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Beiträge von Maja Novak
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Rezensionen verfasst von
Maja Novak
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Schau heimwärts, Engel (Neuausgabe. Neuübersetzung 2009): Roman
Schau heimwärts, Engel (Neuausgabe. Neuübersetzung 2009): Roman
Preis: EUR 11,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Psychogramm eines Dichter, seiner Umwelt und seiner Zeit, 19. August 2011
Spät aber mit Staunen habe ich das Werk des amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe kennengelernt.
Sein erster großer Roman "Schau heimwärts, Engel" ist zweifelsohne ein Werk der Moderne, führt aber dennoch in die Welt eines Literatur-Ereignisses aus dem 19. Jahrhundert:
Das Buch ist Spiegel einer leidenschaftlichen Jugendlichkeit, tragisch, komisch, vital und depressiv - die ganze Fülle emotionaler Verwirrung und Sinnsuche des Heranwachsenden reflektiert sich im Protagonisten Eugene Gant. Wolfe erweckt ebenso die Familienmitglieder und das Personenumfeld des jungen Eugene mit überzeugender psychologischer Logik zum Leben - ich wurde mitgerissen in den Strudel der Ambivalenzen: ich schwankte mit dem Schriftsteller zwischen Aggression, Empathie und Zuneigung für die Menschen in Altamont, einer Asheville nachempfundenen Stadt im südlichen Teil der USA.
Stringent werden die Charaktere durch die Handlung geführt und zeichnen ein überzeugendes Bild der gesellschaftlichen Struktur in den Vereinigten Staaten des frühen 20. Jahrhunderts ebenso wie der Steuerungsprozesse menschlichen Handelns überhaupt.
Wortgewaltig und begeistert lebte Thomas Wolfe in dem Netzwerk seiner literarischen und philosophischen Bildung und verknüpft seine Interpretationen mit Autobiographie und Phantasie. Umfangreiche Naturbeschreibungen, ambivalente Handlungsmotive und ausführliche Beschreibungen innerer Prozesse führen in eine Erlebniswelt, die in unserer reizüberflutenden Welt keinen Platz mehr findet, die Rezeption dieses Werkes zwingt zum Innehalten und Verweilen.
Genau hier liegt auch ein Kritikpunkt, wie ich den allgemeinen Rezensionen entnehmen konnte. Auch ich musste mich manches Mal motivieren, nicht lange Aufzählungen oder Beschreibungen zu "überlesen" - in der Zeit komprimierter literarischer Handlungen ist Ungeduld ein Erziehungsprodukt. Letztlich habe ich jedoch sehr profitiert durch dieses Innehalten und Verweilen in Stimmungsbildern und fremden Gedanken und Empfindungen. Ich konnte hineinwachsen in diese mir fremde Gefühlswelt und damit die Meine um vieles erweitern.


Das Buch in dem die Welt verschwand: Roman
Das Buch in dem die Welt verschwand: Roman
von Wolfram Fleischhauer
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

5.0 von 5 Sternen Kultur-Evolution wird lebendig, 27. April 2011
Wahrscheinlich ist es gerade der jetzige Bruch in unserer eropäischen Kultur, der Wolfram Fleischhauer für den widersprüchlichen Zeitgeist der Aufklärung sensibilisierte!
Dieses Buch lässt den Leser (Zuhörer) eintauchen in die Welt der europäischen Aufklärung und empathisch miterleben, wie Tradition und damalige Moderne scheinbar inkompatibel auf einander treffen. Und bei diesem Abenteuer kommen sowohl die Freude an Sprachgenuss, als auch an Spannung auf ihre Kosten.
Neben diesem Verstehen unserer Kultur, erhellt Fleischauer indirekt auch die Steuerungsprozesse des augenblicklichen Konfliktes im Orient, denn auch hier steht eine Kultur vor dem Aufbruch in Innovation.
Das Fazit: Wo immer neue Ideen das traditionelle Nest infrage stellen, wird dieses mit Blut und Tränen verteidigt.

Ich empfehle dieses bewegende Buch jedem, der sich für geschichtliche und gesellschaftliche Zusammenhänge interessiert und allen, die sich gern eine gute Geschichte erzählen lassen.


Jesus liebt mich
Jesus liebt mich
von David Safier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

19 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Papierverschwendung, 30. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: Jesus liebt mich (Gebundene Ausgabe)
Ich habe "Mieses Karma" nicht gelesen und bin somit anspruchslos an die Lektüre dieses Buch herangetreten; und habe es genauso wieder verlassen: An David Safier werde ich mich nie wieder wenden!

Die Geschichte stellt eine Sammlung bereits vorhandener Ideen zu einer Wiederkunft Jesu dar, wie sie aus Film und Literatur bekannt sind, füllt diese gemischt mit Herz und Schmerz in einen bildlosen Comic und versucht ein eigenes Werk zu bilden, was vollständig misslingt.
Die Handlung ist geistlos, die Personen - einschließlich des wiedergekehrten Messias - sind farblos, uncharismatisch und albern.
Die Mittdreißigerin Marie, Protagonistin, ist eine infantile Persönlichkeit, deren Kommentare zu dem Geschehen sich in einer Gedankenwelt abspielen, die in der Regel mit fünfzehn Jahren verlassen wird; Jesus von Nazareth lässt als Sohn Gottes Zweifel an der Kompetenz seines Vaters aufkommen, was vielleicht intendiert sein mag, aber an abgeschmackter Darstellung scheitert.
Die anderen Charaktere bleiben konturenlos und wirken wie zufällig hineingeworfen, um rein räumliche Leerstellen aufzufüllen.

Bei solchen Manuskripten sollten Überlegungen zur problematischen Abholzung des Regenwaldes zugunsten der Papierindustrie wesentlich mehr ins Gewicht fallen!


Ein Grab in Gaza: Omar Jussufs zweiter Fall
Ein Grab in Gaza: Omar Jussufs zweiter Fall
von Matt Beynon Rees
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine fiktive Dokumentation, 5. Juli 2009
Keine Reportage oder Dokumentation hat mir so tiefe Einsicht in die soziale Situation in Gaza vermitteln können, wie Matt Beynon Rees Roman "Ein Grab in Gaza". Empathisch aber nicht tendenziös wurden mir Ereignisse und Persönlichkeitsprofile nahe gebracht, die neben zeitlicher Aktualität Einblick in grundsätzliche gesellschaftliche Steuerungsprozesse vermitteln: In existenziell bedrohlichen Situationen entwickeln sich die Strukturen zu despotischem Chaos, ideologische Gruppen zersplittern und einst Gleichgesonnene mit freiheitlichen Zielen zerstören sich und damit ihre Ideale.
Sensibel und kompetent hat der Autor dieses Menschheitsphänomen anhand der palästinensischen Enklave Gaza dargestellt, und mit dem Protagonisten Omar Jussuf habe ich gelitten, gefürchtet und Zorn empfunden. Opportunismus, Sadismus und Selbstzerstörung der Palästinenser in ihrem entbehrungsreichen, verwahrlosten Wüstenkerker zeigen die entropischen Folgen menschlichen Ausschlusses, wie es auch bei José Saramagos "Die Stadt der Blinden" mit Betroffenheit nachzulesen ist. Jede Diktatur dient hier als Beispiel. "Aber welche Träume ihn auch immer gequält haben mochten - sie waren allemal besser, als wach durch Gaza zu laufen." gibt Rees uns zu wissen.
Die Ignoranz und politische Fehlsicht des internationalen Engagements ist hier offensichtlich keine Hilfe, sondern verschafft den Außenstehenden allenfalls den ruhigen Schlaf des Selbstgerechten.

Matt Beynon Rees hat keinen Kriminalroman geschrieben, sondern dieses Genre dazu verwendet, um ein Zeitzeugnis für uns abzulegen, in dessen Inhalt wir in den Medien allenfalls verzerrt Einblick gewinnen. Der knappe journalistische Stil macht uns unsentimental zum Zeugen einer Wirklichkeit, die auch ein Roman nicht in Fiktion umwandeln kann.


Das Lied von Eis und Feuer 01: Die Herren von Winterfell
Das Lied von Eis und Feuer 01: Die Herren von Winterfell
von George R. R. Martin
  Taschenbuch

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein mitreißendes Lied, 2. Juli 2009
Es ist immer sehr nett, wenn der eigene Bekanntenkreis durch Lektüre um vielfältige Persönlichkeiten bereichert wird! Und das kann sich nur ereignen, wenn ein sensibler, phantasiereicher und wortgewandter Literat den Leser kunstvoll in seine Welt entführt.

Diese Entführung ist George R. R. Martin gelungen durch die Darstellung komplexer Charaktere sowie die pittoreske Beschreibung von Ereignissen und Umfeld. Beherrschte und unbeherrschte Leidenschaften, Charakterentwicklungen und natürlich Sex and Crime haben mich in Atem gehalten und das Epos einer phantastischen Welt genießen lassen.
Mit sicherer Intuition gelingt es dem Autor immer wieder, das dünne Eis der Kulturleistung zu brechen und menschliche Atavismen erlebbar zu gestalten, um wenig später auf höheren Bewusstseinsebenen ebenso überzeugende Reflektionen darzustellen.
Sicherlich kommen etliche Gestalten dem Fantasy-Leser bekannt vor, und genauso sicher erkennen wir die literarische Welt als eine mittelalterliche, wenn der Autor auch Bekanntes und Eigenes zu einer schlüssigen Struktur verbindet. Heroentum, Ängste und Erfüllung tragen nun einmal ein typisches kulturbezogenes Gewand und "Das Lied von Eis und Feuer" gibt diesen Menschheitsphänomenen eine adäquate mythische Gestalt.

Bedauerlicherweise hat der Verleger die Kraft dieses Werkes nicht verstanden und den Büchern ein Layout gegeben, das mich niemals hätte dazu verleiten können, diese zu erwerben. Dazu bedurfte es einer Empfehlung.


Gut gegen Nordwind
Gut gegen Nordwind
von Daniel Glattauer
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Eine späte Rezension einer enttäuschenden Lektüre, 2. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: Gut gegen Nordwind (Taschenbuch)
Nach häufig gehörten und gelesenen positiven Rezensionen war dieses Buch eine große Enttäuschung für mich. Einem geistvollen und authentisch wirkenden Mann steht in dieser Email-Beziehung eine unreife Teasing-Lady gegenüber, der es offensichtlich an jeglicher Flirt- und Beziehungserfahrung fehlt, so dass ich mich oft gefragt habe, warum der Protagonist in Gefühlsverwirrung gestürzt wird, obwohl er keine evidenten Psychopathologien aufzuweisen scheint.

Daniel Glattauer scheint ein sehr interessanter Mann zu sein, das spiegelt Leo Leike, der männliche 'Hauptdarsteller', dazu ist ihm zu gratulieren. Seine Vorstellung von reizvollen Frauen wirkt pubertär.


Das Museum der Unschuld: Roman
Das Museum der Unschuld: Roman
von Orhan Pamuk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Orhan Parmuks Entführung in eine wirkliche Wirklichkeit, 18. Januar 2009
Eine Liebe und ihre Bewahrung jenseits ihrer gelebten Gemeinsamkeit ist Thema dieses außergewöhnlichen Romans des türkischen Nobelpreisträgers.
Der Protagonist Kemal zeigt uns in der detaillierten Beschreibung seines Lebens ein eindrucksvolles Bild seiner Heimatstadt Istanbul im letzten Drittes des 20. Jahrhunderts, lässt uns teilhaben am Gesellschaftsleben der Vermögenden, an ihren Werten und Zielen und gibt damit auch Einblick in Tradition und Evolution der Türkei jener Jahre.
Kemal findet keine Erfüllung in dem Leben, was ihm als Mitglied der zumindest finanziell gehobenen Gesellschaft vorgegeben ist. In diese ' ihm zunächst nicht bewusste ' defizitäre Gefühlslage fällt der Beginn seiner Liebe zu Füsun, einer entfernten Verwandten aus der weniger begüterten Linie.
Durch Einsicht in die Welt des Kinos und die damalige türkische Produktion sentimentaler Liebesfilme werden Sehnsüchte und emotionelle Mängel der saturierten Bevölkerungsschicht transparent, deren Realität geprägt von Äußerlichkeiten und gestrigen Maximen eine authentische Emotionalität nicht zulässt, was sich jedoch in der Resonanz beim Leser als durchaus nicht allein türkisches Phänomen erweist.

Es hat eine Zeit gebraucht, bis ich meine zeitgenössisch-pragmatische Sicht von Liebesbeziehungen überschreiten konnte und mich vom Autor in Menschheitsanliegen entführen ließ, um dort auch selbst nicht mehr unangenehm berührt zu werden. Im wahren Sinne der Worte werden peinlich genau die Erfüllung und das Leid der zentralen Figur des Kemal dargestellt, so dass der Leser manches Mal als unwilliger Voyeur in die Intimsphäre des Liebenden gezwungen wird, und diese Form der Leidenschaft als krankhaft oder zumindest lebensfremd empfunden wird, vielleicht auch zunächst Langeweile aufkommen mag.
Ich denke jedoch, dass hier eine gewisse Abwehr im Leser berührt wird, da diese Form von obsessiver Hingebung zwar aus großen weltgeschichtlichen Liebestragödien hinreichend bekannt ist, aber dieser Liebe keinerlei Realitätsanbindung zuzukommen scheint.
Folgen wir jedoch dem Autor in das bedeutendste Menschheitsthema, so müssen wir feststellen, dass wir wahrscheinlich alle zu derartiger Leidenschaft fähig wären, uns wohl auch nach ihrer Erfüllung sehnen, aber unsere Realität lässt keinen Raum, der durch seine kulturellen Gestaltungen und Begrenzungen für dieses Erleben frei gesetzt werden kann: Dass diese Liebe sich nicht erfüllen kann liegt in ihrer Ontologie ' diese Liebe hat keine Chance in der unwirklichen Wirklichkeit.

Orhan Parmuk überzeugt uns weiterhin durch Geschehnisse, Dialoge und Gedanken der Personen dieses Romans von der Wahrheit und Bedeutung menschlicher Alltagswelt, die offensichtlich immer wieder hinter dem Glamour sentimentaler Darstellungen unserer Wünsche und Sehnsüchte als unbedeutend in Vergessenheit gerät. So füllt der Protagonist ein Museum mit Alltäglichkeiten scheinbaren Sinnlosigkeiten, die für ihn in prägnantem Bezug zu seiner Geliebten stehen und weist damit auch auf den Mangel an Wahrnehmung in Bezug auf unsere gelebte Gewohnheit hin, die wir hinter fiktivem Lebensanspruch vergessen.

Besonders berührend lässt uns der Autor nachvollziehen, wie die geliebte junge Frau Füsun in ihren Wünschen, Sehnsüchten und ihrer authentischen Liebe scheitert, vergeblich versucht sie ihre Träume vom Leben zu realisieren. Als sie letztendlich das Rad der Zeit zurückdrehen möchte, ihre Unschuld und Freiheit nach vielen Jahren zurück zu gewinnen strebt, verliert sie an dieser Unmöglichkeit ihren Lebensmut.

Orhan Parmuk hat mit diesem Werk zeitlose Weltliteratur geschaffen, die uns alle angeht.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 26, 2010 9:28 AM MEST


Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen
Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,80

21 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Charmant und schonungslos, 23. Januar 2008
Es macht immer wieder Freude, wenn die eigenen Vorstellungen, die sich in langjährigen Studien mit Steuerungsprozessen der Kultur gebildet haben, durch heftige Bewegungen zu neuen und interessanten Bildern geformt werden.
Diesen Kaleidoskop-Effekt verursacht Sloterdijks Betrachtungen der drei Offenbarungsreligionen mit dem reflexiv gesehen tiefdeutigen Titel "Gottes Eifer".
Viele Ansätze der Religions- und Kulturkritik aus vergangener und aktueller Kulturbetrachtung einbeziehend, analysiert der Wissenschaftler und Literat Strukturen und Inhalte der Monotheismen sowie ihrer "eifernden" Vertreter. Er schafft für diese Kulturen ein mögliches und teilweise sehr überzeugendes Flussdiagramm, so dass die heutigen religiösbedingten Kulturkonflikte als transparent und logisch erkannt werden können.
Offenbarungsreligionen als Vermittler psychologischer Nestwärme, Frustrationsausgleich und Welterklärung, die sowohl entmündigend als auch agitierend auf ihre Anhänger wirken und in ihrem absolutistischen Machtanspruch als Inhaber der alleinigen ewigen Wahrheit nicht nur zu Gewalt und Machtmissbrauch, sondern auch zu Entmündigung als zwingende Folge der bedingungslosen Unterwerfung führen müssen. Die Strukturen und Inhalte des Kommunismus, als gescheiterter Versuch einer profanen Ideologie, sieht Sloterdijk als schlüssige Folge dieser "Parodie der Religionsgeschichte", da auch jener durch seine Hohenpriester als Machtmittel zu Erreichung unumstößlicher menschlicher Wahrheit missverstanden und missbraucht wurde.

Das Buch ist ein Plädoyer für Zivilisationsentwicklung als Zielsetzung für die Zukunft, statt alternativ die alten Werte" neu zu beleben oder gar neue Dogmen mit endgültigem Wahrheitsanspruch in die Welt zu setzen.
Das Lebensbejahende an Sloterdijks Gedanken ist immer die Öffnung einer Tür, die den Beginn eines gangbaren Wegs für die Zukunft aufzeigt, ohne dass ihr Verlauf oder Ziele festgelegt werden, an denen diese Straße zu enden habe. So bleibt Kultur ein Versuch der Vervollkommnung im Hinblick auf ein sich laufend veränderndes Welt- und Menschenbild.
Ein wichtiges Buch für jeden, der sich wirklich für das Hier und Heute und damit zwingend auch für die Vergangenheit interessiert.

Und zu guter Letzt: Es begeistert mich immer wieder, Peter Sloterdijk auf seine rhetorisch gewandte und polemisch elegante Reise in brisante Themen zu folgen, die an manchem fremden Gestade verhält und bekannte Gebiete in neuem Licht erscheinen lässt.


Schnee: Roman
Schnee: Roman
von Orhan Pamuk
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

12 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tiefenrealismus und große Erzählkunst, 23. Januar 2008
Rezension bezieht sich auf: Schnee: Roman (Taschenbuch)
Viel ist über den Roman Schnee" des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk geschrieben worden, so dass eine weiter Inhaltsangabe oder Deutung in die Ablage des Redundanten gelangen müsste.
Also beschränke ich mich auf meinen individuellen Eindruck und Gewinn.

Ka, ein mittelmäßig erfolgreicher Literat nimmt in Pamuks Werk die unfreiwillige Position eines politischen Akteurs ohne politische Ambitionen ein. Nimmt er persönlich Stellung, ist es immer eine Anbindung an seine individuellen Interessen, was natürlich auch für die anderen Akteure gilt, nur dass er der Einzige zu sein scheint, der seine Handlungsmotive nicht ideologisch legitimiert. So sind seine Wahrnehmungen des entropischen Geschehens in der eingeschneiten, von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt Kars die eines zwar aufmerksamen, aber unambitionierten Beobachters, der von den politischen und ideologischen Handlungsträgern missverstanden oder auch für ihre Zwecke missbraucht wird. Er ist weder um Macht noch um Sympathien bemüht ist - man nehme den Wunsch nach Erwiderung seiner Liebe zu der schönen Studienkollegin Ipek hier aus - und diese fremde Grundhaltung ist vielen suspekt, so dass ihm immer wieder Handlungsmotive unterstellt werden, die er weder intendiert, noch fühlt.
Durch diese Außenseiterposition hat der Schriftsteller sich selbst - und damit auch uns - einen Bezugspunkt geschaffen, der ein nicht wertendes und damit objektiveres Betrachten der Begebenheiten zulässt.
Damit werden die Ereignisse religiöser und ethnischer Konflikte, welche die Türkei seit langer Zeit erschüttern und beschäftigen, ohne den manipulierenden und eindeutig urteilenden Tenor der allwissenden europäischen öffentlichen Meinung dargestellt, so dass es als unmöglich erscheint, das polare Gut/Böse-Urteil zu fällen, und dennoch wird der Leser immer wieder mit Situationen und Ereignissen konfrontiert, die Fundamentalismen, Diktatur und Diskriminierung der Frau offen legen und damit Unrecht aufzeigen. Die Entscheidung dessen, wer Täter und wer Opfer ist, kann nicht gefällt werden, da sich diese Rolle in einer Person je nach Handlungsintention und auch -folge wandelt - so wie es sich eben in der Realität darstellt, die nicht an die eindeutige Messlatte der bereitwillig (ver-)urteilenden kulturfernen Beobachter angelegt ist, deren Handeln kulturintern die gleiche Uneindeutigkeit reflektiert.

Es bedarf sehr viel emotionellen und mentalen Engagements, die subtile Vielfalt der komplexen Geschehnisse in der Türkei so scharf zu beobachten und zu erkennen, und es bedeutet eine hervorragende künstlerische Leistung, diese ambitioniert aber unbefangen darzustellen. Das Stilmittel der detaillierten Beschreibung von Außen- und Innenwelt lässt den Leser nicht zum Voyeur, sondern zum Beteiligten werden, Radikalisierungen und Fundamentalismen werden verständlich und nachfühlbar.


Falls Europa erwacht: Gedanken zum Programm einer Weltmacht am Ende des Zeitalters ihrer politischen Absence (suhrkamp taschenbuch)
Falls Europa erwacht: Gedanken zum Programm einer Weltmacht am Ende des Zeitalters ihrer politischen Absence (suhrkamp taschenbuch)
von Peter Sloterdijk
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,50

16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine kurze Tiefenanalyse, 15. Oktober 2007
"Falls Europa erwacht" ist eine 60-seitige "Instant"-Niederschrift einer umfassenden Betrachtung europäisch-politischem Bewusstseins, welches heute der unmodernen Tugend des Mutes und vor allem der visionären Phantasie eine neue Herausforderung abverlangt.
"Instant" ist dieser Essay, da Sloterdijk seinem Gedankenfluss jede verdünnende Phrase und Erklärung entzieht und den Leser mit seiner außergewöhnlichen Beredsamkeit unmittelbar konfrontiert, so wie man es von vielen seiner Werke gewohnt ist. Vielleicht ist es genau dieser Mangel an geistiger Masturbation, der den Autor immer wieder in die Negativkritik der Vertreter der "Mutter aller Wissenschaft" geraten lässt: Sloterdijk bietet uns ein Fazit, während so mancher "alte" und "neue" Denker durch ein Labyrinth des Begründungszwanges führt.

Auf dem Fundament seines weitreichenden Kulturwissens zeigt Peter Sloterdijk überzeugend historische Steuerungsprozesse, die bis heute europäisches Staats- und Machtverständnis prägen und offensichtlich als imperiales Gen die Europapolitik bestimmen und formen. Ohne eine durchgreifende Mutation an dieser Erbmasse, sieht der Autor keine Zukunft für eine moderne Kultur.
Besonders faszinierend ist sein Postulat nach einer ganz eigenen und fundamental neuen Vision, die jede traditionelle Rechtfertigung politischer Macht in transzendentem göttlichen Auftrag oder irdischem Elitebewusstsein ablegt und ganz neue Motive und Strukturen europäischen Bewusstseins beinhaltet, die sich - ohne jede Erfahrungswerte - gegen Konservativismen und vor allem gegen "historisch erworbene Skepsis" (Sloterdijk) durchsetzen müssen.
Sollte sich dem Leser die Frage stellen: "Welche Vision einer solchen Geistesrevolution vertritt Sloterdijk?" so bietet der Essay keine konkreten Begriffe. Der Philosoph ist hier ein analytischer Europa-Therapeut, der Neurosen aufzeigt und in das Bewusstsein bringt, was aber zu denken und zu tun ist, muss der Klient selbst in sich entdecken, damit er authentisch und autonom handeln kann.

Und hier, meine ich, hat Europa ein schweres Erbe: 2000 Jahre "selbstverschuldeter Unmündigkeit" bilden einen schier unüberwindlichen Schutzwall vor autonomen Neuronenfluss; diesen Limes gilt es zunächst zu erkennen und in Folge abzutragen sowie vor allem den Schutt fortzuschaffen, damit nicht hinter uns eine neue Grenze zur notwendigen Realität entsteht.


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