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Rezensionen verfasst von
Mapambulo "Mapambulo" (München)
(TOP 500 REZENSENT)   

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Medium Cool World
Medium Cool World
Preis: EUR 17,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen In die Nacht hinaus, 27. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Medium Cool World (Audio CD)
Wenn man mal das Spinnen anfängt, dann kommt man darauf, dass in Ingolstadt die Dinge anders laufen als im Rest der Republik und zwar mit einer sich stets wiederholenden Parallelität. Da hat es der Blechkarossenbauer mit den vier Ringen, mithin Hauptarbeitgeber in Stadt und Region, endlich in die Champions-League und nach Übersee geschafft und bekommt just in diesem, seinem besten Moment die Schludereien seines großen Bruders in der leidigen Abgasaffäre zu spüren. Eine Etage tiefer ist der eben von jenem Konzern gesponserte Fußballverein endlich in der ersten Liga angekommen und schlägt sich dort recht beachtlich auf einen einstelligen Tabellenplatz – wahrgenommen wird er aber kaum, weil der viel größere und ruhmreichere Effzehbayern einen jeden Verein in seinem Glanz wie eine kleine, graue Maus aussehen läßt. Auch dumm gelaufen. Und nun Pelzig. Jahrelang fabrizieren die Herren feinsten Indierock (der so gar nicht nach Provinz, sondern eher nach Übersee klingt) und werden doch als Anhängsel der viel größeren und ruhmreicheren Kapelle Slut in den Schatten gestellt oder, nicht besser, mit einem kleinen, komischen Mann mit Karohemd und Kordhütchen verwechselt. Und auch wenn letzterer gerade erst in Ruhestand getreten ist darf man annehmen, dass das die Sache nur unwesentlich erleichtert.

Dass es für dieses Schattendasein überhaupt keinen Grund gibt, das beweist einmal mehr ihr aktuelles Album „Medium Cool World“. Elf Jahre nach „Safe In Its Place“ ist von Ermüdung und sonstigen Mangelerscheinungen rein gar nichts zu hören – Christian und Rainer Schaller, Christian Schulmeyr und René Arbeithuber treten einmal mehr den Beweis an, dass alternativer Gitarrenrock noch recht lebendig zu klingen vermag. Den Einstand geben sie mit „Style Kills All“ und der Frage nach dem wahren Gefühl, das in unserer so blankpolierten, nivellierten und rundum optimierten Gesellschaft abhanden gekommen scheint, ein Gefühl, das per se nicht einmal ein gutes sein muss, sondern eben nur ein echtes: „No more mission, no more real bad teen songs, is here any desire to go? Is here anyone tired or amused or tricked?“ Das nachfolgende „Battles“ schimmert so düster und erhaben wie ein Interpol-Song in seinen besten Zeiten, es gibt nicht viele Bands, die hierzulande solch einem Vergleich standhalten würden.

Schwarz wie der Hintergrund für den elektrischen Reiter von Klaus Fürmaier auf dem Cover bleibt es, die Welt ist „medium cool“ und „well done“ und trotzdem aus den Fugen, Halt gibt es wenig und Pelzig machen die Musik zum Dilemma. Business, Duty, Solar, Job – Hurra, wir funktionieren ja noch – ein Blick auf den iPod hilft mir trotzdem nicht mehr weiter und die Nacht, meine Nacht, bleibt als einziger Ausweg. Es ist nicht wirklich ermutigend, wie Christian Schulmeyr da über die Distanz von zehn Stücken den instabilen Zustand aus Zweifel, Leere, Einsamkeit und andauerndem Unverständnis beschreibt, immer mit einer Stimme zwischen vorsichtigem Gesang und leicht verfremdetem, schneidendem Rezitativ: „Ain’t got no home, no we ain’t got no place, we are on random but flowers and ruins are left in the cage. We try to keep it and hold it, but our dreams are just locked in a case.“

Dazu gibt es mal hymnische, raue Gitarren und fette Drums, an anderer Stelle teilen sich irrlichternde Soundschleifen und rumpelnde, schleppende Beats die Kulisse, bis plötzlich bei „Safe Route“ eine anmutige, fast luftige Sythie-Melodie jäh die alles überlagernde Schwermut durchbricht. Vielleicht liegt das Geheimnis ihres Erfolges ja in der Fähigkeit, neben dieser ausgeklügelten Balance aus zarter, fein verwobener Textur und kantigem Lärm auch die Überraschung zuzulassen, die unerwarteten Töne zu wählen. Gelingen tut ihnen jedenfalls beides, sie bauen ein traumhaftes, himmelhohes Gebilde und reißen es hernach mit „Trasher“ wieder ein. Versöhnliches dennoch zum Abschied, „All Signals Off“ ist eines dieser Stücke, die länger als andere in Erinnerung bleiben werden – das Echolot funkt in die kalte, schwarze Ungewissheit, doch die Hoffnung bleibt: „Whatever you tell, it’s always your story, whatever you tell, it’s always you, and I embrace all desires, let me in…“ Man sollte so etwas ja nicht allzu häufig sagen, aber viel besser als auf diese Platte hätten es Pelzig wohl nicht machen können. mapambulo:blog


Kindsköpfe
Kindsköpfe
Preis: EUR 14,99

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Solange es noch geht, 27. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Kindsköpfe (Audio CD)
Ganz so lange haben Die Ärzte nicht gebraucht, bevor sie ihren Status als ‚Die Beste Band der Welt‘ felsenfest einzementiert und einem jeden um die Ohren gehauen haben, ganz gleich, ob er oder sie das nun hören wollte oder nicht. Auch Deine Freunde aus Hamburg haben sich einen satten Schluck aus der Egopulle verdient und dürfen somit als die coolste Kinderband dieses Planeten auf die Herausgabe unserer Kinder pochen. Und was machen wir? Wir geben sie ihnen breitwillig und mit allergrößtem Vergnügen, weil wir doch langsam aber sicher kapieren, dass niemand unseren liebreizenden und manchmal recht nervtötenden Nachwuchs so gut verstanden hat wie Florian Sump, Markus Pauli und Lukas Nimschek. Und weil wiederum keiner den „Kleinen“ so unterhaltsam vermitteln kann, dass auch wir Eltern nur Menschen und als solche ziemlich leicht zu durchschauen sind. Insofern haben sich Deine Freunde, diese Einsicht setzt sich mit Zeit durch, nicht nur mit unseren Kindern verschworen, auch wir Erwachsenen haben in ihnen getreue Verbündete gefunden, die sie an die Hand nehmen, die Trost spenden und ohne größeren Schaden durch das Minenfeld des Elternalltags führen können. Zu laut sollte man das allerdings nicht sagen, damit die Jungs nicht die ‚Kinderzimmer-Credibility‘ verlieren, die sie sich mit nunmehr drei Alben hart erarbeitet haben.

Was wir auch gelernt haben: Die Qualität einer Freunde-CD bemisst sich nicht nach den Kriterien und Maßstäben von uns Neunmalklugen, Musikcheckern und Auskennern – so eine Platte braucht für ein belastbares Urteil der halbwüchsigen Jury wenigstens einige Umdrehungen im Auto, zwei, drei Kindergeburtstage resp. Pyjama-Parties und als Härtetest eventuell noch ein paar dieser quälenden „Mir ist soooo laaangweilig … !“-Phasen, erst dann weiß der Nachwuchs, ob das Ding kickt. Im Folgenden also ein paar völlig haltlose Vermutungen: Deine Freunde 3.0 werden auch mit diesem Album nicht an Popularität einbüßen, die Annahme, mit „Kindsköpfe“ sei ein weiterer Karriereschub zu erwarten, braucht so wenig Mut wie Fachkenntnis. Schon der Vorabtrack „Hausaufgaben“ mit seinen drolligen MC-Hammer-Hearalikes ist (wenn man das vor Kindern überhaupt sagen darf) ein totaler Killer, „Schlagzeuglied“ und „Schweinehund“ sind so herrlich frech, dass sie jetzt schon ganz oben auf der „Mach mal lauter!“-Liste rangieren.

Herzlichst lachen darf der aufgeschlossene Erziehungsberechtigte natürlich auch bei „180“, erst recht, wenn zur Familie ein ähnlich liebenswertes „Wutmonster“ gehört, gleiches gilt für Tagträumer, Unschuldslämmer, Zwischendreinreder, Sturschädel, Naseweise und Schlafverweigerer. Der Stoff scheint den drei Freunden nicht auszugehen und gleichzeitig ertappen wir als Langzeitkonditionierte uns ständig beim zustimmenden Nicken und andauernden Gekicher, weil das oftmals so mühsam Alltägliche einfach besser zu meistern ist, wenn man darüber auch lachen kann. Der Funk, der Rap, der Techno obendrauf machen das Ganze dann zum ausgelassenen Familienfest. Besonders hervorzuheben ist unbedingt noch das Double „Lange Ferien“ und „Heimweh“, nicht nur wegen der klugen Texte und dem feinen Beat, sondern auch weil Lukas Nimschek einfach eine wunderbare Stimme hat. Und zum Schluss noch eine Warnung: An dem Umstand, dass Eltern und ihre Kinder die gleiche Musik mögen und hören, haben die Hamburger Jungs einen großen Anteil – dennoch: Er wird nicht ewig halten (können). Genießen wir ihn also, solange es geht! mapambulo:blog


Stelle Fisse
Stelle Fisse
Preis: EUR 18,64

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sowohl als auch, 26. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Stelle Fisse (Audio CD)
Die Zeiten, in denen Technoplatten große Käuferschichten erreichten, liegen weit im vergangenen Jahrtausend, heutzutage haben sie sich zwar als Nischenprodukte etabliert, bleiben aber trotzdem etwas für Liebhaber. Selbst Martin Gore, charismatischer Chefideologe von Depeche Mode, ist wohl klug genug, für die Veröffentlichungen seiner Projekte VCMG und MG keine Verkaufszahlen zu erwarten, die an die Alben der englischen Synthpopper auch nur ansatzweise heranreichen könnten. Nun lassen sich – hier die Überleitung – Aucan, das italienische Trio, mittlerweile in Berlin wohnhaft, schwerlich auf reinen Techno reduzieren, ihre Tracks sind zwar minimal, aber doch mit vielen Komponenten aus RnB, Post-Rock, Grime und Dubstep verbaut. Nach der Zusammenarbeit mit dem Noisecore-Experten Otto von Schirach ist „Stelle Fisse“ ihr dritter Longplayer, einer, dem der Brückenschlag zu gefälligeren Popsounds (das Teufelswort Mainstream wollen wir jetzt mal bewusst vermeiden) gelingen könnte. Der Großteil des Albums kommt ohne Vocals aus und wenn doch, dann wird der Gesang in sehr verfremdeter Wiese wie eine instrumentale Klangspur eingespielt, die Beats sind größtenteils angenehm dunkel, abgesoftet und dominieren nicht das Gesamtgefüge. Flächige Synthesizer, mal klar, mal taumelnd, geloopte Geräuschsequenzen, gegen Ende („Cosmic Dub“) versuchsweise sogar ein paar Gitarrenklänge – Aucan bleiben bei allen Stücken überlegt, reduziert und gern bereit, Grenzbereiche auszutesten. Bei „Errors“ zum Beispiel gehen sie den wohl größten Schritt in Richtung Pop, „Light Sequence“ spart sich die Drums komplett, Tracks wie „Friends“ und „Above Your Head“ dürften die Essenz des Trios am deutlichsten wiedergeben. In jedem Falle ein guter Einstieg für Neulinge in Sachen Maschinenmusik, für Feinschmecker ohnehin ein Muss. mapambulo:blog


25
25
Preis: EUR 12,99

395 von 445 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Zuviel des Guten, 22. November 2015
Rezension bezieht sich auf: 25 (Audio CD)
Am Ende des Albums wissen wir alle dann mit Sicherheit, was vorher eigentlich schon bekannt war: Adele Laurie Blue Adkins hat eine sagenhafte, eine tolle Stimme. Warum man aber dennoch Bauchschmerzen hat? Nun, eigenartigerweise ist es nicht die große Traurigkeit, die fast alle Songs des neuen Albums durchzieht ' gegen jugendliche n Weltschmerz ist nichts einzuwenden und Anlässe dazu gibt es, wie man hört (und vorher schon liest), auch in Adeles Leben genug. Sie zieht hier im Übrigen mit ihrer zwei Jahre älteren schwedischen Kollegin Lykke Li gleich, die ebenso gern viel Schwermut in ihre Lieder packt ' auch deren letztes Album 'I Never Learn' war beileibe keine einfache Kost und trotzdem recht eindrucksvoll. Nein, es krankt an anderer Stelle: Irgendwie scheint jeder der so zahlreichen wie namhaften Produzenten und Co-Writer ihres Albums ' wir reden hier immerhin von Schwergewichten wie Paul Epworth, Mark Ronson, Greg Kurstin, Bruno Mars und Danger Mouse ' der Künstlerin denselben Tipp gegeben zu haben, und unablässig alle Welt davon zu überzeugen, wie toll doch eben jene Stimme ist und dass dieses Stilmittel unbedingt ihr wichtigstes sein und bleiben müsse. Über diesem Diktat haben die Herren dann aber leider vergessen, der Stimme auch ein paar wirklich gute, meint abwechslungsreiche Songs zu schreiben oder Adele wenigstens darauf hinzuweisen, dass Trübsal und Trauer auf Dauer auch ziemlich anstrengend sein können.

So ist 'Hello' zweifellos ein bemerkenswerter Song mit viel Leidenschaft und wunderbarer Melodie, leider folgen auf diesen aber noch einige andere, die in dieselbe Kerbe hauen, nicht halb so gut sind und doch auf Pathos und Bombast nicht verzichten wollen. Viel Piano also, Streicher, Backgroundchöre, getragenes Largo plus barmendes Lamento und über allem ihre Stimme, die in verheißungsvollen Schattierungen beginnt und die Songs doch allzu oft, man muß es leider so sagen, mit Dominanz und Lautstärke erdrückt. 'Send My Love', mit funkigem, minimalistischem Unterton gestartet, stellt da als weltmusikalisches Jauchzen, zu dem es später wird, eher die Ausnahme, diese Leichtigkeit wird keinem der restlichen Stücke mehr vergönnt. Kaum zarte Momente, hübsche Soundideen wie die schleppenden Beats bei 'Water Under The Bridge' geraten früher oder später unter die Räder des anbefohlenen Balladenzwangs, man hat das Gefühl, sie wolle mit 'Remedy' oder 'All I Ask' nach Möglichkeit die Leerstelle füllen, die Whitney Houston hinterlassen hat. Es gibt nebenbei eine weitere Parallele zu Lykke Li, deren frühere Alben ebenfalls etwas mutiger und weniger eindimensional klangen und die vielleicht einen Ausweg aufzeigen kann: Beide haben zu unterschiedlicher Zeit einen ihrer Songs jemanden an die Hand gegeben, der ohne Vorbehalt und mit ein paar klugen Kniffen Reizvolle(re)s daraus zauberte ' Beck bei 'Get Some' und Jamie xx für 'Rolling In The Deep'. Ob nun also respektvolles Schulterzucken oder bedauernde Hochachtung, Adele wäre gut beraten, für ihre nächste Platte etwas verwegener zu Werke zu gehen ' auf ihre Stimme, soviel ist sicher, kann sie sich ohnehin verlassen. mapambulo:blog
Kommentar Kommentare (18) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 18, 2016 1:03 PM CET


Geist
Geist
Preis: EUR 20,48

4.0 von 5 Sternen Einen Schritt weiter, 17. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Geist (Audio CD)
Ach, was gab es nicht alles für gelungene und weniger erfreuliche Versuche, auf der Erfolgswelle der britischen Senkrechtstarter The XX, losgetreten mit ihrem grandiosen Debüt vor zehn Jahren, mitzureiten (und dabei ist der gestohlene Tanz von Milky Chance als Dauerbrenner noch nicht einmal der übelste). Weil der Erfolg eben nicht nur Neider, sondern auch viele Nachahmer hervorbringt, will die Liste der Kopisten bis heute nicht abreißen und auch das kanadische Trio Gang Signs wird von Unbedachten schnell in diese Ecke geschoben werden. Dabei gehen Peter Ricq, Adam Fink und Matea Sarenac die Sache deutlich druckvoller an – ihr aktuelles Album „Geist“ kann deshalb nur bedingt als Blaupause taugen. Klar haben sie ähnlich zarte und glitzernde Gitarrenhooks wie Romy Madley Croft im Programm, die zauberhaften Melodien ebenso, allerdings geben die drei ihren Songs entschieden mit Beats und Popappeal mit auf den Weg, mancher Track ließe sich so eher bei den Crystal Castles verorten als bei verträumten Minimal Wave der introvertierten Londoner. Wo der Maschinensound regiert, geraten naturgemäß die Feinheiten etwas in den Hintergrund, über die komplette Spiellänge klingen die Stücke von Gang Signs dann tatsächlich etwas zu schablonenhaft. Die Unnahbarkeit, das Sinstere, das sich mit den beiden ersten Stücken „Mate“ und „Antidot“ noch andeutet, geht gegen Ende leider etwas verloren – eine schöne, hörenswerte Platte bleibt es trotzdem. mapambulo:blog


Art Angels
Art Angels
Preis: EUR 9,49

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Kindliche Kaiserin, 10. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Art Angels (MP3-Download)
Keine Ahnung, warum bei den meisten Besprechungen für die Kategorie der Sparte „Weiß/Weib/Gesang“ immer wieder von Neuem das Erbe von Madame Ciccone verhandelt wird – in der seit Jahren andauernden Dauer-Casting-Show „The Next Madonna“ allerdings dürfte Grimes mit Abstand die besten Karten haben. Dabei sind es nicht einmal die Songs selbst, mit denen Claire Boucher die Konkurrenz bei diesem, ihrem regulären vierten Album auf Abstand hält, auch ihre zuweilen etwas piepsige Stimme gibt sicher nicht den Ausschlag. Vielmehr geht die Kanadierin, mittlerweile 27, ihre Karriere noch immer mit dem beeindruckenden Selbstverständnis eines trotzigen Teenagers an und benötigt dazu – dies vielleicht die größte Überraschung – nach wie vor kein plattes, sexuelles Rollenklischee, ja nicht einmal die Anspielung desselben. Es reichen der Mut und das Genie, mit welchen Boucher für die vorliegenden Tracks sämtliche Versatzstücke des zeitgemäßen Rock und Pop einmal mehr zu einem wild brodelnden Zaubertrank zusammenmischt, der einem unweigerlich Beine macht und an grellbunter Farbigkeit und Facettenreichtum schwerlich zu überbieten sein wird.

Nimmt man den wummernden Beat als einzige Konstante, werden diesem hier unzählige Schichten und Sequenzen hinzumontiert, die in der Gesamtheit ein quirlig-nervöses und hochgepitchtes MashUp ergeben: Treibende Technoelemente und Breakbeats spielen da ebenso mit hinein wie reichlich J-Pop-Verweise, Cheerleader-Gekreisch und geloopte Bluesgitarrenriffs. Hier eine geklaute Cyndie-Lauper-Hookline, („Art Angels“), ausgelassener 90er-Funk („World Princess Part II“) – „Belly Of The Beat“ nimmt sich wie eine hochtourige Version von „La Isla Bonita“ aus und der aufgedrehte RnB von „Easily“ dürfte ebensoviel Hitpotential haben wie das – naja, Duett – mit Janelle Monáe („Venus Fly“), der anderen Wuntertütenfrau, die sich in Sachen Wandlungsfähigkeit und Egogröße am ehesten mit Grimes messen kann. Nun wird manche/r behaupten, diese aufgekratzte Künstlichkeit lasse sich auf Dauer nur schwer ertragen, überhaupt ließe sich in dem quietschbunten Wirrwarr schwerlich etwas Neues erkennen. Stimmt alles – ist aber trotzdem nicht so wichtig. Was zählt, ist der Moment, und den gestaltet Grimes so verwegen und mutig wie gewohnt, sie bleibt die kindliche Kaiserin des Superpop. mapambulo:blog


Courting The Squall
Courting The Squall
Preis: EUR 7,97

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Midlifelieder, 4. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Courting The Squall (Audio CD)
Irgendwie erscheint einem Guy Garvey stets wie ein lebender Widerspruch in sich. Geht man nach der Statur, dem Erscheinungsbild des Sängers der Indiekombo Elbow, dann würde man eher vermuten, Garvey fälle tagsüber in den Wälder rund um seine Heimatstadt Manchester Bäume reihenweise mit bloßen Händen und in seiner Freizeit über er sich wahlweise im Schwergewichtsboxen oder Rugby. Dass der große, bärtige Mann aber eine unglaublich bezaubernde Stimme sein Eigen nennt und mit dieser seit Jahren die Herzen und Knie weich und die Augen feucht macht wie kaum ein anderer – das mag man auf den ersten Blick gar nicht glauben. Gerade hat er sein erstes Soloalbum veröffentlicht und weil die Songs darauf so persönlich wie selten geworden sind, wollte er sie nicht seiner Band anvertrauen (oder zumuten) und hat sie, „rough and ready“, wie er dem Guardian mitteilte, in kurzen neun Wochen geschrieben und eingespielt.

Es geht darin, das ist nun nicht wirklich neu, vor allem um Frauen. Also um Garveys Sorgen und Nöte mit ihnen, um Träume, Ängste, Wünsche, auch um Glücksgefühle und natürlich um das Laster Alkohol, dem Garvey, das gibt er unumwunden zu, noch immer zu leicht und in zu großen Mengen nachzugeben bereit ist. Man hätte sich vielleicht an der einen oder anderen Stelle mehr Mut von ihm gewünscht, so wie er ihn zum Beispiel im schmissigen Opener „Angela’s Eyes“, für den Bigband-Sound von „Harder Edges“ oder für das ebenso forsche „Belly Of The Whale“ offenbart. Deshalb sind die restlichen Stücke keineswegs schlecht, höchstens mal etwas blass geraten – viel Piano, viel Gefühl, er kann und will nicht raus aus seiner Haut. Das Duett mit Jolie Holland („Electricity“) ist schön, bei „Yesterday“ zeigt man bereitwillig die erwarteten Reflexe (s.o.) und auch die schweren, dunklen Bläser erfüllen ihren Zweck. Nicht die insgeheim erhoffte Überraschung, gleichwohl eine gelungene Platte.
mapambulo:blog


It's You
It's You
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Keine Kompromisse, 30. Oktober 2015
Rezension bezieht sich auf: It's You (MP3-Download)
Warum lange drumherum reden? Gold Class machen es zumindest dem Post-Punk-Anhänger nicht sonderlich schwer, sie zu mögen – wenn ein Debüt wie dieses gleich ganz ohne jeden Schwachpunkt überzeugen kann, dann bleibt man in der Regel länger bei der Sache. Der Vierling aus dem australischen Melbourne, Besetzung Adam Curley (Gesang), Mark Hewitt (Drums), Evan James Purdey (Gitarre) und Jon Shub (Bass) ist demnächst als Support von Noise-Ikone Thurston Moore unterwegs, die Jungs werden dort mit Sicherheit keinen schlechten Eindruck hinterlassen. Dafür sind die Songs von “It’s You” einfach zu gut geraten: dicker Bass, trockene Beats und Gitarren zwischen sperrigem Scheppern und eingängigen Melodien, dazu Curleys markante Stimme – Stücke wie “Bite Down”, “Life As A Gun”, “Perverts” oder “The Soft Delay” sind so einfach wie genial gestrickt und haben all das, was Hitsingles brauchen. Und weil das Auge mithört, freut man sich, dass Gold Class auch bei der Optik keine Fehler machen und mit der kühlen Schlichtheit des Artworks punkten können. Damit aber nicht genug – nicht nur bei Bild und Ton, auch in Sachen Text machen Gold Class keinerlei Kompromisse, Sänger Adam Curley adressierte in einem Interview mit dem Netzradio FBI erfreulich klare Worte an sein Heimatland: “ I was pretty angry about what’s happening in this country and about how outsiders are created and treated. You know, I didn’t want to internalise all that s***, I wanted to do something with it. So I tried to put some of the anger to use. I wanted to say, call me a crank because I won’t shut up about this, and I wanted to own the pervert label for every queer who’s been arrested, and I wanted it to be a feminist album as much as it can be one, and I understand the limitations of that.“ Und wem jetzt diese drei Gründe noch immer nicht reichen, na – dem ist dann auch nicht mehr zu helfen. mapambulo:blog


Return to the Moon
Return to the Moon
Preis: EUR 12,99

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gemischte Gefühle, 30. Oktober 2015
Rezension bezieht sich auf: Return to the Moon (Audio CD)
Es ist, wie immer eigentlich, eine Frage des Standpunktes. Matt Berninger und Brent Knopf haben gemeinsam ein Album aufgenommen und dieses ist, das läßt sich ganz zu Anfang fast wertfrei behaupten, von besserem Durchschnitt. Betrachtet man „Return To The Moon“ nämlich aus Sicht des Frontmannes von The National, so darf man sich aufrichtig über einige recht quirlige und überraschend gutgelaunte Melodien freuen, die sich doch sehr vom grummelnden Mantra der Kapelle Berningers abheben. Und auch wenn man nicht außer Acht lassen sollte, dass diese zu Gründerzeiten durchaus auch mal lauter und derber daherkam, auf den letzten Alben präsentierten sich The National doch meistenteils in trüber, melancholischer Stimmung. Knopf wiederum hat sich ja mit seiner früheren Band Menomena und als Einmannprojekt Ramona Falls ein paar Eskapaden mehr geleistet, seine Alben hatten grundsätzlich den Charakter von Wundertüten, die zur Freude der Indiehippster gleich mehrere Stilrichtungen furchtlos verschraubten und stets sowohl als auch klangen.

Das wiederum ist auf der vorliegenden Platte eher nicht zu bekommen, für Knopfs Verhältnisse ist „Return To The Moon“ eine vornehmlich brave Angelegenheit geworden, hübsch anzuhören, aber kein Quantensprung. Wie so oft also, wenn sich unterschiedliche Wege kreuzen, entwickelt sich das Ganze zu einer Art Gemischtwarenladen und das ist nicht einmal despektierlich gemeint. Ein jeder wird hier fündig werden: Neben dem Titelsong und dem fiebrigen Bluesrock von „I’m The Man To Be“ sticht besonders die Doppelnummer „Sad Case/Happiness Missouri“ ins – äh: Ohr, satte Stoner-Riffs, ordentlich Dreck im Getriebe, auch (andere Schiene) die Clubsause „Sleeping Light“ funkt sich locker über die Zeit. Da nimmt dann, wer sonst Schwierigkeiten damit hat, die schummrig-balladesken Stücke gern in Kauf, zumal auch diese, wie das feine „Paul Is Alive“, nicht einfach nur dröge dahindämmern, sondern mit crispy Gitarren und schwelgerischen Background aufgepimpt worden sind. Und so ist die Platte sicher nicht das Schlechteste, was aus einer späten Männerfreundschaft entstehen kann. mapambulo:blog


Thank Your Lucky Stars
Thank Your Lucky Stars
Preis: EUR 9,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schöner klagen, 24. Oktober 2015
Rezension bezieht sich auf: Thank Your Lucky Stars (MP3-Download)
Da scheint ihnen also der Stoff nicht ausgegangen zu sein – gut zwei Monate, nachdem Victoria Legrand und Alex Scally ihr neues Album „Drepression Cherry“ vorgestellt hatten, war auch schon die Rede vom Nachfolger. Nun gibt es böswillige Menschen, die meinen, diese Art von luftig-verträumtem Dreampop ließe sich beliebig oft und einfach reproduzieren (das erinnert einen wiederum an die eigene Kunstlehrerin, die da frech behauptete, Aquarelle von Nolde schaffe ein geübter Fälscher mühelos fünf Stück in der Stunde), was natürlich ein ausgemachter Nonsens ist. Gerade „Thank You Lucky Stars“ zeigt, dass Beach House, wenn auch nur in kleinen Schritten, ihr Repertoire sehr wohl zu erweitern verstehen. So gibt es hier neben dem vorsichtig verzerrten Noise der Gitarren einen deutlicheren Bezug zur trippigen Elektronik von Portishead, viele kleine Verzierungen und Nebengeräusche (wie das andauernde und vertraute Knistern des wieder in die Mode gekommenen Vinyls) bereichern die Textur zu Legrands engelsgleichem Gesang. Und auch der variiert, im traurigen „Common Girl“ kommt er einem sogar ungewohnt nah und düster vor. Überhaupt: Die neue Platte scheint einem trotz des fröhlich-zarten Kinderfotos auf dem Cover mit noch mehr Melancholie und Sentiment gefüllt als der Vorgänger, „Elegy To The Void“ weckt mit seinen fantastischen Sprachbildern dunkle Assoziationen, auch das zauberhafte „All Your Yeahs“ kommt nicht ohne diese schwermütige Zwischentöne aus, sie prägen einmal mehr das Gefühl einer entschlossenen Verinnerlichung, welche die beiden schon seit Jahren antreibt. So gut wie hier hat sie sich jedoch selten angehört. mapambulo:blog


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