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hauman

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Der Traum der Roten Kammer oder Die Geschichte vom Stein
Der Traum der Roten Kammer oder Die Geschichte vom Stein
von Martin Woesler
  Gebundene Ausgabe

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "National-Epos" der Chinesen, 27. August 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
„Nachdem ich es im Staub der Welt zu nichts gebracht hatte, fielen mir plötzlich all die Mädchen von damals wieder ein. Sorgfältig dacht ich über jede von ihnen nach, verglich sie untereinander und kam zu dem Schluss, dass sie mich in Verhalten und Wissen allesamt übertrafen.“ - Erste vollständige Übersetzung des gewaltigen chinesischen Romans, in puncto Klassik, heißt es, vergleichbar mehr der Odyssee oder der Göttlichen Komödie als – beispielsweise - den Buddenbrooks. Zwar geht es auf der Handlungsebene um den Niedergang einer Großfamilie, als Thema wird aber die unbedingten Poesie zweier junger Seelen (ihr „Intermezzo auf Erden“, da ihr eigentliches zu Hause wohl der Himmel sein soll) vorgezogen. Die deutsche Übersetzung signalisiert große Genauigkeit, soll womöglich die Original-Lektüre von Sinologie-Studenten begleiten. Als Nichtfachmann liest man beflissen mit und versucht, sich einen Reim zu machen. Es erschließt sich leider nicht gleich, sollte aber gewusst werden, dass der Roman hautsächlich unter Teenagern spielt. Sein Held, ein Junge, der in den Männern sonst verschlossenen Frauengemächern aufwächst, ist kein Schwuler oder Frauenheld, sondern eher ein „Fänger im Roggen“ oder junger Sokrates oder Christus. Seine zerbrechliche Kusine LIN soll keine sentimentale Hysterikerin, sondern eine „Außerirdische“ sein, eine „Göttin zu Besuch“ (vergleichbar den unergründlichen Heldinnen Murakamis). Der Autor fasst das Dasein der Jungfrau als eine der männlichen überlegene Lebensform auf. Auch geht es ihm offenbar so wenig um ein „prachtvolles Fresko des konfuzianischen Chinas“ wie etwa dem Neuen Testament um die politischen Verhältnisse des römisch besetzten Mittleren Ostens. Viel mehr scheint dem „Traum der Roten Kammer“ am Heil der menschlichen Seele zu liegen, weswegen sich der Roman in eine Reihe mit den Werken Tolstois und Dostojewski sowie den oben erwähnten Klassikern und ihren Verwandten (etwa auch Platos "Gastmahl") drängt.

Kann es aber sein, beschleicht einen dann irgendwann während der Lektüre der Verdacht, dass die Geschichte zum Großteil unter „Krüppeln“ spielt: dass einige der Frauen kaum laufen können? Die Verkrüppelung der Füße von Oberschichtfrauen soll in China üblich gewesen sei. Könnte das die Sklaven-Schar erklären, welche die Protagonistinnen des „Traum der Roten Kammer“ dirigieren (müssen)? Aber welche der über 100 Tschuns, Jens oder Yüs kann nun ihre Füße gebrauchen, welche nicht? Das ist für den uneingeweihten Lesen nicht leicht zu erkennen. Dann wird z.B. auch sehr viel gegessen (getafelt) in dem Roman. Die Frauen, welche sich kaum bewegen können und so viel essen - müssten demnach füllig sein? Hat man sie sich so vorzustellen? Schier aus den Beschreibungen des Romans kriegt man als heutiger Deutscher kein klares Bild vor Augen. Um einen optischen Eindruck der geschilderten Welt zu bekommen, kann man sich Ausschnitte aus den häufigen Verfilmungen vom „Traum der Roten Kammer“ z.B. des chinesischen Fernsehens im Internet anschauen. Die jungen Frauen bewegen sich darin ganz natürlich, mit verkrüppelten Füssen müssten sie eigentlich „stöckeln“ (in Gefahr sein, umzufallen). Müsste man nicht bereits am Gang erkennen, welche der jungen Frauen eingebunden, welche „gemein“ ist? Ist den Chinesen heute selbst der Unterschied im Gehen nicht mehr klar, weswegen ihn zeitgenössische TV-Darstellungen übersehen? Zustand bzw. Zurichtung des Körpers dürften Einfluss auf die geistige Verfassung haben, vor allem, wenn so das spontane Wollen gehindert ist. Erklärt sich der melancholische Zen der zarten LIN womöglich daraus, dass sie bei aller Intelligenz keine materiellen Hilfsquellen, nicht mal den eigenen Körper (außer als Ausstellungsobjekt) zur Verfügung hat: keine „10 Kilometer laufen“ kann? Können die traurigen, entsagenden Gedichte, welche LIN prominent zustande bringt (die in China, heißt es, viel auswendig gewusst würden) einer inneren Erleuchtung entspringen, wenn ihnen eine im Hier und Jetzt zu behebende Frustration zugrunde liegt? Man kriegt als westlicher Leser irgendwann den Verdacht, die Frauen und Mädchen in dem Roman leben, ohne es zu wissen oder einzusehen, auf einer Krankenstation; nur, wer Geld hält, kann mit Pflege bis ins hohe Alter rechnen. Da hätte die sensible LIN dann freilich nichts zu erwarten, denn ihre Eltern sind tot, ihr Körper ist, über künstliche Verkrüppelung hinaus, angeschlagen. Wenn sie aus solchen Voraussetzungen Weltschmerz entwickelt, antwortet dieser vielleicht nur auf LINs persönliche Lage, ohne in einem höherem Sinn aufzugehen. LIN bleibt womöglich - wie eine komische Figur - unerleuchtet (keine Antigone...). Dem westlich abgerichteten Leser drängen sich solche Spekulationen auf, und es drückt ihn irgendwann der Verdacht, das Werk könnte neurotisch, seine Probleme therapeutisch zu heilen sein: Fehlen LIN und ihren Gefährtinnen am Ende nicht einfach nur die gesunden Füße einer Nausikaa, um melancholischen Anfällen, die keinen inneren Wert haben, vorzubeugen? "Wie Artemis, die Bogenschützin, fröhlich durchs Gebirge voranjagt, über die Höhen des Taygetos oder die Gipfel des Erymanthos, Eber und flinke Hirsche vor sich hertreibend, und mit ihr die Nymphen der Flure spielen, die Kinder der Zeus, des Herrschers der Aigis, und Leto zuzieht voller Genugtuung, denn ihre Tochter, die stolze Jungfrau, überstrahlt die anderen Mädchen alle – obwohl auch die sehr schön sind -, so übertraf auch Nausikaa alle in ihrer blühenden Anmut..." Oder sind gebundene Füße Sinnbild für die Garanten einer Kultur, welche sich auf die Kontrolle von Naturkräften stützt und ohne deren Eindämmung verginge? – Für Nichtfachleute bleibt es schwierig, den großen Roman ohne weitere Interpretationshilfe zu verstehen, geschweige zu würdigen.


The Raven and Other Favorite Poems (Dover Thrift Editions)
The Raven and Other Favorite Poems (Dover Thrift Editions)
von EDGAR ALLAN POE
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Und das blanke Rabenhecheln reizte wieder mich zu lächeln..., 27. August 2012
Und das blanke Rabenhecheln reizte wieder mich zu lächeln;
Eine Bettbank, samtgepolstert, zog ich vor sein Marmorwehr.
Auf dieselbe niedersinkend, vage ineinanderklinkend
Hirngespinste, seltsam hinkend, wälzte ich im Geiste schwer,
Was ein Vogel derart grimmig-strapaziös von ungefähr
Meinen könnt‘ mit „Nimmermehr“.

(aus DER RABE Norderstedt 2012)


The Tyger (English Edition)
The Tyger (English Edition)
Preis: EUR 0,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tieger, 23. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: The Tyger (English Edition) (Kindle Edition)
Welcher ferne Himmelsschlund
Brannte deiner Augen Rund?
Welches Schwingen, welcher Mut
Saugten auf die Pupurglut?

Welche Schultern, welcher Schmerz
Würgte Sehnen in dein Herz?
Und auf seines Pochens Süße:
Welche Hand & furchtbar Füße?

aus W. Blake DIE TIEGER, Norderstedt 2012


Lobgesang auf Leibowitz
Lobgesang auf Leibowitz
von Walter M. Miller Jr.
  Broschüre

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Meisterwerk, 24. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Lobgesang auf Leibowitz (Broschüre)
In Form postapokalyptischer Zukunftsliteratur wird die Entwicklung des Christentums vom Ende der Römischen Reiches bis in die Gegenwart nachvollzogen. Die Beschreibung mittelalterlichen Klosterlebens und -denkens ist dem Namen der Rose ebenbürtig, wahrscheinlich sogar überlegen. Ein tief beeindruckender, die Augen für die "letzten Dinge" öffnender Roman eines großen Schriftstellers. Dass er gerade im Resteangebot eines Genre-Verlages hiberniert, macht gar nichts. Er wird bestimmt noch mehrmals in der Geschichte der Menschheit "wiederentdeckt" werden, denn nichts von dem, was er zu sagen hat, gerät außer Mode.


Beyond the Horizon: Five Years With the Khmer Rouge
Beyond the Horizon: Five Years With the Khmer Rouge
von Laurence Picq
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Wozu Menschen fähig sind, 26. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Madame Picq war als französische Frau eines hohen Funktionärs die einzige Europäerin im inneren Kreis der Roten Khmer während deren Herrschaft über Kambodscha. Das Buch beschreibt ihre Erlebnisse bis zum Untergang des Regimes, ein einmaliger Zeitzeugenbericht über den Zusammenbruch menschlichen Miteinanders unter extremsten Bedingungen. So erschütternd wie lehrreich.


Schnelles Denken, langsames Denken
Schnelles Denken, langsames Denken
von Daniel Kahneman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,99

43 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aufklärung gegen Romantik, 26. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der protestantische Liberalismus lokalisiert die Quelle der Rationalität im einzelnen Menschen, welcher, solange nicht 'von oben' behindert, aus sich heraus optimale Entscheidungen trifft und ad libitum anders treffen könnte. Auch dem Junkie steht aus dieser Warte prinzipiell frei, einen von seiner Sucht verschiedenen Weg einzuschlagen, und ein Geschäftsführer, der den ihm anvertrauten Betrieb mit spektakulären Derivaten zugrunderichtet, tut dies aus nachvollziehbaren, jedenfalls nicht durch bessere ersetzbaren Gründen und darf billigerweise nicht daran gehindert werden usf.

Was aber, wenn der einzelne gerade dadurch, dass er seinen Verstand zu gebrauchen anfängt, außer Lage geriete, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie im wesentlichen ist? Wenn ihm wie im Fall optischer Täuschung Verzerrungen nur mit Mühe zu Bewusstsein kämen und trotz allem nie abzuschütteln wären?

Daniel Kahneman lässt seine Leser zahllose psychologische Experimente nachvollziehen, welche die Anlage unseres Geistes beweisen, die Wirklichkeit zu verzerren. Es wird einem klar, dass es nicht - wie bisher angenommen - dazwischenkommende Gefühle sind, welche das Wahrnehmen entstellen, sondern wesentliche Regelkreise des Verstandesapparates selbst, die oft Überlebenswichtiges leisten, in Einzelfällen aber brandgefährlich sind. So erfährt der Leser beispielsweise am eigenen Gemüt, wie er als Normaldenkender eine verwickeltere Frage, auf die er keine Reaktion im Vorrat hat, "bolschewistisch" durch einen Einfall, der nichts mit der Sache zu tun hat, beantwortet, ohne die unsinnige Ersetzung zu bemerken.

Kahneman entwickelt eine Reihe von Begriffen, um Denkfallen zu identifizieren. Sein Buch ist nicht in erster Linie Ratgeber, sondern durchdokumentierter Abriss des Lebenswerks eines originellen (vielleicht sogar genialen) Psychologieprofessors. Am erhellendsten fand ich die Herausarbeitung des Statistik-Begriffes zur Kritik des intuitiv-mechanischen Denkstils in den Kategorien 'Ursache-Wirkung', der einen verführt, echte Chancen verstreichen zu lassen und selbstmörderischen Wagemut gerade in Lagen zu entwickeln, die das Gegenteil erfordern würden.

Fruchtbar könnte sich Kahnemans Begriffswelt zur Beschreibung der Natur von Kunst, etwa ihrer dramatischen Formen (z.B. des Wesen von Wendepunkten in erzählten Verläufen) erweisen.

In Kahnemans Befunden liegt auch eine Neubestimmung der Geisteswissenschaften, z.B. eine emanzipatorische Kritik und frische Deutung des - imgrunde bis heute stilbildenden - ROMANTIK-Dogmas (= dass, was persönlich zählt, niemals entdeckt, sondern nur wie Kunst, ohne sich irgendetwas Äußerem zu verdankten, erfunden werden darf - dass die Qualität einer Sicht über die Richtigkeit ihrer Antwort entscheidet - dass höheres, leidenschaftlich begeisterndes Wesen 'ästhetische' Selbstunterwerfung auch unter willkürliche Macht und Grausamkeit rechtfertigen mag usf.).

Ludwig Wittgenstein scheint mir als Philosoph viel von Kahneman nun Erhärtetes vorwegzuahnen und durch Kahnemann verständlicher zu werden.

Kahnemans Rehabilitation der Kontingenz fördert eine nie ausgesprochene, vom Autor wahrscheinlich so auch nicht gemeinte, aber unabweisbare religiöse Haltung im Sinne des Buches Hiob - was eine erschreckende, zugleich befreiende Wirkung auf den informierten Leser haben kann, welcher, vom 'Aberglauben' des Ursache-Wirkungs-Mechanismus entlastet, frei wird für hoffentlich manchmal glückliche Zufälle.

Kahneman schließt sein Buch mit einigen Rezepten für ein gelungeneres Menschsein. Sie zielen auf die Kontrolle des 'Bauchdenkens' durch aus endlich vielen Schritten bestehende eindeutige Handlungsvorschriften wie sie z.B. in Luftfahrt, Bauwesen und anderen Bereichen mit niedrigsten Unfallraten Brauch sind.

Das Buch lässt sich nicht eben mal lesen, sondern verlangt sorgfältiges Durcharbeiten, dafür ist der Ertrag gewaltig, vergleichbar (für mich) nur der Lektüre rep. dem Studium von Freud, Kant oder Wittgenstein.

P.S. Kahneman schöpft, wie gesagt, zahlreiche Begriffe, deren Anwendung einem helfen soll, Denkfallen zu entschärfen. Der Übersetzer behält hier, nach einer kurzen Erklärung in Deutsch, oft die englischen Namen bei, was unanschaulich, 'konterintuitiv' wirkt. Nun liegt Kahneman andererseits daran, Intuitionen zu kritisieren - wofür er im englischen Original allerdings gebräuchliche, keine Kunstworte benutzt. 'Halo-Effekt' im Deutschen mit 'Halo-Effekt' wiederzugeben sagt mir anderes oder weniger, als wenn z.B. 'Nimbus-Effekt' verwandt worden wäre. So auch in vielen anderen Fällen.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 8, 2013 1:05 AM MEST


Hell
Hell
DVD ~ Hannah Herzsprung
Preis: EUR 5,55

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sie können's doch!, 1. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Hell (DVD)
Tim Fehlbaums (Hochschule für Fernsehen und Film) HELL ist mit dem zeitgleich geborenen Slasher URBAN EXPLORER (Filmakademie Ludwigsburg) der Beweis, dass deutsche Filmhochschulabsolventen Genre können = in der Lage sind, die unfreiwillige Komik bisheriger Versuche (nicht nur seitens notorischer Trash-Königen, sondern auch im Privatsenderbereich) durch echter Gänsehaut zu ersetzen. Damit könnte endlich etwas angestoßen sein, das sich - wie bei Franzosen oder Engländern - als lokales Genrekino behauptet. Die DVDs gehören jedenfalls in die Sammlung jedes Kenners, könnten dort mal den "Kult"-Wert z.B. der Erstausgaben eines TEXAS CHAINSAW MASSACRE bekommen...


Wer ist Alexander Grothendieck? Anarchie, Mathematik, Spiritualität - Eine Biographie: Teil 1: Anarchie
Wer ist Alexander Grothendieck? Anarchie, Mathematik, Spiritualität - Eine Biographie: Teil 1: Anarchie
von Winfried Scharlau
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,50

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weckt Interesse, 28. März 2012
Teil 1: ANARCHIE hat nichts mit Mathematik zu tun, sondern beschreibt den lebensgefährlichen Weg der anarchistischen Eltern Alexander Grothendiecks. Der Text scheint glücklicherweise durch kein "Lektorat" gegangen zu sein = ist voller begeisterter Abschweifungen, die nie langweilig werden & die interessantesten Sichten öffnen. Ich hab' mir etliche Bücher bestellt, aus denen der Autor zitiert, um mehr zu erfahren: über die Erlebnisse der Anarchisten mit den Bolschewiki, das Berliner Leben während der Inflationszeit, das Schicksal des Sohnes von Alfred Döblin im II. Weltkrieg... Von Mathematik weiß ich wenig, gewinne aber durch diese Beschreibung des Wurzelgrundes eines großen Mathematikers die Ahnung eines kreativ-ordnenden Impulses (womöglich gegen Tod und Chaos), dem diese "Wissenschaft" entspringt, eher einem romantischen als einem bedachten Gemüt. Es verlockt einen danach, sich mit ihr zu beschäftigen.


Der goldene Zweig: Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker
Der goldene Zweig: Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker
von James George Frazer
  Taschenbuch

9 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Frazers Missverständnis, 9. November 2003
Was würde Frazer wohl dazu sagen, hätte er mich letzten 31. Dezember gegen Mitternacht auf die Straße stürzen und ein Feuerwerk abbrennen sehen? Oder wenn er einmal beobachtet hätte, wie ich einen Kuss auf das Foto meiner abwesenden Freundin drücke? Oder wenn er Leute an der Kinokasse erblickt hätte, die Geld dafür ausgeben, um sich von einem Horrorfilm erschrecken zu lassen? - Frazer legt nahe, dass Magie eine Vorform von Wissenschaft ist: eine erfolgloser Versuche, die Welt zu erklären. Er würdigt nicht die Möglichkeit, dass es sich dabei schlicht um eine menschliche Reaktion auf die Anmutung der Welt handeln könnte. Das magische Ritual ist ja vielleicht gar nicht dafür da, um die Welt zu beherrschen, sondern nur menschlich auf sie zu reagieren. Ich will mit meinen Neujahrsböllern nicht das alte Jahr verscheuchen, sondern zum Ausdruck bringen, wie mir angesichts des Wechsels zumute ist. Ich habe neulich ein kleines Kreuz mit dem Mini-Foto einer tödlich verunglückten 17jährigen am Straßenrand gesehen, darunter lagen bemalte Kieselsteine der Geschwister/Eltern - wollten sie damit etwas bewirken (die Verstorbene z.B. wieder ins Leben holen) oder etwas ausdrücken (wie ihnen zumute ist)? Frazer neigt, ähnliche Reaktion von Primitiven darzustellen, als ob Primitive eine irrige (verrückte) Auffassung vom Lauf der Welt hätten. Warum sollten sie aber nicht einfach nur von verschiedenen Dingen oder anders affiziert werden als wir = eine andere Magie haben (wenn Magie oder Religion in der Art und Weise bestehen, wie wir auf etwas Beeindruckendes antworten)? Der Primitive steht womöglich näher am Kind, dem mehr auffällt, indem es noch nicht zu so viele Erklärungen ansetzen kann. Die magische Reaktion ist deswegen keine vorwissenschaftliche, sondern einfach nur eine menschliche Möglichkeit, auf die Welt zu antworten, verwandt der von Künstlern. Wenn ich ein Feuerwerk in den Nachthimmel schieße, will ich damit nicht den Lauf der Welt verändern. Frazer scheint dagegen anzunehmen, dass z.B. Regentänzer sehr wohl Regen zu machen beabsichtigen (man muss fragen, warum sie dann nicht in der Trockenzeit tanzen - sie tanzen aber in der Regenzeit: weil ihr Tanz, möchte man meinen, zum Ausdruck bringt, was der Regen ihnen und ihren Zuschauern bedeutet). Was, wenn die Primitiven über Frazers Erklärungen den Kopf schütteln würden, so wie wir den Kopf schütteln würden z.B. über die Deutung, die Deutschen glaubten irrigerweise daran, das alte Jahr durch Böllerschüsse vertreiben zu müssen o.ä.? Wenn ich Silvesterraketen abfeuere, tue ich das nicht, nachdem ich mir vorher eine Meinung dazu gebildet habe, sondern weil mir danach ist. Vielleicht geht es dem Regentänzer ja ähnlich. Wenn ich jemandem grüßend zunicke oder meinen Geburtstag feiere - würde mir, was es damit auf sich hat, klarer, indem ich dazu eine Meinung entwickelte oder Theorie bildete? Wenn mir jemand den "Sinn des Geburtstagsfeierns" erklärte, hätte ich anschließend mehr davon? Wenn wir mit den Bräuchen oder Magien anderer Kulturen, die wir nicht verstehen, konfrontiert werden, führt es vielleicht weiter und wäre auch menschlicher, sie entlang uns vertrauter ähnlicher Phänomene zu beschreiben, nicht als verkrüppelte Wissenschaft. Es ist wahrscheinlich gar nicht so schwer, sich in fremde Magien zu finden und sie ähnlich bedeutsam zu erleben wie die uns bekannten, denn sie entspringen ja der menschlichen Reaktion auf das Auffallen der Welt. So könnte das primitive Reagieren sogar unsere Erlebnismöglichkeiten bereichern, ohne dem Obskurantismus Vorschub zu leisten. In D. H. Lawrence's 'Mexikanischer Morgen: Reisetagebücher' gibt es z.B. die Beschreibung eines Schlangentanzes der Hopi, die genau das leistet: sie erklärt uns nicht, was von den Tänzern erreicht werden soll, sondern beschreibt nur das primitive Ritual, das immer mehr Besitz von uns ergreift, keine Fragen stellt, beantwortet oder offen lässt, sondern nicht mehr, nicht weniger als einen unvergleichlich tiefen, menschlichen Sinn vermittelt.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 11, 2011 8:35 PM MEST


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