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Rezensionen verfasst von
Mapambulo "Mapambulo" (München)
(TOP 500 REZENSENT)   

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Lost Themes
Lost Themes
Preis: EUR 14,99

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Reise mit Hindernissen, 31. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Lost Themes (Audio CD)
Der Zusammenschnitt von Filmszenen aus John Carpenters Gesamtwerk, den das Label für die erste Vorauskopplung “Vortex” präsentierte, war sicherlich gut gemeint, leider geht er am Thema des gerade erschienenen Albums komplett vorbei. Ein jeder wird Szenen aus dem fast kultisch verehrten Katalog des siebenundsechzigjährigen New Yorker Filmemachers im Kopf haben, „Halloween“, „Die Klapperschlange“, „The Fog“, „Village Of The Damned“ und vor allem „They Live“, und zum Großteil dieser Streifen hat ja Carpenter, ein Newbie ist er also keineswegs, auch die entsprechenden Scores komponiert. Und genau das unterscheidet sie von den „Lost Themes“, den „Verloreren Melodien“ also, zu denen es keinen Plot, keine Geschichte, keine Bilder gibt – noch nicht. Zusammen mit Sohn Cody Carpenter, der mit seinem Vater schon für „Vampire“ und „Ghosts Of Mars“ kollaborierte, und Daniel Davies, dem Sohn des Kinks-Gitarristen Dave Davies, zog sich Carpenter in das Tonstudio seines Hauses zurück, um die vorliegenden Stücke einzuspielen. Heraus kamen neun Tracks, fast ausnahmslos dunkel pulsierende Kompositionen, die ein wenig an die Begleitmusik zu „TRON Legacy“ des Electroduos Daft Punk erinnern. Eigentlich obligatorisch, dennoch in ihrer Häufigkeit irritierend – die konventionellen, dem Prog- und Artrock entlehnten E-Gitarren-Einschübe, die ab und an den durchaus willkommenen Grusel unnötig brechen (besonders ohrenfällig, sorry: Majästätsbeleidigung, bei „Domain“, wo kurz das Thema der deutschen Asterix-Verfilmung die Kontemplation stört). Der Gesamteindruck bleibt trotzdem ein positiver, den düster wabernden Synthieflächen gelingt es mit der Zeit, den Zuhörer in eine Art zufriedene Entrücktheit zu versetzen, man läßt sich bereitwillig verführen und der Phantasie – Carpenters eigentliches Anliegen – freien Lauf. Denn darum ging es ihm letztendlich: “They’re little moments of score from movies made in our imaginations. Now I hope it inspires people to create films that could be scored with this music.” Schön zu sehen, dass es dem Mann auch am Humor nicht fehlt – wer ließe sonst bereitwillig seine Halbglatze auf dem Cover derart in Szene setzen ... mapambulo:blog


Na und Wir Kennen Euch Doch Auch Nicht
Na und Wir Kennen Euch Doch Auch Nicht
Wird angeboten von YSH (Differenzbesteuerung § 25a UStg)
Preis: EUR 9,59

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schwer zu finden, 30. Januar 2015
Suchbild, oder was!? Man muss Paul und Leo Eisenach, Matthias Wendl und Oded K.dar in der Tat näher kennen, um sie auf dem Cover ihres Debüts zwischen all den unifarbenen Alltagsgestalten ausfindig zu machen. Wer damit ein Problem hat, dem antworten sie einfach mit einer Gegenfrage und haben damit gleich mal einen der oberen Listenplätze bei der Wahl zum ulkigsten Albumtitel des Jahres sicher. Ähnlich schwer tut sich, wer eine passende Schublade für den Sound von NÖRD sucht. Nach dem superpartymäßigen Abgänger „Drogen“ hatte man sich schon auf reichlich Spaßmucke eingestellt: Ein paar griffige Parolen, Promis, die sich beim Videodreh die Klinke in die Hand geben – eingeteilt, durchgewunken, der Nächste bitte. Wer hätte gedacht, dass sich das Album zum Song aber später mit The Whitest Boy Alive, Saalschutz, Air und Selig taggen ließe, größmögliche Antipoden also und doch irgendwie in Ordnung? Festlegen wollen sie sich also nicht – soviel ist schon mal klar. Clever gemachte Songstrukturen, selten deckungsgleich, jede für sich ein potentielles Markenzeichen, zusammen ein beachtlich gefüllter Gemischtwarenladen. „Rette mich wer kann“ mit dem selben hübsch federndem Gitarrenpop, mit dem schon Erlend Øye die Hauptstadt in Bewegung/im Gespräch hielt, „Nah“ und „Maschinen“ als pulsierender Electropop, später noch „Tageslicht“ als lässig-leichte Gefühligkeitsvariante desselben. Dagegen die schiefen Bläser von „Krank“ oder der träge, leicht angeprollte Bluesrock „Benzin“, wer da eine gemeinsame Schnittmenge findet, kann sich glücklich schätzen. Natürlich gibt’s auch noch was für’s melancholisch dreinblickende Clubvölkchen – „Keine Sterne“ als Raumteiler: Für die einen verkitschte Ranwanze Marke „Ich mag dich zwar nicht, aber wo ich schon mal hier bin“, für andere wahrscheinlich ein „1-A-Gefühl-zur-Zeit-zur-Stadt-whatever“-Song. Und nun? Wenigstens die Empfehlung, hier mal komplett durchzuhören, wäre doch gelacht, wenn nicht was hängen bliebe – bei der Auswahl … mapambulo:blog


Niveau Weshalb Warum (Limited Deluxe Edition)
Niveau Weshalb Warum (Limited Deluxe Edition)
Wird angeboten von multi-media-man
Preis: EUR 34,97

3 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Selber denken, 30. Januar 2015
Es hat sich nichts geändert. Zumindest nicht zu Guten. Wobei noch zu klären wäre, was „gut“ ist und was weniger. Von Deichkind bekommt man dazu maximal einen Wink mit dem Lattenzaun, mehr ist nicht drin, um den Rest muss sich schon jeder selber kümmern. Meinungen interessieren die Hamburger nach eigener Aussage ungefähr so sehr wie eingeschlafene Füße, mag sein, dass sie welche haben, Platten verkaufen sie damit keine. Die Rechnung ist einfach: Wenn nichts besser geworden ist, dann gehen ihnen die Themen nicht aus, dann gibt’s genug Sch***haufen da draußen, in die sie einen mit der Nase stecken können. Deichkind als Krisengewinnler? Aber hallo! Irgendwie fällt einem da olle Jan Delay ein, der davon reimte, er bringe „Sch***e zum Kochen“ – da bleiben wir doch im Bild und behaupten mal, Deichkind brächten besagte Haufen zum Tanzen, denn das ist sie ja, die hohe Kunst, dass der ganze üble Mist, den die vier da besingen, die platten Parolen, die dummen Sprüche, der tägliche Wahnsinn also, dann so verdammt klasse klingen.

Letztens waren das noch der geile Geiz, die Hatz im Hamsterrad, Model-Irrsinn – und jetzt? Natürlich Vernetzungswahn, Agentursprech und der Tanz auf dem Vulkan. Wer das vorhersehbar nennt, hat sicher Recht. Spaß macht es deshalb nicht weniger. „Like mich am Ar***“ kommt so lässig daher, dass man sofort seinen Frieden mit der x-ten Wiederholung des Dauerthemas machen will, „Mehr als lebensgefährlich“ und „Hauptsache nichts mit Menschen“ feiern unser aller Phobien und dass Deichkind im Großdenken die Größten sind und bleiben, das weiß, wer ihre Shows gesehen hat. Okay, einfach ein paar Werbejingles aneinanderklöppeln ist jetzt vielleicht ein bisschen zu billig und auch die Nummer mit dem Porzellan und den Elefanten, naja, da humpeln die Mittel dem Zweck etwas lahm hinterher.

Dafür können sie immer noch bestens posen und stylen, nach knapp zwanzig Jahren darf man sich für „So’ne Musik“ auch mal selber liken und ein bisschen mit dem Personal protzen. Ganz und gar wunderbar wird es beim Streifzug über den Flohmarkt, das Feuilleton sagt dazu „augenzwinkernde Millieustudie“ oder „Situationskomik“ – was da an Sprüchen über die Wühltische geschickt wird, ist schlicht ein Freudenfest für alle, die solcherart verspieste Kleinkrämerei aus tiefstem Herzen hassen. Genügend Anregungen, sich ein paar Gedanken mehr zu machen, also auch auf diesem Album, auch wenn es scheint, dass die Zeit der ganz krassen Ansagen vorbei ist und auch der Sound im Vergleich zu den Vorgängern etwas an Schärfe verloren hat. Befragen muss man sie dazu wohl nicht, sie sind wie sie sind und mangels Alternativen haben sie ohnehin alle Argumente auf ihrer Seite. Wer’s trotzdem nicht lassen kann? „Niveau, weshalb, warum - wer uns fragt, bleibt dumm.“ Hätte man wissen müssen, schon klar. mapambulo:blog
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 30, 2015 11:06 AM CET


Ratworld
Ratworld
Preis: EUR 12,99

4.0 von 5 Sternen Aus der Mode, 28. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Ratworld (Audio CD)
Schlechte Nachrichten für Hipster. Wenn nämlich aus dem, was das Indierock-Duo Menace Beach aus Leeds da auf seinem Debüt präsentiert, ein neuer Trend wird, dann brechen für alle, denen das Flippigste gerade gut genug ist, langweilige Zeiten an. Und irgendwie scheint das eine tröstliche Nachricht zu sein. Ryan Needham, Liza Violet und zwei, drei saisonale Gastmusiker fabrizieren nämlich für ihr Debüt einen Sound, der auf angenehme Art altmodisch klingt, keine Schnörkel, keine unnötigen Verzierungen, sondern ordentlich verschmirgelte Stromgitarren, die so schön grollen wie einst bei Jesus And Mary Chain. Zweieinhalb Minuten sind das Durchschnittsmaß für ihre Songs, viel länger wird es selten und das ist auch gar nicht nötig, weil die feinen Melodien genau über diese Zeit tragen und begeistern können. Wenn sich Violets ätherische Stimme bei „Blue Eye“ in schönster Shoegazer-Manier in lichte Höhen schwingt, dann ist das fast berauschend, später bei „Infinite Donut“ versuchen sie es mit Grunge und bekommen auch das überzeugend hin. Somit die erste kleine Überraschung dieses Jahres. mapambulo:blog


Münchner Freiheit
Münchner Freiheit
Preis: EUR 14,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wem die Stunde schlägt, 23. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Münchner Freiheit (Audio CD)
Das liest man jetzt häufiger. Also, diesen Satz von wegen: „Das Weiße Pferd machen die Musik der Stunde.“ Mmh, fragt man sich: Machen die das nicht schon immer? Scheint also die Stunde dem einen oder anderen etwas länger zu schlagen? Denn wenigsten die Hälfte des bunten Haufens hat schließlich schon mit Kamerakino einen ähnlichen Wahnwitz gezimmert, Sanchez, Meyhöfer, Lapkovskaja, Wühr, Tagar, waren alle mit dabei. Und der Pöschl Albert mit Queen Of Japan und Dis*ka auch kein unbedingtes Kind von Sachlichkeit. Und trotzdem stimmt’s wohl, denn „die Stunde“ von heute, also das Leben und was es bestimmt, ist bei genauer Betrachtung manchmal ebenso irre, abgedreht, unerklärlich und schwer zu fassen. Das Weiße Pferd haben mit der Veröffentlichung ihres dritten Albums gleich noch ein altehrwürdiges Label ihrer Heimatstadt reanimiert – das klingt jetzt ausnahmsweise mal sehr rational. Für den Rest allerdings, also die „Münchner Freiheit“ selbst, muss man schon ein gewisses Maß an Aufgeschlossenheit mitbringen, um die Vielzahl an Querverweisen, Referenzen und Parallelen wenigstens halbwegs auf die Reihe zu bekommen (kann man natürlich auch gänzlich bleiben lassen, der Spaß sollte fast derselbe sein).

Ein jedes Stück der Platte für sich eine unglaubliche Ansammlung verrückter Assoziationen, Songs, die einen nicht an die Hand, sondern lieber gleich auf den Arm nehmen, hier wird überhöht, persifliert, kontrapunktiert, dass es kein Halten gibt. Mal linsen Foyer Des Arts um die Ecke, treffen Lou Reed und James Brown den „Underclass Hero“ (bzw. dessen Hinterteil), während Mick Jagger im „Straßenkämpfer“ (vs. „Street Fighting Man“) seine Widmung bekommt. „Akkordarbeit“ landet trotz sonorer Stimmlage bei „Jenseits von Eden“ und den Scherben, und Ramone‘s „Uptown Girl“ wird einfach umgesungen und abgetaut. Mal also mit direktem Bezug, ansonsten wie ein jeder mag, die Stücke funktionieren als Gedankenspielplätze, Haftung wird nicht übernommen. Das ist beileibe nicht albern oder blöde, eine Replik wie „Teutsche Machos“ zu den gängigen Bildungsbürgervorurteilen könnte kaum böser sein: „‘Na, wer kocht bei euch zu Haus? Etwa der Mann?‘ fragt Onkel Biolek die türkischen Gäste in Bio’s Bahnhof … Teutsche Machos, halb so wild, teutsche Machos haben ihr Bild von den Machos aus dem Süden.“

Weil vieles dem Dada verpflichtet scheint, gibt es nur wenige Stücke, deren Sinnhaftigkeit sich so schnell erschließt wie dieses, auch „Die Zukunft“ ist so eins: „Alle, wir und ich, gehen dahin wo die alten Männer sind … die alten Männer sind noch nicht alt genug“ – und wer will, der reflektiert schnell, dass damit wohl unsere Gesellschaft gemeint ist, regiert und normiert und begrenzt von den Ideen und Idealen alter Menschen. „Hört das denn nie auf?“ fragt der Klappentext und sofort hat man Mutter parat: „Die Jungen hassen die Alten, bis die Jungen die Alten sind…“, Besserung also nicht in Sicht. Die Musik des Ein-Pferd-Kollektivs (weitere Assoziation Richtung Animal-Collective-Hipstertum) steht den Worten in nichts nach, bunt verquirlt, vielschichtig, experimentell, jazzig, hypernervös, auch mal zum Gleichklang verwoben mit dem dringlichen, leidenschaftlichen Mantra des „I Want It With You Song“. Liedhaftes? Eher selten. Eine Herausforderung allemal. Heute morgen in der Zeitung gelesen: „Albano und Romina Power machen wieder gemeinsam Musik.“ Auch weird. Und auch Musik zu Stunde. Beides: Felicitá. mapambulo:blog


Bleiben Oder Gehen
Bleiben Oder Gehen
Preis: EUR 13,99

9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ungefähr, 23. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Bleiben Oder Gehen (Audio CD)
Vor gut zwei Jahren war das neue Album von Feine Sahne Fischfilet noch Anlass, dem Deutschpunk im weiteren und engeren Sinne eine längst verdiente Ode zu singen – es ging um das ehrliche Scheitern und um den gesunden Menschenverstand, um die anhaltende Sehschwäche der Republik auf dem rechten Auge. Und um die Landflucht, um das also, was es aus einer Region macht, wenn für die Zuversicht nur noch die Stadt bleibt, die Provinzen zunehmend verwahrlosen und außer alt und trist und bieder bis verspiest dort bald nichts mehr zu finden sein wird. Ein wahrhaft trauriges, ein bedrohliches Thema, dem sich vor allem junge Menschen stellen müssen. „Should I stay or should I go“, von The Clash geborgt und immer noch aktuell, „Bleiben oder gehen“. Hätte schon was hergegeben. Und doch ist die vorliegende Platte kein Grund für eine weitere Lobeshymne – seltsam unscharf, weniger greifbar ist sie geworden. Wo der Vorgänger noch mit Schaum vor dem Mund antrat, gehen die Stücke auf „Gehen oder bleiben“ nur vereinzelt mit dieser Unbedingtheit und dem zielgerichteten Zorn zu Werke.

Zu allgemein die Parolen, zu wenige Adressen, zu oft nur „sie“ und „die“ und „es“. Konkret wird es selten – bei „Wut“ etwa sind es die „Bullenbanden“ („nur einen Steinwurf entfernt“), in „Nur Applaus“ die NSU. Der Rest genügt sich leider leider in altbekannten, holzschnittartigen Slogans, schwankt zwischen „alles wird gut“ und „alles geht zugrunde“, mal ein „bleib daheim und wehre dich täglich“, dann wieder „auf und davon“ – wenn’s einzig darum ging, die Unentschlossenheit zu vertonen, dann ist den sechsen das anschaulich gelungen. Eine weitere Ausnahme ist das rührende „Warten auf das Meer“ – ein Klagegesang am Krankenbett des Freundes, unverstellt und mit viel Herzblut getextet. Gegen den Sound ist im Übrigen nichts einzuwenden, auch wenn man das Gefühl hat, hier wurde ebenso etwas an Schärfe gespart. Die Gitarren rough, gutgelauntes Skablech, sogar einen kurzen Rap und einen hübschen Kinderchor gibt‘s diesmal. Dennoch: Hat nicht die Klasse und den Biss des letzten Albums – zwischen subtil und direkt wählen Feine Sahne Fischfilet diesmal nur das Ungefähre und Allgemeine. mapambulo:blog


Kitty, Daisy & Lewis the Third (Digipak)
Kitty, Daisy & Lewis the Third (Digipak)
Preis: EUR 14,99

23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sauber gemacht, 23. Januar 2015
Also wenn wir eines mit Bestimmtheit wissen, dann wenigstens das: Alles im Leben hat seinen Preis: Günstiges Essen, bezahlbares Textil, ständige Mobilität, grenzenloses Internet, ja sogar für die Demokratie, das erfahren wir in diesen Tagen besonders eindrücklich, bekommt man ab und an eine saftige Rechnung gestellt. Doch kurz mal etwas kleiner gedacht: Vor sieben Jahren veröffentlichte das Geschwistertrio Kitty, Daisy And Lewis sein gleichnamiges Debütalbum, Rock’n Roll-Retro galore, allererste Sahne. Auch Platte Nummer zwei “Smoking In Heaven” einvernehmlich ein Hammerteil, gleiche Schiene, perfekt gemacht – dirty, groovy, absolut infektiös. Doch schon da mischten sich einige Stimmen unters Fanvolk, die meinten, etwas mehr Abwechslung könnte dem beschwingten Durham’schen Familienbetrieb (denn ein solcher ist es ja mit Papa und Mama an den Geräten) gut zu Gesicht stehen, sonst wird der Trubel schneller vorbeisein als gedacht (Merke Weisheit #2: Kein Hype wärt ewig.) Nun, sie haben den Rat befolgt. Wurden zuvor Randgebiete wie Blues und Country nur versehentlich touchiert, packt die Band jetzt eine erstaunliche Fülle an Stilvariationen auf die Palette: klassischer Funk und Soul, flotter Ska-Riddim, RnB samt fettem Streicheraufgebot in der Vorratspackung, hawaiianische Melodien, Orgel, Banjo – von all dem gibt’s zum obligatorischen Swing zu hören.

Das Problem: Das, was auf den ersten beiden Alben so ‘dirty’ klang, ist leider einem recht cleenen, glatten und kantenfreien Sound gewichten. Die Verruchtheit, welche die Songs der drei – passend zum historischen Bezug – ausstrahlten, das Verqualmte, auch mal Schiefe wurde offenkundig zugunsten der Vielfalt geschliffen. Ob das damit zusammenhängt, dass Mick Jones, Ex-Gitarrist von The Clash und Freund der Familie, die Regler bei der Produktion in den Händen hatte, kann man nur spekulieren, tatsächlich geht den Songs damit leider (wenn man das bei Retro überhaupt sagen kann) etwas an Ursprünglichkeit verloren. Gut klingen tun sie natürlich trotzdem – das hämmernde Piano gleich zu Beginn bei “Whenever You See Me”, der hibbelige Beat von “Feeling Of Wonder” und der besagte Skabeat von “Turkish Delight” sowieso. Am besten sind Kitty, Daisy And Lewis natürlich immer noch beim Kerngeschäft aufgehoben – “Good Looking Woman” haut ordentlich rein und das wilde “Bitchin’ In The Kitchen” vermag ausnahmsweise auch an die frühen Glanztage des Trios anzuknüpfen. Gemischte Gefühle hin oder her – auf einen zünftigen Ritt über’s Parkett kann man sich immer einigen. mapambulo:blog


Leonie Singt
Leonie Singt
Preis: EUR 17,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wenn schon, dann so, 19. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Leonie Singt (Audio CD)
Dunkle Gedanken können durchaus eine geeignete (wenn nicht sogar die einzig gültige) Triebfeder für das Gelingen wirklich guter Songs abgeben – das weiß nicht nur, wer sich die wohltuende Schwermut von Element of Crime seit Jahren über die gebeugte Schulter legt wie einen wärmenden Schal aus dicker, weicher Wolle. Und passenderweise klingt die Musik von Leonie Felle manchmal wie die jüngere, weibliche Entsprechung zum alten Grummler Sven Regener. So und noch viel mehr. Denn nur mit dieser einen Referenz würde man der Fotografin, Künstlerin und Sängerin, die gerade bei Gutfeeling Records ihr mit Spannung erwartetes Debüt veröffentlicht, wohl kaum gerecht werden. Allein der Umstand, dass „Leonie singt“ von Andreas Staebler, Kopf und Stimme des Münchner Vielklangkollektivs G.Rag Y Los Patchekos Hermanos, produziert worden ist, bürgt für Abwechslung und Eigenständigkeit gleichermaßen – die ersten zwölf Songs zusammen mit Hagen Keller, Sascha Schwegeler und Jakob Egenrieder bestechen dann auch durch Vielfalt und Originalität.

Genausowenig, wie sich Felle für eine Sprache entscheiden mag (und gut daran tut), so wenig lässt sie sich auf einen Stil festlegen: Da stehen sparsame, fast zarte Arrangements neben raumgreifenden Rocknummern, treffen erdiger Blues und schiefer Honkytonksound auf chansonhafte Melodien, Akkordeon auf Kontrabass, Mundharmonika auf Megaphon und elektrische Gitarre auf eine singende Säge. Im Gedächtnis haften dabei, wie erwähnt, vor allem die Stücke von der Schattenseite des Lebens, es hat hier viele davon. Schon die Einstiegszeilen lassen angenehm frösteln: „Yesterday it killed me, today I’m dead, but I’m sleeping and dreaming in heavens bed … sure I’m six feet under, sure I’m dead and cold, sure we come asunder, sure I wasn’t old“ – ein “bag of bones”, lebendig begraben, drastischer kann man Trennungsschmerz kaum illustrieren. Dazu das wohldosierte Geraspel der Leadgitarre, das später auch „Schön“ und „Abend“ begleitet, wunderbar traurige Lieder von nüchterner Ehrlichkeit. „Es gibt nicht vieles auf der Welt was zählt, doch du und ich allein, das wär doch schon was – oder nicht? Ich würd nichts sagen, würd nur zuhörn, würd nichts fragen, bin ganz da – da nur für dich. Ach, wär das schön!“ Und später: „Was soll ich um was trauern, das es ja gar nicht gibt? Was soll ich um wen trauern, der mich ja gar nicht liebt?“

Natürlich passt auch das Covermotiv der schweren, aufgewühlten See (eine Arbeit von Felle selbst), bestens zu den Enttäuschungen, vergeblichen Sehnsüchten und trostsuchenden Gedanken, die Felle in bildhafte Worte fasst, zu einem Album also, wo Schönheit und Glück zumeist nur im Konjunktiv erscheinen. Denn selbst wenn das Wasser anfangs noch den kindlichen Träumen von unbekümmerter Sorglosigkeit als Kulisse dient („I Wish I Could Sleep Like A Child“) – am Ende ist es doch nur das kalte Dunkel, welches erbarmungslos über einem zusammenschlägt: „Make a hole for me in the sea, waves ought to go down above me. They should rage and romp, let them whirl me around, until I have found my deep blue bed in the sea…“ („Watery Grave“). Vielleicht nicht gerade der passende Soundtrack für einen erwartungsfrohen Jahresanfang, aber keine Sorge, auch in den kommenden Monaten wird sich reichlich Gelegenheit bieten, der Lakonie und Melancholie in den Liedern von Leonie Felle nachzuhören. Denn: Wenn schon betrübt, dann bitte so. mapambulo:blog


The Pale Emperor (Limited Deluxe Version)
The Pale Emperor (Limited Deluxe Version)

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kalkulierter Grusel, 16. Januar 2015
Nun also, Marilyn Manson hat wieder eine neue Platte veröffentlicht. Seine neunte übrigens. Und schon sind wir mittendrin im Dilemma. Denn genau die drei Buchstaben des Wörtchens „neu“ rufen den vielstimmigen Chor auf den Plan, der dem potentiellen Käufer das Leben schwer macht. Da haben wir den Fan, nicht kritiklos, aber wohlwollend, der fast alles kennt und doch dankend jeden neuen Takt begrüßt, den das Idol seit nunmehr zwanzig Jahren auf Tonträger pressen läßt. Übersättigung? Fehlanzeige. Dann gibt es den interessierten Gelegenheitshörer, der Manson vielleicht in der einen oder anderen Doku gesehen hat und deshalb weiß, dass der furchterregend kostümierte „Schockrocker“ (BILD) nicht ganz so tumb und dumm sein kann, wie ihn manch übermotivierte Elterninitiative gern hätte. Und zu guter letzt ist da noch der Ketzer, der mit gelangweiltem Kopfschütteln das aktuelle Album beiseite legt, weil doch ohnehin alles so klingt wie auf den zwei, drei vorangegangenen, weil Manson wirklich „Neues“ schon seit Jahren nicht zu bieten hatte.

Und selbst wenn man dann die beiseite läßt, die mit der Musik des Mittvierzigers so überhaupt nichts anzufangen wissen – einfacher wird die Entscheidung dadurch auch nicht. Tatsächlich malt Manson seit Beginn seiner Karriere am immergleichen, monumentalen und selbstredend apokalyptischen Schlachtengemälde, vorzugsweise in den Farben weiß (also fahl), rot (sprich blutig) und höllenschwarz. Der Gothrock ist mit ihm ein ganzes Stück in Richtung Pop gerückt, das finden die einen super und andere verdammen ihn dafür. Und auch der ‚Bleiche König‘ kommt wie erwartet: Mathmetal-Riffs zu Hauf plus düsteres Bassgrollen und tonnenschweres Schlagzeuggeböller – es fällt schwer, den Klischees aus dem Weg zu gehen, gerade weil Manson selbst peinlich genau darauf achtet, dass er diese auch ordentlich erfüllt.

Und dennoch: Es ist noch immer gerade so viel Wucht und Energie in den Stücken, dass man sich nicht allzu lang mit Abwägen und Sinnieren beschäftigen kann und möchte. Die Themen – altbekannt, wohlfeil, immer aktuell: Für die Waffenlobby ist der Mann ohnehin der Staatsfeind No.1, mit „Killing Strangers“ liefert er dazu das passende Futter, Manson gibt den Unglücksbringer, den Fatalisten („The Mephistopheles Of Los Angeles“), den meistgehaßten Outlaw und wer meint, ihm mit Gutmenschentum kommen zu müssen, dem singt (besser brüllt) er das Lied von den Getretenen, die von unten nach oben wollen, um doch nur wieder von oben nach unten treten zu dürfen („Slave Only Dreams To Be King“). Das ist zwar so vorhersehbar wie der wohlkalkulierte Aufschrei zum angeblichen Gewaltvideo mit Lana Del Rey just ein paar Wochen vor der Veröffentlichung des Albums, man sollte es nicht ernster nehmen als eine leidlich gelungene Theaterinszenierung – gegen etwas Lärm und gepflegten Grusel gibt es allerdings nichts einzuwenden. mapambulo:blog


No Cities to Love
No Cities to Love
Preis: EUR 14,99

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Still got the punk, 16. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: No Cities to Love (Audio CD)
Über die möglichen Beweggründe für die Reunion der so schmerzlich vermissten Sleater-Kinney ist in den letzten Wochen und Monaten viel geschrieben worden, da sich aber Carrie Brownstein, Corin Tucker und Janet Weiss selbst oft und ausführlich zum Thema geäußert haben, dürfte es dazu keine zwei Meinungen geben. Die drei Frauen haben die der Riot-Grrrl-Bewegung zugeschlagene Punkkapelle bekanntlich vor mehr als zwanzig Jahren genau an der Stelle gegründet, an welcher zuvor auch Bikini Kill und Kathleen Hanna ihre Karriere starteten. Und wie Hanna sind auch sie der Meinung, dass ein widerständiges, einigermaßen unangepasstes Leben nicht mit dem Abschied vom Teenager-Status vorbei sein muss, dass also die Geschichte ihrer Band, wie man gern sagt, noch nicht zu Ende erzählt ist. Alle drei haben sich in den letzten Jahren mehr als etabliert: Weiss trommelte für Conor Oberst, Stephen Malkmus, Wild Flag und die Shins, Tucker pendelt als Mutter zweier Kinder zwischen ihrem Job als Webdesignerin und der Passion als Solomusikerin. Carrie Brownstein ist wohl den größten Schritt in Richtung Popkultur gegangen – an der Seite von Fred Armisen hat sie es innerhalb weniger Jahre mit der amerikanischen TV-Serie „Portlandia“ zu einem respektablen Ruf als Comedian gebracht.

Ein weiter Weg und trotzdem immer noch genügend Wut im Bauch, das muss laut Weiss kein Widerspruch sein: „Being adults with lives and families and careers forces us into the moment. We have a lot to say in a short amount of time, and that plays to our intensity” (Pitchfork). Und diese Energie ist gottlob auch auf dem neuen Album zu spüren. Sicher, der Sound ist, nimmt man sich das letzte Werk “Woods” aus dem Jahr 2005 zum Vergleich, eine Spur weniger harsch und roh geworden, kleine, feine Melodien stehlen sich nicht nur kurz vorbei, sondern dürfen auch mal bleiben und im Mittelteil des Titelsongs erliegt man sogar für einen Moment der Sinnestäuschung, Madonna habe eine Gastrolle am Mikro übernommen. Sperrig sind sie trotzdem, die abgehackten, knirschenden Gitarrenriffs bleiben uns ebenso erhalten wie die scheppernden Drums und Tuckers bzw. Brownsteins unnachahmlich zorniges Gebrüll. Und auch wenn Sleater-Kinney nie eine Singles-Band waren/werden, ihre Platten also stets in der Gesamtheit statt durch herausragende Hits überzeugen – Stücke wie “A New Wave” und “No Anthems” sollten sich länger im Ohr festkrallen als üblich.

Das gilt natürlich auch für das fette, grimmige Orgeln der Vorabsingle “Bury Our Friends”, eine Art lyrische Gebrauchsanweisung für den Re-Start der drei: “Exhume our idols, bury our friends, we’re wild and weary, but we won’t give in, we’re sick with worry these nerveless days, we’re live on dread in our own gilded age.” Eine von vielen Passagen, denen man anhört, dass Sleater-Kinney noch immer zu den Unbequemen, den Aufständigen gehören – die Hatz durch einen zunehmend überdrehten Konsumkosmos (“Price Tag”), die wachsende Entfremdung des Großstadtlebens (“No Cities To Love”) oder der Preis, den man als Person des öffentlichen Lebens unweigerlich zahlt (“Fade”), man hat nicht den Eindruck, dass ihre Biografien sie haben selbstgefälliger werden lassen. “I guess as far as young versus old”, so Weiss, “I don’t really feel like I’ve said it all and I’m comfortable, and I’m sort of ready to kick my feet up” (Pitchfork). Insofern ist “No Cities…” eine Sleater-Kinney-Platte geworden, wie sie typischer nicht sein könnte, ein Hinweis, der nicht jedem wiedererstandenen Altstar zur Ehre gereicht, hier aber als größtmögliches aller Komplimente verstanden werden will. mapambulo:blog
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 1, 2015 10:29 AM CET


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