der Meister in diesem Klassiker auf die Spitze treibt. Alles, was Roger Thornhill in seinem Leben Sicherheit und Halt gibt, wird ihm genommen.

Er ist isoliert, auf sich selbst gestellt und kann niemandem trauen, erst recht nicht der Polizei, die ihn für nicht zurechnungsfähig hält. In einer der komischsten Szenen ruft Thornhill auf einer Polizeiwache sturzbetrunken bei seiner Mutter an. Doch auch die Frau Mama ist nicht gewillt, ihrem Sohnemann Glauben zu schenken...

In dieser Geschichte ist niemand das, was er zu sein vorgibt oder derjenige, für den er gehalten wird. Bald stellt sich heraus, dass es den angeblichen Mr. Kaplan gar nicht gibt.

Motive aus "Der unsichtbare Dritte" (North By Northwest, 1959) finden sich bereits in Hitchcocks Frühwerk "Die 39 Stufen" (The 39 Steps, 1938). 20 Jahre später liefert Hitchcock, bevor er mit "Psycho"(1960) den berühmtesten Thriller aller Zeiten schuf und die erzählerischen Konventionen des Kinos revolutionierte, ein Kompendium vieler prägender Themen und Motive seines Gesamtwerkes. Vertauschte Identität, ein unschuldig Gejagter, eine überlebensgroße Mutterfigur (Jessie Royce Landis) und eine geheimnisvolle Blondine finden sich ebenso wie kultivierte Schurken (James Mason, Martin Landau), ständige unerwartete Wendungen in der Handlung und spektakuläre Schauplätze.

Den wahren Grund für alles, was dem Helden widerfährt, kennen bis kurz vor Schluss weder er noch der Zuschauer. Es geht um irgendwelche Staatsgeheimnisse, die auf Mikrofilm festgehalten sind. Was genau darauf zu sehen ist, ist unwichtig und man erfährt es auch nie. Hitchcock nutzt wie immer in seinen großen Suspense-Filmen den Mac Guffin, ein Objekt, das für die Charaktere im Film wichtig aber für den Zuschauer völlig belanglos ist, um den Plot voranzutreiben.

An Logik hat Hitchcock zumindest bei diesem Film offenkundig kein besonderes Interesse, aber er inszeniert Ernest Lehmanns Drehbuch so dicht und packend, dass selbst Szenen, die an der Oberfläche völlig hanebüchen wirken, glaubwürdig erscheinen. Hitchcock baut jede Szene auf den Regeln der vorherigen Szenen auf und konzentriert sich auf die Figuren. Er ergründet menschliches Verhalten in Ausnahmesituationen und stellt dem Zuschauer dabei immer wieder dieselbe Frage: Was würdest du tun?

"Realität ist langweilig, die Wahrheit dagegen sieht man nicht allzu oft in Filmen", sagt Guillermo del Toro im Bonusmaterial. Hitchcock ist Wahrhaftigkeit wichtiger als Realität.

Alles, was Hitchcock in seinen Filmen tut, tut er, um einen bestimmten Effekt zu erzielen und so beim Zuschauer bestimmte Emotionen auszulösen. Ständig manipuliert er das Publikum, das vom Geschehen auf der Leinwand so gebannt ist, dass es gar nicht merkt, wie der Regisseur mit ihm spielt.

Das berühmteste Beispiel für Hitchcocks Genie in "Der unsichtbare Dritte" ist die legendäre Prärie-Sequenz. Mitten im Nirgendwo wartet Thornhill an einer Bushaltestelle auf einen mysteriösen Informanten.

Hitchcock baut diese Sequenz langsam mit der Höhe der Kamera und dem Einsatz von Schnitten wie eine Symphonie auf. Dies tut er so virtuos, dass der Zuschauer das Gefühl hat, die Szene kann nur auf diese eine Art und Weise zusammengesetzt werden. Verändert man nur eine Winzigkeit in der Struktur, fällt alles in sich zusammen und der Effekt verpufft. Er nutzt die Stille und hält den Zuschauer bis zum Auftauchen des Flugzeuges, das den Helden über offenes Feld jagt, in einer Art Geiselsituation, die erst aufgelöst wird, wenn die Spannung ihren Höhepunkt erreicht.

Dem Publikum ist, sobald Thornhill am Beginn der Szene aus dem Bus steigt klar, dass der Held in einen Hinterhalt gelockt wurde. Doch was soll da draußen schon passieren...?

Ebenfalls in die Filmgeschichte eingegangen sind die Szene im Gebäude der Vereinten Nationen, die Auktion und der Showdown am Mount Rushmore, bei dem Bernard Hermanns treibende Musik besonders effektiv zum Einsatz kommt. Neben Hermann gehören auch wieder Kameramann Robert Burks und Cutter George Tomasini zu Hitchcocks eingespieltem Team. Und die Titelsequenz stammt wie so oft bei Hitchcocks Klassikern von Saul Bass.

Das Bild hat bei Hitchcock, der sein Handwerk zur Stummfilmzeit unter anderem in Deutschland lernte, mehr Gewicht als alles andere. Hitchcock analysiert visuell. Er steht für pures Kino und erschafft so oft wie möglich Bilder, die keine Worte brauchen. Musik, sowie der Einsatz oder auch das Weglassen von Ton-Effekten dienen bei ihm ebenfalls stets als Mittel, um die Geschichte zu erzählen. Niemals dienen solche Elemente einfach nur als dramaturgischer Kleister, um Ungereimtheiten zu überdecken. "Hitch" versetzt den Zuschauer lieber in die Psyche der Figur auf der Leinwand und baut so eine emotionale Bindung zwischen Zuschauer und Figur auf, wobei er nicht davor zurückschreckt, das Publikum zu zwingen, sich notfalls mit dem oder den Schurken zu identifizieren.

Unter Einsatz all dieser Mittel spielt Hitchcock meisterlich seine eigenen Theorien zur Erzeugung von Spannung durch. Ihm geht es niemals um billige Schocks. Suspense funktioniert nach Hitchcocks Definition so: Der Zuschauer weiß mehr als die Figuren im Film. Er sieht die sprichwörtliche Bombe ticken, während die Figuren in der Szene völlig ahnungslos sind.

Dass "Der unsichtbare Dritte" bei aller Dramatik vor allem eine Komödie ist, liegt an Hitchcocks leichtfüßiger Inszenierung und der perfekten Besetzung der Hauptfigur mit Publikumsliebling Cary Grant, der hier zeigen kann, dass er die Balance zwischen Drama und Komödie perfekt zu halten versteht und die Charaktereigenschaften seiner Figur zudem absolut glaubwürdig vermittelt.

Grant spielt hier einen Mann, der lernen muss, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Unter Hitchcocks Regie sehen wir, wie aus einem verzogenen Kind ein Mann wird. Dabei lässt Hitchcock ihn alle Facetten der Persönlichkeiten durchspielen, die die Karriere der Hollywood-Kunstfigur Grant geprägt haben.

Hier arbeiteten Regisseur und Star zum vierten und letzten Mal zusammen Nie spielte Grant besser als unter Hitchcocks Regie in "Verdacht"(1941), "Berüchtigt"(1946), "Über den Dächern von Nizza"(1955) und eben in "Der unsichtbare Dritte", Cary Grants wohl bestem Film überhaupt.

Eine von Hitchcocks größten Stärken war es, Schauspielern Rollen zu geben, die das Publikum so nicht erwartet hätte. Kein anderer Regisseur hätte Cary Grant eine Rolle wie die des sinisteren Agenten Devlin in "Berüchtigt" oder des Soziopathen Johnny in "Verdacht" spielen lassen und ihn dabei so glaubhaft in Szene gesetzt. Doch egal wie schurkenhaft Grant auch gewirkt haben mag: Auch bei Hitchcock bleibt er vor allem immer eines: ein Gentleman, dem keine Frau widerstehen kann. Er blieb immer Cary Grant. Daher war er die Idealbesetzung für "Der unsichtbare Dritte".

Dieser Film ist eine unerreichte Mischung aus Spionage-Thriller, Melodram, und Comedy, gewürzt mit rabenschwarzem britischem Humor, Action, Romantik und unvergleichlicher Hitchcock-Spannung. Seinen üblichen Kurzauftritt absolviert der Meister gleich zu Beginn. Er versucht in einen Bus einzusteigen, doch die Tür geht vor seiner Nase zu.

Zum 50jährigen Jubiläum wurde der Klassiker frisch restauriert und bietet nun ein perfektes Bild mit viel kräftigeren Farben als bei der früheren DVD. Der Film wurde im spektakulären Vista Vision Format gedreht und erscheint auf einem entsprechend kompatiblen Fernseher im Format 1.1:78 ohne Balken, was den Genuss erheblich steigert. Es gibt mehrere Tonspuren, darunter eine eigene für die Musik, und diverse Untertitel. Besonders der Originalton, abgemischt in Dolby 5.1. ist sehr sauber und klar.

Überhaupt ist das englische Original deutlich besser als die deutsche Synchronisation, die den Original-Wortlaut allzu oft verfälscht wiedergibt oder Dinge hinzudichtet. Etwa in der Szene, als Thornhill in der Hotel-Lobby von seinen Entführern abgepasst wird. Aus Cary Grants schlichtem "What`s that supposed to be?" wird in der deutschen Fassung: "Was wollen Sie von mir, gefällt Ihnen mein Anzug nicht?" Auch werden typisch amerikanische Ausdrücke einfach eingedeutscht. Solche Mängel finden sich bei vielen Original-Synchronisationen von Hitchcock-Klassikern.

Immerhin passen die deutschen Stimmen gut zu den Figuren, wobei Erik Ode, der bei der deutschen Fassung auch für die Dialoge verantwortlich war, als Sprecher von Cary Grant schon etwas gewöhnungsbedürftig ist.

Die Extras der alten DVD, Making-of, Trailer und Lehmanns Audio-Kommentar, sind auf der Bluray ebenso zu finden wie tolles neues Material. Eine Doku beschäftigt sich anhand zahlreicher Beispiele und Interviews ausführlich mit Alfred Hitchcocks Stil und beleuchtet auch den Menschen Hitchcock. Außerdem wird "Der unsichtbare Dritte" in einer eigenen Doku eingehend von Filmemachern analysiert.

Die schon etwas ältere Dokumentation in Spielfilmlänge "Cary Grant: Eine Klasse für sich", die schon im TV zu sehen war, findet sich auch endlich in voller Länge hier. Sie informiert ausführlich über Leben und Karriere des unvergessenen Leinwand-Idols. Freunde, Kollegen und Weggefährten kommen zu Wort.

"North by Northwest" ist ein Meisterwerk des Unterhaltungskinos, das in keiner Sammlung fehlen darf! Hitchcock in absoluter Bestform!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 20, 2014 5:52 PM MEST


Lawrence von Arabien (2 Disc - Restored Version) [Blu-ray]
Lawrence von Arabien (2 Disc - Restored Version) [Blu-ray]
DVD ~ Jack Hawkins
Preis: EUR 10,49

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen David Leans Opus Magnum, 23. Mai 2013
Thomas E. Lawrence (Peter O Toole), ein junger, britischer Offizier, wird während des Ersten Weltkrieges von seinen Vorgesetzten in Kairo mit der Aufgabe betraut, intensive Kontakte zu den Hashemit-Beduinen zu knüpfen. Lawrence nimmt die Aufgabe dankbar an, ist er doch in der eigenen Armee weitgehend isoliert. Er macht sich daran, die zerstrittenen Beduinenstämme zu vereinen und treibt den Arabischen Aufstand gegen die türkischen Besatzer voran. Bald wird er von den Arabern verehrt und als einer der Ihren anerkannt.

Die Araber schenken ihm als Zeichen ihrer Wertschätzung sogar ein besonderes weißes Gewand. Die Szene, in der Lawrence in seiner neuen Robe allein in einer Talsenke umherstolziert und seinen Dolch zieht, um in der Klinge sein Spiegelbild zu bewundern, wird später im Film in einem anderen Kontext wieder aufgegriffen.

Der amerikanische Journalist Jackson Bentley (Arthur Kennedy) macht aus ihm für die heimischen Zeitungen einen Helden. Seine Berichte sollen in den USA die Kriegsbegeisterung wecken...

Nach dem sensationellen Erfolg von "Die Brücke am Kwai", für den beide 1958 den Oscar erhalten hatten, taten sich Produzent Sam Spiegel und Regisseur David Lean erneut zusammen.

David Lean erzählt in seinem fast vierstündigen Epos in überwältigenden Bildern die Geschichte eines Auserwählten. Der poetische Film stützt sich allerdings nur lose auf Lawrences literarisches Hauptwerk "Sieben Säulen der Weisheit", anstatt eine detailgetreue Version des Lebens des wahren Lawrence zu sein. Lawrence, der tatsächlich als einer der Schlüsselfiguren im Kampf gegen das Osmanische Reich zum Mythos wurde, wird im Film als überlebensgroße Figur porträtiert.

Peter O.Toole spielt ihn in seiner ersten Hauptrolle als kultivierten, hochgebildeten, exzentrischen Sonderling. Lawrence ist der uneheliche Sohn eines englischen Aristokraten. Er fühlt sich in der englischen Armee keineswegs wohl und hat eine Abneigung gegen das Töten. Da er schon häufiger durch respektloses Betragen aufgefallen ist und seinen Dienst in einem muffigen Kellerraum beim Zeichnen von Landkarten fristet, ergreift er die Gelegenheit, sich auf andere Weise einen Namen zu machen. General Murray (Donald Wolfit) ist nicht minder erleichtert, den ungeliebten Lawrence loszuwerden...

Bald tritt Lawrence mit seinem vorgesetzten Offizier Colonel Brighton (Anthony Quayle) in diplomatische Beziehungen zu Prinz Feisal (Alec Guiness) und dessen rechter Hand Sherif Ali (Omar Sharif), für den er schnell eine Art Mentor wird. Lawrence erweist sich als charismatischer, begnadeter Stratege, vereint immer mehr Stammesfürsten um sich und vergrößert so die Armee der Araber, die er mit Ali und Auda Abu Thayi (Anthony Quinn) schließlich in den Kampf um Akaba führt. Während er nicht für möglich gehaltene militärische Triumphe feiert, reiben sich seine Vorgesetzten in Kairo die Hände, denn die Engländer haben in Bezug auf Arabien eigene Pläne...

David Lean übt in diesem Film ganz klar Kritik an Englands Kolonialpolitik. Allgemein zeigt dieses Epos sehr lehrreich und anschaulich, was Großmächte bis heute unter Balance Of Power verstehen, nämlich andere Nationen klein zu halten, um selbst Profit aus der Situation zu ziehen.

Lawrences Erfolge gegen die Türken kommen General Allenby (Jack Hawkins) gerade recht. Als wahrer Strippenzieher im Hintergrund agiert aber der durchtriebene Mr. Dryden (Claude Rains)...

Lawrence vollbringt Unglaubliches, ist aber doch nur ein Mensch. Dieser Mann, der sich danach sehnt, wie jeder andere glücklich zu sein und geliebt zu werden, ist im Grunde auf der Suche nach sich selbst. Seine innere Zerrissenheit, die Furcht, die ihn umtreibt, verbirgt er hinter einer Fassade, die ihn für seine Mitmenschen immer wieder unnahbar, eitel und arrogant erscheinen lässt.

Der Film stellt in Bezug auf die Hauptfigur durchgehend nur eine einzige Frage: Wer ist dieser Mann eigentlich?

Dass die Araber ihn bald zu wertschätzen, ja zu verehren beginnen, schmeichelt seinem Ego. Gleichzeitig treibt er sich und andere an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Um sich selbst zu beweisen, dass er etwas wert ist? Unfehlbar ist er keineswegs. Vielmehr führt sein zunehmender Hang zur Selbstüberschätzung immer häufiger zu Fehlschlägen.

Als er mit Ali die türkische Garnison Deraa aufsucht, wird er verhaftet, und gefoltert. Dieses Erlebnis wirkt sich um so nachhaltiger auf seine Psyche aus. Bereits zuvor hatte er Menschenleben zu verantworten und war von der Macht, nach dem Kodex der Araber Leben zu schenken und zu nehmen ebenso angewidert wie fasziniert. Nachdem er gefoltert worden ist, empfindet er zunehmend Freude am Töten.

Später im Film töten die Araber auf seinen Befehl eine wehrlose türkische Brigade, die sich bereits auf dem Rückzug befindet. Hier wird besonders deutlich, was die Folter seelisch mit Lawrence angerichtet hat. Als das Massaker vorüber ist, sitzt er vollkommen erschöpft und blutverschmiert im Sand und blickt in die blutige Klinge seines Dolches wie in einen Spiegel...

In der Folterszene hat Jose Ferrer einen unvergesslichen Auftritt als türkischer Offizier. Die Szene hat einen eindeutigen homoerotischen Subtext, der nur durch Blicke Gesten und die Art der Bildmontage klar wird. Dieser zutiefst einsame und isolierte türkische Befehlshaber steht stellvertretend für Leans Intention, die Türken nicht als seelenlose Schurken darzustellen.

Lawrences Taten erweisen sich als zweischneidiges Schwert. Er führt die Armee der Beduinen zwar bis nach Damaskus, doch bleibt sein großer Traum, die arabischen Stämme zu einem großen, mächtigen Volk zu machen eine Illusion. Er liebt die Wüste. Er, der immer ein Außenseiter war, fühlt sich einer fremden Kultur verbunden, einem Volk, das von Außenstehenden als barbarisch angesehen wird. Gleichzeitig dient er den Interessen seines Heimatlandes England.

"Lawrence von Arabien" hat weder die klassische Struktur eines Dramas in drei Akten noch weist der Film einen besonderen Plot auf. Die erste Fassung des Drehbuchs von Michael Wilson ließ noch vermuten, dass es sich um einen herkömmlichen Abenteuerfilm handeln würde, bis David Lean schließlich den Dramatiker Robert Bolt ins Boot holte. Letztlich hat dieser Film nur ganz wenige Action-Sequenzen, von denen zudem nur das absolut Notwendigste gezeigt wird. Er bietet auch keine klassische Liebesgeschichte. Frauen wirken nur in ein paar Szenen als Statisten mit. Und doch hat der Film alles, was einen Klassiker ausmacht. Das Drehbuch steckt voller genialer Dialoge aus der Feder von Robert Bolt, die Darsteller sind zum Niederknien gut und die Themen sind zeitlos aktuell. Die Spannung wird allein durch die Figuren aufgebaut. Ihre Konstellation zueinander verleiht dem Film seine Dynamik.

Die Szenen, in denen die einzelnen Figuren in die Handlung eingeführt werden, sind immer ganz besonders entscheidend, denn mit ihnen steht und fällt das ganze Gerüst. Wenn die Exposition nicht glaubwürdig wirkt, leidet der gesamte Film darunter, insbesondere ein Film wie dieser, der so sehr von seinen Charakteren lebt.

David Lean versteht es meisterhaft, seine Charaktere vorzustellen. Wann immer möglich tut er dies ohne viel Dialog. Den spektakulärsten Auftritt hat hier zweifellos Sherif Ali, der wie aus der Unendlichkeit kommend auf einen Brunnen zureitet, an dem Lawrence und sein Begleiter gerade rasten.

Die Hauptfigur bildet in diesem Film, der auch ein Psychogramm seines Helden ist, stets das Zentrum. Lawrence, von Peter O Toole grandios gespielt, tritt in fast allen Szenen des Filmes auf.

Gekrönt wird dieses Epos durch die unvergessliche Musik von Maurice Jarre, die sensationelle Kamera und den innovativen Schnitt. David Lean bedient sich immer wieder bei Montagetechniken aus der französischen Nouvelle Vague. Direkte Schnitte, die überflüssigen erzählerischen Ballast eliminieren, durchziehen den Film. Und immer wieder dient der Einsatz von Toneffekten als verbindendes Element bei szenischen Übergängen und Schauplatzwechseln.

Der berühmteste Schnitt erfolgt in der Szene, in der Lawrence ein brennendes Streichholz ausbläst. In der direkt folgenden Einstellung ist die Leinwand plötzlich komplett rot, und nach einigen Sekunden sieht man dann, wie über der Wüste die Sonne aufgeht.

Der Film beginnt mit Lawrences Unfalltod und wird dann durchgehend linear als eine einzige große Rückblende erzählt. Am Ende sitzt Lawrence desillusioniert in die Ferne starrend in einem Jeep auf dem Weg zurück nach Hause. Aber gibt es überhaupt einen Ort, an dem dieser Mann sich wirklich heimisch fühlt?

David Leans perfekte Regie und sein Auge für Details sind unübertroffen. Die Dreharbeiten dauerten ein Jahr und verlangten Schauspielern und Crew alles ab. Gedreht wurde bei sengender Hitze unter anderem in Jordanien, Marokko und Spanien. An diesem Film ist alles echt! Eine echte Wohltat, wenn man bedenkt, wie sehr Filme heutzutage von digitalen Computereffekten dominiert werden.

Bereits 1989 lag der Film erstmals seit der Kinopremiere wieder in der ungekürzten Fassung vor, inklusive der Overtüre und der Intermission, bei denen die Leinwand nach dem Wunsch des Regisseurs komplett dunkel bleibt. Die Szenen, die für die zahlreichen internationalen Kino-und Fernsehfassungen herausgeschnitten worden waren, konnten endlich wieder eingesetzt werden da das Original-Negativ erhalten geblieben war. So wurde der Film dann auch Anfang der 2000er Jahre erstmals auf einer Doppel- DVD veröffentlicht, wobei die wieder eingefügten Szenen im englischen Original mit Untertiteln belassen wurden. Zugunsten der Bildqualität entschied man sich seinerzeit dafür, den Hauptfilm auf zwei Scheiben zu verteilen.

Diese Restaurierung wurde nun zum 50-jährigen Jubiläum nochmals in Bild und Ton digital aufgefrischt. Die Qualität des neuen HD-Transfers ist schlicht atemberaubend! Kontrast und Schärfe haben für einen Film dieses Alters, seinerzeit in 70 mm. Panavision gedreht, absoluten Referenzcharakter. Außerdem liegt der englische Originalton sogar zusätzlich in DTS vor, und ist nun um Klassen besser und klarer als bei dem alten DVD-Transfer. Der deutsche Ton liegt immerhin in Dolby Digital 5.1. vor und ist ebenfalls sehr sauber aufbereitet. Die "neuen" Szenen wurden mit anderen Sprechern neu synchronisiert, ansonsten handelt es sich um die bekannte, hervorragende Kino-Synchronisation aus den 60er Jahren.

Diese 2-Disc Bluray hat einen weiteren großen Vorteil: Der Film befindet sich komplett auf der ersten Scheibe, so dass man ihn endlich an einem Stück sehen kann, ohne die Disc wechseln zu müssen. Begleitend kann man in einem gesonderten Grafik-Track Hintergrund-Informationen abrufen. Die weiteren Extras befinden sich auf der zweiten Disc.

Das tolle Bonus-Material der alten DVD, Making-of, Gespräch mit Steven Spielberg, Original-Featurettes, etc. wurde übernommen und sogar noch ergänzt. In einem halbstündigen Interview blickt Peter O` Toole mit vielen Anekdoten und sehr amüsant auf den Film zurück, der ihn zum Weltstar machte.

Der Film erhielt 1962 sieben Oscars für den besten Film des Jahres, die Regie, Ausstattung, Kostüme, Kamera, Schnitt und Musik. Drehbuch, Hauptdarsteller und Nebendarsteller (Omar Sharif) wurden immerhin nominiert.

Für Filme wie diesen muss das Medium Kino erfunden worden sein! Auf dieser Bluray liegt er nun endlich in der bestmöglichen Qualität für das Kino zu Hause vor. Das perfekte Bild entschädigt dann auch für die beim Panavision-Format selbst beim besten Flachbildfernseher leider unvermeidlichen schwarzen Balken oben und unten, die man im Kino ja nicht hat.

David Leans "Lawrence von Arabien" ist ein Epos für die Ewigkeit, ein zeitloser, faszinierender Klassiker, der voller Bezüge auch zum aktuellen Zeitgeschehen steckt. Man denke nur an den Syrien- Konflikt und das Pulverfass Naher Osten überhaupt. Der Film wirkt 50 Jahre nach seinem Erscheinen taufrisch und darf in keiner Filmsammlung fehlen!

Für die Bluray selbst gilt dies ebenfalls. So müssen Klassiker restauriert in High Definition aussehen! Eine ganz klare Kaufempfehlung!
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 5, 2015 4:45 PM CET


Ein amerikanischer Thriller (Die Underworld-Trilogie, Band 1)
Ein amerikanischer Thriller (Die Underworld-Trilogie, Band 1)
von James Ellroy
  Taschenbuch

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Underworld-Trilogie Band 1, 16. Mai 2013
"Ein amerikanischer Thriller" (Originaltitel: American Tabloid) ist der erste von drei Romanen, die James Ellroys sogenannte Underworld-Trilogie bilden. Diese dreiteilige Saga, die mit "Ein amerikanischer Albtraum" (The Cold Six Thousand) fortgesetzt und mit "Blut will fließen" (Blood Is A Rover) abgeschlossen wurde, schließt in der Zeitachse direkt an Ellroys vierbändigen Los Angeles-Zyklus an.

Dieses berühmte, epische Roman-Quartett über die Stadt der Engel besteht aus "Die schwarze Dahlie" (The Black Dahlia), "Blutschatten" (The Big Nowhere), "Stadt der Teufel" (L.A. Confidential) und "White Jazz".

Mit American Tabloid, erschienen 1995, und seinen Nachfolgern verlässt James Ellroy nun die Stadt seiner Kindheit und Jugend und begibt sich direkt in die Schaltzentrale der Macht, wobei außer Washington D.C. auch noch Las Vegas, Miami, Havanna und andere Orte, zwischen denen ständig gewechselt wird, Schauplätze der diversen komplizierten Handlungsstränge sind.

Ein paar Elemente hat James Ellroy aus seinem Opus Magnum in die neue Trilogie übernommen, so etwa das Magazin Hush-Hush, ein skrupelloses Revolverblatt, das von Howard Hughes kontrolliert wird.

Die Struktur, die sich schon in dem L.A.-Zyklus fand, ist auch in diesem Buch wieder prägend. Die Handlung dieses Bandes kreist im Wesentlichen um drei Männer:

Pete Bondurant, Frankokanadier, brutaler Schläger, ehemaliger Polizist, der nun in Diensten des Milliardärs Howard Hughes steht. Bondurant arbeitet auch als Killer für die Mafia und räumt bei Bedarf potentielle Kronzeugen gegen Jimmy Hoffa aus dem Weg. Gegen Hoffa wird wegen betrügerischem Grundstückshandel sowie des Verdachtes auf Veruntreuung von Gewerkschaftsgeldern ermittelt.

Kemper Boyd, FBI-Agent mit hoher Begabung zum Doppelspiel und Hang zum Luxusleben. Boyd wird von FBI-Chef Hoover als Spitzel gegen die Kennedys eingesetzt, arbeitet aber nebenbei auch für die CIA.

Ward Littell, FBI-Agent mit Alkoholproblemen, Spezialist für Beschattungen und Einbrüche, befreundet mit Boyd, mit dem er vor vielen Jahren gemeinsam Pete Bondurant wegen Totschlages verhaftete.

Die Lebenswege und Schicksale der drei Männer sind miteinander verbunden. Immer wieder kreuzen sich im Laufe der Handlung, die sich über fünf Jahre von November 1958 bis zum Mord an John F. Kennedy im November 1963 erstreckt, ihre Pfade. Jedem der drei Protagonisten ist ein eigenes einführendes Kapitel gewidmet, das den Charakter vorstellt und die wichtigsten Hintergrundinformationen zu dessen Vergangenheit bietet.

Obwohl Ellroy durchgängig in der dritten Person schreibt, schildert er die Ereignisse vornehmlich aus der Perspektive der in den jeweiligen Kapiteln auftretenden Personen. Er bleibt also einerseits immer nahe am Geschehen, schafft durch die erzählerische Perspektive aber zugleich eine gewisse Distanz, so dass das Werk Züge einer Chronik trägt.

Keiner der drei Protagonisten taugt zum Sympathieträger. Sie alle sind gescheiterte Existenzen, innerlich gebrochen. Sie kämpfen nicht nur gegeneinander und zeitweise in wechselnden Koalitionen miteinander, sondern auch mit ihren eigenen inneren Dämonen. Letztlich sind alle drei auf der Suche nach Erlösung, ein gemeinsames Merkmal vieler, wenn nicht aller Protagonisten in Ellroys Romanen.

James Ellroy entwirft in seiner typischen Art ein Panorama vom Amerika der Kennedy-Ära, das den vor allem durch die Medien bis heute gepflegten Mythos, der die Kennedys umgibt, in tausend Scherben zerspringen lässt. Mythen werden demontiert, Legenden zerfallen zu Staub. James Ellroy schildert seine Version der Ereignisse jener Jahre und macht dabei vor nichts und niemandem halt. Ellroy berichtet aus den Hinterzimmern der Macht. Er taucht ein in eine Welt der Schatten und Grauzonen aus Polit-Intrigen, Hollywood-Glamour, dunklen Geschäften, Spionage und dreckigem Enthüllungs-Journalismus, in der, sofern es den eigenen Interessen dient, jegliche Moral über Bord geworfen wird, und die mit der offiziellen Geschichtsschreibung nichts zu tun hat.

Howard Hughes etwa wird als halb irres, machthungriges Faktotum gezeichnet. Hughes, dessen Angst vor Krankheitserregern schon zu seinen Lebzeiten Legende war, träumt davon, Las Vegas von Schwarzen zu säubern und lässt sich Infusionen mit Mormonen-Blut verabreichen...

Immer wieder gibt es im Roman seitenlange Passagen mit Protokollen von Befragungen und Telefonaten. Das Intrigenspiel wird dadurch weiter vorangetrieben und die Geschichte bekommt einen dokumentarischen Anstrich. Er zeichnet die Kennedys als Sippe aus eiskalten Geschäftemachern und gewissenlosen Schürzenjägern. Es sind Machtmenschen, bei denen der Zweck die Mittel heiligt und die, obwohl sie für durchaus edle Ideale stehen, eigentlich nicht besser sind als ihre zahlreichen Feinde und Gegner. Patriarch Joseph Kennedy senior ist in Geschäfte mit der Mafia verstrickt, die seine Söhne bekämpfen. Er hat mit unlauteren Methoden ein riesiges Vermögen angehäuft und hat seine Mafia-Verbindungen dazu benutzt, Jack und Bobby den Weg ins Weiße Haus zu ebnen.

Nach seiner Wahl zum Präsidenten gehen John F. Kennedy und sein Bruder Robert gegen die Mafia und die mächtige, von Jimmy Hoffa angeführte und insgeheim von der Mafia gelenkte Gewerkschaft der Transport-Arbeiter, der "Teamster" vor, in deren geheimen Kassenbüchern Unmengen von Geld erfasst ist, das aus dem organisierten Verbrechen stammt. Auch Kennedy senior hat auf diese Art viele Millionen Dollar seines eigenen Vermögens "waschen" lassen...

Der Präsident und sein Bruder, der Justizminister, sind allerdings noch vielen anderen mächtigen Persönlichkeiten mit ihrer Politik ein Dorn im Auge. Auch die CIA und der intrigante J. Edgar Hoover, Chef der amerikanischen Bundespolizei FBI, sehen ihre Macht durch die Kennedys gefährdet. Die Behörden üben Druck auf den Präsidenten aus, um ihre Position wieder zu festigen. Hoover leugnet immer noch hartnäckig, dass die Mafia überhaupt existiert. Doch als Hoffas Verbindungen zum organisierten Verbrechen nicht mehr zu übersehen sind, gerät auch er in Erklärungsnot...

Hoover, Hoffa und die Mafia eint, obwohl sie auf verschiedenen Seiten stehen, der Hass auf die Kennedys. Alle wollen ihren Hals aus der Schlinge ziehen. Eine zweite Amtszeit John F. Kennedys soll unbedingt verhindert werden. Und dann ist da noch Howard Hughes, der Las Vegas unter seine Kontrolle bringen will und dessen Schützling Richard Nixon bei der Wahl 1960 hauchdünn gegen Kennedy verloren hatte...

Dieser kämpft außerdem noch an einer ganz anderen Front gegen die sogenannte "Rote Bedrohung". Jedoch wird die eigentliche Kuba-Krise, die durch die Entdeckung sowjetischer Raketenstellungen auf dem Inselstaat ausgelöst wurde und die Welt 1962 an den Rand eines nuklearen Krieges brachte, in diesem Roman nur am Rande berührt. Vielmehr konzentriert sich Ellroy auf die Vorbereitungen zur Invasion auf Kuba.

Fidel Castro, erfolgreicher Revolutionär auf Kuba, ist das Schreckgespenst für die US-Geschäftsinteressen in Lateinamerika. "Der Bart" soll beseitigt werden, wenn nötig auch durch illegale Operationen. Von der CIA angeheuerte Söldner sollen Castro mit Hilfe von Exil-Kubanern töten. Finanziert werden soll die Mission unter anderem durch Waffenschiebereien unter den Augen der Geheimdienste und die Gelder aus den Drogen-und Glücksspielgeschäften der Mafia, die um ihre Einnahmen aus den diversen Hotels und Casinos auf Kuba fürchtet. Die Invasion findet tatsächlich statt, endet jedoch, da Präsident Kennedy den Brigaden der Exil-Kubaner die nötige Unterstützung verweigert, in einem blutigen Debakel...

Genial vermischt Ellroy in diesem Roman wieder Fakten und Fiktion, wobei das Ergebnis der Wahrheit vermutlich näher kommt, als viele, vor allem die Kennedy-Enthusiasten, wahrhaben wollen. Paranoia, pure Gier, Lug und Trug. Dreckige Deals auf allen Ebenen, die von allen Beteiligten letztlich ihren Tribut fordern. Eine Geschichte über ein zutiefst korruptes System und die Menschen, die es betreiben.

Die drei bereits beschriebenen Hauptfiguren sind frei erfunden. Sie tragen jedoch Züge von Personen, die es wirklich gibt oder gegeben hat. Dazu kommen zahllose weitere Charaktere, sowohl authentische als auch komplett fiktive Figuren, männliche und weibliche, die nicht selten Züge ihres Autors tragen oder von Personen aus dessen Vergangenheit. James Ellroy versieht seine Figuren auch immer wieder mit Charaktereigenschaften und Spleens, die ihm selbst eigen sind oder in seiner Jugend eigen waren. Zur vertiefenden Lektüre sei hier der wie ein Roman aufgebaute Tatsachenbericht "Die Rothaarige" (My Dark Places) empfohlen, in dem Ellroy über die Hassliebe zu seiner Mutter reflektiert, die ermordet wurde, als er zehn Jahre alt war und deren Mörder nie gefunden wurde. Ellroy vollzieht in diesem Buch einen erschütternden, schonungslosen Seelen-Striptease und versucht viele Jahrzehnte nach der eigentlichen Tat, seinen Frieden mit der Vergangenheit zu machen...

Alle wichtigen Mitglieder der Kennedy-Familie treten in "Ein amerikanischer Thriller" ebenso auf wie Persönlichkeiten aus dem Showgeschäft, etwa Ava Gardner oder Frank Sinatra, echte Mafia-Paten wie Sam Giancana, Carlos Marcello oder Santo Trafficante, der FBI-Chef J.Edgar Hoover, der korrupte Gewerkschaftsführer James Riddle Hoffa, Jack Ruby, Guy Banister oder eben der einflussreiche, milliardenschwere Howard Hughes. Ellroy lässt diese authentischen, historischen Persönlichkeiten historisch erwiesene bzw. nicht beweisbare Dinge tun, er lässt sie foltern, morden, rauben, bestechen, erpressen und intrigieren.

Wirkliche Identifikationsfiguren oder gar echte Helden gibt es bei Ellroy schwerlich. Sein Personal sind korrupte Politiker, zwielichtige Geheimdienstler, Stricher, Huren, Nachtclub-Sängerinnen, Drogensüchtige, Alkoholiker, Homosexuelle, Rassisten und Mörder, Vergewaltiger, eitle Hollywoodstars, Starlets und kleine Ganoven, Dealer, Waffenhändler und Auftragskiller. Sie alle leben auf ihre Art den amerikanischen Traum, der sich vor den Augen des Lesers als Albtraum entpuppt. Sie wandeln durch ihre ganz persönliche Hölle und zahlen für ihre Bestrebungen, selbst ein Stück vom großen Kuchen zu bekommen, einen hohen Preis. Hier erfüllen sich Träume nicht. Sie explodieren.

Ellroys Welt ist eine echte Männerwelt. Die weiblichen Figuren, sofern sie überhaupt signifikant in Erscheinung treten, sind allerdings oft Triebfeder für das Handeln der männlichen Protagonisten, Projektionsfläche für ihre sexuellen Obsessionen und manchmal sogar ihr moralischer Anker, einziges Symbol der Hoffnung auf einen Ausweg aus dieser selbst geschaffenen Hölle, der Silberstreif am Horizont.

Charakteristisch für Ellroy ist sein knapper, stakkatoartiger Schreibstil ohne überflüssige Nebensatz-Konstruktionen, der sich in den beiden Nachfolgebänden noch steigern wird. Dieser Mann verliert kein Wort zuviel. Das Buch besteht aus fünf unerschiedlich großen Blöcken, insgesamt gibt es genau hundert Kapitel, die stets so kurz wie möglich gehalten sind. Ellroy bombardiert den Leser förmlich mit Informationen, so dass man sich bei der Lektüre ungeheuer konzentrieren muss, um nicht den Überblick zu verlieren. Die Story schlägt, auch bedingt durch die ständigen Schauplatzwechsel, einen Haken nach dem anderen. Man weiß nie, was als nächstes kommt und kann nie vorausahnen, was mit einer bestimmten Figur passieren wird.

Obwohl sich Ellroy nach dem L.A.-Zyklus erzählerisch immer mehr vom klassischen Krimi-Autor zum Chronisten einer Epoche wandelt, geht es auch diesmal wieder hart und heftig zur Sache. Extrem derbe Sprache und krasse Gewalt durchziehen das Buch von der ersten bis zur letzten Seite. Die Protagonisten geraten mit fortschreitender Dauer der Ereignisse immer mehr in einen Sog aus Sex, Geld, Gewalt, Korruption und Drogen. Doch stets behält Ellroy seine Hauptfiguren im Fokus, die sich vor dem Hintergrund des Kennedy-Wahlkampfes, der Kuba-Krise, der Schweinebucht-Invasion und dem Kampf der Kennedy-Brüder gegen das organisierte Verbrechen, dessen Existenz und Einfluss auf höchste Stellen noch immer wider besseres Wissen bestritten wird, auf unausweichlichem Kollisionskurs befinden.

Sie alle erliegen auf ihre Weise dem Rausch der Macht. Geschäfte auf eigene Rechnung werden gemacht, Bündnisse werden geschmiedet und wieder gebrochen, ein Ehrenwort ist nichts mehr wert. Seine Protagonisten drohen durch ihre Gier, Intrigen, Doppelspiel, Geheimdienst-Klüngel, persönliche Rache-Phantasien, Sensationsjournalismus (Tabloid) und vielfachen gegenseitigen Verrat in den Mühlen der Macht körperlich wie seelisch zerrieben zu werden. Am Ende wird nichts mehr so sein wie es war...

Schließlich fallen am 22. November 1963 die tödlichen Schüsse von Dallas. Dass, wie die Legende es ausweist, ein gewisser Lee Harvey Oswald den Präsidenten erschoss, wird bezeichnenderweise (noch) mit keinem Wort erwähnt...

Ein ebenso spektakulärer wie spekulativer, stets hochkomplexer Roman, für dessen Verständnis einmaliges Lesen möglicherweise nicht ausreicht. Eine faszinierende, rauschhafte Lektion in US-Geschichte Marke Ellroy. Der King of American Crime Fiction at his best!


Der schwarze Falke [Blu-ray]
Der schwarze Falke [Blu-ray]
DVD ~ John Wayne
Preis: EUR 7,97

15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen John Fords komplexester und düsterster Western: Ein Jahrhundertfilm!, 18. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der schwarze Falke [Blu-ray] (Blu-ray)
Texas, 1868: Drei Jahre nach Ende des Bürgerkrieges kehrt Ethan Edwards (John Wayne) in seine Heimat zurück und wird von seinem Bruder Aaron (Walter Coy), seiner Schwägerin Martha (Dorothy Jordan) und deren Familie aufgenommen. Bereits in der ersten Szene werden wesentliche Elemente der Geschichte etabliert. Die Familie tritt ins Freie, als sie eine Gestalt, die wie aus der Unendlichkeit zu kommen scheint, auf das Haus zureiten sieht. Es ist Ethan.

Da die Gegend von Indianern unsicher gemacht wird, hat sich unter Führung von Captain Samuel Johnson Clayton (Ward Bond) eine Bürgerwehr formiert. Schon am nächsten Tag muss die Einheit ausrücken, da dem befreundeten Farmer Lars Jorgensen (John Qualen) Vieh abhanden gekommen ist. Ethan kommt mit ihnen. Die daheim gebliebenen Angehörigen sehen den Männern nach, wie sie der Gefahr entgegen reiten. Ein klassisches Motiv aus anderen Filmen John Fords, das der Meister diesmal mit tragischer Ironie umkehrt, denn es sind letztlich die daheim Gebliebenen, denen Gefahr droht. Die Indianer wollten den Trupp nur herauslocken, um eine der Farmen plündern und niederbrennen zu können. Die Farm von Ethans Bruder wird nachts überfallen. Ethan kommt zu spät. Das Haus ist zerstört, sein Bruder, seine Schwägerin und sein Neffe sind tot. Ethans Nichten Lucy (Pippa Scott) und Deborah (Lana Wood) wurden verschleppt. Ein Vergeltungsschlag der Bürgerwehr auf die Indianer schlägt fehl. Ethan ist mehr denn je entschlossen, die Entführten zurückzubringen und sucht auf eigene Faust weiter. Das Halbblut Martin Pawley (Jeffrey Hunter) und Lucys Verlobter Brett Jorgensen (Harry Carey jr.) begleiten ihn.

In einer Schlucht findet Ethan Lucys Leiche. Offenbar ein Racheakt für die Vergeltungsaktion. Der verzweifelte Brett wird nach einem selbstmörderischen Alleingang von den Indianern erschossen. Ethan und Martin setzen die Suche nach Deborah dennoch fort. Sie wird fünf Jahre dauern...

John Fords atemberaubend gefilmtes Meisterwerk spielt vor dem Hintergrund realer, prägender Ereignisse der amerikanischen Geschichte, ein verbindendes Merkmal unzähliger Filme dieses Regisseurs. Der Film steckt trotz seiner Düsternis voller Poesie und zeigt in Ethan Edwards einen der unvergesslichsten Charaktere der Filmgeschichte. Man verabscheut diesen Mann immer wieder für sein Verhalten, gleichzeitig empfindet man aber auch Mitgefühl für ihn, obwohl er ein Rassist ist. Denn die Figur ist so lebensecht gestaltet, dass man sich in ihn hineinversetzen kann. Man versteht ihn und ist gleichermaßen schockiert.

Wenn man diesen Film zum ersten Mal als Kind sieht, stuft man ihn wahrscheinlich als "normalen" Western ein. Cowboys gegen Indianer, ein paar Schießereien und wunderschöne Landschaftsaufnahmen. Sieht man ihn bis ins Erwachsenenalter immer wieder und konzentriert sich mehr auf die Figuren und die Geschichte, deren Zentrum Ethan Edwards ist, wird klar, wie unglaublich vielschichtig dieses Werk ist. Die Figuren sind psychologisch unglaublich ausgefeilt und alle Schauspieler setzen dies grandios um. John Ford hatte einen einmaligen Instinkt, wie ein Schauspieler vor der Kamera am besten wirkt und wie man ein Ensemble führen muss. Dieses Ensemble wird angeführt von einem überragenden Hauptdarsteller.

Wer immer dachte, John Wayne sei kein großer Schauspieler gewesen, wird spätestens nach diesem Film seine Meinung revidieren müssen. Wayne spielt diese monströse Rolle einfach unfassbar gut! Seine Performance ist unglaublich feinfühlig, nuanciert und in jeder Sekunde absolut wahrhaftig. Hier stimmt jede Geste, jeder Blick. Der Duke machte sich mit diesem Auftritt endgültig selbst zur Legende!

In praktisch allen Filmen, die John Wayne und John Ford zusammen gedreht haben, enthält die von Wayne gespielte Figur nicht nur Charakterzüge seiner selbst, sondern auch des Regisseurs, was ihren gemeinsamen Arbeiten eine sehr persönliche Note verleiht. Auch Ford war ein Kriegsveteran wie Ethan Edwards. Als Admiral diente er den USA im Zweiten Weltkrieg. Mutter und Vater emigrierten unabhängig voneinander aus Irland in die USA. Irische Auswanderer, die seinerzeit in großer Zahl nach Amerika kamen, um im Gelobten Land neu zu beginnen, sahen sich dort meist offener Ablehnung ausgesetzt. John Ford muss also von Kindesbeinen an gewusst haben, was es heißt, ein Außenseiter zu sein. Obwohl er selbst in Amerika geboren wurde und aufwuchs, blieb die Grüne Insel, die er oft besuchte, daher immer die Heimat seines Herzens. Davon zeugt vor allem sein wohl persönlichster Film "Der Sieger" (The Quiet Man, 1952).

Der Regisseur galt als verschlossen, mürrisch, zu Wutanfällen neigend und wie John Wayne als politisch sehr konservativ und patriotisch. Wayne und Ford sahen sich im Laufe ihrer jahrelangen Zusammenarbeit vor allem wegen der Darstellung der Indianer und Mexikaner in ihren Western mehrfach mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien Rassisten. Allein die Tatsache, dass Regisseur und Star sich in "The Searchers" mit einem so komplexen Thema wie Rassismus Mitte der 1950er Jahre so differenziert auseinandersetzen, zeigt, wie mutig die beiden waren und dass ihnen unglaublich viel an diesem Film lag. Davon zeugen auch die Änderungen, die der Film im Vergleich zu Alan LeMays Buchvorlage vollzieht.

Der Film zeigt zudem, wie sehr sich John Ford im Vergleich zu seinen früheren Western in der Behandlung für ihn typischer zentraler Themen und Motive im Laufe der Jahre gewandelt hat. 17 Jahre zuvor, als seine Zusammenarbeit mit seinem Lieblings-Star John Wayne begann, hätte er einen Western niemals so düster, realistisch und ambivalent in der Charakterisierung der Figuren gestaltet, obwohl natürlich auch dieser erste gemeinsame Film, "Stagecoach" (1939), ein nicht nur für das Western-Genre wegweisendes Werk war, das bis heute beeindruckt und unzählige Nachahmer gefunden hat.

Ethan Edwards ist kein von Grund auf böser Mensch, doch er ist innerlich zerrissen, zornig, verzweifelt. Er hat im Bürgerkrieg gekämpft. Die furchtbaren Erlebnisse haben ihn sicher seelisch gezeichnet. Nun wirkt er wie ein Fremdling in der eigenen Heimat. Dies wird bereits in der allerersten Szene deutlich. Die Begrüßung bei seiner Ankunft verläuft fast wortlos. Ethan drückt seinem Bruder nur kurz die Hand und küsst seine Schwägerin sanft auf die Stirn. Ethans Einsamkeit, seinen Status als Außenseiter, macht Ford immer wieder spürbar. Zum Beispiel sitzt er nach dem Abendessen allein in der Dämmerung vor dem Haus und krault den Hund, während sein Bruder hinter ihm die Tür des Schlafzimmers schließt. Wo er sich in den drei Jahren seit Ende des Krieges aufgehalten hat, wird nicht näher erläutert. Er führt mehrere Beutel mit frisch geprägten, noch unbenutzten Goldmünzen mit sich. Möglicherweise hat er das Geld gestohlen oder sogar einen Mord dafür begangen und ist auf der Flucht.

Dass er ein Rassist ist, wird schon in seinen abschätzigen Bemerkungen gegenüber dem Halbblut Martin zu Beginn des Filmes angedeutet. Die genauen Ursachen für seinen Rassismus werden zwar nicht explizit genannt, eine mögliche Erklärung für seinen Hass auf Indianer gibt aber einer der beiden Grabsteine vor der Edwards-Farm. In der Szene, als die kleine Deborah von den Komantschen entdeckt wird, ist die Inschrift kurz zu erkennen: Sie gilt einer Mary Jane Edwards, liebende Ehefrau und Mutter, die von Komantschen ermordet wurde. Vielleicht, wahrscheinlich sogar, handelt es sich bei dieser Frau um seine Mutter. Spätestens als die Indianer auch noch seinen Bruder und dessen Familie ermorden, sind sie für ihn dann nur noch Bestien.

Martin Pawley ist, im Gegensatz zum Roman, im Film teilweise indianischer Abstammung. Nachdem seine Eltern von Komantschen ermordet wurden, wurde der Junge von Ethan gefunden und von der Edwards-Familie adoptiert. Die Beziehung zwischen ihm und Ethan während der Suche nach Deborah wird zu einem der zentralen Elemente des Filmes. Nichts hat John Ford dem Zufall überlassen.

John Ford war ein zutiefst katholischer Filmemacher. Seine Filme setzen sich mit Moral, mit dem, was richtig und was falsch ist, sehr eindringlich auseinander. Dass Religion auch ein zweischneidiges Schwert sein kann, zeigt er uns in der Figur des Samuel Clayton, der nicht nur ein Hauptmann, sondern auch ein Prediger ist.

Ethan Edwards ist sowohl mit der eigenen religiösen Kultur vertraut, als auch mit den Bräuchen der Indianer. Seine eigene Einstellung zu religiösen Themen zeigt die Szene, in der er einem toten Indianer die Augen ausschießt, damit dessen Seele ewig umherirren und nie mehr ihren Frieden finden möge. Der körperliche Tod des Indianers genügt ihm nicht. Er soll auch spirituell sterben. Ethan selbst fühlt sich keiner Religion, keinem Glauben verbunden, beendet sogar die Beerdigung seiner Angehörigen abrupt mit den Worten: "Put an Amen to it!", findet also auch bei diesem Ford-typischen christlichen Ritus keinen rechten Halt in der Gemeinschaft. Er erscheint wie Gottes einsamster Krieger.

Die fünfjährige zermürbende, entbehrungsreiche und von ständigen Rückschlägen geprägte Suche nach Deborah lässt ihn immer besessener werden. Ethan wird mehr und mehr zur furchteinflößendsten Figur des Filmes. Er will Deborah finden, aber vor allem will er Rache. Einmal feuert er voller Wut wahllos in eine Büffelherde, nur damit seine Feinde weniger zu essen haben...
In seiner Besessenheit und seinem Verlangen, sich an dem Indianerhäuptling zu rächen, der seine Angehörigen massakrieren ließ, erinnert Ethan Edwards durchaus an Kapitän Ahab aus Herman Melvilles Roman "Moby Dick". Ahab will mit allen Mitteln Rache an dem weißen Wal, der ihn an Leib und Seele zum Krüppel machte.

Die großen Filme John Fords, speziell "The Searchers", gelten für viele Regisseure bis heute als Referenzwerke. George Lucas hat sich vor diesem Klassiker in "Star Wars" (1977) ebenso verbeugt wie Steven Spielberg in "Unheimliche Begegnung der dritten Art" (1978) oder Wim Wenders in "Paris-Texas" (1985). Und Peter Bogdanovichs bittersüßes Meisterwerk "Die letzte Vorstellung" (The Last Picture Show, 1971) huldigt eindeutig dem Inszenierungs-Stil John Fords. Martin Scorsese ist auch einer dieser Filmschaffenden, die immer wieder auf Ford Bezug nehmen. Travis Bickle, die Hauptfigur in Scorseses "Taxi Driver"(1974) steht klar in der Tradition eines Ethan Edwards. Und das bei Ford so oft wiederkehrende Motiv der Familie und Gemeinschaft findet sein Echo in Filmen wie "Goodfellas"(1990).

Martin Pawley entwickelt ein immer feineres Gespür dafür, wie es wirklich seelisch um Ethan Edwards steht. Während ihrer gemeinsamen Suche reift Martin zu einem echten Mann mit klaren moralischen Prinzipien heran, und als die beiden Deborah (jetzt: Nathalie Wood) nach fünf Jahren schließlich im Dorf des Schwarzen Falken finden, ist er es, der Ethan vom Äußersten abhält. Deborah ist mittlerweile eine der Ehefrauen des Häuptlings geworden. In Ethans Augen wurde sie also auch sexuell korrumpiert und hat es demnach nicht verdient, weiter zu leben.

Bereits die Nahaufnahme von John Waynes Gesicht beim Anblick der psychisch gebrochenen, halb wahnsinnigen weißen Frauen, die die Armee nach langer Gefangenschaft aus den Händen der Indianer befreien konnte, spricht Bände. Nach der Bemerkung eines Soldaten: "It`s hard to believe they are white", antwortet Ethan: "They ain`t white any more. They are Comanches". Darauf wendet er sich zur Tür, dreht sich aber kurz vor dem Hinausgehen noch einmal um. Die Bewegung der Kamera verstärkt den Effekt. Obwohl Ethans Augen praktisch im Dunkeln liegen, kann man aus der Miene all die Kälte und den Hass ablesen, der ihn umtreibt. In diesem Moment will er Deborah nicht mehr nur finden. Er will sie töten!

Dieser Film ist vom ersten bis zum letzten Bild perfekt durchkomponiert. Jede Einstellung, die Höhe der Kamera und jeder Schnitt sind genau so beabsichtigt. "The Searchers" (Die Suchenden), so der viel passendere Originaltitel, wurde 1956 im Vista Vision-Format gedreht. In diesem Verfahren war das Negativ des Filmes fast zweimal so groß wie bei einen "normalen" Kinofilm. Zu der bestechenden Klarheit des Vista Vision- Bildes kommt hier noch der Einsatz von satten Technicolor-Farben.

John Ford war ein echter Filmpionier, dessen Karriere als Regisseur in der Stummfilm-Zeit begann. Diese Ausbildung prägte seine Inszenierungen auch nach dem Wechsel zum Tonfilm. Ford nutzt seine Möglichkeiten bis zur absoluten Perfektion. Eines seiner obersten Prinzipien lautet: Weniger ist mehr! Um eine oder mehrere Figuren in die Handlung einzuführen, genügen wenige Momente, oft nur eine einzige Einstellung. Andere Regisseure hätten dafür minutenlange Sequenzen gebraucht. Das Vista Vision Format kommt seiner Art zu inszenieren besonders entgegen. Mehr als jeder andere amerikanische Filmemacher gestaltet Ford visuell. Seine Bildkompositionen wirken vor allem bei Außenaufnahmen wie die Werke eines großen Malers. Er schreckt auch nicht davor zurück, Dialoge auf das Notwendigste zu reduzieren oder sogar ganz zu streichen und gerade dadurch die Wirkung einer Szene zu maximieren. Er lässt Blicke und Gesten sprechen. John Wayne schaut in einer der berühmtesten Einstellungen über den Rücken seiner Pferdes hinweg in die Ferne. Sein Gesichtsausdruck sagt alles. Ethan Edwards ahnt, dass seinen Angehörigen etwas Furchtbares zustoßen wird. Es handelt sich um eine der wenigen Nahaufnahmen, die John Ford seinem Star zugesteht. Die Kamera bewegt Ford wie eigentlich immer nur in ganz besonderen Momenten. Das hier genutzte Filmformat ermöglicht es ihm besonders, sowohl einzelne Figuren als auch auch hektisches Treiben vieler Personen in einer einzigen oder nur sehr wenigen Einstellungen zu zeigen, in Totalen oder Halbtotalen ohne die Effekthascherei vieler Großaufnahmen von Gesichtern oder Schwenks der Kamera und mit einem Minimum an Schnitten, etwa beim Frühstück im Haus der Edwards. Als später draußen alle zum Aufbruch bereit sind, steht Reverend Clayton noch am Frühstückstisch. Er trinkt Kaffee und sieht Martha Edwards, die allein im Nebenzimmer voller Zärtlichkeit Ethans Kleider umsorgt. Während Clayton geradeaus schauend noch darüber nachdenkt, was er da gerade gesehen hat, verabschieden sich hinter ihm Ethan und Martha voneinander. All das geschieht ohne Worte. Der Regisseur schafft, indem er die Vorteile des Filmformats nutzt, ein viel wirkungsvolleres Medium der Kunst des Schauspielers. Man hat bei Vista Vision, gepaart mit John Fords typischem Stil der Inszenierung den Eindruck, die Schauspieler würden sich auf einer Bühne bewegen.

Nur wenige Filme sind überhaupt in diesem Format gedreht worden, manche gelten heute als Klassiker. Unter anderem haben damals Regie-Größen wie William Wyler (An einem Tag wie jeder andere, 1955), Cecil B. de Mille (Die zehn Gebote, 1956) und Alfred Hitchcock (Vertigo, 1958, Der unsichtbare Dritte, 1959, Über den Dächern von Nizza, 1955) ein paar ihrer besten Filme in Vista Vision gedreht.

Vieles wird in "The Searchers" nur angedeutet. John Ford hat diese ausgeklügelte, subtile Bildsprache, die Informationen über Charaktereigenschaften von Figuren oder Handlungselemente knapp und effizient vermittelt, maßgeblich entwickelt und geprägt. Zum Beispiel impliziert er durch einen einfachen Kuss auf die Stirn, dass Ethan Edwards in die Frau seines Bruders verliebt ist. Oder Martin Pawleys erstes Erscheinen im Film: Als er beim Haus der Edwards zum Abendessen ankommt, springt er von seinem Pferd, wie ein Indianer es tun würde.

Dass dieser Western hauptsächlich in und um Monument Valley gedreht wurde, ist natürlich auch ein Markenzeichen John Fords. Die Landschaftsaufnahmen des Monument Valley, das Ford als Kulisse für insgesamt neun Filme diente, wirken hier besonders beeindruckend. Die Weitläufigkeit des Gebietes betont zusätzlich die unglaublichen Entfernungen, die bei dieser an Homers Odyssee erinnernden Suche zurückgelegt werden. Die Landschaft wird in Fords Werken zu einem tragenden Element. Die Natur und das Wetter sind hier eigene Charaktere, die er dazu nutzt, die Geschichte zu erzählen.

Und wie in praktisch jedem großen Ford-Film gibt es rituelle Sequenzen, in denen, vornehmlich beim gemeinsamen Tanzen und Feiern, der enge Zusammenhalt der Gemeinschaft und der Familie beschworen wird. Ford huldigt solchen Bräuchen sowohl im Kontext des Militärs und der indianischen Kultur, etwa in seiner berühmten Trilogie über die US-Kavallerie, als auch in Zusammenhang mit festlichen Anlässen im eigenen Heim. Dass die Familie davon bedroht ist, von innen heraus zu zerfallen, wie etwa in "How Green Was My Valley"(1941) oder, wie hier, das Idyll durch äußere Gewalteinwirkung zerstört wird, ist ein Motiv, das uns in John Fords filmischem Schaffen immer wieder begegnet. "The Searchers" zeigt außerdem die Störung eines so typischen festlichen familiären Ritus durch eine handfeste Rauferei. Eines Abends platzen Ethan und Martin unvermittelt in die Hochzeitsfeierlichkeiten im Hause Jorgensen. Laurie (Vera Miles), eigentlich in Martin verliebt, hat durch dessen jahrelange Abwesenheit bestärkt, halb aus Trotz den Entschluss gefasst, Martins Rivalen Charlie McCory (Ken Curtis) zu heiraten...

Ken Curtis, später berühmt geworden als Festus in der TV-Serie "Rauchende Colts", trat wie John Qualen, Olive Carey, Ward Bond und andere in mehreren Filmen John Fords als Nebendarsteller auf. Hier spricht er im Original mit einem breiten Colorado-Akzent, was sicher schon beim damaligen Kino-Publikum manchen Lacher hervorgebracht hat. Und natürlich fehlt auch ein sehr kauziger, verschrobener Charakter nicht. Moses Harper (Hank Worden) verkörpert diese Figur, eine Art Narr mit gelegentlichen lichten Momenten, der Ethan und Martin letztlich auf die richtige Spur bringt.

Ford erweist sich zudem als unglaublich präziser Erzähler im Umgang mit Zeit. Laurie Jorgensen erhält eines Tages einen Brief von Martin Pawley, auf dessen Rückkehr sie sehnsüchtig wartet. Die in dem Brief geschilderten Ereignisse decken viele Monate ab. Während Laurie den Brief vorliest, zeigt Ford mit direkten Schnitten ohne Überblendungen, was Ethan und Martin erlebt haben. Er verdichtet die zeitlichen Abläufe und schafft gleichzeitig einen optischen Kontrast zwischen der eher gedrängten Situation im Haus und der immer noch andauernden Suche unter freiem Himmel. Lauries Stimme und später Martins Stimme sind das akustische erzählende Instrument in dieser Sequenz. In den 1950er Jahren war eine solche Erzähl-und Montagetechnik, insbesondere in einem großen Hollywood-Epos, noch nicht angewandt worden. Gerade diese Sequenz zeigt besonders eindrucksvoll, wie meisterhaft John Ford es verstanden hat, die erzählerischen Mittel des Mediums Kino zu nutzen und, wenn möglich, weiter zu entwickeln.

Der Film transportiert, obwohl nicht frei von Humor, durchgehend eine unheilvolle, bedrohliche Stimmung. Der Humor leitet sofort wieder zu einem Moment über, der einen pessimistischen Grundton hat. Ford unterfüttert in seiner typischen Art häufig eine Szene mit amüsanten Momenten, um zu vermeiden, dass die Szene insgesamt zu ernst, bleischwer oder zu sentimental wirkt. Andererseits versteht er es gerade in einem Film wie "The Searchers", eine auf den ersten Blick etwas lächerlich wirkende Szene später wieder auf den Kopf zu stellen und das Publikum zum Nachdenken zu bringen: Als Martin Pawley nach einem Tauschgeschäft in einer Indianer-Siedlung ungewollt eine etwas pummelige Indianerin zur Frau bekommt, wirkt dies auf den Zuschauer zunächst amüsant. Später finden Ethan und Martin die Frau tot unter den Resten eines von der US-Kavallerie zerstörten Dorfes. Mit Menschen zu handeln und sie einem ungewissen Schicksal zu überlassen ist mindestens so barbarisch wie der Akt des Tötens selbst. Da sich in den 1950er Jahren die Restriktionen durch die Filmzensur in Hollywood allmählich zu lockern begannen, konnte Ford auch solche Begebenheiten erstmals ungeschönt in einem großen Spielfilm zeigen, wobei er die Armee, in vielen seiner früheren Western die strahlenden Retter der stets von Indianern Bedrängten und Unterdrückten, hier in ein besonders schlechtes Licht rückt.

Die Figur des Ethan Edwards macht den Film zudem zeitlos. Die Themen sind bis heute brennend aktuell. In diesem Mann werden Rassismus und Bigotterie auch heutiger Gesellschaften reflektiert. Den Zuschauer befällt daher immer wieder ein bedrückendes Gefühl, da man sich in Ethan Edwards ein Stück weit selbst wiedererkennt.

Bestechend subtil, fast unmerklich, nimmt John Ford in "The Searchers" Bezug auf die politischen und gesellschaftlichen Befindlichkeiten der USA zur Entstehungszeit des Filmes und den immerwährenden, allgemeinen Hang der Gesellschaft zur Gewalt, der sich über Generationen hinweg bis heute fortpflanzt. Bezeichnend ist der Dialog zwischen Ethan und den Jorgensens. Mrs. Jorgensen (Olive Carey), früher Lehrerin, und auch aufgrund dieser Eigenschaft eine im Ford-Kosmos klassische Vertreterin der Pionier-Frau, macht folgende Bemerkung: "Vielleicht müssen auch unsere Knochen erst unter der Erde liegen, damit man in diesem Land endlich in Frieden leben kann." Und ihr Gatte wird noch deutlicher, als Ethan auf Bretts Tod zu sprechen kommt: "This country killed my boy!"

Rassismus ist ein schleichendes Gift, gegen das niemand wirklich immun ist. Als Laurie Jorgensen am Abend ihrer Hochzeit mit Martin über Deborah spricht, erkennt man plötzlich, dass auch sie eine Rassistin ist. Nicht nur, dass sie Martin, einem Habblut, sagt, Ethan würde Deborah töten. Schlimmer noch: Martha hätte es so gewollt! Der Hass reicht so tief, dass eine Mutter den gewaltsamen Tod ihrer eigenen Tochter gebilligt hätte, nur weil diese seit Jahren unter Indianern lebt.

Die Gewalt, die diesen Film durchzieht, wirkt sehr effektiv auf den Zuschauer. Dass John Ford sie nicht im Detail zeigt, vieles nur andeutet, etwa durch ein zerrissenes, mit Blutflecken bedecktes Kleid und andere subtile Bilder, macht alles erst so schockierend. Fritz Lang hat dies einmal so bezeichnet: "Der Regisseur macht den Zuschauer zu seinem Komplizen". Damit ist gemeint, dass der Horror sich im Kopf des Zuschauers formt und durch die raffinierte Bildsprache und die Schauspieler transparent wird. Zum Beispiel als Ethan seinen Bruder, seine Schwägerin und seinen Neffen in dem noch brennenden Haus findet. Die Leichen sieht man nicht. Statt das Feuer zu löschen und die Toten zu bergen lässt Ethan das Haus einfach abbrennen und hindert Martin mit Gewalt daran, hineinzugehen, so sehr hat der Anblick ihn schockiert. Ähnlich verfährt John Ford später in der Szene, als Ethan aus dem Canyon zurückkehrt. Was er dort gesehen hat, kann man nur erahnen. Sein Verhalten macht deutlich, dass etwas nicht in Ordnung ist. Erst später erzählt er Martin und Brett die schreckliche Wahrheit: Lucy ist tot. Er hat sie im Canyon begraben. Weitere Einzelheiten bringt er nicht über die Lippen.

John Ford geht es nicht darum, Grausamkeiten möglichst graphisch darzustellen. Er will zeigen, was Gewalt aus Menschen macht, welche Auswirkungen sie auf die Psyche hat. Er zeigt den Indianerhäuptling Schwarzer Falke (Henry Brandon), der im Original "Scar" (Narbe) heißt, als Alter Ego des Protagonisten Ethan Edwards. Der Häuptling trägt auf seiner Seele mindestens so viele Narben wie Ethan, seit zwei seiner Söhne von Weißen ermordet wurden. Wie zahlreich die Gemeinsamkeiten zwischen den Feinden Ethan und Scar sind, zeigt besonders der kurze Dialog vor dem Zelt des Häuptlings über die Sprachkenntnisse des jeweils anderen. Da ist unverhohlener Hass, aber auch ein Funken Respekt.

Das Aufeinanderprallen zweier Kulturen. Die drohende Auslöschung einer Kultur durch eine andere mündet in eine Spirale der Gewalt, die nur auf eine Weise durchbrochen werden kann: Indem man bereit ist, zu vergeben!

Niemand wird in diesem Film als strahlender, edler Held oder seelenloser Schurke porträtiert. Beide Seiten, Indianer wie Weiße, werden als Antipoden einer Gesellschaft gezeigt, die einander unsagbares Leid zugefügt haben. Die dunklen Seiten der menschlichen Natur werden dabei schonungslos offen gelegt. Als Ethan den von Martin Pawley in Notwehr erschossenen Häuptling beim Sturm auf das indianische Dorf in seinem Zelt findet, skalpiert er ihn und verfolgt danach Deborah, die in eine Höhle zu fliehen versucht.

Anders als die Buchvorlage hat der Film aber ein etwas optimistischeres Ende. Ethan bringt Deborah lebend zurück. John Ford geht hier den entscheidenden Schritt weiter. Martin Pawley hilft Ethan Edwards, seine Mission zu erfüllen. John Ford lässt seinen Protagonisten absichtlich genau diese Entwicklung durchlaufen. Er tötet das Mädchen nicht, sondern gibt mit Martins Unterstützung seinem eigenen Leben wieder einen Sinn. Indem er sich nicht vom Hass überwältigen lässt, sondern den einzigen Menschen rettet, der ihm von seiner Familie noch geblieben ist, zeigt sich im entscheidenden Moment seine wahre Menschlichkeit. Ethan nimmt Deborah auf seine Arme, wie er es am Beginn des Filmes getan hat als er auf der Farm seines Bruders ankam. "Lets go home, Debbie" sind die letzten Worte, die Ethan Edwards spricht. Die letzte Szene, die eigentliche Rückkehr, enthält wiederum keinerlei Dialog. John Ford lässt den Zuschauer mit den Bildern und Emotionen allein.

Am Ende schließt sich eine Tür, wie sich am Anfang eine Tür geöffnet hat. Es ist aber kein typisches Hollywood Happy End. Anstatt in Kitsch zu versinken, trifft Ford auch hier genau den richtigen Ton. Ethan Edwards betritt das Haus nicht. Er gehört nicht wirklich zu diesen Leuten. Ein echtes Zuhause hat er nicht mehr. Er gleicht der Seele jenes toten Indianers, die zwischen den Winden umhergetrieben wird. Und doch bleibt der Eindruck, dass er zumindest mit gewissen Dingen seinen Frieden gemacht hat oder auf dem Weg dazu ist.

In der berühmten letzten Einstellung, bevor er sich umwendet und voller Würde dem Horizont entgegengeht, steht Ethan Edwards dem Publikum zugewandt im Türrahmen und verschränkt die Arme, indem er mit einer Hand seinen Ellenbogen umfasst. John Wayne verbeugt sich hier vor seinem Idol Harry Carey senior, der in der Stummfilm-Ära ein gefeierter Western-Held war und mehr als zwei Dutzend Filme mit John Ford drehte. Carey wandte diese Armbewegung in seinen Filmen oft an. John Wayne empfand dies stets als die Geste eines zutiefst einsamen Mannes...

Das Ende ist typisch für Ford. Oft wandert sein Protagonist am Ende scheinbar ziellos in die Ferne oder als winzige Silhouette am Horizont entlang, wie der von Henry Fonda gespielte Tom Joad in "Früchte des Zorns" (1940) oder der ebenfalls von Fonda verkörperte Abraham Lincoln in "Der junge Mr. Lincoln" (1939).

"The Searchers" ist unter anderem deshalb ein Klassiker, weil er bis heute zum Nachdenken anregt und Anstöße für Diskussionen liefert. Etwa die subtil angedeutete, mögliche Liebesbeziehung zwischen Ethan Edwards und seiner Schwägerin Martha. Könnte Deborah aus einem solchen Verhältnis hervorgegangen sein und hat Ethan sie am Ende vielleicht auch deshalb verschont, weil sie seine Tochter ist und nicht bloß seine Nichte? Ein paar kleine Indizien lassen diese Interpretation zu, etwa Deborahs Haarfarbe, aber wirklich beweisen kann man es natürlich nicht. Nach einigem Nachdenken habe ich für mich die Entscheidung getroffen, dass Deborah Ethans Nichte ist und bin damit bei meiner ursprünglichen Einschätzung geblieben. Doch auch die andere Auffassung ist natürlich absolut vertretbar.

Die Extras der Bluray sind identisch mit den Extras der alten Doppel-DVD, die ebenfalls die restaurierte Fassung enthielt.

- Einführung durch Patrick Wayne, der im Film als Soldat Lt. Greenhill auftritt
- Würdigung des Films durch Martin Scorsese, Curtis Hanson und John Milius
- "Turning of the Earth": Making-Of, in dem auch auf die wahren Ereignisse eingegangen wird, die Buch und Film zugrunde
liegen
- Original-Einblicke hinter die Kulissen, Interviews mit Jeffrey Hunter und Nathalie Wood, Trailer
- Audio-Kommentar über die gesamte Filmlänge von Filmemacher und John Ford-Experte Peter Bogdanovich

Auf der HD-Scheibe wird erst deutlich, wie gut die Restaurierung gelungen ist. Das Bild hat absoluten Referenzwert, auch der Ton klingt hervorragend. Auf einem großen Flachbild-Fernseher bekommt man einen erstklassigen Eindruck davon, wie der Film damals in Original Vista Vision im Kino gewirkt haben muss.

Das Bildformat liegt anamorph in 16:9 Widescreen vor, erscheint auf einem entsprechend kompatiblen Fernseher auch im Format 1.1:85, also wie im Kino ohne Balken oben und unten. Es gibt mehrere Tonspuren und entsprechende Untertitel.

Die amerikanische Original-Version von "The Searchers" ist der deutschen Synchronisation klar vorzuziehen. Der eigentliche tiefere Sinn vieler Dialoge wird im Original erst richtig klar. Außerdem erkennt man viel besser, wie vor allem John Wayne Sprache und ihren Rhythmus nutzt, seine Figur zu gestalten. Ein wunderbares Beispiel ist die berühmte "Turning of the Earth"-Szene im Schnee. Gerade das, was nicht ausgesprochen wird und wegen der Zensur wohl auch nicht ausgesprochen werden durfte, macht diese Szene unglaublich beklemmend und lässt erschaudern. Er ist ein Poet, dieser Ethan Edwards. Ein Poet des Hasses!

Wiederholt spricht John Wayne im Original den Satz "That will be the day". Dieser zum geflügelten Wort gewordene Ausspruch wird in besonderen Situationen im Film immer wieder eingeflochten... Bedenkt man Waynes eigentliches Helden-Image,und seinen Status als größter männlicher Star Hollywoods seinerzeit, beeindruckt dieses schockierende Psychogramm eines Rassisten und Atheisten umso mehr.

Nicht wenige halten "The Searchers" für John Fords bestes Werk überhaupt. John Wayne sprach nur sehr selten über den Film, nannte ihn aber mehrfach seinen persönlichen Favoriten und Ethan Edwards die beste Rolle, die er je gespielt habe.

Dieser Film war bei seinerzeit im Kino zwar kein Flop, aber auch kein Riesenerfolg. Vermutlich wollten die meisten John Wayne-Fans ihren Liebling einfach nicht in einer solchen Rolle sehen. Für die anderen war es einfach nur ein weiterer Ford/Wayne-Western. Auch die Filmkritiker schlossen ihn nicht gerade ins Herz. Bei den großen Preisverleihungen wurde er nicht berücksichtigt. Es gab keine einzige Oscar-Nominierung. Der Academy war dieses Werk wohl einfach zu unbequem und zu düster. Als Meisterwerk wurde der Film erst viele Jahre später gefeiert, was mal wieder zeigt: Zeit ist der beste Kritiker!

In der aktuellsten Liste der 100 besten amerikanischen Filme aller Zeiten, herausgegeben 2008 vom American Film Institute, belegt "The Searchers" Rang 12. Dass die Mitglieder des AFI ihn in der Kategorie Western sogar noch vor dem Über-Klassiker "High Noon" auf Platz 1 wählten, sagt über seinen heutigen Status eigentlich alles.

The Searchers: John Ford nimmt uns mit auf eine Reise in das dunkle Herz Amerikas. Unvergesslich, überragend inszeniert unglaublich aufwühlend, mit einer Jahrhundert-Performance von John Wayne. Unbedingt (wieder) sehen!
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 13, 2013 2:23 PM CET


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