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Mapambulo "Mapambulo" (München)
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Ghost Stories
Ghost Stories
Preis: EUR 11,99

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Hoffnung ein paar Lieder, 16. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Ghost Stories (Audio CD)
Es gab mal eine Zeit, da war es einfach, Coldplay zu mögen: An dem Debüt „Parachutes“, ihrem schwarzen Album, war nichts auszusetzen, kaum jemand, dem „Yellow“, „Sparks“ und „Spies“ nicht an’s Herz gingen. Auch weiß („A Rush Of Blood…“) und blau („X&Y“) konnten gefallen, und obwohl man glaubte zu ahnen, wo die Sache enden würde, erlag man der melancholischen Emphase, der großen Geste, mit der einen die vier jungen Männer ständig umarmen wollten. Es gab mal eine Zeit, da war es einfach, Coldplay nicht zu mögen. Die Umarmungen wurden zudringlicher, die überzuckerten Melodien dominierten in aller epischen Breite das Stadionrund, Pop war nur noch Pathos und wenn man dachte, das Leben zu feiern, war es doch nur eine verkitschte Version desselben. Spätestens, als Chris Martin alle Tränen der Welt zu einem Wasserfall zusammenreimte und Rihanna als chinesische Prinzessin an seine Seite lud – spätestens da kam man nicht mehr umhin, den Kopf zu schütteln, weil Coldplay neben den guten Ideen auch jegliches Maß verloren hatten. Einfach, wie gesagt.

Nun, so leicht wird‘s mit dem neuen Album nicht mehr laufen. „Ghost Stories“ taugt weder für die großen Elogen noch für billiges Bashing und das ist, nach allem, was zu befürchten stand, nicht die schlechteste Nachricht. Bevor jetzt wilde Hoffnungen Blüten treiben, Coldplay hätten ihre Vorliebe für traurig-schöne Klänge an der Studiotür abgegeben – das darf man getrost vergessen. Gefühliges und Rührendes nehmen auch auf dieser Platte noch den meisten Platz in Anspruch, Stücke wie „Always In My Head“, „Another’s Arms“ und „Oceans“ können entsprechende Erwartungen mühelos erfüllen und dürften auch zukünftig den einen oder anderen Serienplot verzieren. Was viel mehr erstaunt ist die Zurückhaltung, mit der die Musiker für diese und andere Songs zu Werke gehen. Da, wo sie früher schnurstracks in die Kleisterfalle getappt sind, genügen ihnen hier plötzlich ein paar Spuren weniger, vieles wirkt mit Bedacht und Vorsicht gewählt und klingt so auch gleich viel klarer und nuancierter.

Mit Sicherheit die beiden besten Beispiele für diese neue Spielart sind die Singles „Magic“ und „Midnight“ – reichlich Elektronik, sparsam perlende Gitarrenhooks, ein bisschen Autotune und das richtige Gespür für die passende Kombination der Einzelteile, man möchte sich verwundert die Ohren reiben. Auch die entspannten Töne von „Ink“ sind ungewöhnlich, man darf wohl vermuten, dass der Band die Platten von Vampire Weekend nicht ganz fremd sind. Und ja – selbst wenn, wie bei „True Love“, die Grenze überschritten scheint, es dann doch dicker kommt, schiebt sich kurz vor Schluss plötzlich dieses raumgreifende, verzerrte Riff ins Bild und rückt das Stück wieder etwas zurecht. Wie gefährlich das Terrain ist, auf dem sie sich bewegen, wird einem bei „A Sky Full Of Stars“ bewußt: Da tritt die Versuchung in Gestalt des Eurotrash-Teufels an sie heran, einmal nicht aufgepasst, eingeschlagen – schon verhauen sie den Titel ganz so, wie es das Coldplay-Klischee verlangt. Nicht ganz verständlich deshalb, warum sie den eigentlichen Titeltrack „Ghost Story“ auf die Deluxe-Version auswildern, statt ihn gegen diesen bösen Ausrutscher zu tauschen.

Unterm Strich bleibt es auch thematisch beim klassischen Liebeslied, Chris Martin hatte hier ja, wie man hört, jede Menge persönlicher Erfahrungen, die er für die textliche Unterfütterung seiner Songs nutzen konnte. Coldplay gehören seit jeher zu den Bands, die sich hauptsächlich um das Zwischenmenschliche kümmern und deren Songtitel schon die ganze Geschichte im Namen tragen – man muss also, um es vorsichtig zu formulieren, nicht allzu kompliziert strukturiert sein, um zu wissen, worum es ihnen geht. Was ja nicht immer von Nachteil ist. Für dieses Album jedenfalls gilt: Wer die Band noch nie mochte, wird seine Meinung auch jetzt nicht ändern, vielleicht jedoch fangen sie diejenigen wieder ein, die sie einst mochten und nun unter Vorbehalt ablehnen, in der vagen Hoffnung, sie würden sich irgendwann doch noch von allzuviel Seichtheit emanzipieren. Könnte klappen, vielleicht… mapambulo:blog
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 23, 2014 10:32 AM MEST


Alle Ampeln auf Gelb
Alle Ampeln auf Gelb
Preis: EUR 19,49

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grundversorgung, 14. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Alle Ampeln auf Gelb (Audio CD)
Sollte es nicht genau so sein? Sollte man in dem Moment, wenn sich die Nadel zum zweiten Mal von der schwarzen Scheibe löst, nicht ein besserer, ein glücklicherer Mensch sein? Sollte einen Musik im günstigsten Falle nicht mindestens mit einer Tagesration Lebenslust, Widerständigkeit, Trost und/oder kleinkrimineller Energie ausstatten? Es gab mal eine Hamburger Band, die ganz genau diese Wünsche Album für Album zu erfüllen wusste, Superpunk hießen sie und mit ihrer ungemein lässigen Mischung aus Northern Soul, Punk und Garagenpop schafften sie es tatsächlich, dass man den Tonträger mit seligem Grinsen und der Gewissheit zurückstellte, für die nächsten Stunden könne einem nichts und niemand die Stimmung versauen. Nun hat sich die Kapelle vor zwei Jahren zwar unter Sturzbächen von Tränen aufgelöst, Sänger Carsten Friedrichs und Tim Jürgens waren sich aber ihrer großen Verantwortung bewusst und füllten die entstandene Leerstelle umgehend mit der Liga der gewöhnlichen Gentlemen.

Und was soll man sagen – sofort bei Erscheinen des ersten Albums mit dem anbetungswürdigen Titel „Jeder auf Erden ist wunderschön (sogar du)“ war klar, dass einem so viel nicht fehlen würde in Zukunft, smarter Twang, Schnoddrigkeit, alles noch da, dazu mit Frauen, Fußball, Fernsehfilme (Reihenfolge frei wählbar) drei der wichtigsten Komponenten für ein angenehmes Dasein. Es überrascht deshalb nicht, dass auch die aktuelle Scheibe allerlei Erbauliches bereithält, irgendwie fühlen sich die Lieder der Liga an wie eine aus der Zeit gefallene Fernsehshow in leicht verblassten Farben, man lernt auf sehr charmante Art auch immer was dazu. Den Filmemacher Werner Enke? Klar, kennt man nun auch – gerade hier in München. Peter-Ernst Eiffe? Stand Pate für den Titelsong und ist spätestens damit ab sofort eine feste Nummer. Planten un Blomen, Peter Sellers, das spornt nicht nur den Tänzer an, sondern sorgt auch dafür, dass man beim nächsten Trivial-Pursuit-Abend ein paar Tortenstücke mehr abfasst.

Erstaunlich – obwohl fast die Hälfte der Stücke auf der Schattenseite des Lebens zu Hause sind, will keine Miesepetrigkeit aufkommen: „Begrabt mich bei Planten un Blomen“, es geht abwärts, aber am passenden Sehnsuchtsort, „Das Unglück bin ich“ zeugt von gesunder Selbsteinschätzung, „Allein auf Partys“ erlebt man ohnehin viel spannendere Sachen und wenn mal wieder jemand über die dröge deutsche, gern auch deutschtümelnde Formatmucke schimpfen möchte, dann gilt „Rock-Pop national“ ab sofort als Maßstab. Der Rest wippt ebenso locker zu Zwischenmenschlichem, wobei „Amateur“ als klarer Favorit gelten darf – irgendeine andere Formation aus Hamburg hat mal dafür plädiert, „Im Zweifel für den Zweifel“ zu stimmen, die Liga tut Ähnliches auf ihre Weise und lässt den Dilettanten dreimal hochleben. Die Platte macht es einem wahrlich nicht schwer, ihre Schöpfer zu mögen und wer sie noch nicht live gesehen hat, der sollte das schleunigst nachholen, ein gelungener Abend ist für die Jungs einfach ein Klacks. mapambulo:blog


Hubba Bubba [Vinyl LP]
Hubba Bubba [Vinyl LP]
Preis: EUR 24,65

4.0 von 5 Sternen Ausgleichstreffer, 13. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Hubba Bubba [Vinyl LP] (Vinyl)
Man sagt Männern ja gern nach, dass sie jede Art von extremer beruflicher Konzentration mit dem größtmöglichen Gegensatz auszugleichen versuchen, um Körper und Geist aus der drohenden Schieflage wieder zu gesunder Balance zu verhelfen. Deshalb spielt der leidenschaftliche Molekularbiologe nach Feierabend im stickigen Probekeller ebenso leidschaftlichen Death-Metal, der Grundschullehrer schreibt sich einmal jährlich auf die Rekrutierungsliste für ein nordkoreanisches Militarycamp und der promovierte Chefchirurg landet nicht selten zusammen mit Johnny Walker in den Armen einer in die Jahre gekommenen Edelhure. Jedem wie’s gefällt. Von John Dwyer sind Ausfälle dieser Art nicht bekannt, man weiß nur, dass er hauptamtlich bei seiner Band Thee Oh Sees den brettharten Bluespunk gibt, der nicht nur ihm, sondern auch dem Zuhörer einiges abverlangt. Unter dem Pseudonym Damaged Bug hat Dwyer nun ein Album ganz ohne jede Gitarre, dafür mit reichlich Perkussion und feinster Elektronik verfertigt und diesem Solodebüt den hübschen Namen „Hubba Bubba“ gegeben, das Cover ziert ein illuminiertes Flugzeugcockpit mit Aufstellrähmchen und neckischer Hanfduftpflanze. Von Albernheit dennoch keine Spur, die Synthesizer spotzen und bratzen zum mehrheitlich trockenen Analogbeat, mal ohne und mal mit der leicht angenervten, nöligen Stimme des Kaliforniers. Die Stücke stehen in bester Postpunk-Tradition nahe bei Devo und Gang Of Four – hier scheinen sie mit dunklem Gewummer direkt im Maschinenraum eines rostigen Öltankers aufgenommen („Rope Burn“), dort zirpen sie leicht und fast gutgelaunt („Eggs At Night“). Der Anteil an Psychedelia ist kein kleiner, dafür sprechen schon Titelnamen wie „SS Cassidinea” und “Catastrophobia”, eine Platte, die ungemein Spaß macht und wer will, darf auch ein bisschen tanzen. mapambulo:blog


Turn Blue
Turn Blue
Preis: EUR 14,99

17 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die kleine Umwendung, 9. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Turn Blue (Audio CD)
So falsch kann man mit der Behauptung nicht liegen: Wer die ersten zehn Minuten, also zwei Songs, dieses Albums ohne größere Tobsuchtsanfälle und Übersprungshandlungen übersteht, der hat es geschafft, der bleibt dabei. Garantiert. Denn mit diesen zwei Songs ist klar, dass sich Dan Auerbach und Patrick Carney für ihre mittlerweile achte Platte ein ganzes Stück weit vom ursprünglich favorisierten, knackigen LoFi-Blues verabschiedet haben. Aber ganz so schlimm, das ist der Trost, wie eben jene beiden Psychrocknummern am Anfang befürchten lassen, wird es eben auch nicht – soll heißen: So groß ist sie dann doch nicht, die Umwendung. Danger Mouse war mit im Studio, damit ist klar, dass es zwar epischer, breitwandiger, aber eben auch ausgefuchster und abwechslungsreicher wird, schließlich sind weder er noch Carey und Auerbach für das Einfache zu haben.

„Turn Blue“ setzt schon mal einen ersten, spannenden Akzent – verhalten, soulful, mit Verve instrumentiert, das wippt und federt prächtig. Danach gleich „Fever“, irrtümlich als Stempel für die neue „Tanzplatte“ missverstanden: Kann ja gut sein, dass Brian Burton hier eine Schnittstelle zu seinen Broken Bells gefunden hat, allein, es schadet der Musik der Black Keys in keinster Weise. Neu und gewöhnungsbedürftig sind vielleicht einzig die Casiotone-Sequenzen, doch drumherum baut die Band eine ganze Reihe schöner Melodien und läßt das Schlagwerk sonisch böllern. Dass die zwei Amerikaner Gefallen am verzwirbelten Sound der 70er gefunden haben, kann man kaum überhören und natürlich stehen sie damit – siehe Tame Impala und Toy – ganz im Zeichen der Zeit. Schwelgerische Chöre im grobkörnigen Kodachrome-Geflimmer („Year In Review“) und weitschweifige Orgelpassagen („Waiting On Words“), sie nehmen alles mit.

Für die beiden stärksten, griffigsten Stücke kehren sie sogar zum früheren Kerngeschäft zurück: „It’s Up To You Now“ ist ein grandioser Percussiontrack samt gnadenlos dengelnder Bluesgitarre, „In Our Prime Time“ funktioniert dagegen etwas vertrackter mit seinen mehrmaligen Tempiwechseln, kommt aber bei aller Schunkelei auch nicht ohne ordentliche Riffarbeit aus. Irgendwie versöhnlich das Ganze, schließlich haben die beiden zu all den neuen und manchmal doch recht ungewohnten Facetten des Albums die alten Stärken mit hinüberretten können. Das passt es ganz gut, dass ganz zum Schluss mit „Gotta Get Away“ ein ziemlich ordinärer Rock’n Roll-Rausschmeißer zum Kehraus aufspielt – das Büchsenbier zischt, ein Toast, ein paar Erinnerungen, so schlecht kann die Welt gar nicht sein… mapambulo:blog
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 9, 2014 2:37 PM MEST


Nabuma Rubberband
Nabuma Rubberband
Preis: EUR 16,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wie ein schwarzer Faden, 9. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Nabuma Rubberband (Audio CD)
Kleiner Tipp: Man sollte auf der Suche nach dem Sinn des eigenwilligen Albumtitels nicht allzu viel Zeit verschwenden – so wie das witzige Covermotiv eines chinesischen Fotografen ist auch dieser eher dem Zufall zu verdanken. Ob kongolesischer Fluß oder Mädchenname aus Uganda, der Band gefiel einfach der ungewöhnliche Klang des Wortpaares, auch wenn der zweite Teil später noch eine tiefere Bedeutung erhält. Davon abgesehen – das vielerorts prognostizierte Sommer-Sonne-Heiterkeits-Album ist „Nabuma Rubberband“ dann doch nicht geworden, es überwiegt eine unterschwellige, wenn auch leichtfüßige, Melancholie, von der Sängerin Yukimi Nagano meint, sie sei für Schweden typisch und deshalb habe man davon auch nicht lassen wollen.

Schon zu Beginn überraschen die vier mit dem bedächtigen, kühlen „Mirror“, einem Track, an dem angeblich sogar David Jude Jolicœur von De La Soul (!) mitgearbeitet haben soll. In die selbe Richtung gehen “Cat Rider”, “Only One” und “Pink Cloud”, kunstvoll gezimmerte Synthcollagen von der Art, die man gern als ‘deep’ bezeichnet, dazu Naganos zarte, soulige Stimme – Traumzeit. Selten, dass es mal schnell oder gar beschwingt wird – “Klapp Klapp” setzt ein paar trockene Beats und auch die aktuelle Single “Paris” geht als poppige Tanznummer durch. Erwähnenswert: Zwei Titel haben diesmal schwedische Namen erhalten, “Underbart” heißt soviel wie “wunderbar” und der Zweiteiler “Lurad/Nabuma Rubberband” soll auf einen Betrug verweisen, den man erst spät entdeckt – hier kommt im Übrigen auch die Textzeile “blinded by rubberbands” vor, nach Aussage Naganos sind hier die Gummis gemeint, die Hehler gern um dicke Geldscheinbündel wickeln.

Maßlosigkeit und Neid also, an anderer Stelle geplatzte Teenagerträume (“Pretty Girls”), Trübsinniges über die Enttäuschungen gescheiterter Zweisamkeit (“Paris”, “Killing Me”) und die Wirrnisse der modernen Medienwelt (“Pink Cloud”), alles kommt etwas nachdenklicher, dunkler daher als noch auf dem Vorgänger “Ritual Union” – allein beim Anschauen des verstörenden Voodoofilmchens zu “Klapp Klapp”, eine Zusammenarbeit von Nabil und Taylor Cohen, stellen sich jede Menge düstere Ahnungen ein. Doch weil die Stücke so liebevoll und detailreich arrangiert sind, weil sie eine Seele, wenn auch eine mehrheitlich traurige, haben, ist dieses Album ein Gewinn. Und womöglich liegt ja gerade darin der Reiz, dass Little Dragon ins scheinbar Unbeschwerte ein paar schwarze Fäden einweben. mapambulo:blog


To Be Kind (Ltd Edition 2cd+Dvd)
To Be Kind (Ltd Edition 2cd+Dvd)
Preis: EUR 21,99

26 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Order/Disorder, 9. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: To Be Kind (Ltd Edition 2cd+Dvd) (Audio CD)
Wieder so ein Ungetüm also, wieder ein Zweistundenepos, das für den Hörer einer physischen Herausforderung gleichkommt, das an den Nerven zerrt und unbedingte Hingabe einfordert. Nun ist Michael Gira, sechzigjähriger Charismatiker und auf ewig Kopf und Stimme der Indiekapelle Swans, beileibe kein Gigantomane, was ihn antreibt, ist nicht das schnöde „höher-schneller-weiter“, sondern eine fast schon manische Suche nach der körperlichen Erfahrbarkeit von Musik. Nicht umsonst betont er desöfteren, dass er die Wurzeln der Swans nicht bei den üblichen Punk- und NoWave-Epigonen sieht , sondern beispielsweise im Teufelsblues eines Howlin‘ Wolf. Was dieser mit Mundharmonika und Akustikgitarre zu veranstalten wusste, ist für Gira ultimative Essenz und Ziel zugleich. Schon bei Interviews zur letzten Platte „The Seer“ meinte er vorausschauend: „I picture the next album being more about the kind of long sonic passages than about songs per se“ (Network Awesome) – er hat sein Versprechen gehalten.

Denn wenn man einen Unterschied zum Vorgänger festmachen will, dann den Umstand, dass sich Gira mit seinen Mitmusikern weiter als bisher vom Liedhaften, Strukturellen entfernt hat und somit auch ein Stück weit von dem, was die Swans der früheren Jahre ausgezeichnet hat. „To Be Kind“ ist noch ursprünglicher, organischer, auch wilder geworden, der stete Wechsel zwischen hypnotischer Beschwörung und wütendem, irrlichternden Chaos, mithin Giras Lieblingsthema, wird hier auf die Spitze getrieben. Order und Disorder in ständiger Abfolge, hat man sich mal mit einem Rhythmus angefreundet, kann man sicher sein, dass dieser im nächsten Moment gebrochen wird, regiert ein atonales Durcheinander, schält Gira daraus Minuten später eine verteufelt eingängige Melodie, auf die sich einzulassen auch keinen großen Sinn ergibt, weil … eben – exemplarisch vorgeführt im knapp fünfunddreißigminütigen „Bring the Sun/Toussaint L'Ouverture“.

Auch der Text rückt immer mehr an die Stelle eines Instruments, archaische Mantras einer auf ihre Ursprünglichkeit zurückgeworfenen menschlichen Existenz, ausgespuckt, herausgeschrien, gewispert und hervorgequetscht. Das kindlich trotzige Ich, das zum Gitarrenexzess quengelt – „I’m just a little boy – I need love“, im Hintergrund schallendes Spottgelächter, später eine Aneinanderreihung bestürzender Begrenztheit in „Some Things We Do“, „we love, we lie, we crawl, we fail, we waste, we f***…“, mehr bleibt wohl nicht. Zwei starke Stücke gleich hintereinander – „Kirsten Supine“ mit den deutlichsten Erinnerungen an die ersten Stücke der Band samt Giras Grabesgesang, danach das garstig knatternde „Oxygen“, ein atemloses Bellen, das im Inferno endet.

Orientalische Flötentöne, Zitter gar, ein paar Pferde und dazu noch alles, was ein Hobbykeller so hergibt – das Gestrüpp aus Geräuschen, Tönen und Stimmen, durch das man sich hindurchzukämpfen hat, ist dicht und dornenbewährt, reichlich Gastmusiker sollen zur reformierten Stammformation gestoßen sein und ganze vier Stücke schmücken sich mit Gastvocals von St. Vincent (welche, vermag man wohl nur mit Booklet herauszufinden). Über und in allem trohnt Gira im Stile eines Predigers, der nichts mehr muss und alles darf, durchaus zufrieden: „And now that I’m in the midst of this whole... like swirling maelstrom of sound again. It’s really what I feel I was meant to do” (Network Awesome). Wo das alles hinführt, wo es ein Ende findet, weiß wohl auch er nicht zu sagen, dafür liebt er die Unmittelbarkeit, die Wucht des Augenblicks viel zu sehr. mapambulo:blog


Luminous
Luminous
Preis: EUR 14,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Noch mal von vorn, 5. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Luminous (Audio CD)
So richtig überraschend kommt das dann leider nicht. Schon vor drei Jahren hatten The Horrors mit dem verträumt-poppigen „Skying“ die verrumpelte Gothic-Garage ihrer Gründerjahre endgültig geschlossen, statt rotzigem Splattersound gab es nun eher melodiösen Rave im Stile der Stone Roses und James. Wogegen ja erst einmal nichts einzuwenden war, denn Tanzmusik im Allgemeinen und die solch feiner Songs wie „Still Life“ und „Monica Gems“ im Speziellen vermag ja durchaus zu gefallen. Das Problem: Für das vierte Album „Luminous“ sind der Band nun hörbar die Ideen ausgegangen – statt Unverwechselbarkeit und Biss, das also, wofür zumindest die ersten beiden Platten standen, gibt es wattig wolkige Synthgebilde, die künstlich gestreckt wurden. Dumm nur, dass Langeweile auch dann nicht erträglicher wird, wenn man sie auf Überlänge walzt. Fast alles auf diesem so sehnsüchtig erwarteten Werk plätschert in braver, gefälliger Beliebigkeit dahin, wo man anfangs noch gespannt und hoffnungsvoll zuhört, überkommt einen spätestens nach dem dritten Stück das Gähnen. Ab und an gelingt es den fünften zwar, einen der Songs aus der immergleichen Sämigkeit zu reißen – „Jealous Sun“ kann wenigstens mit wuchtig stampfenden Synths Marke Gary Numan glänzen, bei „Mine And Yours“ lassen die jaulenden Gitarren kurz aufhorchen und der Abschluss mit „Sleepwalk“ geht vielleicht als Psychrock durch. Viel mehr aber läßt sich aber bei besten Willen nicht finden, was den Kauf der Platte rechtfertigen könnte – vieles dagegen spricht für einen wohlüberlegten Neuanfang. mapambulo:blog


The Classic
The Classic
Preis: EUR 12,99

5.0 von 5 Sternen Eigenlob stimmt, 2. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: The Classic (Audio CD)
Keine Ahnung, ob sich daraus schon ein Trend basteln lässt, aber nachdem sich der klassische RnB in den letzten Jahren schon eine gehörige Umdeutung gefallen lassen musste, die einigen Traditionalisten ziemlich bitter aufgestoßen ist, scheint nun die Zeit daran zu sein, den Soul etwas aufzumöbeln. Zumindest ist zu erkennen, dass der Motown-Sound der alten Schule mehr und mehr Anhänger findet, die man nicht unbedingt in dieser Richtung vermutet hatte. Gerade erst hat die ursprünglich eher im Hip Hop beheimatete Sängerin Kelis den kompletten Schwenk hin zu den 'Black 60s' vollzogen, dahin also, wo sich auch Janelle Monáe immer wohler zu fühlen beginnt. Mit Sicherheit die überraschendste Vertreterin in diesem Reigen ist und bleibt aber Joan Wasser, mithin nicht so unerfahren im Metier wie man glauben möchte.

Schon auf den ersten Alben ihres Bandprojektes Joan As Police Woman widmete sich Wasser neben klassischem Alternative-Rock dem Soul, Stücke wie “Chemmie” oder “Feed The Light” waren aber eher stilistische Randerscheinungen. Das ändert sich nun grundlegend mit der aktuellen, vierten Platte – auf “The Classic” wird die Ausnahme zur Regel, kaum noch Singer-Songwriter-Nummern, keine der früheren verzwirbelten Kate-Bush-Anleihen mehr, sondern meistenteils Musik, wie sie schwärzer nicht klingen könnte, gesungen mit der brüchigen Stimme einer weißen Amerikanerin. Das Reizvolle daran sind nicht nur die Ähnlichkeiten, die Joan As Police Woman mit der ihrereseits unkonventionellen Nina Simone verbindet, auch die Art, den Sound mit zahlreichen neuen Facetten zu versehen, begeistert.

Da gibt es Rap- und Scateinlagen (“Holy City”), die Beatbox im Titelstück, dann wieder schweres Gitarrengetöse bei “Good Together” und die für Wasser mittlerweile charakteristischen Ausflüge an die Wurlitzer-Orgel. Die wenigen bedächtigen, zurückhaltenden Momente wie “Get Direct” erinnern zudem auf angenehme Weise an die Jazzpop-Perlen von Mark Griffin alias MC 900 Feat. Jesus. “And the song we’ve been singing feels like it’s always been sung“ meint Wasser an einer Stelle - das stimmt nicht ganz, denn glücklicherweise fügt sie dem Vertrauten immer wieder Neues und Ungewohntes hinzu, am Ende darf sogar ein Reggae-Jam ("Ask Me") nicht fehlen. Eine Platte, die man besser spät als nie für sich entdeckt, nach “The Greatest” von Chan Marshall wieder ein Beispiel für falsch verstandenes und dennoch verdientes Eigenlob – schon heute ein Klassiker. mapambulo:blog


Under Color of Official Right
Under Color of Official Right
Preis: EUR 18,98

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die ganze Palette, 2. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Under Color of Official Right (Audio CD)
Gerade erst hat das MOJO-Magazine seiner aktuellen Ausgabe einen lohnenden CD-Sampler beigegeben – “Death Disco” vereint jede Menge großer Namen und Songs, die sich unter dem Stichwort Post-Punk ablegen lassen. Die Spannbreite wurde von der Redaktion denkbar weit gefasst und so finden sich in dem Topf unter anderem Sonic Youth, Throbbing Gristle, Orange Juice, Felt, The Fall und Pere Ubu. Wie auch immer man die Auswahl bewerten will, fest steht, dass diese Stilrichtung tatsächlich als eine der vielfältigsten und interessantesten der jüngeren Musikgeschichte gelten darf. Und dass zu deren aktuellen Protagonisten in jedem Falle auch die Detroiter Band Protomartyr zu zählen ist, nicht zuletzt deshalb, weil sie auf ihrem neuen Album sehr gekonnt all die verschiedenen Spielarten und Einflüsse unterzubringen versteht.

Auch wenn man es vermuten möchte, ein Debüt ist “Under Color…” nicht, Protomartyr sind für den zweiten Longplayer nur zu einem größeren Label gewechselt, einige Stücke der Platte sind zudem schon auf früheren EPs oder Live-Tapes zu hören gewesen. Frisch klingt es dennoch, was die vier da abliefern. Sänger Joe Casey punktet mit einer Stimme, die genretypisch gern mal einen Ton danebenliegt und der schnoddriger Sprechgesang in Tradition eines Mark E Smith eher liegt als kunstvolle Oktavsprünge. Ein Großteil der Stücke braucht weniger oder nicht viel mehr als zwei Minuten, um zum Punkt zu kommen, der Sound wird naturgemäß von lauten Gitarren beherrscht, die sich gern mal zur berüchtigten “Wall of…” verdichten (“What The Wall Said”). Genauso häufig verbaut die Band aber auch allerlei analoge Synthesizer, die dann, wie bei “Tarpeian Rock” und “Come And See”, an die glorreichen Zeiten der Gang Of Four erinnern. Fazit: So bissig, wie das Cover vermuten lässt – macht aber trotzdem Spaß. mapambulo:blog


I Never Learn
I Never Learn
Preis: EUR 13,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Express yourself, 2. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: I Never Learn (Audio CD)
Vielleicht wäre es wirklich ehrlicher gewesen, gleich einen Warnhinweis auf der CD anzubringen: “Achtung – neun traurige Lieder”. Schließlich ist das nichts Schlimmes, es gibt viele Menschen, die ähnlich ticken wie die knapp dreißigjährige Schwedin, die passenderweise genau in dem Ort geboren ist, aus welchem der wohl schlechtgelaunteste Kommissar der skandinavischen Kriminalliteratur, Kurt Wallander, stammt – aus Ystad. Lykke Li selbst betrachtet ja die Entwicklung ihrer Songs mit einer gewissen Zwangsläufigkeit, für sie bilden „Youth Novels“, „Wounded Rhymes“ und nun „I Never Learn“ eine Art Trilogie des Leidens und der expressiven Empfindsamkeit – das aktuelle Werk erreicht in dieser Hinsicht nun einen neuen Höhepunkt.

Drei Zitate aus den bekanntesten Stücken können das schnell belegen: „I am longing for your poison, like a cancer for its prey, shot an arrow in your harbor, where you waited in the rain, I am sire, I am ivy, I am no one, I'm nobody” (Gunshot) zum Beispiel. Und: “There's no hope for the weary, if you let them win without a fight, I let my good one down, I let my true love die, I had his heart but I broke it everytime” (No Rest For The Wicked). Oder: “There is a war inside my core, I hear it fight, I hear it roar, go ahead, go ahead, lay your head where it burns…” aus dem sparsam instrumentierten “Love Me Like I’m Not Made of Stone”. Solche Sätze schreibt, wer viel über den Gang der Dinge nachgrübelt, wer ständig auf der Suche ist nach dem Sinn allen Übels und sich dabei selbst vielleicht ein wenig verloren hat.

Im Gegensatz zum Vorgängeralbum, das ja noch einige Ausreißer wie das poppige, wenngleich schon schwer melancholische „I Follow Rivers“, den Bluesstomp „Get Some“ oder ein dunkel böllerndes „Youth Knows No Pain“ bereithielt, erscheint „I Never Learn“ in Sachen Songstruktur nivelliert – die Schwermut regiert, mal verhalten, mal dramatisch in Szene gesetzt, Piano, Akustikgitarre, selten mehr. Das ist nicht immer einfach auszuhalten, kratzt schon mal, wenn der sämige Chor bei „Heart Of Steel“ einsetzt, hart am Gefühligkeitskitsch. Beim Titelsong wiederum passt das alles perfekt zusammen, hier verhelfen ein paar einfache Harmonien und Akkorde zum gewünschten Schauder. „My only need is to express”, so Li in einem Interview, “so I just have to kind of get back in shape” – auch die traurigen Dinge können zuweilen so simpel sein. mapambulo:blog


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