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I. E. Weiss "iweiss@alphacrc.com" (Cambridge)
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Der Milchozean: Erzählung mit sechs Bildern
Der Milchozean: Erzählung mit sechs Bildern
von Richard Weihe
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,80

5.0 von 5 Sternen Das faszinierend-märchenhafte Leben einer indischen Künstlerin, auf originelle und poetische Weise erzählt, 15. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sabine Doering, beginnt ihre Rezension (20.12.2011) mit diesen Worten:
Der Stoff ist ein grandioser Fund. Die ungarisch-indische Malerin Amrita Sher-Gil, die 1913 in Budapest geboren wurde und mit 28 Jahren starb, ist bei uns noch immer kaum bekannt, obwohl sie längst als eine der Begründerinnen der modernen indischen Malerei anerkannt ist.
Und beschließt sie mit der Schlussfolgerung:
„Das unbestrittene Verdienst der Erzählung aber ist es, das faszinierende Werk der Malerin Amrita Sher-Gil vorzustellen und Neugier auch auf ihre übrigen Gemälde zu wecken.“

Dazwischen verfährt die Rezensentin recht ungnädig mit der Erzählung. Völlig zu Unrecht, wie mir scheint. Denn der Autor gibt ja nicht vor, uns eine
realiengesättigte Biographie vorzulegen sondern eben eine Erzählung, die sich etliche Freiheiten gegenüber den Fakten erlaubt, eine poetische Verdichtung eines ungeheuer spannenden Lebens zwischen Orient und Okzident. Wer es genau wissen will, kann bei den Quellenverweisen nachlesen, welche Freiheiten sich der Autor genommen hat.

Weihe belässt seiner Protagonistin – und damit auch dem Leser – viel Freiraum. Wer will, darf auch zwischen den Zeilen lesen. Er vermeidet das peinliche Eindringen in ihr Innenleben, das anmaßende Unter-die-Haut-Schlüpfen, wie man dies so oft in Biografien vorgelegt bekommt. Seine Erzählung vermittelt anhand von Bildern und Szenen Eindrücke. Er erliegt nicht der Versuchung, minutiöse Details zu beschreiben, die ja immer nur erfunden sein können, die mich als Leser meist peinlich berühren und die eher einen Mangel an Respekt, ja eine Hybris, darstellen als einen Gewinn, weil sie einen allwissenden Autor nahelegen.

Da ist mir der Märchenonkel lieber, ein Erzähler, der dazu anregt, sich selbst die Details auszumalen, anhand von Skizzen und Konturen, die er uns vorgibt. Auch muss gesagt werden, dass Geschichte von Amritas Abstammung (Vater: indischer Philosoph, Vertreter der indischen Unabhängigkeit, Hungerkünstler, Fotograf und Astronom; Mutter: ungarische Musikerin, Diva, Hysterikerin) sowie das kurze und atemberaubende Leben von Amrita ja tatsächlich mehr mit einem Märchen gemein hat als mit einer wahrhaften Lebensgeschichte. In der Tat ist diese Familiengeschichte schon so fantastisch und ungewöhnlich, dass man sie eigentlich gar nicht in den üblichen Rahmen einer Biografie fassen kann.

Mir scheint, Richard Weihe hat hier viel mehr ein Schauspiel in Bühnenbildern inszeniert, in dem Amritas Bilder natürlich eine Schlüsselstellung einnehmen. Vieles in diesem so völlig unkonventionellen Frauenleben, das hin und herspringt zwischen Budapest, Indien und Paris, bleibt schattenhaft, angetönt, beinahe unfassbar, Farbkleckser auf einer weißen Wand – nur keine Streifentapete. Dafür wunderbar punktiert mit anekdotischen und teilweise humoristischen Einschüben zu Kultur und Weltgeschichte, die der Erzählung ihren ganz besonderen Reiz verleihen und sie immer wieder einflechten in die Ereignisse der großen Welt: "Ein Jahr zuvor waren die wilden Zwanzigerjahre mit der Finanzkrise an der Wall Street jäh zu Ende gegangen. In Paris spürte man allerdings noch nichts von einer Krise… Wem die Wirklichkeit zu wenig bot, fand überall Schlupflöcher in andere Welten: Kellertheater, Kinosäle, Varietés, Salons, Etablissements – Milieus aller Schattierungen … Der Autoabsatz nahm rasant zu. Als Regel galt: Ein Autor hat teuer auszusehen und die Beifahrerin schön. Man fuhr gerne schnell. Alle hatten ständig ein bisschen zu wenig Zeit, denn es galt als schick, es eilig zu haben.“, unter anderem natürlich auch der NS-Zeit: „Weil viele jüdische Ärzte sich entschlossen, das Land zu verlassen, gab es auf einmal eine Menge medizinischer Einrichtungen und Apparate zu Schleuderpreisen zu kaufen.“

Weihe verwebt die faszinierende Geschichte der Malerin mit 6 ihrer Bilder, bei deren Beschreibung er behutsam, ohne aufdringlich didaktische Absicht und Besserwisserei verfährt. Sie reflektieren gewissermaßen das Exotische und die Intensität ihres allzu kurzen Lebens und ihres eigenwilligen künstlerischen Stils. Der Leser soll angeregt werden, sich die Bilder selbst anzuschauen und sich ansprechen zu lassen, und Weihe enthält sich bewusst einer psychologisierenden Interpretation; er will uns ganz einfach nur einen Blick werfen lassen in diese uns unbekannte Welt, will uns aufmerksam machen auf den großartigen Mut zur Farbe und den Bruch mit der Tradition. Er bürdet uns keine Exkursionen zu Cézanne, Van Gogh oder Gauguin auf: Statt langer Erläuterungen und Vergleiche mit anderen Malern ihrer Generation lesen wir die wunderschöne Geschichte von der Frau des Maharadschas, die zur Veranschaulichung eines der wichtigen Kriterien der Kunst von Sher-Gil dient: Das Weglassen von Details und die Konzentration auf das Wesentliche.

Dem Autor geht es darum, den Funken der Faszination, die ihn anlässlich der Münchner Ausstellung zu Amrita Sher-Gil (2007) so heftig gepackt hat, auf uns überspringen zu lassen, ohne uns in eine Zwangsjacke zu stecken und uns mit Überinterpretationen und pseudo-maltechnischem Wissen zu füttern.


Ingenieur Andrées Luftfahrt
Ingenieur Andrées Luftfahrt
von Per Olof Sundman
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Packende Geschichte im Packeis, 9. Dezember 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
The Balloonist : A Novel"Aber liegt es nicht in der Natur der Sache, dass Polarforscher keinen gesunden Menschenverstand besitzen?" Nach 4-wöchigem Fußmarsch durch das Packeis, bei dem die drei gestrandeten Ballonfahrer, gehemmt von ihren schweren Schlitten, mit letzten Kräften in südöstlicher Richtung marschieren, während das Packeis sie schneller nach Osten treibt, müssen sie einsehen, dass ihr hochgestecktes Ziel, als Erste den Nordpol per Ballon zu erreichen, kläglich gescheitert ist.
Eigentlich hätten sie sich dies schon in den ersten Stunden ihrer Luftfahrt eingestehen müssen, als ihnen ihre Lenkseile abhanden kamen, sodass ihr Fahrzeug seine Manövrierfähigkeit einbüsste und sie damit völlig den Winden überlassen waren. Doch an diesem ersten Tag wollten sie nicht klein beigeben und umkehren - zu sehr waren die Augen der Weltöffentlichkeit auf sie gerichtet, zu lange hatten sie schon gewartet, endlich ihr glorreiches Unterfangen zu ihrem eigenen und zum Ruhme Schwedens starten zu können.
Dies ist eine wunderbare Geschichte über Forschergeist, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen, Überlebenswillen und unerschütterlichen Optimismus. Berichtet wird aus der Perspektive von Ingenieur Fränkel (der in Wahrheit kein Tagebuch führte; aufgefunden wurden jene seiner beiden Begleiter, des Leiters der Expedition, Andrée, und des Navigators Strindberg). Sein Bericht ist frei von Selbstmitleid und Vorwürfen gegenüber Andrée und seiner fixen Idee, getragen von einem wunderbaren Humor, der vor allem in den Dialogen zum Vorschein tritt.
Das Buch verdient einen größeren Bekanntheitsgrad, auch außerhalb Skandinaviens; die Übersetzung von Udo Birckholz kann als sehr gelungen bezeichnet werden. Interessant ist es, diesen Roman von Per Olof Sundman in Gegenüberstellung zu Macdonals Harris' "The Balloonist" zu lesen, dem dieselbe Expedition zugrunde liegt - der sich jedoch weniger an die Tatsachen hält.


Lange Jahre fremd: Biographischer Roman
Lange Jahre fremd: Biographischer Roman
von Roland M Begert
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sklave im 20. Jahrhundert - in der Schweiz, 9. Februar 2011
"Verdingbub" - wem ist das heute noch ein Begriff? Der eine oder andere mag sich an Jeremias Gotthelfs Darstellung im Bauernspiegel (erschienen 1837) erinnern, wo arme Kinder auf einer Art Sklavenmarkt als Billigstarbeitskräfte angepriesen und versteigert wurden. Sie mussten dann von früh morgens bis spät abends Schwerstarbeit verrichten, zumeist auf Bauernhöfen, aber mit dem Aufkommen der Industrie auch in Fabriken. Sie fristeten ein Dasein fernab von menschlicher Würde; für Schule, Freizeit, Selbstverwirklichung oder ein bisschen Zuneigung blieb keine Zeit. Wenn wir heute von "Kinderarbeit" hören, denken wir an Indien oder Brasilien. Weit weit weg also, schön bequem weit weg.
Ich denke, ich bin nicht allein, vollkommen schockiert zu sein, nun von Roland M. Begert in seinem biografischen Roman erfahren zu müssen, dass diese Art von Ausbeutung und menschenunwürdiger Behandlung bis in die 1960er Jahre hinein in vielen Kantonen der Schweiz praktiziert wurde.
Der Autor schreibt die Geschichte (die seine eigene ist) von Florian, dem unerwünschten, ungeliebten Kind einer Zigeunerin, das ohne jede Liebe, Zuneigung, Menschenwürde oder Freude im Kinderheim und dann auf dem Bauernhof aufwächst, kaum mal Gelegenheit hat, die Schule zu besuchen oder sich über irgend etwas zu freuen. Wäre da nicht bei seiner Geburt die Hebamme, die ihm seinen Namen gibt, wäre der Bub wohl gar ohne Namen aufgewachsen. Ein Namenloser, Sprachloser. Man kann in dieser Hebamme vielleicht die gute Märchenfee sehen: "Nennen wir ihn doch Florian ... der Blühende, der Prächtige... Ein solcher Bub wird auch in den großen Stürmen seines Lebens nicht untergehen, wird sich auch im Schatten der väterlichen Schande zu einem wertvollen Menschen entfalten."
Doch bis sich diese Prophezeiung bewahrheitet, müssen viele Jahre ins Land gehen, harte, grausame Jahre, in denen Florian an Körper und Seele viel Schaden nimmt, nicht nur als Verdingbub auf dem Bauernhof, sondern noch schlimmer, als ihn sein Vormund zwingt, eine Lehre als Gießer zu absolvieren, immer unter der Drohung, bei Untauglichkeit in eine Arbeitserziehungsanstalt gesteckt zu werden. Immer wieder gibt es auch Verweise auf die Sprachlosigkeit, das Unvermögen, seine Verzweiflung und seine Ängste jemandem anvertrauen zu können, zum einen, weil ihm die Worte fehlen, zum anderen weil da niemand da ist, der ihm, "dem Gesindel", zuhören würde. Wenn das Wort an ihn gerichtet wird, dann im harschen Befehlston. Er wird zu Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Pflichtbewusstsein und Respekt angehalten, alles Tugenden, die in der Schweiz großgeschrieben werden, genau so groß wie "Demokratie", "Toleranz" und "Menschenrechte"!
Erst eine Krankheit und ein Spitalaufenthalt geben Florian die Chance, aus seiner inneren Immigration herauszufinden und für sich zu entdecken, dass auch er ein Recht auf Glück hat. Dies gibt ihm den Mut, eine Entscheidung für seine Zukunft zu treffen (dazu gehört nicht zuletzt das rituelle Verbrennen der Papiere der Fabrik, in der man ihn ausgebeutet hatte). Und dies ist der Wendepunkt und der Anfang zu einem menschenwürdigen Leben, wie es leider so vielen anderen Verdingkindern - wie man inzwischen weiß - nicht vergönnt gewesen ist.
Dieses Buch müsste zur obligatorischen Lektüre an Schweizer Schulen erklärt werden.


Island of Second Sight
Island of Second Sight
von ALlbert Thelen
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 60 Jahre überfällig: Die ENGLISCHE Ausgabe, 4. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Island of Second Sight (Taschenbuch)
Fast gleichzeitig mit der Ausgabe von Thelens Briefen ist nun endlich auch die englisch/amerikanische Fassung dieses wunderbar originellen "Schelmenromans" erhältlich und wird damit auch für Leser zugänglich, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind oder sich an ein so dickes Werk nicht wagen.
Damit dürften gewisse Vorurteile gegen die deutsche Literatur (und die Deutschen) des 20. Jhds. endlich aus der Welt geschafft sein: Ja, es gibt einen deutschen Humor (auch damals!), und es gab kritische Stimmen, die vor dem Unheil warnten. Wer die "Insel" mag und sich immer wieder daran ergötzt, kann jetzt auch englisch lesende Freunde und Bekannte mit diesem so vergnüglichen und gleichzeitig zum Denken anregenden Werk beglücken. Donald White, der Übersetzer, hat tatsächlich das Unmögliche geschafft: Den Sprachwitz und den barock-weitschweifigen Stil dieses abenteuerlichen halb-autobiografischen Romans ins Amerikanische zu übersetzen.


Ich habe den englischen König bedient: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Ich habe den englischen König bedient: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Bohumil Hrabal
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Surrealistisches Märchen, politische Satire, 23. November 2009
Ein wunderbarer, surrealistisch angehauchter Erziehungs- und Schelmenroman, eine politische Satire mit zahlreichen Elementen eines Märchens, vor dem Hintergrund monumentaler geschichtlicher Ereignisse (Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis, Nachkriegszeit, kommunistische Herrschaft).
Der Erzählstil fordert geradezu zum Vorlesen auf ("Passen Sie auf, was ich Ihnen jetzt erzählen werde" - so oder ähnlich beginnt jedes der Kapitel). Der Held ist ein kleinwüchsiger aus ärmsten Verhältnissen stammender Pikkolo, der früh lernt, dass Anerkennung im Leben nur mit Geld zu erkaufen ist. Um seine Ambition, zum Hotelbesitzer und Millionär aufzusteigen, zu verwirklichen, sind ihm alle Mittel recht. Als Würstchenverkäufer am Bahnhof prellt er seine Kunden um ihr Rückgeld, indem er so lange nach Scheinen in seiner Jacke sucht, bis der Zug abfährt; um eine reiche Frau zu heiraten, nimmt er die entwürdigende Untersuchung seines Ariertums durch einen deutschen Arzt auf sich ... Seine Frau fällt einem Fliegerangriff zum Opfer, der gemeinsame Sohn wird in ein Heim für schwachsinnige Kinder gesteckt, aus der kostbaren (Juden vor dem Transport abgenommenen) Briefmarkensammlung, die er im Koffer seiner toten Frau findet, kauft er sich schließlich sein Hotel. Als arrivierter Millionär besteht er darauf, von den Kommunisten zusammen mit den anderen Millionären interniert zu werden, wird von den lang etablierten Reichen jedoch als Kriegsgewinnler mit Verachtung gestraft. Schließlich begreift er, dass er sein Leben lang einem falschen Ziel hinterhergejagt ist.


Die Insel des zweiten Gesichts: Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis
Die Insel des zweiten Gesichts: Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis
von Albert Vigoleis Thelen
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zu Unrecht verkannt - der größte Außenseiter der dt. Literatur, 3. März 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wie ich über ihn gestolpert bin, vermag ich nicht mehr zu sagen. Ganz bestimmt nicht über ein Literaturlexikon, dort würde man nämlich vergebens nach ihm suchen. Völlig zu Unrecht, meine ich und schließe ich der Meinung der übrigen bisherigen Amazon-Rezensenten und vieler anderer begeisterter Leser uneingeschränkt an. Wir sind damit in guter Gesellschaft, hält Siegfried Lenz Thelen doch für einen der ganz großen deutschsprachigen Autoren des 20. Jhs. - und der holländische Bestseller Autor Marten t' Hart hievt ihn sogar den ersten Platz.
"Die Insel des Zeiten Gesichts" stieß zur Zeit ihres Erscheinens wegen Thelens unverblümt antinazistischen Haltung auf Missvergnügen und Ablehnung, jedenfalls in Deutschland, weshalb das Werk auch zunächst in Holland veröffentlicht wurde. Aber auch der fabulierende, barock-pikareske, von ihm selbst als 'Kaktusstil' bezeichnete Schreibstil passte so ganz und gar nicht in die schriftstellerische Landschaft des "Nullpunkts", wie sie etwa die Vertreter der Gruppe 47 oder der Trümmerliteratur repräsentieren.
Ein wenig Mut braucht es vielleicht auch noch für uns heutige Leser: Man darf sich nicht abschrecken lassen von dem gut 900 Seiten dicken Wälzer mit den seitenlangen Absätzen, den Bandwurmsätzen und dem enormen Wortschatz, den der Autor noch durch zahlreiche geniale Wortneuschöpfungen und Dialektwörter anreichert.
Denn wer sich einmal einläßt auf dieses verrückte Inselabenteuer, wird reichlichst belohnt. Er/sie wird sich an zahlreichen Passagen ergötzen, teilweise auch lauthals lachen können. Die Helden, Don Vigo und seine Gefährtin Beatrice, die ständig am Hungertuch nagen und sich nur mit allergrößter Lebenskunst und einer gesunden Portion Humor und viel Erfindergeist über Wasser halten können, machen Bekanntschaft mit einer nicht enden wollenden Vielfalt von kauzigen Einheimischen, namhaften Emigranten und angeberischen Touristen ("deren Töchter vergaßen, dass sie höhere waren"). Da gibt es z.B. den buckligen Bettelmönch, der die Passanten wie folgt auf sich aufmerksam macht: "Wer Barmherzigkeit üben will an seinem Nächsten, der tue es an mir! Kein Zwischenhandel, daher größere Ablaßkraft! Auf Wunsch Fürsprache auch beim Teufel! English spoken. On parle français und so weiter ..."

Auch wer seinen Urlaub auf Mallorca plant und vielleicht zu den Glücklichen gehört, die auf der Amazon-Website über die Suche nach einem Mallorca-Reiseführer auf "Die Insel" stoßen, der ist bestens bedient, finden sich doch zahlreiche nützliche und lehrreiche Hinweise, etwa der über den Slogan des spanischen Verkehrsvereins 'Mallorca Clima Ideal', das "wie alle Schlagworte auf Schwindel beruht, oder sagen wir auf einer falschen Ausdeutung der Wetterwendischkeit, und schon Tausenden der Aufenthalt auf der Insel verregnet ist". Dazu die großmäuligen, zum Teil frei erfundenen und völlig respektlosen Beschreibungen, die Vigo als Reiseleiter ("Führer") seinen Touristen auftischt, etwa bei der Besichtigung der Lonja, der alten gotischen Börse: "... Eine Wendeltreppe führt, wie Sie sich bitte überzeugen wollen, auf das Dach und weiter auf einen der Ecktürme, der einen überwältigenden Blick auf Stadt, Hafen und Bucht gestattet. Aber da gehen wir nicht hinauf, viel zu gefährlich, noch letzthin ist dort eine behinderte Dame abgestürzt und konnte nur noch als Leiche geborgen werden." Oder auf die Frage, ob es sich bei einem Gemälde um einen späten van Dyck handle: "Das? Nein, ein früher Hodler, aber Ihre Frage ist wichtig ... Man hat nämlich noch immer nicht mit Sicherheit feststellen können, wie das Kunstwerk gerade nach Mallorca verschlagen worden ist. Das Berner Landesmuesum untersucht den Fall." Es gelingt ihm wunderbar, seinen Touristen Bären aufzubinden: "Leute, die 1. Klasse reisen, sind aber zum Glück so gebildet, dass sie auf alles hereinfallen", folgert er. Und eine Seite weiter wird diese Einsicht noch untermauert: "... Schopenhauer hatte auch erkannt, dass es keine große Kunst sei, die Deutschen bei der Nase zu führen, wenn der Scharlatan nur brav seinen Unsinn schwätze." Ergötzlich auch die Szene am Badestrand: "Männer ziehen sich im Sturmschritt aus und stolpern über die eigene Hose, den Frauen fliegen die schon entfesselten Busen, unter dem Zelt wimmert ein Kind, das von einem spanischen Sommerfrischler aus der Einklemmung gezogen wird. Taschentücher werden aneinandergebunden und um die Lenden gegürtet, schamhaft dreht man sich noch um, aber wohin man seinen Hintern auch wenden mag, immer hat man vorne wen vor sich, der sich auch dreht. Ausgeschämte pfuschen sich ohne Feigenblatt in die kühlende Flut. Nur ein paar Berufsnudisten schreiten hochaufgerichtet ins Mittelmeer ...".
Neben seiner Tätigkeit als Reiseführer verdingt sich Vigo auch als Schreibkraft für Schriftsteller, als Erfinder und als Sprachlehrer. Letztere beiden Berufungen verbindet er aufs Schönste in seinem Einstuhlsystem, dessen pädagogisch-psychologische Eignung er seinem amerikanischen Schüler erläutert: Er habe erkannt, "dass eine fortschreitende Sublimierung der Umwelt die Aufnahmefähigkeit des Schüler erhöht. ... Je weniger sich im Klassenzimmer oder Hörsaal an Umwelt befindet, je kleiner wird der Ablenkungskoeffizient bei der lernenden Masse ...". So habe er "aus den Räumlichkeiten, worin ich meinen Unterricht erteilen mußte, nach und nach alle entbehrlichen Dinge hinausgeschmissen ...". Er hoffe sogar "im Lauf der Zeit so weit zu kommen, auch diese lästigen Blickfänger noch zu sublimieren, bis schließlich der paradiesische Zustand im modernen Sprachunterricht erreicht sein wird." Später wird der Amerikaner dann darüber aufgeklärt, dass dieses ganze bahnbrechende "One-Chair-System" des Sprachunterrichts allein darauf zurückzuführen sei, dass der Lehrer eine verkrachte Existenz sei, der eben nur gerade einen einzigen Stuhl sein eigen nenne.

Aber genug der Abschweifungen. Es bleibe jedem selbst überlassen, in diesem wundersamen Kaleidoskop von Weltschmerz und Komik, bissigster Ironie und reinster Fabulierkunst die kostbarsten Perlen für sich herauszupicken.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 27, 2013 9:53 AM CET


Bin ich böse: Roman
Bin ich böse: Roman
von Doja Hacker
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Böse - oder mindestens irritiert ..., 15. Januar 2008
Rezension bezieht sich auf: Bin ich böse: Roman (Taschenbuch)
Bin ich als Leser, ja. Ich habe das Buch in einer Wühlkiste im Ausverkauf für einen Fünfliber erstanden, würde es jedoch selbst zu diesem Preis nicht als gute Investition bezeichnen.

Dreiecksgeschichten, meint man, müssten immer irgendwie spannend sein, oder mindestens absurd oder humorvoll. Oder lehrreich. Oder gut geschrieben. Meiner Meinung trifft jedoch keines dieser Adjektive auf Doja Hackers Roman zu. Keine einzige der Figuren hat mich nur im mindesten berührt, nicht die vernünftige Frau Hanna, die nicht einmal fragt, ob ihr Mann denn nun mit ihrer Konkurrentin geschlafen hat und die niemals zornig wird; schon gar nicht die Geliebte, die sich als Künstlerin und Pflanzenzüchterin über Wasser zu halten scheint und eine Expertin in Mädchenmode und -erziehung ist, aber völlig farblos bleibt, und am allerwenigsten der absurd-langweilige Held (Heinrich), der von sich behauptet ein guter Kaufmann und ein guter Tänzer zu sein und der sich zu theoretischen Überlegungen über den Unterschied zwischen dem Status einer "Geliebten" und einer "Freundin" versteigt, die höchstens als bieder und beim besten Willen nicht als originell gelten können und auch keine neuen Einsichten vermitteln.

Auch seine hier und dort eingeworfenen Bemerkungen, die wohl klug und geistreich klingen sollen, entbehren jeglicher Tiefe und jeglichen Humors. Für mich sind sie weit hergeholt und wenig lebensnah. Etwa:
"Denn natürlich tat ich Marie den Gefallen, ihr vorzugaukeln, sie sei täglich Gegenstand zermürbender Gespräche zwischen Hanna und mir. Diese Illusion braucht jede Geliebte." (Wirklich?)
"Ich brauchte Marie nicht um mich, jedenfalls nicht oft. Meine Familie brauchte ich um mich, aber fehlte Marie, verlor ich den Kontakt zu meinen Kindern."

Der klägliche bzw. überhebliche Versuch Heiners, zwei Frauen glücklich zu machen, scheitert genau so, wie sein Importunternehmen, wo er offenbar schon Schwierigkeiten hat, seinen einzigen Kunden zufrieden zu stellen. Wen wundert es da, dass er auch als Vater seinen zwei Töchtern (übrigens ebenso charakterlosen, eindimensionalen Wesen) nichts bieten kann. Und der Affäre mit der attraktiven Frau seines Kunden, von der wir nebenher erfahren, war er auch nicht gewachsen, obgleich sie (aus unerfindlichen) Gründen wohl das Beste war, was ihm je begegnet ist.

Bei diesem Roman fehlt es den Figuren an Charakter, an Tiefe und an Humor, man kann sich mit keiner identifizieren; nach Lebensweisheiten, guten Ratschlägen oder Einsichten in die Probleme eines solchen an sich interessanten Beziehungsexperiments zu Dritt habe ich ebenfalls vergeblich gesucht, die philosophisch angehauchten Bemerkungen sind schal und oberflächlich, sie bewirken nichts. Ebenso kalt lässt mich die Sprache. Das auf dem Rückendeckel prangende Lob "Doja Hackers Erzählen ist ein in Literatur verwandeltes Lächeln" ist für mich nicht nachvollziehbar, genau so wenig wie die "feine Ironie" oder gar die "atemberaubende Konsequenz". Das Ganze kommt mir lieblos vor - und unpräzise, dahingeworfen und lebensfremd. Der Heinrich ist eben einer, der das "Bier mit dem Hausschlüssel entkorkt".


How to be a Bad Birdwatcher
How to be a Bad Birdwatcher
von Simon Barnes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 11,95

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein wunderbares, witziges Buch über Vögel & Menschen, engl., 27. Oktober 2004
If you don't know what book to buy as a Christmas present for a friend, parent, daughter, son, grandparent, or even your boss, I suggest you get this one. While you're at it, get two copies, because you will certainly want to keep one for yourself. A thoughtful friend gave it to me, out of the blue, and I LOVE it. It is thoughtful, funny, clever, instructive and full of surprising facts. Did you know that humans share 98.6 % of their genes with chimps, more than a willow warbler shares with a chiffchaff, which is why birds are so "ludicrously numerous", i.e. have so many different species.
Yes, this book is about birdwatching, but not about the rarefied art of birdwatching that is the realm of twitchers (a form of trainspotter that can be quite snobbish), but about being a bad birdwatcher. Which is neither a hobby nor a profession or a scientific pursuit, but a way of life, and a life-enhancing experience at that. A way of making an everyday occurrence into a rare and uplifting moment. It makes you feel less like Woody Allen who described himself as "at two with nature" and more understanding of our feathered friends. Barnes describes it as one of the most liberating feelings on earth. In fact he describes the purpose of the book as providing the reader with the chance to acquire a new sense - bird-awareness, to no longer be blind and deaf to nature but to actually change your relationship with it and to life.
Simon Barnes, who is an acclaimed and award-winning sportswriter, has written a beautiful book that is not only relaxing and great fun to read, but full of philosophical insight and humanity. He touches on man's fascination with flight, on Freud and dreams, and on why sacred beings in certain religions are equipped with wings. But his main focus is on our affinity with birds, and on evolution, and of course on the necessity of owning a field guide to help you to tell one bird from another and to enter this world of bewildering variety called "biodiversity".
One definition of birdwatching he offers is "not the chasing of the rare but the untroubled contemplation of the special". And of himself he says: "I don't go birdwatching. I am birdwatching." He also pays tribute to his friends and to his father with whom he shared the pleasure of birdwatching and who helped him to become a better birdwatcher, not so much by increasing his knowledge but by helping him to enjoy this most natural experience in the world.
It is also a wake-up call to us all (and to politicians) to become more aware of our environment and of the need for conservation, which is the only way to make sure that our grandchildren still have an environment that has diversity and that's worth living in.
So stop wasting your time with things you don't really want to be doing and start birdwatching - or rather start by buying this book.


Lenos Pocket, Nr.58, La Punta
Lenos Pocket, Nr.58, La Punta
von Yvette Z'Graggen
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen Aufwachen aus dem Winterschlaf ..., 19. Juni 2003
Rezension bezieht sich auf: Lenos Pocket, Nr.58, La Punta (Broschiert)
(aus dem Französischen ausgzeichnet übersetzt von Markus Hediger)
Ein schmaler Band, 150 Seiten, zu empfehlen nicht nur für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, (auf ihre alten Tage) nach Spanien umzusiedeln. Zwar geht es vordergründig genau darum: Um ein älteres Ehepaar, das aus seiner Wohnung in Genf "vertrieben" wird und sich auf Anraten des Coiffeurs ein Haus in Spanien kauft, um dort einen angenehmen Lebensabend zu verbringen. Denn "in der Schweiz ist nur Platz für Reiche". So ziehen also Florence und Vincent mitsamt ihres überdimensionierten Büffets nach Spanien. Für Florence ist dieses Land wie ein großes Schiff, das zu den Ozeanen hin offen ist, während sie sich in der Schweiz vorkam wie in einem nach außen hin verschlossenen Kokon.
Auch sie selbst öffnet sich: Sie lauscht den unvertrauten Tönen im Radio - Kastilianisch, Galizisch, Arabisch; sie kommt mit dem Wirt ins Gespräch und allmählich auch mit den Nachbarn; sie bemüht sich, Spanisch zu lernen und wagt sich an die einheimischen kulinarischen Spezialitäten. Ihr Mann hingegen geht kaum außer Haus, ist griesgrämig, besteht stur auf Schweinskotelett und Bratkartoffeln, denkt wehmütig an das Paradies "da oben", aus dem sie beide vertrieben worden sind, und vergräbt sich in seinen ewigen Kreuzwortsrätseln.
Der Umzug nach Spanien ist nicht etwa die Ursache für das Auseinanderleben des Ehepaars und die letztendliche Trennung, er verschärft nur die Unvereinbarkeit zwischen diesen beiden Menschen, die sich beide mit dem Älterwerden auseinandersetzen müssen und die vor einer Entscheidung stehen: Entweder sich in eine heitere Resignation und scheinheilige Weisheit zu flüchten oder aber endlich ihre Freiheit für sich zu beanspruchen, ihre Kreativität und Fantasie zu entfalten und sich nicht länger von kleinlichen Mitmenschen und kleinbürgerlichen Vorurteilen ihr Schicksal diktieren zu lassen.
Flo, die ihr ganzes Leben lang fremdbestimmt war, nimmt diese Herausforderung an. Sie, die in einen Winterschlaf verfallen war und nur noch Pflichten wie Staubsaugen und Wäschewaschen nachging, fühlt sich nun endlich frei und heiter; Freude, Sinnlichkeit, Neugierde und ihr längst gehegter Wunsch, das Schreiben wieder aufzunehmen, tauchen aus der Versenkung auf. Sie steht morgens mit der Sonne auf, erkundet ihre neue Umgebung, erobert sich einen eigenen Platz in dieser neuen Welt. Vincent hingegen verkümmert zum schnarchenden Murmeltier und "ist eingesperrt in seinen (Kreuzworträtsel-) Kästchen".
La Punta ist die Geschichte einer schwierigen Kindheit und einer unzulänglichen Ehe, die nur in der Gewohnheit des Alltags Bestand haben konnte und die Flo eine Sicherheit bot, die sie teuer bezahlen musste, mit ihrer Freiheit und ihrer Kreativität (vielleicht sogar: Identität). Treffend bringt dies Yvette Z'Graggen mit einer kleinen Anekdote auf den Punkt. Vincent kommt eines Nachts stockbetrunken zurück nach Hause (die Einheimischen haben sich auf seine Kosten voll laufen lassen; sein ganzes Bargeld ist weg). Er ist wütend, verstört, und er weint. Flo bemerkt zum ersten Mal, dass er alt geworden ist, sie macht sich Vorwürfe, ihn nicht genügend geliebt zu haben, kommt zu der Einsicht, dass sie sich eigentlich nie wirklich begegnet sind. Und fängt selbst an zu weinen ? über die unzulängliche Liebe und über die verronnene Zeit. Da nimmt Vincent ihre Hand: "Sei doch nicht so traurig?, sagt er, "ich hatte nicht viel Geld bei mir."


Austerlitz
Austerlitz
von W. G. Sebald
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

14 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unbedingt lesen - und nicht nur einmal!, 17. Juni 2003
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Keine (Auto)biographie, kein Roman, kein Bericht ... man muss hier schon eher von Dichtung im wahrsten Sinne des Wortes sprechen, einer dicht gedrängten Fülle von Erinnerungsfetzen, Träumen und Bildern, bei denen der Erzähler und sein Gesprächspartner, Austerlitz, mehr und mehr verschmelzen.
Manche Bilder tauchen immer wieder auf: allen voran Bahnhöfe. Bahnhöfe spielen für Sebald persönlich und für seine Emigranten zweifellos eine wichtige Rolle, und für Austerlitz eine ganz zentrale. Vor allem die von ?ewiger Düsternis erfüllte? der Liverpool Street Station in London, die Austerlitz als den Eingang zur Unterwelt beschreibt. Hier, im Halbdämmer des Wartesaals sieht er den Priester und seine Frau auf sich zukommen, als eines jener Kinder, die mit einem Kindertransport aus Prag nach England in Sicherheit gebracht wurden, um den KZ zu entgehen. Eine Sicherheit, allerdings, die mit unsäglichen Schmerzen und Opfern verbunden war: nicht nur dem Verlust der eigenen Habseligkeiten, der Kleider, des Rucksacks usw., sondern dem Absterben der Muttersprache, der Erstarrung der Gefühle, aber auch dem Vergessen, der Selbstzensur der Gedanken, und des Verlusts des Namens und damit der eigenen Identität. Andere häufige Bilder haben zu tun mit Dämmerung bzw. der Unmöglichkeit, Dinge deutlich zu sehen: zum ersten Mal im Nocturama in Antwerpen direkt vor der ersten Begegnung des Erzählers mit Austerlitz; dann die schwindende Sehkraft des Erzählers, die zur überraschenden erneuten Begegnung mit Austerlitz im Bahnhof Liverpool Street führt; die Düsterkeit des Wartesaals im Bahnhof Liverpool Street, das Halbunkel im Hause des Predigers, von dem Austerlitz sagt, es hätte in ihm jegliches Selbstwertgefühl ausgelöscht. Immer wieder auch Hinweise auf Sprache und Sprachlosigkeit: Die Sprache, die Austerlitz fehlt, als er vom Prediger und seiner Frau mit nach Wales genommen wird; später, mit Marie in der Kirche in Norfolk, als er die Worte nicht hervorbringt, die er eigentlich sagen sollte.
Seltsam und mysteriös muten auch die zahlreichen weiblichen Randfiguren an, die wie Hüterinnen von Geheimnissen fungieren, etwa Penelope im Antiquariat, die Kreuzworträtsel löst und eine Radiosendung hört, in deren Verlauf Austerlitz sich bewusst wird, dass er mit einem Kindertransport nach England gekommen ist; die Büffetdame in Amsterdam, die sich die Fingernägel schneidet und von Austerlitz als die ?Göttin der Zeit? beschrieben wird; die strickende Wirtin; dann die Geranien gießende Frau Ambrosova im Prager Staatsarchiv, die Austerlitz die Adresse des Wohnhauses seiner Familie offenbart, und schließlich die alte Wärterin auf dem jüdischen Friedhof hinter Austerlitz? Wohnung in London. Diese weiblichen Gestalten dienen als eine Art Wegweiser, meist in die Vergangenheit, mit Ausnahme von Marie, die Austerlitz die Möglichkeit menschlicher Nähe aufzuzeigen versucht, aber scheitert.
Als Austerlitz schließlich auf den Spuren seiner Vergangenheit nach Prag reist, ist es ihm, als sei er in diesen Gassen schon einmal gegangen; lange betäubt gewesene Sinne erwachen in ihm, und bei der Begegnung mit seinem ehemaligen Kindermädchen findet er seine Muttersprache wieder, ?wie ein Tauber, der durch ein Wunder das Gehör wiedererlangt.?
Bezüglich seiner Gefühle widerfährt ihm keine solche Wendung, keine Genesung, obwohl sich ein Hoffnungsschimmer zeigt, als er mit Marie den Kurort Marienbad besucht: ?Tatsächlich bin ich nie zuvor in meinem Leben besser eingeschlafen als in dieser ersten mit Marie gemeinsam verbrachten Nacht.? Doch die Nähe mit einem anderen Menschen bleibt ihm grausam versagt (?In Wirklichkeit ist es dann aber ganz anders gekommen.?) Marie kann den Grund dieser Unnahbarkeit nur ahnen, aber ihm nicht daraus heraus helfen. Denn Austerlitz kann nicht ausbrechen aus seinem Ausgeschlossensein (?Auch hatte ich mich nie einer Klasse, einem Berufsstand oder einem Bekenntnis zugehörig gefühlt.?), kann die Furcht vor menschlicher Nähe nicht ablegen: ?Kaum lernte ich jemanden kennen, dachte ich schon, ich sei ihm zu nahe getreten ...?.
Immer wieder auch der Hinweis auf das Unbehagen in Bezug auf Deutschland, das wir vom Autor W.G. Sebald kennen. ?Deutschland ... wohl das unbekannteste aller Länder, unbekannter noch als Afghanistan oder Paraguay ...?. Der Erzähler selbst geht 1975 nach Deutschland zurück, in der Absicht, dort nach neunjähriger Abwesenheit wieder Wurzeln zu schlagen. Doch ist ihm die Heimat so fremd geworden, dass er bereits ein Jahr später wieder auf die ?Insel? zurückgeht (was auch wie eine Flucht anmutet).
Was Sebald uns hier vorlegt, ist ein wundersames Gewebe aus Wirklichkeit und Einbildung, Biographie und Autobiographie, eine Montage von Beobachtungen, Assoziationen und Schwarzweißfotos, die an tief Menschliches rührt und Geschichte auf empfindsame Weise aufarbeitet. Es ist ein Buch, das sich wohl kaum beim erstmaligen Lesen in seinem ganzen Reichtum erschließt und das man deshalb immer wieder neu lesen und entdecken kann.


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