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amazonmuc "amazonmuc" (Munich)

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Die Eroberung von Konstantinopel 1453
Die Eroberung von Konstantinopel 1453
von Steven Runciman
  Gebundene Ausgabe

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sollte man lesen wenn man diese Zeit ohne PC Weichzeichner verstehen will., 13. September 2011
Ich beziehe mich auf die Englische Ausgabe von 1965. Dieses Buch dramatisiert die Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 und dessen Ursache:
Politische Zerstrittenheit und Schwäche des "Westens" werden frank und frei angesprochen. Die Sprache liest sich machmal wie eine geheime Diplomatendepeche "crisp and blunt" werden Motive, Stärken und Schwächen der handelnden Personen beschrieben. Spannend und unterhaltsam aber gleichzeitig mit einem Quellenverzeichnis, welches wissenschaftlichen Ansprüchen genügen will (50 Seiten) sowie wunderschönen Karten und Radierungen. Sollte jeder lesen der diese Zeit ohne PC Weichzeichner verstehen will: Eine detaillierte Beschreibung wie das Oströmische Reich allein gelassen wurde, der eigentlichen Kriegshandlungen und eine Ehrung der Tapferkeit der Belagerten. Aber auch ein ehrliches Portrait des Siegers.


Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel: Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes
Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel: Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes
von Sylvain Gouguenheim
  Gebundene Ausgabe

21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wissen über alle mit und ohne Grenzen., 5. September 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich kann dieses Buch des anerkannten Mediävisten Sylvain Gouguenheim empfehlen, es bietet einen interessanten Aufriss der Transmissionen zwischen der griechischen Kultur und Europa über Arabien und dem byzantinischen Reich. Gouguenheim berichtigt das früher weit verbreitete Bild, demzufolge das christliche Europa im Mittelalter ein finsteres Zeitalter war und die derzeit moderne Behauptung, die Brücke vom Hellenismus zur Aufklärung wäre nur über die islamische Vermittlung erfolgt. Dagegen verweist Gouguenheim im Kapitel 3 auf die Pionierarbeit der Mönche, beispielsweise etwa auf den weitgereisten Jakob von Venedig, einem möglicherweise griechischen Mönch, der bereits im frühen 12. Jahrhundert die aristotelische 'Politik' ins Lateinisch übersetzt hatte. Ein Jahrhundert früher, als im maurischen Spanien meist durch Juden oder Christen (Dhimmi" - unter islamischer Herrschaft) eine lebhafte Übersetzertätigkeit ins Arabische und von arabischer Schriften einsetzte. Die heute oft geäusserte Idee einer liberalen Zusammenkunft von Christen, Muslimen und Juden liegt seiner Ansicht im Bereich der unhistorischen Romantik.

Das zweite Kapitel beschreibt den engen Austausch des frühen Christentums mit dem hellenistischen Gedankengut über das Griechische, die Sprache der Evangelien. Das Kloster Mont Saint-Michel wurde zu einem Zentrum in dem Abschriften der lateinischen Übersetzungen erstellt wurden. In einer Entgegnung im Anhang zu einer zutreffenden Kritik eines Kollegen, dass dort keine Übersetzungen stattgefunden hätten, stellt er diesen Sachverhalt in der deutschen Ausgabe klarer dar.

Nachvollziehbar und gut belegt ist daher Gouguenheim's These im vierten Kapitel, das der Islam damals nur punktuelle, oft gefilterten Wissensaufnahme erlaubte, mithin auch gar nicht die Fülle des jüdischen und hellenistischen Wissens weitergeben hätte können. Meiner Ansicht ist die Anwendung der stereographischen Projektion ein gutes Beispiel, welche den Bau von (wunderbaren) Astrolabien erlaubte. Diese war für den Islam wegen den Gebetszeiten wichtig, aber die Sternwarte von Maragha in der iranischen Provinz Ost-Aserbaidschan wurde durch den Islam zerstört. Sylvain Gouguenheim beschreibt im vierten Kapitel den komplexen Mittelmeerraum und würdigt die Rolle von Byzanz und Syrien. Detailliert differenziert er zwischen Leistungen der damaligen jüdischen und koptischen Eliten im muslimischen Einflussbereich und der von genuine Muslimen. Er spricht sich natürlicherweise dagegen aus, die damalige arabische und persische Kultur als auch die christliche und jüdische als alleiniges muslimisches Erbe einvernehmen zu lassen. Das Buch belegt den Umstand der Immigration von verfolgten jüdischen und christlichen Eliten in den Europäischen Einflussbereich, welche das hellenische Wissen manchmal direkt auf der Flucht mitbrachten.
Sehr gut beschreibt er die unterschiedlichen Wertesysteme und die dadurch bedingte Durchlässigkeit. Sylvain Gouguenheim differenziert sehr genau zwischen unbestrittenen Verdiensten der arabischen und persischen Wissenschaft. Einleuchtend ist, wie er die Probleme zwischen dem rationalen Pradigma, der Grundlagenforschung und dem eher weltanschaulich fixiertem Islam darstellt, wo Rechtsätze dominierten und Wissenserwerb letztlich nur der Erkenntnis Gottes dient. Prägnant für mich (nicht im Buch) in der Geschichte des altes Observatorium von Peking in der das Wissen der Jesuiten im Wettstreit um den genauesten Kalendar den Kaiser überzeugte.

Nicht nur in Frankreich hat das Buch des Mediävisten Sylvain Gouguenheim eine heftige Kontroverse ausgelöst. In der deutschen Übersetzung musste sogar eine recht dünne und generische Gegendarstellung im Anhang von einem deutschen Professor und einem deutschen wissenschaftlichen Mitarbeiter angefügt werden. Diese machten sich augenscheinlich, wie manche Presserezensenten, nicht die Mühe, sich mit dem Buch argumentativ auseinandersetzen. Sie bezogen sich auf einen akademischen Protest meist durch Fachfremde und obskure Tagungsbände, um dem Buch dann recht holzschnittartig unlautere Motive vorzuwerfen.

Das Buch hat sicher einen begrenzten Leserkreis. Als ein in Wissenschaft und Wissenschaftsgeschichte interessierter Laie meine ich, Sylvain Gouguenheim rekonstruiert schlüssig ein dekonstruiertes schiefes ethnisch zentriertes Geschichtsbild. Die Beschreibung der Wissenstransfers deckt sich, immer anekdotisch, gut mit meinem Einblick in die Transmission im Bereich von Astronomie und Astrologie zwischen Europa, dem Orient und Asien. Das Buch gab mir weitere wertvolle Hinweise und Verbindungen, ist flüssig geschrieben und gut übersetzt. Das Buch bietet fundierte Quellenangaben. Es erzählt eine spannende, reich belegte, Geschichte, die sich nicht ganz so aber sicher so ähnlich zugetragen hat und mich beim Lesen an eine Begebenheit in Zürich erinnerte. Bei einer Führung in einer Synagoge fragte ich den jungen Juden, warum Bildung und Wissen für sein Volk so wichtig sind. Er antwortete: Wir wurden in all diesen Jahrhunderten verfolgt, Wissen konnten wir aber immer über alle Grenzen mitnehmen.

Sylvain Gouguenheim ist Professor für mittelalterliche Geschichte an der École Normale Supérieure (Lettres et sciences humaines) in Lyon.


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