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Rezensionen verfasst von
Gerhard Winterwald

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Austerlitz
Austerlitz
von W. G. Sebald
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Magisches Erzähltalent, 4. August 2009
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Taschenbuch)
Winfried Georg Sebald verfügt über ein magisches Erzähltalent, das die schlichteste Alltäglichkeit mit einer derartig erstaunlichen Fantasie zu beseelen vermag, die sich nur schwer begründen lässt. Er eröffnet wechselvolle episodenreiche Erzählstränge, die von unterschiedlichen Zeiten und Betrachtungsweisen durchzogen sind, von mehrere Ich-Erzählern gestaltet werden und dennoch eine Kontinuität bewahren , die zu bewundern ist.
Wie viel beeindruckender aber, dass es sich in dem Romans nicht nur um eine Alltäglichkeit oder eine ermüdende Beziehungsproblematik handelt, sondern um einen ungewöhnlichen Vorgang des Zweiten Weltkrieges, als jüdische Kinder, aus Sorge um ihr Überleben, allein auf einen Kindertransport nach England gegeben werden, deren Schicksal dann dem Einfluss der Eltern entzogen bleibt. Der die Rahmenhandlung des Romans bestimmende zweite Ich- Erzähler Austerlitz ist mit einem dieser Transporte nach England gekommen und da keine Anverwandten mehr nach dem Ende des Krieges überlebten, um nach ihm zu forschen, auch in England geblieben, immer von einer eigentümlichen Fremdheit beunruhigt, irrt er als Wissenschaftler durch die namhaften Städte Europas, sich nirgendwo heimisch fühlend. Erst als Gymnasiast erfuhr er, dass er eigentlich Jacques Austerlitz heißt und nicht Dafudd Elias, wie seine Pflegeeltern, ein eigenwilliger Prediger mit seiner Ehefrau, die ein sonderbares rigides Eheleben führten. Die Frau starb als Jacques Austerlitz 12 Jahre alt war und der Prediger Elias endete in einer psychiatrischen Anstalt. Den Aufenthalt in diesem Hause empfand Austerlitz immer als Martyrium.
Die Suche schließlich nach dem Verbleib seinen Eltern in Prag, verläuft ergebnislos. Die Mutter, hoffnungsvolle Opernsängerin, und der Vater, ein aktiver Funktionär der tschechoslowakischen sozialdemokratischen Partei, hatten sich unmittelbar vor dem Einmarsch der Deutschen in Prag getrennt. Während der Vater nach Paris geht und dort nach dem Einmarsch der Deutschen Armee offenbar deportiert wird, ereilt das gleiche Schicksal die Mutter, die nach Terezin/ Theresienstadt gebracht wird und es ebenfalls nicht überlebt.
Der Bericht, den Austerlitz über seine Nachforschungen gibt, ist von einer so prägenden Sensibilität getragen und wird durch den großartigen Erzählstil Sebalds mit einer ungewöhnlichen Leichtigkeit vermittelt auch ohne die bei solchen Fällen übliche Dramatik, erstaunlicher Weise ist dies jedoch der Grausamkeit der Ereignisse, unter der deutschen Besatzung in Prag, keineswegs abträglich.
Das Wachhalten der Spannung durch die stets wechselnden Ereignisse und die fesselnde Erzählkunst des Autors, lassen einen Lesegenuss entstehen, dessen Faszination dem Leser ein Rätsel bleibt.
Der Roman liest sich wie die Präsenz einer verlorenen Zeit, ein Komprimat aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als immer währende Gegenwart.
Austerlitz, geschrieben 2001 im Jahr des tödlichen Autounfalls der Autors, ist nicht nur die Schilderung eines europäischen Schicksal in Zeiten exzessiver Gewalt in formvollendeter Prosa, sondern lässt auch Fragen darüber aufkommen, was Heimat ist, welche Rolle Eltern haben, was uns die Welt bedeutet. Sebalds Roman erweckt in uns den Eindruck, dass Heimat nur in uns selbst sein kann.
Austerlitz ist einer der wenigen Romane, der von den Bitternissen des 20. Jahrhunderts berichtet, doch den Menschen im Visier hat und nicht das Verbrechen, sehr überzeugend und gleichzeitig auch kurzweilig.


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